Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Für die Kinder heißt es Papa-Wochenende, für mich heißt es kinderfreies Wochenende, im Trennungsjargon heißt es Umgangswochenende. Das Wochenende, an dem die Kinder, die bei der Mutter wohnen, bei ihrem Vater sind. „Umgang haben“.

Wir machen das jetzt seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren sind die Kinder 12 Tage am Stück bei mir und 2 Tage beim Vater. Bei uns in der extended version: er holt sie Freitag ab und bringt sie Montags zur Schule. Das war uns wichtig bei der Trennung, dass es so lange wie möglich geht, denn drei Übernachtungen sind was anderes als nur eine, da kommt mehr Alltag auf, mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammen leben, mehr Nähe für Vater und Kinder.

Das ist toll und das ist anstrengend, für alle Seiten. Am anstrengendsten ist es glaube ich für die Kinder. Raus aus dem Zuhause, rein ins Wochenende, wo alles anders ist. Am Anfang, als der Kleine noch 4 war, hat er am Wochenende nach mir geweint. Während der Woche hat er nach dem Papa geweint. Die Große hat sich beherrscht. Jetzt ist der Kleine 10 und die Große 11, und jetzt ist sie es, die mich zwischendurch anruft, weil sie mich vermisst. Dann reden wir ein bisschen und dann geht es wieder.

Wir Eltern haben uns irgendwann mit der Situation arrangiert. Die Kinder jedoch bekommen die Trennung jedes 2. Wochenende neu vor Augen geführt. Was das an emotionaler Flexibilität und Stärke fordert und zugleich gebildet hat, das wage ich kaum zu erahnen. Was ich sehe ist: sie machen es verdammt gut, die Kinder. Sie freuen sich jedes Mal auf ihren Papa, und sie kommen entspannt zu mir zurück. Eine Zeit lang gab es Montags regelrechte Anpassungsstörungen, die Kinder fanden nur schwer wieder zu mir zurück und es gab Krach und Tränen. Seit etwa einem Jahr ist selbst das überwunden, und dafür bewundere ich sie.

Wir haben in den sechs Jahren eine ziemlich Routine entwickelt, auch wenn sich die Umstände immer mal wieder geändert haben. Die Routine ist mir vor ein paar Tagen aufgefallen, als ich angefangen habe, das Wochenende vorzubereiten und ein bisschen dazu getwittert habe. Der Sohn wird Freitags um 17 Uhr im Hort abgeholt, die Tochter geht nicht mehr in den Hort und ist mal bei einer Freundin, mal zu Hause, mal bei mir auf der Arbeit. Also 10 Rückfragen mit der Tochter, wo sie denn nun ist und wo der Papa sie abholen soll. Das Ergebnis dem Vater kommunizieren. Da wir Freitag um 7.20 Uhr das Haus verlassen, muss Donnerstag Abend alles gepackt sein. Oh, Du willst Deinen Lieblingspulli am Wochenende anziehen? Dann wasch ich den noch schnell und pack ihn morgen früh ein.

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Routiniert habe ich Donnerstag Abend die Vesperdosen, Trink- und Thermosflaschen aus den Schulranzen geholt und gespült. Freitag werde ich nur Einwegflaschen und Brottüten nehmen. Ich habe im Lauf der letzten Jahre derart viele Dosen und Flaschen verloren, dass der Ex damit locker eine ganze Kita versorgen könnte. Wenn ich ihn drauf anspreche, hat er die Sachen nicht, im Schulranzen sind sie aber Montag auch nicht. Hm, dann scheinen die Kinder genau alle 14 Tage die Dosen und Flaschen in der Schule zu verlieren. Verrückt!

Mützen und Handschuhe packe ich kaum noch ein, es wird irgendeinen Ersatz beim Vater geben, sollten die Sachen überhaupt notwendig sein. Denn auch dieser Kleinkram verschwindet einfach. Instrumente gebe ich schon seit Jahren nicht mehr mit, das Üben wird eh vergessen. Montag frage ich besonders gründlich, ob es aus der Schule was zum Unterschreiben gibt, denn am Wochenende wird so was nicht vom Vater erledigt. Die Kinder sagen ihm nichts, er fragt nicht.

Und so werde ich auch am Montag die Taschen wieder auspacken und die ungetragene Unterwäsche wieder in den Schrank legen. Ob er gewaschen hat? Kaum. Ob er selber Unterwäsche angeschafft hat? Keine Ahnung. Bei mir zu Hause ziehen die Kinder ohne Ansage von mir jeden Tag frische Wäsche an, ich weiß nicht, wie das am Papa-Wochenende läuft.

Am Donnerstag Abend schicke ich die Kinder nochmal unter die Dusche, weil so ein Papa-Wochenende offenbar keine Zeit für Körperhygiene lässt. Und Donnerstag bis Montag Abend ist eine lange Zeit, wenn man jeden Tag die Hände überall hat, wo nur 10jährige Jungs sie haben können. Die Tochter achtet inzwischen selber drauf und legt bei mir bereits ganze Wellness-Tage ein, und so geht sie aus eigenem Antrieb auch beim Vater duschen. Warum die Kinder allerdings bei mir immer jammern, dass wir keine Badewanne haben, und dann beim Vater nie baden, erschließt sich mir nicht.

Irgendwann habe ich mal gefragt, ob Kinder & Wäsche am Montag nicht genauso zurück kommen können, wie ich sie abgeliefert habe: sauber. Er hatte eine einfache Antwort: nein. Und so analysiere ich entweder beim Auspacken jede Socke, ob sie getragen wurde, oder ich wasche einfach alles.

Ich nehme das hin, lakonisch, weil es einfach so ist. Ich bin davon überzeugt, dass mein Exmann das alles überhaupt nicht böse meint oder gar tut, um mir zu schaden. Nein, er ist einfach etwas gedankenlos und fühlt sich auch nicht so recht dafür verantwortlich. Letztlich ist es mir egal, ich habe alle Stadien der Auseinandersetzung mit ihm darüber durch, und ich werde meine Lebenszeit und meine gute Laune nicht mehr damit verschwenden, über Trinkflaschen und gewaschene Haare zu diskutieren.

Ich habe es auch aufgegeben, ihn auf Termine hinzuweisen, die irgendwie wichtig wären. Wenn die Kinder auf Geburtstagen eingeladen oder mit Freunden verabredet sind, dann klappt das inzwischen. Ich trage die Termine mit sämtlichen Daten in unseren google-Kalender ein, schicke noch eine Mail oder SMS und mit nur 1-3 Rückfragen in letzter Sekunde (wo ist das? Wann? Welches Geschenk?) haut das dann hin. Aber darüber hinaus? Nö. Ich habe sogar schon Kinderbuchautoren eingeladen (ich bin Veranstalterin, drum kann ich das) an denen echt das Herz der Kinder hing, und unsere komplette Kita samt Schulklasse war bei der Lesung, nur meine Kinder nicht. Vergessen, sie waren im Spaßbad. Die anschließende Enttäuschung der Kinder war bodenlos, aber sie würden niemals ihren Vater kritisieren.

Vergessen, verloren, verpeilt. Das gilt auch für den Rückweg: früher haben die Kinder ihr Kuscheltier beim Papa vergessen, jetzt ist es das Ladekabel. Wenn ich ihn frage, sagt er „die Kinder haben gepackt“. Ja gut, man kann die Verantwortung an die Kinder abgeben. Man kann die Kinder auch dabei unterstützen, es zu lernen, an ihren Kram zu denken. Oder man fährt halt im Laufe der Woche nochmal zur Kindsmutter, um Sachen zurück zu bringen. Jedes Mal. Seit 6 Jahren. Kein Lerneffekt beim Vater. Sehr wohl jedoch bei den Kindern, die inzwischen die Sachen, die ihnen wichtig sind, einfach bei mir lassen. So geht’s auch.

Umgang der Kinder mit dem Vater heißt übrigens auch: Umgang der Mutter mit dem Vater. Wir bleiben in Kontakt, ob wir wollen oder nicht. Egal, wie routiniert wir sind, irgendwas gibt es immer zu besprechen. Dank google weiß ich zwar, an welchem Wochenende 2019 die Kinder beim Vater sind, aber ob sie in den Faschingsferien bei ihm sind, hat er mir noch nicht verraten. Ist ja erst in 4 Wochen. Ich arbeite Vollzeit und habe eine 6. Klässlerin ohne Ferienbetreuung. Der Sohn geht gottlob noch bis zum Sommer in den Hort, aber für die Tochter muss ich jedes Mal was organisieren. Da ich finde, dass er sich an der Ferienplanung beteiligen soll, muss ich dann auch mit ihm kommunizieren. Es gibt Kindertermine und Krankheiten zu kommunizieren, Weihnachten zu besprechen, Kindergeburtstage zu planen, Ferien aufzuteilen. Das ist in Summe deutlich mehr Kontakt, als man sich das nach der Trennung wünscht, und es läuft selten reibungslos.

Aber eigentlich ist das alles egal. Das ist lästige Routine und es wird sich auch nicht mehr ändern. Irgendwie ist es ja auch tröstlich, denn ich hatte ja meine Gründe für die Trennung und durch diese ganze Kommunikation werde ich immer wieder an diese Gründe erinnert. Falls ich sie jemals vergessen sollte.

Es ist egal, denn das Wichtigste klappt einwandfrei:

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Die Kinder lieben ihren Papa, sie freuen sich auf das Wochenende beim ihm und es geht ihnen dort gut. Ich kann sie komplett bedenkenlos ihrem Vater überlassen und ich vertraue ihm zu 100%, dass er sich gut um sie kümmert. Es gab in den 6 Jahren keinen einzigen Grund, daran zu zweifeln. Die Wochenenden beim Vater sind die einzigen Zeiten, wo ich nicht IMMER aufs Handy schaue, ob den Kindern was passiert ist. Und wenn, dann kommen nur whatsapps mit süßen Fotos oder lustigen Nachrichten. Es geht ihnen gut mit ihrem Vater, sie sind dort glücklich, das ist unglaublich wertvoll!

Pädagogische Grundsatzdiskussionen führe ich nicht mehr. Der Medienkonsum dort übersteigt den bei mir um Längen, es wird nix geübt und auch nix besprochen, es wird nix unterschrieben und es werden keine Fingernägel geschnitten, aber die Kinder sind glücklich. Was hätte ich von gelüfteten und gewaschenen Kindern, die Mathe und Gitarre geübt haben, aber großen Kummer haben?

Und ich? Bin ich glücklich mit den kinderfreien Wochenenden?

Es sind Tage wie aus der Zeit gefallen: schlagartig sind bestimmte Uhrzeiten unwichtig: 17 Uhr, der Hort ist aus: egal. 19.25 Uhr, auf kika kommt „Wissen macht ah“: egal. Sonntag 11.30 Uhr die Maus: egal. Es ist schon 15 Uhr, wir waren noch nicht an der frischen Luft und es wird bald dunkel: egal. 18.40 Uhr, es wird Zeit fürs Abendessen: egal.

Es ist komplett egal, wie spät es ist, denn ich bin der einzige Mensch, um den ich mich kümmern muss. Irre! Und nicht nur die Zeit ist egal, auch was ich tue und lasse ist total egal. Mitten am Tag Fernseh gucken. Lange schlafen. Den ganzen Sonntag arbeiten. Schokolade im Bett. Aufs smartphone glotzen, twittern, klicken, daddeln: alles egal. Beim „Wochenende in Bildern“ kann man mal reinschauen in mein kinderfreies Wochenende.

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Es ist alles egal, denn ich bin hier allein und für niemanden verantwortlich.

Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.

Und das ist vielleicht die größte Erholung für mich am kinderfreien Wochenende: dass meine Seele zur Ruhe kommt.

Dass ich die Betten frisch beziehe, die Wohnung putze, den Kaninchenstall ausmiste, die Steuererklärung machen, das Regal andübel, den Keller aufräume, die Kinderklamotten ausmiste, Rechnungen bezahle, Schulferien plane. Dass ich all die Dinge tue, die man natürlich auch MIT Kindern machen kann, die dann aber ungleich nerviger sind – dass ich all diese Dinge tue, ist nichts gegen die Erholung, die meine Seele am kinderfreien Wochenende findet, weil niemand an ihr zieht und zerrt.

Und natürlich freue ich ich auf den Montag abend, wenn wir alle wieder zusammen sind und reden, zuhören, streiten, trösten und lachen.

Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Weihnachten beim Ex – herrlich!

„Wie war Dein Weihnachten?“ fragte mich gestern ein Freund, und ich dachte nur daran, wie lange das schon wieder her ist. Genau 3 Wochen, aber es fühlt sich an wie ein halbes Jahr. Als ich ihm erzählte, wie’s war, hab ich gemerkt: es war perfekt, und DAS hätte ich im Vorfeld niemals gedacht!

Weihnachten mit den Kindern beim Ex und seiner neuen Familie zu Hause: wie kann das perfekt sein? Ganz einfach: die letzten 6 Jahre seit der Trennung kam der Kindsvater am 24.12. zu uns. Ich hatte Weihnachtsbaum und Krippe besorgt, Essen vorbereitet, Geschenke gekauft, eine angemessene Choreografie für den Abend ersonnen (erst essen oder erst Geschenke oder erst oder überhaupt Kirche?). Er hat sich da immer vornehm zurück gehalten, kam am Abend zu uns, setzte sich an den gedeckten Tisch, überreichte großzügige Geschenke und ging, noch ehe die Kinder im Bett waren. Einkaufen, Kochen, die ganze Vorbereitung, das Wohnzimmer voller Kartons und Geschenkpapier, halb aufgebautem Lego und fliegenden Helikoptern, die überdrehten Kinder – also die Verantwortung für alles, lagen jedes Mal komplett bei mir. Einmal kam er sogar mit seiner Freundin, ein Patchwork-Versuch, der katastrophal in die Hose ging

Nun haben die beiden aber ein Baby und familiäres Glück steht ganz oben auf der Wunschliste. Mutter & Kind wollten verständlicherweise zwecks Stillen und kleinen Schläfchen lieber in vertrauter Umgebung bleiben, und so wurden wir zu ihnen nach Hause eingeladen. Meine Kinder haben mich vorher genauestens instruiert: Mama, nicht singen und nicht rülpsen. Aber gerne, ihr Süßen, ich werde natürlich die Contenance wahren, schließlich ist ja Weihnachten. Und so kamen wir Drei fein herausgeputzt mit einem Wäschekorb voller Geschenke bei der heiligen jungen Familie an und bewunderten das Baby im Stall auf Papis Schoss. Ich setzt mich an den gedeckten Tisch, lobte ausführlich die erlesenen Zutaten fürs Raclette und rülpste nicht. Meine Tochter nickte mir wohlwollend zu. Es wurden feierlich Geschenke überreicht, alle waren freudig überrascht und beglückt. Ich hob ab und an elegant mein leeres Rotweinglas in die Höhe und es wurde neu gefüllt. Das zerrissene Geschenkpapier und die leeren Kartons habe ich dezent mit dem Fuß hinter den Weihnachtsbaum geschubst. Die Erwachsenen haben sich freundlich unterhalten, die Kinder haben sich ausgiebig gefreut und das Baby hat niedliche Babygeräusche gemacht. Meistens jedenfalls, manchmal wurde es auch gestillt, hat geschrieen oder geschlafen, ich konnte das nicht so genau verfolgen vom Sofa aus. Als wir zum Nachtisch wieder an den Tisch kamen, war der wie von Zauberhand aufgeräumt, toll!

Gegen 23 Uhr habe ich die Geschenke, die uns besonders zusagten, eingepackt und die anderen nach Konsultation meiner Kinder im dortigen Wohnzimmer belassen. Es soll ja dort auch etwas zum Spielen geben. Ich habe die Kinder, die Geschenke und meine inzwischen gespülte Tiramisu-Schale eingepackt und wir sind nach Hause gefahren. In eine gelüftete und aufgeräumte Wohnung. Mit von der Heimfahrt gelüfteten und glücklichen Kindern. Der Sohn hat noch bis tief in die Nacht sein neues Lego aufgebaut, die Tochter ist selig mit der Katze im Arm eingeschlafen.

Ich hab ein letztes Glas Rotwein getrunken, habe mich gefreut dass nach sechs Jahren so ein entspannter Abend möglich ist und ich faktisch keinen Finger gerührt habe. Dann habe ich gerülpst, mir selbst ein Weihnachtslied gesungen und bin zufrieden ins Bett gegangen.

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Weihnachten beim Ex – herrlich!

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!

Du sollst Vater und Mutter ehren.

Dieses biblische Gebot nehmen Kinder nach der Trennung oft besonders ernst: sie ehren und lieben natürlich immer noch beide Eltern. Oft sogar besonders kritiklos und überschwänglich denjenigen Elternteil, bei dem sie nach der Trennung nicht mehr leben. Den, den sie oft am meisten vermissen.

Das ist völlig in Ordnung so und auch erklärbar, denn die Kinder lieben eben beide Elternteile und vermissen natürlich den mehr, den sie nicht so oft sehen.

Wenn nun die Eltern es geschafft haben, sich in Freundschaft zu trennen und einander wohlgesonnen sind, dann ist für alle Beteiligten die Welt einigermaßen in Ordnung. Bis auf die Trennung natürlich. Wenn es aber Unstimmigkeiten zwischen den Eltern gibt, dann kann man gut beobachten, welche riesige Leistung die Kinder in Erfüllung des 5. Gebotes vollbringen: sie ehren immer noch Vater UND Mutter. Den meist abwesenden Vater womöglich noch ein bisschen mehr als die Mutter.

Der wird, so ist es seit den sechs Jahren der Trennung bei uns, kritiklos angehimmelt und dem wird vor allem alles verziehen:

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Nun hat der Vater dieselben 24 Stunden pro Tag zur Verfügung wie alle anderen Menschen auch. Die Frage ist, mit welchen Prioritäten er sie füllt. Da spielt der Job eine wichtige Rolle, die neue familiäre Situation und auch persönlichen Befindlichkeiten des Mannes und da spielen die Kinder eine Rolle. Auch wenn sie nur alle 14 Tage da sind. Dass man den Kindern, die man eh schon nur alle zwei Wochen sieht, eine Freude mit einem Adventskalender macht, das kann man sich merken nach 12 Jahren der Vaterschaft oder eben auch nicht. Macht eigentlich auch nichts, denn die Kinder verzeihen dem Papa ja sowieso. Da wird dann entschuldigend „ach ich Schussel“ gekichert, die Kinder kichern mit, und gut ist. So kann der Vater sich das herrlich zusammen reimen in ein „War ihnen ja eh nicht so wichtig“. Nein, denn die Kinder würden es nie wagen, den geliebten Papa zu kritisieren. Und er ruht sich darauf recht bequem aus.

Nicht nur die Kinder, auch die Mutter soll den Vater und Exmann nicht kritisieren, die Kinder wollen ihr Bild vom geliebten Papa unbedingt aufrecht erhalten. Sollen sie, ich will ihnen nicht im Wege stehen bei ihrer Beziehung zum Vater. Aber darf die Mutter deshalb nicht einmal Fakten und schiere Informationen aussprechen?

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Die Kinder wollen das nicht hören. Sie spüren, sie wittern die unausgesprochenen Kritik am Vater und wehren diese intuitiv ab. Auch bei uns kommt jeden 2. Freitag um 17 Uhr die SMS „ich steh im Stau“. Sobald mir eine Bemerkung über früheres Losfahren des Exgatten rausrutscht, werde ich sofort ermahnt: „Der Papa hat eben so einen wichtigen Job!“. Jetzt aber hallo und erst recht die Klappe halten, sonst gerät meine Kritik ein kleines bisschen fundamentaler (UND MEIN JOB? UND ICH? schreit es in mir). Aber nein, ich soll mir wohl jede Wertung verkneifen, denn wie wir gesehen haben, ist für die Kinder die schiere Information ja schon zu viel des Negativen. Puh!

Und wir können noch eins drauf setzen: muss ich auch lügen?

Bei meinen Kindern kam das Thema auf, dass der Vater viel mehr Zeit mit seinem neuen Baby verbringt als mit seinen großen Kindern. Logisch, das Baby wohnt ja auch bei ihm. Der Sohn war darüber ein wenig traurig, denn er würde auch gerne so viel Zeit mit dem Papa verbringen. Der hat dem Sohn das so erklärt: „Als Ihr so klein wart, habe ich mit Euch auch so viel Zeit verbracht“, was mir die Kinder gleich glücklich erzählt haben. Ich grüble, erinnere mich und kann nur feststellen: das stimmt einfach nicht! Er hat stolz erzählt, dass er wegen des Babys 2 Wochen Urlaub und dann nochmal wochenlang home office hatte. Bei K1 war er eine Woche, bei K2 einen Tag zu Hause. Drei Tage nach der Geburt des Sohnes war er ein paar Tage auf Dienstreise, ich war allein mit einem 20 Monate altem und einem 3 Tage alten Kind. Und so blieb es: er war oft da, aber er war genauso oft weg, und zwar tagelang. Oder er hat es geschafft, zwar im selben Haushalt wie ich und die Kinder zu leben, sie aber eine Woche lang nicht zu sehen: morgens schon weg und abends erst da wenn die Kinder schlafen. Monatelang, Jahrelang.

Seit mein Sohn krabbeln kann, stand er morgens an meinem Bett und hat geweint, weil der Papa nicht da ist. Nein, er hatte nicht mehr Zeit für die Kinder, als sie klein waren. Er hatte nie Zeit, der Job war immer wichtiger.

Dieses „als Ihr kleiner wart, hatte ich für Euch mehr Zeit“ ist eine glatte Lüge, aber der Exmann möchte das wohl gerne glauben und die Kinder wollen das auch gerne glauben. Und ich? Spiele ich das Spiel mit? Darf ich meine Meinung sagen, ohne den Kindern ihre abgöttische Liebe zum Vater abzuquatschen?

Ich bin sehr für Ehrlichkeit mit den Kindern. Und ich bin sehr dafür, dass sie eine gesunde Beziehung zu ihrem Vater haben. Das bringt mich in einen Gewissenskonflikt. Ich kann ganz ruhig und sachlich bleiben und sagen: ich habe das anders in Erinnerung. Mehr nicht. Petra in obigem Tweet kann natürlich sagen „ich schimpfe nicht, ich habe gesagt er kommt später“. Wenn der Sohn Verständnis entfaltet ob der Vergesslichkeit des Vaters, dann halte ich verdammt nochmal die Klappe: was habe ich mit dem Adventskalender des Vaters für die Kinder zu schaffen? Was habe ich in der Beziehung zwischen dem Vater und den Kindern rumzuwurschteln? Nix, und deshalb halte ich den Mund.

Wenn es aber unsere gemeinsam Erinnerung betrifft, dann habe ich wohl das Recht, meine eigene Erinnerung zu benennen. Nach Möglichkeit so, dass die Kinder nicht in den Konflikt kommen, dem Vater oder der Mutter zu glauben. Sondern so, dass es beide Versionen zulässt: meine Erinnerung ist so, und die von Papa ist eben anders.

„Papa hat gesagt, er hat deshalb soviel gearbeitet, weil er uns ein schönes Leben ermöglichen wollte“. Und dafür bewundern sie ihn, denn er wollte ja nur Gutes für die Kinder. Wann das schöne Leben stattfinden sollte, wurde nicht gesagt, die ersten 6 Jahre der Ehe und des Lebens der Kinder jedenfalls nicht. Vielleicht hätte ich noch länger warten sollen, aber ich hatte die Geduld und die Hoffnung verloren, dass sich da noch was ändert. Und bin, mürbe von der Warterei, mit den Kindern ausgezogen, um ohne ihn ein schönes Leben zu haben.

Ich merke schon, ich kann gar keinen einigermaßen objektiven Text über dieses „Vater kritiklos vergöttern“-Thema schreiben, wie ich es eigentlich vorhatte. Ich komme trotz aller Anstrengung immer gleich in eine Wertung und rühre an eigene, verletzende Erinnerungen. Die der Exmann Jahre nach der Trennung immer noch schön redet. Denn es geht ja nicht um die Farbe der Badezimmerkacheln oder um den Nachtisch am Sonntag. Nein, es geht natürlich genau um die Themen, in denen wir so grundverschiedene Auffassung von Familie, Kindern, Prioritäten und Werten hatten und auch heute noch haben, dass es folgerichtig auch zur Trennung kam. Die Kinder lehnen diese Trennung intuitiv ab. Sie wollen Mama und Papa gleichermaßen, sie wollen, ganz biblisch, Vater und Mutter ehren. Wobei ich keine Ahnung habe, ob ich genauso kritiklos verteidigt werde, wenn die Kinder beim Vater sind.

Die Eltern bedingungslos zu lieben, alle beide, gehört wohl zu der Natur eines Kindes, und da will ich sie natürlich nicht dran hindern. Aber ich will auch nicht lügen oder Lügen passiv bestätigen durch nicht-Korrektur. Gleichwohl will ich die Kinder nicht in einen Loyalitätskonflikt bringen, indem ich sie mit zwei Versionen einer Geschichte bekannt mache (die vom Papa und meine) und dann ihnen überlasse, was sie glauben, wem sie glauben und wie sie sich ihre Geschichte zusammen reimen. Dafür sind sie, auch wenn sie schon 10 und 11 Jahre alt sind, auch einfach noch zu jung.

Ich will nicht den Kindern gegenüber schlecht von ihrem Vater reden, und ich verbitte mir das auch von jedem anderen. So habe ich schon meiner Mutter den Mund verboten und sie nahezu rausgeschmissen, weil sie sich in Anwesenheit meiner Kinder der Lästerei über meinen Exmann hingab. Das kann sie machen wenn die Kinder nicht dabei sind, aber ich will nicht, dass meine Kinder das hören. Auch wenn meine Mutter meint, „die können das ruhig hören“: Am Ende werden sie nur die Oma hassen, weil die schlecht vom Papa redet. Dabei lieben sie ihre Oma ja auch, und dann haben wir wieder den Salat.

Nein, über den Papa wird nicht schlecht geredet, und ich gebe mir große Mühe, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass sie in einer glücklichen Beziehung voller Liebe gezeugt wurden, dass sie absolute Wunschkinder für uns waren. Denn das entspricht voll und ganz der Wahrheit.Stressig und unglücklich wurde die Ehe erst später, bis es dann zur Trennung kam, aber dass die Kinder überhaupt auf der Welt sind, hat einen guten und glücklichen Grund. Und so kann ich den Kindern schöne und fröhliche Anekdoten aus ihrer Baby- und Kleinkindzeit mit dem Papa erzählen, ohne zu lügen. Dasselbe tut der Kindsvater, er berichtet über die frühe Kinderzeit und biegt sich ob seiner Abwesenheiten seine Wahrheit eben so zurecht, dass er sein Gesicht behält. Eine bis zu einem gewissen Maße verständliche Aktion. Wenn die Sache aber zur offenkundigen Lüge ausartet, fühle ich mich verpflichtet, zumindest klar zu stellen, dass ich das anders in Erinnerung habe.

Doof nur, dass es mich nicht immer in der abgeklärtesten Situation erwischt, so eine Frage der Kinder, und dass diese hingegeigten Wahrheiten des Vaters so sehr an meine verletzte Erinnerung rühren. Bleib da mal ruhig, sachlich und trotz allem so pflichtbewusst dem Expartner gegenüber, dass die Kinder sich entspannt ihre Version der Geschichte zusammen reimen können. Und dass die Kinder ungetrübt weiter beide Eltern lieben und ehren können.

Das ist schon manchmal echt ein emotionaler Kraftakt. Ich werde nicht lügen, und ich finde dafür, dass der Exgatte sich einfach mit (Not-)Lügen und Halbwahrheiten durchschummelt und schönredet, bin ich immer noch ganz schon loyal.

Verdammte Scheiße!

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Nachtrag

Ich habe viele Reaktionen auf diesen Text bekommen. Einige gingen in die Richtung „Irgendwann brechen die Kinder den Kontakt zum Vater ab, sie werden schon wissen wer sie wirklich liebt.“

Ich möchte eins klar stellen: das letzte, was sich meinen Kindern wünsche, ist, dass ihre Beziehung zum Vater zerbricht! Sie lieben ihn und er liebt sie, und ich wünsche beiden Seiten sehr, dass das so bleibt. Und genau daher rührt mein Konflikt: ich möchte die Beziehung von Vater und Kindern gerne unterstützen und fördern, ich möchte die Kinder aber auch nicht anlügen. Ich unterstelle mal, dass der Vater die Kinder nicht bewusst anlügt, sondern dass das in seiner Erinnerung wirklich so war. Oder er es gerne so gehabt hätte. Meiner Erinnerung ist eben eine andere.

Dass sie ihm kritiklos alles verzeihen und ihn vergöttern, ist für mich schlecht aushaltbar, aber das ist mein Problem und soll nicht das Problem der Kinder sein. Wenn sie älter werden, werden sie ihn differenzierter sehen – und mich auch. Und ich hoffe, dass sie dann immer noch zu beiden Eltern einen guten und liebevollen Kontakt haben.

Ob wahr oder gelogen: Papa über alles!

Meine sonnige Seele

„Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit…“ (mein Poesiealbum)
„Mit ihrem sonnigen Wesen ist sie bei allen beliebt“ (Zeugnis der 1. Klasse)
„Du hast eine sonnige Seele“ (Freund zu mir, 30 Jahre)
„Wie schön, dass Du mit Deiner guten Laune alle hier ansteckst“ (Kollegin zu mir, 45 Jahre)
Ich habe fast immer ziemlich gute Laune. Ich bin stellenweise so gut drauf, dass es meinen Kindern peinlich ist: ich mache Quatsch, ziehe Grimassen, weiß zu jeder Situation ein Lied und schmettere das gerne raus. Mit einem Scherz habe ich schon ziemlich viele Zankereien in meiner kleinen Familie entschärft, meine Kinder haben dementsprechend deutlich früher, als es „altersgerecht“ angemessen wäre, Humor, Ironie und die umwerfende Fähigkeit, über sich selber lachen zu können, entwickelt.

„Wie Du das alles packst, irre“ (andere Mütter)
„Du hast ja nie eskaliert, da dachte ich es wäre nicht so schlimm“ (Exmann)
„Du steckst das alles so locker weg“ (viele, immer wieder)

Ich stecke einiges weg und bin extrem belastbar. Ich ziehe mich immer wieder an den Haaren aus der Scheiße und lasse mir selten die Laune verderben. Wenns doof läuft, werde ich kurz mal heftig wütend und lasse ordentlich Dampf ab, aber meinen Alltag und meine Laune beeinträchtigt das nicht weiter. Ich bin nicht der Typ, der griesgrämig durch den Tag geht. Im Gegenteil, meist summe und pfeife ich vor mich hin und hab einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das liegt mir als Rheinländerin wohl auch im Blut.

Mein sonniges Wesen hat mir mehr als einmal Kopf und Kragen gerettet. Aber manchmal kostet es mich auch Kopf und Kragen. Denn mir glaubt kein Mensch, dass es mir mal nicht gut geht und dass ich Unterstützung brauche. Geschweige denn, dass ich einsam sein könnte. Auch mein Exmann hat mir nicht geglaubt, dass es mir nicht gut geht. Ich habe zwar unsere Probleme immer wieder benannt, aber ich habe deshalb nicht traurig in der Ecke gesessen, sondern den Alltag mit den Kindern trotzdem fröhlich weiter gewuppt. Warum sollte ich die Kinder mit runterziehen oder mich selbst? Missstände kann ich benennen, ohne deshalb mit übler Laune durch den Tag zu schleichen. Und so dachte er: sie lacht ja noch, dann kann es nicht so schlimm sein. War es aber. Die Ehe war kaputt und ich habe gelitten wie ein Hund, man hat es mir nur nicht angesehen. Die Kinder waren 3 und 4 Jahre alt und ich habe mich in der Verantwortung gesehen, meine Misere nicht auf sie auf übertragen.

Ich habe also offenbar Schwierigkeiten damit, glaubhaft zu machen, dass es mir mal nicht so gut geht. Dass ich Hilfe brauche. Die ersten beiden Jahre nach der Trennung hat mich kein (!) Mensch mal auf eine Glas Wein eingeladen und mich gefragt, wie es mir geht. Und ich kenne echt viele Menschen. Hab das alles wohl zu gut hingekriegt. Jahre später will ein Filmemacher eine Doku über Alleinerziehende drehen, er sieht sich dazu vorab das Porträt über mich an und sag dann, ich käme für ihn nicht in Frage: ich käme zu gut rüber. Wow! Augenscheinlich habe ich einen bombastischen Freundeskreis, ein unendliches Netzwerk und schätzungsweise einzweidrei Verehrer. Dazu gute Laune und Energie ohne Ende.

Alles Mumpitz!

Weil mir mein sonniges Wesen also manchmal tatsächlich im Weg steht, habe ich angefangen, so authentisch wie möglich zu benennen, wie es mir wirklich geht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich „ganz gut, aber ich bin heute sehr müde“. Das ist morgens um 8 auf dem Bürgersteig mit der Nachbarin vielleicht auch das maximale an Authentizität, was man bringen kann. Wir wollen ja beide weiter und haben nicht viel Zeit. Aber wenn ich Texte schreibe, dann schreibe ich auf, wie ich es fühle. Ich beschreibe meinen Alltag, meine Müdigkeit und meine Erschöpfung, und darin bin ich dann offenbar so authentisch, dass mir Depressionen attestiert, zu ärztlicher Hilfe geraten und mir der Verlust jeglicher Lebensfreude unterstellt werden. Oha!

Was ist da los, frage ich mich? Wann bin ich denn ich? In meinen Texten, die offenbar große Sorge um mich auslösen? Was mich rührt, aber auch schwer ins Nachdenken bringt. Oder in meinem Alltag, mit der guten Laune und dem fröhlichen Abarbeiten auch extremster Belastung?

Ich kann Alexandra Widmer nur zustimmen, die sagt, daß es unsere innere Einstellung ist, die unsere Zufriedenheit und unser Glück beeinflussen. Bei mir trifft das jedenfalls zu: mit meiner Fröhlichkeit ziehe ich mich selber aus dem Schlamassel, sie macht mich selber glücklicher und auch leistungsfähiger, in jeglicher Hinsicht. Und das brauche ich, denn meine Leben ist echt sackanstrengend! Ich schütte mir jeden Tag selber kiloweise Endorphine in die Suppe, damit ich mein Pensum überhaupt schaffe.

Was mich aber nicht daran hindert, die Misere zu benennen: Alleinerziehende werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt, politisch, gesellschaftlich, strukturell. Das will ich ändern, ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, denn ich bin ja nun echt nicht die einzige, die darunter zu leiden hat. Das hat nichts mit Jammern, Selbstmitleid und Wehklagen zu tun. Ich erlebe aber, dass man das nicht hören will. Die Paare, die ich kenne, wechseln das Thema, hören aktiv weg oder fragen einfach nicht weiter nach, wenn sie von meinen Problemen oder aber von meinem politischen Engagement hören. So wird aus der eigentlich fröhlichen Frau auf einmal die Meckerziege, bloß weil ich ausspreche, dass hier einiges ungerecht ist und auf dem Rücken Alleinerziehender ausgetragen wird. Konkret sieht das dann so aus, dass die Anwesenden des Elternabends schon die Augen verdrehen, weil ich bei der Erhöhung der Kita-Gebühren frage, ob es eigentlich eine Ermäßigung für Alleinerziehende oder andere Leute mit weniger Kohle gibt? (nö, gabs natürlich nicht, erst nach meiner Intervention).

Dann bin ich halt die Meckerziege, aber ich bleibe bei meinen Themen. Schon um meiner Kinder Willen: ich lebe ihnen vor, dass sie die Zustände, in denen sie leben, niemals hinnehmen müssen. Sie können zufrieden damit leben, wenn sie für sie ok sind, aber sie können sie auch ändern, wenn es sie sie ungerecht finden: Engagement lohnt sich, (fast) immer!

Gleichzeitig braucht es natürlich die Weisheit, zu erkennen, was ich nicht ändern kann, damit ich es gelassen hinnehme, ohne zu verbittern. Das ist ein schmaler Grat und ein ewiges Lernen, und das müssen nicht nur meine Kinder, sondern auch ich immer wieder neu lernen. Denn das letzte, was ich will ist ja, mein sonniges Wesen zu verlieren und eine grimmige alte Frau zu werden. Und so norde ich mich immer wieder ein: zwischen der Erschöpfung und Einsamkeit meines Alltages, der Freude und Dankbarkeit über meine Kinder, der Entrüstung über gesellschaftliche Strukturen, der Empörung über Ungerechtigkeit und Stigmatisierung und dem großen Glück über mein Leben mit meiner Tochter und meinem Sohn.

Vielleicht habe ich von allem ein bisschen mehr, und das ist es, was es Außenstehenden schwer mit mir macht: ich bin oft ein bisschen fröhlicher, ein bisschen besser drauf und ein bisschen zäher als andere. Ich bin aber auch wütender, trauriger, erschöpfter, hartnäckiger und einsamer. Ein bisschen weniger von allem wäre vielleicht nicht so aufreibend für mich. Aber dann wäre ich nicht mehr ich. Meine Aufgabe vom Universum für mich lautet immer wieder, mich nicht von negativer Energie und dem Griesgram in mir überwältigen zu lassen, sondern mich auf meine positive Energie zu konzentrieren: auf meine sonnige Seele.

Mutterseelesonnig.

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Meine sonnige Seele

Immer! Muss ich! Alles!

Neulich wollte ich mit den Kindern in den Wald und es gab Prostet:

Die armen Kinder, aber echt. IMMER müssen sie machen was ICH will.

Dazu gibt’s ja sogar den passenden Soundtrack von meinem Lieblingsbarden Gisbert zu Knyphausen:

Ein schönes Lied und ein tolles Video, aber die Eltern kommen leider überhaupt nicht gut weg. Dabei fühlt es sich für mich als Elter oft genau umgekehrt an: immer muss ICH alles sollen. Um mich und meine Bedürfnisse geht’s hier aber schon seit 12 Jahren nicht mehr.

Klar, am Anfang war das Baby: Stillen, Mittagsschlaf, Windeln, Laufen lernen, Sprechen, auf’s Klo gehen, Fahrrad fahren, Schwimmen, in die Schule gehen. Die Kinder werden größer und selbständiger, blöderweise hab ich als Mutter nicht das Gefühl, dass meine Autonomie proportional dazu wächst. Da ist zum einen die Schule, für die können wir alle nix, aber sie gibt den Takt vor und ICH bin die dumme Nuss, die ihn umsetzen muss: morgens um 6.30 Uhr aufstehen, nach der Schule Hausaufgaben, außerdem Ferien, Schullandheim, Sommerfest, Elternabend usw. Da ist nix mit Selbstbestimmung und der Job der Eltern ist der Schule ebenfalls herzlich egal. Wenn Mutti bis 1 Uhr Nachts arbeitet ist trotzdem am nächsten Morgen um 7.45 Uhr Unterrichtsbeginn, yeah.

Und eben so Sachen wie eingangs beschrieben: ich will in den Wald, die Kinder nicht, sie meckern und zetern wie zwei Kesselflicker. Warum will die Frau mit den Kindern denn unbedingt in den Wald? Nun ja: die Sonne scheint, es ist Sonntag und wir haben Zeit. Wenn die Kinder den ganzen Tag drinnen sind und lesen, chillen, Musik hören, sinkt spätestens um 17.42 Uhr die familiäre Stimmung unter den Nullpunkt, die Kinder sind genervt, gereizt und fangen an, sich und mich zu zanken. Vor allem waren wir letzte Woche an selber Stelle im Wald, und sie haben es GELIEBT! Ein sonniger Spaziergang, wilde Wege querfeldein, dann Kuchen essen im Schlösschen, anschließend waren sie fast 2 Stunden alleine im Moor, ich lag in der Sonne und: sie haben mich beschworen, dass wir bei nächste Gelegenheit UNBEDINGT wieder so einen Sonntag verbringen sollen. Zu guter Letzt und von dem ganzen kinderaffinen Argumenten mal abgesehen: ICH will in den Wald, ICH brauche frische Luft und Bewegung, und drum müssen die jetzt halt mit.

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Kind im Wald, glücklich

Aber erstmal gibt’s halt Theater, Lego ist grad wichtiger und das Sofa auch recht kuschelig. Da muss ich durch. Diskutiere bis zu einem gewissen Grad und bestimme schließlich, dass wir jetzt gehen, Punktum. Ich weiß, dass es Euch und mir gut tun wird und ich zitiere schrecklicherweise Fräulein Rottenmeier aus Heidi: „Ihr werdet mir nachher dankbar sein“.

Ich höre Gisbert singen: Immer! Muss ich! Alles! Sollen! und ich denke, das Lied könnte man auch genauso aus Elternsicht singen, es passt alles, jede Zeile:

Die Schuhe an, Jacke und „Nein! Nicht die gelbe!“
Ich halt´s nicht mehr aus, es ist immer dasselbe

Aber war das so gedacht, mit dem Familienleben, das Kinder und Eltern sich trotzig gegenüber stehen und sich ihre Ansprüche und Bedürfnisse um die Ohren hauen? Ist das liebevolle, authentische Elternschaft? Auf den Begriff der authentischen Elternschaft hat mich Susanne Mierau neulich gebracht, und so grüble ich: Bin ich echt, lasse ich meine Bedürfnisse zu oder nur die der Kinder? Wie erleben die Kinder meine Wünsche und mich als Persönlichkeit? Haben meine Ideen auch Raum oder dreht sich hier wirklich seit 12 Jahren alles nur um die Kinder? Geht das überhaupt, dass man in der Familie alle Ideen und Vorstellungen ausspricht, verhandelt und einen gemeinsamen Nenner findet? Mit 4, 10 oder 12Jährigen? Viele kriegen das ja nicht mal unter Erwachsenen hin, aber mit Kindern kommt die Nummer nochmal heftiger. Aber gut, ich versuche es immer wieder neu, und so wird täglich verhandelt:

  • Du hast keinen Bock, den Müll raus zu bringen? Blöd, ich auch nicht, und jetzt? Biete mir was an, was Du für den Haushalt tust, ich tue natürlich auch was, und dann sehen wir mal, was übrig bleibt und wie wir das aufteilen.
  • Du willst nicht den Film gucken, den Deine Schwester vorschlägt? Ok, was willst Du gucken, was will ich gucken, und wie organisieren wir das? Nein, wir gucken jetzt nicht drei Filme nacheinander, wir müssen das anders lösen.
  • Ihr wollt ins Spaßbad? Ok, aber nur wenn ich nicht ins Wasser muss und auf der Liege liegen und lesen, schlafen, dösen darf.

Ich werde mich ganz sicher nicht auf die Reifenrutsche setzen, nur um den Kindern einen Gefallen zu tun, das wäre beileibe nicht authentisch. Gut, ich hatte auch vor 5 Jahren wenig Lust auf Bügelperlenbilder, vor 4 Jahren keine Lust, Laternen zu basteln, ich hatte jahrelang wenig Lust, stundenlang am Spielplatz zu hocken und wie eine Bademeisterin auf die Kinder aufzupassen. Aber den Kindern war es wichtig, es hat ihnen Spaß gemacht und ihnen gut getan, also habe ich es gemacht. Nicht dass ich falsch verstanden werde: es gibt tausende wunderbare, großartige Momente mit den Kindern, die ich ohne sie niemals erlebt hätte und für die ich sehr dankbar bin. (Ich habe sogar mal eine Reihe mit dem Titel „Dinge die ich ohne meine Kinder nie erlebt hätte“ angefangen, bislang ist es leider bei #1 geblieben) Aber es gibt eben auch einiges, auf das ich nun wirklich überhaupt keine Lust habe, was ich aber trotzdem tue. Das fängt beim morgendlichen Wecken an, geht über das Ertragen von Bibi&Tina-Hörspielen über Superhelden-Filme bis hin zum Spaßbad.

Ich finde es ok, dass ich als Mutter eine Menge Dinge tue, zulasse und organisiere, zu denen ich keine Lust habe. Dass ich als Mutter eine Menge Kompromisse mache, weil meine Kinder noch lernen, wachsen und sich ausprobieren müssen. Das tut meiner authentischen Elternschaft keinen Abbruch, so lange ich die Grenze zur völligen Selbstaufgabe noch ziehen kann. Die Kinder werden es schon noch lernen, ihre Ablehnung und ihre eigenen Wünsche etwas stilvoller zu formulieren, denn sie erleben es ja jedes Mal, dass ihre Wünsche gehört und respektiert werden und dass es sich lohnt, zu verhandeln.

Deshalb fahre ich ins Spaßbad und sitze nicht in der Reifenrutsche, sondern liege geschlagene 5 Stunden auf der Liege, schlafe, lese und döse. Das ist mein Kompromiss. Denn ohne Kinder wäre ich überhaupt nicht dahin gefahren: warum sollte ich 10€ Eintritt dafür bezahlen, halbnackt unter wildfremden Menschen auf einer Plastikliege meinen Sonntag zu verbringen? Immer wieder kommen die Kinder angeflitzt, essen und trinken irgendwas und verlangen vehement: „Mama, Du musst mal mitkommen auf die Rutsche!“

„Nö“ sage ich, ich muss gar nix. Sie sind leicht enttäuscht, aber schließlich ist es ihnen egal und sie sausen wieder los. Und ich schlafe nochmal ein, denn das ist grad mein größtes Bedürfnis. Voll authentisch.

Immer! Muss ich! Alles!

Konzentration aufs Wesentliche

Ich brauche mal jemanden, der einen ausbruchsicheren Auslauf für unseren Hasen baut. Der arme Anton hockt im Stall und kann sich kaum bewegen, aber aus dem Auslauf hätte er sich in 10 Minuten raus gebuddelt. Einfach ein 1 x 3 großes Stück Erde ausstechen, Maschendraht verlegen, mit den Wänden des Auslaufes verbinden und das Loch mit Erdreich wieder auffüllen.

Ich brauche mal jemanden, der die Kleiderschränke der Kinder aussortiert: kaputte Kleidung kann weg, zu kleine Sachen raus, waschen, trocknen, nett zusammenlegen und sortieren nach „auf ebay verticken“, „an Freunde verschenken“ und „für die Ewigkeit aufbewahren“

Ich brauche mal jemanden, der den Keller aufräumt. Da lagert ein Ehebett samt Lattenrosten, ein Hochbett (beides abmontiert), Katzenfutter für ½ Jahr, Koffer, Rucksäcke, Isomatten, Luftmatratzen, ein 4-Personen-Zelt, ein Puppenhaus, ein Schallplattenspieler, 2 Kisten mit heißgeliebtem Vinyl, Puppenhaus-Inventar, zu kleine Kinderschuhe, Regalbretter und was weiß ich. Da müssten Regale rein mit Kisten, die sinnvoll beschriftet sind. Zur Zeit kann man in den Raum nicht mal mehr rein.

Ich brauche mal jemanden, der das Altpapier wegbringt. Nicht das tägliche kleine, sondern die ganz großen Kisten vom Umzug vor 2 Jahren, da waren Regale, Kaninchenställe und ganze Betten drin. Dieses Altpapier passt nicht in die Tonne, ich hab’s im Wäschekeller „zwischen“ gelagert und nun müsste man es mit einem Auto wegbringen.

Ich brauche mal jemanden, der das Regal im Flur aufräumt und ausmistet. Beim Umzug vor 2 Jahren habe ich das Regal erst mal in den Flur gestellt und alles reingestopft, was gerade keinen Platz in der Wohnung hat. Ein einziges kleines Döschen in dem Regal wird benutzt: das schmeißen wir unsere Schlüssel rein. Der Rest sind 4 Regalbretter tote, vollgemülltepackte Fläche.

Ich brauche mal jemanden, der meinen Laptop durchcheckt. Da poppen ständig Viruswarnungen und Norton-Anzeigen auf. Ich habe komplett keine Ahnung davon und klicke einfach alles weg. Das wird wohl auf Dauer nicht gutgehen.

Ich brauche mal jemanden, der unsere Fernseh-/Internet-“Installation“ optimiert. Wir haben einen kleinen Röhrenfernseher ohne Fernbedinung mit DVBT-Antenne und Receiver. Irgendwo stand neulich, dass „das“ abgeschafft wird. Wir hätten gerne einen schönen großen Fernseher, aber welchen? Wenn wir einen Film auf dem Laptop gucken wollen, bleibt das Bild alle 4 Sekunden stehen: warum nur? Internet-Leitung zu dürr? Laptop kacke? Und kann man nicht auch im Fernseher Filme aus dem Internet abspielen? Wie kommen die da rein?

Ich brauche mal jemanden, der unseren Router so einstellt, dass die Tochter 60 Minuten/Tag WLAN hat. Ich kann da nur die Uhrzeiten einstellen, hätte aber gerne, dass das Kind sich seine 60 Minuten frei einteilen kann.

Ich brauche mal jemanden, der den Kindern an meinem Laptop kindersichere Benutzer einrichtet, damit sie selber ins Internet gehen können, ohne meinen facebook-Account zu bestücken, Pornos anzugucken oder Lego zu bestellen.

Ich brauche mal jemanden, der Spielzeug und Kinderbücher aussortiert, aus denen meine Kinder raus gewachsen sind. Die Kinder selber wollen sich von nichts trennen, aber 50% des Inventars in ihren Zimmern ist unbenutzte Materie.

Ich brauche mal jemanden, der die Fotos vom ersten Lebensjahr meiner Kinder ausdruckt und liebevoll in die Alben klebt, die ich vor 5 Jahren gekauft habe (die ersten 3 Wochen von Kind 1 sind schon fertig!).

Ich brauche mal jemanden, der mein Blog optimiert. Der steht einfach so im 0€-Tarif im Internet rum, ich hab gelesen dass man den Blog auch auf einen eigenen Server ziehen, Suchmaschinen-optimieren und wahrscheinlich noch andere dolle Dinge mit machen kann.

Ich brauche mal jemanden, der den Bastel- und Maltisch der Kinder sortiert und entmüllt. Allein der Sohn sitzt dort stundenlang und malt mit Bleistift auf weiße Blätter, die Tochter verzieht sich lieber ins eigene Zimmer oder an den Esstisch. Die ganzen Farben, Kneten, Klorollen, Fimopackungen, Brennstäbe, Laubsägekästen, Leinwände und anderes Gedöns werden nicht benutzt, weil die Kinder sie wahrscheinlich nicht finden.

Ich brauche mal jemanden, der für mich Weihnachten organisiert.

Ich brauche mal jemanden, der für mich einen Termin bei meiner Ärztin macht, denn ich habe Geräusche in meinem Kopf, die nachts immer lauter werden.

Ich habe für all das keine Zeit, denn ich bin zu 120% mit meinem Alltag ausgelastet: ich kaufe ein, koche putze wasche, kümmere mich um Versicherungen, Schulwechsel, Elternabende, Steuererklärungen, Zahnarzttermine der Kinder, Ferienbetreuung, Herbstspaziergänge, Laternenlauf, Schwimmbadbesuche, spiele mit den Kindern Siedler, quatsche stundenlang mit der Tochter, gucke Superhelden-Filme mit dem Sohn, backe Waffeln, habe kein Auto, arbeite Vollzeit und ich bin die einzige Erwachsene in diesem Haushalt.

Für alles andere als den Alltag habe ich keine Zeit, auch nicht am kinderfreien Wochenende, denn ich muss mich entspannen und die Mondscheinsonate üben, weil meine Kinder die so gerne hören.

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Konzentration aufs Wesentliche

Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Mütter stillen Kinder. Wenn die Kinder nicht still sind, sind im Umkehrschluss die Mütter dafür verantwortlich.

Mumpitz, sagt nun der gesunde Menschenverstand, mit etwas Glück hat das Kind auch einen Vater, der sich mit der Mutter gemeinsam um das Kind kümmert. Nicht so bei der FAS, die hat einen Artikel über Mütter veröffentlicht, die ihren Babys Schlafmittel geben, um endlich Ruhe zu haben. Natürlich ist der Text bissl ausführlicher und leidlich recherchiert, aber was bleibt, ist der fade Nachgeschmack eines Artikels, in dem es ausschließlich die Mütter sind, die unter nicht schlafenden Babys leiden. Und deshalb irgendwann in völliger Verzweiflung zu Medikamenten greifen.

Warum kommen in dem Text die Väter nicht (bzw. nur marginal) vor? frage ich mich grübelnd. Warum sucht die Autorin nicht nach den Ursachen des Schreiens beim Baby, und vor allem nicht nach der Ursache dieser bodenlosen mütterlichen Verzweiflung? Wenn die Mütter so dermaßen alleine gelassen sind mit einem brüllenden Baby, wie der Artikel suggeriert, dann wundert mich die Verzweiflung nicht. Aber ist Babyschlaf denn Frauensache? Oder handelt der Text ausschließlich von alleinerziehenden Müttern und die Autorin hat nur vergessen, das zu erwähnen? Das muss die Lösung sein, alles andere macht keinen Sinn!

Natürlich sind Alleinerziehende völlig am Ende mit Kraft und Nerven, sie müssen ja so viel arbeiten und sich auch um alles andere ganz alleine kümmern, wenn dann so ein Baby brüllt und brüllt und brüllt und nicht aufhört, kann man schon mal kirre werden. So kirre, dass man das Baby irgendwann nur noch medikamentös in den Schlaf befördern will?!

Überhaupt sind, über den FAS-Text hinaus, Medikamente gerne das Mittel der Wahl für Alleinerziehende. Eine Therapeutin, die ich kurz nach der Trennung aufsuchte, hat mir bereits beim ersten Gespräch dringend ans Herz gelegt, aufkeimende Depressionen mit Medikamenten zu behandeln. Das würde nicht nur die Tiefs, auch die Hochs etwas abdämmen und dann wären die emotionalen Berg- und Tal-Fahrten nicht so anstrengend. Und: Alleinerziehende seien ja generell von Depressionen bedroht. Aha! Weil ich alleinerziehend bin, bin ich „generell“ depressiv gefährdet. Es gibt ganz sicher Menschen, die eine medikamentöse Behandlung benötigen, aber ich weiß ganz sicher: ich gehöre gerade nicht dazu. Ich möchte auf keins meiner Gefühle verzichten, schon gar nicht auf meine penetrant gute Laune und meine ungebremste Begeisterungsfähigkeit, die hat mir nämlich in den letzten 6 Jahren seit der Trennung und in den 39 Jahren davor mehr als einmal den Kopf gerettet. Erst recht, seit ich Alleinerziehend bin.

Mein Sohn hatte vor 2 Jahren einen (einzigen!) epileptischen Anfall. Im Krankenhaus wurde sorgfältig abgewogen: üblicherweise gäbe man die Medikamente, die die Epilepsie in Schach halten, erst nach 2-3 Folgeanfällen, aber da ich ja alleinerziehend sei und das Kind ergo öfter mal unbeaufsichtigt, werde dringend geraten, noch am selben Tag (!) mit dem Medikamentieren zu beginnen.

Im Gespräch mit der Lehrerin, wo ich mich über die Unmengen an Hausaufgaben beschwert habe, hat die Lehrerin mir geraten, therapeutische Hilfe für das Kind in Anspruch zu nehmen, wenn es mit dem Druck nicht klar käme. Es sei ja auch noch ein Trennungskind, das käme erschwerend hinzu. Wenn ich noch 15 Minuten länger mit der Frau geredet hätte, hätte der Sohn wahrscheinlich noch ADHS und Inkontinenz, das arme Trennungskind. So eine Trennung ist für die Lehrerin voll praktisch, dann muss die gar nicht mehr über sich selber nachdenken: hier bitteschön, ein Stigma.

Eine Alleinerziehende braucht nicht nur einen veritablen Rotwein-Vorrat (selbst meine Mutter hat mich vor der Alkoholabhängigkeit Alleinerziehender gewarnt!), sie und ihre Kinder brauchen auch Tabletten und Therapien, damit ihr kompliziertes und anstregendes Leben noch in diese Gesellschaft und ihre doofen Strukturen reingequetscht werden kann. Hilfe? Nein, Hilfe brauchen die nicht, das wäre ja zu anstrengend. Beratung, Unterstützung, Netzwerk? Viel zu langwierig. Bessere Steuerklassen, vernünftige Kinderbetreuung, Mediation beim Trennungs-/Scheidungsprozess, Haushaltshilfe – alles Pippifax!

Im Ernst: mir und meinen Kindern ist noch nie so oft medikamentöse und therapeutische Hilfe angeboten worden, wie seit der Trennung. Die Probleme, die wir haben, liegen also ursächlich in uns selber begründet, drum müssen wir sie auch selber lösen. Wenn wir das nicht gebacken kriegen, nehmen wir halt ’ne Pille oder laufen zur Therapie.

Um nochmal zu den sedierten Babys zurück zu kommen: dieser Artikel ist eine Katastrophe, weil er den Müttern unterstellt, dass es in ihrer alleinigen Verantwortung liegt und es deshalb ihr Versagen, bzw. Unvermögen ist, welches ihr Kind nicht schlafen lässt. Denn auch wenn der Text mich auf die Stigmatisierung Alleinerziehender gebracht hat, so glaube ich natürlich nicht, dass die Autorin ausschließlich von Alleinerziehenden redet. Aber von Müttern, die mit ihren Babys völlig allein gelassen sind. Warum, das untersucht der Text nicht, und das finde ich echt schlimm!

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Still jetzt! (Ein Stigma bitte)