Jeden. Verdammten. Tag.

Mein Alltag ist ein einziges Hamsterrad. Ich komm zu nix, weil ich immer dasselbe tue.

Immer. Immer. Immer.

Am Schlimmsten ist es während der Schulzeit.

6.30 Uhr aufstehen, 6.45 Uhr frühstücken. 7 Uhr ums Bad streiten, 7.20 Uhr Kinder aus dem Haus. Küche aufräumen. Fürs Mittagessen decken weil die Tochter mittags alleine ist. Arbeiten.

Zwischen 16 / 17 Uhr nach Hause kommen. Einkaufen, Haushalt, Wäsche, Hausaufgaben.

18.45 Uhr Abendessen, 19.20 Uhr Kinder gucken Kika, ich räum die Küche auf. Ich setz mich später zu den Kindern. 20 Uhr bettfertig machen, Ranzen einräumen, Sachen vergessen, um’s Bad streiten, Mathetest unterschreiben, Klamotten suchen, scheiße die Sportschuhe sind weg!

Die Kinder lesen, ich decke den Frühstückstisch. Mache den Rest vom Haushalt. 20.45 Uhr letzte Runde, quatschen, schmusen, Licht aus.

21.30 Uhr, nix mehr übrig vom Tag, nix mehr übrig von mir, mein Hirn ist leer. Von einer Versicherung ist ein Brief gekommen, den ich lesen, verstehen und auf den ich reagieren muss. Ich bin todmüde. Emails lesen, oha: eine Mahnung. Ein bisschen im Internet rumgurken, lesen, kommentieren. Es reicht nicht mal zum selber schreiben. Oder ein Buch zu lesen. Keine Luft mehr, sich Gedanken zu machen, die Gedanken einfach fließen zu lassen. Kein Nerv, einer zusammenhängenden Geschichte zu folgen. Den Kopf voller Gedanken und keine Kapazitäten, die Gedanken zu sortieren.

22 Uhr, noch die Wäsche in den Trockner und Backmischung in die Brotbackmaschine. Jeden Abend übrigens. Jeden Abend Wäsche. Jeden Abend ein Brot backen. Vesperdosen aus den Ranzen holen, Spülmaschine anstellen.

Nicht schlafen können, der Film läuft weiter.

6.30 Uhr aufstehen. Alles von vorne.

Einzige Variation: ich habe noch weniger Zeit. Also Elternabend. Vorstandssitzung. Termin. Infoabend Gymnasium. Irgendwas ist immer. 1-2x pro Woche. Dann bin ich ca. 22 Uhr zu Hause. Oder ich hab ne Veranstaltung und gehe nochmal los zur Arbeit, dann kommt der Babysitter um 18 Uhr und ich komme gegen 23 / 24 Uhr nach Hause. 1-2x pro Woche. Decke dann eben erst um 24 Uhr den Frühstückstisch, backe das Brot, mache die Wäsche, stehe um 6.30 Uhr auf. Jeden Abend, den ich unterwegs bin, bleibt was vom Haushalt liegen. Wenns zwei Tage in Folge sind, ist schon die Küche nicht mehr nutzbar, das Bad nicht mehr betretbar, der Wäsche-Kreislauf aus dreckig – sauber – nass – trocken durchbrochen und das Chaos bricht aus. Kann hier bitte mal jemand staubsaugen?

Am Wochenende wird alles aufgeräumt, was liegen geblieben ist. Mehr aber auch nicht. In den Ecken sammeln sich Sachen, die niemand mehr braucht, von denen ich einfach nicht weiß wohin. Kann hier bitte mal jemand ausmisten?

Ich bin so kaputt von der Woche, dass ich das Wochenende brauche, um wenigstens mal auszuschlafen. Dann kriegen die Kinder Besuch oder gehen Freunde besuchen, wir machen einen Ausflug, gehen ins Kino oder Besuchskinder übernachten hier. Es sieht so unbeschwert aus und es macht auch Spaß. Aber eigentlich müsste ich 1000 andere Dinge tun (Putzen? Steuererklärung? Klamotten ausmisten?) Aber eigentlich würde ich auch gern ein Buch lesen oder schreiben. Mir mal Gedanken machen. Ein Beet bepflanzen. Oder einfach mal LANGEWEILE haben, ha!

Wenn es mal eine willkommene Abwechslung gibt, sind wir alle zu kaputt dafür. Mein Cousin hat seinen 40. gefeiert, mit einer fetten Familienparty, nachmittags samt aller Kinder. In 400km Entfernung. Die Kinder wollten nicht weg und ich hab gewusst, dass wir das nicht packen. Samstag hin, Sonntag zurück, Montag wieder 6.30 Uhr aufstehen. Der Sohn eh erkältet, der wär zusammen geklappt. Also Party abgesagt, Familie nicht getroffen, Herzeleid bei mir und Sehnsucht nach Kontakten.

Ich würd echt gerne mal mit Menschen die ich mag, feiern, tanzen, quatschen. Unbeschwert. Endlos. Ohne die Gedanken an die Müdigkeit am nächsten Tag, in der nächsten Woche. Abgesehen davon: wegfahren heißt, Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. So wie eh jedes 2. Wochenende, wenn die Kinder beim Papa sind: Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. Dieses Tasche-packen-Wäsche-sortieren macht mich wahnsinnig. In unserem Flur stehen IMMER irgendwelche Taschen. Sporttaschen. Wochenend-Taschen. Übernachtungstaschen. Vergessene Taschen. Taschen.

So wie ich immer abends noch ein Brot backen, die Wäsche machen und den Tisch decken muss.

Jaja, binde die Kinder mit ein, sie sind doch groß genug. Nichts leichter als das! Der Sohn, der mit seinen 10 Jahren jeden Tag von 7.20 – 17 Uhr aus dem Haus ist, hat voll Bock, statt Lego zu spielen die Wäsche zu sortieren, die Küche aufzuräumen und das Bad zu putzen. Die Tochter, die mit ihren 12 Jahren jeden 2. Tag alleine Mittagessen kocht, isst, Hausaufgaben macht, hat voll Bock, danach noch zu staubsaugen, den Müll rauszubringen und einkaufen zu gehen. Statt mit ihren Freundinnen zu telefonieren oder mit der Mama zu quatschen. „Mama komm, wir trinken zusammen Tee“. Natürlich nehme ich mir dann Zeit für die Tochter, die eh so viel alleine ist, und fege nicht mit dem Staubsauger jedes Gespräch zur Seite. Der Haushalt wird auf eine Minimum reduziert, oft holen wir uns die saubere Wäsche einfach aus dem Wäschekorb, was soll der Umweg über den Kleiderschrank? Feucht wischen braucht kein Mensch, die Fenster hab ich seit dem Einzug vor 2,5 Jahren noch nie geputzt, gebügelt wird hier nie.

Natürlich helfen die Kinder mit. Sie räumen die Wäsche ein und bringen den Müll raus. Sie kümmern sich um die Haustiere und decken den Tisch. Aber hey: 90% bleiben bei mir hängen, die anderen 10% „Mithilfe der Kinder“ klappen entweder oder ich muss sie mir erdiskutieren. Meistens diskutieren. Das macht keinem Spaß, weder mir noch den Kindern.

Immer wieder Grundsatzdiskussionen. Wie vermeiden wir den täglichen Streit ums Bad? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie teilen wir uns unseren gemeinsamen Haushalt gerechter untereinander auf? Denn: erziehen muss ich die Kinder ja auch noch. Ihnen was beibringen, Grenzen setzen, Grenzen verschieben. Sie motivieren, trösten, zuhören. Ganz viel zuhören.

Und Medienzeiten kontrollieren. Das Bescheuertste überhaupt: diskutieren zu müssen wie lange man sich auf youtube anschaut, wie andere Menschen Battlefront spielen. Oder eine Challenge darin veranstalten, wie man Hosen anzieht ohne die Hände zu benutzen. Wenn die Kinder malen, lesen oder spielen, sage ich irgendwann „Essen ist fertig“ und sie trudeln ein. Wenn sie mit Medien beschäftigt sind, ist die Reaktion immer Wutschnauben, Genöle und genervtes Stöhnen. Muss das so? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits.

Ich versuche, die Waage zu halten aus Über- und Unterforderung der Kinder, aus Verständnis und dem Anspruch an ein Mindestmaß an Höflichkeit.

Jaja, natürlich gibt es hier ganz wunderbare Abende. Abende, an denen wir zusammen lachen, tanzen, schmusen und toben. Einen schönen Film zusammen sehen und noch lange drüber reden. Ein Spiel zusammen spielen oder einfach zusammen unseren verrückten Katzen zuschauen. Lange zusammen im Bett liegen und reden (Kinder) und zuhören (ich).

Aber danach muss ich halt immer noch den Frühstückstisch decken, ein Brot backen und die Wäsche machen.

Jeden. Verdammten. Abend.

Jeden. Verdammten. Tag.

Schule – der Tragödie zweiter Teil

 

„Das ist alles falsch, das stimmt nicht, das habe ich nicht gesagt!“

Diese kategorische Abwehrhaltung kenne ich nur zu gut, ich habe ja zwei Kinder, allerdings hatte ich sie von der Klassenlehrerin meines Sohnes nicht erwartet. Heute morgen war ich zum Gespräch bei ihr, weil der Sohn vor den Ferien schlichtweg nicht mehr in die Schule gehen wollte. Er hat sich rundum geweigert, einen Aufsatz zu schreiben. Weinend hat er sich unter der Bettdecke verkrochen und jedes Gespräch wütend abgelehnt. Was genau passiert ist, habe ich hier aufgeschrieben, und heute morgen habe ich es genauso der Lehrerin geschildert. Und dass mein Kind an drei von fünf Schultagen morgens Bauchweh hat, aber nie am Wochenende, nie in den Ferien und schon gar nicht in der Mutter-Kind-Kur, ausschließlich zu Schulzeiten.

So redet mein Sohn über die Lehrerin: „Die meckert nur an den Aufsätzen rum, die die Kinder vorlesen, deshalb melde ich mich nie zum Vorlesen“, „Wenn ich die Hausaufgaben nach 45 Minuten nicht fertig habe, dann denkt die ich wär ein schlechter Schüler“, „Man muss aufpassen die Frau T. nicht sauer zu machen, dann schimpft die total viel, und das ist echt schlimm!“

„Ich schimpfe nie!“ hat sie entrüstet erwidert, „da können sie auch die anderen Kinder fragen!“. Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass ich von ihr keine Verteidigung erwarte, sondern dass ich ihr nur wiedergeben möchte, wie mein Sohn die Situation in der Schule empfindet, und ob sie eine Erklärung für diese Wahrnehmung des Kindes habe?

„Der nimmt das alles falsch wahr“. Aha: Es liegt also am Kind. „Es kann ja auch mit der Trennung zu tun haben“. Es liegt also auch an den Eltern, bzw. an mir. „Ich habe dafür keine Erklärung“: An IHR liegt es jedenfalls nicht. Sie hat keinerlei Lösungsansatz angeboten, sie hat nicht eine Sekunde Zweifel an sich und ihrer pädagogischen Arbeit in Betracht gezogen oder auch nur mal ihr Tun reflektiert. Sie saß mit verschränkten Armen vor mir und hat mir erklärt, das Kind mache sich selber den Druck, sie würde den Druck jedenfalls nicht erzeugen, und das sei auch unnötig, weil das Kind ja ein sehr guter Schüler sei. „Vielleicht nehmen Sie mal therapeutische Hilfe in Anspruch, das ist ja ein echtes Problem, da wird er am Gymnasium mit untergehen, mit dieser Einstellung.“

Sehr hilfreich, vielen Dank. Ich fasse zusammen: das Kind nimmt alles falsch wahr, das Kind braucht therapeutische Hilfe. Das Kind macht sich selber Druck, sie hat damit nichts zu tun. Sie schimpft nie und lobt ausgiebig, trotz exakt gegenteiliger Aussage des Kindes. Ich soll mal die anderen Kinder fragen, die könnten bezeugen dass sie nicht schimpft. Lernen Lehrer das so: alles abstreiten, was Eltern vorbringen, und auf gar einen Fall selber reflektieren? Ich soll jetzt Beratung und Therapie suchen, ich soll die anderen Kinder fragen, ich soll mir überlegen warum der Sohn sich Druck macht. Sie selber tut nichts, kann sich nix erklären, leugnet alles und weiß auch keinen Rat.

Dann war das Gespräch beendet, weil sie es so gelegt hat, dass nach genau 30 Minuten die Kinder in die Klasse gestürmt sind. Schönen Tag noch!

Und jetzt? Ich erkundige mich nach einem Vertrauenslehrer an der Schule. Ich beobachte mein Kind sehr genau, rede mit ihm über Hausaufgaben und Schule, schaue mir noch viel mehr alles an, frage nach. Ich spreche mit den Erziehern im Hort. Ich spreche mit dem Therapeuten, bei dem mein Sohn tatsächlich in Behandlung war. Ich frage andere Eltern, wie deren Kinder die Lehrerin wahrnehmen. Und dann werde ich vielleicht nochmal das Gespräch suchen, ohne Limit, mit Beistand (Vertrauenslehrer, Freundin). Ich habe also eine Menge zu tun, während die Dame sich entspannt zurück lehnt und versucht, ihre Arme aus der Verschränkung zu lösen.

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„…und dann schimpfte sie ihn tüchtig aus“
Schule – der Tragödie zweiter Teil

Ich bin dann mal weg

Das Verchecken und Organisieren ist es nicht, darin bin ich gut. Telefonieren, Recherchieren, Mailen, Pläne machen. Natürlich klappt nicht alles, immer mal wieder Pläne umschmeißen, nochmal anrufen, nochmal nachgucken, nochmal whatsappen, nochmal smsen, nochmal telefonieren.

Das anstrengende ist das dazwischen. Das Trösten, Kümmern, Festhalten. Das Diskutieren, Dagegenhalten, Argumentieren, Aushalten. Geduld haben, da sein. Ich bin die Konstante, die Leitwölfin (danke Herr Juul), die die immer da ist, in guten und in schlechten Zeiten.

Ich bin die, die nicht gehen kann. Die die mit dem Rücken an der Wand steht, die keine Wahl hat. Die die dafür sorgt, dass es heute, morgen, übermorgen funktioniert, dass wir eine Zukunft haben, dass die Kinder eine Basis haben, einen Hafen, einen Anker, der ihnen die Sicherheit gibt sämtliche Weltmeere zu bereisen.

Ich bin auch die einzige, die hier die Wäsche macht, die dreimal am Tag für ein leckeres Essen sorgt, die einkauft, Altpapier raus bringt, die Küche aufräumt, Bonbonpapier aus den Sofaritzen pult, Teetassen einsammelt, das Klo putzt, für Osterstimmung sorgt, den ganzen Scheiß wieder abhängt und fürs nächste Jahr verstaut, die die Kaninchen winterfest versorgt, den Katzen und Kindern die Zecken raus zieht, die sich und den Kindern Läuseshampoo auf den Kopf kippt, die den Stromanbieter wechselt um 6€/Monat zu sparen, Kindern die Nägel schneidet, die das Neurodemitis-Kind eincremt, dem Bauchweh-Kind Tee kocht und die abends schon mal den Frühstückstisch deckt, um bis 6.20 Uhr statt bis 6.15 Uhr zu schlafen.

Das ist seit 5,5 Jahren so, und ich bin am Ende, ich kann nicht mehr, ich bin komplett erschöpft, meine Energie ist tief im Dispo. Was ist passiert?

Meine Tochter hat sich den Fuß gebrochen. Keine OP, ambulant versorgt und gegipst, Glück gehabt. Und dann: ein gesundes aber immobiles Kind, das den Schulweg (Bus) nicht mehr alleine bewältigen kann. Krankenkasse und Schulamt sind für den Schulweg nicht zuständig, ich hab kein Auto. Also das komplette Netzwerk angezapft. Autos und Lastenräder geliehen, viele Telefonate für Mitfahrgelegenheiten geführt. Noch mehr Telefonate geführt, um spontan alles wieder rückgängig zu machen, weil das Kind zwei Wochen lang vor Schmerzen nicht zur Schule ging. Oder nur mal einen Tag. Oder so.

Das Kind mit den Schmerzen war wochenlang zu Hause, nachts in meinem Bett. Trösten, halten, wiegen, schlafen. Tagsüber mit der Tochter zu Hause, sie am Rande der Langeweile, ich am Rande der Konzentration mit meinem home office.

Dann hat sich 5 Tage später der Sohn die Kreuzbänder gezerrt samt Einblutungen im Knie. Siehe oben: ein gesundes Kind, das den Schulweg (Laufen) nicht mehr alleine bewältigen kann. Da Kind 1 schon zu Hause war, ist Kind 2 auch gleich da geblieben. Ich dachte noch naiv: jetzt sind sie wenigstens zu zweit. Sie waren jedoch beide komplett genervt: immobil, Schmerzen Langeweile, Zanken. Dazwischen ich mit meinem home office.

Aus logistischen (Hochbett) und emotionalen (Schmerzen) Gründen wollten beide Kinder bei mir schlafen. Ich habe kein eigenes Zimmer, mein Bett steht  im Wohnzimmer. Und da liegen jetzt auch zwei Matratzen auf dem Boden, wir haben ein schönes kuscheliges Schlaflager. Mit dem Nebeneffekt, dass ich abends nicht mehr ins Wohnzimmer kann. Also hocke ich mit dem Laptop im Esszimmer. Die einzigen Filme, die ich in den letzten Wochen gesehen habe, sind Shaun das Schaf, Gregs Tagesbuch und die Vorstadtkrokodile, Nachrichten nur auf kika. Mein Erwachsenen-Leben findet nicht mehr statt.

Der Kindsvater hat die Kinder in diesen fußkranken Wochen genau 1x zum Mittagessen abgeholt, 90 Minuten lang. Selbst zum Geburtstag der Tochter hat er sich nicht blicken lassen, erst zur Kinderparty am Wochenende ist er gekommen, um sich an den gedeckten Kaffeetisch zu setzen. Apropos Kindsvater: der wird nochmal Vater, mitten im August. Deshalb kann er mit den Kindern auch keinen Sommerurlaub machen. Als ich nach den Pfingstferien frage, winkt er ab: da hat er mit der Freundin schon Mallorca gebucht, der letzte kinderfreie Urlaub für die nächsten 15 Jahre, dafür muss ich doch Verständnis haben? Habe ich nicht und bestehe auf eine von zwei Wochen Pfingstferien, die er mit den Kindern verbringt. Ein paar zähe und zänkische emails später willigt er ein. Ebenso geht es mit den Sommerferien: ich bestehe darauf, dass er die Kinder wenigstens eine von sechs Ferienwochen zu sich nimmt. Er willigt ein unter der Bedingung, dass die Kinder zu mir zurück kommen bei Kindsgeburt. Ich lehne ab, 7 Tage á 24 Std. Bereitschaft kann und will ich nicht leisten, zumal ich in dieser Woche mindestens drei Konzerte veranstalten werde, wo ich jeweils von 16-2 Uhr arbeite. Er wirft mir vor, meine Arbeit sei mir wohl wichtiger als die Geburt seines Babys. Wer hat den denn zu heiß gebadet? Jedenfalls siehe oben: einige zänkische und zähe emails später willigt er ein, die Kinder zu nehmen und auftretende Logistik-Probleme selber zu lösen. Dies werden die einzigen beiden Wochen dieses Jahr sein, die er an Urlaub mit den Kindern verbringt, und zwar nur, weil ich vehement darauf bestanden habe.

Es geht, aber es geht nur mit maximalem Energieaufwand von mir. Ablehnen, konsequent bleiben, einfordern, diskutieren. Das ist so wahnsinnig kräfteraubend, und ich kriege schlechte Laune davon, die am Ende, wenn ich nicht verdammt gut aufpasse, die Kinder zu spüren bekommen.

Ich habe also zwei Wochen lang zwei kranke Kinder zu Hause gehabt. Damit verbunden alles was dazu gehört: Arzttermine, Physiotherapie, MRT, Sanitätshaus und Sorgen, Kümmern, Trösten, Pflegen. Ich habe die ganze Zeit weiter gearbeitet, mal von zu Hause, mal mit 1-2 Kindern auf der Arbeit. Gelobt sei mein Job, der mir das ermöglicht, jede andere wäre entweder rausgeflogen oder hätte unbezahlten Urlaub nehmen müssen. Der steht mir zu, als Alleinerziehende mit zwei Kindern sogar 40 Tage im Jahr, aber ich kann mir das nicht leisten. Bezahlten Urlaub auch nicht, denn der geht für die Schulferien drauf. Eine Haushaltshilfe gewährt die Krankenkasse nur, wenn ICH krank werde. Wenn beide Kinder krank sind und versorgt werden müssen, während ich arbeite, gibt’s keine Unterstützung. Klingt komisch, ist aber so, würde die Sendung mit der Maus sagen. Nächstes Mal such ich mir einen korrupten Hausarzt und lass mich einfach krank schreiben, bis die Kinder wieder gesund sind. Scheiss-System, Du willst es ja nicht anders! Die Steigerung von Allein ist übrigens Alleinerziehend, wie Christine Finke sehr genau in ihrem Buch beschrieben hat und wie ich hier persönlich ganz gut veranschauliche.

Nach den zwei kranken Wochen kam eine Teilzeit-kranke Woche, denn die Tochter ging zwar wieder zur Schule, hatte aber keine Nachmittags-Termine qua Gipsfuß, also Kind zu Hause. Ich ab spätestens 14 Uhr auch zu Hause, denn ich musste sie mit dem Bus von der Schule abholen: mit Krücken kann man die schwere Schultasche nicht tragen, und ich habe nicht für jeden Tag eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Das lief so einigermaßen, dann ging auf einmal der inzwischen Knie-gesundete Sohn nicht mehr in die Schule: Kopfweh, Bauchweh. Zu Deutsch: Schulstress. Stress mit der Lehrerin, Stress mit dem Druck, Stress mit den Hausaufgaben. Also Kind wieder zu Hause, Elterngespräch mit der Lehrerin vereinbart: gleich nach den Osterferien.

Kaum können alle wieder laufen (mit und ohne Krücken): Osterferien, wieder die Tochter zu Hause! Der Sohn hat wenigstens noch seinen Hort mit Ferienprogramm, die Tochter ist da rausgewachsen und hängt wieder zu Hause oder mit mir im Büro rum. „Mama mir ist langweilig wann gehen wir nach Hause was gibts zu essen darf ich ans smartphone…?“ Und dann: Ostern! Vier Feiertage lang die Kinder zu Hause, yeah! Meine Mutter hat abgesagt, ihr gehts nicht gut (mir auch nicht, who cares?), und ich bin dann doch ein bisschen froh, denn inzwischen können wir keinen Besuch mehr in die Wohnung lassen: durch das Schlaflager aus Matratzen, Kuscheltieren und Büchern mitten im Wohnzimmer gibt es dort keinen begehbaren Fußboden mehr, in den Kinderzimmern fliegen Klamotten und Spielzeug wüst herum, im Esszimmer streiten sich Laptop und Monopoly um den freien Platz am Tisch und in die Küche geht man besser nur noch mit Schuhen.

Eine dreckunempfindliche Freundin kam zum Osterfrühstück und hat uns ins barocke Schloss zur Kinderführung begleitet (sie ist so tapfer!), und ich konnte sehen, wie glücklich die Kinder sich auf eine zusätzliche Bezugsperson gestürzt haben. Nicht nur mir fällt hier die Decke auf den Kopf!

Meine Seele ist müde vom Kümmern, Sorgen, Trösten, Pflegen. Vom Streiten, Moderieren, Diskutieren, Schlichten. Vom Organisieren, Verchecken, Arbeiten. Von fordernden (weil kranken) Kindern und keine Sekunde für mich. Vom Unverständnis und von der Arroganz meines Exmannes. Von der Verantwortung. Vom Haushalt sowieso. Ich bin erschöpft davon, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, keine Wahl zu haben, immer weiter machen zu müssen und das alles alleine aushalten zu müssen.

Aber morgen kommt mein Lichtblick: Morgen fahre ich mit meiner Tochter für vier Tage in die Eifel zu einem Selbstverteidigungskurs für Mütter und Töchter. Meine beste Freundin und ihre beiden Töchter kommen mit, und auf diese kurze Woche (samt Vollpension!) freue ich mich seit acht Monaten. So lange haben wir das geplant, und so lange wusste der Ex, dass er vier Tage lang mit dem Sohn was ähnlich Aufregendes machen kann. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber der Kleine freut sich irre auf die Zeit mit dem Papa, und das ist das einzige was zählt.

Und dass ich vier Tage lang aus dem Dreckstall hier rauskomme, vier Tage lang meine Freundin sehe und vier Tage lang das Essen vor die Nase gestellt bekomme. Hoffentlich muss ich mich in den Kurs nicht so viel bewegen!

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Ich bin dann mal weg

Warum mein Sohn morgen nicht in die Schule geht

Mein Sohn geht morgen nicht in die Schule. Er ist 9 Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Er hatte dieses Wochenende viel Kopfschmerzen und Bauchschmerzen, und weil er heute Abend immer noch darüber jammert, bleibt er morgen mal zu Hause.

Das ist zwar ein bisschen doof, weil ich eigentlich arbeiten muss, aber die Schwester hat bereits Osterferien (andere Schule), so sind sie also schon zu zweit. Ich nehme sie beide mit zur Arbeit und sie können dort Bücher lesen, Hörspiele hören oder sich ausgiebig zanken. Alles wie immer soweit.

Und warum schreibe ich das hier auf? Weil ein 9jähriger selten „einfach so“ Kopf-/Bauchweh hat. Fix gegoogelt ist das der Klassiker an Stress-Symptomen bereits bei Grundschulkindern. Ich könnte noch auf die „Trennungskind“-Nummer abheben, aber das wäre zu einfach. Tatsächlich ist es so, dass mein Sohn übers Wochenende einen Aufsatz schreiben sollte, eine sogenannte „Reizwortgeschichte“. Da assoziiere ich ganz andere Sachen, aber das Kind bekommt drei Reizworte genannt und soll nun eine Geschichte dazu schreiben.  Mein Sohn hat eine blühende Fantasie und einen immensen Wortschatz. Warum also hat er Probleme damit, Geschichten zu schreiben? Diese Reizwortgeschichten sind in ein sehr enges Schema gepresst, die Kinder müssen sich an strikte Regeln halten, sie lernen also, ihre Fantasie in eine vorgegebenes Konzept zu stecken. Das mag für das berühmte „später“ hilfreich sein, ich beobachte jedoch, dass es die wunderbare Fantasie meines Kindes ausbremst. Zudem hat er ein Motivationsproblem: „Ich weiß gar nicht, warum ich die Geschichte schreibe, ich les die eh nicht in der Schule vor und die Lehrerin liest die auch gar nicht ganz durch“.

Ich stutze. „Dürftest Du denn die Geschichte vorlesen, wenn Du Dich meldest?“. „Ja, aber an den Geschichten die vorgelesen werden, meckert die Lehrerin nur rum, das will ich nicht“. Das kann ich verstehen. Obendrein sieht er sich vor einem stundenlangen Aufsatz, denn: „Wir sollen jeden Tag 45 Minuten schreiben, wir hatten den Aufsatz von Donnerstag bis Montag auf, also muss ich jetzt 180 Minuten schreiben.“

Ich fasse zusammen:

Das Kind sieht sich einem schier unermesslichen Arbeitspensum ausgesetzt. Die Fantasie und der Wortschatz des Kindes werden in ein vorgegebenes Raster gepresst. Die vorhandene Veranlagung und das Talent des Kindes für Sprache werden nicht gefördert, das Kind hat keine Lust am fabulieren, Geschichten erzählen oder an Sprachspielen. Das Kind ist gänzlich unmotiviert, weil seine Mühen und Fähigkeiten von der Lehrerin überhaupt nicht gesehen und gewürdigt werden.

Dazu sollte man bemerken: er hatte in Deutsch auf dem Zeugnis eine 1-2, er ist also faktisch ein guter Schüler. Aber bei dem Gedanken, diesen Aufsatz entweder zu schreiben oder aber ohne diesen Aufsatz in die Schule gehen zu müssen, brummt ihm der Kopf und dreht sich ihm der Magen um.

Also werde ich ihn morgen krank melden und zwar rückwirkend für das ganze Wochenende (damit er den Aufsatz nicht nachschreiben muss) und werde unverzüglich das Gespräch mit der Lehrerin suchen, um sie zu fragen, was in aller Welt die da in der Schule mit meinem Kind anstellen und wie sie es schaffen, aus einem hochmotivierten fantasievollen und sprachbegabten Kind ein frustriertes Kopf-/Bauchwehkind zu machen, das angesichts eines zu schreibenden Aufsatzes in Tränen ausbricht?!? Und nein, das liegt NICHT an meinem Sohn!

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Warum mein Sohn morgen nicht in die Schule geht

Wie wir zu den Waldorfs kamen

Es war monatelang das Thema Nummer eins auf Elternabenden & Kindergeburtstagen: der Wechsel in die weiterführende Schule. Die Diskussion beginnt ungefähr 6 Monate, bevor das Kind die Grundschulempfehlung bekommt: Gymnasium oder Realschule oder Gemeinschaftsschule?
Die Tochter und ich gucken uns zusammen ein paar Gymnasien an, und ich bin erschüttert: hässlich, eng, Beton. Kein Luft, keine Bäume, verratzt und verrotzt. Krasser Gegensatz dazu die Homepages: entweder bilingual oder Spitzensport oder Musikgymnasium oder MINT-Schule oder internationales Abitur oder alles. Dafür leider keinen Pausenhof, den brauchen die Lehrer zum Parken im engen Stadtteil. Eine Schule schießt den Vogel ab: es werden auf der Homepage 15 Kriterien genannt, die der Schule wichtig sind. Der unterste und letzte: individuelle Förderung.
Aha. Entgegen allen pädagogischen Firlefanzes, allem „lasst die Kinder Kinder sein“-blabla müssen wir in der 4. Klasse entscheiden, in WELCHER Richtung das Kind hochbegabt ist. Ob es überhaupt begabt ist, steht völlig außer Frage. Genau das Richtige für meine 10jährige: die macht alles gern, wenn sie den Lehrer mag, sonst eher nicht. Aber am wichtigsten sind ihr ihre Freundinnen, ihre Katze und ihr Kaninchen. Wenn sie Sport blau machen kann ist ihr das auch recht, und wenn sie um Mathe drumrum kommt umso mehr. Wenn sie aber einen Vortrag in der Schule halten soll, ob der Bär Winterruhe oder Winterschlaf hält, ist sie mit Begeisterung dabei, außerdem kann sie stundenlang über Kohlekraftwerke und Energiesparkonzepte referieren und einen wunderschönen Clown aus Linol schnitzen und drucken.

Also fahren wir zur Waldorfschule und bummeln über den grünen Hügel am Waldrand. Schulgarten mit Kaninchen, freundliche lächelnde Menschen, Kreativität strömt aus allen Poren. Ihr geht das Herz auf, die Sache ist entschieden, hier will sie bleiben.
Also auf ins Bewerbungsverfahren: einen Aufsatz über das Kind schreiben, am Infotag teilnehmen, zum Aufnahmegespräch gehen. Den Ex zu allem einladen, der nicht mal auf die Mails antwortet. Alles alleine machen, wie immer. Dafür halt auch alleine entscheiden.
Die Tochter darf dem Lehrer im Aufnahmegespräch ihre Hefte zeigen und erklären, was sie alles kann. Er hat ihr im Gegenzug den Klassenraum gezeigt und erklärt, was sie gerade lernen. Sie fand den Lehrer toll und er hat sie eingeladen, eine ganze Woche lang zu Besuch in die Klasse zu kommen. Jeden Tag kam sie strahlend nach Hause, hat neue Freundinnen gefunden und verkündet: „ich brauch ein Smartphone, eine Mailadresse und eine Visitenkarte“. Scheint, als ob sie im sozialen Netz angekommen wäre.

Sie hat sich für die Waldorfschule entschieden und sie hat den Platz bekommen. Sie wäre gerne mit ihren Freundinnen aufs Gymnasium gegangen, nun geht sie als Einzige aus der Clique auf diese Schule. Aber die Mädels wohnen alle im Viertel, sie laufen sich permanent über den Weg und sie sind eh alle auf verschiedene Schulen gegangen. Ich weiß nicht, ob sie zusammen mit den anderen auf dem Gymnasium glücklich geworden wäre, ich weiß nicht, ob das Kind nicht lernen muss, sich dem Druck zu beugen. Aber mir ist wohler, wenn sie bei den Waldorfs ist, die nicht nur nach Leistung, Intelligenz und kognitiven Fähigkeiten gucken. Sie soll auch singen, tanzen, Freude haben, Sagen und Märchen lernen, schneidern und Gold schmieden, Ziegen füttern und Honig ernten, Theater spielen, sich wohl fühlen.
Abgesehen davon kann sie dort vom Hauptschulabschluss bis zum Abi alle Abschlüsse machen, ohne sich jetzt schon festlegen zu müssen. Und es ist sogar die allernächste Schule für uns, ganze 5 Minuten mit dem Bus, sie ist von dort genauso schnell zu Hause wie bei mir auf der Arbeit. Also gewonnen auf der ganzen Linie.

Inzwischen geht sie seit 2 Monaten zur Waldorfschule und ich stelle fest: sie hat erstaunlich viel Stoff, sie lernt viel und übt ständig, es gibt keine Noten, aber wöchentliche Test. Sie liebt ihre Schule, sie ist total stolz auf die Andersartigkeit ihrer Schule, SIE MACHT GERNE UND FREIWLLIG MATHE (wie machen die das?) und sie blüht förmlich auf. Als ich neulich bei der Monatsfeier war und erlebt habe, wie das Schulorchester gespielt hat, war ich völlig platt: die Kinder & Jugendlichen haben derart professionell musiziert und gesungen, dass ich dachte die hätten eine CD eingelegt. Und sie standen alle mit einem wahnsinnig natürlichen Selbstverständnis auf der Bühne, welches sich so mancher Erwachsene nur wünschen kann. Irgendwas rühren die in den Kindern an, das ihre ganzen Fähigkeiten zum Leuchten bringt, irre. Genau das wollte ich immer für mein Kind!

Der Sohn möchte übrigens in 2 Jahren aufs französische Gymnasium, weil sein Kumpel da auch hingeht. Nun, der ist ja auch Franzose. Ich bin gespannt.

Wie wir zu den Waldorfs kamen