Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Für die Kinder heißt es Papa-Wochenende, für mich heißt es kinderfreies Wochenende, im Trennungsjargon heißt es Umgangswochenende. Das Wochenende, an dem die Kinder, die bei der Mutter wohnen, bei ihrem Vater sind. „Umgang haben“.

Wir machen das jetzt seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren sind die Kinder 12 Tage am Stück bei mir und 2 Tage beim Vater. Bei uns in der extended version: er holt sie Freitag ab und bringt sie Montags zur Schule. Das war uns wichtig bei der Trennung, dass es so lange wie möglich geht, denn drei Übernachtungen sind was anderes als nur eine, da kommt mehr Alltag auf, mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammen leben, mehr Nähe für Vater und Kinder.

Das ist toll und das ist anstrengend, für alle Seiten. Am anstrengendsten ist es glaube ich für die Kinder. Raus aus dem Zuhause, rein ins Wochenende, wo alles anders ist. Am Anfang, als der Kleine noch 4 war, hat er am Wochenende nach mir geweint. Während der Woche hat er nach dem Papa geweint. Die Große hat sich beherrscht. Jetzt ist der Kleine 10 und die Große 11, und jetzt ist sie es, die mich zwischendurch anruft, weil sie mich vermisst. Dann reden wir ein bisschen und dann geht es wieder.

Wir Eltern haben uns irgendwann mit der Situation arrangiert. Die Kinder jedoch bekommen die Trennung jedes 2. Wochenende neu vor Augen geführt. Was das an emotionaler Flexibilität und Stärke fordert und zugleich gebildet hat, das wage ich kaum zu erahnen. Was ich sehe ist: sie machen es verdammt gut, die Kinder. Sie freuen sich jedes Mal auf ihren Papa, und sie kommen entspannt zu mir zurück. Eine Zeit lang gab es Montags regelrechte Anpassungsstörungen, die Kinder fanden nur schwer wieder zu mir zurück und es gab Krach und Tränen. Seit etwa einem Jahr ist selbst das überwunden, und dafür bewundere ich sie.

Wir haben in den sechs Jahren eine ziemlich Routine entwickelt, auch wenn sich die Umstände immer mal wieder geändert haben. Die Routine ist mir vor ein paar Tagen aufgefallen, als ich angefangen habe, das Wochenende vorzubereiten und ein bisschen dazu getwittert habe. Der Sohn wird Freitags um 17 Uhr im Hort abgeholt, die Tochter geht nicht mehr in den Hort und ist mal bei einer Freundin, mal zu Hause, mal bei mir auf der Arbeit. Also 10 Rückfragen mit der Tochter, wo sie denn nun ist und wo der Papa sie abholen soll. Das Ergebnis dem Vater kommunizieren. Da wir Freitag um 7.20 Uhr das Haus verlassen, muss Donnerstag Abend alles gepackt sein. Oh, Du willst Deinen Lieblingspulli am Wochenende anziehen? Dann wasch ich den noch schnell und pack ihn morgen früh ein.

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Routiniert habe ich Donnerstag Abend die Vesperdosen, Trink- und Thermosflaschen aus den Schulranzen geholt und gespült. Freitag werde ich nur Einwegflaschen und Brottüten nehmen. Ich habe im Lauf der letzten Jahre derart viele Dosen und Flaschen verloren, dass der Ex damit locker eine ganze Kita versorgen könnte. Wenn ich ihn drauf anspreche, hat er die Sachen nicht, im Schulranzen sind sie aber Montag auch nicht. Hm, dann scheinen die Kinder genau alle 14 Tage die Dosen und Flaschen in der Schule zu verlieren. Verrückt!

Mützen und Handschuhe packe ich kaum noch ein, es wird irgendeinen Ersatz beim Vater geben, sollten die Sachen überhaupt notwendig sein. Denn auch dieser Kleinkram verschwindet einfach. Instrumente gebe ich schon seit Jahren nicht mehr mit, das Üben wird eh vergessen. Montag frage ich besonders gründlich, ob es aus der Schule was zum Unterschreiben gibt, denn am Wochenende wird so was nicht vom Vater erledigt. Die Kinder sagen ihm nichts, er fragt nicht.

Und so werde ich auch am Montag die Taschen wieder auspacken und die ungetragene Unterwäsche wieder in den Schrank legen. Ob er gewaschen hat? Kaum. Ob er selber Unterwäsche angeschafft hat? Keine Ahnung. Bei mir zu Hause ziehen die Kinder ohne Ansage von mir jeden Tag frische Wäsche an, ich weiß nicht, wie das am Papa-Wochenende läuft.

Am Donnerstag Abend schicke ich die Kinder nochmal unter die Dusche, weil so ein Papa-Wochenende offenbar keine Zeit für Körperhygiene lässt. Und Donnerstag bis Montag Abend ist eine lange Zeit, wenn man jeden Tag die Hände überall hat, wo nur 10jährige Jungs sie haben können. Die Tochter achtet inzwischen selber drauf und legt bei mir bereits ganze Wellness-Tage ein, und so geht sie aus eigenem Antrieb auch beim Vater duschen. Warum die Kinder allerdings bei mir immer jammern, dass wir keine Badewanne haben, und dann beim Vater nie baden, erschließt sich mir nicht.

Irgendwann habe ich mal gefragt, ob Kinder & Wäsche am Montag nicht genauso zurück kommen können, wie ich sie abgeliefert habe: sauber. Er hatte eine einfache Antwort: nein. Und so analysiere ich entweder beim Auspacken jede Socke, ob sie getragen wurde, oder ich wasche einfach alles.

Ich nehme das hin, lakonisch, weil es einfach so ist. Ich bin davon überzeugt, dass mein Exmann das alles überhaupt nicht böse meint oder gar tut, um mir zu schaden. Nein, er ist einfach etwas gedankenlos und fühlt sich auch nicht so recht dafür verantwortlich. Letztlich ist es mir egal, ich habe alle Stadien der Auseinandersetzung mit ihm darüber durch, und ich werde meine Lebenszeit und meine gute Laune nicht mehr damit verschwenden, über Trinkflaschen und gewaschene Haare zu diskutieren.

Ich habe es auch aufgegeben, ihn auf Termine hinzuweisen, die irgendwie wichtig wären. Wenn die Kinder auf Geburtstagen eingeladen oder mit Freunden verabredet sind, dann klappt das inzwischen. Ich trage die Termine mit sämtlichen Daten in unseren google-Kalender ein, schicke noch eine Mail oder SMS und mit nur 1-3 Rückfragen in letzter Sekunde (wo ist das? Wann? Welches Geschenk?) haut das dann hin. Aber darüber hinaus? Nö. Ich habe sogar schon Kinderbuchautoren eingeladen (ich bin Veranstalterin, drum kann ich das) an denen echt das Herz der Kinder hing, und unsere komplette Kita samt Schulklasse war bei der Lesung, nur meine Kinder nicht. Vergessen, sie waren im Spaßbad. Die anschließende Enttäuschung der Kinder war bodenlos, aber sie würden niemals ihren Vater kritisieren.

Vergessen, verloren, verpeilt. Das gilt auch für den Rückweg: früher haben die Kinder ihr Kuscheltier beim Papa vergessen, jetzt ist es das Ladekabel. Wenn ich ihn frage, sagt er „die Kinder haben gepackt“. Ja gut, man kann die Verantwortung an die Kinder abgeben. Man kann die Kinder auch dabei unterstützen, es zu lernen, an ihren Kram zu denken. Oder man fährt halt im Laufe der Woche nochmal zur Kindsmutter, um Sachen zurück zu bringen. Jedes Mal. Seit 6 Jahren. Kein Lerneffekt beim Vater. Sehr wohl jedoch bei den Kindern, die inzwischen die Sachen, die ihnen wichtig sind, einfach bei mir lassen. So geht’s auch.

Umgang der Kinder mit dem Vater heißt übrigens auch: Umgang der Mutter mit dem Vater. Wir bleiben in Kontakt, ob wir wollen oder nicht. Egal, wie routiniert wir sind, irgendwas gibt es immer zu besprechen. Dank google weiß ich zwar, an welchem Wochenende 2019 die Kinder beim Vater sind, aber ob sie in den Faschingsferien bei ihm sind, hat er mir noch nicht verraten. Ist ja erst in 4 Wochen. Ich arbeite Vollzeit und habe eine 6. Klässlerin ohne Ferienbetreuung. Der Sohn geht gottlob noch bis zum Sommer in den Hort, aber für die Tochter muss ich jedes Mal was organisieren. Da ich finde, dass er sich an der Ferienplanung beteiligen soll, muss ich dann auch mit ihm kommunizieren. Es gibt Kindertermine und Krankheiten zu kommunizieren, Weihnachten zu besprechen, Kindergeburtstage zu planen, Ferien aufzuteilen. Das ist in Summe deutlich mehr Kontakt, als man sich das nach der Trennung wünscht, und es läuft selten reibungslos.

Aber eigentlich ist das alles egal. Das ist lästige Routine und es wird sich auch nicht mehr ändern. Irgendwie ist es ja auch tröstlich, denn ich hatte ja meine Gründe für die Trennung und durch diese ganze Kommunikation werde ich immer wieder an diese Gründe erinnert. Falls ich sie jemals vergessen sollte.

Es ist egal, denn das Wichtigste klappt einwandfrei:

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Die Kinder lieben ihren Papa, sie freuen sich auf das Wochenende beim ihm und es geht ihnen dort gut. Ich kann sie komplett bedenkenlos ihrem Vater überlassen und ich vertraue ihm zu 100%, dass er sich gut um sie kümmert. Es gab in den 6 Jahren keinen einzigen Grund, daran zu zweifeln. Die Wochenenden beim Vater sind die einzigen Zeiten, wo ich nicht IMMER aufs Handy schaue, ob den Kindern was passiert ist. Und wenn, dann kommen nur whatsapps mit süßen Fotos oder lustigen Nachrichten. Es geht ihnen gut mit ihrem Vater, sie sind dort glücklich, das ist unglaublich wertvoll!

Pädagogische Grundsatzdiskussionen führe ich nicht mehr. Der Medienkonsum dort übersteigt den bei mir um Längen, es wird nix geübt und auch nix besprochen, es wird nix unterschrieben und es werden keine Fingernägel geschnitten, aber die Kinder sind glücklich. Was hätte ich von gelüfteten und gewaschenen Kindern, die Mathe und Gitarre geübt haben, aber großen Kummer haben?

Und ich? Bin ich glücklich mit den kinderfreien Wochenenden?

Es sind Tage wie aus der Zeit gefallen: schlagartig sind bestimmte Uhrzeiten unwichtig: 17 Uhr, der Hort ist aus: egal. 19.25 Uhr, auf kika kommt „Wissen macht ah“: egal. Sonntag 11.30 Uhr die Maus: egal. Es ist schon 15 Uhr, wir waren noch nicht an der frischen Luft und es wird bald dunkel: egal. 18.40 Uhr, es wird Zeit fürs Abendessen: egal.

Es ist komplett egal, wie spät es ist, denn ich bin der einzige Mensch, um den ich mich kümmern muss. Irre! Und nicht nur die Zeit ist egal, auch was ich tue und lasse ist total egal. Mitten am Tag Fernseh gucken. Lange schlafen. Den ganzen Sonntag arbeiten. Schokolade im Bett. Aufs smartphone glotzen, twittern, klicken, daddeln: alles egal. Beim „Wochenende in Bildern“ kann man mal reinschauen in mein kinderfreies Wochenende.

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Es ist alles egal, denn ich bin hier allein und für niemanden verantwortlich.

Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.

Und das ist vielleicht die größte Erholung für mich am kinderfreien Wochenende: dass meine Seele zur Ruhe kommt.

Dass ich die Betten frisch beziehe, die Wohnung putze, den Kaninchenstall ausmiste, die Steuererklärung machen, das Regal andübel, den Keller aufräume, die Kinderklamotten ausmiste, Rechnungen bezahle, Schulferien plane. Dass ich all die Dinge tue, die man natürlich auch MIT Kindern machen kann, die dann aber ungleich nerviger sind – dass ich all diese Dinge tue, ist nichts gegen die Erholung, die meine Seele am kinderfreien Wochenende findet, weil niemand an ihr zieht und zerrt.

Und natürlich freue ich ich auf den Montag abend, wenn wir alle wieder zusammen sind und reden, zuhören, streiten, trösten und lachen.

Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

ich-schaff-das-schon

dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken

Wie schaffst Du das bloß?

Sinnvoll schenken

Bea Beste vom Kreativblog Tollabea wollte wissen, ob und wie wir zu Weihnachten sinnvoll schenken. Und ob es nicht nicht viel zu viel ist, was da hin- und hergeschenkt wird. Nun, unser Geschenkeberg hält sich eh in Grenzen, weil ich alleine mit zwei Kindern bin und es finanziell gar nicht drin ist, haufenweise Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu stapeln. Und die Geschenke der Kinder an mich spielen sich in recht überschaubarem Rahmen ab.

Aber es gibt ja noch die Verwandschaft, wir fahren zu Tante, Onkel, Oma, Nichten & Neffen, wir feiern auch mit dem Kindsvater samt seiner neuen Familien. Ich habe weder Fantasie noch Geld, für alle Beteiligten Geschenke zu besorgen und ich finde es auch nicht sinnvoll. Bestenfalls kommen ein paar Staubfänger oder ulkige Designobjekte dabei heraus. Und angesichts der Katastrophe in Aleppo finde ich es geradezu geschmacklos, meine Ex-Schwiegermutter irgendein Buch zu schenken, das sie entweder schon hat oder nicht liest, weil ich zu wenig von ihr weiß, während man für 30€ ein syrisches Kind einen Monat lang mit Nahrung, Medikamenten und Hygiene versorgen kann.

Deshalb sieht mein „Geschenkekonzept“ dieses Jahr so aus: die Kinder basteln sowieso schon seit Wochen Geschenke aus Naturmaterialien, da weiß ich schon gar nicht mehr, wie ich diese Kunstwerke transportieren soll. Diese Geschenke kommen vom Herzen und werden sicher allen Verwandten eine große Freude machen. Meine Kinder bekommen von mir ein (1) sinnvolles Geschenk, eins, das sie sich sehnlich gewünscht haben und von dem ich weiß, dass es sie lange beschäftigen wird. Also kein fernsteuerbaren Hubschrauber, der nach 3 Runden gegen die Wand knallt und kaputt ist, sondern ein Lego-Set mit vielen raren Steinen und Figuren für den Sohn und ein Bildband zur Entstehung des neuen Harry-Potter-Films für die Tochter. Alle anderen (Kinder und Erwachsene) bekommen eine kleine selbstgebastelte Aufmerksamkeit und ein Kärtchen mit der Info, dass ich 10€ an Ärzte ohne Grenzen gespendet habe. Das hört sich nicht viel an, aber es sind insgesamt neun Leute und das ist dann schon eine Menge Geld.

Als Organisation habe ich Ärzte ohne Grenzen ausgesucht, weil die viele sinnvolle Projekte und einen geringen Verwaltungsaufwand haben. Und neben dem Notstand in Aleppo gibt es leider noch andere Krisengebiete, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ärzte ohne Grenzen wählen hier klug aus und engagieren sich nachhaltig.

Frohe Weihnachten!

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meine selbstgebastelte Kleinigkeit
Sinnvoll schenken

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!

Du sollst Vater und Mutter ehren.

Dieses biblische Gebot nehmen Kinder nach der Trennung oft besonders ernst: sie ehren und lieben natürlich immer noch beide Eltern. Oft sogar besonders kritiklos und überschwänglich denjenigen Elternteil, bei dem sie nach der Trennung nicht mehr leben. Den, den sie oft am meisten vermissen.

Das ist völlig in Ordnung so und auch erklärbar, denn die Kinder lieben eben beide Elternteile und vermissen natürlich den mehr, den sie nicht so oft sehen.

Wenn nun die Eltern es geschafft haben, sich in Freundschaft zu trennen und einander wohlgesonnen sind, dann ist für alle Beteiligten die Welt einigermaßen in Ordnung. Bis auf die Trennung natürlich. Wenn es aber Unstimmigkeiten zwischen den Eltern gibt, dann kann man gut beobachten, welche riesige Leistung die Kinder in Erfüllung des 5. Gebotes vollbringen: sie ehren immer noch Vater UND Mutter. Den meist abwesenden Vater womöglich noch ein bisschen mehr als die Mutter.

Der wird, so ist es seit den sechs Jahren der Trennung bei uns, kritiklos angehimmelt und dem wird vor allem alles verziehen:

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Nun hat der Vater dieselben 24 Stunden pro Tag zur Verfügung wie alle anderen Menschen auch. Die Frage ist, mit welchen Prioritäten er sie füllt. Da spielt der Job eine wichtige Rolle, die neue familiäre Situation und auch persönlichen Befindlichkeiten des Mannes und da spielen die Kinder eine Rolle. Auch wenn sie nur alle 14 Tage da sind. Dass man den Kindern, die man eh schon nur alle zwei Wochen sieht, eine Freude mit einem Adventskalender macht, das kann man sich merken nach 12 Jahren der Vaterschaft oder eben auch nicht. Macht eigentlich auch nichts, denn die Kinder verzeihen dem Papa ja sowieso. Da wird dann entschuldigend „ach ich Schussel“ gekichert, die Kinder kichern mit, und gut ist. So kann der Vater sich das herrlich zusammen reimen in ein „War ihnen ja eh nicht so wichtig“. Nein, denn die Kinder würden es nie wagen, den geliebten Papa zu kritisieren. Und er ruht sich darauf recht bequem aus.

Nicht nur die Kinder, auch die Mutter soll den Vater und Exmann nicht kritisieren, die Kinder wollen ihr Bild vom geliebten Papa unbedingt aufrecht erhalten. Sollen sie, ich will ihnen nicht im Wege stehen bei ihrer Beziehung zum Vater. Aber darf die Mutter deshalb nicht einmal Fakten und schiere Informationen aussprechen?

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Die Kinder wollen das nicht hören. Sie spüren, sie wittern die unausgesprochenen Kritik am Vater und wehren diese intuitiv ab. Auch bei uns kommt jeden 2. Freitag um 17 Uhr die SMS „ich steh im Stau“. Sobald mir eine Bemerkung über früheres Losfahren des Exgatten rausrutscht, werde ich sofort ermahnt: „Der Papa hat eben so einen wichtigen Job!“. Jetzt aber hallo und erst recht die Klappe halten, sonst gerät meine Kritik ein kleines bisschen fundamentaler (UND MEIN JOB? UND ICH? schreit es in mir). Aber nein, ich soll mir wohl jede Wertung verkneifen, denn wie wir gesehen haben, ist für die Kinder die schiere Information ja schon zu viel des Negativen. Puh!

Und wir können noch eins drauf setzen: muss ich auch lügen?

Bei meinen Kindern kam das Thema auf, dass der Vater viel mehr Zeit mit seinem neuen Baby verbringt als mit seinen großen Kindern. Logisch, das Baby wohnt ja auch bei ihm. Der Sohn war darüber ein wenig traurig, denn er würde auch gerne so viel Zeit mit dem Papa verbringen. Der hat dem Sohn das so erklärt: „Als Ihr so klein wart, habe ich mit Euch auch so viel Zeit verbracht“, was mir die Kinder gleich glücklich erzählt haben. Ich grüble, erinnere mich und kann nur feststellen: das stimmt einfach nicht! Er hat stolz erzählt, dass er wegen des Babys 2 Wochen Urlaub und dann nochmal wochenlang home office hatte. Bei K1 war er eine Woche, bei K2 einen Tag zu Hause. Drei Tage nach der Geburt des Sohnes war er ein paar Tage auf Dienstreise, ich war allein mit einem 20 Monate altem und einem 3 Tage alten Kind. Und so blieb es: er war oft da, aber er war genauso oft weg, und zwar tagelang. Oder er hat es geschafft, zwar im selben Haushalt wie ich und die Kinder zu leben, sie aber eine Woche lang nicht zu sehen: morgens schon weg und abends erst da wenn die Kinder schlafen. Monatelang, Jahrelang.

Seit mein Sohn krabbeln kann, stand er morgens an meinem Bett und hat geweint, weil der Papa nicht da ist. Nein, er hatte nicht mehr Zeit für die Kinder, als sie klein waren. Er hatte nie Zeit, der Job war immer wichtiger.

Dieses „als Ihr kleiner wart, hatte ich für Euch mehr Zeit“ ist eine glatte Lüge, aber der Exmann möchte das wohl gerne glauben und die Kinder wollen das auch gerne glauben. Und ich? Spiele ich das Spiel mit? Darf ich meine Meinung sagen, ohne den Kindern ihre abgöttische Liebe zum Vater abzuquatschen?

Ich bin sehr für Ehrlichkeit mit den Kindern. Und ich bin sehr dafür, dass sie eine gesunde Beziehung zu ihrem Vater haben. Das bringt mich in einen Gewissenskonflikt. Ich kann ganz ruhig und sachlich bleiben und sagen: ich habe das anders in Erinnerung. Mehr nicht. Petra in obigem Tweet kann natürlich sagen „ich schimpfe nicht, ich habe gesagt er kommt später“. Wenn der Sohn Verständnis entfaltet ob der Vergesslichkeit des Vaters, dann halte ich verdammt nochmal die Klappe: was habe ich mit dem Adventskalender des Vaters für die Kinder zu schaffen? Was habe ich in der Beziehung zwischen dem Vater und den Kindern rumzuwurschteln? Nix, und deshalb halte ich den Mund.

Wenn es aber unsere gemeinsam Erinnerung betrifft, dann habe ich wohl das Recht, meine eigene Erinnerung zu benennen. Nach Möglichkeit so, dass die Kinder nicht in den Konflikt kommen, dem Vater oder der Mutter zu glauben. Sondern so, dass es beide Versionen zulässt: meine Erinnerung ist so, und die von Papa ist eben anders.

„Papa hat gesagt, er hat deshalb soviel gearbeitet, weil er uns ein schönes Leben ermöglichen wollte“. Und dafür bewundern sie ihn, denn er wollte ja nur Gutes für die Kinder. Wann das schöne Leben stattfinden sollte, wurde nicht gesagt, die ersten 6 Jahre der Ehe und des Lebens der Kinder jedenfalls nicht. Vielleicht hätte ich noch länger warten sollen, aber ich hatte die Geduld und die Hoffnung verloren, dass sich da noch was ändert. Und bin, mürbe von der Warterei, mit den Kindern ausgezogen, um ohne ihn ein schönes Leben zu haben.

Ich merke schon, ich kann gar keinen einigermaßen objektiven Text über dieses „Vater kritiklos vergöttern“-Thema schreiben, wie ich es eigentlich vorhatte. Ich komme trotz aller Anstrengung immer gleich in eine Wertung und rühre an eigene, verletzende Erinnerungen. Die der Exmann Jahre nach der Trennung immer noch schön redet. Denn es geht ja nicht um die Farbe der Badezimmerkacheln oder um den Nachtisch am Sonntag. Nein, es geht natürlich genau um die Themen, in denen wir so grundverschiedene Auffassung von Familie, Kindern, Prioritäten und Werten hatten und auch heute noch haben, dass es folgerichtig auch zur Trennung kam. Die Kinder lehnen diese Trennung intuitiv ab. Sie wollen Mama und Papa gleichermaßen, sie wollen, ganz biblisch, Vater und Mutter ehren. Wobei ich keine Ahnung habe, ob ich genauso kritiklos verteidigt werde, wenn die Kinder beim Vater sind.

Die Eltern bedingungslos zu lieben, alle beide, gehört wohl zu der Natur eines Kindes, und da will ich sie natürlich nicht dran hindern. Aber ich will auch nicht lügen oder Lügen passiv bestätigen durch nicht-Korrektur. Gleichwohl will ich die Kinder nicht in einen Loyalitätskonflikt bringen, indem ich sie mit zwei Versionen einer Geschichte bekannt mache (die vom Papa und meine) und dann ihnen überlasse, was sie glauben, wem sie glauben und wie sie sich ihre Geschichte zusammen reimen. Dafür sind sie, auch wenn sie schon 10 und 11 Jahre alt sind, auch einfach noch zu jung.

Ich will nicht den Kindern gegenüber schlecht von ihrem Vater reden, und ich verbitte mir das auch von jedem anderen. So habe ich schon meiner Mutter den Mund verboten und sie nahezu rausgeschmissen, weil sie sich in Anwesenheit meiner Kinder der Lästerei über meinen Exmann hingab. Das kann sie machen wenn die Kinder nicht dabei sind, aber ich will nicht, dass meine Kinder das hören. Auch wenn meine Mutter meint, „die können das ruhig hören“: Am Ende werden sie nur die Oma hassen, weil die schlecht vom Papa redet. Dabei lieben sie ihre Oma ja auch, und dann haben wir wieder den Salat.

Nein, über den Papa wird nicht schlecht geredet, und ich gebe mir große Mühe, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sie in einer glücklichen Beziehung voller Liebe gezeugt wurden, dass sie absolute Wunschkinder für uns waren. Denn das entspricht voll und ganz der Wahrheit.Stressig und unglücklich wurde die Ehe erst später, bis es dann zur Trennung kam, aber dass die Kinder überhaupt auf der Welt sind, hat einen guten und glücklichen Grund. Und so kann ich den Kindern schöne und fröhliche Anekdoten aus ihrer Baby- und Kleinkindzeit mit dem Papa erzählen, ohne zu lügen. Dasselbe tut der Kindsvater, er berichtet über die frühe Kinderzeit und biegt sich ob seiner Abwesenheiten seine Wahrheit eben so zurecht, dass er sein Gesicht behält. Eine bis zu einem gewissen Maße verständliche Aktion. Wenn die Sache aber zur offenkundigen Lüge ausartet, fühle ich mich verpflichtet, zumindest klar zu stellen, dass ich das anders in Erinnerung habe.

Doof nur, dass es mich nicht immer in der abgeklärtesten Situation erwischt, so eine Frage der Kinder, und dass diese hingegeigten Wahrheiten des Vaters so sehr an meine verletzte Erinnerung rühren. Bleib da mal ruhig, sachlich und trotz allem so pflichtbewusst dem Expartner gegenüber, dass die Kinder sich entspannt ihre Version der Geschichte zusammen reimen können. Und dass die Kinder ungetrübt weiter beide Eltern lieben und ehren können.

Das ist schon manchmal echt ein emotionaler Kraftakt. Ich werde nicht lügen, und ich finde dafür, dass der Exgatte sich einfach mit (Not-)Lügen und Halbwahrheiten durchschummelt und schönredet, bin ich immer noch ganz schon loyal.

Verdammte Scheiße!

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Nachtrag

Ich habe viele Reaktionen auf diesen Text bekommen. Einige gingen in die Richtung „Irgendwann brechen die Kinder den Kontakt zum Vater ab, sie werden schon wissen wer sie wirklich liebt.“

Ich möchte eins klar stellen: das letzte, was sich meinen Kindern wünsche, ist, dass ihre Beziehung zum Vater zerbricht! Sie lieben ihn und er liebt sie, und ich wünsche beiden Seiten sehr, dass das so bleibt. Und genau daher rührt mein Konflikt: ich möchte die Beziehung von Vater und Kindern gerne unterstützen und fördern, ich möchte die Kinder aber auch nicht anlügen. Ich unterstelle mal, dass der Vater die Kinder nicht bewusst anlügt, sondern dass das in seiner Erinnerung wirklich so war. Oder er es gerne so gehabt hätte. Meiner Erinnerung ist eben eine andere.

Dass sie ihm kritiklos alles verzeihen und ihn vergöttern, ist für mich schlecht aushaltbar, aber das ist mein Problem und soll nicht das Problem der Kinder sein. Wenn sie älter werden, werden sie ihn differenzierter sehen – und mich auch. Und ich hoffe, dass sie dann immer noch zu beiden Eltern einen guten und liebevollen Kontakt haben.

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!

Immer! Muss ich! Alles!

Neulich wollte ich mit den Kindern in den Wald und es gab Prostet:

Die armen Kinder, aber echt. IMMER müssen sie machen was ICH will.

Dazu gibt’s ja sogar den passenden Soundtrack von meinem Lieblingsbarden Gisbert zu Knyphausen:

Ein schönes Lied und ein tolles Video, aber die Eltern kommen leider überhaupt nicht gut weg. Dabei fühlt es sich für mich als Elter oft genau umgekehrt an: immer muss ICH alles sollen. Um mich und meine Bedürfnisse geht’s hier aber schon seit 12 Jahren nicht mehr.

Klar, am Anfang war das Baby: Stillen, Mittagsschlaf, Windeln, Laufen lernen, Sprechen, auf’s Klo gehen, Fahrrad fahren, Schwimmen, in die Schule gehen. Die Kinder werden größer und selbständiger, blöderweise hab ich als Mutter nicht das Gefühl, dass meine Autonomie proportional dazu wächst. Da ist zum einen die Schule, für die können wir alle nix, aber sie gibt den Takt vor und ICH bin die dumme Nuss, die ihn umsetzen muss: morgens um 6.30 Uhr aufstehen, nach der Schule Hausaufgaben, außerdem Ferien, Schullandheim, Sommerfest, Elternabend usw. Da ist nix mit Selbstbestimmung und der Job der Eltern ist der Schule ebenfalls herzlich egal. Wenn Mutti bis 1 Uhr Nachts arbeitet ist trotzdem am nächsten Morgen um 7.45 Uhr Unterrichtsbeginn, yeah.

Und eben so Sachen wie eingangs beschrieben: ich will in den Wald, die Kinder nicht, sie meckern und zetern wie zwei Kesselflicker. Warum will die Frau mit den Kindern denn unbedingt in den Wald? Nun ja: die Sonne scheint, es ist Sonntag und wir haben Zeit. Wenn die Kinder den ganzen Tag drinnen sind und lesen, chillen, Musik hören, sinkt spätestens um 17.42 Uhr die familiäre Stimmung unter den Nullpunkt, die Kinder sind genervt, gereizt und fangen an, sich und mich zu zanken. Vor allem waren wir letzte Woche an selber Stelle im Wald, und sie haben es GELIEBT! Ein sonniger Spaziergang, wilde Wege querfeldein, dann Kuchen essen im Schlösschen, anschließend waren sie fast 2 Stunden alleine im Moor, ich lag in der Sonne und: sie haben mich beschworen, dass wir bei nächste Gelegenheit UNBEDINGT wieder so einen Sonntag verbringen sollen. Zu guter Letzt und von dem ganzen kinderaffinen Argumenten mal abgesehen: ICH will in den Wald, ICH brauche frische Luft und Bewegung, und drum müssen die jetzt halt mit.

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Kind im Wald, glücklich

Aber erstmal gibt’s halt Theater, Lego ist grad wichtiger und das Sofa auch recht kuschelig. Da muss ich durch. Diskutiere bis zu einem gewissen Grad und bestimme schließlich, dass wir jetzt gehen, Punktum. Ich weiß, dass es Euch und mir gut tun wird und ich zitiere schrecklicherweise Fräulein Rottenmeier aus Heidi: „Ihr werdet mir nachher dankbar sein“.

Ich höre Gisbert singen: Immer! Muss ich! Alles! Sollen! und ich denke, das Lied könnte man auch genauso aus Elternsicht singen, es passt alles, jede Zeile:

Die Schuhe an, Jacke und „Nein! Nicht die gelbe!“
Ich halt´s nicht mehr aus, es ist immer dasselbe

Aber war das so gedacht, mit dem Familienleben, das Kinder und Eltern sich trotzig gegenüber stehen und sich ihre Ansprüche und Bedürfnisse um die Ohren hauen? Ist das liebevolle, authentische Elternschaft? Auf den Begriff der authentischen Elternschaft hat mich Susanne Mierau neulich gebracht, und so grüble ich: Bin ich echt, lasse ich meine Bedürfnisse zu oder nur die der Kinder? Wie erleben die Kinder meine Wünsche und mich als Persönlichkeit? Haben meine Ideen auch Raum oder dreht sich hier wirklich seit 12 Jahren alles nur um die Kinder? Geht das überhaupt, dass man in der Familie alle Ideen und Vorstellungen ausspricht, verhandelt und einen gemeinsamen Nenner findet? Mit 4, 10 oder 12Jährigen? Viele kriegen das ja nicht mal unter Erwachsenen hin, aber mit Kindern kommt die Nummer nochmal heftiger. Aber gut, ich versuche es immer wieder neu, und so wird täglich verhandelt:

  • Du hast keinen Bock, den Müll raus zu bringen? Blöd, ich auch nicht, und jetzt? Biete mir was an, was Du für den Haushalt tust, ich tue natürlich auch was, und dann sehen wir mal, was übrig bleibt und wie wir das aufteilen.
  • Du willst nicht den Film gucken, den Deine Schwester vorschlägt? Ok, was willst Du gucken, was will ich gucken, und wie organisieren wir das? Nein, wir gucken jetzt nicht drei Filme nacheinander, wir müssen das anders lösen.
  • Ihr wollt ins Spaßbad? Ok, aber nur wenn ich nicht ins Wasser muss und auf der Liege liegen und lesen, schlafen, dösen darf.

Ich werde mich ganz sicher nicht auf die Reifenrutsche setzen, nur um den Kindern einen Gefallen zu tun, das wäre beileibe nicht authentisch. Gut, ich hatte auch vor 5 Jahren wenig Lust auf Bügelperlenbilder, vor 4 Jahren keine Lust, Laternen zu basteln, ich hatte jahrelang wenig Lust, stundenlang am Spielplatz zu hocken und wie eine Bademeisterin auf die Kinder aufzupassen. Aber den Kindern war es wichtig, es hat ihnen Spaß gemacht und ihnen gut getan, also habe ich es gemacht. Nicht dass ich falsch verstanden werde: es gibt tausende wunderbare, großartige Momente mit den Kindern, die ich ohne sie niemals erlebt hätte und für die ich sehr dankbar bin. (Ich habe sogar mal eine Reihe mit dem Titel „Dinge die ich ohne meine Kinder nie erlebt hätte“ angefangen, bislang ist es leider bei #1 geblieben) Aber es gibt eben auch einiges, auf das ich nun wirklich überhaupt keine Lust habe, was ich aber trotzdem tue. Das fängt beim morgendlichen Wecken an, geht über das Ertragen von Bibi&Tina-Hörspielen über Superhelden-Filme bis hin zum Spaßbad.

Ich finde es ok, dass ich als Mutter eine Menge Dinge tue, zulasse und organisiere, zu denen ich keine Lust habe. Dass ich als Mutter eine Menge Kompromisse mache, weil meine Kinder noch lernen, wachsen und sich ausprobieren müssen. Das tut meiner authentischen Elternschaft keinen Abbruch, so lange ich die Grenze zur völligen Selbstaufgabe noch ziehen kann. Die Kinder werden es schon noch lernen, ihre Ablehnung und ihre eigenen Wünsche etwas stilvoller zu formulieren, denn sie erleben es ja jedes Mal, dass ihre Wünsche gehört und respektiert werden und dass es sich lohnt, zu verhandeln.

Deshalb fahre ich ins Spaßbad und sitze nicht in der Reifenrutsche, sondern liege geschlagene 5 Stunden auf der Liege, schlafe, lese und döse. Das ist mein Kompromiss. Denn ohne Kinder wäre ich überhaupt nicht dahin gefahren: warum sollte ich 10€ Eintritt dafür bezahlen, halbnackt unter wildfremden Menschen auf einer Plastikliege meinen Sonntag zu verbringen? Immer wieder kommen die Kinder angeflitzt, essen und trinken irgendwas und verlangen vehement: „Mama, Du musst mal mitkommen auf die Rutsche!“

„Nö“ sage ich, ich muss gar nix. Sie sind leicht enttäuscht, aber schließlich ist es ihnen egal und sie sausen wieder los. Und ich schlafe nochmal ein, denn das ist grad mein größtes Bedürfnis. Voll authentisch.

Immer! Muss ich! Alles!

Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Mütter stillen Kinder. Wenn die Kinder nicht still sind, sind im Umkehrschluss die Mütter dafür verantwortlich.

Mumpitz, sagt nun der gesunde Menschenverstand, mit etwas Glück hat das Kind auch einen Vater, der sich mit der Mutter gemeinsam um das Kind kümmert. Nicht so bei der FAS, die hat einen Artikel über Mütter veröffentlicht, die ihren Babys Schlafmittel geben, um endlich Ruhe zu haben. Natürlich ist der Text bissl ausführlicher und leidlich recherchiert, aber was bleibt, ist der fade Nachgeschmack eines Artikels, in dem es ausschließlich die Mütter sind, die unter nicht schlafenden Babys leiden. Und deshalb irgendwann in völliger Verzweiflung zu Medikamenten greifen.

Warum kommen in dem Text die Väter nicht (bzw. nur marginal) vor? frage ich mich grübelnd. Warum sucht die Autorin nicht nach den Ursachen des Schreiens beim Baby, und vor allem nicht nach der Ursache dieser bodenlosen mütterlichen Verzweiflung? Wenn die Mütter so dermaßen alleine gelassen sind mit einem brüllenden Baby, wie der Artikel suggeriert, dann wundert mich die Verzweiflung nicht. Aber ist Babyschlaf denn Frauensache? Oder handelt der Text ausschließlich von alleinerziehenden Müttern und die Autorin hat nur vergessen, das zu erwähnen? Das muss die Lösung sein, alles andere macht keinen Sinn!

Natürlich sind Alleinerziehende völlig am Ende mit Kraft und Nerven, sie müssen ja so viel arbeiten und sich auch um alles andere ganz alleine kümmern, wenn dann so ein Baby brüllt und brüllt und brüllt und nicht aufhört, kann man schon mal kirre werden. So kirre, dass man das Baby irgendwann nur noch medikamentös in den Schlaf befördern will?!

Überhaupt sind, über den FAS-Text hinaus, Medikamente gerne das Mittel der Wahl für Alleinerziehende. Eine Therapeutin, die ich kurz nach der Trennung aufsuchte, hat mir bereits beim ersten Gespräch dringend ans Herz gelegt, aufkeimende Depressionen mit Medikamenten zu behandeln. Das würde nicht nur die Tiefs, auch die Hochs etwas abdämmen und dann wären die emotionalen Berg- und Tal-Fahrten nicht so anstrengend. Und: Alleinerziehende seien ja generell von Depressionen bedroht. Aha! Weil ich alleinerziehend bin, bin ich „generell“ depressiv gefährdet. Es gibt ganz sicher Menschen, die eine medikamentöse Behandlung benötigen, aber ich weiß ganz sicher: ich gehöre gerade nicht dazu. Ich möchte auf keins meiner Gefühle verzichten, schon gar nicht auf meine penetrant gute Laune und meine ungebremste Begeisterungsfähigkeit, die hat mir nämlich in den letzten 6 Jahren seit der Trennung und in den 39 Jahren davor mehr als einmal den Kopf gerettet. Erst recht, seit ich Alleinerziehend bin.

Mein Sohn hatte vor 2 Jahren einen (einzigen!) epileptischen Anfall. Im Krankenhaus wurde sorgfältig abgewogen: üblicherweise gäbe man die Medikamente, die die Epilepsie in Schach halten, erst nach 2-3 Folgeanfällen, aber da ich ja alleinerziehend sei und das Kind ergo öfter mal unbeaufsichtigt, werde dringend geraten, noch am selben Tag (!) mit dem Medikamentieren zu beginnen.

Im Gespräch mit der Lehrerin, wo ich mich über die Unmengen an Hausaufgaben beschwert habe, hat die Lehrerin mir geraten, therapeutische Hilfe für das Kind in Anspruch zu nehmen, wenn es mit dem Druck nicht klar käme. Es sei ja auch noch ein Trennungskind, das käme erschwerend hinzu. Wenn ich noch 15 Minuten länger mit der Frau geredet hätte, hätte der Sohn wahrscheinlich noch ADHS und Inkontinenz, das arme Trennungskind. So eine Trennung ist für die Lehrerin voll praktisch, dann muss die gar nicht mehr über sich selber nachdenken: hier bitteschön, ein Stigma.

Eine Alleinerziehende braucht nicht nur einen veritablen Rotwein-Vorrat (selbst meine Mutter hat mich vor der Alkoholabhängigkeit Alleinerziehender gewarnt!), sie und ihre Kinder brauchen auch Tabletten und Therapien, damit ihr kompliziertes und anstregendes Leben noch in diese Gesellschaft und ihre doofen Strukturen reingequetscht werden kann. Hilfe? Nein, Hilfe brauchen die nicht, das wäre ja zu anstrengend. Beratung, Unterstützung, Netzwerk? Viel zu langwierig. Bessere Steuerklassen, vernünftige Kinderbetreuung, Mediation beim Trennungs-/Scheidungsprozess, Haushaltshilfe – alles Pippifax!

Im Ernst: mir und meinen Kindern ist noch nie so oft medikamentöse und therapeutische Hilfe angeboten worden, wie seit der Trennung. Die Probleme, die wir haben, liegen also ursächlich in uns selber begründet, drum müssen wir sie auch selber lösen. Wenn wir das nicht gebacken kriegen, nehmen wir halt ’ne Pille oder laufen zur Therapie.

Um nochmal zu den sedierten Babys zurück zu kommen: dieser Artikel ist eine Katastrophe, weil er den Müttern unterstellt, dass es in ihrer alleinigen Verantwortung liegt und es deshalb ihr Versagen, bzw. Unvermögen ist, welches ihr Kind nicht schlafen lässt. Denn auch wenn der Text mich auf die Stigmatisierung Alleinerziehender gebracht hat, so glaube ich natürlich nicht, dass die Autorin ausschließlich von Alleinerziehenden redet. Aber von Müttern, die mit ihren Babys völlig allein gelassen sind. Warum, das untersucht der Text nicht, und das finde ich echt schlimm!

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Still jetzt! (Ein Stigma bitte)