Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Muttertagswunsch 2017

Am 14. Mai ist Muttertag. Seit Wochen ist das Mail- und Spam-Postfach voll mit Basteltipps und Wellness-Angeboten, in den Supermärkten locken Pralinendisplays und die Blumenläden laufen langsam zur Hochform auf. Die Kinder werden in den Kitas, Schulen und Horten zum Basteln niedlicher Dankes- und Liebeskärtchen für die Mama animiert. Und überall Bilder von glücklichen Müttern im Kreise der Familie, umringt von glücklichen Kindern und liebenden Gatten.

Am 25. Mai ist Vatertag. Da ziehen die Männer mit Bollerwagen und einer Kiste Bier im Kreise ihrer Lieben durch die Gegend: mit ihren Kumpels. Zum Vatertag wird nicht gebastelt und geschenkt, wird nicht gedankt und entspannt, es wird gesoffen.

So wie Muttertag und der Vatertag aktuell „gefeiert“ werden, zementieren sie die Geschlechterklischees, dass es einem schlecht werden könnte: Die Mütter werden auf die Familie und ihre Arbeit im Haushalt reduziert, die Väter auf Sauftouren unter Männern. Familie in Deutschland 2017, herzlichen Glückwunsch!

Einzig die Erzeugnisse der Kinder rühren mich. Auch wenn ich weiß, dass noch 23 andere Kinder das identische Gedicht von der Tafel abgeschrieben haben, in dem ich als sorgende und fleißige Mutter geehrt werde, so freue ich mich darüber, dass mein Kind mir etwas schenkt.

Wir brauchen dringend modernere Familienbilder, und wenn wir schon dabei sind: wir brauchen dringend familienfreundlichere Strukturen in Deutschland. Das war bereits letztes Jahr der Anstoß, den Muttertag mal anders anzupacken: inspiriert von diversen Muttertagswünschen in den sozialen Medien hatte ich überlegt, was ich mir als Mutter wirklich wünsche, und das sind nicht Blumen, Wellness und Frühstück ans Bett, sondern eine gerechte Steuerklasse als Alleinerziehende, vernünftige und bezahlbare Kinderbetreuung auch für Kinder bis 14 Jahren und finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung meiner Erziehungsleistung. Um nur einige zu nennen.

Da ich wusste, dass ich mit diesen Wünschen ganz sicher nicht alleine bin, hatte ich mir Mitstreiterinnen gesucht und zusammen mit Christine Finke von mama-arbeitet und dem Interviewprojekt family unplugged die Aktion #muttertagswunsch ins Leben gerufen: eine Woche vor dem Muttertag haben wir gemeinsam alle Mütter und Väter dazu aufgerufen, ihre Wünsche an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu posten. Innerhalb von Stunden haben Hunderte von Menschen mitgemacht und Twitter geflutet. Über hundert Blogtexte sind erschienen, die Medien haben bundesweit berichtet und wir sind über RTLaktuell bis hin in die Tagesthemen damit gekommen. Wahnsinn!

Zum Schluss haben wir die vielen vielen Muttertagswünsche zusammengefasst und auf sechs Kernforderungen konzentriert. Diese haben wir unserer Familienministerin Manuela Schwesig geschickt, die uns dann tatsächlich nach Berlin ins Ministerium eingeladen hat. Dort wurden wir mit unseren Forderungen angehört, ernst genommen und wir haben über zwei Stunden lang lebhaft diskutiert. Natürlich wurde nicht am nächsten Tag das Sozialversicherungssystem in Deutschland komplett umgebaut, aber in kleinen Schritten tut sich etwas, das haben wir deutlich gespürt.

Deshalb rufen wir, Christine Finke, family unplugged und ich, dieses Jahr mit FrauTV und Sonja Lehnert von Mama-notes an unserer Seite auch in diesem Jahr wieder alle Mütter und Väter dazu auf: postet und tweetet Euren #muttertagswunsch und #vatertagswunsch!

Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt noch viel zu tun, und deshalb müssen wir jedes Jahr lauter werden! Kinder sind keine Privatsache, und Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir retten jeden Tag die Welt, weil wir unseren Kindern schon beim Frühstück Demokratie erklären, beim Mittagessen gerechte Verteilung vorleben und beim Abendessen einen respektvollen und gewaltfreien Umgang miteinander üben. Familien sind keine Randgruppe, wir sind verdammt viele: egal ob allein- oder zusammen-Erziehende, Patchwork jeglicher Konstellation, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- oder Pflege-Eltern: Familie ist da, wo mindestens ein Kind und ein Erwachsener ist. Und Familien brauchen mehr als Pralinen, Blumen und Sauftouren.

Mit unserem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wollen wir nicht nur protestieren und anklagen (aber auch!), sondern deutlich sagen, was verändert werden muss, was abgeschafft gehört und was dringend eingeführt werden sollte, um Familienleben in Deutschland lebenswert zu machen. Für alle!

Wir werden alle Tweets unter dem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wieder zusammenfassen und auch dieses Jahr wieder unserer Familienministerin überreichen.

 

P.S. Einschalten: der #muttertagswunsch ist am Donnerstag, 11. Mai um 22.10 Uhr bei FrauTV im WDR (und danach in der Mediathek)

Muttertagswunsch 2017

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Es geht auf den Muttertag zu, und da werde ich tatsächlich gefragt, was doch gleich meine, unsere Forderungen zum Muttertag waren? Das haben wir ja schön zusammen gefasst, Christine Finke, family unplugged und ich. Da sind sehr wichtige Forderungen dabei, bei der Aktion Muttertagswunsch, und ich kann auch 1 Jahr später alles nochmal unterschreiben.

Aber für mich ist etwas hinzugekommen. Was ich mir als Mutter, speziell als Alleinerziehende, wünsche? Und zwar nicht nur zum Muttertag.

Dass nie wieder eine andere (verheiratete) Mutter zu mir sagt, ich würde die Kur nur wegen des Alleinerziehenden-Bonus‘ bekommen.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur jammern, weil ich sagte ich sei müde, denn ich hatte in einer Woche drei Abendtermine bis 24 Uhr und muss trotzdem jeden Morgen um 6.30 Uhr aufstehen.

Dass nie mehr eine andere Alleinerziehende zu mir sagt, wir müssten unbedingt mal ein Glas Wein zusammen trinken und sich dann 6 Monate nicht mehr meldet.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt „wird schon“ wenn ich an dem Zwiespalt verzweifle, dass ich weniger arbeiten und mehr Zeit für die Kinder haben sollte, aber dann die Kohle leider nicht mehr reicht.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur von meinen Kindern rede, nur weil ich im beruflichen Kontext gewagt habe zu erwähnen, dass ich überhaupt Kinder habe.

Dass ich nie wieder gefragt werde, warum ich den Termin um 17 Uhr nicht wahrnehmen kann.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt, ich müsste halt mal entspannen, auch mal an mich denken und zum Yoga gehen.

Dass ich nie mehr meiner Tochter erklären muss, dass ihr regelmäßiges Date mit der Freundin ersatzlos gestrichen ist, weil diese jetzt in an dem Tag etwas Besseres vorhat.

Dass ich nie wieder anderen Eltern hinterher telefonieren muss, weil sie die Verabredungen unserer Söhne ständig hin- und herverschieben.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt „der eine Abendtermin geht ja wohl, oder?“

Was sind das für Wünsche und vor allem: wer soll die erfüllen?

Das sind alles Wünsche, die was mit der Gesellschaft und den Beziehungen der Menschen miteinander zu tun haben. Die Wünsche hören sich alle nach Einzelfällen an, haben aber einen gesamtgesellschaftlichen Hintergrund:

Wie kommt eine verheiratete Frau auf die Idee, Alleinerziehende bekämen einen Bonus? Kommt das aus diesem „mir geht’s aber auch schlecht“-Denken, aus diesem Verdacht, die Alleinerziehende könnte ungerechtfertigterweise etwas bekommen, was der verheirateten Frau nicht mindestens auch zustünde? Die Frau, die das zu mir sagte, hat auf Nachfrage natürlich gleich zurück gerudert und beeilte sich zu erklären, das sei in Anführungszeichen gemeint gewesen. Aha, dann geht’s natürlich.

Warum wird mir Jammerei vorgeworfen, wenn ich sage dass ich müde bin? Was ist denn Jammern und wenn überhaupt: warum darf man das nicht? Weil wir alle immer tapfer, stark, schön und selbstbewusst sind und unser Leben im Griff haben? Schwäche wird nicht zugegeben, weil sie nicht akzeptiert ist? Gruselig. Ich werde weiter jammern und sagen wie es ist und wie es mir geht, in guten wie in schlechten Tagen. Schon allein deshalb, um den ganzen Durchhalte-und Grinse-Figuren etwas entgegenzusetzen.

Warum ich so selten andere Alleinerziehenden treffe? Wann denn? Wir liegen doch alle abends halbtot im Bett und haben nur die Hälfte geschafft.

Wieso sagt jemand angesichts realer und ziemlich unlösbarer Probleme zu mir „wird schon“? Da ist ignorant! Gar nix wird, wie denn, die Lösung fällt doch nicht vom Himmel? Ich sehe ein, dass meine Probleme bei anderen Menschen Hilflosigkeit auslösen, aber einfache und echte Empathie wäre wirklich schöner („Du Arme, das ist wirklich hart!“) als so bescheuertes Durchhalte-Getöne.

Warum wird im Gespräch mit beruflichen Kontakten die Familie komplett raus gehalten? Wir haben Kinder, wir sind Familie, das bereichert uns und schränkt uns ein und deshalb müssen wir unser Berufsleben an der Familie orientieren, nicht umgekehrt! Ich bin doch keine Maschine, will man da schreien (ausgerechnet Tim Bendzko, schlimm)! Und deshalb kann ich verdammt nochmal Termine nach 17 Uhr nicht wahrnehmen, auch nicht ausnahmsweise diesen einen. Davon gibt’s pro Monat nämlich 4-5 Stück, alles Ausnahmen, ausnahmslos!

Und warum wissen alle, dass die Ursache des Problems bei mir liegt? Ich bin gestresst, weil ich nicht zum Yoga gehe? Zur Massage? Zum Kegeln? Ich soll mir auch mal Zeit für mich nehmen? Ich verrate mal ein Geheimnis: das Problem liegt gar nicht bei mir! Ich bin nicht gestresst, weil ich zu doof zum Entspannen bin, sondern weil ich seit 6 Jahren zwei Kinder alleine erziehe und dabei Vollzeit arbeite. Weil ich unter dem täglichen Organisationsstress, dem finanziellen Druck und der alleinigen Verantwortung für das Seelenheil meiner Kinder immer mal wieder zusammen breche. Jeder, der meint, das kriegt man mit ein bissl Me-Time in den Griff, darf gerne ein 4wöchiges Praktikum bei mir machen. Danach zum Yoga, ich bleib natürlich hier, und zwar noch die nächsten 8 Jahre.

Ich versuche immer wieder und sehr erfolglos, ein Netz für meine Kinder und mich zu spannen. Und kaum habe ich zum Beispiel einen Mittagessen-Termin für die Tochter bei der Freundin arrangiert, damit das Kind wenigstens 1x/Woche nicht alleine zu Hause isst, da platzt der Termin, weil irgendeine AG wichtigter ist. Warum machen diese anderen Kinder immer so viele organisierte Sachen (Tanzen, Musizieren, Kicken, Blabla?) und habe keine freien Nachmittage? Und warum wird so eine beknackte Zirkus-AG höherwertig angesiedelt als das Date mit der Freundin? Meine beiden Kinder haben 1-2 Mal Mittagsschule und ein Kind geht noch zum Sport, der Rest ist frei: Spielen, Chillen, Malen, Zocken, Kichern, Katze schmusen oder Badezimmer verwüsten. Was Kinder halt so machen, wenn sie nicht geigen müssen.

A propos andere Familien: auch wenn ich nicht alleinerziehend wäre, fände ich es schlicht unhöflich, Termine mit anderen Menschen zu verschieben, zu vergessen oder zu spät zu kommen. Bei meinem Alltag und Organisationsgrad ist es allerdings noch schlimmer. Ich frage mich ernsthaft, warum sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat, dass es respektlos ist, mit der Zeit anderer Menschen dermaßen lax umzugehen?

Es wird eben nicht so genau hingeguckt.

Es wird auch nicht so genau zugehört. Es wird einfach was daher gesagt. Es wird milde drüber gelächelt. Es wird halt mal ein Witz gerissen. Die meisten Menschen haben nicht die leiseste Ahnung, wie anstrengend das ist, Kinder alleine zu erziehen. Schmieren aber ihren Senf dazu, urteilen, wissen es besser und geben völlig utopische Ratschläge. Ich geb mal einen zurück: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ (ausgerechnet Dieter Nuhr, herrje). Wie man übrigens wirklich die Alleinerziehende von nebenan unterstützen kann, hat Anne Matuscheck hier aufgeschrieben.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das nicht nur Steuergerechtigkeit für alle Familienformen, bezahlbare Betreuungsplätze für Kinder bis 14 Jahre, ermäßigte Mehrwertsteuer für Windeln und Schulranzen statt für Blumen und Katzenfutter und noch einiges mehr.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es auch mehr Aufmerksamkeit, Zuhören und Hinsehen. Mehr Respekt und Mitgefühl. Besonders für Familien und ganz besonders für Alleinerziehende. So einfach ist das.

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Mein Wunsch zum Muttertag #muttertagswunsch

 

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„Was wünscht Ihr Euch wirklich zum Muttertag?“ fragte Anne Attersee vom Blog Einerschreitimmer neulich auf Twitter fröhlich in die Runde. Oh Graus, entfuhr es mir innerlich, dieser entsetzliche Muttertag, für mich eher Tag des Rollenklischees. Seit ich Kinder habe, werde ich buchstäblich auf Kindergarten-Niveau an diesen Tag erinnert: in KiTa, Hort und Schule werden die Kinder von engagiertem Personal dazu angehalten, süßlich-niedliches Einheits-Zeugs zu basteln. Was bei der Tochter noch ansatzweise hübsch war, verlor 2 Jahre später beim Sohn den Reiz, als er das nahezu baugleiche Herz mit Mama-Schriftzug anschleppte: die Erzieherinnen lassen sich ja nicht jedes Jahr was Neues einfallen. Später in der Grundschule fand das Grauen für mich den Höhepunkt, als mein 1.Klässler mir stolz ein Gedicht überreichte, in dem er sich reimend für die Hausarbeit, für das Kochen und Bügeln bedankte. Ich habe überhaupt kein Bügeleisen, das Kind hat mich noch nie Bügeln sehen! Die Lehrerin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Kinder zu fragen, was sie an ihrer Mutter lieben, nein, sie hat den Kindern einen Kitsch-Klischee-Text diktiert, der aus dem letzten Jahrhundert kommt. Muttertag? Nein danke!, heißt es seit dem für mich.

Und dann diese Frage auf Twitter: „Was wünscht Ihr Euch wirklich zum Muttertag?“ Mein erster Gedanke war: „Willst Du echt wissen, was ich mir wirklich als Mutter wünsche? Was ich wirklich brauche?“ Mir war sofort klar, dass meine Wünsche eher politischer Natur sind, denn einmal Ausschlafen bringt bei mir keine Linderung. Keine Pralinen, keine Blümchen, keine Herzen, keine Gedichte, keinen Wellness-Tag, das bringt mir alles nichts. Ich will keine Einmal-Aktion und dann gehen wir wieder zur Tagesordnung über. Und von meinen Kindern schon mal gar nicht, die überschütten mich täglich mit ausreichend Liebe, und wenn es mir bis jetzt nicht gelungen ist, ihnen ein wenig Respekt vor meiner Arbeit nahe zu bringen, dann werden mir ausgemalte Herzchen auch nicht mehr helfen.

Nein, ich wünsche mir zum Muttertag nichts von den Kindern, sondern etwas von denen, die das Geld verteilen, das sie monatlich von mir bekommen: Liebe Kommunal-/Landes- und Bundesregierung, ich brauche kein Frühstück ans Bett, ich brauch Steuerklasse 3! Ich will schnell und unbürokratisch an eine Haushaltshilfe kommen, wenn ich krank bin. Ich will bezahlbaren Wohnraum, kurze Wege in der Stadt und ein kostenfreies Schulticket. Ich will Grün und Luft, ich will Gärten und Spielplätze für die Kinder in der Stadt. Ich will jetzt eine finanzielle Grundsicherung für Familien und später fürs Alter eine massiv höhere Anrechnung der Erziehungs- und Familienzeit. Ich will für jedes Kind ein Instrument und das Bronze-Schwimmabzeichen, unabhängig vom Geld- und Zeitbudget der Eltern. Ich will, dass für jedes Kind getrennter Eltern ein angemessener Unterhalt gezahlt wird, entweder vom zahlungspflichtigen Elternteil oder vom Jugendamt, und zwar bis zum Ende der Ausbildung der Kinder. Wer nicht zahlt, wird sofort straffällig und verurteilt, mindestens in dem Maße eines Steuerhinterziehers. Ich will, dass meine Kinder bis zum 8. Schuljahr ein gesundes und leckeres Mittagessen in der Schule bekommen. Ich will, dass die geplante Hartz4-Kürzung für Alleinerziehende sofort vom Tisch gefegt wird. Ich will die gesellschaftliche Anerkennung meiner Erziehungsleistung und ich will bitte nie mehr nach 17 Uhr nach einem geschäftlichen Termin gefragt werden, da ist nämlich Familienzeit!

Das waren jetzt nur die drängendsten Punkte, die mir spontan eingefallen sind, und ich hab sie gleich mal getwittert. Sie wurden sofort verbreitet und es kamen weitere Wünsche hinzu. Da kam die Idee: Lasst sie uns sammeln, lasst uns ALLE Wünsche von Müttern und Vätern sammeln und sie an die regierenden Menschen übergeben!

Mit Christine Finke vom Blog Mama-arbeitet und mit dem Projekt family unplugged habe ich sofort begeisterte Mitstreiterinnen für diese Idee gewonnen:

Wir laden alle Mütter und Väter dazu ein, ihre politischen und gesellschaftlichen Wünsche aufzuschreiben! Ihr habt vom 1.-8. Mai Zeit, einen Text mit Euren Wünschen auf Eurem Blog zu schreiben und hier in den Kommentaren zu verlinken (bitte erwähnt und verlinkt in Eurem Text auch diesen Text hier). Wenn Ihr kein Blog habt könnt Ihr Eure Wünsche auch einfach direkt in die Kommentare schreiben. Nach dem 15. Mai werten wir alle Texte aus, fassen die geballten Wünsche von Müttern und Vätern zusammen und übergeben diese unserer Regierung. Über diese Übergabe und alle anderen Aktionen halten wir Euch hier auf dem Blog auf dem Laufenden.

Kleines Bonusprogramm: flutet am Vatertag (5. Mai) und Muttertag (8. Mai) das Netz auf facebook, twitter und wo Ihr Euch sonst noch rumtreibt, mit Euren Wünschen unter den Hashtags #muttertagswunsch und #vatertagswunsch. Dann sind wir sind nicht mehr zu übersehen.

Übrigens ist das zwar eine Idee einer Alleinerziehenden, aber das geht ALLE an, die Mutter oder Vater sind! Und by the way: auf wikipedia steht ja, dass der Muttertag ganz ursprüglich aus der Frauenbewegung kommt. Dann wurde er von der Blumenindustrie benutzt, später von den Nazis. Wir bringen ihn jetzt zu seinem Ursprung zurück und stellen politische Forderungen. Und weil’s inzwischen  auch den Vatertag gibt und weil Familie und Kinder keine Frauensache sind, sollen die Väter bitte auch mitmachen: Statt Blümchen + Bollerwagen!

Vielen Dank fürs Mitmachen, wir werden etwas verändern!

muttertagswunsch

 

update: die Medien berichten über die Aktion, eine kleine Presseschau findet Ihr hier.

 

Mein Wunsch zum Muttertag #muttertagswunsch