Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

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Ich muss gar nix

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Virenschleuderpreis: der Muttertagswunsch ist nominiert!

Wir (Christine Finke, family unplugged und ich) sind ja schon weiter gekommen, als wir je zu träumen wagten: haben die Aktion Muttertagswunsch gestartet, Hundert Blogbeiträge und Tausende Tweets haben mitgemacht, wir sind von der RTL-Nachrichten über die Tagesthemen bis ins Familienministerium gekommen. Und jetzt das: Candy Bukowski hat uns für den Virenschleuderpreis nominiert, und das auch noch mit einer hinreißenden Begründung:

Meiner Meinung nach, haben die Initiatorinnen damit eine ebenso wichtige, wie kaum zu toppende Aktion auf die Beine gestellt und mit ihrem enormen Einsatz durchgezogen. Sie zeichnen sich durch menschliches & politisches Interesse für alleinerziehende Frauen, wie sich selbst aus. Sie schreiben, veröffentlichen, engagieren sich politisch in einer Form, wie ich sie aktuell nirgends anders sehen kann.

Und sie bewegen und verändern.
Das Netz. Die äußeren Umstände. Menschen, Politik und Gesellschaft.

Das ist ausgezeichnet und sollte ausgezeichnet werden.
Und deshalb nominiere ich sehr gerne drei starke Frauen mit unglaublich viel Engagement und Internet-Power!

Vielen Dank, wir fühlen uns sehr geehrt!

Jetzt freuen wir uns, wenn möglichst viele für uns abstimmen, damit unsere und Eure Aktion zum Muttertagswunsch noch bekannter wird und alle Ideen, Wünsche und Forderungen für eine familiengerechtere Gesellschaft gehört werden. Denn: wir sind Familie, wir sind viele und wir sind laut!

(Hier den Virenschleuderpreis anklicken und gleich unter der Überschrift im eingeloggten facebook-Status auf „gefällt mir“ klicken, danke!)

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Christine Finke, Lisa Ortgies und ich bei Frau Mackroth im Familienministerium
Virenschleuderpreis: der Muttertagswunsch ist nominiert!

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

An Tagen wie diesen…

…läuft’s irgendwie nicht so rund. Ja klar, ich bin seit 2 Wochen erkältet und alles tut weh, ich arbeite (mal wieder) zu viel, es müsste mal gesaugt oder besser: geputzt werden, die Wäsche liegt rum und Brot ist alle.

Und dann: „Mama, ich möchte gerne mit Dir Geschenke basteln“ (HILFE!) und „Ich will Geige lernen“, „Fahren wir noch zur Skateranlage?“, „Kochst Du heute Abend was Leckeres?“, „Ich will mit Dir backen“, „komm wir toben!“, „warum haben wir noch keine Weihnachtsdeko?“

An solchen Tagen nagt es besonders heftig an mir: ich werde den Kindern überhaupt nicht gerecht. Ich wage die Behauptung, dass es in der Weihnachtszeit besonders schlimm ist, denn die ist auch von den Kindern schon mit Bergen von Erwartungen erfüllt: Deko, Backen, Nikolaus, Adventskranz, Backen, Singen, Baum, Tralala.

Und ich? Ich bin hier allein verantwortlich für selig machende Kindheitserinnerungen. Toll, ich fahre das ganze alltägliche Jahr lang ja schon am Limit mit Arbeit, Haushalt, Kindern, Schule, Hort, Katzen und Kaninchen. Da kann ich im Dezember nicht auch noch eins drauflegen an häuslicher Besinnlichkeit. Und wenn ich dann noch krank werde, erst recht nicht.

Die Bedürfnisse der Kinder sind allerdings das ganze Jahr da, nicht nur im Dezember. „Ich will ein Gemüsebeet anlegen“, „Ich will eine Bude im Garten bauen“, „Ich möchte ein Experimentierkasten und alles ganz genau erforschen“, „Zeigst Du mir nochmal wie man strickt?“, „ich will einen Rock nähen“

Diese Kinder sind großartig, denn sie sind kreativ, neugierig, entdeckungsfreudig, weitreichend interessiert. Und ich? Ich hab keine Geduld für Experimentierkästen, ich kann keine Buden zusammen zimmern, ich weiß nicht wann man Blumenkohl sät und wie man den Faden in diese blöde Nähmaschine friemelt. Genau genommen hab ich keine Ahnung von Haus und Garten, ich müsste mir erstmal ein Buch kaufen oder einen  VHS-Kurs  belegen. Ich sehe im Internet Bilder von zauberhaften Feengärten und mir kommen fast die Tränen, weil das so schön aussieht und genau das richtige für meine Kinder wäre. Aber ich hab keine Zeit, und wenn mal ich Zeit habe, bin ich zu müde.

Was mich aber noch mehr trifft: die Kinder wollen es MIT MIR zusammen machen. Mit mir zusammen erleben, entdecken, arbeiten, basteln, kreativ sein. Sie lieben es, mir was abzuschauen, von mir zu lernen, mit mir zusammen zu entdecken und sich über das Ergebnis zu freuen. Und ich kriegs nicht hin, weil ich das alles gar nicht weiß und nicht kann. Es macht mich fertig, daß ich diese Erwartungen nicht erfüllen kann, dieses Bedürfnis nach Nähe, nach gemeinsamen Tun nicht stillen kann. Ich ertappe ich mich dabei, wie ich hoffe, dass wenigstens die Institutionen da was bieten: Basteln in der Schule, Adventsgärtlein im Hort, wie schön. Dann erleben sie das alles eben ohne mich, weil ich mal wieder wie erschossen auf dem Sofa liege.

Und ja: ich habe das Gefühl, es ist bei  uns noch blöder, weil ich alleinerziehend bin. Hier ist kein zweiter Erwachsener am Start, der nochmal eine anderes Bündel an Kompetenzen mitbringt, aus denen die Kinder schöpfen können. Der mir ein bisschen von der Verantwortung abnimmt, allein zuständig zu sein für selig machende Kindheitserinnerungen.

An Tagen wie diesen, an so einem 10. Dezember, mit Schnupfen und Kopfweh, ohne Weihnachtsdeko am Fenster und das Konto knietief im Dispo, da hadere ich ganz schön mit meinem Schicksal.

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An Tagen wie diesen…

Ich nehm mir Zeit

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Lohnarbeit hin, Familienarbeit her. Die Diskussion ist ebenso alt wie blöd. Ich kann zumindest von mit selber behaupten, dass ein Kinderlächeln schön, eigene Kohle auf dem Konto aber auch nicht schlecht ist. Und dass Frauen das Exklusivrecht aufs Kinderkriegen haben, sollte nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass sie auch exklusiv die Waschmaschine anwerfen. Ist aber leider Tatbestand bei vielen Familien: wer die Brutpflege übernimmt, darf sich auch um den Haushalt kümmern. Wegen eh da: Du bist ja eh da, sprich: zu Hause.

Dem folgt dann fix die Wertung der geleisteten Arbeit: „ich verdiene unser Geld, also ist meine Zeit, meine Arbeit mehr wert.“ Mein Exmann hat mir mal vorgerechnet, dass er gerade eine Stunde lang den Schnee in der Auffahrt frei geräumt hat. „Weißt Du was uns das gekostet hat?“. Ja, dann ist’s wohl besser wenn ich es mache, ich bin ja nicht so teuer.

Ich habe 45 Minuten lang unser Baby gestillt, weißt Du was uns das gekostet hat? So eine Rechnung habe ich nie aufgemacht. Das Schicksal bringt es mit sich, dass wir auch noch klassische Geld-Verteilung hatten: er mit einem geradezu fantastischen Gehalt, ich mit einem vergleichsweise bescheidenen. Und obendrein arbeitslos in der Babyzeit, da war ja klar wer die Waschmaschine anwirft.

Es ist darin gegipfelt, dass er in’s Hotel gezogen ist, wenn die Kinder krank waren, denn seine wertvolle Arbeitskraft durfte nicht qua Ansteckung gefährdet werden.

Es ist über die Maßen verletzend, die eigene Wertigkeit in Euro berechnet zu bekommen. Wenn dann obendrein eine faktische finanzielle Abhängigkeit vorliegt, kommt es einer Ohnmacht gleich.

„Schatz, wir müssen reden“ – „Warte, ich hab hier gerade wichtige Gespräche im Chat“. Schon gut, ich bin ja nur Deine Frau, ich bin ja kein wichtiges Gespräch. „Wenn ich hier nicht antworte, geht uns die Kohle flöten“. Er hat geantwortet, da ging ihm die Frau flöten.

Irgendwann hat’s gereicht und ich habe mir ausgerechnet, dass ich es mit einem vollen Job schaffe, das Leben für mich und die Kinder zu finanzieren.

Und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht in diese Falle tappe: meine Zeit ist wichtig, denn sie ist knapp, aber sie ist nicht mehr wert als die Zeit anderer Menschen. Nicht wichtiger als die Zeit meiner kinderlosen Kollegen, der Kita-Erzieher, der Lehrer, der Busfahrerin, nicht mal des Telekom-Technikers und schon gar nicht wichtiger als die meiner Kinder. Diese Arroganz, die mich in meiner Ehe fertig gemacht hat, darf ich mir nun nicht selber zu eigen machen: seht her, ich bin alleinerziehend, habe zwei Kinder und eine volle Stelle, ich bin Geschäftsführerin, weicht zur Seite, nehmt Rücksicht, kommt mir entgegen, schenkt mir Zeit!

Nein, die Kita versemmelt die Abholzeiten, die Kollegen wollen NOCH eine Besprechung, die Lehrerin redet seeehr lang beim Elternabend, der Bus steht im Stau, die Telekom läßt mich warten und die Kinder? Die trödeln was das Zeug hält, stehen nicht auf, gehn nicht ins Bett, ziehen sich nicht an, nicht aus, vergessen zu essen und die Katze zu füttern, wollen nix als toben, schmusen, spielen. Die haben ewig Zeit.

Meine Zeit ist so kostbar, dass ich beschlossen habe, sie mir nicht mehr zu versauen mit Chaos und Hektik. Also stehe ich (noch) früher auf, dafür haben wir ein entspanntes Frühstück. Ich schwänze Elternabende bevor ich mich drüber ärgere, ich gehe zu jedem Termin 10 Minuten zu früh, ich lasse die Kollegen weiter arbeiten um mit meinen Kindern einen Kuchen zu backen.

Ich nehme mir einfach Zeit, nicht weil ich mir ausrechne, wie hoch mein Stundenlohn ist und was ich hier gerade an der Bushaltestelle, in der Teamsitzung oder beim Kuchenbacken verschwende, sondern weil ich meine kostbare Zeit nicht mit einem Scheiss-Karma verbringen will.

Ich nehm mir Zeit