Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Allleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

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Ich muss gar nix

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Ich rotiere, ich dreh mich völlig im Kreis, ich hab meinen Mittelpunkt verloren. Ich muss mich dringend neu sortieren, ich muss mir mal Gedanken machen über mich und das, was für mich Sinn macht, was mich erdet, welche Prioritäten ich setze und warum. Dazu komme ich aber nicht, weil ich immer nur rotiere. Kinder, Arbeit, Haushalt, Kinder Arbeit, Haushalt. Nach den Sommerferien war es besonders heftig; der Sohn auf einer neuen Schule, die Tochter einen neuen Klassenlehrer. Alle Abläufe neu, alle Wege neu, kein Hort mehr, alle Termine neu. Gleichzeitig auf der Arbeit mal wieder ALLES.

Ich rotiere, mache immer weiter und dann natürlich PENG. Mir ist übel, ich bin sturzmüde, ich friere, ich zittere, ich hab diffuse Schmerzen, es geht nicht mehr. Meine liebste Hausärztin ist nicht da, also zum Ersatz:

Ich weiß natürlich längst, dass ich was für mich tun muss. Und zwar nicht Schwimmen oder Yoga (also eigentlich auch das), sondern ich muss mich besinnen. „Geh mal in Dich“ hat meine Mutter immer gesagt, und sie hatte recht. Das ist das wichtigste von allem. Buchstäblich neben der Spur eiere ich durch meinen Alltag, und wenn ich mal Zeit habe, weiß ich überhaupt nicht, was sich damit anfangen soll. Ich muss gottlob nie lange drüber nachdenken, irgendwas ist ja immer. Und wenns die Läuse sind.

Erstmal krank geschrieben, hole ich ein bisschen Luft und treffe am tatenlosen Vormittag auf dem Bürgersteig die Nachbarin. Die war hübsche Herbstsachen pflücken und bindet jetzt schöne Kränze. Sie arbeitet 1 Tag/Woche, ihre beiden Kinder sind ab 7 Uhr zur Schule und danach jeden Tag bis 17.30 Uhr in der Betreuung. Sie ist zu Hause und bindet heute mal Herbstkränze. Ich bin schier fassungslos vor Neid und Unverständnis und setze auch prompt einen Tweet dazu ab:

Auf meinen Neid bin ich nicht stolz, aber jetzt überkommt mich der Neid und ich bin geradezu trotzig: Ich hätte auch gerne Zeit für ein schönes Hobby! Ich hätte auch gerne kein Burn out! Und vielleicht hätte ich auch gerne kein schlechtes Gewissen, die Kinder betreuen zu lassen, während ich Herbstkränze binde, verdammt!

Ich wäre froh, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn ich jeden Tag vor den Kindern zu Hause wäre, ihnen ein gesundes Mittagessen kochen könnte und wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Aber ich arbeite nun mal jeden Tag, bin meistens erst 1-2 Stunden nach den Kindern zu Hause und komme auch nicht immer in mir ruhend von der Arbeit. Die Nachbarin könnte mit ihren Kindern entspannt den Nachmittag verbringen, aber sie nimmt es nicht wahr. Sie wird ihre Gründe haben, aber dafür fehlte mir in dem Moment die Empathie. Mich macht das fassungslos, denn ich wünsche mir nichts mehr, als mehr Zeit mit meinem Kindern zu haben.

Aber so ist das wohl, wenn’s einem schlecht geht, dann sieht man die Welt durch die eigene kaputte Brille und gönnt den Mitmenschen nicht mehr die Butter auf dem Brot. „Heitere Gelassenheit“ fand ich mal ein schönes Lebensmotto, inzwischen müsste ich das googeln. Spätestens meine Reaktion auf die kranzbindende Nachbarin hat mir gezeigt, dass ich mich dringend wieder einnorden muss, denn dieses ewige Rotieren macht mich krank und giftig.

Viel Platz ist in meinem Leben nicht für Neues, weglassen kann ich eigentlich auch nichts und es lässt sich an den Abläufen auch nix mehr optimieren (und nein: ich brauche wirklich keine Haushalts- und Organisationstips, danke!). Aber ich kann mir wieder angewöhnen, abends meine Gedanken aufzuschreiben. So wie ich die ersten 40 Jahre meines Lebens Tagebuch geschrieben habe und es mir immer geholfen hat, mich zu sortieren. Ich kann mir die Tasse Tee mit den Kindern am Nachmittag wieder angewöhnen, die Zeit, in der wir alle zu Hause sind und uns was erzählen*. Und so als Fernziel: vielleicht finde ich ja nächstes Jahr endlich mal die Zeit für die langersehnte Fortbildung, die mir den Horizont wieder öffnet. Aber Obacht: keine zu großen Ziele stecken! Am Ende hat ja doch wieder jemand die Läuse.

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Foto: maxmann @pixabay

* und, liebe Politik: wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn mir als Alleinerziehender etwas mehr Netto vom Brutto übrig bliebe, statt diese mickrige „Entlastung“ der Steuerklasse 2: das wäre ganz toll! Dann könnte ich den Stundenumfang etwas reduzieren, ohne knietief in den Dispo zu rutschen, wäre öfter vor meinen Kindern zu Hause und könnte ihnen was Gesundes kochen. Ach, das wär schön!

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

26 Stunden Paris

Geht’s noch? Nie Zeit, mit der Energie am Ende, auf dem Konto ausnahmsweise einen gaaaanz leichten Puffer, und was mach ich: fahre mit den Kindern für 2 Tage & 1 Nacht nach Paris.

Das mußte sein!

Der Sohn ist seit 3 Wochen auf einem bilingualen französischen Gymnasium (fragt nicht) und er ist das einzige Kind in der Klasse, das noch nie in Frankreich war. Das geht natürlich nicht! Fixe Recherche ergab: Herbstferien in Paris kann ich nicht bezahlen. Aber morgens hin, 1 Nacht mit airbnb und am nächsten Abend zurück, das geht. Mit Bahncard 25 und ein bisschen Glück fährt uns der Zug der großen Geschwindigkeit, wie wir den TGV liebevoll und wörtlich übersetzen, für knapp 100€ hin + her. Und dann ist man mitten drin in der schönen Stadt!

Um 15 Uhr in Paris am Bahnhof, um 16 Uhr Unterkunft gekapert, um 17 Uhr waren wir bei unseren Dame, der Notre Dame. Das ist faszinierend (fast so schön wie der Kölner Dom, denkt sich die Rheinländerin), aber was die Kinder total fasziniert hat, waren schwerst bewaffnete Grüppchen von Militärs, die gemütlich durch Paris schlendern. Hier 10, da 5, dort wieder welche. Das Maschinengewehr lässig im Arm verschönern sie das Stadtbild. Am Anfang dachte ich, wir wären in einen Staatsbesuch geraten, dann wurde klar: das ist hier Standard. Außerdem immer und überall Taschenkontrollen und Leibesvisitation. So normal wie Atmen, krass. Und es wirkt, jedenfalls auf uns schlichte Gemüter: wir waren irgendwann ergriffen von einem enormen Sicherheitsgefühl.

Und wenn doch was passiert? Als wir im Café saßen, bemerkte die Tochter, daß es ja genauso ein Café war, wo so viele Menschen beim Anschlag erschossen wurden. Genau da wo wir jetzt sitzen, also fast. „Aber wenn wir jetzt erschossen werden, dann haben wir wenigstens ein schönes Leben gehabt und noch im Café gesessen. Besser als wenn wir drinnen geblieben wären und uns versteckt hätten, gell?“. Schluck. Das, was Erwachsene einfach verdrängen, um unbeschwert weiter zu leben, sprechen die Kinder offen und drastisch aus. Aber sie haben recht, und so sind wir weiter in dem schönen Café sitzen geblieben und haben weiterhin ein sehr schönes Leben.

Natürlich haben wir den Eiffelturm angeschaut, gleich am ersten und einzigen Abend. Nur in die Spitze hoch hätten mich keine 10 Pferde gekriegt. Ich war vor 20 Jahren mal da oben und fand es toll, aber inzwischen bin ich Schwindelpatentin und habe altersgerechte Höhenangst. Und ich sehe immer nur meine Kinder da runter stürzen. Also sind wir „nur“ in den 2. Stock, der hat mir auch schon gereicht. Der Sohn wollte unbedingt hoch, die Tochter hat sich noch mehr als ich in die Hose gemacht, also haben wir noch an Ort und Stelle dem Vater eine whatsapp geschickt, was sein nächster Job ist: einmal Eiffelturm-Spitze für den Sohn, bittedanke! Grandios war natürlich, dass während unserer Zeit auf dem Turm die Lichter an gingen und es Nacht wurde in Paris: Dringende Empfehlung: Eiffelturm in der Dämmerung besuchen!

Im Anschluss ist der Sohn beim Croque Monsieur schier eingeschlafen, während die Tochter eine Elefantenportion von diesem unglaublich gesunden, mit Käse überbackenen Toast samt Pommes gegessen hat. „Mama die haben ein Date“ – „Das heißt hier Rendez-vous“: Während der Sohn auf meinem Schoß sanft in seine Träume glitt, habe ich ein herrliches Bier getrunken und mit der Tochter das verliebte Pärchen am Tisch nebenan beobachtet. Das war wirklich sehr französisch, der Abend in dieser Bar!

In der Unterkunft hat es angemessen nach Zigarettenqualm gestunken, die Kinder haben Brüstebilder und Raupengarderoben bewundert und ich hab mir ca. 23mal den Schädel im Hochbett gestoßen. Nach Notre Dame und Eiffelturm waren die Kinder am nächsten Morgen immer noch durch und wollten erstmal lesen, ich hingegen wollte Kaffee, also ab ins nächste Café zum petit dejeuner. Da hätten wir im Stile der großen Philosophen den ganzen Tag bleiben können, aber vor der Abfahrt um 18 Uhr wollte ich wenigstens noch zum Centre Pompidou. Dass auf dem Weg dorthin die örtliche Lego-Filiale lag, konnte ich ja nicht wissen….

Nur Stunden später sind wir die coolen Aussenrolltreppen hochgefahren, haben lustige Kunst angeschaut, Crepe mit Zitronen und Zucker gegessen, sind durch kleine Strassen gebummelt und schließlich an der Seine gelandet. Noch’n bissl übers Wasser kutschiert, einen Blick auf den Champs Élyseés geworfen und dann ab zum Gare de L’Est. Um 23 Uhr lagen alle in ihrem heimischen Betten und waren fix & fertig.

Was war das Schönste?

K2: „Der Eiffelturm!“

K1: „Lesen im Café!“

Ich: Das Bier am Abend (sorry)

Fazit: das ist schon toll, so ein 26-Stunden-Gig mit großen Kindern. Sie haben eifrig im Stadtführer gelesen, sich begeistern lassen, sich beeindrucken lassen. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen! Aber es war natürlich unfassbar teuer. Unser kleines Polster ist futsch, jetzt heißt es wieder sparen sparen sparen, wenn hier irgendjemand was zu Weihnachten haben will. Und es war für alle anstrengend: ständig Kompromisse im müden und hungrigen Zustand, dazu kalt und Regen. Ich will hierin, Du willst dorthin, ich will da nicht hoch, ich will hier runter. Einer rechts, einer links lang. Es war nicht einfach, die ganze Zeit ausgleichend auf beide Kinder einzuwirken, es gab auch Tränen. Dabei habe ich mir echt Mühe gegeben, kein straffes Programm durch zu ziehen, sondern zu bummeln, zu chillen und uns gemeinsam von den Ideen der Kinder leiten zu lassen, wo es nur geht. Wir haben es genossen, wir haben eine wunderbare Erinnerung geschaffen und am Ende sind wir drei uns alle gegenseitig dankbar, dass wir diese Tour gemacht haben!

26 Stunden Paris

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Jeden. Verdammten. Tag.

Mein Alltag ist ein einziges Hamsterrad. Ich komm zu nix, weil ich immer dasselbe tue.

Immer. Immer. Immer.

Am Schlimmsten ist es während der Schulzeit.

6.30 Uhr aufstehen, 6.45 Uhr frühstücken. 7 Uhr ums Bad streiten, 7.20 Uhr Kinder aus dem Haus. Küche aufräumen. Fürs Mittagessen decken weil die Tochter mittags alleine ist. Arbeiten.

Zwischen 16 / 17 Uhr nach Hause kommen. Einkaufen, Haushalt, Wäsche, Hausaufgaben.

18.45 Uhr Abendessen, 19.20 Uhr Kinder gucken Kika, ich räum die Küche auf. Ich setz mich später zu den Kindern. 20 Uhr bettfertig machen, Ranzen einräumen, Sachen vergessen, um’s Bad streiten, Mathetest unterschreiben, Klamotten suchen, scheiße die Sportschuhe sind weg!

Die Kinder lesen, ich decke den Frühstückstisch. Mache den Rest vom Haushalt. 20.45 Uhr letzte Runde, quatschen, schmusen, Licht aus.

21.30 Uhr, nix mehr übrig vom Tag, nix mehr übrig von mir, mein Hirn ist leer. Von einer Versicherung ist ein Brief gekommen, den ich lesen, verstehen und auf den ich reagieren muss. Ich bin todmüde. Emails lesen, oha: eine Mahnung. Ein bisschen im Internet rumgurken, lesen, kommentieren. Es reicht nicht mal zum selber schreiben. Oder ein Buch zu lesen. Keine Luft mehr, sich Gedanken zu machen, die Gedanken einfach fließen zu lassen. Kein Nerv, einer zusammenhängenden Geschichte zu folgen. Den Kopf voller Gedanken und keine Kapazitäten, die Gedanken zu sortieren.

22 Uhr, noch die Wäsche in den Trockner und Backmischung in die Brotbackmaschine. Jeden Abend übrigens. Jeden Abend Wäsche. Jeden Abend ein Brot backen. Vesperdosen aus den Ranzen holen, Spülmaschine anstellen.

Nicht schlafen können, der Film läuft weiter.

6.30 Uhr aufstehen. Alles von vorne.

Einzige Variation: ich habe noch weniger Zeit. Also Elternabend. Vorstandssitzung. Termin. Infoabend Gymnasium. Irgendwas ist immer. 1-2x pro Woche. Dann bin ich ca. 22 Uhr zu Hause. Oder ich hab ne Veranstaltung und gehe nochmal los zur Arbeit, dann kommt der Babysitter um 18 Uhr und ich komme gegen 23 / 24 Uhr nach Hause. 1-2x pro Woche. Decke dann eben erst um 24 Uhr den Frühstückstisch, backe das Brot, mache die Wäsche, stehe um 6.30 Uhr auf. Jeden Abend, den ich unterwegs bin, bleibt was vom Haushalt liegen. Wenns zwei Tage in Folge sind, ist schon die Küche nicht mehr nutzbar, das Bad nicht mehr betretbar, der Wäsche-Kreislauf aus dreckig – sauber – nass – trocken durchbrochen und das Chaos bricht aus. Kann hier bitte mal jemand staubsaugen?

Am Wochenende wird alles aufgeräumt, was liegen geblieben ist. Mehr aber auch nicht. In den Ecken sammeln sich Sachen, die niemand mehr braucht, von denen ich einfach nicht weiß wohin. Kann hier bitte mal jemand ausmisten?

Ich bin so kaputt von der Woche, dass ich das Wochenende brauche, um wenigstens mal auszuschlafen. Dann kriegen die Kinder Besuch oder gehen Freunde besuchen, wir machen einen Ausflug, gehen ins Kino oder Besuchskinder übernachten hier. Es sieht so unbeschwert aus und es macht auch Spaß. Aber eigentlich müsste ich 1000 andere Dinge tun (Putzen? Steuererklärung? Klamotten ausmisten?) Aber eigentlich würde ich auch gern ein Buch lesen oder schreiben. Mir mal Gedanken machen. Ein Beet bepflanzen. Oder einfach mal LANGEWEILE haben, ha!

Wenn es mal eine willkommene Abwechslung gibt, sind wir alle zu kaputt dafür. Mein Cousin hat seinen 40. gefeiert, mit einer fetten Familienparty, nachmittags samt aller Kinder. In 400km Entfernung. Die Kinder wollten nicht weg und ich hab gewusst, dass wir das nicht packen. Samstag hin, Sonntag zurück, Montag wieder 6.30 Uhr aufstehen. Der Sohn eh erkältet, der wär zusammen geklappt. Also Party abgesagt, Familie nicht getroffen, Herzeleid bei mir und Sehnsucht nach Kontakten.

Ich würd echt gerne mal mit Menschen die ich mag, feiern, tanzen, quatschen. Unbeschwert. Endlos. Ohne die Gedanken an die Müdigkeit am nächsten Tag, in der nächsten Woche. Abgesehen davon: wegfahren heißt, Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. So wie eh jedes 2. Wochenende, wenn die Kinder beim Papa sind: Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. Dieses Tasche-packen-Wäsche-sortieren macht mich wahnsinnig. In unserem Flur stehen IMMER irgendwelche Taschen. Sporttaschen. Wochenend-Taschen. Übernachtungstaschen. Vergessene Taschen. Taschen.

So wie ich immer abends noch ein Brot backen, die Wäsche machen und den Tisch decken muss.

Jaja, binde die Kinder mit ein, sie sind doch groß genug. Nichts leichter als das! Der Sohn, der mit seinen 10 Jahren jeden Tag von 7.20 – 17 Uhr aus dem Haus ist, hat voll Bock, statt Lego zu spielen die Wäsche zu sortieren, die Küche aufzuräumen und das Bad zu putzen. Die Tochter, die mit ihren 12 Jahren jeden 2. Tag alleine Mittagessen kocht, isst, Hausaufgaben macht, hat voll Bock, danach noch zu staubsaugen, den Müll rauszubringen und einkaufen zu gehen. Statt mit ihren Freundinnen zu telefonieren oder mit der Mama zu quatschen. „Mama komm, wir trinken zusammen Tee“. Natürlich nehme ich mir dann Zeit für die Tochter, die eh so viel alleine ist, und fege nicht mit dem Staubsauger jedes Gespräch zur Seite. Der Haushalt wird auf eine Minimum reduziert, oft holen wir uns die saubere Wäsche einfach aus dem Wäschekorb, was soll der Umweg über den Kleiderschrank? Feucht wischen braucht kein Mensch, die Fenster hab ich seit dem Einzug vor 2,5 Jahren noch nie geputzt, gebügelt wird hier nie.

Natürlich helfen die Kinder mit. Sie räumen die Wäsche ein und bringen den Müll raus. Sie kümmern sich um die Haustiere und decken den Tisch. Aber hey: 90% bleiben bei mir hängen, die anderen 10% „Mithilfe der Kinder“ klappen entweder oder ich muss sie mir erdiskutieren. Meistens diskutieren. Das macht keinem Spaß, weder mir noch den Kindern.

Immer wieder Grundsatzdiskussionen. Wie vermeiden wir den täglichen Streit ums Bad? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie teilen wir uns unseren gemeinsamen Haushalt gerechter untereinander auf? Denn: erziehen muss ich die Kinder ja auch noch. Ihnen was beibringen, Grenzen setzen, Grenzen verschieben. Sie motivieren, trösten, zuhören. Ganz viel zuhören.

Und Medienzeiten kontrollieren. Das Bescheuertste überhaupt: diskutieren zu müssen wie lange man sich auf youtube anschaut, wie andere Menschen Battlefront spielen. Oder eine Challenge darin veranstalten, wie man Hosen anzieht ohne die Hände zu benutzen. Wenn die Kinder malen, lesen oder spielen, sage ich irgendwann „Essen ist fertig“ und sie trudeln ein. Wenn sie mit Medien beschäftigt sind, ist die Reaktion immer Wutschnauben, Genöle und genervtes Stöhnen. Muss das so? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits.

Ich versuche, die Waage zu halten aus Über- und Unterforderung der Kinder, aus Verständnis und dem Anspruch an ein Mindestmaß an Höflichkeit.

Jaja, natürlich gibt es hier ganz wunderbare Abende. Abende, an denen wir zusammen lachen, tanzen, schmusen und toben. Einen schönen Film zusammen sehen und noch lange drüber reden. Ein Spiel zusammen spielen oder einfach zusammen unseren verrückten Katzen zuschauen. Lange zusammen im Bett liegen und reden (Kinder) und zuhören (ich).

Aber danach muss ich halt immer noch den Frühstückstisch decken, ein Brot backen und die Wäsche machen.

Jeden. Verdammten. Abend.

Jeden. Verdammten. Tag.

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

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dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken

Wie schaffst Du das bloß?

Kirmes im Kopf

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Ich bin krank.

Ich habe nicht den Fuß verknickt oder Fieber, sondern in meinem Kopf sind Geräusche. Es fiept und piept und tutet, manchmal brummt und rauscht es. Kirmes im Kopf. Die Geräusche lassen mich nicht schlafen, ich bin unkonzentriert, vergesslich und gereizt. Das geht schon seit Wochen so, aber ich hatte ein, zwei oder auch drei fette Projekte auf der Arbeit, die ich unbedingt noch abwickeln wollte.

Ich arbeite nämlich gerne, ich liebe meinen Job. Ich habe ständig neue Ideen und habe einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und darf. Drum habe ich neben der Dringlichkeit, die Projekte durchzuziehen, natürlich auch lange genug die Kirmes in meinem Kopf ignoriert, weil ich dachte, dass das schon wieder weggeht, wenn ich nur mal ordentlich ausschlafe.

Nun haben meine Belastung und meine Erschöpfung leider einen Grad erreicht, wo es mit ein oder zweimal Ausschlafen nicht mehr getan ist. Das sieht meine Ärztin genauso und hat mich erst mal „aus dem Verkehr gezogen“, wie sie so schön sagt, und eine umfassende Therapie ausgeklügelt.

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und arbeite seit 5 Jahren Vollzeit (davor 50%), morgens mittags abends nachts und am Wochenende. Natürlich nicht durchgehend, ich habe auch mal frei und versuche relativ erfolglos, nicht mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In meinem Job kann man das leicht überschreiten, denn neben der eigentlichen Arbeit (Kulturveranstaltungen erfinden und umsetzen) könnte man ständig auf andere Veranstaltungen gehen, Netzwerke weiter pflegen, man könnte Bücher und Zeitschriften lesen, Sponsoren und Stiftungen akquirieren und überlegen, wie man die analoge Tontechnik im Club auf digitale umstellt. Es gibt IMMER was zu tun.

Wenn man zwei Kinder alleine großzieht, gibt es allerdings auch IMMER was zu tun. Dafür muss sich nicht einmal ein Kind den Fuß brechen, aber auch das hatten wir dieses Jahr schon. Die Große hat seit einem Jahr keinen Hort mehr, weil sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Statt bis 17 Uhr biologisch und pädagogisch wertvoll betreut zu sein, ist sie nun ab 14 Uhr allein zu Hause, wärmt sich vorbereitetes Mittagessen auf und macht, was 11jährige so machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich versuche, so oft es geht, früher nach Hause zu gehen, mit ihr zusammen zu essen und dann noch im home office zu arbeiten, während sie Hausaufgaben macht. Das erzeugt Druck in meinem Kopf, denn ab 14 Uhr läuft der Ticker „wie viel Arbeit lasse ich liegen vs. wie lange lasse ich mein Kind alleine zu Hause?“. Andererseits merke ich, wie wichtig es ist, dass ich da bin, denn sie hat massiven (vor-)pubertären Redebedarf.

„Mama, wie schön, dass Du jetzt immer da bist, dann können wir mittags quatschen!“ jubelt sie über meine Krankschreibung. Und so bin ich täglich von 7.30-14 Uhr krank, dann bin ich für meine Tochter da. Der Sohn bleibt nach wie vor bis 17 Uhr im Hort, denn er liebt es, dort mit seinen Jungs Lego zu bauen. Aber er genießt es ebenfalls, keine abgehetzte, sondern eine entspannte Mutter vorzufinden, und mit mir erst mal Tee zu trinken, Kekse zu essen und zu quatschen. Soviel Zeit hatte ich noch nie für meine Kinder, und es tut ihnen sichtlich gut. Aber ich bin ja nicht krank geschrieben, um mehr Zeit für meine Kinder zu haben, sondern um gesund zu werden und danach wieder zu arbeiten.

Wie kann ich das lösen? Klar, ich reduziere meine Arbeitszeit! Dann habe ich aber logischerweise weniger Geld zur Verfügung. Das könnte ich zum Teil auffangen, indem ich meine private Altersvorsorge zurück stelle. Die ich eigentlich abgeschlossen habe, weil durch meine Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigungen die Rente eh schon dürr ausfällt. Das bisschen Ehe in meinem Leben sichert mich auch nicht ab, denn der Gatte war sozialversicherungsfrei in der eigenen Firma beschäftigt und hat so wenige Rentenpunkte gesammelt, dass ich beim scheidungsbedingten Ausgleich fast noch Ansprüche hätte abgeben müssen. Obwohl er sehr viel mehr verdient hat als ich. Wenn ich also nun im Sinne meiner Gesundheit und meiner Kinder meinen Job reduziere, gibt das Minuspunkte auf 3 Ebenen: jetzt weniger auf dem Konto, ich sammel weniger staatliche Rentenpunkte und meine private Altersvorsorge fällt ebenfalls magerer aus. Na toll.

Das habe ich unserem großartigen Steuersystem zu verdanken, denn von meinem fleißig verdienten Geld bleiben mir netto ca. 40 Euro mehr als einem kinderlosen Single. So hoch ungefähr fällt der Entlastungsbeitrag aus, den der Staat in der Steuerklasse 2 für Alleinerziehende vorsieht. Wäre ich verheiratet, hätte ich eine günstigere Steuerklasse, egal ob ich Kinder habe oder nicht. Freundlicherweise wurde der Steuerfreibetrag für Kinder jüngst hochgesetzt, da kommen dann sicher nochmal ein paar Euro zusammen. Auch sonst hagelt es Vergünstigungen von allen Seiten: das Jugendamt erstattet mir 2€/Monat der Betreuungskosten für den Sohn, ich bekomme mit der Familiencard in Stuttgart 60€/Kind pro Jahr, um damit Eintritt in Schwimmbäder und den Zoo zu bezahlen und mit der Landesfamilienkarte komme ich sogar günstiger in den Märchengarten. Wow!

Das ist also das federweiche staatliche Netz, in das sich Alleinerziehende fallen lassen, wenn sie den Steuerzahler für ihr selbstgewähltes Lebensmodell löhnen lassen. Dieser Satz ist kein Zynismus, das ist exakt die Reaktion, die Alleinerziehenden in Kommentaren des sozialen Netzes entgegenschlägt, wenn sie ihre Missstände benennen.

Ich hab mich so gefreut, als ich von den Plänen unserer Familienministerin hört, ein Familiengeld für Eltern einzuführen, die vollzeitnah arbeiten! Dann hätte ich auf 35 Stunden reduziert und hätte einen Ausgleich dafür bekommen. Aber nein: das Familiengeld ist nur für Kinder bis 8 Jahren geplant. Warum das? Familie hört beileibe nicht auf, wenn die Kinder 8 sind. Aber eigentlich brauche ich keine Extra-Leistungen wie Familiengeld oder höheres Kindergeld, mir würde es völlig reichen, wenn der Staat nicht von vorneherein soviel von meinem Bruttoverdienst abziehen würde, dass ich hinterher auf staatliche Vergünstigungen angewiesen bin. Dieses System ist doch krank!

A propos krank: es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank werde. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde mir schwindelig und übel, ich lief von meinem Arzt zum anderen und war wochenlang krank geschrieben. Das einzige, was ohne Beschwerden ging, war stundenlang im Garten zu sitzen und die Kaninchen anzuschauen. Auch damals: Stress, Verspannungen, Erschöpfung. Lange Therapien und schließlich eine Kur. Keine zwei Jahre später klappe ich wieder zusammen.

Was das kostet! Was ich koste!

Das System ist doch krank: ich klappe vor lauter Belastung immer wieder zusammen, dabei würde ich die Krankenkasse nicht so viel Geld kosten, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste für das, was mir anschließend aufs Konto überwiesen wird.

Im Antrag für die nächste Kur findet sich die Frage, was ich persönlich für meine Gesundheit tue. Haha, was denn? Wann denn und wovon denn? Welche Hobbys ich früher hatte: Was sind denn Hobbys? Wie oft ich in der letzten Zeit Kontakt zu Freunden oder Angehörigen hatte? Ich sehe meine Kinder jeden Tag, das wars dann auch schon. Neulich traf ich eine Mutter aus der Kita, die mich fragte wie es mir geht. Als ich ehrlich geantwortet habe, kam eine ermunterndes „wird schon werden“. Schönen Dank auch. Kontakte helfen auch nicht immer.

Es ist verdammt anstrengend, alleine mit zwei Kindern und einem vollen Job. Und wenn ich vom Geld mal absehe, bleibt die Sorge und die Verantwortung, die mir keiner abnimmt und die ich mit niemandem teilen kann. Da kann und will ich den Staat auch gar nicht in die Verantwortung ziehen, aber es würde wahnsinnig helfen, wenn es mehr Unterstützung und Verständnis im Alltag gäbe!

Zum Beispiel: Als die Tochter sich den Fuß gebrochen hat, kam sie nicht mehr in die Schule und ich habe kein Auto. Weder Schulamt noch Krankenkasse springen hier ein. Ja, ich habe alle Eltern gefragt und ja: ich habe viel Hilfe bekommen, für die ich sehr dankbar bin! Im Detail sah das so aus, dass ich 6 Wochen lang täglich 1-3 Telefonate hatte, wer das Kind bringt und wer es abholt. Und dann wieder rückgängig machen, weil sie manchmal solche Schmerzen hat, dass sie gar nicht ging. Natürlich lässt sich das organisieren, aber es hat mich den letzten Nerv gekostet! Der in derselben Stadt wohnende motorisierte Vater hat übrigens keinen einzigen Fahrdienst übernommen, zu schade. Fahrdienste der Wohlfahrtsverbände gibt es nur für chronisch kranke Kinder. Keine Ausnahme, auch nicht für Alleinerziehende, nix. Direkt vor meiner Tür fährt übrigens ein Fahrdienst ab, der hätte das Kind glatt mitnehmen können…

Die von Christine Finke schon viel beschworene Haushaltshilfe: 2x/Woche für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt würde massiv entlasten und wäre genauso teuer wie eine 3wöchige MutterKindKur. Da wäre das Geld wesentlich sinnvoller angelegt für die Krankenkasse.

Schließlich bleibt noch mein „Luxusproblem Lebensqualität“: ich gehe ja nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir sogar Spaß macht. Und ich habe nicht nur Kinder, um sie möglichst effizient und störungsfrei durch die Kinderjahre zu schaukeln, sondern wir wollen als Familie auch eine schöne Zeit miteinander haben. Ja, ich habe sogar noch Ansprüche an mein Leben, ich will es nicht einfach bloß schaffen.

Sprich: ich würde mich gerne mal beruflich weiter entwickeln. Keine 3tägige Weiterbildung, sondern eine längere Fortbildung, vielleicht sogar ein berufsbegleitendes Aufbaustudium, das mir zukünftig neue Perspektiven eröffnet. Ich habe aber weder Zeit noch Geld für eine längere Fortbildung. Vier bis sechs Wochenenden pro Jahr plus eine ganze Woche nicht zu Hause? Undenkbar! Also bleibt es beruflich beim Status Quo. Weiterentwicklung oder gar Karriere ist nicht vorgesehen.

Und die Kinder: ich hätte sehr gerne sehr viel mehr Zeit für die Kinder! Wir würden gerne zusammen öfter Siedler spielen und Herr der Ringe hören, Ausflüge machen und im Garten wurschteln, zusammen Tee trinken, uns was erzählen oder gar zusammen den Keller ausmisten. Egal, aber Hauptsache zusammen. Statt dessen sind wir von 7-17 Uhr aus dem Haus, treffen erst spätnachmittags alle aufeinander, dann müssen noch der Haushalt und Hausaufgaben gemacht werden, ich bin total erledigt vom Job und vom auf-dem-Heimweg-Einkauf, die Wäsche ist noch im Keller und der Sohn mault, dass wir immer noch nicht sein Star-Wars-Risiko-Spiel ausgepackt haben. Ich bin froh, wenn wir hier den Status Quo aufrecht erhalten: es gibt was zu essen im Kühlschrank, wir haben saubere Klamotten an, ich habe alle Zettel aus der Schule unterschrieben und das Klo ist geputzt. Mehr ist nicht drin. Die Fenster kann ich ja putzen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich halte den Status Quo in einem Hamsterrad aus Alltag, Job und Kindern, und das macht mich auf Dauer krank. Durchhalteparolen wie „wird schon werden“ brauche ich ebenso wenig wie gutgemeinte Ratschläge á la „Du musst Dir Ruheinseln schaffen“. (Das ist ungefähr so beknackt wie „Schlafen Sie, wenn Ihr Baby schläft“. Nur Eltern verstehen den Witz). Es ist nicht das eine Projekt im Job oder der gebrochene Fuß vom Kind, es sind nicht die xten Läuse und die teure Klassenfahrt. Es sind die sechs Jahre, die ich das alles bereits alleine mache, das zehrt mich langsam aber sicher aus. Da sammelt sich eine Erschöpfung und Müdigkeit an, die man an keinem Wochenende mehr wegpennen kann.

Also werde ich werde erst mal versuchen, wirklich ganz gesund zu werden, bis die Kirmes im Kopf Ruhe gibt, denn auf der Arbeit bin ich ersetzbar, für meine Kinder nicht. Und dann tue ich das, was eigentlich nicht geht, um der erneuten bodenlosen Erschöpfung entgegen zu treten: ich werde meine Arbeitszeit reduzieren. Um das zu finanzieren, werde ich meine Altersvorsorge zurück stellen und im Alltag (noch mehr) sparen wo es nur geht. Das Loch in der Rente fange ich einfach dadurch auf, dass ich irgendwann wieder auf 100% gehe, ein Aufbaustudium mache und einen neuen, hochbezahlten Job finde, der das alles ausgleicht.

Nix leichter als das, oder?

Kirmes im Kopf