Meine sonnige Seele

„Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit…“ (mein Poesiealbum)
„Mit ihrem sonnigen Wesen ist sie bei allen beliebt“ (Zeugnis der 1. Klasse)
„Du hast eine sonnige Seele“ (Freund zu mir, 30 Jahre)
„Wie schön, dass Du mit Deiner guten Laune alle hier ansteckst“ (Kollegin zu mir, 45 Jahre)
Ich habe fast immer ziemlich gute Laune. Ich bin stellenweise so gut drauf, dass es meinen Kindern peinlich ist: ich mache Quatsch, ziehe Grimassen, weiß zu jeder Situation ein Lied und schmettere das gerne raus. Mit einem Scherz habe ich schon ziemlich viele Zankereien in meiner kleinen Familie entschärft, meine Kinder haben dementsprechend deutlich früher, als es „altersgerecht“ angemessen wäre, Humor, Ironie und die umwerfende Fähigkeit, über sich selber lachen zu können, entwickelt.

„Wie Du das alles packst, irre“ (andere Mütter)
„Du hast ja nie eskaliert, da dachte ich es wäre nicht so schlimm“ (Exmann)
„Du steckst das alles so locker weg“ (viele, immer wieder)

Ich stecke einiges weg und bin extrem belastbar. Ich ziehe mich immer wieder an den Haaren aus der Scheiße und lasse mir selten die Laune verderben. Wenns doof läuft, werde ich kurz mal heftig wütend und lasse ordentlich Dampf ab, aber meinen Alltag und meine Laune beeinträchtigt das nicht weiter. Ich bin nicht der Typ, der griesgrämig durch den Tag geht. Im Gegenteil, meist summe und pfeife ich vor mich hin und hab einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das liegt mir als Rheinländerin wohl auch im Blut.

Mein sonniges Wesen hat mir mehr als einmal Kopf und Kragen gerettet. Aber manchmal kostet es mich auch Kopf und Kragen. Denn mir glaubt kein Mensch, dass es mir mal nicht gut geht und dass ich Unterstützung brauche. Geschweige denn, dass ich einsam sein könnte. Auch mein Exmann hat mir nicht geglaubt, dass es mir nicht gut geht. Ich habe zwar unsere Probleme immer wieder benannt, aber ich habe deshalb nicht traurig in der Ecke gesessen, sondern den Alltag mit den Kindern trotzdem fröhlich weiter gewuppt. Warum sollte ich die Kinder mit runterziehen oder mich selbst? Missstände kann ich benennen, ohne deshalb mit übler Laune durch den Tag zu schleichen. Und so dachte er: sie lacht ja noch, dann kann es nicht so schlimm sein. War es aber. Die Ehe war kaputt und ich habe gelitten wie ein Hund, man hat es mir nur nicht angesehen. Die Kinder waren 3 und 4 Jahre alt und ich habe mich in der Verantwortung gesehen, meine Misere nicht auf sie auf übertragen.

Ich habe also offenbar Schwierigkeiten damit, glaubhaft zu machen, dass es mir mal nicht so gut geht. Dass ich Hilfe brauche. Die ersten beiden Jahre nach der Trennung hat mich kein (!) Mensch mal auf eine Glas Wein eingeladen und mich gefragt, wie es mir geht. Und ich kenne echt viele Menschen. Hab das alles wohl zu gut hingekriegt. Jahre später will ein Filmemacher eine Doku über Alleinerziehende drehen, er sieht sich dazu vorab das Porträt über mich an und sag dann, ich käme für ihn nicht in Frage: ich käme zu gut rüber. Wow! Augenscheinlich habe ich einen bombastischen Freundeskreis, ein unendliches Netzwerk und schätzungsweise einzweidrei Verehrer. Dazu gute Laune und Energie ohne Ende.

Alles Mumpitz!

Weil mir mein sonniges Wesen also manchmal tatsächlich im Weg steht, habe ich angefangen, so authentisch wie möglich zu benennen, wie es mir wirklich geht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich „ganz gut, aber ich bin heute sehr müde“. Das ist morgens um 8 auf dem Bürgersteig mit der Nachbarin vielleicht auch das maximale an Authentizität, was man bringen kann. Wir wollen ja beide weiter und haben nicht viel Zeit. Aber wenn ich Texte schreibe, dann schreibe ich auf, wie ich es fühle. Ich beschreibe meinen Alltag, meine Müdigkeit und meine Erschöpfung, und darin bin ich dann offenbar so authentisch, dass mir Depressionen attestiert, zu ärztlicher Hilfe geraten und mir der Verlust jeglicher Lebensfreude unterstellt werden. Oha!

Was ist da los, frage ich mich? Wann bin ich denn ich? In meinen Texten, die offenbar große Sorge um mich auslösen? Was mich rührt, aber auch schwer ins Nachdenken bringt. Oder in meinem Alltag, mit der guten Laune und dem fröhlichen Abarbeiten auch extremster Belastung?

Ich kann Alexandra Widmer nur zustimmen, die sagt, daß es unsere innere Einstellung ist, die unsere Zufriedenheit und unser Glück beeinflussen. Bei mir trifft das jedenfalls zu: mit meiner Fröhlichkeit ziehe ich mich selber aus dem Schlamassel, sie macht mich selber glücklicher und auch leistungsfähiger, in jeglicher Hinsicht. Und das brauche ich, denn meine Leben ist echt sackanstrengend! Ich schütte mir jeden Tag selber kiloweise Endorphine in die Suppe, damit ich mein Pensum überhaupt schaffe.

Was mich aber nicht daran hindert, die Misere zu benennen: Alleinerziehende werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt, politisch, gesellschaftlich, strukturell. Das will ich ändern, ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, denn ich bin ja nun echt nicht die einzige, die darunter zu leiden hat. Das hat nichts mit Jammern, Selbstmitleid und Wehklagen zu tun. Ich erlebe aber, dass man das nicht hören will. Die Paare, die ich kenne, wechseln das Thema, hören aktiv weg oder fragen einfach nicht weiter nach, wenn sie von meinen Problemen oder aber von meinem politischen Engagement hören. So wird aus der eigentlich fröhlichen Frau auf einmal die Meckerziege, bloß weil ich ausspreche, dass hier einiges ungerecht ist und auf dem Rücken Alleinerziehender ausgetragen wird. Konkret sieht das dann so aus, dass die Anwesenden des Elternabends schon die Augen verdrehen, weil ich bei der Erhöhung der Kita-Gebühren frage, ob es eigentlich eine Ermäßigung für Alleinerziehende oder andere Leute mit weniger Kohle gibt? (nö, gabs natürlich nicht, erst nach meiner Intervention).

Dann bin ich halt die Meckerziege, aber ich bleibe bei meinen Themen. Schon um meiner Kinder Willen: ich lebe ihnen vor, dass sie die Zustände, in denen sie leben, niemals hinnehmen müssen. Sie können zufrieden damit leben, wenn sie für sie ok sind, aber sie können sie auch ändern, wenn es sie sie ungerecht finden: Engagement lohnt sich, (fast) immer!

Gleichzeitig braucht es natürlich die Weisheit, zu erkennen, was ich nicht ändern kann, damit ich es gelassen hinnehme, ohne zu verbittern. Das ist ein schmaler Grat und ein ewiges Lernen, und das müssen nicht nur meine Kinder, sondern auch ich immer wieder neu lernen. Denn das letzte, was ich will ist ja, mein sonniges Wesen zu verlieren und eine grimmige alte Frau zu werden. Und so norde ich mich immer wieder ein: zwischen der Erschöpfung und Einsamkeit meines Alltages, der Freude und Dankbarkeit über meine Kinder, der Entrüstung über gesellschaftliche Strukturen, der Empörung über Ungerechtigkeit und Stigmatisierung und dem großen Glück über mein Leben mit meiner Tochter und meinem Sohn.

Vielleicht habe ich von allem ein bisschen mehr, und das ist es, was es Außenstehenden schwer mit mir macht: ich bin oft ein bisschen fröhlicher, ein bisschen besser drauf und ein bisschen zäher als andere. Ich bin aber auch wütender, trauriger, erschöpfter, hartnäckiger und einsamer. Ein bisschen weniger von allem wäre vielleicht nicht so aufreibend für mich. Aber dann wäre ich nicht mehr ich. Meine Aufgabe vom Universum für mich lautet immer wieder, mich nicht von negativer Energie und dem Griesgram in mir überwältigen zu lassen, sondern mich auf meine positive Energie zu konzentrieren: auf meine sonnige Seele.

Mutterseelesonnig.

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Meine sonnige Seele

Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Mütter stillen Kinder. Wenn die Kinder nicht still sind, sind im Umkehrschluss die Mütter dafür verantwortlich.

Mumpitz, sagt nun der gesunde Menschenverstand, mit etwas Glück hat das Kind auch einen Vater, der sich mit der Mutter gemeinsam um das Kind kümmert. Nicht so bei der FAS, die hat einen Artikel über Mütter veröffentlicht, die ihren Babys Schlafmittel geben, um endlich Ruhe zu haben. Natürlich ist der Text bissl ausführlicher und leidlich recherchiert, aber was bleibt, ist der fade Nachgeschmack eines Artikels, in dem es ausschließlich die Mütter sind, die unter nicht schlafenden Babys leiden. Und deshalb irgendwann in völliger Verzweiflung zu Medikamenten greifen.

Warum kommen in dem Text die Väter nicht (bzw. nur marginal) vor? frage ich mich grübelnd. Warum sucht die Autorin nicht nach den Ursachen des Schreiens beim Baby, und vor allem nicht nach der Ursache dieser bodenlosen mütterlichen Verzweiflung? Wenn die Mütter so dermaßen alleine gelassen sind mit einem brüllenden Baby, wie der Artikel suggeriert, dann wundert mich die Verzweiflung nicht. Aber ist Babyschlaf denn Frauensache? Oder handelt der Text ausschließlich von alleinerziehenden Müttern und die Autorin hat nur vergessen, das zu erwähnen? Das muss die Lösung sein, alles andere macht keinen Sinn!

Natürlich sind Alleinerziehende völlig am Ende mit Kraft und Nerven, sie müssen ja so viel arbeiten und sich auch um alles andere ganz alleine kümmern, wenn dann so ein Baby brüllt und brüllt und brüllt und nicht aufhört, kann man schon mal kirre werden. So kirre, dass man das Baby irgendwann nur noch medikamentös in den Schlaf befördern will?!

Überhaupt sind, über den FAS-Text hinaus, Medikamente gerne das Mittel der Wahl für Alleinerziehende. Eine Therapeutin, die ich kurz nach der Trennung aufsuchte, hat mir bereits beim ersten Gespräch dringend ans Herz gelegt, aufkeimende Depressionen mit Medikamenten zu behandeln. Das würde nicht nur die Tiefs, auch die Hochs etwas abdämmen und dann wären die emotionalen Berg- und Tal-Fahrten nicht so anstrengend. Und: Alleinerziehende seien ja generell von Depressionen bedroht. Aha! Weil ich alleinerziehend bin, bin ich „generell“ depressiv gefährdet. Es gibt ganz sicher Menschen, die eine medikamentöse Behandlung benötigen, aber ich weiß ganz sicher: ich gehöre gerade nicht dazu. Ich möchte auf keins meiner Gefühle verzichten, schon gar nicht auf meine penetrant gute Laune und meine ungebremste Begeisterungsfähigkeit, die hat mir nämlich in den letzten 6 Jahren seit der Trennung und in den 39 Jahren davor mehr als einmal den Kopf gerettet. Erst recht, seit ich Alleinerziehend bin.

Mein Sohn hatte vor 2 Jahren einen (einzigen!) epileptischen Anfall. Im Krankenhaus wurde sorgfältig abgewogen: üblicherweise gäbe man die Medikamente, die die Epilepsie in Schach halten, erst nach 2-3 Folgeanfällen, aber da ich ja alleinerziehend sei und das Kind ergo öfter mal unbeaufsichtigt, werde dringend geraten, noch am selben Tag (!) mit dem Medikamentieren zu beginnen.

Im Gespräch mit der Lehrerin, wo ich mich über die Unmengen an Hausaufgaben beschwert habe, hat die Lehrerin mir geraten, therapeutische Hilfe für das Kind in Anspruch zu nehmen, wenn es mit dem Druck nicht klar käme. Es sei ja auch noch ein Trennungskind, das käme erschwerend hinzu. Wenn ich noch 15 Minuten länger mit der Frau geredet hätte, hätte der Sohn wahrscheinlich noch ADHS und Inkontinenz, das arme Trennungskind. So eine Trennung ist für die Lehrerin voll praktisch, dann muss die gar nicht mehr über sich selber nachdenken: hier bitteschön, ein Stigma.

Eine Alleinerziehende braucht nicht nur einen veritablen Rotwein-Vorrat (selbst meine Mutter hat mich vor der Alkoholabhängigkeit Alleinerziehender gewarnt!), sie und ihre Kinder brauchen auch Tabletten und Therapien, damit ihr kompliziertes und anstregendes Leben noch in diese Gesellschaft und ihre doofen Strukturen reingequetscht werden kann. Hilfe? Nein, Hilfe brauchen die nicht, das wäre ja zu anstrengend. Beratung, Unterstützung, Netzwerk? Viel zu langwierig. Bessere Steuerklassen, vernünftige Kinderbetreuung, Mediation beim Trennungs-/Scheidungsprozess, Haushaltshilfe – alles Pippifax!

Im Ernst: mir und meinen Kindern ist noch nie so oft medikamentöse und therapeutische Hilfe angeboten worden, wie seit der Trennung. Die Probleme, die wir haben, liegen also ursächlich in uns selber begründet, drum müssen wir sie auch selber lösen. Wenn wir das nicht gebacken kriegen, nehmen wir halt ’ne Pille oder laufen zur Therapie.

Um nochmal zu den sedierten Babys zurück zu kommen: dieser Artikel ist eine Katastrophe, weil er den Müttern unterstellt, dass es in ihrer alleinigen Verantwortung liegt und es deshalb ihr Versagen, bzw. Unvermögen ist, welches ihr Kind nicht schlafen lässt. Denn auch wenn der Text mich auf die Stigmatisierung Alleinerziehender gebracht hat, so glaube ich natürlich nicht, dass die Autorin ausschließlich von Alleinerziehenden redet. Aber von Müttern, die mit ihren Babys völlig allein gelassen sind. Warum, das untersucht der Text nicht, und das finde ich echt schlimm!

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Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Der Montag

Freitag – Sonntag: durchgearbeitet, ich hatte ein Festival.

Montag, 8.15 Uhr: ich habe kinderfrei und werde wach, weil das Nachbarskind durchs Treppenhaus poltert und laut „tschüss“ ruft

8.25 Uhr: ich werde nochmal wach, weil die Kollegin anruft. Vibrationsalarm, aber ich werde trotzdem davon wach. Ich gehe nicht dran, nichts kann so wichtig sein

9 Uhr: ich gebe den Versuch auf, nochmal zu schlafen. Trinke im Bett Kaffee, höre Radio, lese das Internet leer, fühle mich wie überrollt.

10.30 Uhr: ich fahre zur Arbeit, weil ich das Lastenrad noch ausladen muss. Ein Kollege hat Urlaub, die Kollegin von heute morgen hat inzwischen eine SMS geschickt, dass sie krank ist. Ich leite die Mails der Abwesenden auf mich um,  trinke mit dem Hausmeister Kaffee, wir bequatschen das Wochenende. Ich arbeite im Büro, erledige das Nötigste, bin entsetzlich müde und will gerade nach Hause und in Ruhe heiss duschen, aber

15 Uhr: meine Tochter ruft an. Sie hockt vor der Schule, in die der Vater sie heute morgen mit dem Auto gebracht hat. Drum ist auch niemanden aufgefallen, dass ihr Busticket nicht da ist, Portemonnaie auch nicht. Sie kommt nicht nach Hause, ich habe kein Auto, beim Ex geht die Mailbox dran. Mein Hausmeister leiht mir sein Auto, ich hole das Kind ab, bringe sie nach Hause, bringe das Auto zurück zur Arbeit, laufe nach Hause. 45 Minuten unterwegs für nix.

16 Uhr: zu Hause, der Sohn kommt vom Hort. Die Kinder spielen, machen Hausaufgaben. Ich bin müde. Ich räume die Wochenend-Tasche der Kinder aus und wasche einfach alles. Ich gucke schon lange nicht mehr, ob die Sachen sauber oder dreckig sind, ich frage mich ich schon lange nicht mehr, ob die Kinder echt das ganze Wochenende dieselbe Unterhose anhatten. Ich räume die Küche auf, bringe Altpapier raus, räume die Spülmaschine aus, die Waschmaschine ein, staubsauge, mache Abendessen.

Ich überlege, wann ich aus diesem Hamsterrad mal rauskomme, wann ich über meine Zeit mal frei verfügen darf, wann mich mal jemand ablöst. Die Antwort ist einfach: keiner und nie, also die nächsten 10 Jahre zumindest nicht. Urlaub? Die Sommerferien sind gerade erst vorbei, ich hab eh keine Kohle mehr. Mutter-Kind-Kur? Ich will nicht weg, ich will hier mein Leben besser hinkriegen und keine Unterwassergymnastik im Schwarzwald machen. Kinderfreie Woche? In weiter Ferne, und keine echte Linderung. Eine Woche Ausnahmezustand tut’s nicht, das weiß ich inzwischen. Mir fällt nichts ein, ich bin so müde.

19 Uhr: wir essen, quatschen. Ich räume die Küche auf, ich suche die Vesperboxen in den Schulranzen. „Die sind beim Papa“. Schön, die ungefähr 25. Vesperbox, die einfach von uns geht. Was der Ex, der Hort, die Schule wohl mit diesen ganzen Vesperboxen machen? Wir gucken zusammen kika.live. Ich frage mich, wann das aufhört, dass abends im Wohnzimmer Kika läuft. Ich habe kein eigenes Zimmer, mein Bett und mein Schreibtisch stehen im Wohnzimmer .Ich habe ja auch gefühlt kein eigenes Leben. Ich bin so müde.

20.30 Uhr: die Kinder gehen ins Bett, ich hänge Wäsche auf. Gehe mit dem Sohn schmusen, wir reden noch ein bisschen. Ich gehe mit der Tochter schmusen, wir reden noch ein bisschen. Abends reden ist so schön. Ich bin so müde.

21.10 Uhr: Ruhe in der Wohnung. Ich decke den Frühstückstisch und füttere die Katzen. Mir fällt ein Druckfehler in einer Karte ein, die ich heute freigegeben habe und die morgen gedruckt wird. Ob ich das morgen noch retten kann oder jetzt noch schnell eine Mail an die Druckerei schicke? Der Sohn ruft mich, er hat Bauchweh, ich tröste ihn.

21.20 Uhr ich sitze auf dem Sofa und will gerade durchatmen, da kommt der Sohn aus dem Bett, er hat Kopfweh. Er findet die Schule doof, er will nicht so früh aufstehen. Wir reden ein bisschen, ich tröste ihn, er will in meinem Bett schlafen. Ich hole seine Decke und Kuscheltiere, er schläft in meinem Bett ein.

21.56 Uhr: ich schreibe diesen Text und bin wirklich sehr müde!

Und das war erst der Montag, um 6.15 Uhr klingelt der Wecker. Gute Nacht.

Der Montag

Loslassen und Halt geben: Kinder fahren in die Ferien

Da wo ich arbeite, finden Vorträge für Kleinkindeltern statt. Heute habe ich den Pressetext für „Loslassen und Halt geben – Eingewöhnung in der Kita“ fertig gemacht.

Loslassen und Halt geben ist in der Kita-Eingewöhnung ein wichtiges Thema. Aber ich mit meinen großen Kindern (9 und 11) stelle fest: es bleibt ein ewiges Thema. Ob die Kinder in die Kita, in die Schule oder in die Pubertät kommen, wir befinden uns ständig auf dem schmalen Grat zwischen Loslassen und Halt geben.

Gerade jetzt, in den Sommerferien: auf Twitter liefen heute die Drähte heiß, weil viele Eltern ihre Kinder vermissen: die großen Kleinen fahren in die Sommerferien. Es gilt ja bei Schulkindern, sechseinhalb Wochen zu überbrücken, und nicht alle sind mit einem Hort samt 4wöchigem Ferienprogramm gesegnet. Neben dem gemeinsamen Familienurlaub müssen also Lösungen her: die einen Kinder fahren zur Oma, die anderen zur Tante, die einen ins Zeltlager, die anderen auf den Pferdehof. Je nach Alter wagen sich die Kinder weiter und länger weg. Und auch: je nach Befindlichkeit der Eltern lassen diese ihre Kinder weiter und länger weg. Dieses Loslassen, nicht nur für 3 Stunden in die Kita, sondern für 3 Wochen einige Hundert Kilometer weit weg, ist eine ganz schöne Nummer, für Eltern und Kinder. Beide Seiten spüren Sehnsucht und lernen den Umgang damit. Manche telefonieren täglich, andere nie. Oft kommen die Kinder gestärkt und voller neuer Einflüsse zurück. Die Eltern erleben Kinder, die in kurzer Zeit sehr viel größer geworden sind, gewachsen sind, und nicht nur an Zentimetern.

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Und dann gibt es noch die Alleinerziehenden (meist die Mütter), deren Kinder das Glück haben, mit dem anderen Elternteil (meist dem Vater) Ferien zu machen. Manche eine Woche, manche zwei oder sogar drei. Das ist nochmal ein anderes Loslassen für die verbleibende Mutter: sie lässt nicht nur ihre Kinder gehen, auf den Pferdehof oder zur Oma. Nein, sie bekommt mit jedem Papa-Urlaub der Kinder das Scheitern der Familie vor Augen geführt. Vor der Trennung wären sie zusammen gefahren, nun steigen die Kinder jubelnd beim Papa ins Auto, voller freudiger Erwartungen auf die Ferien und Freude auf den vermissten Vater.

Als mein Exmann die Kinder vor sechs Jahren zum ersten Mal zum gemeinsamen Urlaub abgeholt hat, war es genauso: die Kinder stiegen überglücklich zum Papa ins Auto und sie fuhren ab, ich ging in die Wohnung zurück und habe Rotz und Wasser geheult. Es war nicht so sehr das Vermissen der Kinder, es war die gescheiterte Familie, die mir hier vorgeführt wurde. Da ich meinen Mann damals verlassen hatte, habe ich in dem Moment natürlich auch mir selber die Schuld an meinem Elend gegeben: ich hab’s nicht hingekriegt, also hocke ich jetzt hier alleine und die drei machen sich eine unvergessliche Zeit. Klar, mir standen zwei kinderfreie Wochen bevor, was für eine vollzeitarbeitende Alleinerziehende eine dringend nötige Pause bedeutet.

Aber ich wollte keine kinderfreien Ferien, ich wollte Familie!

Die Alleinerziehenden lernen nicht nur mit jedem Sommer, ihre Kinder ein Stück weiter loszulassen, sondern auch, ihre Trennung zu verkraften. Zu sich zu kommen, in sich zu gehen und Zeit für Gedanken und Gefühle zu haben, für die im Alltag selten Platz ist. Das ist nicht immer schön, viele werden von einer bodenlosen Traurigkeit und Einsamkeit eingeholt. Denn in der Zeit, wo die Kinder da sind, haben die wenigsten alleinerziehenden Mütter Zeit, sich einen Freundeskreis aufzubauen oder gar Hobbies zu pflegen. So tut sich oft ein Loch auf, da wo ein erfülltes Familienleben sein sollte, ein Loch, mit dem man erstmal umgehen muss.

Ich habe in meinen ersten kinderfreien Sommerwochen regelmäßig die komplette Wohnung aufgeräumt, ausgemistet und geputzt. Es war die einzige Gelegenheit im ganzen Jahr, so gründlich sauber zu machen, und es war auch bitter nötig. Aber ich habe mir damit natürlich auch die Leere gefüllt.

Inzwischen, nach sechs Jahren Trennung und vielen kinderfreien Sommerwochen, mache ich nichts, absolut gar nichts, obwohl die Wohnung nicht besser aussieht als vor sechs Jahren. Aber ich habe gelernt, die Zeit für mich zu nutzen, die Leere zuzulassen, Zeit und Raum für Gedanken und Gefühle zu lassen, die das ganze Jahr unterdrückt werden. Davon abgesehen sind die Kinder auch sechs Jahre älter und dementsprechend selbständiger geworden: man kann hier inzwischen aufräumen und ausmisten, während die Kinder dabei sind. Sie werden einbezogen und dürfen, nein müssen mit anpacken.

Ich habe gelernt, meine Kinder in den Ferienwochen loszulassen, weil ich weiß, wie viel Halt ich ihnen das ganze Jahr über gebe.

Loslassen und Halt geben: Kinder fahren in die Ferien

Kinderfreie Woche

Vor 134 Minuten hat sie angefangen, die kinderfreie Woche. Die zweite und damit letzte für dieses Jahr.

Es gibt kaum etwas, das so aufgeladen ist wie das Thema „kinderfreie Woche“ im Kosmos der Menschen mit Kindern. Das Spektrum reicht von „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der seufzenden, glücklich verheirateten, teilzeitarbeitenden Mutter mit Putzfrau, Yoga-Abo, Ganztageskita und beneidenswert engagiertem Ehemann, bis zu „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der ebenfalls seufzenden, chronisch übermüdeten und überarbeitenden Alleinerziehenden, deren Ex nie Unterhalt zahlt oder gar Kindeskontakt pflegt.

Jeder Seufzer hat seine Berechtigung, jeder Mensch hat andere Belastungsgrenzen, jede Mutter und jeder Vater hat eine andere Geschichte, ein anderes Umfeld, einen anderen Job und andere Variablen in seinem Leben. Unter Eltern, schlimmer noch: unter Müttern, wird leider trotzdem gerne eine Belastungsranking gestartet: wer hat’s schwerer, wem gehts schlechter, wer darf am lautesten Jammern? Zwischen alleinerziehenden und in Beziehung lebenden Müttern ist es manchmal am Schlimmsten, und drum traue ich mich kaum noch zu sagen: „ich hab jetzt eine Woche kinderfrei“. Weil ich, bei aller Empathie, die Reaktion „hätte ich auch mal gerne“ der in Beziehung lebenden Mütter nicht mehr ertrage. Denn die 50 anderen Wochen im Jahr wollen die natürlich nicht haben. Das haben Alleinerziehende mit Lehrern gemeinsam: alle wollen ihre Ferien, keiner will ihren Job.

Schon 156 Minuten kinderfrei. Diese Woche ist so aufgeladen, von mir selber. Seit Wochen, ach: Monaten schiebe ich alles mögliche auf diese Woche: ganz oben auf der Liste: Aufräumen und Ausmisten, und zwar mindestens Kinderzimmer, Keller und Kleiderschränke. Wenns gut läuft, verkaufe ich noch ein paar Sachen auf ebay. Auch gerne: Überprüfen von Versicherungen, Stromtarif und Telefonvertrag. Wo kann ich optimieren, wo kann ich 2€/Monat sparen, wie krieg ich die Mieterhöhung wieder rein? Unterlagen Abheften, Zeugnisse kopieren, Schulranzen ausräumen. Ich könnte eine Woche nur privaten Bürokram machen und eine weitere Woche lang Ausmisten und Aufräumen.

Schon 166 Minuten kinderfrei. Ich arbeite natürlich in der Woche, Vollzeit wie immer, denn der gesamte Urlaub wird für die Kinder und die zu betreuenden Schulferien verbraten. Immerhin kann ich diese Woche endlich mal so arbeiten, wie ich Bock habe. Mein Job lässt nämlich viel Flexibilität zu, die Kinder nicht. Diese Woche kann ich ausschlafen, ins Büro gehen und ohne Druck von Mittagessenkind-alleine-zu-Hause, „Dir ist schlecht? Dann bleib heute zu Hause“ oder Anrufen wie „ich bin umgekippt, kannst Du mich abholen?“ kann ich einfach arbeiten und nach Feierabend nach Hause gehen. Und da hab ich dann tatsächlich FEIERABEND, da ist niemand, es ist ruhig und leer, keiner  bettelt um TV- oder Smartphone-Glotzerei, braucht saubere Wäsche oder heute bitte Bolognese. Ich könnte die ganze Woche damit verbringen, einfach arbeiten zu gehen, mir auf dem Rückweg ein Gürkchen zu kaufen und zum Feierabend in meinem Garten einen Gin Tonic zu trinken. Sonst nix.

Schon 175 Minuten kinderfrei. Wie immer ganz zum Schluss fällt mir das Wichtigste ein: Ich muss mich entspannen! Das ganze Jahr stehe ich unter Anspannung, muss Dinge zulassen und verbieten, muss reglementieren, diskutieren, einlenken und konsequent bleiben. Diese Woche lasse ich mein Nervenkostüm in weiche Watte sinken und werde selbst die Katze beim leisesten Mauz einfach rausschmeißen. Ich ertrage keinen Streit, keinen Meinungsaustausch, keine Beanspruchung meiner Nerven. Ich werde lesen, Radio hören, Topflappen häkeln und nichts tun, gar nichts. Überhaupt nichts. Ich werde auch keine sozialen Kontakte pflegen oder mich mit Freunden treffen. Ich muss ja schon auf der Arbeit kommunizieren, das reicht mir völlig. Ich werde schweigen, in mich versinken, meine Erschöpfung wegpennen und höchstens, ganz vielleicht, mal im Garten sitzen und einen Text über meine kinderfreie Woche schreiben.

Sie dauert noch 9.958 Minuten.

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Kinderfreie Woche

Nicht immer stark, aber immer alleinerziehend

Heute Vormittag hat sich in der Nachbarwohnung ein Vater mit seinem 9jährigen Sohn gestritten. Der Sohn rannte irgendwann aus der Wohnung, der Vater hat ihn nicht mehr reingelassen. Das Kind wollte wieder rein, es hat gewütet, geweint, gebrüllt und fast die Tür eingetreten. Nach 20 Minuten bin ich raus gegangen, hab ihm meine Hilfe angeboten. Habe dann den Vater angerufen und meinte, der Sohn habe meiner Ansicht nach genug geweint, er solle ihn bitte reinlassen. Der Vater erklärte mir den Hergang des Streits und dass er bereits die Mutter auf der Arbeit angerufen habe, die käme jetzt.

Egal wie beknackt ich den Vater finde: die sind zu zweit. Der Vater war offenbar überfordert und hat die Mutter geholt. In Situationen, wo einer nicht mehr weiter weiß und an seine Grenzen kommt, ist da noch ein zweiter Erwachsener.

Der fehlt bei uns.

Ich kann mir das nicht leisten: Die Tür zu machen, das Kind wüten lassen und warten, bis jemand kommt und das Problem löst. Ich muss immer die Starke sein, egal was hier los ist, denn ich bin alleinerziehend. Wenn ich umkippe, kippen hier alle um.

Wenn ich mit den Nerven am Ende bin, sind die Kinder auch gleich gereizt. Wenn ich mal die Kinder anschnauze, kommt niemand, der mir die Hand auf die Schulter legt und sagt „lass mich mal, Du bist ja völlig fertig“. Nein, wenn ich schnauze, schnauzen zwei zurück.

Seit Wochen liegt hier das Buch „Stark und alleinerziehend“ von Alexandra Widmer. Ich schleiche um dieses Buch herum, mal gucke ich rein, mal lege ich es zur Seite. Ich lese ein bisschen und stelle fest: Sie hat ja recht. Wenn ich dem Negativen in meinen Gedanken zu viel Macht und Raum gebe, werde ich schwerlich zu einem positiven Lebensgefühl kommen. Und ein positives Lebensgefühl ist verdammt wichtig, gerade in meiner Situation.

Und dann lache ich zynisch und denke: woher nehmen? Die hat gut reden, mit ein bissl hübschen Gedanken soll ich meine beschissene Steuerklasse wegDENKEN? Mit der richtigen Einstellung ist es egal, dass ich keinen Hort mehr für meine 11jährige habe? Wenn ich meine belastenden Gedanken hinterfrage, geht die Einsamkeit einfach zur Tür hinaus und kommt nicht wieder? Wenn ich mir nur genug selbst vertraue, kann ich die chronische Erschöpfung in eine Quelle der Kraft verwandeln?

Macht sie sich das nicht ein bisschen einfach? Und ich wittere sogar Gefahr, denn am Ende heißt es von Seiten der politischen Entscheidungsträger: das Leben als Alleinerziehende ist doch gar nicht stressig, es fehlt bloß die richtige Einstellung! Lies dieses Buch, lerne wie es Dir gut geht und diese ganze doofen harten Fakten des Kinder-alleine-erziehend-und-dabei-volle-Kanne-arbeiten sind nebensächlich.

Aber damit tue ich dem Buch und seiner Autorin Unrecht.

Denn wie gesagt: ein positives Lebensgefühl ist verdammt wichtig in einer Situation, die extrem anstrengend und deren Ende nicht absehbar ist. Natürlich gibt es noch eine Menge gesellschaftlicher, politischer und finanzieller Fakten, die benannt und geändert werden müssen. Aber dafür gibts andere Bücher, Alexandra Widmer ist Psychotherapeutin und konzentriert sich auf die innere Perspektive:

Nur wenn es Dir gut geht, geht es Deinem Kind gut!

Das ist ihr Leitsatz, und ich habe in den letzten Wochen schmerzlich erfahren, dass er auch im Umkehrschluss gilt: mir geht es seit Wochen nicht gut, ich arbeite zu viel, habe finanzielle Sorgen und bin dann noch krank geworden. Mein Sohn ist gleich mit mir zu Hause geblieben: „Mama, mir ist alles zu viel, ich habe Kopf- und Bauchweh“. Wir waren zusammen 10 Tage zu Hause, Außenstehende sprachen bereits von Schulangst. Ich eher von Solidarität mit der Mutter und durchaus auch einem massives Ruhebedürfnis des Kindes. Meine Tochter war 4 Tage ebenfalls zu Hause, hat sich dann aber ein Herz gefasst und ist wieder in die Welt hinaus gezogen. Die Schule macht ihr einfach zu viel Spaß, gottseidank!

Ich war zu Hause und konnte an mir selber mit ansehen, wie eine erschöpfte Mutter das Kind gleich mit runter zieht. Ich konnte nichts dagegen machen, die Erschöpfung verschwindet ja nicht einfach nach Erkenntnisgewinn, und auch nicht nach 1 oder 2x Ausschlafen.

Inzwischen haben wir es geschafft, ich bin gesund geworden, der Sohn hat die letzte Schulwoche überstanden und es sind endlich Schulferien. Das bringt zwar das ein oder andere Betreuungsproblem mit sich, aber auch: 6 Wochen Ausschlafen. In unserem Fall ist das Gold wert, denn die Kinder und ich sind passionierte Langschläfer, und da ich beruflich spät abends noch unterwegs bin, ist die 6.15 Uhr-Schule-Aufstehzeit einer der Hauptgründe für meine chronische Erschöpfung.

Wenn es mir nicht gut geht, geht es meinen Kindern auch nicht gut. Das habe ich aus den vergangenen Wochen gelernt, und so muss ich mich, wenn schon nicht für mich selber, wenigstens für meine Kinder, dringend nach Kraftquellen und Ausgleich umsehen.

Und da liegt immer noch das Buch von Alexandra Widmer.

Ich steht ja eigentlich nicht so sehr auf Ratgeber, auf Listen, Schemata und Übungen aus Büchern. Aber ich linse dann doch rein. Die Autorin ermuntert dazu, das innere Drehbuch kennen zu lernen und teilt uns in sieben Rollen ein. Ich überfliege das und ertappe mich in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder dabei, wie ich mich selbst einsortiere in die bedürftige Kleine, die Flüchtende oder eben auch die gesunde Große. Alexandra Widmer hat schon sehr recht, wenn sie sagt, dass es wirklich die Kraft der eigenen Gedanken und Gefühle ist, die uns verändert. Es ist natürlich voll einfach, die trotzige Kleine zu sein, mit dem Fuß auf zu stampfen und sich brüllend über diese beschissene Steuerklasse aufzuregen. Das hilft aber nur kurz, bis die Wut raus ist, dann ist die Steuerklasse ja immer noch da. Verändern werde ich nur etwas können, wenn ich erwachsen, klug und besonnen handle. Wenn ich planvoll vorgehe und beispielsweise eine Aktion wie den Muttertagswunsch mit anderen Frauen ins Leben rufe, was uns immerhin bis ins Familienministerium führt. Man wird uns anhören, wir werden etwas bewegen, und zwar nicht, weil wir uns trotzig auf den Boden geschmissen haben, sondern weil wir die Energie unserer Wut in überlegte Bahnen gelenkt haben.

Ich lese dieses Zitat in dem Buch: „Der Vogel hat keine Angst, dass der Ast bricht. Nicht weil er dem Ast vertraut, sondern seinen eigenen Flügeln“.

Es ist das Vertrauen in meine eigene Stärke, die mich nicht abstürzen lässt. Aber es ist sauschwer, dieses Vertrauen immer wieder hervorzukramen, es am Leben zu erhalten, es nicht zu verlieren.

Ich bin seit mittlerweile 6 Jahren alleinerziehend, und ich habe das Gefühl, dass es nie so anstrengend war wie im letzten Jahr. Dabei habe ich schon wesentlich mehr gearbeitet. Und die Kinder waren kleiner. Aber es ist nicht die akute Belastung, es sind die Jahre, die mich zermürben und fertig machen. Die Jahre der Sorge und Fürsorge für die Kinder. Die emotionale Belastung, die gefühlt immer schwerer wird, weil die Kinder auf die Pubertät zumarschieren, weil sie noch mehr meiner Gedanken und Gefühle beanspruchen als je zuvor. Früher habe ich Windeln gewechselt und Pflaster geklebt, jetzt gebe ich Halt und Orientierung auf dem direkten Weg ins Erwachsenen-Leben. Ich empfinde das als wesentlich anspruchsvoller als das Leben mit einem Kleinkind. Und weil ich keinen Erwachsenen habe, mit dem ich mich wiederum austauschen kann, bin ich hier das Ende der emotionalen Nahrungskette.

Als ob ich auf alles kluge Antworten hätte. Als ob ich jeden Wutanfall auffangen könnte. Jaja, es ist ok, menschlich und fehlbar zu sein, aber ich habe manchmal das Gefühl, nicht mal das Mindestmaß an Fels-in-der-Brandung bieten zu können, das die Kinder brauchen, um nicht zu straucheln.

Meine 11 Jahre alte Tochter war gerade 3 Tage bei meiner Schwester und deren 18 und 20jährigen Töchtern. Sie kam größer, entspannter, klüger, abgeklärter und fröhlicher zurück, als ich mir das hätte denken könne. Da sehe ich, wie gut es meiner Tochter tut, noch andere Einflüsse außer mich zu haben. Es tut ihr gut und mir, weil es mir die Last nimmt, für alles selber verantwortlich zu sein.

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“.

Das glaube ich auch, und „alleinerziehend“ steht dem diametral entgegen. Ich empfinde es als geradezu widernatürlich, dass ich hier ganz alleine versuche, meine Kinder zu aufrechten Erwachsenen zu erziehen. Ich kann das gar nicht, und bin gar nicht stark genug dafür. Ich brauche ganz dringend die Hilfe und Unterstützung anderer. Weil es mir und den Kindern nicht gut tut, wenn wir drei nur um uns selber kreisen.

Ich bin so müde. Ganz akut, weil ich gestern Abend gearbeitet habe. Und tiefsitzend müde, weil ich seit Jahren hier die Starke bin. Ich würd mich gerne mal fallen lassen, mal nicht für alles verantwortlich sein, nicht die letzte Instanz sein, die an die sauberen Unterhosen im Wochenend-Gepäck denkt.

Ich werde noch einiges lesen in dem Buch, auch wenn ich Geschichten lieber mag als Ratgeber. Aber es ist ein guter Begleiter, ein Buch, in dem ich immer wieder etwas finde, das mir immer wieder einen Schubs gibt und mir immer wieder zuflüstert, dass ich es sehr wohl kann. Meine Gefühle zu meinen Freunden machen, auch meine Schwäche, meine Erschöpfung, meine Einsamkeit. Es gehört alles zu mir, und nichts davon wird einfach winkend zur Tür hinaus gehen.

Ich bin nicht immer stark, aber immer alleinerziehend.

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Dieser Text ist keine Werbung und keine Rezension, niemand hat mich dazu aufgefordert. Ich habe das Buch von Alexandra Widmer geschenkt bekommen, weil mein Blog ganz hinten genannt wird, was mich sehr stolz macht und wofür ich mich an dieser Stelle sehr bedanke!

Ich habe diesen Text geschrieben, weil das Buch für mich sehr wertvolle Hinweise enthält, mich zu reflektieren und bei allen Zweifeln immer wieder zur Stärke zurück zu finden. Ich sehe noch nicht, wie ich der Erschöpfung entkommen kann, wie es der Untertitel verspricht, aber das Buch wird mich ganz sicher weiter begleiten und unterstützen, und deshalb lege ich es jedem alleinerziehenden Menschen ans Herz.

Alexandra Widmer: Stark und alleinerziehend.

Nicht immer stark, aber immer alleinerziehend

Mutterglück und Familienlüge

Vor ein paar Wochen musste ich öfter grinsen, wenn ich auf meine Blogstatistik schaue, denn mein Beitrag Mutterlüge wurde ständig angeklickt. Die Suchenden waren wahrscheinlich völlig frustriert, weil dies ein winziger Beitrag von mir dazu war, womit ich als Mutter meine Kinder anlüge. In dem Falle mit „ich will hier auch mal staubsaugen“, was die total Lüge ist, weil ich staubsaugen hasse.

Ich habe dann einen Text über Mutterlüge angefangen, ihn aber erst mal liegen lassen. Bis letzte Woche gleich zwei Texte von Jochen König erschienen, und da wurde mein „alter“ Text wieder aktuell und nun auch stimmiger:

Ich hatte wegen o.g. Blogstatistik  „Mutterlüge“ gegoooglet und es erschien das Interview mit Sarah Fischer, die das Buch „Die Mutterglücklüge“ geschrieben hat und mal wieder dazu interviewt worden ist. Diese regrettingmotherhood-Debatte ist ja eigentlich ziemlich durch, trotzdem poppt sie immer wieder auf und ging mir persönlich eh von Anfang an auf die Nerven. Das mag daran liegen, dass ich nie dieses Bild von der selig machenden Mutterschaft hatte, und drum auch nicht dran scheitern konnte. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ich mit meinen Kindern nicht einfach nur selig werde, sondern dass ich sehr glückliche und sehr nervende Momente erleben würde. Ich wusste, dass es beruflich nicht einfach wird und ich hatte eine mehr oder weniger wahnhafte Vorstellung von der Bastelmuttihölle. Vor allem wusste ich, dass ich mein eigenes Bild von Familie und Mutterschaft leben wollte, nicht das, was Frauenzeitschriften, Pekip-Leiterinnen oder die Schwiegermutter mir vorschreiben. Wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen, weil sie sich eingeschränkt fühlen in ihrer Selbstbestimmung, dann kommt mir das manchmal so vor, als ob ich mich zwar über meinen neuen Job freue, mich aber ärgere dass mich die Arbeitszeiten (die ich vorher kannte) so sehr einschränken. Mal ganz banal verglichen. Zudem ist die totale Einschränkung qua Mutterschaft eine endliche Sache, denn mein Leben ist ja nicht vorbei, sondern hat für die nächsten Jahre andere Schwerpunkte. Für die zumindest ich mich frei entschieden habe.

Wofür ich mich nicht entschieden habe, ist dass ich eine beschissene Steuerklasse habe, dass ich als Familienmensch in diesem Land gesellschaftlich, politisch und beruflich irgendwie nicht für voll genommen werde, obwohl ich die Zukunft dieses Landes in Form von zwei künftigen Rentenzahlern bereit stelle. Das kotzt mich an, das prangere ich an, das versuche ich zu ändern. Aber deshalb bereue ich meine Mutterschaft nicht. Wenn Sarah Fischer sagt, dass sie lieber Vater geworden wäre, ist das ne ziemlich fiese Nummer, denn sie will die Rolle des Vaters einnehmen, wie er sie in unserer Gesellschaft zur Zeit (noch) inne hat. Das geht ja nur, wenn jemand auch die Rolle der Mutter lebt, auf die sie selber keinen Bock hat. Schönen Dank auch, wer soll das denn sein?

Ich will beide Rollen nicht, wie sie Sarah Fischer erlebt. Nicht die der Frau, die die Nummer mit der Vereinbarkeit von Job und Kind stemmt und sich trotzdem, bzw. obendrein finanziell  vom Mann abhängig macht. Und nicht die vom Mann, der nach Kindsgeburt weiter arbeitet als sei nichts geschehen und dafür nix mitkriegt vom Aufwachsen seiner Kinder.

Das ist tatsächlich eine Mutterlüge, denn mit diesem Bild von Mutterschaft wird keiner glücklich, weder Frau noch Mann noch Kinder. Familie war doch als gemeinsames Projekt gedacht, das nicht einen an den Abgrund manövrieren, sondern alle Beteiligten bereichern sollte?

Warum das in vielen Fällen nicht klappt (z.B. in meinem) hat nicht nur mit einem verqueren Bild von Mutterschaft, sondern auch mit einem schiefen Bild von Vaterschaft zu tun.  In der Familie lieber der Vater als die Mutter zu sein, weil man scheinbar freier, ungebundener, auf Karriere konzentrierter ist, ergo weniger den Kindern als dem Job verpflichtet, das ist mal echt ’ne Lüge, am meisten vor sich selbst. Von den Kindern ganz zu schweigen.

Denn ich setze mal im guten Glauben an die Menschheit voraus, dass wir alle gerne mit unseren Kindern zusammen sind, und zwar nicht nur 1 Std/Tag und am Wochenende. Auch die Väter. Ich kauf den Männern nämlich gar nicht ab, dass sie keinen Bock auf Kleinkindgedöns und Familie haben. Ich glaub, viele haben bloß nicht den Mut, da beruflich und gesellschaftlich zu zu stehen. Und wenn sie sich dann doch für die (Klein-)Kindphase entscheiden, dann müssen sie unbedingt noch den Kerl raushängen lassen, laufen immer einen halben Schritt neben dem zu schiebenden Kinderwagen, treffen sich mit Carrera-bahn und schwarzem Espresso im Papaladen und erklären Mütter zum Feindbild, sehr treffend beschrieben von Jochen König.

Warum das so ist, hat nix mit den Erwartungen und Erfüllungen von Mutterschaft zu tun, sondern mit einem antiquierten Familienbild, mit Rollenklischees und üblen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für Familien, die diese Klischees und Abhängigkeiten zementieren. Von wegen Mutterlüge: Familienlüge triffts eher.

Um dies zu ändern, und hier zitiere ich wieder Jochen König, „brauchen wir eine Diskursverschiebung in der Öffentlichkeit (…)  Und es braucht eine Stärkung der Menschen, die schon jetzt den Großteil der Arbeit in den Familien übernehmen.“

Dann hat hoffentlich auch diese elende Mutterglücklüge – Regrettingmotherhood- Diskussion endlich ein Ende.

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Mutterglück und Familienlüge