Angst um die Kinder

„Wer loslässt, hat die Hände frei“

Bei der Scheidung kam der Kalenderspruch noch ganz flockig daher, inzwischen könnte ich ihn eher umschreiben: wer loslässt, hat das Herz in der Hose.

Ich habe Angst um meine Kinder. Nein, wir werden nicht bedroht, wir leben nicht im Erdbebengebiet und nicht im Krieg. Ich habe Angst um meine Kinder, jeden Tag. Jeden Morgen, wenn ich sie mit einem Kuss in die Schule verabschiede. Jeden Nachmittag, wenn sie nach Hause kommen. Jede Nacht, wenn ich sie im Schlaf atmen höre. Angst, dass sie vom Erdboden verschwinden, sie einen Unfall haben, jemand ihnen etwas antut. Angst, dass sie einfach aufhören zu atmen.

Diese Angst ist irreal, aber ich kann inzwischen keinen Tatort und keinen anderen Krimi mehr sehen, weil ja immer zur „Illustration“ ein Kind sterben muss. Ich halte das nicht aus, ich sitze wirklich heulend vorm Fernseher, weil ich mir sofort vorstelle: was, wenn das mein Kind wäre? Unerträglich!

Diese Angst steht im krassen Gegensatz zu dem, wie ich meine Kinder erziehe: ich bezwinge meine Angst und traue meinen Kindern grundsätzlich alles zu, was sie sich selber zutrauen. Seit dem Vorschulalter gehen sie ihre Wege alleine, bleiben eine Weile alleine zu Hause, übernachten bei Freunden usw. Ich unterstütze sie in ihrer Selbständigkeit und freue mich, wenn sie ihre Kompetenzen ausweiten, erproben und einfach wachsen. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn meine Ängstlichkeit sie daran hindern würde, groß zu werden, denn das ist ja ihre Kernkompetenz: Wachsen. Das hat mir den Ruf einer „coolen“ Mutter eingebracht, mir Hasenherz!

In der ersten Nacht, in der mein erstes Kind neben mir im Bett lag, hatte ich die ganze Zeit die Hand auf ihrer Brust liegen, um über Ihre Atmung zu wachen. Sie war so zart und ein solches Wunder, ich musste sie einfach beschützen. Irgendwann konnte ich vor Müdigkeit nicht mehr und hab meinen Mann geweckt, er möge mich ablösen, und ich konnte erst schlafen, als ich sicher war, dass er weiter über sie wacht.

Jetzt ist sie fast 11, geht morgens um 7.15 Uhr in die Schule und ich sehe sie oft erst gegen 16/17 Uhr wieder. In der weiterführenden Schule meldet sich erstmal keiner, wenn das Kind nicht aufkreuzt. Ein Graus für meine Horrorvorstellung: sollte sie je auf dem Schulweg verschwinden, werde ich es für mindestens 8-10 Stunden nicht mitbekommen! Der Sohn hingegen wandert morgens zum Freund und von dort in die Schule, der ist noch so herrlich grundschulüberwacht: ich hätte nach 5 Minuten einen Anruf, wenn er beim Freund nicht auftaucht, die Grundschule hat ein ausgeklügeltes „Kind-nicht-da“-System, nach der Schule ist er im Hort und um 17 Uhr kommt er nach Hause.

Wenn er nicht noch was vorhat, denn mein Sohn mit seinen 9 Jahren fühlt sich sehr sicher in seinem kleinen Universum. Er kann den Busfahrplan der ganzen Stadt auswendig, er kennt alle Wege und Abkürzungen, er weiß wo seine Freunde wohnen, wo das Kinderturnen ist und der Gitarrenunterricht, wo wir Katzenfutter kaufen und wo ich arbeite. Er fühlt sich so sicher, dass er bereits sehr selbständig über Raum und Zeit verfügt, viel mehr als die häusliche große Schwester. Die weiß das auch alles, geht aber schnurstracks nach Hause. Ich habe meinen Sohn schon vor 4 Jahren im Stadtteil gesucht, weil er seinen Kumpel besucht hat, er ist mir schon zigmal abhanden gekommen, wir hatten schon Polizeieinsätze und ich habe schon zusammengerechnet ein gefühltes halbes Leben auf ihn gewartet. Aber das faszinierende an ihm ist: umgekehrt hat er mich noch nie gesucht! Er hatte noch nie Angst, er weiß immer wo er ist und wie er nach Hause kommt. Als Baby saß er seelenruhig ins Spiel vertieft in einem Sandkasten zwei Hügel weiter, heute geht er nach dem Turnen eben noch ein Stündchen auf die Halfpipe – so what? Er hat sein Handy und ruft mich an, wenn er noch einen Freund besuchen geht, oder dann doch mal die Buslinie verwechselt hat. Also, in etwa 1/3 der Fälle ruft er mich an, die anderen Fälle managt er selber. Nur die Zeit hat er nicht immer im Blick, aber auch das wird besser.Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Aber eben nicht darauf, dass er keinen Unfall hat oder noch Schlimmeres passiert.

Verdrängen. Die Gefahr und die Angst verdrängen, anders geht es nicht. Den neuen, schönen Tag rauslassen: Nie die Kinder im Streit verabschieden, immer ein Kuss, eine Umarmung, ein Blick in die Augen, die Verabredung, wann wir uns wieder sehen. Das gibt uns Halt über den Tag. „Heute gehst Du nach dem Hort zum Turnen und kommst dann mit dem Bus nach Hause“. „Heute gehe ich nach der Arbeit zum Zahnarzt und komme gegen 17 Uhr nach Hause, da seid Ihr schon da und schmust mit den Katzen“. Wir gehen nie ins Ungewisse, wir vergewissern uns gegenseitig, wo und wann wir uns wiedersehen.

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich immer gedacht, dass ich niemals Kinder bekommen kann, weil ich mir so furchtbare Sorgen um sie machen würde, weil ich diese Angst nicht aushalten würde. Und es stimmt, es ist fast nicht auszuhalten. Und das wird nie enden.

Ich kann meine Kinder nicht beschützen. Ich kann nicht mein Leben lang die Hand über ihr Herz halten. Ich kann sie nur stärken, damit sie nicht bei einem Idioten ins Auto steigen. Ich kann sie kompetent machen, damit sie auch mit dem falschen Bus den Weg nach Hause finden. Ich kann sie fröhlich und selbstbewusst machen, damit sie sich nicht von vermeintlichen Beschützern verführen lassen.

Und ich werde sie bei jedem Abschied küssen und umarmen, mein ganzes Leben lang.

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Dieser Text wurde scoyo-Liebling des Monates im Februar 2016.siegel-scoyo-lieblinge-blogger-februar

 

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Angst um die Kinder

Anpassungsstörungen

Alle 2 Wochen haben wir Anpassungsstörungen, die Kinder und ich.

Sie waren am Wochenende beim Papa, ich war am Wochenende allein. Die Kinder haben dabei den eindeutig schwereren „Job“ als ich: Sie verlassen ihren Alltag und ihr Zuhause, sie haben mit Menschen zu tun, die sie nur alle 2 Wochen sehen, mit denen sie nun von Freitag Abend bis Montag früh zusammen sind. Aber es ist natürlich der eigene  Vater, der sie liebt und der eng mit ihnen verbunden ist, da ist viel Vertrautheit und Gewohnheit mit im Spiel. Trotzdem ist alles ganz anders als zu Hause. Und da ist seine Freundin, nicht ganz so vertraut, aber sie ist auch schon seit Jahren da. Es ist dieselbe Stadt und die Kinder können ihre Termine wahrnehmen: Geburtstage, Sport, Schulfeiern, etc. Vater und Kinder haben drei Nächte, nicht nur Samstag / Sonntag, was toll ist für alle Beteiligten: so kommt ein bisschen mehr Alltag auf als mit nur einer Nacht und zwei halben Tagen. Trotzdem ist es anstrengend, gerade für die Kinder. Auch ich als Erwachsene fände es mühsam, alle 2 Wochen meine Tasche packen zu müssen.

Ich habe es da einfacher, ich bleibe ja zu Hause. Mit der Wohnung und dem Haushalt und den Katzen, Kaninchen, meinem Job und mir. Dass Alleinerziehende sich am kinderfreien Wochenende nicht ausschließlich die Nägel machen, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, und so gibt es immer ausreichend zu tun. Zudem lege ich möglichst viele Termine in dieses Wochenende, um mir und den Kindern den vermehrten Einsatz von Babysittern zu ersparen.

Wenn die Kinder am Freitag nachmittag weg sind und ich zu Hause (und nicht auf der Arbeit) bin, macht es in meiner Seele PLÖPP. Ein Vakuum entsteht. Ich könnte heulen. Ich vermisse sie sofort. Ich bin erleichtert. Ich freue mich auf meine Ruhe. Ich will sofort schlafen. Freude, Trauer, Sehnsucht, Erleichterung, schlechtes Gewissen: alles da, innerhalb von 1 Sekunde. Schwer auszuhalten. Sehr schwer. Manchmal gehe ich dann einfach heiß duschen. Oder ich miste den Kaninchenstall aus. Übersprungshandlung.

Das Wochenende vergeht, ich tue Dinge, ich ruhe aus, ich arbeite, ich lasse Dinge.

Montag nachmittag sind sie wieder da. Wir sind alle glücklich, uns zu sehen, erzählen uns unser Wochenende. Es kracht. Die Geschwister streiten wie die Kesselflicker. Sind dünnhäutig. Müde. Sie weinen, schlagen Türen, schreien sich und mich an. Beruhigen sich, sind albern. Total albern. Fast schon hysterisch albern. Hören gar nicht mehr auf. Kichern, Lachen, Blödeln, schießen sich mit ihrem Kinderhumor in ein anderes Universum. Eins, wo ich nicht mitkomme. Sie schließen mich aus, retten sich in ihre eigene Welt. Übersprungshandlung. Ich kann sie verstehen: sie sind glücklich, wieder zu Hause zu sein, und sie vermissen ihren Vater. Können wahrscheinlich dieses Gefühle kaum aushalten: Freude über die Mama, Sehnsucht nach dem Papa. Sie haben noch nie gesagt: ich will zum Papa. Aus Rücksicht auf mich? Weil sie wissen dass es nicht geht? Erlauben sie sich dieses Gefühl? Ich hoffe, dass sie wissen, dass der Raum für diese Gefühle da ist.

Die albernen, hysterischen, chaotischen Kinder sind schwer auszuhalten. Gerade an diesem Montag: ich hatte mich gerade an die Ruhe, ans Alleinsein und tatsächlich auch an ein bisschen Ordnung gewöhnt, da ist es auch schon wieder vorbei. Ich freue mich tierisch auf sie, und sie benehmen sich wie die letzen Menschen. Das ist so seit 5 Jahren, ich kann mich trotzdem nicht daran gewöhnen. Diese Gefühlsachterbahn, alle 2 Wochen. Die der Kinder. Meine. Unsere zusammen. Wir brauchen den kompletten Montag, um uns wieder aneinander anzupassen. Erst beim Vorlesen Abends sind wir alle wieder die, die wir sind. Kuscheln, Lesen, Schmusen, ich hab Dich lieb gute Nacht.

Ab Dienstag ist dann alles wieder ok, unser Alltag, unser Leben, wir. Ich wünschte, wir könnten diesen Montag überspringen. So wie man Schuhe erst anziehen möchte, wenn man sie schon eingelaufen hat.

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Nachtrag:

Natürlich weiß ich, dass das „Jammern auf hohem Niveau“ ist: ja, ich kann froh sein, dass sie überhaupt zu ihrem Vater gehen können. Dass er in derselben Stadt lebt, die Kinder ihre Freunde und Termine behalten. Und dass sie nicht eine, sondern drei Nächte dort sind. Dass sie gerne hingehen, und ich mich blind auf ihn verlassen kann, weil es ihnen dort gut geht. Dass ich drei freie Nächte und zwei freie Tage habe, alle zwei Wochen. Dass die Kinder mit Quatsch und Albernheit reagieren, ist wahrscheinlich auch deutlich besser, als wenn sie Depressionen, Wut und Trauer entwickeln würden. Das ich mir das alles vor der Trennung hätte überlegen können, braucht mir auch niemand zu erzählen.

Es ist trotzdem anstrengend. Es ist emotional saumäßig anstrengend. Für mich und die Kinder, und wahrscheinlich auch für den Vater. Ich will nichts und niemanden mit diesem Text bereuen, anprangern, beschuldigen, anklagen oder Forderungen aufstellen. Ich will es einfach nur mal sagen. Und morgen ist ja auch schon wieder Dienstag.

Anpassungsstörungen

An Tagen wie diesen…

…läuft’s irgendwie nicht so rund. Ja klar, ich bin seit 2 Wochen erkältet und alles tut weh, ich arbeite (mal wieder) zu viel, es müsste mal gesaugt oder besser: geputzt werden, die Wäsche liegt rum und Brot ist alle.

Und dann: „Mama, ich möchte gerne mit Dir Geschenke basteln“ (HILFE!) und „Ich will Geige lernen“, „Fahren wir noch zur Skateranlage?“, „Kochst Du heute Abend was Leckeres?“, „Ich will mit Dir backen“, „komm wir toben!“, „warum haben wir noch keine Weihnachtsdeko?“

An solchen Tagen nagt es besonders heftig an mir: ich werde den Kindern überhaupt nicht gerecht. Ich wage die Behauptung, dass es in der Weihnachtszeit besonders schlimm ist, denn die ist auch von den Kindern schon mit Bergen von Erwartungen erfüllt: Deko, Backen, Nikolaus, Adventskranz, Backen, Singen, Baum, Tralala.

Und ich? Ich bin hier allein verantwortlich für selig machende Kindheitserinnerungen. Toll, ich fahre das ganze alltägliche Jahr lang ja schon am Limit mit Arbeit, Haushalt, Kindern, Schule, Hort, Katzen und Kaninchen. Da kann ich im Dezember nicht auch noch eins drauflegen an häuslicher Besinnlichkeit. Und wenn ich dann noch krank werde, erst recht nicht.

Die Bedürfnisse der Kinder sind allerdings das ganze Jahr da, nicht nur im Dezember. „Ich will ein Gemüsebeet anlegen“, „Ich will eine Bude im Garten bauen“, „Ich möchte ein Experimentierkasten und alles ganz genau erforschen“, „Zeigst Du mir nochmal wie man strickt?“, „ich will einen Rock nähen“

Diese Kinder sind großartig, denn sie sind kreativ, neugierig, entdeckungsfreudig, weitreichend interessiert. Und ich? Ich hab keine Geduld für Experimentierkästen, ich kann keine Buden zusammen zimmern, ich weiß nicht wann man Blumenkohl sät und wie man den Faden in diese blöde Nähmaschine friemelt. Genau genommen hab ich keine Ahnung von Haus und Garten, ich müsste mir erstmal ein Buch kaufen oder einen  VHS-Kurs  belegen. Ich sehe im Internet Bilder von zauberhaften Feengärten und mir kommen fast die Tränen, weil das so schön aussieht und genau das richtige für meine Kinder wäre. Aber ich hab keine Zeit, und wenn mal ich Zeit habe, bin ich zu müde.

Was mich aber noch mehr trifft: die Kinder wollen es MIT MIR zusammen machen. Mit mir zusammen erleben, entdecken, arbeiten, basteln, kreativ sein. Sie lieben es, mir was abzuschauen, von mir zu lernen, mit mir zusammen zu entdecken und sich über das Ergebnis zu freuen. Und ich kriegs nicht hin, weil ich das alles gar nicht weiß und nicht kann. Es macht mich fertig, daß ich diese Erwartungen nicht erfüllen kann, dieses Bedürfnis nach Nähe, nach gemeinsamen Tun nicht stillen kann. Ich ertappe ich mich dabei, wie ich hoffe, dass wenigstens die Institutionen da was bieten: Basteln in der Schule, Adventsgärtlein im Hort, wie schön. Dann erleben sie das alles eben ohne mich, weil ich mal wieder wie erschossen auf dem Sofa liege.

Und ja: ich habe das Gefühl, es ist bei  uns noch blöder, weil ich alleinerziehend bin. Hier ist kein zweiter Erwachsener am Start, der nochmal eine anderes Bündel an Kompetenzen mitbringt, aus denen die Kinder schöpfen können. Der mir ein bisschen von der Verantwortung abnimmt, allein zuständig zu sein für selig machende Kindheitserinnerungen.

An Tagen wie diesen, an so einem 10. Dezember, mit Schnupfen und Kopfweh, ohne Weihnachtsdeko am Fenster und das Konto knietief im Dispo, da hadere ich ganz schön mit meinem Schicksal.

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An Tagen wie diesen…