Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Jeden. Verdammten. Tag.

Mein Alltag ist ein einziges Hamsterrad. Ich komm zu nix, weil ich immer dasselbe tue.

Immer. Immer. Immer.

Am Schlimmsten ist es während der Schulzeit.

6.30 Uhr aufstehen, 6.45 Uhr frühstücken. 7 Uhr ums Bad streiten, 7.20 Uhr Kinder aus dem Haus. Küche aufräumen. Fürs Mittagessen decken weil die Tochter mittags alleine ist. Arbeiten.

Zwischen 16 / 17 Uhr nach Hause kommen. Einkaufen, Haushalt, Wäsche, Hausaufgaben.

18.45 Uhr Abendessen, 19.20 Uhr Kinder gucken Kika, ich räum die Küche auf. Ich setz mich später zu den Kindern. 20 Uhr bettfertig machen, Ranzen einräumen, Sachen vergessen, um’s Bad streiten, Mathetest unterschreiben, Klamotten suchen, scheiße die Sportschuhe sind weg!

Die Kinder lesen, ich decke den Frühstückstisch. Mache den Rest vom Haushalt. 20.45 Uhr letzte Runde, quatschen, schmusen, Licht aus.

21.30 Uhr, nix mehr übrig vom Tag, nix mehr übrig von mir, mein Hirn ist leer. Von einer Versicherung ist ein Brief gekommen, den ich lesen, verstehen und auf den ich reagieren muss. Ich bin todmüde. Emails lesen, oha: eine Mahnung. Ein bisschen im Internet rumgurken, lesen, kommentieren. Es reicht nicht mal zum selber schreiben. Oder ein Buch zu lesen. Keine Luft mehr, sich Gedanken zu machen, die Gedanken einfach fließen zu lassen. Kein Nerv, einer zusammenhängenden Geschichte zu folgen. Den Kopf voller Gedanken und keine Kapazitäten, die Gedanken zu sortieren.

22 Uhr, noch die Wäsche in den Trockner und Backmischung in die Brotbackmaschine. Jeden Abend übrigens. Jeden Abend Wäsche. Jeden Abend ein Brot backen. Vesperdosen aus den Ranzen holen, Spülmaschine anstellen.

Nicht schlafen können, der Film läuft weiter.

6.30 Uhr aufstehen. Alles von vorne.

Einzige Variation: ich habe noch weniger Zeit. Also Elternabend. Vorstandssitzung. Termin. Infoabend Gymnasium. Irgendwas ist immer. 1-2x pro Woche. Dann bin ich ca. 22 Uhr zu Hause. Oder ich hab ne Veranstaltung und gehe nochmal los zur Arbeit, dann kommt der Babysitter um 18 Uhr und ich komme gegen 23 / 24 Uhr nach Hause. 1-2x pro Woche. Decke dann eben erst um 24 Uhr den Frühstückstisch, backe das Brot, mache die Wäsche, stehe um 6.30 Uhr auf. Jeden Abend, den ich unterwegs bin, bleibt was vom Haushalt liegen. Wenns zwei Tage in Folge sind, ist schon die Küche nicht mehr nutzbar, das Bad nicht mehr betretbar, der Wäsche-Kreislauf aus dreckig – sauber – nass – trocken durchbrochen und das Chaos bricht aus. Kann hier bitte mal jemand staubsaugen?

Am Wochenende wird alles aufgeräumt, was liegen geblieben ist. Mehr aber auch nicht. In den Ecken sammeln sich Sachen, die niemand mehr braucht, von denen ich einfach nicht weiß wohin. Kann hier bitte mal jemand ausmisten?

Ich bin so kaputt von der Woche, dass ich das Wochenende brauche, um wenigstens mal auszuschlafen. Dann kriegen die Kinder Besuch oder gehen Freunde besuchen, wir machen einen Ausflug, gehen ins Kino oder Besuchskinder übernachten hier. Es sieht so unbeschwert aus und es macht auch Spaß. Aber eigentlich müsste ich 1000 andere Dinge tun (Putzen? Steuererklärung? Klamotten ausmisten?) Aber eigentlich würde ich auch gern ein Buch lesen oder schreiben. Mir mal Gedanken machen. Ein Beet bepflanzen. Oder einfach mal LANGEWEILE haben, ha!

Wenn es mal eine willkommene Abwechslung gibt, sind wir alle zu kaputt dafür. Mein Cousin hat seinen 40. gefeiert, mit einer fetten Familienparty, nachmittags samt aller Kinder. In 400km Entfernung. Die Kinder wollten nicht weg und ich hab gewusst, dass wir das nicht packen. Samstag hin, Sonntag zurück, Montag wieder 6.30 Uhr aufstehen. Der Sohn eh erkältet, der wär zusammen geklappt. Also Party abgesagt, Familie nicht getroffen, Herzeleid bei mir und Sehnsucht nach Kontakten.

Ich würd echt gerne mal mit Menschen die ich mag, feiern, tanzen, quatschen. Unbeschwert. Endlos. Ohne die Gedanken an die Müdigkeit am nächsten Tag, in der nächsten Woche. Abgesehen davon: wegfahren heißt, Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. So wie eh jedes 2. Wochenende, wenn die Kinder beim Papa sind: Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. Dieses Tasche-packen-Wäsche-sortieren macht mich wahnsinnig. In unserem Flur stehen IMMER irgendwelche Taschen. Sporttaschen. Wochenend-Taschen. Übernachtungstaschen. Vergessene Taschen. Taschen.

So wie ich immer abends noch ein Brot backen, die Wäsche machen und den Tisch decken muss.

Jaja, binde die Kinder mit ein, sie sind doch groß genug. Nichts leichter als das! Der Sohn, der mit seinen 10 Jahren jeden Tag von 7.20 – 17 Uhr aus dem Haus ist, hat voll Bock, statt Lego zu spielen die Wäsche zu sortieren, die Küche aufzuräumen und das Bad zu putzen. Die Tochter, die mit ihren 12 Jahren jeden 2. Tag alleine Mittagessen kocht, isst, Hausaufgaben macht, hat voll Bock, danach noch zu staubsaugen, den Müll rauszubringen und einkaufen zu gehen. Statt mit ihren Freundinnen zu telefonieren oder mit der Mama zu quatschen. „Mama komm, wir trinken zusammen Tee“. Natürlich nehme ich mir dann Zeit für die Tochter, die eh so viel alleine ist, und fege nicht mit dem Staubsauger jedes Gespräch zur Seite. Der Haushalt wird auf eine Minimum reduziert, oft holen wir uns die saubere Wäsche einfach aus dem Wäschekorb, was soll der Umweg über den Kleiderschrank? Feucht wischen braucht kein Mensch, die Fenster hab ich seit dem Einzug vor 2,5 Jahren noch nie geputzt, gebügelt wird hier nie.

Natürlich helfen die Kinder mit. Sie räumen die Wäsche ein und bringen den Müll raus. Sie kümmern sich um die Haustiere und decken den Tisch. Aber hey: 90% bleiben bei mir hängen, die anderen 10% „Mithilfe der Kinder“ klappen entweder oder ich muss sie mir erdiskutieren. Meistens diskutieren. Das macht keinem Spaß, weder mir noch den Kindern.

Immer wieder Grundsatzdiskussionen. Wie vermeiden wir den täglichen Streit ums Bad? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie teilen wir uns unseren gemeinsamen Haushalt gerechter untereinander auf? Denn: erziehen muss ich die Kinder ja auch noch. Ihnen was beibringen, Grenzen setzen, Grenzen verschieben. Sie motivieren, trösten, zuhören. Ganz viel zuhören.

Und Medienzeiten kontrollieren. Das Bescheuertste überhaupt: diskutieren zu müssen wie lange man sich auf youtube anschaut, wie andere Menschen Battlefront spielen. Oder eine Challenge darin veranstalten, wie man Hosen anzieht ohne die Hände zu benutzen. Wenn die Kinder malen, lesen oder spielen, sage ich irgendwann „Essen ist fertig“ und sie trudeln ein. Wenn sie mit Medien beschäftigt sind, ist die Reaktion immer Wutschnauben, Genöle und genervtes Stöhnen. Muss das so? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits.

Ich versuche, die Waage zu halten aus Über- und Unterforderung der Kinder, aus Verständnis und dem Anspruch an ein Mindestmaß an Höflichkeit.

Jaja, natürlich gibt es hier ganz wunderbare Abende. Abende, an denen wir zusammen lachen, tanzen, schmusen und toben. Einen schönen Film zusammen sehen und noch lange drüber reden. Ein Spiel zusammen spielen oder einfach zusammen unseren verrückten Katzen zuschauen. Lange zusammen im Bett liegen und reden (Kinder) und zuhören (ich).

Aber danach muss ich halt immer noch den Frühstückstisch decken, ein Brot backen und die Wäsche machen.

Jeden. Verdammten. Abend.

Jeden. Verdammten. Tag.

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

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dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken

Wie schaffst Du das bloß?

Kirmes im Kopf

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Ich bin krank.

Ich habe nicht den Fuß verknickt oder Fieber, sondern in meinem Kopf sind Geräusche. Es fiept und piept und tutet, manchmal brummt und rauscht es. Kirmes im Kopf. Die Geräusche lassen mich nicht schlafen, ich bin unkonzentriert, vergesslich und gereizt. Das geht schon seit Wochen so, aber ich hatte ein, zwei oder auch drei fette Projekte auf der Arbeit, die ich unbedingt noch abwickeln wollte.

Ich arbeite nämlich gerne, ich liebe meinen Job. Ich habe ständig neue Ideen und habe einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und darf. Drum habe ich neben der Dringlichkeit, die Projekte durchzuziehen, natürlich auch lange genug die Kirmes in meinem Kopf ignoriert, weil ich dachte, dass das schon wieder weggeht, wenn ich nur mal ordentlich ausschlafe.

Nun haben meine Belastung und meine Erschöpfung leider einen Grad erreicht, wo es mit ein oder zweimal Ausschlafen nicht mehr getan ist. Das sieht meine Ärztin genauso und hat mich erst mal „aus dem Verkehr gezogen“, wie sie so schön sagt, und eine umfassende Therapie ausgeklügelt.

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und arbeite seit 5 Jahren Vollzeit (davor 50%), morgens mittags abends nachts und am Wochenende. Natürlich nicht durchgehend, ich habe auch mal frei und versuche relativ erfolglos, nicht mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In meinem Job kann man das leicht überschreiten, denn neben der eigentlichen Arbeit (Kulturveranstaltungen erfinden und umsetzen) könnte man ständig auf andere Veranstaltungen gehen, Netzwerke weiter pflegen, man könnte Bücher und Zeitschriften lesen, Sponsoren und Stiftungen akquirieren und überlegen, wie man die analoge Tontechnik im Club auf digitale umstellt. Es gibt IMMER was zu tun.

Wenn man zwei Kinder alleine großzieht, gibt es allerdings auch IMMER was zu tun. Dafür muss sich nicht einmal ein Kind den Fuß brechen, aber auch das hatten wir dieses Jahr schon. Die Große hat seit einem Jahr keinen Hort mehr, weil sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Statt bis 17 Uhr biologisch und pädagogisch wertvoll betreut zu sein, ist sie nun ab 14 Uhr allein zu Hause, wärmt sich vorbereitetes Mittagessen auf und macht, was 11jährige so machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich versuche, so oft es geht, früher nach Hause zu gehen, mit ihr zusammen zu essen und dann noch im home office zu arbeiten, während sie Hausaufgaben macht. Das erzeugt Druck in meinem Kopf, denn ab 14 Uhr läuft der Ticker „wie viel Arbeit lasse ich liegen vs. wie lange lasse ich mein Kind alleine zu Hause?“. Andererseits merke ich, wie wichtig es ist, dass ich da bin, denn sie hat massiven (vor-)pubertären Redebedarf.

„Mama, wie schön, dass Du jetzt immer da bist, dann können wir mittags quatschen!“ jubelt sie über meine Krankschreibung. Und so bin ich täglich von 7.30-14 Uhr krank, dann bin ich für meine Tochter da. Der Sohn bleibt nach wie vor bis 17 Uhr im Hort, denn er liebt es, dort mit seinen Jungs Lego zu bauen. Aber er genießt es ebenfalls, keine abgehetzte, sondern eine entspannte Mutter vorzufinden, und mit mir erst mal Tee zu trinken, Kekse zu essen und zu quatschen. Soviel Zeit hatte ich noch nie für meine Kinder, und es tut ihnen sichtlich gut. Aber ich bin ja nicht krank geschrieben, um mehr Zeit für meine Kinder zu haben, sondern um gesund zu werden und danach wieder zu arbeiten.

Wie kann ich das lösen? Klar, ich reduziere meine Arbeitszeit! Dann habe ich aber logischerweise weniger Geld zur Verfügung. Das könnte ich zum Teil auffangen, indem ich meine private Altersvorsorge zurück stelle. Die ich eigentlich abgeschlossen habe, weil durch meine Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigungen die Rente eh schon dürr ausfällt. Das bisschen Ehe in meinem Leben sichert mich auch nicht ab, denn der Gatte war sozialversicherungsfrei in der eigenen Firma beschäftigt und hat so wenige Rentenpunkte gesammelt, dass ich beim scheidungsbedingten Ausgleich fast noch Ansprüche hätte abgeben müssen. Obwohl er sehr viel mehr verdient hat als ich. Wenn ich also nun im Sinne meiner Gesundheit und meiner Kinder meinen Job reduziere, gibt das Minuspunkte auf 3 Ebenen: jetzt weniger auf dem Konto, ich sammel weniger staatliche Rentenpunkte und meine private Altersvorsorge fällt ebenfalls magerer aus. Na toll.

Das habe ich unserem großartigen Steuersystem zu verdanken, denn von meinem fleißig verdienten Geld bleiben mir netto ca. 40 Euro mehr als einem kinderlosen Single. So hoch ungefähr fällt der Entlastungsbeitrag aus, den der Staat in der Steuerklasse 2 für Alleinerziehende vorsieht. Wäre ich verheiratet, hätte ich eine günstigere Steuerklasse, egal ob ich Kinder habe oder nicht. Freundlicherweise wurde der Steuerfreibetrag für Kinder jüngst hochgesetzt, da kommen dann sicher nochmal ein paar Euro zusammen. Auch sonst hagelt es Vergünstigungen von allen Seiten: das Jugendamt erstattet mir 2€/Monat der Betreuungskosten für den Sohn, ich bekomme mit der Familiencard in Stuttgart 60€/Kind pro Jahr, um damit Eintritt in Schwimmbäder und den Zoo zu bezahlen und mit der Landesfamilienkarte komme ich sogar günstiger in den Märchengarten. Wow!

Das ist also das federweiche staatliche Netz, in das sich Alleinerziehende fallen lassen, wenn sie den Steuerzahler für ihr selbstgewähltes Lebensmodell löhnen lassen. Dieser Satz ist kein Zynismus, das ist exakt die Reaktion, die Alleinerziehenden in Kommentaren des sozialen Netzes entgegenschlägt, wenn sie ihre Missstände benennen.

Ich hab mich so gefreut, als ich von den Plänen unserer Familienministerin hört, ein Familiengeld für Eltern einzuführen, die vollzeitnah arbeiten! Dann hätte ich auf 35 Stunden reduziert und hätte einen Ausgleich dafür bekommen. Aber nein: das Familiengeld ist nur für Kinder bis 8 Jahren geplant. Warum das? Familie hört beileibe nicht auf, wenn die Kinder 8 sind. Aber eigentlich brauche ich keine Extra-Leistungen wie Familiengeld oder höheres Kindergeld, mir würde es völlig reichen, wenn der Staat nicht von vorneherein soviel von meinem Bruttoverdienst abziehen würde, dass ich hinterher auf staatliche Vergünstigungen angewiesen bin. Dieses System ist doch krank!

A propos krank: es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank werde. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde mir schwindelig und übel, ich lief von meinem Arzt zum anderen und war wochenlang krank geschrieben. Das einzige, was ohne Beschwerden ging, war stundenlang im Garten zu sitzen und die Kaninchen anzuschauen. Auch damals: Stress, Verspannungen, Erschöpfung. Lange Therapien und schließlich eine Kur. Keine zwei Jahre später klappe ich wieder zusammen.

Was das kostet! Was ich koste!

Das System ist doch krank: ich klappe vor lauter Belastung immer wieder zusammen, dabei würde ich die Krankenkasse nicht so viel Geld kosten, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste für das, was mir anschließend aufs Konto überwiesen wird.

Im Antrag für die nächste Kur findet sich die Frage, was ich persönlich für meine Gesundheit tue. Haha, was denn? Wann denn und wovon denn? Welche Hobbys ich früher hatte: Was sind denn Hobbys? Wie oft ich in der letzten Zeit Kontakt zu Freunden oder Angehörigen hatte? Ich sehe meine Kinder jeden Tag, das wars dann auch schon. Neulich traf ich eine Mutter aus der Kita, die mich fragte wie es mir geht. Als ich ehrlich geantwortet habe, kam eine ermunterndes „wird schon werden“. Schönen Dank auch. Kontakte helfen auch nicht immer.

Es ist verdammt anstrengend, alleine mit zwei Kindern und einem vollen Job. Und wenn ich vom Geld mal absehe, bleibt die Sorge und die Verantwortung, die mir keiner abnimmt und die ich mit niemandem teilen kann. Da kann und will ich den Staat auch gar nicht in die Verantwortung ziehen, aber es würde wahnsinnig helfen, wenn es mehr Unterstützung und Verständnis im Alltag gäbe!

Zum Beispiel: Als die Tochter sich den Fuß gebrochen hat, kam sie nicht mehr in die Schule und ich habe kein Auto. Weder Schulamt noch Krankenkasse springen hier ein. Ja, ich habe alle Eltern gefragt und ja: ich habe viel Hilfe bekommen, für die ich sehr dankbar bin! Im Detail sah das so aus, dass ich 6 Wochen lang täglich 1-3 Telefonate hatte, wer das Kind bringt und wer es abholt. Und dann wieder rückgängig machen, weil sie manchmal solche Schmerzen hat, dass sie gar nicht ging. Natürlich lässt sich das organisieren, aber es hat mich den letzten Nerv gekostet! Der in derselben Stadt wohnende motorisierte Vater hat übrigens keinen einzigen Fahrdienst übernommen, zu schade. Fahrdienste der Wohlfahrtsverbände gibt es nur für chronisch kranke Kinder. Keine Ausnahme, auch nicht für Alleinerziehende, nix. Direkt vor meiner Tür fährt übrigens ein Fahrdienst ab, der hätte das Kind glatt mitnehmen können…

Die von Christine Finke schon viel beschworene Haushaltshilfe: 2x/Woche für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt würde massiv entlasten und wäre genauso teuer wie eine 3wöchige MutterKindKur. Da wäre das Geld wesentlich sinnvoller angelegt für die Krankenkasse.

Schließlich bleibt noch mein „Luxusproblem Lebensqualität“: ich gehe ja nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir sogar Spaß macht. Und ich habe nicht nur Kinder, um sie möglichst effizient und störungsfrei durch die Kinderjahre zu schaukeln, sondern wir wollen als Familie auch eine schöne Zeit miteinander haben. Ja, ich habe sogar noch Ansprüche an mein Leben, ich will es nicht einfach bloß schaffen.

Sprich: ich würde mich gerne mal beruflich weiter entwickeln. Keine 3tägige Weiterbildung, sondern eine längere Fortbildung, vielleicht sogar ein berufsbegleitendes Aufbaustudium, das mir zukünftig neue Perspektiven eröffnet. Ich habe aber weder Zeit noch Geld für eine längere Fortbildung. Vier bis sechs Wochenenden pro Jahr plus eine ganze Woche nicht zu Hause? Undenkbar! Also bleibt es beruflich beim Status Quo. Weiterentwicklung oder gar Karriere ist nicht vorgesehen.

Und die Kinder: ich hätte sehr gerne sehr viel mehr Zeit für die Kinder! Wir würden gerne zusammen öfter Siedler spielen und Herr der Ringe hören, Ausflüge machen und im Garten wurschteln, zusammen Tee trinken, uns was erzählen oder gar zusammen den Keller ausmisten. Egal, aber Hauptsache zusammen. Statt dessen sind wir von 7-17 Uhr aus dem Haus, treffen erst spätnachmittags alle aufeinander, dann müssen noch der Haushalt und Hausaufgaben gemacht werden, ich bin total erledigt vom Job und vom auf-dem-Heimweg-Einkauf, die Wäsche ist noch im Keller und der Sohn mault, dass wir immer noch nicht sein Star-Wars-Risiko-Spiel ausgepackt haben. Ich bin froh, wenn wir hier den Status Quo aufrecht erhalten: es gibt was zu essen im Kühlschrank, wir haben saubere Klamotten an, ich habe alle Zettel aus der Schule unterschrieben und das Klo ist geputzt. Mehr ist nicht drin. Die Fenster kann ich ja putzen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich halte den Status Quo in einem Hamsterrad aus Alltag, Job und Kindern, und das macht mich auf Dauer krank. Durchhalteparolen wie „wird schon werden“ brauche ich ebenso wenig wie gutgemeinte Ratschläge á la „Du musst Dir Ruheinseln schaffen“. (Das ist ungefähr so beknackt wie „Schlafen Sie, wenn Ihr Baby schläft“. Nur Eltern verstehen den Witz). Es ist nicht das eine Projekt im Job oder der gebrochene Fuß vom Kind, es sind nicht die xten Läuse und die teure Klassenfahrt. Es sind die sechs Jahre, die ich das alles bereits alleine mache, das zehrt mich langsam aber sicher aus. Da sammelt sich eine Erschöpfung und Müdigkeit an, die man an keinem Wochenende mehr wegpennen kann.

Also werde ich werde erst mal versuchen, wirklich ganz gesund zu werden, bis die Kirmes im Kopf Ruhe gibt, denn auf der Arbeit bin ich ersetzbar, für meine Kinder nicht. Und dann tue ich das, was eigentlich nicht geht, um der erneuten bodenlosen Erschöpfung entgegen zu treten: ich werde meine Arbeitszeit reduzieren. Um das zu finanzieren, werde ich meine Altersvorsorge zurück stellen und im Alltag (noch mehr) sparen wo es nur geht. Das Loch in der Rente fange ich einfach dadurch auf, dass ich irgendwann wieder auf 100% gehe, ein Aufbaustudium mache und einen neuen, hochbezahlten Job finde, der das alles ausgleicht.

Nix leichter als das, oder?

Kirmes im Kopf

Meine sonnige Seele

„Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit…“ (mein Poesiealbum)
„Mit ihrem sonnigen Wesen ist sie bei allen beliebt“ (Zeugnis der 1. Klasse)
„Du hast eine sonnige Seele“ (Freund zu mir, 30 Jahre)
„Wie schön, dass Du mit Deiner guten Laune alle hier ansteckst“ (Kollegin zu mir, 45 Jahre)
Ich habe fast immer ziemlich gute Laune. Ich bin stellenweise so gut drauf, dass es meinen Kindern peinlich ist: ich mache Quatsch, ziehe Grimassen, weiß zu jeder Situation ein Lied und schmettere das gerne raus. Mit einem Scherz habe ich schon ziemlich viele Zankereien in meiner kleinen Familie entschärft, meine Kinder haben dementsprechend deutlich früher, als es „altersgerecht“ angemessen wäre, Humor, Ironie und die umwerfende Fähigkeit, über sich selber lachen zu können, entwickelt.

„Wie Du das alles packst, irre“ (andere Mütter)
„Du hast ja nie eskaliert, da dachte ich es wäre nicht so schlimm“ (Exmann)
„Du steckst das alles so locker weg“ (viele, immer wieder)

Ich stecke einiges weg und bin extrem belastbar. Ich ziehe mich immer wieder an den Haaren aus der Scheiße und lasse mir selten die Laune verderben. Wenns doof läuft, werde ich kurz mal heftig wütend und lasse ordentlich Dampf ab, aber meinen Alltag und meine Laune beeinträchtigt das nicht weiter. Ich bin nicht der Typ, der griesgrämig durch den Tag geht. Im Gegenteil, meist summe und pfeife ich vor mich hin und hab einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das liegt mir als Rheinländerin wohl auch im Blut.

Mein sonniges Wesen hat mir mehr als einmal Kopf und Kragen gerettet. Aber manchmal kostet es mich auch Kopf und Kragen. Denn mir glaubt kein Mensch, dass es mir mal nicht gut geht und dass ich Unterstützung brauche. Geschweige denn, dass ich einsam sein könnte. Auch mein Exmann hat mir nicht geglaubt, dass es mir nicht gut geht. Ich habe zwar unsere Probleme immer wieder benannt, aber ich habe deshalb nicht traurig in der Ecke gesessen, sondern den Alltag mit den Kindern trotzdem fröhlich weiter gewuppt. Warum sollte ich die Kinder mit runterziehen oder mich selbst? Missstände kann ich benennen, ohne deshalb mit übler Laune durch den Tag zu schleichen. Und so dachte er: sie lacht ja noch, dann kann es nicht so schlimm sein. War es aber. Die Ehe war kaputt und ich habe gelitten wie ein Hund, man hat es mir nur nicht angesehen. Die Kinder waren 3 und 4 Jahre alt und ich habe mich in der Verantwortung gesehen, meine Misere nicht auf sie auf übertragen.

Ich habe also offenbar Schwierigkeiten damit, glaubhaft zu machen, dass es mir mal nicht so gut geht. Dass ich Hilfe brauche. Die ersten beiden Jahre nach der Trennung hat mich kein (!) Mensch mal auf eine Glas Wein eingeladen und mich gefragt, wie es mir geht. Und ich kenne echt viele Menschen. Hab das alles wohl zu gut hingekriegt. Jahre später will ein Filmemacher eine Doku über Alleinerziehende drehen, er sieht sich dazu vorab das Porträt über mich an und sag dann, ich käme für ihn nicht in Frage: ich käme zu gut rüber. Wow! Augenscheinlich habe ich einen bombastischen Freundeskreis, ein unendliches Netzwerk und schätzungsweise einzweidrei Verehrer. Dazu gute Laune und Energie ohne Ende.

Alles Mumpitz!

Weil mir mein sonniges Wesen also manchmal tatsächlich im Weg steht, habe ich angefangen, so authentisch wie möglich zu benennen, wie es mir wirklich geht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich „ganz gut, aber ich bin heute sehr müde“. Das ist morgens um 8 auf dem Bürgersteig mit der Nachbarin vielleicht auch das maximale an Authentizität, was man bringen kann. Wir wollen ja beide weiter und haben nicht viel Zeit. Aber wenn ich Texte schreibe, dann schreibe ich auf, wie ich es fühle. Ich beschreibe meinen Alltag, meine Müdigkeit und meine Erschöpfung, und darin bin ich dann offenbar so authentisch, dass mir Depressionen attestiert, zu ärztlicher Hilfe geraten und mir der Verlust jeglicher Lebensfreude unterstellt werden. Oha!

Was ist da los, frage ich mich? Wann bin ich denn ich? In meinen Texten, die offenbar große Sorge um mich auslösen? Was mich rührt, aber auch schwer ins Nachdenken bringt. Oder in meinem Alltag, mit der guten Laune und dem fröhlichen Abarbeiten auch extremster Belastung?

Ich kann Alexandra Widmer nur zustimmen, die sagt, daß es unsere innere Einstellung ist, die unsere Zufriedenheit und unser Glück beeinflussen. Bei mir trifft das jedenfalls zu: mit meiner Fröhlichkeit ziehe ich mich selber aus dem Schlamassel, sie macht mich selber glücklicher und auch leistungsfähiger, in jeglicher Hinsicht. Und das brauche ich, denn meine Leben ist echt sackanstrengend! Ich schütte mir jeden Tag selber kiloweise Endorphine in die Suppe, damit ich mein Pensum überhaupt schaffe.

Was mich aber nicht daran hindert, die Misere zu benennen: Alleinerziehende werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt, politisch, gesellschaftlich, strukturell. Das will ich ändern, ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, denn ich bin ja nun echt nicht die einzige, die darunter zu leiden hat. Das hat nichts mit Jammern, Selbstmitleid und Wehklagen zu tun. Ich erlebe aber, dass man das nicht hören will. Die Paare, die ich kenne, wechseln das Thema, hören aktiv weg oder fragen einfach nicht weiter nach, wenn sie von meinen Problemen oder aber von meinem politischen Engagement hören. So wird aus der eigentlich fröhlichen Frau auf einmal die Meckerziege, bloß weil ich ausspreche, dass hier einiges ungerecht ist und auf dem Rücken Alleinerziehender ausgetragen wird. Konkret sieht das dann so aus, dass die Anwesenden des Elternabends schon die Augen verdrehen, weil ich bei der Erhöhung der Kita-Gebühren frage, ob es eigentlich eine Ermäßigung für Alleinerziehende oder andere Leute mit weniger Kohle gibt? (nö, gabs natürlich nicht, erst nach meiner Intervention).

Dann bin ich halt die Meckerziege, aber ich bleibe bei meinen Themen. Schon um meiner Kinder Willen: ich lebe ihnen vor, dass sie die Zustände, in denen sie leben, niemals hinnehmen müssen. Sie können zufrieden damit leben, wenn sie für sie ok sind, aber sie können sie auch ändern, wenn es sie sie ungerecht finden: Engagement lohnt sich, (fast) immer!

Gleichzeitig braucht es natürlich die Weisheit, zu erkennen, was ich nicht ändern kann, damit ich es gelassen hinnehme, ohne zu verbittern. Das ist ein schmaler Grat und ein ewiges Lernen, und das müssen nicht nur meine Kinder, sondern auch ich immer wieder neu lernen. Denn das letzte, was ich will ist ja, mein sonniges Wesen zu verlieren und eine grimmige alte Frau zu werden. Und so norde ich mich immer wieder ein: zwischen der Erschöpfung und Einsamkeit meines Alltages, der Freude und Dankbarkeit über meine Kinder, der Entrüstung über gesellschaftliche Strukturen, der Empörung über Ungerechtigkeit und Stigmatisierung und dem großen Glück über mein Leben mit meiner Tochter und meinem Sohn.

Vielleicht habe ich von allem ein bisschen mehr, und das ist es, was es Außenstehenden schwer mit mir macht: ich bin oft ein bisschen fröhlicher, ein bisschen besser drauf und ein bisschen zäher als andere. Ich bin aber auch wütender, trauriger, erschöpfter, hartnäckiger und einsamer. Ein bisschen weniger von allem wäre vielleicht nicht so aufreibend für mich. Aber dann wäre ich nicht mehr ich. Meine Aufgabe vom Universum für mich lautet immer wieder, mich nicht von negativer Energie und dem Griesgram in mir überwältigen zu lassen, sondern mich auf meine positive Energie zu konzentrieren: auf meine sonnige Seele.

Mutterseelesonnig.

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Meine sonnige Seele

Konzentration aufs Wesentliche

Ich brauche mal jemanden, der einen ausbruchsicheren Auslauf für unseren Hasen baut. Der arme Anton hockt im Stall und kann sich kaum bewegen, aber aus dem Auslauf hätte er sich in 10 Minuten raus gebuddelt. Einfach ein 1 x 3 großes Stück Erde ausstechen, Maschendraht verlegen, mit den Wänden des Auslaufes verbinden und das Loch mit Erdreich wieder auffüllen.

Ich brauche mal jemanden, der die Kleiderschränke der Kinder aussortiert: kaputte Kleidung kann weg, zu kleine Sachen raus, waschen, trocknen, nett zusammenlegen und sortieren nach „auf ebay verticken“, „an Freunde verschenken“ und „für die Ewigkeit aufbewahren“

Ich brauche mal jemanden, der den Keller aufräumt. Da lagert ein Ehebett samt Lattenrosten, ein Hochbett (beides abmontiert), Katzenfutter für ½ Jahr, Koffer, Rucksäcke, Isomatten, Luftmatratzen, ein 4-Personen-Zelt, ein Puppenhaus, ein Schallplattenspieler, 2 Kisten mit heißgeliebtem Vinyl, Puppenhaus-Inventar, zu kleine Kinderschuhe, Regalbretter und was weiß ich. Da müssten Regale rein mit Kisten, die sinnvoll beschriftet sind. Zur Zeit kann man in den Raum nicht mal mehr rein.

Ich brauche mal jemanden, der das Altpapier wegbringt. Nicht das tägliche kleine, sondern die ganz großen Kisten vom Umzug vor 2 Jahren, da waren Regale, Kaninchenställe und ganze Betten drin. Dieses Altpapier passt nicht in die Tonne, ich hab’s im Wäschekeller „zwischen“ gelagert und nun müsste man es mit einem Auto wegbringen.

Ich brauche mal jemanden, der das Regal im Flur aufräumt und ausmistet. Beim Umzug vor 2 Jahren habe ich das Regal erst mal in den Flur gestellt und alles reingestopft, was gerade keinen Platz in der Wohnung hat. Ein einziges kleines Döschen in dem Regal wird benutzt: das schmeißen wir unsere Schlüssel rein. Der Rest sind 4 Regalbretter tote, vollgemülltepackte Fläche.

Ich brauche mal jemanden, der meinen Laptop durchcheckt. Da poppen ständig Viruswarnungen und Norton-Anzeigen auf. Ich habe komplett keine Ahnung davon und klicke einfach alles weg. Das wird wohl auf Dauer nicht gutgehen.

Ich brauche mal jemanden, der unsere Fernseh-/Internet-“Installation“ optimiert. Wir haben einen kleinen Röhrenfernseher ohne Fernbedinung mit DVBT-Antenne und Receiver. Irgendwo stand neulich, dass „das“ abgeschafft wird. Wir hätten gerne einen schönen großen Fernseher, aber welchen? Wenn wir einen Film auf dem Laptop gucken wollen, bleibt das Bild alle 4 Sekunden stehen: warum nur? Internet-Leitung zu dürr? Laptop kacke? Und kann man nicht auch im Fernseher Filme aus dem Internet abspielen? Wie kommen die da rein?

Ich brauche mal jemanden, der unseren Router so einstellt, dass die Tochter 60 Minuten/Tag WLAN hat. Ich kann da nur die Uhrzeiten einstellen, hätte aber gerne, dass das Kind sich seine 60 Minuten frei einteilen kann.

Ich brauche mal jemanden, der den Kindern an meinem Laptop kindersichere Benutzer einrichtet, damit sie selber ins Internet gehen können, ohne meinen facebook-Account zu bestücken, Pornos anzugucken oder Lego zu bestellen.

Ich brauche mal jemanden, der Spielzeug und Kinderbücher aussortiert, aus denen meine Kinder raus gewachsen sind. Die Kinder selber wollen sich von nichts trennen, aber 50% des Inventars in ihren Zimmern ist unbenutzte Materie.

Ich brauche mal jemanden, der die Fotos vom ersten Lebensjahr meiner Kinder ausdruckt und liebevoll in die Alben klebt, die ich vor 5 Jahren gekauft habe (die ersten 3 Wochen von Kind 1 sind schon fertig!).

Ich brauche mal jemanden, der mein Blog optimiert. Der steht einfach so im 0€-Tarif im Internet rum, ich hab gelesen dass man den Blog auch auf einen eigenen Server ziehen, Suchmaschinen-optimieren und wahrscheinlich noch andere dolle Dinge mit machen kann.

Ich brauche mal jemanden, der den Bastel- und Maltisch der Kinder sortiert und entmüllt. Allein der Sohn sitzt dort stundenlang und malt mit Bleistift auf weiße Blätter, die Tochter verzieht sich lieber ins eigene Zimmer oder an den Esstisch. Die ganzen Farben, Kneten, Klorollen, Fimopackungen, Brennstäbe, Laubsägekästen, Leinwände und anderes Gedöns werden nicht benutzt, weil die Kinder sie wahrscheinlich nicht finden.

Ich brauche mal jemanden, der für mich Weihnachten organisiert.

Ich brauche mal jemanden, der für mich einen Termin bei meiner Ärztin macht, denn ich habe Geräusche in meinem Kopf, die nachts immer lauter werden.

Ich habe für all das keine Zeit, denn ich bin zu 120% mit meinem Alltag ausgelastet: ich kaufe ein, koche putze wasche, kümmere mich um Versicherungen, Schulwechsel, Elternabende, Steuererklärungen, Zahnarzttermine der Kinder, Ferienbetreuung, Herbstspaziergänge, Laternenlauf, Schwimmbadbesuche, spiele mit den Kindern Siedler, quatsche stundenlang mit der Tochter, gucke Superhelden-Filme mit dem Sohn, backe Waffeln, habe kein Auto, arbeite Vollzeit und ich bin die einzige Erwachsene in diesem Haushalt.

Für alles andere als den Alltag habe ich keine Zeit, auch nicht am kinderfreien Wochenende, denn ich muss mich entspannen und die Mondscheinsonate üben, weil meine Kinder die so gerne hören.

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Konzentration aufs Wesentliche

Wochenende 15./16.10.2016 #WiB

Ein knallvolles Wochenende mit Schulfeier, alten Hasen, Lasagne, Wald, Sonne und Arbeit.

Samstag

6 Uhr: aufstehen, die Tochter hat Schulsamstag an der Waldorfschule. Gibt es 2x im Jahr, heute: die Herbstfeier. Die Tochter ist sehr aufgeregt, aber nicht weil sie gleich auf der Bühne steht, sondern weil sie einen alten Hasen aus dem Schulgarten mit zu uns nach Hause nehmen darf, wo er sein Gnadenbrot bekommt. Ich frühstücke mit ihr und um 7 Uhr marschiert sie los, 20 Minuten zu früh zum Bus, mit Schultasche und Katzenkorb – ein schönes Bild!

7 Uhr: der Sohn schläft noch, der war von Mittwoch bis Freitag auf Klassenfahrt und hat einiges an Schlaf nachzuholen. Zeit für mich, ein bißchen home office zu machen.

9 Uhr: ich frühstücke mit dem Sohn und wir erwischen einen E-Roller. Ich habe mich bei den Stadtwerken für E-Roller-Sharing angemeldet und es macht mir und den Kindern einen riesigen Spaß, mit dem Teil die Stuttgarter Hügel hoch- und runter zu sausen. Die Waldorfschule liegt oben am Wald, der Bus fährt Samstags nicht, also flitzen Sohn und ich auf dem Roller hin. Als ich die Miete beenden will, geht das aber nicht, weil die Schule außerhalb des Geschäftsgebietes liegt. Sehr ärgerlich, denn offiziell ist das eindeutig Stadtgebiet. Die Miete läuft also weiter, was zwar nichts kostet weil ich 100 Freiminuten habe, aber die wollte ich ja verfahren und nicht beim Parken verballern. Aber erstmal ist die Bühnenfeier wichtiger.

10 Uhr: Monatsfeier der Waldorfschule. Verschiedene Klassen singen, tanzen, musizieren, spielen Theater. Mehrstimmig, mehrsprachig, wie immer sehr anspruchsvoll, wahrlich keine Kinderlieder, und die Kinder machen das ziemlich gut. Die Klasse meiner Tochter singt mit dem kompletten Saal „Bunt sind schon die Wälder“, wobei die Kinder die 2.-4. Stimme singen. Da geht mir das Herz auf und auch der Sohn ist sehr ergriffen,er hat sich zum Mitsingen extra auf den Stuhl gestellt und so schmettern wir unser liebstes Herbstlied.

11 Uhr: ich telefoniere mit der Hotline des E-Rollers, was denn nun zu tun sei: das Geschäftsgebiet ist echt eine Ecke weg und ich würde gerne beim Herbstbasar der Schule und bei meinen Kindern bleiben. Nach viel Hin und Her und einem nun auch noch klemmenden Schloss beendet schließlich die Mitarbeiterin die Miete und ich bin raus.

12 Uhr: der Herbstbasar der Schule läuft auf vollen Toure, der Sohn flitzt mit einem Freund übers Gelände und schlägt Nägel ein, wirft Dosen um und füttert die Ziegen im Schulgarten, ich mache Smalltalk mit Ex und seiner Freundin, die samt Baby gekommen sind. Die Tochter hat den Hasen bereits eingepackt und bringt ihn gemeinsam mit einer Freundin nach Hause, im 10-Minuen-Takt ruft sie mich an, weil es irgendwas zu Hause zu organiseren gibt (Trinkflasche? Erbsenflocken? WLAN?)

14 Uhr: der Sohn und ich machen uns auf den Heimweg, wir sind müde. Den E-Roller können wir nicht anmieten, obwohl er vor unserer Nase steht, weil der auf der App nicht auftaucht. Der Ex kann uns nicht mitnehmen, weil in sein Auto nur 2 Erwachsene, 1 Baby und ein Kinderwagen passen. Wir nehmen einen Bus samt 20 Minuten Fußweg. Zu Hause sind die Mädchen beim Hasen, der Sohn spielt Lego, mir ist schlecht. Wahrscheinlich von den Tabletten, die wir alle nehmen mußten, weil einer von uns Madenwürmer hat. Wer es ist, wissen wir nicht, weil das Labor die Proben verbuxelt hat, aber das ist auch egal: es müssen eh alle Familienmitglieder die Tabletten nehmen und ich wasche sämtliche Bettwäsche, Kuscheldecken, Stofftiere etc, da bin ich auch schön beschäftigt.

16 Uhr: die Mädchen backen Schoko-Muffins und belegen die Küche: Land unter, aber die Muffins schmecken köstlich

17 Uhr: ich räume die Küche auf, wundere mich, warum man 23 Schüsselchen und Eierbecher fürs Muffinbacken braucht („für die Prise Salz, Mama!“) und bereite die Lasagne vor.

19 Uhr: ich gucke mit dem Sohne Marvels Avangers, er liebt diese Superhelden über alles und ich lache mich kaputt, weil dieser Film unerwarteterweise ein irre Komik hat.

20 Uhr: meine (!) Freundin kommt zu Besuch, wir essen Lasagne, quatschen und haben einen wundervollen Abend. Der Sohn guckt irgendwann seinen Film weiter, die Tochter bleibt bei uns. Das ist sehr nett, aber es verhindert echte Gespräche zwischen der Freundin und mir. Als die Kinder schließlich im Bett sind, ist es 22.30 Uhr, ich bin stinkmüde und verabschiede die Freundin.

23 Uhr: Küche aufgeräumt, nochmal Wäsche in den Trockner und ab ins Bett.

Sonntag

9 Uhr: alles liegt noch im Tiefschlaf, nur die Tochter ist schon angezogen und verschwindet zum Hasen. „Wie kann man nur so lange schlafen?!“ empört sie sich. Sie, die sonst bis 12 Uhr pennt!

10 Uhr: wir frühstücken mit aufgebackenen Brötchen, quatschen, und weil wir vergessen haben das Radio anzumachen, singen die Kinder ihre Lieblings-Pop-Hits selber. Ich amüsiere mich sehr über meinen Frühstücks-Kinderchor!

11 Uhr: die Tochter macht Hausaufgaben, der Sohn duscht, ich sauge und wische mal schnell die komplette Wohnung

12 Uhr: die Sendung mit der Maus ist vorbei, die Sonne scheint wie verrückt, ich will in den Wald. Der Sohn will aber noch Lego spielen. Ich überrede ihn und schleife zwei maulende Kinder zur Bushaltestelle.

13 Uhr: im Wald, es ist traumhaft! Die Kinder sind sofort begeistert, denn wir sind an die Stelle gefahren, wo sie 3 Jahre lang mit ihrer Kindergartengruppe jeden Donnerstag hingefahren sind. Bei jedem Wetter waren sie im Wald, sie haben es geliebt und nun lieben sie diese Erinnerungen. „Hier sind wir immer runtergesprungen! Hier haben wir uns versteckt! Hier haben wir gevespert!“. Wir bewundern das Kunstwerk vom Baum und gehen am Bach lang zum Bärenschlössle.

15 Uhr: nach leckerem Kuchen verschwinden die Kinder im Moor und ich liege in der Sonne. Die Stadt muß leer sein, denn der Wald und besonders das Ausflugsschlösschen sind voller Menschen. Nach einer Stunde gehe ich die Kinder suchen, denn wir müssen zurück, ich muss ja noch arbeiten heute.

16 Uhr: wir fahren im Bus zurück, die Kinder steigen aus und gehen nach Hause. Sie werden nun 2,5 Stunden alleine sein, dann kommt die Babysitterin. Der Sohn will Lego spielen (endlich mal wieder!), die Tochter will duschen und einen Film schauen, ich hoffe es klappt alles. Ich fahre 2 Stationen weiter zur Arbeit.

19 Uhr: im Saal ist Aufbau und Soundcheck, ich habe derweil einen Förderantrag geschrieben. Heute abend wird von Studenten der Musikhochschule eine Hörspiel live aufgeführt, 13 Leute auf der Bühne und sehr viel Requisiten, ich bin echt gespannt.

22 Uhr: die Aufführung war toll, wir bauen noch die Stühle ab, machen die Theke zu und ich erwische den letzten Bus.

23 Uhr: die Kinder liegen friedlich schlafend im Bett, scheint ja alles geklappt zu haben. Ich kümmere mich um die letzte Ladung Wäsche, räume die Küche auf, decke den Frühstückstisch ud falle ins Bett. Morgen um 6.15 Uhr geht der Wecker.

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Noch mehr Wochenenden in Bildern gibt’s bei Susanne Mierau auf www.geborgen-wachsen.de

Wochenende 15./16.10.2016 #WiB