Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Mein Wunsch für 2016: ein bisschen Empathie bitte.

Alleinerziehende sind von Armut bedroht. Alleinerziehende sind von sozialer Isolation bedroht. Alleinerziehende bekommen zu 80% keinen Unterhalt für die Kinder. Alleinerziehende leiden unter chronischen Erschöpfungszuständen.

Ich hab Glück, denn ich bin nicht von Armut bedroht. Ich habe eine volle und unbefristete Stelle, der Exmann zahlt Unterhalt für die Kinder und meine Mutter war so nett, mir eine kleine Summe als „Vorschuss“ aufs Erbe zu zahlen. Mit dieser Erbschaft finanziere ich meine Altersvorsorge, mit meinem Gehalt und dem Unterhalt können wir uns eine Wohnung mit Garten, Gitarren- und Bratschenunterricht, Sportverein, tolle Kindergeburtstage, ausreichend Klamotten, 4 Haustiere und einen schönen Urlaub leisten.

Ich hab Glück, denn ich bin nicht von Isolation bedroht. Mit den Kindern bin ich seit 10 Jahren in einer Eltern-Kind-Initiative, die uns ein Hammer-Netzwerk beschert. Spontane Übernachtungen sind kein Problem, Feste, 3tägige Freizeit und zahlreiche Geburtstage sorgen für soziale Kontakte bei Mutter & Kindern en Masse. Außerdem habe ich einen Job, den ich mir komplett flexibel zurechtbacken kann. Denn ich habe mein große Leidenschaft zum Beruf gemacht und leite ein Kulturzentrum. Ich mache coole Konzerte, aufregende Festivals, interessante Lesungen, intelligentes Kabarett und niedliches Kindertheater. Und was mir sonst noch so einfällt. Ich hab ein nettes Team, einen fürsorglichen Vorstand, die öffentlichen Zuschüsse sind gesichert, die Eigeneinnahmen steigen jedes Jahr, ich hab einen unbefristeten Vertrag und ich hab gerade eine Gehaltserhöhung rausgehandelt. Ich lerne tolle Künstler und nettes Publikum kennen, ich bin kulturpolitisch engagiert und kenne die halbe Stadt. Und die halbe Stadt kennt mich, weil ich ständig in irgendwelchen Medien erscheine. Oder weil alle auf die Gästeliste wollen.

Ich habe Glück, denn ich habe regelmäßige Erholungspausen: die Kinder sind alle 14 Tage bei ihrem Vater, und zwar von Freitag 17 Uhr bis Montag Schulbeginn. 3 kinderfreie Nächte und 2 volle Tage. Dazu 2-3x/Jahr eine Woche, die die Kinder mit ihrem Vater Urlaub machen. Manchmal reist meine Mutter aus 400km an, um mich eine Woche zu unterstützen. Alle 2 Jahre fahren wir in Mutter-Kind-Kur, ich nehme jeden bezahlten Urlaubstag und mache jedes Jahr eine Fortbildung, was mir eine weitere kinderfreie Woche beschert, in der ich mich persönlich und beruflich weiter entwickel. Obendrein sind meine Kinder sogenannte pflegeleichte Kinder. Sie haben schon als Babys gerne geschlafen und tun es heute noch, ich kann mich an den letzten von Kinder unterbrochenen Schlaf überhaupt nicht erinnern. Am Wochenende stellen sie sofort auf Ausschlafen um, so dass hier von 10 Uhr kein Mucks zu hören ist. Sie gehen selbständig zu ihren Terminen, können Mittag-/Abendessen alleine zubereiten, sich stundenlang selbst oder miteinander beschäftigen und sich selber ins Bett bringen. Sie akzeptieren seit jeher ohne zu Murren Babysitter und sie sind freundlich, fröhlich und beliebt.

Ich bin alleinerziehend und ich habe großes Glück, denn die klassischen Risiken treffen mich nicht. Ich bin total privilegiert und ich weiß das sehr zu schätzen.

Und trotzdem ist es wahnsinnig anstrengend, es ist absolut nicht das Leben, das ich mir ausgesucht habe. Ich bin stinksauer, dass ich als Alleinerziehende systematisch benachteiligt werde! Ich zahle nahezu so viel Steuern wie ein Single, versorge aber 3 Personen, von denen 2 unsere Rentenkassen füllen werden, auch die der Kinderlosen. Ich kann zahlreiche Termine nicht wahrnehmen, weil die zwischen 17 – 20 Uhr stattfinden oder am Wochenende. Und es hilft überhaupt nicht, wenn die kinderlose 60jährige Kollegin mich damit „tröstet“, daß sie ja für mich dahin gehen kann. Erstens ist es meiner Karriere nicht gerade förderlich, die Netzwerkarbeit am Boden liegen zu lassen, außerdem werde ich als Familienmensch, der keinen Partner im Background hat, systematisch von Entscheidungen und Mitsprache ausgeschlossen.

Es ist wahnsinnig anstregend, jeden Euro umdrehen zu müssen. Denn obwohl meine Einkünfte stabil und nicht niedrig sind, ist es ein Wahnsinn, was hier rausgeht. Die oben beschriebenen schönen Dinge können wir uns leisten, weil ich entschieden habe, dass es für die Kinder wichtig ist, Instrumente zu lernen, sich zu bewegen, seinen Horizont durch Reisen zu erweitern und weil ich verdammt nochmal einen Garten für meine Kinder haben wollte. Dafür habe ich kein Auto, keine Putzfrau, kein Fitnessstudio. Klamotten für mich sind maximal neue Socken und Unterhosen, ich kaufe beim Aldi ein, schnorre das Grünzeug für die Kaninchen beim Wochenmarkt, gehe überall zu Fuß hin (auch nicht mit dem Bus!) und wir sitzen auf Second-Hand-Sofas. Wir haben keine PlayStation, kein Tablet, keine Wii und kein Internet-TV (echt: nur ARD, ZDF und die Dritten), wir gehen nicht essen, nicht ins Spaßbad und ich heize nur das Wohnzimmer. Ich hab ein ausgeklügeltes System von sparsamen Leben ertüftelt, damit die Kinder eine entspannte schöne Kindheit haben, gefördert werden und sich ausprobieren können. Für den Türkei-Urlaub habe ich ein Jahr lang gespart, davor gab’s 4 Jahre lang Bauernhof in Ulm. Eine Extra-Ausgabe wie „bitte 25 € in die Geschenkekasse von der KiTa“ oder die Erhöhung des SchülerTickets bringt mich ins Schleudern.

Ich bin dankbar für meinen Job (siehe oben), aber es ist wahnsinnig anstrengend: ich stehe um 6.15 Uhr auf, mache Frühstück für mich und die Kinder, um 7.15 Uhr verlassen wir das Haus und ich bin um 7.30 Uhr auf der Arbeit. In einem Kulturzentrum! Da ist keine Sau um die Uhrzeit, aber ich kann verdammt viel erledigen, weil mich keiner stört. Zur prime time (ca. 15 Uhr) gehe ich, kümmere ich um meine Kinder, dann kommt der Babysitter und ich gehe gegen 19 Uhr wieder arbeiten. Habe ein wundervolles Konzert, räume die Theke auf, zahle Gagen aus, schließe den Laden ab, laufe nach Hause und falle gegen 1 Uhr ins Bett. Und um 6.15 Uhr stehe ich wieder auf. Wenn ich keine Veranstaltung habe, habe ich Vorstands-/oder Beirats-Sitzung, gerne auch Elternabend. Wenn ich abends zu Hause bin, mache ich den Haushalt. Wenn ich abends unterwegs bin, bleibt alles liegen. Irgendwo zwischen meinem Job und zwischen 7.30 Uhr und 1 Uhr findet alles statt, was in so einem Familienalltag dazugehört: Kinderarzt, Turnbeutel in den Hort, Elterngespräche, Einkaufen, zum 1. Gitarrenunterricht begleiten,  bei der neuen Freundin abholen, Babysitter organisieren, Geschenke kaufen, Kontostand prüfen, Schulen besichtigen, Stromanbieter wechseln. Wenn ich früh rauskomme, weil die Backstage-Party nicht ausufert, kaufe ich auf dem Rückweg noch beim Rewe ein, der hat ja bis 24 Uhr auf. Das ist alles sicher bei vielen berufstätigen Familienmenschen nicht anders. Der Unterschied als Alleinerziehende ist, daß es niemanden gibt, den man so selbstverständlich mal anrufen kann wenn’s nicht klappt. Freunde zu fragen ist immer eine Bitte. In einer Partnerschaft mit gemeinsamen Kindern wäre es gegenseitige Verpflichtung, füreinander da zu sein und einzuspringen. Konkret: mir hat schon eine Mutter abgesagt, weil sie mal selber einen ruhigen Tag brauchte. Kann ich verstehen. Beim Partner wäre diese Antwort natürlich inakzeptabel. Als Alleinerziehende organisiere ich alles alleine, auch den Plan B. Ich frage, ich bitte, ich bekomme Absagen, oder jemand kommt einfach zu spät und manchmal vergißt auch jemand seine Zusage. Auch das fange ich auf, alles.

Ich bin erschöpft. Erschöpft von kurzen Nächten und frühem Aufstehen, erschöpft von den 1000 Dingen, die gleichzeitig in meinem Kopf sind, erschöpft von dem permanenten Spannungsgrad, unter dem ich stehe. Es wird erst besser werden in 7-8 Jahren, denn die Schule wird so lange noch bleiben und die abendlichen Termine genauso. Aber ich will doch die Zeit mit den Kindern nicht runterzählen, ich wollte sie doch genießen?!

Meine Kinder sind toll, und wenn ich mich so umschaue, sind sie das, was andere als pflegeleicht bezeichnen. Aber sie sind Kinder. Sie wollen reden, meine Tochter mit fast 11 mehr denn je zuvor. Und der 9jährige will toben, rocken, schmusen, der braucht Körperkontakt, mehr als je zuvor. Die Kinder brauchen nicht nur Maultaschen und saubere Unterhosen, sie brauchen mich mit allen Sinnen. Sie brauchen mich präsent, zuhörend, verständnisvoll, ermutigend, fürsorgend, fröhlich, tröstend, engagiert. Das ist viel, und das ist als Alleinerziehende noch viel mehr. Ich bin hier die einzige, die Vorbild ist, Streit schlichtet, abwägt, diskutiert, Grenzen setzt, Reibungsfläche bietet, auffängt und festhält. Das ist oft so viel mehr als ich kann, und oft befürchte ich, dass ich den Kindern nicht gerecht werde. Ich spüre förmlich, wie sie an meinen Nerven zerren. Wenn sie kreischend und Türen knallend in ihren Zimmern verschwinden, könnte ich mich leise weinend in den Wäschekeller legen, weil ich es nicht ertrage. Tue ich natürlich nicht. Ja ja, ich bin und bleibe authentisch und sage natürlich, wann auch ich mal nicht mehr kann. Aber das ist Pipifax gegen das, was hier manchmal auf mich einstürmt. Die Tochter steht am Tor der Pubertät und macht das schon sehr gut, das zickige Gefühlschaos vs. das liebe Mädchen. Der Sohn hat nach einem epileptischen Anfall und zahlreichen Wutanfällen eine Therapie gemacht die er mit summa cum laude abgeschlossen hat. Er hat gottseidank immer noch ein umwerfendes Temperament, gleichzeitig ist er hier der geerdeste von allen, aber es war ein langer Weg.

Ich bin erschöpft, meine Seele ist erschöpft, weil ständig an ihr gezerrt und gezogen wird, sie aufs Äußerste strapaziert wird und kaum zur Ruhe kommt.

Ich hab ein riesiges Netzwerk und (fast) keine Freunde. 30 Familien in der Kita, alles nette Freunde, alle da wenn man sie einlädt. Und keiner da, wenn ich nicht einlade. In den ersten 2 Jahren nach der Trennung hat mich kein (!) Mensch aus diesem tollen Netzwerk mal auf ein Glas Wein eingeladen und gefragt, wie’s mir geht, schade. Keiner zum Herz-ausschütten. Menschen von vor den Kindern kenne ich in dieser Stadt leider nicht, ich war 2 Monate nach Ankunft schwanger und obendrein arbeitslos, sämtliche Kontakte sind aus dem Kita-Umfeld. Auf der Arbeit bin ich von morgens bis abends mit aufregenden Menschen zusammen. Aber von den Kollegen bin ich die einzige, die Kinder hat. Und ich bin Chefin, da ist nix mit Herz-ausschütten. Die Künstler kommen und gehen. Die anderen Kulturschaffenden arbeiten auch alle abends. Die Gäste kommen und gehen. Manche laden mich ein, mitzukommen zu anderen Konzerten, Lesungen, irren Events. Mein Kontingent an abends ausgehen ist mit den üblichen Terminen leider erschöpft. Ich sowieso auch. Meine Freunde von früher sind weit weg, 400 km. Ich bin hier, verdammt nochmal, ganz schön einsam!

Die Kinder sind regelmäßig beim Vater, sie lieben ihn und wenn sie dort sind, kann ich mich 100% drauf verlassen dass es ihnen gut geht. Das ist schön. Ich lege so viel Abendtermine wie möglich in die kinderfreien Wochenenden, um mir und den Kindern zuviel Babysitter zu ersparen. Gleichzeitig muss ich aufpassen, dass wenigstens 1 freier Tag für mich übrig bleibt. Mein Job verläuft saison-artig, deshalb habe ich oft wochenlang kein freies Wochenende, mit oder ohne Kinder. Der Exmann ist durchaus flexibel mit seinen Terminen, das heißt dass er in den 5 Jahren nur eine Sorte Flexibilität gezeigt hat: weniger Kinderzeit. Wenn er Montag früh zum Kunden muss oder Freitag abend noch einen Coaching-Termin hat, ist das Papa-Wochenende eben kürzer. Wenn ich ablehne, haben wir wochenlangen Streit und er wirft mir wutentbrannt vor, daß ich ihn nicht unterstütze.  Urlaub macht er mit den Kindern, wenn ich ihm ganz genau sage, wann. Wenn ich das nicht tue, macht er keinen Urlaub mit ihnen und merkt es nicht einmal. Er kommuniziert nicht mit mir, er sagt im Vorfeld nicht, was er mit den Kindern am Wochenende plant und wurde schon einige Mal überrascht, weil die Kinder inzwischen zahlreiche eigene Termine haben. Er hat noch nie seine Kinder angerufen, er hat noch nie einen zusätzlichen Termin angeboten, ich habe seit Jahren nicht mehr nach Flexibilität in meinem Sinne gefragt, weil ich die Absagen leid war. Wenn ich versuche, ihn in das Leben der Kinder einzubinden, lehnt er ab oder reagiert gar nicht erst. Er weiß nicht, warum der Sohn nicht ein Jahr früher eingeschult wurde und nicht, wie ich die Tochter auf die Waldorfschule gekriegt habe, obwohl er zu jedem einzelnen Termin von mir eingeladen wurde. Vom Mütterthron braucht mir keiner was zu erzählen, ich habe es aufgegeben, ihn in das Leben der Kinder einzubinden um den Kindern Vaterentbehrung zu ersparen. Er lebt in derselben Stadt wie seine Kinder, 15 Minuten mit der Bahn, er könnte teilhaben und sie könnten ihn als Teil ihre Lebens erleben. Aber so ist es nicht. Wenn er kein Kinderwochenende hat, scheint er sie zu vergessen. Ich stehe seit 5 Jahren fassungslos davor, mir würde es das Herz raus reißen. Umgekehrt vermissen die Kinder ihn tierisch, was ich immer so loyal wie nur irgendwie möglich auffange. Inzwischen ziehe ich mich aus der Beziehung zwischen dem Vater und den Kindern komplett zurück. Wenn er etwas wissen will, kann er fragen. Was er nie tut.

Ich bin erschöpft vom alles alleine entscheiden und damit auch vom alles alleine verantworten. Ich würde es mit Kußhand begrüßen, die Verantwortung für das Seelenheil meiner Kinder auf mehr als nur meine schmalen Schultern zu legen.

Ich bin total privilegiert, und trotzdem bin ich immer wieder komplett erschöpft. Ich bin Anfang 2015 aus der Umlaufbahn geflogen: 3 Monate krank. Mir war schwindelig und schlecht, wochenlang. Viele Ärzte, schwierige Sache, Tinnitus für Fortgeschrittene sagte die Chinesin. Ich konnte nur noch vor meinem Kaninchenstall sitzen und die Fellnasen anstarren, sonst nix. Ich habe mich erholt und es mit Physio- und Psychotherapie langsam wieder in den Griff gekriegt. Ich bin irgendwann wieder arbeiten gegangen, in Kur gefahren, jetzt bin ich langsamer und vorsichtiger geworden. Die Belastung ist geblieben. Ich werde das schaffen, so wie ich alles schaffe. Und natürlich mit einem Lachen, denn hey: ich bin Rheinländerin!

Ich weiß, dass ich privilegiert bin und die Möglichkeiten habe, mich zu erholen und die Zeit mit den Kindern zu genießen. Ich bin nicht der Typ, der heult, jammert und wehklagt. Aber wenn es mir nicht gut geht, wenn ich erschöpft bin und am Ende, dann freue ich mich über Empathie, Mitgefühl und Verständnis. Und nicht über gutgemeinte Durchhalteparolen wie „Aber er zahlt doch Unterhalt!“, „Aber Du hast doch so tolle Kinder!“, „Aber Du hast doch so einen coolen Job!“.

Ein bisschen Verständnis bitte. Einfach mal „Du Arme, das ist aber auch viel was Du da zu tragen hast“. Das ist mein Wunsch für 2016.

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Mein Wunsch für 2016: ein bisschen Empathie bitte.

Wir sind reich!

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Der Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende wurde angehoben, bei meinem Brutto macht das 16 € im Monat. Das Kindergeld wurde angehoben, für uns sind das 4 € im Monat. Und die Unterhaltssätze der Düsseldorfer Tabelle wurden angehoben, für uns springen da 32€ im Monat bei raus, vorausgesetzt ich gebe mich der erneuten Unterhaltsdiskussion-/forderung mit dem Exgatten hin.

Alles zusammen 52€/Monat, da kann frau nicht meckern. Reicht genau für die Monatskarte von meinem weiterführenden Schulkind, die ab September fällig wird, toll.

Der Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende wurde übrigens zum ersten Mal seit 10 Jahren angehoben und betrifft die Frauen, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Je höher das Brutto, desto höher der Entlastungsbeitrag. Bei über 350.000€/Jahr können da locker 400 € bei rausspringen. Ich kennen haufenweise Alleinerziehende mit so einem Jahresgehalt, und die haben den Entlastungsbeitrag wirklich bitter nötig!

Die Wahrheit ist natürlich, daß die meisten Alleinerziehenden entweder Teilzeit arbeiten oder gar nicht steuerpflichtig, also haben sie wenig bis nix von dieser „Entlastung“. Aber überall wird fett gefeiert, daß die Regierung endlich was für Alleinerziehende tut. Oder es wird sich entrüstet, daß die Alleinerziehenden jetzt auch noch fett abkassieren, nachdem sie den Männern die Kinder weggenommen haben, nur um sich an den kinderfreien Wochenende die Nägel zu lackieren und durch die halbe Stadt zu vögeln.

Aber wir wollen nicht undankbar sein oder gar zynisch werden, wir freuen uns über die Krumen, die man dem Aschenputtel hinwirft, und wenn die Entlastung für die Alleinerziehenden in der Taktzahl so weiter geht, können wir uns in hundert Jahren eine neue Krone kaufen.

Wir sind reich!