Über große und kleine Kinder

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Kleine wird wach. Ich stille ihn, wir schlafen beide wieder ein. Eine Stunde später wird die Große wach und steht auf. Ich höre sie, schleiche mich aus dem Schlafzimmer und frühstücke mit der Großen. Von wegen groß, sie ist keine zwei Jahre alt, aber sehr viel größer als der Kleine, der ist zwei Monate alt. Der Mann ist auf Dienstreise. Während die Große sich die Zähne putzt, wird der Kleine wach. Gottseidank, ich bringe es nie übers Herz, den Kleinen zu wecken, muss aber die Große in die Kita bringen. 9.15 Uhr sollen wir dort sein, damit die um 9.30 Uhr mit dem Morgenkreis starten können.

Die Große kaspert im Bad rum und macht sowas ähnliches wie Zähneputzen, ich wickel den Kleinen und stille ihn nochmal. Dabei unterhalte ich mich mit der Großen, was sie heute anzieht. Der Mini ist nach 10 Minuten fertig mit seinem Milchfrühstück, ich lege ihn die die Wiege und helfe der Großen beim Anziehen. Um 9 Uhr sind wir in der Kita, ich sitze in der Kuschelecke mit dem Kleinen auf dem Arm und lese der Großen noch ein Buch vor, sämtliche Kinder kommen mal vorbei, um unser Baby zu bestaunen, ihm ein Lied vorzusingen oder über das weiche Köpfchen zu streichen. Um 9.15 Uhr verabschieden wir uns, der Kleine ist komplett gerockt und pennt im Auto ein.

Er wird jetzt 20 Minuten schlafen und dann 2 Stunden wach sein, soviel weiß ich über sein kleines Leben schon. In diesen 2 Stunden macht er eigentlich recht fröhlich alles mit, was ich so mache: Haushalt, Wäsche, Einkaufen, Aufräumen, Bewerbungen schreiben, im Internet nach Jobs suchen, an einem freiberuflichen Auftrag schreiben. Gegen Mittag hat der Kleine Hunger, ich stille ihn und er pennt in seinem Bett im stockdunklen Zimmer zwei bis drei Stunden. Das ist einerseits toll, andererseits etwas unpraktisch, denn er schläft nur dort, nur in seinem Bett, nur wenn’s ruhig und leise ist. Die Große hat in dem Alter überall im Kinderwagen geschlafen und ich war mobil. Ich weiß, das ist ein Luxusproblem, andere Kinder schlafen nie, aber dieses Kind hier schläft sehr gerne, und zwar bitte im Dunkeln, allein und in Ruhe.

Immerhin kann ich in dieser Zeit duschen, weiter am PC arbeiten und mich um den Haushalt kümmern, drum sind das recht entspannte zwei Stunden. Wenn der Mini wach wird, holen wir die Große ab. In der Kita vespern sie um 15 Uhr, um 15.30 Uhr ist der perfekte Slot für den Abschied. Sie hat dort zu Mittag gegessen, geschlafen, ist gewickelt und hat ein Vesper im Bauch. Mit diesem nahezu perfekt präpariertem Kind sowie dem gestillten und gewickelten Mini mache ich mir einen schönen Nachmittag. Meistens gehen wir einfach mit der halben Kita auf den nächsten Spielplatz, die Kinder sind im Rudel unterwegs und ich erfülle hier die Funktion der Bademeisterin: aufpassen, dass nix passiert, ab und zu Nahrung und Getränk reichen, auf eine Schramme pusten und ansonsten das Kind in Ruhe spielen lassen. Jedenfalls das große, das kleine liegt im Kinderwagen und grinst die Wolken an. Wenn ihm das zu langweilig wird, hole ich ihn raus, er lümmelt auf meinem Arm rum und schaut sich das Gewusel und Gebrüll auf dem Spielplatz an. Ich stille ihn zwischendurch, wickel erst das eine und dann das andere Kind auf der Tischtennisplatte, hole mir einen Kaffee beim Bäcker, bringe Brezel für die Große mit, unterhalte mich mit anderen Eltern, passe mal auf diese und mal auf jede Kinder mit auf und fange gegen 17.30 Uhr an, ein sehr dreckiges großes und ein sehr müdes kleines Kind einzupacken.

Zu Hause liegt der Kleine auf dem Teppich und die Große spielt um ihn herum. Zeigt ihm ihre Bücher, singt ihm was vor, erklärt ihm in ihrer umwerfend komischen Kindersprache wichtige Sachverhalte aus der Puppenküche. Manchmal setzt sie ihn in ihren Puppenwagen und schiebt ihn durch die ganze Wohnung. Ich räume die verdreckte Nachmittagstasche mit Windel, Spielzeug und Brezeln auf, versuche das prostestierende Kleinkind umzuziehen und zu waschen, während der Kleine anfängt sich die Augen zu reiben und müde zu meckern. Die Sache wird hier langsam unentspannt, denn die Große ist müde, hungrig und dreckig, der Kleine ist müde und hungrig, ich bin ebenfalls müde und hungrig. Also schnell das Essen auf den Tisch und den Mini an die Brust. Das Spiel vom Morgen geht jetzt rückwärts, vom Rumkaspern im Bad bis zum Umziehen für die Nacht. Irgendwann ist es 19.30 Uhr, der Kleine hängt völlig in den Seilen auf meinem Arm, ich sitze mit der Großen in ihrem Bett und lese ich eine Gute-Nach-Geschichte vor. Dann kommt der kniffeligste Teil des Tages: die Große hätte gerne 60-90 Minuten Mama am Bett sitzen, der Kleine findet das natürlich total kacke, ist aber noch nicht müde genug, um schon schlafen zu gehen. Also den Kleinen auf dem Arm und zur Großen setzen. Die kann aber nicht einschlafen, wenn der Kleine da ist. Ich lege ihn in die Wiege im Wohnzimmer, erkläre ihm dass ich in 10 Minuten wieder da bin. Er findet das eher so mittel. Ich erkläre der Großen, dass wir genau 10 Minuten haben und sie dann alleine schlafen muss, sie findet das ebenfalls blöd. Es geht eine Weile hin und her, mal mit Baby auf dem Arm, mal ohne. Irgendwann kommen die Tränchen beim ersten Kind, ich weiß, dass auch das zweite gleich weinen wird und dann ist es mir zu doof, dieses Verhandeln und Diskutieren, die sind doch beide noch zu klein. Ich ziehe mir mein Nachthemd an, hole beide Kinder in mein Bett. Die Große schläft selig an meiner Seite ein. Der Kleine wird nochmal gestillt und ich lege ihn vorsichtig auf die andere Seite. Er kotzt einen hübschen Milchsee auf die Matratze und ratzt auf der Stelle ein. Ich wage es nicht, mich nochmal zu bewegen oder gar aufzustehen, also liege ich in einem warmen Milchsee und merke, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

***

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, und der Wecker klingelt. Ich wecke die Große aus dem Tiefschlaf und schleiche in die Küche, um Frühstück zu machen. Während der Kaffee kocht, gehe ich zur Großen und helfe ihr beim Anziehen. Sie ist zwar schon ein großes Schulkind, aber trotzdem erst sieben Jahre alt. Wir frühstücken zusammen, und während sie anschließend Zähne putzen geht, wird der Kleine wach. Obwohl er meist anderer Meinung ist, ist man mit fünf noch ein relativ kleines Kind. Er schlurft in die Küche und frühstückt, während die Große zwar inzwischen fertig ist, aber nicht in die Schule gehen mag. Wir wohnen nämlich leider so, dass sie kein anderes Kind findet, das mit ihr zur Schule läuft. Der Mann ist nicht da, wir sind seit einem Jahr getrennt, also erkläre ich dem Kleinen, dass ich in 10 Minuten wieder da bin und begleite die Große bis zur dritten Straßenecke. Ab da läuft sie alleine, ab dort trifft sie auch manchmal andere Kinder. Kinder, mit deren Eltern ich x-mal versucht habe, einen festen Lauftreff zu verhandeln, aber die anderen Familien halten sich leider nicht dran, und so bleibt es dem Zufall überlassen, mit wem die Große morgens geht.

Als ich zurück komme, ist der Kleine ins Lego vertieft und bemerkt mich nicht einmal. Ich räume die Küche auf, mache mich fertig und versuche dann vorsichtig, das Kind vom Lego zu lösen. Nicht ganz einfach, aber irgendwann marschiert er ins Badezimmer, putzt sich die Zähne und ich helfe ihm beim Anziehen. Dann geht er in die Kita, denn die ist direkt gegenüber. Ich schaue noch aus dem Fenster, ob an der Fußgänger-Ampel alles ok ist, aber er schaut brav trotz grün nach links und rechts, macht zu den Autofahrern eine Obi-Wan-Jedi-Ritter-Geste und überquert die Straße. Wer würde da wagen, loszufahren?! Ich hole das Fahrrad aus dem Hof und radel zur Arbeit. Um 14 Uhr mache ich Feierabend, radel zurück und hole den Kleinen ab. Der hat heute Fußball und will den Weg noch einmal mit mir üben, ab nächster Woche geht er alleine. Das Komplizierteste am Fußball ist die Schleife an den Fußballschuhen, die übt er jetzt fleißig, damit die peinliche Mutter nicht immer mitkommt. Während wir beim Kicken sind, ruft die Große aus dem Hort an, sie geht noch eine Freundin besuchen. Ok, komm bitte um 17.30 Uhr nach Hause, denn um 18 Uhr kommt der Babysitter. Ich hänge eine Stunde frierend auf dem Fußballplatz ab, bewundere mein Kind, rufe Mails auf dem smartphone ab, bestelle online Faschingskostüme für die Kinder und gehe irgendwann mit dem glücklich schwitzenden Kind nach Hause. Die Fußballklamotten kommen in die Waschmaschine, das Kind unter die Dusche und die Große trudelt ein. Wir essen zusammen und da kommt auch schon die Babysitterin. Ich verabschiede mich und fahre wieder zur Arbeit, weil ich an der Hochschule eine abendliche Vorlesung zu betreuen habe.

Als ich spätabends nach Hause komme, guckt die Babysitterin fern und beide Kinder liegen in meinem Bett. Das tun sie immer, wenn ich abends nicht da bin, drum schlafe ich auch als Single in einem 180cm breiten Bett. Und die Katze liegt auch dabei, wie kuschlig! Ich verabschiede mich von der Babysitterin, lasse die Katze in die Nacht hinaus, räume die Küche auf, decke den Frühstückstisch, stecke die Wäsche in den Trockner, lege mich zu den Kindern, lausche ihrem tiefem, ruhigen Geschnarche und merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

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Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Wecker klingelt. Ich raffe mich auf, gehe die Große wecken und dann den Kleinen. Groß trifft es wirklich, denn sie ist zwar erst 12 Jahre alt, aber stolze 174cm groß. Der Kleine ist satte 20 cm kleiner, der Schwester mit seinen 11 Jahren aber auf der Spur, um sie noch um Längen zu schlagen. Ich mache beiden Kindern das Radio an, sonst werden sie überhaupt nicht wach. Kaffee kochen, Katzen reinlassen, Kinder nochmal rufen und zusammen frühstücken. Ich schmiere Vesperbrote, den Kindern kann man buchstäblich zugucken, wie der Zucker langsam im Gehirn ankommt. Die Große hat sich ihr Outfit bereits am Vortag zurecht gelegt, dem Kleinen ist das wurscht, denn er zieht an, was ihm aus dem Schrank entgegen fällt. So oder so, die beiden sind flott beim Anziehen und 30 Minuten nach dem Wecken verlässt erst Nummer eins, dann Nummer zwei das Haus. Es ist 7.20 Uhr, ich gehe ins Bad, ziehe mich an und laufe zur Arbeit. Um 16 Uhr mache ich Feierabend, kaufe noch fix was ein und komme einigermaßen müde nach Hause. Die Kinder sitzen beide auf dem Sofa und machen Hausaufgaben. Jedes Kind hat eine Katze auf dem Schoss, ein Buch vor der Nase und übt, ab und zu fragen sie sich gegenseitig ab. Das machen die echt großartig! Ich gehe in die Küche und räume die Mittagessen-Spuren der beiden weg, sie haben sich Maultaschen mit Rührei und MIT SALAT (!) gemacht. Ich räume die Einkäufe ein, fütter die Katzen und den Hasen, mache die Wäsche und setze mich samt Laptop zu den Kindern aufs Sofa. Ich muss dringend ein paar Rechnungen überweisen, Mails von Eltern, Schule und Sportvereinen beantworten und eine Ferienbetreuung organisieren. Ich mache nix davon, denn der Kleine möchte, dass ich ihn die unregelmäßigen Verben abfrage, und die Große möchte, dass ich ihrem Vortrag über die Holzgasgewinnung lausche. Wir „arbeiten“ eine ganze Weile zusammen, dann hat der Sohn keine Lust mehr und fährt ein Autorennen auf der xbox und die Große checkt ihre whatsapps. Ich klappe den Laptop zu, verschiebe das auf später und mache Abendessen. Das Abendessen dauert fast eine Stunde, denn wir erzählen uns gegenseitig unseren Tag, die beiden streiten fast und vertragen sich fast. Der Sohn bekommt Bauchweh, ich ahne Schlimmes und suche schon mal das Körnersäckchen. Nach dem Abendessen packen beide ihre Schulranzen, der Sohn verzieht sich samt Comic und Körnersäckchen ins Bett, die Tochter will noch reden. Wir hocken auf ihrem Bett und besprechen Streitigkeiten mit ihrem Lehrer, Verrücktes mit ihrer Freundin und Komisches mit den Jungs. Ich gehe rüber zum Sohn, der inzwischen formidables Bauchweh hat und arg jammert. Ich tröste ihn ein wenig, sag er solle sich in mein Bett legen, ich würde in 20 Minuten dazu kommen.

Der Kleine flitzt in mein Bett und kuschelt sich wimmernd ein, ich räume fix die Küche auf, stecke die Wäsche in den Trockner, gucke nach, ob ich morgen wichtige Termine habe und lege mich zum Sohn. Zwei Minuten später steht die Tochter vor meinem Bett und fragt, was los sei und sie habe Bauchweh. Ach herrje, da hat wohl beide was erwischt? Sie bekommt ebenfalls eine Wärmeflasche und legt sich zu uns. Sie schlafen beide erst mal ein, der Kleine schnell und die Große erst nach vielen geflüsterten Gesprächen mit mir. Soviel Nähe haben wir nicht mehr oft, und im Dunkeln reden ist auch ganz schön schön. Irgendwann ist auch auf dieser Seite Ruhe, das Bauchweh scheint auf beiden Seiten nachzulassen und ich merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

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Drei Momentaufnahmen aus dem Leben mit meinen Kindern. Als Babys, als Kita-/Grundschulkinder und jetzt, mit beiden auf der weiterführenden Schule. Vom Weckerklingeln bis zum Einschlafen. Man kann diese drei Momentaufnahmen nicht miteinander vergleichen und sie sind bei Weitem nicht vollständig, so wenig wie man sagen könnte, das Leben mit so großen Kindern sei einfacher als mit den Kleinen. Was heißt überhaupt einfacher, ist es denn so schwer?

Dass ich Kinder habe, beansprucht mich, mein Leben, mein Denken, Fühlen, meinen Alltag und meine Arbeit in jeder Sekunde. Und zwar in jeder Lebensphase anders. Die Bedürfnisse der kleineren Kinder waren basaler: die Windel war voll, der Bauch war leer, die Augen müde und die Toleranzschwelle gleich Null. Da hieß es für mich als Mutter: Prozesse voraus sehen, schnell handeln, trösten, füttern, wickeln, dabei zwei Kinder im Blick haben und nicht vergessen, die Wäsche in den Trockner zu stecken und was fürs Abendessen zu kaufen.

Die Kita-/Grundschulkinder waren schon sehr selbständig, waren glücklich in der Ganztageskita und im Hort, haben ihre Wege selber erledigt und konnten auch mal ½-1 Stunde alleine bleiben. Dafür hatten Sie entweder unzählige Sport-/Musiktermine oder haben sich mit Freunden verabredet, heute auf den Spielplatz, morgen beim Freund zu Hause, übermorgen alle bei uns. Heute zum Ballett, morgen zum Fußball, übermorgen zum Schlagzeug und Capoeira macht mir übrigens keinen Spaß mehr, Mama. Beinahe jeden Tag wurde telefoniert, verschoben und überlegt, wer wann wo ist und ob der Weg wirklich klappt oder ob ich das organisiert kriege. Ich habe zwar nur 50% gearbeitet, war aber bereits getrennt und hatte mit Job und Familienleben mehr als genug zu tun. Und natürlich damit, die Wäsche rechtzeitig in den Trockner zu stecken.

Jetzt habe ich zwei große Kinder, von denen alle sagen, dass ich doch jetzt zwei so große Kinder habe und sicher alles einfacher ist. Wieso eigentlich? Die andere Binsenweisheit lautet doch „Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen“? Ich weiß nicht, ob es kleiner oder größer ist, ob man das in Größe und Wertigkeit „aufrechnen“ kann. Aber tatsächlich hat mich früher die Frage umgetrieben, ob die Kleine eigentlich wegen des Kümmeltees soviel pupst, während ich mich jetzt frage, ob die Schulwahl die richtige war – eine vielleicht doch etwas nachhaltigere Entscheidung. Die Organisation, der Alltag mag mit großen Kindern einfach(er) sein. Denn sie bleiben in der Tat auch alleine zu Hause, ich brauche keinen Babysitter mehr und sie kochen sich selber was zu essen. Mit Salat! Aber die Verantwortung für diese beiden Menschen, die noch lange nicht erwachsen sind, ist dieselbe geblieben, und die liegt hier ganz allein bei mir.

Wenn die Kinder jetzt bereits die Verantwortung für sich übernehmen würden, wären wir hier auf dem falschen Weg. Ich sehe diese Gefahr durchaus, denn die Kinder wissen, dass ich sehr beansprucht und oft erschöpft bin und sie versuchen schon viel zu oft, mich zu entlasten. Es mag ja auch toll sein, wenn die großen Kinder mal die Eltern umsorgen. Das muss aber eine Ausnahme bleiben und darf nicht zur Gewohnheit werden, denn mit 11 und 12 Jahren ist man eben noch lange nicht reif genug, die Mutter zu ersetzen. Christine Finke gab all jenen, die denken, große Kinder könnten alles mögliche übernehmen, den Rat, mal Parentifizierung zu googeln. Und das tue ich hiermit auch: Eine Parentifizierung findet statt, wenn sich das Kind aufgefordert und/oder verpflichtet fühlt, seinerseits die nicht-kindgerechte, überfordernde und seine weitere Entwicklung blockierende „Eltern-Funktion“ gegenüber einem oder beiden Elternteil(en) wahrzunehmen, sagt Wikipedia. Die Kinder sollen altersgerecht Pflichten übernehmen und im Haushalt mit anpacken und gerne auch mitdenken. Aber sie sollen nicht die Verantwortung übernehmen, die ich tragen sollte. Das ist manchmal ein schmaler Grat, aber während vielleicht andere Eltern versuchen, die Kinder stärker mit einzubeziehen, versuche ich hier oft, ihnen ihre Kindheit zu bewahren und sie nicht unnötig früh mit der Verantwortung für ihr junges Leben oder gar für mich zu überfordern.

Ich bin für ihre körperliche und geistige Gesundheit verantwortlich. Ich bin ihre Ansprechpartnerin, wenn sie wütend, traurig, glücklich, besorgt, verliebt sind oder sich ungerecht behandelt fühlen. Sie suchen und brauchen immer noch Grenzen und jemanden, der sie daran entlang oder drüber begleitet, und da ich hier die einzige Erwachsene im Haus bin, bin ich das nun mal. Immer. Und ich bin sehr froh darüber!

Wenn die Kinder sich mir jetzt bereits verschließen würde, könnte ich wahrscheinlich in ein bis zwei Jahren, wenn die Pubertät ihrem Höhepunkt entgegen steuert, hier die Rollläden runter lassen. Aber ich bin da, höre zu, sorge mich um sie, diskutiere und freue mich mit ihnen. Wie an jedem einzelnen Tag, seit ihrer Geburt. Das ist anstrengend und das geht auch noch mindestens 7-8 Jahre so weiter. Das wird nicht weniger, das wird nicht leichter, das wird nur immer wieder anders, und für mich ist das völlig in Ordnung. Denn es macht unfassbar glücklich, nicht nur zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen, sondern mit ihnen zu leben, jeden Tag.

Foto von Porapak Apichodilok
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Über große und kleine Kinder

Mama, bist Du glücklich?

„Mama bist Du glücklich?“

fragte mich meine Tochter. Wir saßen auf einer sonnigen Wiese im Wald, hatten gerade eine kleine Fahrradtour gemacht, der Sohn war mit dem Freund im Gehölz verschwunden und wir zwei saßen mit Kaffee & Kuchen unterm Baum. Ein wunderschöner Moment, ein glücklicher Moment. Und trotzdem habe ich mit der Antwort kurz gezögert.

Ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. Ich bin gerade nicht sehr zufrieden mit meinem Leben, nicht glücklich. Aber will ich das in diesem Moment meinem Kind sagen? Sie hat mich das gefragt, weil sie in diesem Moment sehr glücklich war und weil sie sich vergewissern möchte, ob es mir auch so geht. Oder DASS es mir auch so geht? Meine Tochter ist ein sehr mitfühlender Mensch, sie freut sich mit mir und sie leidet mit mir. Wenn es mir nicht gut geht, übernimmt sie schnell Verantwortung, um mich zu entlasten. Dann räumt sie nicht nur die Küche auf, sie versucht auch, mich so wenig wie möglich zu belasten und den kleinen Bruder gleich noch mit zu erziehen. Damit ist sie dann natürlich überfordert, denn sie ist 12, nicht 20.

Wenn ich ihr jetzt sage, dass ich eigentlich grad gar nicht glücklich bin, macht das diesen sonnigen kleinen Moment zwischen uns kaputt und sie wird obendrein anfangen, sich Sorgen um mich zu machen. Das möchte ich nicht. Weder den Moment kaputt machen noch das Kind in Sorge bringen.

„Klar Süße“ sage ich also, und blinzle in die Herbstsonne.

Für den Moment stimmt das, für meinen generellen Seelenzustand nicht. Sie lächelt glücklich und genießt ihren Himbeerkuchen und ich bin mit einer Notlüge davon gekommen.

Will ich mein Kind denn wirklich anlügen, ist nicht diese „authentische Elternschaft“ so irre wichtig? Ich fand in dem Moment ihren kindlichen Seelenfrieden wichtiger, als ihr meine Unzufriedenheit mit meinem Leben aufzutischen. Ich soll authentisch sein als Mutter, aber ich habe auch Verantwortung als Mutter. Verantwortung dafür, was meine Kinder aushalten können und was nicht. Und sie halten eine Menge aus. Seit sieben Jahren leben wir drei alleine, in den sieben Jahren bin ich 2x mit burn out zusammen geklappt und wir waren 3x in MutterKindkur. Die Kinder wissen sehr genau warum, sie wissen, dass ich viel arbeite und sie wissen, dass ich oft sturzmüde bin, weil ich abends berufliche Termine habe und trotzdem immer und ausnahmslos um 6.30 Uhr aufstehe, um mit ihnen vor der Schule zu frühstücken und dann auch selber zur Arbeit zu gehen. Sie sind abends manchmal alleine, wenn ich arbeite, und sie sind mittags oft alleine, weil ich arbeite. Dann machen sie sich selber was zu essen, machen vielleicht nicht die Hausaufgaben, gehen vielleicht nicht zeitig ins Bett und vergessen vielleicht die Katzen zu füttern. Aber irgendwie kriegen wir drei das schon hin. Ich habe großartige, selbständige, kompetente und fröhliche Kinder, auf die ich sehr stolz bin!

Ich bin sehr glücklich mit meinen Kindern, ich habe meinen Traumjob und wir haben keine finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen. Ich hätte die Frage meiner Tochter auch ohne zu zögern mit JA beantworten können.

Aber ich habe gezögert, denn es sind genau diese drei Dinge, die mein Glück trüben: ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. An der Müdigkeit ist die Schule in Kombination mit meinem Job schuld – ist halt blöd, wenn man abends Kulturveranstaltungen organisiert und Schulkinder hat. An der Einsamkeit ist die Kombination aus Arbeit und Familienleben schuld: mein Kontingent an „abends ausgehen“ ist durch meinen Job und die üblichen Elternabende komplett ausgeschöpft. Ich habe ausschließlich berufliche oder kindbedingte Termine und Kontakte, für mehr ist keine Zeit und auch keine Energie da. Und dass ich zu viel arbeite, liegt in der Natur der Sache: 100% arbeiten und sich alleine um zwei Kinder samt Haushalt kümmern ist halt stressig. Um es mal charmant auszudrücken.

Ich bin unzufrieden, denn ich hätte gerne mehr Zeit für meine Kinder. Und ich würde gerne entspannter im Job meinen Kram zu Ende machen und nicht immer die Hälfte liegen lassen. Ich bin unzufrieden, weil ich gerne noch irgendwas anderes machen würde außer mich um Familie und Job zu kümmern. Zum Beispiel Freunde treffen, zum Yoga gehen, eine spannende Fortbildung oder gar ein Aufbaustudium, aber daran bin ich schon so oft gescheitert, dass ich das auf „wenn die Kinder aus dem Haus sind“ verschoben habe. Ich kriege das zur Zeit weder organisiert noch finanziert. Und ich bin unglücklich, weil ich immer und für alles alleine die Verantwortung trage in unserer kleinen Familie. Das macht mich auf Dauer fertig. Bevor ich jetzt wieder Tipps für Alleinerziehenden-Single-Börsen bekomme: ein neuer Partner reisst’s nicht raus. Bevor ein neuer Mensch in meinem Leben hier nicht nur grinsend mit am Frühstückstisch sitzt, sondern auch den Müll raus bringt, die Kinder zum Arzt begleitet, kindliche Wutanfälle auffängt und abends im Bett eine Stunde lang Schulprobleme diskutiert statt andere lustige Dinge zu tun, muß der schon verdammt gut in die Familie integriert sein. Ich hab dieses Level mit meinen zwei Patchwork-Versuchen nie erreicht. Und für eine zur Familie rein additive Partnerschaft fehlen mir Zeit und Energie. Also bleibt die Verantwortung bei mir allein, immer.

Dinge die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren, das sollte ich in meinem Alter mal gelernt haben. Akzeptieren ist ja nicht resignieren, sondern einfach nur „so ist es halt“ und immer den wachsamen Blick darauf, ob sich nicht doch was ändert oder ändern lässt in unserem System.

So hadere ich mit meinem Glück, und deshalb werde ich vielleicht immer kurz zögern, wenn mein Kind mich fragt, ob ich glücklich bin. Dabei sollte ich mich auf den Augenblick besinnen und ihn genießen, dann ist es auch komplett authentisch wenn ich sage: Ja Süße, mit Dir und dem Himbeerkuchen und Kaffee und in der Herbstsonne bin ich glücklich!

herbstsonne

Mama, bist Du glücklich?

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Für die Kinder heißt es Papa-Wochenende, für mich heißt es kinderfreies Wochenende, im Trennungsjargon heißt es Umgangswochenende. Das Wochenende, an dem die Kinder, die bei der Mutter wohnen, bei ihrem Vater sind. „Umgang haben“.

Wir machen das jetzt seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren sind die Kinder 12 Tage am Stück bei mir und 2 Tage beim Vater. Bei uns in der extended version: er holt sie Freitag ab und bringt sie Montags zur Schule. Das war uns wichtig bei der Trennung, dass es so lange wie möglich geht, denn drei Übernachtungen sind was anderes als nur eine, da kommt mehr Alltag auf, mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammen leben, mehr Nähe für Vater und Kinder.

Das ist toll und das ist anstrengend, für alle Seiten. Am anstrengendsten ist es glaube ich für die Kinder. Raus aus dem Zuhause, rein ins Wochenende, wo alles anders ist. Am Anfang, als der Kleine noch 4 war, hat er am Wochenende nach mir geweint. Während der Woche hat er nach dem Papa geweint. Die Große hat sich beherrscht. Jetzt ist der Kleine 10 und die Große 11, und jetzt ist sie es, die mich zwischendurch anruft, weil sie mich vermisst. Dann reden wir ein bisschen und dann geht es wieder.

Wir Eltern haben uns irgendwann mit der Situation arrangiert. Die Kinder jedoch bekommen die Trennung jedes 2. Wochenende neu vor Augen geführt. Was das an emotionaler Flexibilität und Stärke fordert und zugleich gebildet hat, das wage ich kaum zu erahnen. Was ich sehe ist: sie machen es verdammt gut, die Kinder. Sie freuen sich jedes Mal auf ihren Papa, und sie kommen entspannt zu mir zurück. Eine Zeit lang gab es Montags regelrechte Anpassungsstörungen, die Kinder fanden nur schwer wieder zu mir zurück und es gab Krach und Tränen. Seit etwa einem Jahr ist selbst das überwunden, und dafür bewundere ich sie.

Wir haben in den sechs Jahren eine ziemlich Routine entwickelt, auch wenn sich die Umstände immer mal wieder geändert haben. Die Routine ist mir vor ein paar Tagen aufgefallen, als ich angefangen habe, das Wochenende vorzubereiten und ein bisschen dazu getwittert habe. Der Sohn wird Freitags um 17 Uhr im Hort abgeholt, die Tochter geht nicht mehr in den Hort und ist mal bei einer Freundin, mal zu Hause, mal bei mir auf der Arbeit. Also 10 Rückfragen mit der Tochter, wo sie denn nun ist und wo der Papa sie abholen soll. Das Ergebnis dem Vater kommunizieren. Da wir Freitag um 7.20 Uhr das Haus verlassen, muss Donnerstag Abend alles gepackt sein. Oh, Du willst Deinen Lieblingspulli am Wochenende anziehen? Dann wasch ich den noch schnell und pack ihn morgen früh ein.

umgangswochenende3

Routiniert habe ich Donnerstag Abend die Vesperdosen, Trink- und Thermosflaschen aus den Schulranzen geholt und gespült. Freitag werde ich nur Einwegflaschen und Brottüten nehmen. Ich habe im Lauf der letzten Jahre derart viele Dosen und Flaschen verloren, dass der Ex damit locker eine ganze Kita versorgen könnte. Wenn ich ihn drauf anspreche, hat er die Sachen nicht, im Schulranzen sind sie aber Montag auch nicht. Hm, dann scheinen die Kinder genau alle 14 Tage die Dosen und Flaschen in der Schule zu verlieren. Verrückt!

Mützen und Handschuhe packe ich kaum noch ein, es wird irgendeinen Ersatz beim Vater geben, sollten die Sachen überhaupt notwendig sein. Denn auch dieser Kleinkram verschwindet einfach. Instrumente gebe ich schon seit Jahren nicht mehr mit, das Üben wird eh vergessen. Montag frage ich besonders gründlich, ob es aus der Schule was zum Unterschreiben gibt, denn am Wochenende wird so was nicht vom Vater erledigt. Die Kinder sagen ihm nichts, er fragt nicht.

Und so werde ich auch am Montag die Taschen wieder auspacken und die ungetragene Unterwäsche wieder in den Schrank legen. Ob er gewaschen hat? Kaum. Ob er selber Unterwäsche angeschafft hat? Keine Ahnung. Bei mir zu Hause ziehen die Kinder ohne Ansage von mir jeden Tag frische Wäsche an, ich weiß nicht, wie das am Papa-Wochenende läuft.

Am Donnerstag Abend schicke ich die Kinder nochmal unter die Dusche, weil so ein Papa-Wochenende offenbar keine Zeit für Körperhygiene lässt. Und Donnerstag bis Montag Abend ist eine lange Zeit, wenn man jeden Tag die Hände überall hat, wo nur 10jährige Jungs sie haben können. Die Tochter achtet inzwischen selber drauf und legt bei mir bereits ganze Wellness-Tage ein, und so geht sie aus eigenem Antrieb auch beim Vater duschen. Warum die Kinder allerdings bei mir immer jammern, dass wir keine Badewanne haben, und dann beim Vater nie baden, erschließt sich mir nicht.

Irgendwann habe ich mal gefragt, ob Kinder & Wäsche am Montag nicht genauso zurück kommen können, wie ich sie abgeliefert habe: sauber. Er hatte eine einfache Antwort: nein. Und so analysiere ich entweder beim Auspacken jede Socke, ob sie getragen wurde, oder ich wasche einfach alles.

Ich nehme das hin, lakonisch, weil es einfach so ist. Ich bin davon überzeugt, dass mein Exmann das alles überhaupt nicht böse meint oder gar tut, um mir zu schaden. Nein, er ist einfach etwas gedankenlos und fühlt sich auch nicht so recht dafür verantwortlich. Letztlich ist es mir egal, ich habe alle Stadien der Auseinandersetzung mit ihm darüber durch, und ich werde meine Lebenszeit und meine gute Laune nicht mehr damit verschwenden, über Trinkflaschen und gewaschene Haare zu diskutieren.

Ich habe es auch aufgegeben, ihn auf Termine hinzuweisen, die irgendwie wichtig wären. Wenn die Kinder auf Geburtstagen eingeladen oder mit Freunden verabredet sind, dann klappt das inzwischen. Ich trage die Termine mit sämtlichen Daten in unseren google-Kalender ein, schicke noch eine Mail oder SMS und mit nur 1-3 Rückfragen in letzter Sekunde (wo ist das? Wann? Welches Geschenk?) haut das dann hin. Aber darüber hinaus? Nö. Ich habe sogar schon Kinderbuchautoren eingeladen (ich bin Veranstalterin, drum kann ich das) an denen echt das Herz der Kinder hing, und unsere komplette Kita samt Schulklasse war bei der Lesung, nur meine Kinder nicht. Vergessen, sie waren im Spaßbad. Die anschließende Enttäuschung der Kinder war bodenlos, aber sie würden niemals ihren Vater kritisieren.

Vergessen, verloren, verpeilt. Das gilt auch für den Rückweg: früher haben die Kinder ihr Kuscheltier beim Papa vergessen, jetzt ist es das Ladekabel. Wenn ich ihn frage, sagt er „die Kinder haben gepackt“. Ja gut, man kann die Verantwortung an die Kinder abgeben. Man kann die Kinder auch dabei unterstützen, es zu lernen, an ihren Kram zu denken. Oder man fährt halt im Laufe der Woche nochmal zur Kindsmutter, um Sachen zurück zu bringen. Jedes Mal. Seit 6 Jahren. Kein Lerneffekt beim Vater. Sehr wohl jedoch bei den Kindern, die inzwischen die Sachen, die ihnen wichtig sind, einfach bei mir lassen. So geht’s auch.

Umgang der Kinder mit dem Vater heißt übrigens auch: Umgang der Mutter mit dem Vater. Wir bleiben in Kontakt, ob wir wollen oder nicht. Egal, wie routiniert wir sind, irgendwas gibt es immer zu besprechen. Dank google weiß ich zwar, an welchem Wochenende 2019 die Kinder beim Vater sind, aber ob sie in den Faschingsferien bei ihm sind, hat er mir noch nicht verraten. Ist ja erst in 4 Wochen. Ich arbeite Vollzeit und habe eine 6. Klässlerin ohne Ferienbetreuung. Der Sohn geht gottlob noch bis zum Sommer in den Hort, aber für die Tochter muss ich jedes Mal was organisieren. Da ich finde, dass er sich an der Ferienplanung beteiligen soll, muss ich dann auch mit ihm kommunizieren. Es gibt Kindertermine und Krankheiten zu kommunizieren, Weihnachten zu besprechen, Kindergeburtstage zu planen, Ferien aufzuteilen. Das ist in Summe deutlich mehr Kontakt, als man sich das nach der Trennung wünscht, und es läuft selten reibungslos.

Aber eigentlich ist das alles egal. Das ist lästige Routine und es wird sich auch nicht mehr ändern. Irgendwie ist es ja auch tröstlich, denn ich hatte ja meine Gründe für die Trennung und durch diese ganze Kommunikation werde ich immer wieder an diese Gründe erinnert. Falls ich sie jemals vergessen sollte.

Es ist egal, denn das Wichtigste klappt einwandfrei:

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Die Kinder lieben ihren Papa, sie freuen sich auf das Wochenende beim ihm und es geht ihnen dort gut. Ich kann sie komplett bedenkenlos ihrem Vater überlassen und ich vertraue ihm zu 100%, dass er sich gut um sie kümmert. Es gab in den 6 Jahren keinen einzigen Grund, daran zu zweifeln. Die Wochenenden beim Vater sind die einzigen Zeiten, wo ich nicht IMMER aufs Handy schaue, ob den Kindern was passiert ist. Und wenn, dann kommen nur whatsapps mit süßen Fotos oder lustigen Nachrichten. Es geht ihnen gut mit ihrem Vater, sie sind dort glücklich, das ist unglaublich wertvoll!

Pädagogische Grundsatzdiskussionen führe ich nicht mehr. Der Medienkonsum dort übersteigt den bei mir um Längen, es wird nix geübt und auch nix besprochen, es wird nix unterschrieben und es werden keine Fingernägel geschnitten, aber die Kinder sind glücklich. Was hätte ich von gelüfteten und gewaschenen Kindern, die Mathe und Gitarre geübt haben, aber großen Kummer haben?

Und ich? Bin ich glücklich mit den kinderfreien Wochenenden?

Es sind Tage wie aus der Zeit gefallen: schlagartig sind bestimmte Uhrzeiten unwichtig: 17 Uhr, der Hort ist aus: egal. 19.25 Uhr, auf kika kommt „Wissen macht ah“: egal. Sonntag 11.30 Uhr die Maus: egal. Es ist schon 15 Uhr, wir waren noch nicht an der frischen Luft und es wird bald dunkel: egal. 18.40 Uhr, es wird Zeit fürs Abendessen: egal.

Es ist komplett egal, wie spät es ist, denn ich bin der einzige Mensch, um den ich mich kümmern muss. Irre! Und nicht nur die Zeit ist egal, auch was ich tue und lasse ist total egal. Mitten am Tag Fernseh gucken. Lange schlafen. Den ganzen Sonntag arbeiten. Schokolade im Bett. Aufs smartphone glotzen, twittern, klicken, daddeln: alles egal. Beim „Wochenende in Bildern“ kann man mal reinschauen in mein kinderfreies Wochenende.

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Es ist alles egal, denn ich bin hier allein und für niemanden verantwortlich.

Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.

Und das ist vielleicht die größte Erholung für mich am kinderfreien Wochenende: dass meine Seele zur Ruhe kommt.

Dass ich die Betten frisch beziehe, die Wohnung putze, den Kaninchenstall ausmiste, die Steuererklärung machen, das Regal andübel, den Keller aufräume, die Kinderklamotten ausmiste, Rechnungen bezahle, Schulferien plane. Dass ich all die Dinge tue, die man natürlich auch MIT Kindern machen kann, die dann aber ungleich nerviger sind – dass ich all diese Dinge tue, ist nichts gegen die Erholung, die meine Seele am kinderfreien Wochenende findet, weil niemand an ihr zieht und zerrt.

Und natürlich freue ich ich auf den Montag abend, wenn wir alle wieder zusammen sind und reden, zuhören, streiten, trösten und lachen.

Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

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dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken

Wie schaffst Du das bloß?

Sinnvoll schenken

Bea Beste vom Kreativblog Tollabea wollte wissen, ob und wie wir zu Weihnachten sinnvoll schenken. Und ob es nicht nicht viel zu viel ist, was da hin- und hergeschenkt wird. Nun, unser Geschenkeberg hält sich eh in Grenzen, weil ich alleine mit zwei Kindern bin und es finanziell gar nicht drin ist, haufenweise Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu stapeln. Und die Geschenke der Kinder an mich spielen sich in recht überschaubarem Rahmen ab.

Aber es gibt ja noch die Verwandschaft, wir fahren zu Tante, Onkel, Oma, Nichten & Neffen, wir feiern auch mit dem Kindsvater samt seiner neuen Familien. Ich habe weder Fantasie noch Geld, für alle Beteiligten Geschenke zu besorgen und ich finde es auch nicht sinnvoll. Bestenfalls kommen ein paar Staubfänger oder ulkige Designobjekte dabei heraus. Und angesichts der Katastrophe in Aleppo finde ich es geradezu geschmacklos, meine Ex-Schwiegermutter irgendein Buch zu schenken, das sie entweder schon hat oder nicht liest, weil ich zu wenig von ihr weiß, während man für 30€ ein syrisches Kind einen Monat lang mit Nahrung, Medikamenten und Hygiene versorgen kann.

Deshalb sieht mein „Geschenkekonzept“ dieses Jahr so aus: die Kinder basteln sowieso schon seit Wochen Geschenke aus Naturmaterialien, da weiß ich schon gar nicht mehr, wie ich diese Kunstwerke transportieren soll. Diese Geschenke kommen vom Herzen und werden sicher allen Verwandten eine große Freude machen. Meine Kinder bekommen von mir ein (1) sinnvolles Geschenk, eins, das sie sich sehnlich gewünscht haben und von dem ich weiß, dass es sie lange beschäftigen wird. Also kein fernsteuerbaren Hubschrauber, der nach 3 Runden gegen die Wand knallt und kaputt ist, sondern ein Lego-Set mit vielen raren Steinen und Figuren für den Sohn und ein Bildband zur Entstehung des neuen Harry-Potter-Films für die Tochter. Alle anderen (Kinder und Erwachsene) bekommen eine kleine selbstgebastelte Aufmerksamkeit und ein Kärtchen mit der Info, dass ich 10€ an Ärzte ohne Grenzen gespendet habe. Das hört sich nicht viel an, aber es sind insgesamt neun Leute und das ist dann schon eine Menge Geld.

Als Organisation habe ich Ärzte ohne Grenzen ausgesucht, weil die viele sinnvolle Projekte und einen geringen Verwaltungsaufwand haben. Und neben dem Notstand in Aleppo gibt es leider noch andere Krisengebiete, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ärzte ohne Grenzen wählen hier klug aus und engagieren sich nachhaltig.

Frohe Weihnachten!

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meine selbstgebastelte Kleinigkeit
Sinnvoll schenken

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!

Du sollst Vater und Mutter ehren.

Dieses biblische Gebot nehmen Kinder nach der Trennung oft besonders ernst: sie ehren und lieben natürlich immer noch beide Eltern. Oft sogar besonders kritiklos und überschwänglich denjenigen Elternteil, bei dem sie nach der Trennung nicht mehr leben. Den, den sie oft am meisten vermissen.

Das ist völlig in Ordnung so und auch erklärbar, denn die Kinder lieben eben beide Elternteile und vermissen natürlich den mehr, den sie nicht so oft sehen.

Wenn nun die Eltern es geschafft haben, sich in Freundschaft zu trennen und einander wohlgesonnen sind, dann ist für alle Beteiligten die Welt einigermaßen in Ordnung. Bis auf die Trennung natürlich. Wenn es aber Unstimmigkeiten zwischen den Eltern gibt, dann kann man gut beobachten, welche riesige Leistung die Kinder in Erfüllung des 5. Gebotes vollbringen: sie ehren immer noch Vater UND Mutter. Den meist abwesenden Vater womöglich noch ein bisschen mehr als die Mutter.

Der wird, so ist es seit den sechs Jahren der Trennung bei uns, kritiklos angehimmelt und dem wird vor allem alles verziehen:

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Nun hat der Vater dieselben 24 Stunden pro Tag zur Verfügung wie alle anderen Menschen auch. Die Frage ist, mit welchen Prioritäten er sie füllt. Da spielt der Job eine wichtige Rolle, die neue familiäre Situation und auch persönlichen Befindlichkeiten des Mannes und da spielen die Kinder eine Rolle. Auch wenn sie nur alle 14 Tage da sind. Dass man den Kindern, die man eh schon nur alle zwei Wochen sieht, eine Freude mit einem Adventskalender macht, das kann man sich merken nach 12 Jahren der Vaterschaft oder eben auch nicht. Macht eigentlich auch nichts, denn die Kinder verzeihen dem Papa ja sowieso. Da wird dann entschuldigend „ach ich Schussel“ gekichert, die Kinder kichern mit, und gut ist. So kann der Vater sich das herrlich zusammen reimen in ein „War ihnen ja eh nicht so wichtig“. Nein, denn die Kinder würden es nie wagen, den geliebten Papa zu kritisieren. Und er ruht sich darauf recht bequem aus.

Nicht nur die Kinder, auch die Mutter soll den Vater und Exmann nicht kritisieren, die Kinder wollen ihr Bild vom geliebten Papa unbedingt aufrecht erhalten. Sollen sie, ich will ihnen nicht im Wege stehen bei ihrer Beziehung zum Vater. Aber darf die Mutter deshalb nicht einmal Fakten und schiere Informationen aussprechen?

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Die Kinder wollen das nicht hören. Sie spüren, sie wittern die unausgesprochenen Kritik am Vater und wehren diese intuitiv ab. Auch bei uns kommt jeden 2. Freitag um 17 Uhr die SMS „ich steh im Stau“. Sobald mir eine Bemerkung über früheres Losfahren des Exgatten rausrutscht, werde ich sofort ermahnt: „Der Papa hat eben so einen wichtigen Job!“. Jetzt aber hallo und erst recht die Klappe halten, sonst gerät meine Kritik ein kleines bisschen fundamentaler (UND MEIN JOB? UND ICH? schreit es in mir). Aber nein, ich soll mir wohl jede Wertung verkneifen, denn wie wir gesehen haben, ist für die Kinder die schiere Information ja schon zu viel des Negativen. Puh!

Und wir können noch eins drauf setzen: muss ich auch lügen?

Bei meinen Kindern kam das Thema auf, dass der Vater viel mehr Zeit mit seinem neuen Baby verbringt als mit seinen großen Kindern. Logisch, das Baby wohnt ja auch bei ihm. Der Sohn war darüber ein wenig traurig, denn er würde auch gerne so viel Zeit mit dem Papa verbringen. Der hat dem Sohn das so erklärt: „Als Ihr so klein wart, habe ich mit Euch auch so viel Zeit verbracht“, was mir die Kinder gleich glücklich erzählt haben. Ich grüble, erinnere mich und kann nur feststellen: das stimmt einfach nicht! Er hat stolz erzählt, dass er wegen des Babys 2 Wochen Urlaub und dann nochmal wochenlang home office hatte. Bei K1 war er eine Woche, bei K2 einen Tag zu Hause. Drei Tage nach der Geburt des Sohnes war er ein paar Tage auf Dienstreise, ich war allein mit einem 20 Monate altem und einem 3 Tage alten Kind. Und so blieb es: er war oft da, aber er war genauso oft weg, und zwar tagelang. Oder er hat es geschafft, zwar im selben Haushalt wie ich und die Kinder zu leben, sie aber eine Woche lang nicht zu sehen: morgens schon weg und abends erst da wenn die Kinder schlafen. Monatelang, Jahrelang.

Seit mein Sohn krabbeln kann, stand er morgens an meinem Bett und hat geweint, weil der Papa nicht da ist. Nein, er hatte nicht mehr Zeit für die Kinder, als sie klein waren. Er hatte nie Zeit, der Job war immer wichtiger.

Dieses „als Ihr kleiner wart, hatte ich für Euch mehr Zeit“ ist eine glatte Lüge, aber der Exmann möchte das wohl gerne glauben und die Kinder wollen das auch gerne glauben. Und ich? Spiele ich das Spiel mit? Darf ich meine Meinung sagen, ohne den Kindern ihre abgöttische Liebe zum Vater abzuquatschen?

Ich bin sehr für Ehrlichkeit mit den Kindern. Und ich bin sehr dafür, dass sie eine gesunde Beziehung zu ihrem Vater haben. Das bringt mich in einen Gewissenskonflikt. Ich kann ganz ruhig und sachlich bleiben und sagen: ich habe das anders in Erinnerung. Mehr nicht. Petra in obigem Tweet kann natürlich sagen „ich schimpfe nicht, ich habe gesagt er kommt später“. Wenn der Sohn Verständnis entfaltet ob der Vergesslichkeit des Vaters, dann halte ich verdammt nochmal die Klappe: was habe ich mit dem Adventskalender des Vaters für die Kinder zu schaffen? Was habe ich in der Beziehung zwischen dem Vater und den Kindern rumzuwurschteln? Nix, und deshalb halte ich den Mund.

Wenn es aber unsere gemeinsam Erinnerung betrifft, dann habe ich wohl das Recht, meine eigene Erinnerung zu benennen. Nach Möglichkeit so, dass die Kinder nicht in den Konflikt kommen, dem Vater oder der Mutter zu glauben. Sondern so, dass es beide Versionen zulässt: meine Erinnerung ist so, und die von Papa ist eben anders.

„Papa hat gesagt, er hat deshalb soviel gearbeitet, weil er uns ein schönes Leben ermöglichen wollte“. Und dafür bewundern sie ihn, denn er wollte ja nur Gutes für die Kinder. Wann das schöne Leben stattfinden sollte, wurde nicht gesagt, die ersten 6 Jahre der Ehe und des Lebens der Kinder jedenfalls nicht. Vielleicht hätte ich noch länger warten sollen, aber ich hatte die Geduld und die Hoffnung verloren, dass sich da noch was ändert. Und bin, mürbe von der Warterei, mit den Kindern ausgezogen, um ohne ihn ein schönes Leben zu haben.

Ich merke schon, ich kann gar keinen einigermaßen objektiven Text über dieses „Vater kritiklos vergöttern“-Thema schreiben, wie ich es eigentlich vorhatte. Ich komme trotz aller Anstrengung immer gleich in eine Wertung und rühre an eigene, verletzende Erinnerungen. Die der Exmann Jahre nach der Trennung immer noch schön redet. Denn es geht ja nicht um die Farbe der Badezimmerkacheln oder um den Nachtisch am Sonntag. Nein, es geht natürlich genau um die Themen, in denen wir so grundverschiedene Auffassung von Familie, Kindern, Prioritäten und Werten hatten und auch heute noch haben, dass es folgerichtig auch zur Trennung kam. Die Kinder lehnen diese Trennung intuitiv ab. Sie wollen Mama und Papa gleichermaßen, sie wollen, ganz biblisch, Vater und Mutter ehren. Wobei ich keine Ahnung habe, ob ich genauso kritiklos verteidigt werde, wenn die Kinder beim Vater sind.

Die Eltern bedingungslos zu lieben, alle beide, gehört wohl zu der Natur eines Kindes, und da will ich sie natürlich nicht dran hindern. Aber ich will auch nicht lügen oder Lügen passiv bestätigen durch nicht-Korrektur. Gleichwohl will ich die Kinder nicht in einen Loyalitätskonflikt bringen, indem ich sie mit zwei Versionen einer Geschichte bekannt mache (die vom Papa und meine) und dann ihnen überlasse, was sie glauben, wem sie glauben und wie sie sich ihre Geschichte zusammen reimen. Dafür sind sie, auch wenn sie schon 10 und 11 Jahre alt sind, auch einfach noch zu jung.

Ich will nicht den Kindern gegenüber schlecht von ihrem Vater reden, und ich verbitte mir das auch von jedem anderen. So habe ich schon meiner Mutter den Mund verboten und sie nahezu rausgeschmissen, weil sie sich in Anwesenheit meiner Kinder der Lästerei über meinen Exmann hingab. Das kann sie machen wenn die Kinder nicht dabei sind, aber ich will nicht, dass meine Kinder das hören. Auch wenn meine Mutter meint, „die können das ruhig hören“: Am Ende werden sie nur die Oma hassen, weil die schlecht vom Papa redet. Dabei lieben sie ihre Oma ja auch, und dann haben wir wieder den Salat.

Nein, über den Papa wird nicht schlecht geredet, und ich gebe mir große Mühe, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sie in einer glücklichen Beziehung voller Liebe gezeugt wurden, dass sie absolute Wunschkinder für uns waren. Denn das entspricht voll und ganz der Wahrheit.Stressig und unglücklich wurde die Ehe erst später, bis es dann zur Trennung kam, aber dass die Kinder überhaupt auf der Welt sind, hat einen guten und glücklichen Grund. Und so kann ich den Kindern schöne und fröhliche Anekdoten aus ihrer Baby- und Kleinkindzeit mit dem Papa erzählen, ohne zu lügen. Dasselbe tut der Kindsvater, er berichtet über die frühe Kinderzeit und biegt sich ob seiner Abwesenheiten seine Wahrheit eben so zurecht, dass er sein Gesicht behält. Eine bis zu einem gewissen Maße verständliche Aktion. Wenn die Sache aber zur offenkundigen Lüge ausartet, fühle ich mich verpflichtet, zumindest klar zu stellen, dass ich das anders in Erinnerung habe.

Doof nur, dass es mich nicht immer in der abgeklärtesten Situation erwischt, so eine Frage der Kinder, und dass diese hingegeigten Wahrheiten des Vaters so sehr an meine verletzte Erinnerung rühren. Bleib da mal ruhig, sachlich und trotz allem so pflichtbewusst dem Expartner gegenüber, dass die Kinder sich entspannt ihre Version der Geschichte zusammen reimen können. Und dass die Kinder ungetrübt weiter beide Eltern lieben und ehren können.

Das ist schon manchmal echt ein emotionaler Kraftakt. Ich werde nicht lügen, und ich finde dafür, dass der Exgatte sich einfach mit (Not-)Lügen und Halbwahrheiten durchschummelt und schönredet, bin ich immer noch ganz schon loyal.

Verdammte Scheiße!

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Nachtrag

Ich habe viele Reaktionen auf diesen Text bekommen. Einige gingen in die Richtung „Irgendwann brechen die Kinder den Kontakt zum Vater ab, sie werden schon wissen wer sie wirklich liebt.“

Ich möchte eins klar stellen: das letzte, was sich meinen Kindern wünsche, ist, dass ihre Beziehung zum Vater zerbricht! Sie lieben ihn und er liebt sie, und ich wünsche beiden Seiten sehr, dass das so bleibt. Und genau daher rührt mein Konflikt: ich möchte die Beziehung von Vater und Kindern gerne unterstützen und fördern, ich möchte die Kinder aber auch nicht anlügen. Ich unterstelle mal, dass der Vater die Kinder nicht bewusst anlügt, sondern dass das in seiner Erinnerung wirklich so war. Oder er es gerne so gehabt hätte. Meiner Erinnerung ist eben eine andere.

Dass sie ihm kritiklos alles verzeihen und ihn vergöttern, ist für mich schlecht aushaltbar, aber das ist mein Problem und soll nicht das Problem der Kinder sein. Wenn sie älter werden, werden sie ihn differenzierter sehen – und mich auch. Und ich hoffe, dass sie dann immer noch zu beiden Eltern einen guten und liebevollen Kontakt haben.

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!