Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Angst um die Kinder

„Wer loslässt, hat die Hände frei“

Bei der Scheidung kam der Kalenderspruch noch ganz flockig daher, inzwischen könnte ich ihn eher umschreiben: wer loslässt, hat das Herz in der Hose.

Ich habe Angst um meine Kinder. Nein, wir werden nicht bedroht, wir leben nicht im Erdbebengebiet und nicht im Krieg. Ich habe Angst um meine Kinder, jeden Tag. Jeden Morgen, wenn ich sie mit einem Kuss in die Schule verabschiede. Jeden Nachmittag, wenn sie nach Hause kommen. Jede Nacht, wenn ich sie im Schlaf atmen höre. Angst, dass sie vom Erdboden verschwinden, sie einen Unfall haben, jemand ihnen etwas antut. Angst, dass sie einfach aufhören zu atmen.

Diese Angst ist irreal, aber ich kann inzwischen keinen Tatort und keinen anderen Krimi mehr sehen, weil ja immer zur „Illustration“ ein Kind sterben muss. Ich halte das nicht aus, ich sitze wirklich heulend vorm Fernseher, weil ich mir sofort vorstelle: was, wenn das mein Kind wäre? Unerträglich!

Diese Angst steht im krassen Gegensatz zu dem, wie ich meine Kinder erziehe: ich bezwinge meine Angst und traue meinen Kindern grundsätzlich alles zu, was sie sich selber zutrauen. Seit dem Vorschulalter gehen sie ihre Wege alleine, bleiben eine Weile alleine zu Hause, übernachten bei Freunden usw. Ich unterstütze sie in ihrer Selbständigkeit und freue mich, wenn sie ihre Kompetenzen ausweiten, erproben und einfach wachsen. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn meine Ängstlichkeit sie daran hindern würde, groß zu werden, denn das ist ja ihre Kernkompetenz: Wachsen. Das hat mir den Ruf einer „coolen“ Mutter eingebracht, mir Hasenherz!

In der ersten Nacht, in der mein erstes Kind neben mir im Bett lag, hatte ich die ganze Zeit die Hand auf ihrer Brust liegen, um über Ihre Atmung zu wachen. Sie war so zart und ein solches Wunder, ich musste sie einfach beschützen. Irgendwann konnte ich vor Müdigkeit nicht mehr und hab meinen Mann geweckt, er möge mich ablösen, und ich konnte erst schlafen, als ich sicher war, dass er weiter über sie wacht.

Jetzt ist sie fast 11, geht morgens um 7.15 Uhr in die Schule und ich sehe sie oft erst gegen 16/17 Uhr wieder. In der weiterführenden Schule meldet sich erstmal keiner, wenn das Kind nicht aufkreuzt. Ein Graus für meine Horrorvorstellung: sollte sie je auf dem Schulweg verschwinden, werde ich es für mindestens 8-10 Stunden nicht mitbekommen! Der Sohn hingegen wandert morgens zum Freund und von dort in die Schule, der ist noch so herrlich grundschulüberwacht: ich hätte nach 5 Minuten einen Anruf, wenn er beim Freund nicht auftaucht, die Grundschule hat ein ausgeklügeltes „Kind-nicht-da“-System, nach der Schule ist er im Hort und um 17 Uhr kommt er nach Hause.

Wenn er nicht noch was vorhat, denn mein Sohn mit seinen 9 Jahren fühlt sich sehr sicher in seinem kleinen Universum. Er kann den Busfahrplan der ganzen Stadt auswendig, er kennt alle Wege und Abkürzungen, er weiß wo seine Freunde wohnen, wo das Kinderturnen ist und der Gitarrenunterricht, wo wir Katzenfutter kaufen und wo ich arbeite. Er fühlt sich so sicher, dass er bereits sehr selbständig über Raum und Zeit verfügt, viel mehr als die häusliche große Schwester. Die weiß das auch alles, geht aber schnurstracks nach Hause. Ich habe meinen Sohn schon vor 4 Jahren im Stadtteil gesucht, weil er seinen Kumpel besucht hat, er ist mir schon zigmal abhanden gekommen, wir hatten schon Polizeieinsätze und ich habe schon zusammengerechnet ein gefühltes halbes Leben auf ihn gewartet. Aber das faszinierende an ihm ist: umgekehrt hat er mich noch nie gesucht! Er hatte noch nie Angst, er weiß immer wo er ist und wie er nach Hause kommt. Als Baby saß er seelenruhig ins Spiel vertieft in einem Sandkasten zwei Hügel weiter, heute geht er nach dem Turnen eben noch ein Stündchen auf die Halfpipe – so what? Er hat sein Handy und ruft mich an, wenn er noch einen Freund besuchen geht, oder dann doch mal die Buslinie verwechselt hat. Also, in etwa 1/3 der Fälle ruft er mich an, die anderen Fälle managt er selber. Nur die Zeit hat er nicht immer im Blick, aber auch das wird besser.Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Aber eben nicht darauf, dass er keinen Unfall hat oder noch Schlimmeres passiert.

Verdrängen. Die Gefahr und die Angst verdrängen,  anders geht es nicht. Den neuen, schönen Tag rauslassen: Nie die Kinder im Streit verabschieden, immer ein Kuss, eine Umarmung, ein Blick in die Augen, die Verabredung, wann wir uns wieder sehen. Das gibt uns Halt über den Tag. „Heute gehst Du nach dem Hort zum Turnen und kommst dann mit dem Bus nach Hause“. „Heute gehe ich nach der Arbeit zum Zahnarzt und komme gegen 17 Uhr nach Hause, da seid Ihr schon da und schmust mit den Katzen“. Wir gehen nie ins Ungewisse, wir vergewissern uns gegenseitig, wo und wann wir uns wiedersehen.

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich immer gedacht, dass ich niemals Kinder bekommen kann, weil ich mir so furchtbare Sorgen um sie machen würde, weil ich diese Angst nicht aushalten würde. Und es stimmt, es ist fast nicht auszuhalten. Und das wird nie enden.

Ich kann meine Kinder nicht beschützen. Ich kann nicht mein Leben lang die Hand über ihr Herz halten. Ich kann sie nur stärken, damit sie nicht bei einem Idioten ins Auto steigen. Ich kann sie kompetent machen, damit sie auch mit dem falschen Bus den Weg nach Hause finden. Ich kann sie fröhlich und selbstbewusst machen, damit sie sich nicht von vermeintlichen Beschützern verführen lassen.

Und ich werde sie bei jedem Abschied küssen und umarmen, mein ganzes Leben lang.

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Dieser Text wurde scoyo-Liebling des Monates im Februar 2016.siegel-scoyo-lieblinge-blogger-februar

 

Angst um die Kinder

Die Antwort von Ministerin Altpeter

Na, das nenne ich mal eine Geburtagüberraschung: heute kam eine Mail aus dem Büro von Katrin Altpeter, Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren in Baden-Württemberg. Ich hatte Ihr einen offenen Brief geschrieben, den man hier nachlesen kann, und sie hat nun erfreulicherweise sehr ausführlich geantwortet.

Ich veröffentliche ihre Antwort hier in voller Länge, lasse es zunächst mal unkommentiert und trinke jetzt auf die ganzen Steuererleichterungen und Kindergelderhöhungen, die da auf mich zukommen. Und auf meinen Geburtstag, Prost!

Liebe Annette Loers,

anders als viele Menschen vielleicht glauben, erhält man als Politikerin relativ selten ein direktes Feedback auf das, was man sagt und tut. Ich persönlich finde das schade und habe mich deshalb sehr über Ihren Offenen Brief gefreut, auf den ich Ihnen gerne antworte. 

Bevor ich jedoch genauer auf Ihre Fragen und Kommentare eingehe, muss ich Sie – der guten Ordnung halber, wie es so schön heißt – darauf hinweisen, dass Ihre Vorschläge und Forderungen sich alle auf Maßnahmen beziehen, die in der Zuständigkeit der Bundesebene liegen. Darauf habe ich als Landesministerin zwar keinen direkten Einfluss. Als Mitglied der SPD, in der die von Ihnen angesprochenen Punkte seit längerem intensiv diskutiert werden,  teile ich Ihnen jedoch gerne meine Einschätzung mit.

Sie schreiben erstens, dass verheiratete Menschen steuerlich deutlich besser wegkommen als unverheiratete Menschen, egal ob sie Kinder haben oder nicht. Das stimmt. Und genau wie Sie empfinde auch ich das als ungerecht und nicht mehr zeitgemäß. Deshalb freut es mich sehr, dass die SPD jetzt beschlossen hat, das Ehegattensplitting in Zukunft durch das Familiensplitting ersetzen zu wollen. Dadurch soll Kindererziehung belohnt werden und Familien mit Kindern und Alleinerziehende sollen gerechter unterstützt werden. Das derzeitige Steuersystem benachteiligt, wie Sie richtig festgestellt haben, Paare mit Kindern. So zahlt ein verheiratetes Paar ohne Kinder bei einem Einkommen von 50.000 Euro rund 2.000 Euro weniger Steuern als ein unverheiratetes Paar mit einem Kind. Deshalb muss die Besteuerung von Familien so gestaltet werden, dass unabhängig davon, ob die Eltern einen Trauschein haben, alle Kinder berücksichtigt werden. Zu einer gerechteren Familienfinanzierung gehören zudem die Einführung eines „gestaffelten Kindergelds“ sowie Steuerabzüge für Alleinerziehende mit kleinen Einkommen.

Sie schreiben zweitens, dass Menschen mit Kindern deutlich höhere zwangsläufige Ausgaben haben als Menschen ohne Kinder. Auch das stimmt. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ausgaben für den Lebensunterhalt mit einer zunehmenden Anzahl von unterhaltsberechtigten Personen steigen. Aber der Gesetzgeber berücksichtigt diese zusätzliche wirtschaftliche Belastung durchaus. So wird das Existenzminimum von Kindern, einschließlich Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf entweder durch die Auszahlung von Kindergeld oder den Abzug kindbedingter Freibeträge (Kinderfreibetrag und Freibetrag für den Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf) von der Einkommensteuer freigestellt. Für gering verdienende Eltern wird zudem ein Zuschlag zum Kindergeld gewährt. Daher wurden das Kindergeld und der Kinderfreibetrag zum 1. Januar 2015 erhöht und damit an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst. Außerdem steht zum 1. Januar 2016 eine weitere Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag und zum 1. Juli 2016 auch eine Anpassung des Kinderzuschlags an. Darüber hinaus sind Kinderbetreuungskosten zu zwei Dritteln bis zu einem Höchstbetrag von 4.000 Euro jährlich als Sonderausgaben abzugsfähig.

Sie schreiben drittens, dass es auf Ausgaben für Kinder zu einem überwiegenden Teil keinen ermäßigten Mehrwertsteuersatz gibt, wohl aber auf Ausgaben, die mit Kindererziehung rein gar nichts zu tun haben. Hier muss ich Ihnen zumindest teilweise widersprechen. Ein Großteil der Leistungen des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, auch Babynahrung, die Leistungen des öffentlichen Personennahverkehrs, der Schwimmbäder und die kulturellen Einrichtungen werden nur mit 7 Prozent besteuert. Der Besuch von Theatern, Museen und Zoos ist unter bestimmten Voraussetzungen sogar von der Umsatzsteuer befreit. Umsatzsteuerfrei sind außerdem Aufwendungen für Miete, ärztliche Heilbehandlungen, Bildungsleistungen sowie Kindergärten, Kindertagesstätten und Tagesmütter.

Schließlich schreiben Sie, dass Alleinerziehende in der Regel nicht verheiratet sind und Kinder haben und somit also in den doppelten „Genuss“ der steuerlichen Benachteiligung kommen. Auch hier kann ich Ihnen aus den oben dargestellten Gründen nur teilweise zustimmen. Ich hoffe aber, Ihnen deutlich gemacht haben zu können, dass Politik dort,  wo sie die Möglichkeit hat zu reagieren, durchaus auch aktiv wird. Damit will ich nicht sagen, dass es keinen Verbesserungsbedarf mehr gibt – aber es ist auch nicht so, dass noch gar nichts passiert ist.

Im Übrigen bin ich mir selbstverständlich bewusst, dass man zunächst immer seine eigenen Hausaufgaben erledigen sollte. Als Landesministerin kann ich schließlich nicht nur mit dem Finger nach Berlin zeigen und sagen: Ihr solltet aber mal …! Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir immer wieder aufs Neue die Frage stelle, was ich bzw. was die Landesregierung tun kann, um Menschen, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind, diese auch zukommen zu lassen. Und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass wir in den vergangenen fast fünf Jahren viel für diese Zielgruppe getan haben. Dazu zähle ich insbesondere auch Alleinerziehende.

Ich will das nur an einem einzigen Beispiel verdeutlichen. Wir haben die Mittel für die Kleinkindbetreuung seit dem Regierungswechsel versiebenfacht (!) und dafür gesorgt, dass Baden-Württemberg sowohl in Bezug auf die Qualität als auch auf die Quantität vom Schlusslicht zum Spitzenreiter unter den Bundesländern geworden ist. Diese Maßnahme kommt, neben vielen anderen, natürlich gerade auch den Alleinerziehenden zugute, da sie die Kinder während der Arbeit gut aufgehoben wissen.

Was ich Ihnen auch versichern kann: wir wollen uns auf dem Erreichten nicht ausruhen und unser Land noch lebenswerter machen. Daher habe ich auch die Forderung nach der Erhöhung des Kindergeldes für Alleinerziehende bei der Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumsberichts aufgestellt, da Alleinerziehende besonders häufig von Armut betroffen sind. Zu meiner großen Freude hat sich die SPD im Bund  dieser Forderung zwischenzeitlich angeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Katrin Altpeter“

 

Die Antwort von Ministerin Altpeter

An Tagen wie diesen…

…läuft’s irgendwie nicht so rund. Ja klar, ich bin seit 2 Wochen erkältet und alles tut weh, ich arbeite (mal wieder) zu viel, es müsste mal gesaugt oder besser: geputzt werden, die Wäsche liegt rum und Brot ist alle.

Und dann: „Mama, ich möchte gerne mit Dir Geschenke basteln“ (HILFE!) und „Ich will Geige lernen“, „Fahren wir noch zur Skateranlage?“, „Kochst Du heute Abend was Leckeres?“, „Ich will mit Dir backen“, „komm wir toben!“, „warum haben wir noch keine Weihnachtsdeko?“

An solchen Tagen nagt es besonders heftig an mir: ich werde den Kindern überhaupt nicht gerecht. Ich wage die Behauptung, dass es in der Weihnachtszeit besonders schlimm ist, denn die ist auch von den Kindern schon mit Bergen von Erwartungen erfüllt: Deko, Backen, Nikolaus, Adventskranz, Backen, Singen, Baum, Tralala.

Und ich? Ich bin hier allein verantwortlich für selig machende Kindheitserinnerungen. Toll, ich fahre das ganze alltägliche Jahr lang ja schon am Limit mit Arbeit, Haushalt, Kindern, Schule, Hort, Katzen und Kaninchen. Da kann ich im Dezember nicht auch noch eins drauflegen an häuslicher Besinnlichkeit. Und wenn ich dann noch krank werde, erst recht nicht.

Die Bedürfnisse der Kinder sind allerdings das ganze Jahr da, nicht nur im Dezember. „Ich will ein Gemüsebeet anlegen“, „Ich will eine Bude im Garten bauen“, „Ich möchte ein Experimentierkasten und alles ganz genau erforschen“, „Zeigst Du mir nochmal wie man strickt?“, „ich will einen Rock nähen“

Diese Kinder sind großartig, denn sie sind kreativ, neugierig, entdeckungsfreudig, weitreichend interessiert. Und ich? Ich hab keine Geduld für Experimentierkästen, ich kann keine Buden zusammen zimmern, ich weiß nicht wann man Blumenkohl sät und wie man den Faden in diese blöde Nähmaschine friemelt. Genau genommen hab ich keine Ahnung von Haus und Garten, ich müsste mir erstmal ein Buch kaufen oder einen  VHS-Kurs  belegen. Ich sehe im Internet Bilder von zauberhaften Feengärten und mir kommen fast die Tränen, weil das so schön aussieht und genau das richtige für meine Kinder wäre. Aber ich hab keine Zeit, und wenn mal ich Zeit habe, bin ich zu müde.

Was mich aber noch mehr trifft: die Kinder wollen es MIT MIR zusammen machen. Mit mir zusammen erleben, entdecken, arbeiten, basteln, kreativ sein. Sie lieben es, mir was abzuschauen, von mir zu lernen, mit mir zusammen zu entdecken und sich über das Ergebnis zu freuen. Und ich kriegs nicht hin, weil ich das alles gar nicht weiß und nicht kann. Es macht mich fertig, daß ich diese Erwartungen nicht erfüllen kann, dieses Bedürfnis nach Nähe, nach gemeinsamen Tun nicht stillen kann. Ich ertappe ich mich dabei, wie ich hoffe, dass wenigstens die Institutionen da was bieten: Basteln in der Schule, Adventsgärtlein im Hort, wie schön. Dann erleben sie das alles eben ohne mich, weil ich mal wieder wie erschossen auf dem Sofa liege.

Und ja: ich habe das Gefühl, es ist bei  uns noch blöder, weil ich alleinerziehend bin. Hier ist kein zweiter Erwachsener am Start, der nochmal eine anderes Bündel an Kompetenzen mitbringt, aus denen die Kinder schöpfen können. Der mir ein bisschen von der Verantwortung abnimmt, allein zuständig zu sein für selig machende Kindheitserinnerungen.

An Tagen wie diesen, an so einem 10. Dezember, mit Schnupfen und Kopfweh, ohne Weihnachtsdeko am Fenster und das Konto knietief im Dispo, da hadere ich ganz schön mit meinem Schicksal.

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An Tagen wie diesen…

Ich nehm mir Zeit

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Lohnarbeit hin, Familienarbeit her. Die Diskussion ist ebenso alt wie blöd. Ich kann zumindest von mit selber behaupten, dass ein Kinderlächeln schön, eigene Kohle auf dem Konto aber auch nicht schlecht ist. Und dass Frauen das Exklusivrecht aufs Kinderkriegen haben, sollte nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass sie auch exklusiv die Waschmaschine anwerfen. Ist aber leider Tatbestand bei vielen Familien: wer die Brutpflege übernimmt, darf sich auch um den Haushalt kümmern. Wegen eh da: Du bist ja eh da, sprich: zu Hause.

Dem folgt dann fix die Wertung der geleisteten Arbeit: „ich verdiene unser Geld, also ist meine Zeit, meine Arbeit mehr wert.“ Mein Exmann hat mir mal vorgerechnet, dass er gerade eine Stunde lang den Schnee in der Auffahrt frei geräumt hat. „Weißt Du was uns das gekostet hat?“. Ja, dann ist’s wohl besser wenn ich es mache, ich bin ja nicht so teuer.

Ich habe 45 Minuten lang unser Baby gestillt, weißt Du was uns das gekostet hat? So eine Rechnung habe ich nie aufgemacht. Das Schicksal bringt es mit sich, dass wir auch noch klassische Geld-Verteilung hatten: er mit einem geradezu fantastischen Gehalt, ich mit einem vergleichsweise bescheidenen. Und obendrein arbeitslos in der Babyzeit, da war ja klar wer die Waschmaschine anwirft.

Es ist darin gegipfelt, dass er in’s Hotel gezogen ist, wenn die Kinder krank waren, denn seine wertvolle Arbeitskraft durfte nicht qua Ansteckung gefährdet werden.

Es ist über die Maßen verletzend, die eigene Wertigkeit in Euro berechnet zu bekommen. Wenn dann obendrein eine faktische finanzielle Abhängigkeit vorliegt, kommt es einer Ohnmacht gleich.

„Schatz, wir müssen reden“ – „Warte, ich hab hier gerade wichtige Gespräche im Chat“. Schon gut, ich bin ja nur Deine Frau, ich bin ja kein wichtiges Gespräch. „Wenn ich hier nicht antworte, geht uns die Kohle flöten“. Er hat geantwortet, da ging ihm die Frau flöten.

Irgendwann hat’s gereicht und ich habe mir ausgerechnet, dass ich es mit einem vollen Job schaffe, das Leben für mich und die Kinder zu finanzieren.

Und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht in diese Falle tappe: meine Zeit ist wichtig, denn sie ist knapp, aber sie ist nicht mehr wert als die Zeit anderer Menschen. Nicht wichtiger als die Zeit meiner kinderlosen Kollegen, der Kita-Erzieher, der Lehrer, der Busfahrerin, nicht mal des Telekom-Technikers und schon gar nicht wichtiger als die meiner Kinder. Diese Arroganz, die mich in meiner Ehe fertig gemacht hat, darf ich mir nun nicht selber zu eigen machen: seht her, ich bin alleinerziehend, habe zwei Kinder und eine volle Stelle, ich bin Geschäftsführerin, weicht zur Seite, nehmt Rücksicht, kommt mir entgegen, schenkt mir Zeit!

Nein, die Kita versemmelt die Abholzeiten, die Kollegen wollen NOCH eine Besprechung, die Lehrerin redet seeehr lang beim Elternabend, der Bus steht im Stau, die Telekom läßt mich warten und die Kinder? Die trödeln was das Zeug hält, stehen nicht auf, gehn nicht ins Bett, ziehen sich nicht an, nicht aus, vergessen zu essen und die Katze zu füttern, wollen nix als toben, schmusen, spielen. Die haben ewig Zeit.

Meine Zeit ist so kostbar, dass ich beschlossen habe, sie mir nicht mehr zu versauen mit Chaos und Hektik. Also stehe ich (noch) früher auf, dafür haben wir ein entspanntes Frühstück. Ich schwänze Elternabende bevor ich mich drüber ärgere, ich gehe zu jedem Termin 10 Minuten zu früh, ich lasse die Kollegen weiter arbeiten um mit meinen Kindern einen Kuchen zu backen.

Ich nehme mir einfach Zeit, nicht weil ich mir ausrechne, wie hoch mein Stundenlohn ist und was ich hier gerade an der Bushaltestelle, in der Teamsitzung oder beim Kuchenbacken verschwende, sondern weil ich meine kostbare Zeit nicht mit einem Scheiss-Karma verbringen will.

Ich nehm mir Zeit

Mutter.Seele.Sonnig

Ich bin nicht alleinerziehend.

Alle erziehen meine Kinder, am liebsten die Lehrerinnen, gerne auch die Oma, manchmal die Nachbarn, immer wechselnd die GitarrenBalletReitenJudoAikidoFlötenTurnSchwimmlehrer, mehr oder weniger professionell sogar die Erzieher im Hort, und wenn er es nicht vergisst auch schon mal der Kindsvater.

Was ich alleine mache, sind der Haushalt, die Steuererklärung, der Urlaub, die Schlaflieder vorsingen, den Babysitter buchen, eine Wohnung für uns finden, die Läuse rauskämmen, den Beginn der Pubertät erwarten, die Elterngespräche in der Schule führen, die Versicherungen für die Kinder abschließen, jeden (ja, wirklich JEDEN) Großeinkauf, von der Arbeit rechtzeitig in den Hort rennen und abends den Tatort gucken. Das und noch 1000 Dinge mehr mache ich alles alleine. Das ist eine Frage der Organisation, und ich bin gut im Organisieren.

Worin ich nicht gut bin, ist, daß meine Mutterseele allein ist. Allein mit der Verantwortung für das kleine große Leben meiner Kinder. Daran könnte ich manchmal zerbrechen. Ich weiß, daß meine Kinder glücklich sind, aber wie tief sitzt dieses Glück? Ist es situativ oder habe ich ihnen ihren Seelenfrieden schon versaut?

„Ich bin ja eigentlich alleinerziehend, weil mein Mann unter der Woche nicht da ist“. Partielle Abwesenheit eines Partners, egal wie oft und wie lange, ist etwas anderes als die Nicht-Existenz eines Partners.

„Ist das Kind noch ok oder müssen wir zum Therapeuten? Schreien sich Geschwister eigentlich immer so an? Waldorfschule oder bilinguales Gymnasium? Sollen die Kinder ein Instrument lernen oder mehr Zeit für ihre Freunde haben? Kannst Du bitte mal das in sich ruhende Vorbild für die Kinder heute abend sein, ich hatte einen stressige Tag. Kann ich einen 6jährigen schon alleine an der S-Bahn umsteigen lassen oder nehm ich mir 2 Stunden früher frei, um ihn zum Gitarrenunterricht zu begleiten? Was meinst Du Schatz?“

Schatz ist nicht da, schon seit Jahren nicht. Ein toller Wochenend-Papa, aber von gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamen Entscheidungen keine Spur. Ich darf alles alleine entscheiden. Ich muß alles allein entscheiden. Ich bin immer das einzige Vorbild für meine Kinder zu Hause. Egal wie mein Tag war, egal ob ich gesund oder krank bin, egal ob ich vergessen hab Brot zu kaufen, egal ob die Katze in mein Bett gepisst hat, egal ob im Radio mein Lieblingslied kommt.
Also Mutterseelenalleinerziehend?

Fast. Mir ist eingefallen, daß eine verflossene Liebe zu mir gesagt hat, ich habe eine sonnige Seele. Das ist erstens total schön und zweitens hoffentlich immer noch richtig und drittens ein wunderbarer Name für mein Blog. Klingt auch ein bisschen wärmer und weniger allein.

Mutterseelesonnig.

Mutter.Seele.Sonnig