Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

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Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

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dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken
Wie schaffst Du das bloß?

Virenschleuderpreis: der Muttertagswunsch ist nominiert!

Wir (Christine Finke, family unplugged und ich) sind ja schon weiter gekommen, als wir je zu träumen wagten: haben die Aktion Muttertagswunsch gestartet, Hundert Blogbeiträge und Tausende Tweets haben mitgemacht, wir sind von der RTL-Nachrichten über die Tagesthemen bis ins Familienministerium gekommen. Und jetzt das: Candy Bukowski hat uns für den Virenschleuderpreis nominiert, und das auch noch mit einer hinreißenden Begründung:

Meiner Meinung nach, haben die Initiatorinnen damit eine ebenso wichtige, wie kaum zu toppende Aktion auf die Beine gestellt und mit ihrem enormen Einsatz durchgezogen. Sie zeichnen sich durch menschliches & politisches Interesse für alleinerziehende Frauen, wie sich selbst aus. Sie schreiben, veröffentlichen, engagieren sich politisch in einer Form, wie ich sie aktuell nirgends anders sehen kann.

Und sie bewegen und verändern.
Das Netz. Die äußeren Umstände. Menschen, Politik und Gesellschaft.

Das ist ausgezeichnet und sollte ausgezeichnet werden.
Und deshalb nominiere ich sehr gerne drei starke Frauen mit unglaublich viel Engagement und Internet-Power!

Vielen Dank, wir fühlen uns sehr geehrt!

Jetzt freuen wir uns, wenn möglichst viele für uns abstimmen, damit unsere und Eure Aktion zum Muttertagswunsch noch bekannter wird und alle Ideen, Wünsche und Forderungen für eine familiengerechtere Gesellschaft gehört werden. Denn: wir sind Familie, wir sind viele und wir sind laut!

(Hier den Virenschleuderpreis anklicken und gleich unter der Überschrift im eingeloggten facebook-Status auf „gefällt mir“ klicken, danke!)

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Christine Finke, Lisa Ortgies und ich bei Frau Mackroth im Familienministerium
Virenschleuderpreis: der Muttertagswunsch ist nominiert!

Der #muttertagswunsch in Berlin

Ich krieche trotz Schulferien um 6 Uhr aus dem Bett, trinke Kaffee, decke meinen Kindern den Frühstückstisch, küsse die schlafenden Nasen und fahre mit der S-Bahn zum Flughafen. Heute ist der große Tag!

Meine Kinder sind groß genug, um alleine aufzustehen, zu frühstücken und in ihre Ferienprogramme zu gehen. Und ich bin als Bloggerin mit meinem gerade mal 1 Jahr alten Blog groß genug, um mich mit Christine Finke und Lisa Ortgies von family unplugged in Berlin zu treffen, um dem Familienministerium unsere Muttertagswünsche zu überreichen. Wow!

Was bisher geschah:

Anfang Mai 2016 fragte Anne Attersee vom Blog Einer schreit immer „Was wünscht Ihr Euch zum Muttertag?“. Mir war sofort klar, dass ich eher politische Wünsche habe, die meine Situation als Alleinerziehende entspannen: keine Pralinen, kein Frühstück ans Bett, keine Massagen. Sondern eine gerechtere Steuerklasse. Ein Haushaltshilfe wenn die Kinder krank sind. Ermäßigte Mehrtwertsteuer auf Kinderklamotten. Verlässliche Betreuungszeiten. Und noch viel mehr. Mein Netzwerkhirn hat gleich weiter gerattert: damit dürfte ich ja nicht die einzige sein. Und diese oder ähnliche Wünsche haben nicht nur Alleinerziehende, sondern alle Familien. Also habe ich flugs Christine Finke und Lisa Ortgies kontaktet, die waren gleich bei der Sache und wir haben eine konzertierte Aktion gestartet: eine Woche vor Muttertag einen abgestimmten Text und Punkt zehn vor 8, vor’m Tatort, auf facebook & Twitter gepostet: die Aktion Muttertagswunsch! Die Aktion wurde sofort aufgegriffen, es wurde gepostet und gewünscht was das Zeug hält, und zwei Stunden später waren wir auf Twitter mit dem #muttertagswunsch in den topic trends und haben Anne Will überholt.

Bis zum Muttertag entstanden hunderte Tweets und Retweets, 98 Bloggerinnen haben eigene Texte verfassst, die wiederum gepostet, kommentiert, verlinkt und verbreitet wurden: wir hatten echt eine fette Welle losgetreten. RTL hat bei uns im Wohnzimmer gedreht („Mama Du mußt aufräumen!!“), zahlreiche print- und online-Medien haben berichtet und am Muttertag landeten wir damit sogar in den Tagesthemen. Zwar war dieser Bericht inhaltlich dezent daneben, aber es ist angekommen, daß sich was tut bei den Familien im Lande:

Wir sind Familie, wir sind viele und wir sind laut!

Es wurde im Anschluß etwas stiller, wir haben die Texte & Tweets ausgewertet und das Ergebnis in einem offenen Brief an Frau Schwesig, unsere Familienministerin zusammen gefasst. Die hatte auch irgendwann geantwortet und uns nach Berlin eingeladen, und dann kam der gespielte Witz: wir fanden keinen Termin, die Kinder funkten uns dazwischen! Mach mal einen Termin mit zwei Alleinerziehenden, die insgesamt fünf Kinder und ihr Jobs haben und mal kurz nach Berlin jetten sollen. Dazu die Kolleginnen von family unplugged, auch mit Jobs und Kindern gesegnet. Christine wählte die Variante „ich nehm die Kinder einfach mit und bleib ein paar Tage in Berlin“, ich bin fix hin & her geflogen und brauchte nur eine Freundin für die Bereitschaft vor Ort für den Fall von Knochenbrüchen oder Kotzeritis (diese Bereitschaft hätte dann besser Christine in Berlin gebraucht…).

Bei strahlendem Sommerwetter trafen wir uns vor dem Familienministerium, img_6421und obwohl wir uns zu dritt noch nie im real life gesehen hatten, war es wie ein Wiedersehen, toll! Lisa, Christine und ich sprudelten über vor Ideen, die gute Frau vom Radio, Ulrike Jährling, hatte ihren Spaß bei der Aufzeichnung der O-Töne. Frau Schwesig war verhindert, aber Frau Mackroth, Leiterin der Abteilung Familie, hatte Zeit für uns, sehr viel sogar, damit hatten wir gar nicht gerechnet. Wir haben unsere Forderungen übergeben, uns sehr angeregt über jede einzelne unterhalten, konnten lebhafte Beispiele aus dem echten Leben beisteuern und die ein oder andere politische Ansicht mit Realität untermauern oder widerlegen.

Wir haben natürlich gemerkt, dass es für ein Bundesministerium nicht einfach ist, uns einfach zuzustimmen und zu versichern, dass das alles umgesetzt wird. Da gibt es politische Partner und Bedarfe von allen Seiten, da gibt es Leute, die was verlieren und die was gewinnen, wenn man was ändert, und da muss auf alle Rücksicht genommen werden, sonst hat am Ende niemand was davon. Aber wir haben deutlich gemerkt, dass das Ministerium inhaltlich voll bei uns ist und sich große Mühe gegeben wird, den Familien im Lande zuzuhören und das Leben mit Kindern immer weiter zu entlasten. Besonders freut mich, dass wir klar machen konnten, dass wir keine Randgruppe sind: die Masse der Familienblogger zeigt, dass wir wirklich viele sind, und das Bloggen gibt vielen Familien die Möglichkeit, sich politisch zu äußern, auch wenn man keine Zeit hat, auf Demos zu laufen oder Sitzstreiks vor dem Ministerium zu veranstalten. Eltern haben wenig Lobby, weil sie mit ihren Kindern, Jobs, Haushalt etc beschäftigt sind, aber Bloggen geht irgendwie immer. Und deshalb sind wir eine starke Stimme, wir werden immer mehr und vor allem: wir werden die Aktion immer wieder wiederholen! Wir wollen das politische Klima zu Gunsten von Familien verändern, da hilft u.a. Hartnäckigkeit.

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Und zack: war 13 Uhr, wir hatten nicht mal mehr Zeit für einen Kaffee, ich musste zum Flughafen zurück, saß um 15 Uhr im Flieger und stand um exakt 17 Uhr im Hort, um meinen Sohn abzuholen. Als ob ich nur mal eben um die Ecke gewesen wäre.

Abends haben wir uns eine Pizza beim Italiener nebenan gegönnt, auf die Niederungen des Haushaltes hatte ich an dem Abend echt keinen Bock mehr. Dann platt ins Bett gesunken und am Sonntag drauf den wundervollen Beitrag im Radio RBB gehört, vielen Dank!

Es war eine tolle Aktion, es war ein aufregende Welle und ich bin dankbar, dass so viele mitgemacht haben! Wir machen weiter, alle zusammen, wir müssen ja was ändern!

*****

Das: pm-ubergabe-berlin-09092016 ist die Pressemitteilung von family unplugged zu der Übergabe der Forderungen. Die Forderungen, findet Ihr hier in dem offenen Brief an Frau Schwesig.

Der #muttertagswunsch in Berlin

Offener Brief an Frau Schwesig zum #muttertagswunsch

Am 1. Mai haben Christine Finke, das Interviewprojekt family unplugged und ich die Aktion #muttertagswunsch gestartet: wir haben alle Menschen, die Kinder haben, dazu aufgefordert, ihre politischen und gesellschaftlichen Forderungen unter dem Hashtags #muttertagswunsch und #vatertagswunsch zu posten. Die Aktion hat sich zu einer regelrechten Welle entwickelt, viele hundert Menschen haben mitgemacht, die Tweets wurden in Tausendfache geklickt und weiterverbreitet und 90 Leute haben einen kompletten Text dazu geschrieben.

Wir haben inzwischen sämtliche Texte und Tweets gelesen, ausgewertet und nach Häufigkeit und Themen gebündelt. Eine komplette Aufstellung findet Ihr hier. Das Ergebnis wollen wir nun der Familienministerin Manuela Schwesig überreichen und auch sehr gerne mit ihr darüber diskutieren. Da wir auf unsere Bitte nach einem Termin für die Übergabe bislang noch keine Antwort von Frau Schwesig erhalten haben, veröffentlichen wir nun unseren Brief in der Hoffnung, dass viele Stimmen die Dringlichkeit des Themas verdeutlichen. Und deshalb rufen wir noch einmal alle dazu auf, diesen offenen Brief weiter zu verbreiten und an Frau Schwesig zu senden und zu zeigen:

Wir sind Familie, wir sind viele und wir haben etwas zu sagen!

Auf Twitter findet Ihr Frau Schwesig unter @ManuelaSchwesig, das Familienministerium unter @BMFSFJ, auf facebook unter bmfsfj und die Mailadresse ist poststelle@bmfsfj.bund.de. Eine Bitte noch: wenn Ihr den Brief postet und/oder abschickt, dann verlinkt dies hier in den Kommentaren oder hinterlasst dazu eine Nachricht in den Kommentaren, damit wir am Ball bleiben. Danke!

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Sehr geehrte Manuela Schwesig,

Sie haben sicher mitbekommen, dass es rund um den Muttertag am 8. Mai die Aktion #muttertagswunsch in den sozialen Medien gab.
Wir hatten gemeinsam am 1. Mai auf Twitter zur Aktion #muttertagswunsch aufgerufen:
Wir, das sind die zwei Bloggerinnen Christine Finke (www.mama-arbeitet.de) und Annette Loers (www.mutterseelesonnig.de) sowie das Interviewprojekt family unplugged (www.familyunplugged.de). Alle Mütter und Väter sollten auf Twitter und facebook ihre politischen und gesellschaftlichen Forderungen posten und, in Texte gegossen, auf dem Blog http://www.mutterseelesonnig.de verlinken.

Die Aktion hat eine regelrechte Welle ausgelöst, es gab Hunderte Tweets und Retweets, 90 Bloggerinnen haben ausführliche Texte geschrieben. Die Accounts und Blogs der Teilnehmerinnen reichen von wenigen Hundert bis in viele Tausende Follower, so dass die Reichweite der Aktion in die Hunderttausende geht. Wir waren tagelang auf Twitter in den Top Trends, über die Aktion wurde in den RTL-Nachrichten und in den Tagesthemen sowie bundesweit in vielfachen print-/und online Medien berichtet. Den Aufruf zur Aktion und die (vorläufige) Presseschau finden Sie auf dem genannten Blog mutterseelesonnig.
Die Aktion hat gezeigt, dass es für Familien in Deutschland noch massiven Verbesserungsbedarf gibt, und dass Mütter und Väter sehr klare Vorstellungen von einer familiengerechten Gesellschaft haben.

Die wichtigsten und meistgenannten Forderungen sind:

  • Steuergerechtigkeit für Familien, Familiensplitting statt Ehegattensplitting, Familie ist da wo Kinder sind, nicht wo ein Trauschein ist
  • gesellschaftliche Akzeptanz jeglicher Familienform, Respekt und Anerkennung der Erziehungsleistung, Wertschätzung und besonderer Schutz von Familien
  • vollwertige und unbegrenzte Anerkennung der Familienzeit bei den Rentenpunkten
  • ganz besondere Unterstützung Alleinerziehender im Steuerrecht und auf dem Arbeitsmarkt. Massive Senkung des Armutsrisikos Alleinerziehender, besonders auch im Alter
  • finanzielle Grundsicherung für Familien, voller Lohnausgleich bei Krankheit und Betreuungspflichten
  • kostenlose Krippen-Kita-Hortplätze, massive Verbesserung der Qualität in der Kinderbetreuung und der Schule, längere und flexiblere Betreuungszeiten, Betreuungsangebote (Mittagessen, Hausaufgaben, Ferien) auch für größere Kinder bis 16 Jahre
  • an die Arbeitgeber: mehr Flexibilität in der Arbeitszeit, Kündigungsschutz, Erleichterung beim Wechsel Vollzeit-/Teilzeit

Wir würden Ihnen das komplette Ergebnis der Aktion gerne persönlich überreichen und mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Wir freuen uns auf Ihre Antwort!

Mit freundlichen Grüßen,
Christine Finke von mama-arbeitet.de, Annette Loers von mutterseelesonnig.de sowie Lisa Ortgies, Julia Schmidt-Jortzig, Stephan Faber und Susanne Garsoffky von family unplugged

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Offener Brief an Frau Schwesig zum #muttertagswunsch

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Mein Wunsch zum Muttertag #muttertagswunsch

 

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„Was wünscht Ihr Euch wirklich zum Muttertag?“ fragte Anne Attersee vom Blog Einerschreitimmer neulich auf Twitter fröhlich in die Runde. Oh Graus, entfuhr es mir innerlich, dieser entsetzliche Muttertag, für mich eher Tag des Rollenklischees. Seit ich Kinder habe, werde ich buchstäblich auf Kindergarten-Niveau an diesen Tag erinnert: in KiTa, Hort und Schule werden die Kinder von engagiertem Personal dazu angehalten, süßlich-niedliches Einheits-Zeugs zu basteln. Was bei der Tochter noch ansatzweise hübsch war, verlor 2 Jahre später beim Sohn den Reiz, als er das nahezu baugleiche Herz mit Mama-Schriftzug anschleppte: die Erzieherinnen lassen sich ja nicht jedes Jahr was Neues einfallen. Später in der Grundschule fand das Grauen für mich den Höhepunkt, als mein 1.Klässler mir stolz ein Gedicht überreichte, in dem er sich reimend für die Hausarbeit, für das Kochen und Bügeln bedankte. Ich habe überhaupt kein Bügeleisen, das Kind hat mich noch nie Bügeln sehen! Die Lehrerin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Kinder zu fragen, was sie an ihrer Mutter lieben, nein, sie hat den Kindern einen Kitsch-Klischee-Text diktiert, der aus dem letzten Jahrhundert kommt. Muttertag? Nein danke!, heißt es seit dem für mich.

Und dann diese Frage auf Twitter: „Was wünscht Ihr Euch wirklich zum Muttertag?“ Mein erster Gedanke war: „Willst Du echt wissen, was ich mir wirklich als Mutter wünsche? Was ich wirklich brauche?“ Mir war sofort klar, dass meine Wünsche eher politischer Natur sind, denn einmal Ausschlafen bringt bei mir keine Linderung. Keine Pralinen, keine Blümchen, keine Herzen, keine Gedichte, keinen Wellness-Tag, das bringt mir alles nichts. Ich will keine Einmal-Aktion und dann gehen wir wieder zur Tagesordnung über. Und von meinen Kindern schon mal gar nicht, die überschütten mich täglich mit ausreichend Liebe, und wenn es mir bis jetzt nicht gelungen ist, ihnen ein wenig Respekt vor meiner Arbeit nahe zu bringen, dann werden mir ausgemalte Herzchen auch nicht mehr helfen.

Nein, ich wünsche mir zum Muttertag nichts von den Kindern, sondern etwas von denen, die das Geld verteilen, das sie monatlich von mir bekommen: Liebe Kommunal-/Landes- und Bundesregierung, ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauch Steuerklasse 3! Ich will schnell und unbürokratisch an eine Haushaltshilfe kommen, wenn ich krank bin. Ich will bezahlbaren Wohnraum, kurze Wege in der Stadt und ein kostenfreies Schulticket. Ich will Grün und Luft, ich will Gärten und Spielplätze für die Kinder in der Stadt. Ich will jetzt eine finanzielle Grundsicherung für Familien und später fürs Alter eine massiv höhere Anrechnung der Erziehungs- und Familienzeit. Ich will für jedes Kind ein Instrument und das Bronze-Schwimmabzeichen, unabhängig vom Geld- und Zeitbudget der Eltern. Ich will, dass für jedes Kind getrennter Eltern ein angemessener Unterhalt gezahlt wird, entweder vom zahlungspflichtigen Elternteil oder vom Jugendamt, und zwar bis zum Ende der Ausbildung der Kinder. Wer nicht zahlt, wird sofort straffällig und verurteilt, mindestens in dem Maße eines Steuerhinterziehers. Ich will, dass meine Kinder bis zum 8. Schuljahr ein gesundes und leckeres Mittagessen in der Schule bekommen. Ich will, dass die geplante Hartz4-Kürzung für Alleinerziehende sofort vom Tisch gefegt wird. Ich will die gesellschaftliche Anerkennung meiner Erziehungsleistung und ich will bitte nie mehr nach 17 Uhr nach einem geschäftlichen Termin gefragt werden, da ist nämlich Familienzeit!

Das waren jetzt nur die drängendsten Punkte, die mir spontan eingefallen sind, und ich hab sie gleich mal getwittert. Sie wurden sofort verbreitet und es kamen weitere Wünsche hinzu. Da kam die Idee: Lasst sie uns sammeln, lasst uns ALLE Wünsche von Müttern und Vätern sammeln und sie an die regierenden Menschen übergeben!

Mit Christine Finke vom Blog Mama-arbeitet und mit dem Projekt family unplugged habe ich sofort begeisterte Mitstreiterinnen für diese Idee gewonnen:

Wir laden alle Mütter und Väter dazu ein, ihre politischen und gesellschaftlichen Wünsche aufzuschreiben! Ihr habt vom 1.-8. Mai Zeit, einen Text mit Euren Wünschen auf Eurem Blog zu schreiben und hier in den Kommentaren zu verlinken (bitte erwähnt und verlinkt in Eurem Text auch diesen Text hier). Wenn Ihr kein Blog habt könnt Ihr Eure Wünsche auch einfach direkt in die Kommentare schreiben. Nach dem 15. Mai werten wir alle Texte aus, fassen die geballten Wünsche von Müttern und Vätern zusammen und übergeben diese unserer Regierung. Über diese Übergabe und alle anderen Aktionen halten wir Euch hier auf dem Blog auf dem Laufenden.

Kleines Bonusprogramm: flutet am Vatertag (5. Mai) und Muttertag (8. Mai) das Netz auf facebook, twitter und wo Ihr Euch sonst noch rumtreibt, mit Euren Wünschen unter den Hashtags #muttertagswunsch und #vatertagswunsch. Dann sind wir sind nicht mehr zu übersehen.

Übrigens ist das zwar eine Idee einer Alleinerziehenden, aber das geht ALLE an, die Mutter oder Vater sind! Und by the way: auf wikipedia steht ja, dass der Muttertag ganz ursprüglich aus der Frauenbewegung kommt. Dann wurde er von der Blumenindustrie benutzt, später von den Nazis. Wir bringen ihn jetzt zu seinem Ursprung zurück und stellen politische Forderungen. Und weil’s inzwischen  auch den Vatertag gibt und weil Familie und Kinder keine Frauensache sind, sollen die Väter bitte auch mitmachen: Statt Blümchen + Bollerwagen!

Vielen Dank fürs Mitmachen, wir werden etwas verändern!

muttertagswunsch

 

update: die Medien berichten über die Aktion, eine kleine Presseschau findet Ihr hier.

 

Mein Wunsch zum Muttertag #muttertagswunsch