Irgendwas mit Medien

So eine verdammt Scheisse!“

DAS GEHT DOCH GAR NICHT!!“

DU BIST DIE SCHLECHTESTE MUTTER DER WELT!!!“

Das Kind ist knallrot, ihm fliegen die Tränen vor Wut aus den Augen, es brüllt die Wohnung zusammen, schlägt aufs Sofa ein und verschwindet Türen knallend in seinem Zimmer. Verdrischt dort den Boxsack und wirft sich dann heulend in sein Bett.

Alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

Es gibt nichts, das das Kind so aus der Fassung bringt wie Medien und das, das damit unzufrieden stellend läuft. Unzufrieden stellend heißt: das Spiel läuft nicht, das WLAN ist zu schwach, das Kind kann eine Aufgabe nicht lösen oder die unfassbare Scheiß-Mutter hat das nahende Ende der Medienzeit angekündigt.

Mich macht das fertig. Ich kann dieses Gebrüll nicht gut ertragen, die Stimmung in der Wohnung und bei der ganzen Familie sinkt hier völlig in den Keller und selbst die Katzen ergreifen panisch die Flucht. Ich denke an „Soviel Freude soviel Wut“ und daran, dass ich so etwas nicht achtsam begleiten kann. Mich macht das wütend, sauer, traurig und am Ende resigniert.

Man soll die Medienzeit der Kinder begrenzen, tönt es überall. Das Blöde ist: ich kann die Grenzen nicht überwachen. Ich bin nämlich gar nicht immer zu Hause, wenn das Kind zu Hause ist. Ich arbeite Vollzeit und hier gibt’s keinen zweiten Erwachsenen. Ich reiß mir ein Bein aus, um zu Hause zu sein, wenn die Kinder Schule aus haben, aber mindestens jede 2. Woche fällt hier unangekündigt die Mittagsschule aus. Also Kind um 14 Uhr zu Hause statt 16.30 Uhr. Oder ich muss abends arbeiten, dann gehe ich gegen 18 Uhr aus dem Haus. Bis zum Schlafen um 21 Uhr ist eine Menge Zeit, und die verbringen die Kinder nicht mit philosophischen Debatten am Abendbrottisch. Meistens vergessen Sie eh, was zu essen und zocken einfach bis zum Einschlafen.

Das Verrückte ist: früher hatte ich einen Baybsitter, da konnte ich einfach arbeiten gehen. Jetzt sind die Kinder endlich groß genug, um ohne Babysitter den Abend zu verbringen, da sind sie beaufsichtigungsintensiver als je zuvor. Wegen irgendwas mit Medien. Jetzt haben wir allerdings keinen Baybsitter mehr, die Kinder lehnen das kategorisch ab, sind ja keine Babys mehr. Haha.

Ein mäßig kluger medienpädagogischer Ratschlag lautet: guck Dir an, was Dein Kind da macht. Spiel auch mal mit. Aber ich mag keine Computerspiele, ich mag keine Consolendings. Und ich finde, ich muss das auch nicht. Ich interessiere mich durchaus für das, was meine Kinder da machen. Ich google die Spiele und die Technik, die Consolen und die Rezensionen und entscheide dass der 11jährige Fortnite spielen darf, auch wenn meine Freundin, die Pädagogin sagt, das wäre ganz ganz schlimm. Ich höre dem Kind zu, wenn es aufgeregt von neuen Skins redet oder dass es eine neue Herzkammer bekommen hat. Ich gehe mit ihm zur Computerspielschule und gucke mir alles an, ich lese mich da rein, ich höre und gucke zu, ich besorge mir sogar die Klaviernoten vom Lieblingslied des Kindes in Zelda, weil ich selber das Lied so schön finde. Aber ich zocke nicht selber, weil mir das einfach keinen Spaß macht, und ich spiele deshalb nicht zusammen mit dem Kind. Das sollte ich vielleicht, dann könnte ich die Wut und die Ungeduld besser verstehen, die da aufkommen. Ich könne mein Kind vielleicht sogar besser beraten oder trösten, aber ich kann es halt nicht. Das muss mein Kind leider alles ohne mich hinkriegen und aushalten. Vielleicht ist das ein Teil der Wut? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass ich es nicht ändern kann.

Auch ein guter Tipp: den Kindern sinnvolle Alternativen bieten. Puh, wenn ich nach 8 Stunden von der Arbeit komme, auf dem Rückweg eingekauft habe, zu Hause schnell Wäsche und Abendessen mache, dann geht mir echt die Luft aus für sinnvolle Alternativen. Ich bin platt. Vor dem Medienzeitalter haben die Kinder abends gespielt, wie so Kinder. Lego, Verkleiden, Puppen. Sie haben gemalt und gelesen, Hörbücher gehört oder gebastelt, mal miteinander, mal alleine. Ich tröste mich damit, dass sie in den ersten 10 Lebensjahren (fast) völlig analog unterwegs waren, in der Kita-Zeit ständig im Wald, in der Grundschulzeit ständig auf dem Kickplatz und mit Freunden unterwegs waren.

Jetzt machen sie halt irgendwas mit Medien. Wenn ich Pech und sie Glück haben, schon seit 3 Stunden wenn ich nach Hause komme. Und weil ich weder Zeit noch Energie für sinnvolle Alternativen habe, machen sie auch noch eine Weile weiter. Oder ich beende die Medienzeit (natürlich erst nach dem Level, ich bin ja nicht lebensmüde), muss mir dann aber trotzdem Gezeter anhören.

Gezeter. Es ist nicht die Zeit, die viele oder gar zu viele Zeit, die die Kinder mit Medien verbringen, die mich fertig macht. Ich find nämlich tatsächlich auch, dass man gerne mal einen ganzen Abend chatten, eine Aufgabe zu Ende und ein Level (stundenlang!) durchspielen, drei Harry Potter-Filme oder acht Folgen der Lieblingsserie nacheinander gucken kann.

Aber das Gezeter. Es ist das Gezeter, das mir an die Substanz geht. Es ist die schlechte Laune, die Gereiztheit und wenns blöd läuft das Gebrüll. Denn diese schlechte Laune kommt bei analogen Beschäftigungen nicht auf, jedenfalls nicht in diesem Eskalationsgrad. Weder Lego noch Malen, noch Lesen, noch gemeinsames Spiel generiert derart miese Stimmung und explosionsartige Ausbrüche wie irgendwas mit Medien. Die schlechte Laune hält sich dann gerne über das ganze Abendessen und inzwischen habe ich gelernt, dass man da nix, aber auch gar nix machen kann. Und schon gar nicht die berühmte Empathie zeigen! „Das tut mir leid, daß Dich das so ärgert“. „DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG UND JETZT MACHST DU DICH AUCH NOCH ÜER MICH LUSTIG!“ Nein, hier empfiehlt sich geduldiges Schweigen bis hin zur Ignoranz und Warten, bis der Ausbruch vorüber geht. Dann dezent Nahrung reichen und ein Glas Wasser, oft geht beim Zocken der Blutzucker runter und das Kind vergisst zu trinken. Dann geht’s irgendwann wieder und alle können aufatmen. Mit ein bisschen Glück ist der Abend noch zu retten, wir reden und essen miteinandern und danach spielt das Kind entspannt Lego oder liest ein Buch. Nochmal die Kurve gekriegt.

Aber es ist mühsam, und nicht nur das. Ich bin ratlos, genervt und manchmal überfordert von dem Thema. Ich lese alle möglichen Texte dazu, den von Julia Karnick und natürlich verschlinge ich alles von Patricia Cammarata. Das beruhigt ungemein, denn sie hat wirklich Ahnung vom Thema und ihre Interviews mit anderen Familien zeigen mir, dass ich bei Weitem nicht alleine bin mit familiären Mediendiskussionen. Das Thema treibt alle Eltern um, gerade die aus den 70ern des letzten Jahrhunderts, weil sie oft noch mit Schreibmaschinen und schwarz-weiss-Fernsehen groß geworden sind. Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ich hab die Kinder als Babys noch ohne smartphone ins Bett gekriegt, ich hatte ja nicht mal eine App zum Stillen (ich hab noch die Brüste genommen, haha). Wir hatten ja nichts!

Quatsch, ich bin zwar 47 Jahre alt, aber kein digitaler Trottel. Ich bin nicht nur beruflich einigermaßen erfolgreich mit dem weltweiten Netz zugange, ich betreibe immerhin ein selbstgebasteltes Blog, habe fast 3000 Follower auf Twitter, kann ein smart-tv anschließen und ein musica.ly erstellen. Ich weiß, dass man verdammt viel Zeit mit digitalen Endgeräten verbringen kann und will. Aber diese schlechte Laune, die Wut, die Tränen und die abgrundtiefe Verzweiflung, die mein Kind da erlebt: das kenne ich nicht und das macht mich fertig. Ich bin halt auch nur eine Mutter, die ein glückliches Kind haben will, und das Kind sieht damit nicht glücklich aus.

Das Kind versichert mir jedoch das Gegenteil, denn ich habe es schon oft gefragt, warum es sich stundenlang mit etwas beschäftigt, das dermaßen frustriert? Die Antwort: Es macht ihm Spaß. Es sei halt nur ab und zu ein bisschen nervig, aber grundsätzlich mache das großen Spaß. Und das Gebrüll tue ihm leid, er habe sich halt so geärgert. Immerhin, Selbsterkenntnis ist ja erwiesenermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Ich lerne über mein Kind: die Definition von Spaß und das Maß an Frustration liegen bei mir und ihm diametral auseinander. Wenn ich denke, der Junge erleidet gleich einen Hirnschlag, hat er sich halt ein bisschen geärgert“.

Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen, gleichwohl verbitte ich mir, haltlos angeschnauzt zu werden und die ganze Familie samt Haustieren in Angst und Schrecken zu versetzen. Er soll bitte in seinem Zimmer wüten, denn im Wohnzimmer steht unser Klavier, wo ich mit Kass‘ Theme meine Nerven zu beruhigen versuche. Die Nachbarn mögen sich über die dichte Abfolge von Gebrüll, Türen knallen und sanfter Klaviermusik wundern.

Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Irgendwas mit Medien

Über große und kleine Kinder

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Kleine wird wach. Ich stille ihn, wir schlafen beide wieder ein. Eine Stunde später wird die Große wach und steht auf. Ich höre sie, schleiche mich aus dem Schlafzimmer und frühstücke mit der Großen. Von wegen groß, sie ist keine zwei Jahre alt, aber sehr viel größer als der Kleine, der ist zwei Monate alt. Der Mann ist auf Dienstreise. Während die Große sich die Zähne putzt, wird der Kleine wach. Gottseidank, ich bringe es nie übers Herz, den Kleinen zu wecken, muss aber die Große in die Kita bringen. 9.15 Uhr sollen wir dort sein, damit die um 9.30 Uhr mit dem Morgenkreis starten können.

Die Große kaspert im Bad rum und macht sowas ähnliches wie Zähneputzen, ich wickel den Kleinen und stille ihn nochmal. Dabei unterhalte ich mich mit der Großen, was sie heute anzieht. Der Mini ist nach 10 Minuten fertig mit seinem Milchfrühstück, ich lege ihn die die Wiege und helfe der Großen beim Anziehen. Um 9 Uhr sind wir in der Kita, ich sitze in der Kuschelecke mit dem Kleinen auf dem Arm und lese der Großen noch ein Buch vor, sämtliche Kinder kommen mal vorbei, um unser Baby zu bestaunen, ihm ein Lied vorzusingen oder über das weiche Köpfchen zu streichen. Um 9.15 Uhr verabschieden wir uns, der Kleine ist komplett gerockt und pennt im Auto ein.

Er wird jetzt 20 Minuten schlafen und dann 2 Stunden wach sein, soviel weiß ich über sein kleines Leben schon. In diesen 2 Stunden macht er eigentlich recht fröhlich alles mit, was ich so mache: Haushalt, Wäsche, Einkaufen, Aufräumen, Bewerbungen schreiben, im Internet nach Jobs suchen, an einem freiberuflichen Auftrag schreiben. Gegen Mittag hat der Kleine Hunger, ich stille ihn und er pennt in seinem Bett im stockdunklen Zimmer zwei bis drei Stunden. Das ist einerseits toll, andererseits etwas unpraktisch, denn er schläft nur dort, nur in seinem Bett, nur wenn’s ruhig und leise ist. Die Große hat in dem Alter überall im Kinderwagen geschlafen und ich war mobil. Ich weiß, das ist ein Luxusproblem, andere Kinder schlafen nie, aber dieses Kind hier schläft sehr gerne, und zwar bitte im Dunkeln, allein und in Ruhe.

Immerhin kann ich in dieser Zeit duschen, weiter am PC arbeiten und mich um den Haushalt kümmern, drum sind das recht entspannte zwei Stunden. Wenn der Mini wach wird, holen wir die Große ab. In der Kita vespern sie um 15 Uhr, um 15.30 Uhr ist der perfekte Slot für den Abschied. Sie hat dort zu Mittag gegessen, geschlafen, ist gewickelt und hat ein Vesper im Bauch. Mit diesem nahezu perfekt präpariertem Kind sowie dem gestillten und gewickelten Mini mache ich mir einen schönen Nachmittag. Meistens gehen wir einfach mit der halben Kita auf den nächsten Spielplatz, die Kinder sind im Rudel unterwegs und ich erfülle hier die Funktion der Bademeisterin: aufpassen, dass nix passiert, ab und zu Nahrung und Getränk reichen, auf eine Schramme pusten und ansonsten das Kind in Ruhe spielen lassen. Jedenfalls das große, das kleine liegt im Kinderwagen und grinst die Wolken an. Wenn ihm das zu langweilig wird, hole ich ihn raus, er lümmelt auf meinem Arm rum und schaut sich das Gewusel und Gebrüll auf dem Spielplatz an. Ich stille ihn zwischendurch, wickel erst das eine und dann das andere Kind auf der Tischtennisplatte, hole mir einen Kaffee beim Bäcker, bringe Brezel für die Große mit, unterhalte mich mit anderen Eltern, passe mal auf diese und mal auf jede Kinder mit auf und fange gegen 17.30 Uhr an, ein sehr dreckiges großes und ein sehr müdes kleines Kind einzupacken.

Zu Hause liegt der Kleine auf dem Teppich und die Große spielt um ihn herum. Zeigt ihm ihre Bücher, singt ihm was vor, erklärt ihm in ihrer umwerfend komischen Kindersprache wichtige Sachverhalte aus der Puppenküche. Manchmal setzt sie ihn in ihren Puppenwagen und schiebt ihn durch die ganze Wohnung. Ich räume die verdreckte Nachmittagstasche mit Windel, Spielzeug und Brezeln auf, versuche das prostestierende Kleinkind umzuziehen und zu waschen, während der Kleine anfängt sich die Augen zu reiben und müde zu meckern. Die Sache wird hier langsam unentspannt, denn die Große ist müde, hungrig und dreckig, der Kleine ist müde und hungrig, ich bin ebenfalls müde und hungrig. Also schnell das Essen auf den Tisch und den Mini an die Brust. Das Spiel vom Morgen geht jetzt rückwärts, vom Rumkaspern im Bad bis zum Umziehen für die Nacht. Irgendwann ist es 19.30 Uhr, der Kleine hängt völlig in den Seilen auf meinem Arm, ich sitze mit der Großen in ihrem Bett und lese ich eine Gute-Nach-Geschichte vor. Dann kommt der kniffeligste Teil des Tages: die Große hätte gerne 60-90 Minuten Mama am Bett sitzen, der Kleine findet das natürlich total kacke, ist aber noch nicht müde genug, um schon schlafen zu gehen. Also den Kleinen auf dem Arm und zur Großen setzen. Die kann aber nicht einschlafen, wenn der Kleine da ist. Ich lege ihn in die Wiege im Wohnzimmer, erkläre ihm dass ich in 10 Minuten wieder da bin. Er findet das eher so mittel. Ich erkläre der Großen, dass wir genau 10 Minuten haben und sie dann alleine schlafen muss, sie findet das ebenfalls blöd. Es geht eine Weile hin und her, mal mit Baby auf dem Arm, mal ohne. Irgendwann kommen die Tränchen beim ersten Kind, ich weiß, dass auch das zweite gleich weinen wird und dann ist es mir zu doof, dieses Verhandeln und Diskutieren, die sind doch beide noch zu klein. Ich ziehe mir mein Nachthemd an, hole beide Kinder in mein Bett. Die Große schläft selig an meiner Seite ein. Der Kleine wird nochmal gestillt und ich lege ihn vorsichtig auf die andere Seite. Er kotzt einen hübschen Milchsee auf die Matratze und ratzt auf der Stelle ein. Ich wage es nicht, mich nochmal zu bewegen oder gar aufzustehen, also liege ich in einem warmen Milchsee und merke, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

***

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, und der Wecker klingelt. Ich wecke die Große aus dem Tiefschlaf und schleiche in die Küche, um Frühstück zu machen. Während der Kaffee kocht, gehe ich zur Großen und helfe ihr beim Anziehen. Sie ist zwar schon ein großes Schulkind, aber trotzdem erst sieben Jahre alt. Wir frühstücken zusammen, und während sie anschließend Zähne putzen geht, wird der Kleine wach. Obwohl er meist anderer Meinung ist, ist man mit fünf noch ein relativ kleines Kind. Er schlurft in die Küche und frühstückt, während die Große zwar inzwischen fertig ist, aber nicht in die Schule gehen mag. Wir wohnen nämlich leider so, dass sie kein anderes Kind findet, das mit ihr zur Schule läuft. Der Mann ist nicht da, wir sind seit einem Jahr getrennt, also erkläre ich dem Kleinen, dass ich in 10 Minuten wieder da bin und begleite die Große bis zur dritten Straßenecke. Ab da läuft sie alleine, ab dort trifft sie auch manchmal andere Kinder. Kinder, mit deren Eltern ich x-mal versucht habe, einen festen Lauftreff zu verhandeln, aber die anderen Familien halten sich leider nicht dran, und so bleibt es dem Zufall überlassen, mit wem die Große morgens geht.

Als ich zurück komme, ist der Kleine ins Lego vertieft und bemerkt mich nicht einmal. Ich räume die Küche auf, mache mich fertig und versuche dann vorsichtig, das Kind vom Lego zu lösen. Nicht ganz einfach, aber irgendwann marschiert er ins Badezimmer, putzt sich die Zähne und ich helfe ihm beim Anziehen. Dann geht er in die Kita, denn die ist direkt gegenüber. Ich schaue noch aus dem Fenster, ob an der Fußgänger-Ampel alles ok ist, aber er schaut brav trotz grün nach links und rechts, macht zu den Autofahrern eine Obi-Wan-Jedi-Ritter-Geste und überquert die Straße. Wer würde da wagen, loszufahren?! Ich hole das Fahrrad aus dem Hof und radel zur Arbeit. Um 14 Uhr mache ich Feierabend, radel zurück und hole den Kleinen ab. Der hat heute Fußball und will den Weg noch einmal mit mir üben, ab nächster Woche geht er alleine. Das Komplizierteste am Fußball ist die Schleife an den Fußballschuhen, die übt er jetzt fleißig, damit die peinliche Mutter nicht immer mitkommt. Während wir beim Kicken sind, ruft die Große aus dem Hort an, sie geht noch eine Freundin besuchen. Ok, komm bitte um 17.30 Uhr nach Hause, denn um 18 Uhr kommt der Babysitter. Ich hänge eine Stunde frierend auf dem Fußballplatz ab, bewundere mein Kind, rufe Mails auf dem smartphone ab, bestelle online Faschingskostüme für die Kinder und gehe irgendwann mit dem glücklich schwitzenden Kind nach Hause. Die Fußballklamotten kommen in die Waschmaschine, das Kind unter die Dusche und die Große trudelt ein. Wir essen zusammen und da kommt auch schon die Babysitterin. Ich verabschiede mich und fahre wieder zur Arbeit, weil ich an der Hochschule eine abendliche Vorlesung zu betreuen habe.

Als ich spätabends nach Hause komme, guckt die Babysitterin fern und beide Kinder liegen in meinem Bett. Das tun sie immer, wenn ich abends nicht da bin, drum schlafe ich auch als Single in einem 180cm breiten Bett. Und die Katze liegt auch dabei, wie kuschlig! Ich verabschiede mich von der Babysitterin, lasse die Katze in die Nacht hinaus, räume die Küche auf, decke den Frühstückstisch, stecke die Wäsche in den Trockner, lege mich zu den Kindern, lausche ihrem tiefem, ruhigen Geschnarche und merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

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Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Wecker klingelt. Ich raffe mich auf, gehe die Große wecken und dann den Kleinen. Groß trifft es wirklich, denn sie ist zwar erst 12 Jahre alt, aber stolze 174cm groß. Der Kleine ist satte 20 cm kleiner, der Schwester mit seinen 11 Jahren aber auf der Spur, um sie noch um Längen zu schlagen. Ich mache beiden Kindern das Radio an, sonst werden sie überhaupt nicht wach. Kaffee kochen, Katzen reinlassen, Kinder nochmal rufen und zusammen frühstücken. Ich schmiere Vesperbrote, den Kindern kann man buchstäblich zugucken, wie der Zucker langsam im Gehirn ankommt. Die Große hat sich ihr Outfit bereits am Vortag zurecht gelegt, dem Kleinen ist das wurscht, denn er zieht an, was ihm aus dem Schrank entgegen fällt. So oder so, die beiden sind flott beim Anziehen und 30 Minuten nach dem Wecken verlässt erst Nummer eins, dann Nummer zwei das Haus. Es ist 7.20 Uhr, ich gehe ins Bad, ziehe mich an und laufe zur Arbeit. Um 16 Uhr mache ich Feierabend, kaufe noch fix was ein und komme einigermaßen müde nach Hause. Die Kinder sitzen beide auf dem Sofa und machen Hausaufgaben. Jedes Kind hat eine Katze auf dem Schoss, ein Buch vor der Nase und übt, ab und zu fragen sie sich gegenseitig ab. Das machen die echt großartig! Ich gehe in die Küche und räume die Mittagessen-Spuren der beiden weg, sie haben sich Maultaschen mit Rührei und MIT SALAT (!) gemacht. Ich räume die Einkäufe ein, fütter die Katzen und den Hasen, mache die Wäsche und setze mich samt Laptop zu den Kindern aufs Sofa. Ich muss dringend ein paar Rechnungen überweisen, Mails von Eltern, Schule und Sportvereinen beantworten und eine Ferienbetreuung organisieren. Ich mache nix davon, denn der Kleine möchte, dass ich ihn die unregelmäßigen Verben abfrage, und die Große möchte, dass ich ihrem Vortrag über die Holzgasgewinnung lausche. Wir „arbeiten“ eine ganze Weile zusammen, dann hat der Sohn keine Lust mehr und fährt ein Autorennen auf der xbox und die Große checkt ihre whatsapps. Ich klappe den Laptop zu, verschiebe das auf später und mache Abendessen. Das Abendessen dauert fast eine Stunde, denn wir erzählen uns gegenseitig unseren Tag, die beiden streiten fast und vertragen sich fast. Der Sohn bekommt Bauchweh, ich ahne Schlimmes und suche schon mal das Körnersäckchen. Nach dem Abendessen packen beide ihre Schulranzen, der Sohn verzieht sich samt Comic und Körnersäckchen ins Bett, die Tochter will noch reden. Wir hocken auf ihrem Bett und besprechen Streitigkeiten mit ihrem Lehrer, Verrücktes mit ihrer Freundin und Komisches mit den Jungs. Ich gehe rüber zum Sohn, der inzwischen formidables Bauchweh hat und arg jammert. Ich tröste ihn ein wenig, sag er solle sich in mein Bett legen, ich würde in 20 Minuten dazu kommen.

Der Kleine flitzt in mein Bett und kuschelt sich wimmernd ein, ich räume fix die Küche auf, stecke die Wäsche in den Trockner, gucke nach, ob ich morgen wichtige Termine habe und lege mich zum Sohn. Zwei Minuten später steht die Tochter vor meinem Bett und fragt, was los sei und sie habe Bauchweh. Ach herrje, da hat wohl beide was erwischt? Sie bekommt ebenfalls eine Wärmeflasche und legt sich zu uns. Sie schlafen beide erst mal ein, der Kleine schnell und die Große erst nach vielen geflüsterten Gesprächen mit mir. Soviel Nähe haben wir nicht mehr oft, und im Dunkeln reden ist auch ganz schön schön. Irgendwann ist auch auf dieser Seite Ruhe, das Bauchweh scheint auf beiden Seiten nachzulassen und ich merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

***

Drei Momentaufnahmen aus dem Leben mit meinen Kindern. Als Babys, als Kita-/Grundschulkinder und jetzt, mit beiden auf der weiterführenden Schule. Vom Weckerklingeln bis zum Einschlafen. Man kann diese drei Momentaufnahmen nicht miteinander vergleichen und sie sind bei Weitem nicht vollständig, so wenig wie man sagen könnte, das Leben mit so großen Kindern sei einfacher als mit den Kleinen. Was heißt überhaupt einfacher, ist es denn so schwer?

Dass ich Kinder habe, beansprucht mich, mein Leben, mein Denken, Fühlen, meinen Alltag und meine Arbeit in jeder Sekunde. Und zwar in jeder Lebensphase anders. Die Bedürfnisse der kleineren Kinder waren basaler: die Windel war voll, der Bauch war leer, die Augen müde und die Toleranzschwelle gleich Null. Da hieß es für mich als Mutter: Prozesse voraus sehen, schnell handeln, trösten, füttern, wickeln, dabei zwei Kinder im Blick haben und nicht vergessen, die Wäsche in den Trockner zu stecken und was fürs Abendessen zu kaufen.

Die Kita-/Grundschulkinder waren schon sehr selbständig, waren glücklich in der Ganztageskita und im Hort, haben ihre Wege selber erledigt und konnten auch mal ½-1 Stunde alleine bleiben. Dafür hatten Sie entweder unzählige Sport-/Musiktermine oder haben sich mit Freunden verabredet, heute auf den Spielplatz, morgen beim Freund zu Hause, übermorgen alle bei uns. Heute zum Ballett, morgen zum Fußball, übermorgen zum Schlagzeug und Capoeira macht mir übrigens keinen Spaß mehr, Mama. Beinahe jeden Tag wurde telefoniert, verschoben und überlegt, wer wann wo ist und ob der Weg wirklich klappt oder ob ich das organisiert kriege. Ich habe zwar nur 50% gearbeitet, war aber bereits getrennt und hatte mit Job und Familienleben mehr als genug zu tun. Und natürlich damit, die Wäsche rechtzeitig in den Trockner zu stecken.

Jetzt habe ich zwei große Kinder, von denen alle sagen, dass ich doch jetzt zwei so große Kinder habe und sicher alles einfacher ist. Wieso eigentlich? Die andere Binsenweisheit lautet doch „Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen“? Ich weiß nicht, ob es kleiner oder größer ist, ob man das in Größe und Wertigkeit „aufrechnen“ kann. Aber tatsächlich hat mich früher die Frage umgetrieben, ob die Kleine eigentlich wegen des Kümmeltees soviel pupst, während ich mich jetzt frage, ob die Schulwahl die richtige war – eine vielleicht doch etwas nachhaltigere Entscheidung. Die Organisation, der Alltag mag mit großen Kindern einfach(er) sein. Denn sie bleiben in der Tat auch alleine zu Hause, ich brauche keinen Babysitter mehr und sie kochen sich selber was zu essen. Mit Salat! Aber die Verantwortung für diese beiden Menschen, die noch lange nicht erwachsen sind, ist dieselbe geblieben, und die liegt hier ganz allein bei mir.

Wenn die Kinder jetzt bereits die Verantwortung für sich übernehmen würden, wären wir hier auf dem falschen Weg. Ich sehe diese Gefahr durchaus, denn die Kinder wissen, dass ich sehr beansprucht und oft erschöpft bin und sie versuchen schon viel zu oft, mich zu entlasten. Es mag ja auch toll sein, wenn die großen Kinder mal die Eltern umsorgen. Das muss aber eine Ausnahme bleiben und darf nicht zur Gewohnheit werden, denn mit 11 und 12 Jahren ist man eben noch lange nicht reif genug, die Mutter zu ersetzen. Christine Finke gab all jenen, die denken, große Kinder könnten alles mögliche übernehmen, den Rat, mal Parentifizierung zu googeln. Und das tue ich hiermit auch: Eine Parentifizierung findet statt, wenn sich das Kind aufgefordert und/oder verpflichtet fühlt, seinerseits die nicht-kindgerechte, überfordernde und seine weitere Entwicklung blockierende „Eltern-Funktion“ gegenüber einem oder beiden Elternteil(en) wahrzunehmen, sagt Wikipedia. Die Kinder sollen altersgerecht Pflichten übernehmen und im Haushalt mit anpacken und gerne auch mitdenken. Aber sie sollen nicht die Verantwortung übernehmen, die ich tragen sollte. Das ist manchmal ein schmaler Grat, aber während vielleicht andere Eltern versuchen, die Kinder stärker mit einzubeziehen, versuche ich hier oft, ihnen ihre Kindheit zu bewahren und sie nicht unnötig früh mit der Verantwortung für ihr junges Leben oder gar für mich zu überfordern.

Ich bin für ihre körperliche und geistige Gesundheit verantwortlich. Ich bin ihre Ansprechpartnerin, wenn sie wütend, traurig, glücklich, besorgt, verliebt sind oder sich ungerecht behandelt fühlen. Sie suchen und brauchen immer noch Grenzen und jemanden, der sie daran entlang oder drüber begleitet, und da ich hier die einzige Erwachsene im Haus bin, bin ich das nun mal. Immer. Und ich bin sehr froh darüber!

Wenn die Kinder sich mir jetzt bereits verschließen würde, könnte ich wahrscheinlich in ein bis zwei Jahren, wenn die Pubertät ihrem Höhepunkt entgegen steuert, hier die Rollläden runter lassen. Aber ich bin da, höre zu, sorge mich um sie, diskutiere und freue mich mit ihnen. Wie an jedem einzelnen Tag, seit ihrer Geburt. Das ist anstrengend und das geht auch noch mindestens 7-8 Jahre so weiter. Das wird nicht weniger, das wird nicht leichter, das wird nur immer wieder anders, und für mich ist das völlig in Ordnung. Denn es macht unfassbar glücklich, nicht nur zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen, sondern mit ihnen zu leben, jeden Tag.

Foto von Porapak Apichodilok
Über große und kleine Kinder

Mama, bist Du glücklich?

„Mama bist Du glücklich?“

fragte mich meine Tochter. Wir saßen auf einer sonnigen Wiese im Wald, hatten gerade eine kleine Fahrradtour gemacht, der Sohn war mit dem Freund im Gehölz verschwunden und wir zwei saßen mit Kaffee & Kuchen unterm Baum. Ein wunderschöner Moment, ein glücklicher Moment. Und trotzdem habe ich mit der Antwort kurz gezögert.

Ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. Ich bin gerade nicht sehr zufrieden mit meinem Leben, nicht glücklich. Aber will ich das in diesem Moment meinem Kind sagen? Sie hat mich das gefragt, weil sie in diesem Moment sehr glücklich war und weil sie sich vergewissern möchte, ob es mir auch so geht. Oder DASS es mir auch so geht? Meine Tochter ist ein sehr mitfühlender Mensch, sie freut sich mit mir und sie leidet mit mir. Wenn es mir nicht gut geht, übernimmt sie schnell Verantwortung, um mich zu entlasten. Dann räumt sie nicht nur die Küche auf, sie versucht auch, mich so wenig wie möglich zu belasten und den kleinen Bruder gleich noch mit zu erziehen. Damit ist sie dann natürlich überfordert, denn sie ist 12, nicht 20.

Wenn ich ihr jetzt sage, dass ich eigentlich grad gar nicht glücklich bin, macht das diesen sonnigen kleinen Moment zwischen uns kaputt und sie wird obendrein anfangen, sich Sorgen um mich zu machen. Das möchte ich nicht. Weder den Moment kaputt machen noch das Kind in Sorge bringen.

„Klar Süße“ sage ich also, und blinzle in die Herbstsonne.

Für den Moment stimmt das, für meinen generellen Seelenzustand nicht. Sie lächelt glücklich und genießt ihren Himbeerkuchen und ich bin mit einer Notlüge davon gekommen.

Will ich mein Kind denn wirklich anlügen, ist nicht diese „authentische Elternschaft“ so irre wichtig? Ich fand in dem Moment ihren kindlichen Seelenfrieden wichtiger, als ihr meine Unzufriedenheit mit meinem Leben aufzutischen. Ich soll authentisch sein als Mutter, aber ich habe auch Verantwortung als Mutter. Verantwortung dafür, was meine Kinder aushalten können und was nicht. Und sie halten eine Menge aus. Seit sieben Jahren leben wir drei alleine, in den sieben Jahren bin ich 2x mit burn out zusammen geklappt und wir waren 3x in MutterKindkur. Die Kinder wissen sehr genau warum, sie wissen, dass ich viel arbeite und sie wissen, dass ich oft sturzmüde bin, weil ich abends berufliche Termine habe und trotzdem immer und ausnahmslos um 6.30 Uhr aufstehe, um mit ihnen vor der Schule zu frühstücken und dann auch selber zur Arbeit zu gehen. Sie sind abends manchmal alleine, wenn ich arbeite, und sie sind mittags oft alleine, weil ich arbeite. Dann machen sie sich selber was zu essen, machen vielleicht nicht die Hausaufgaben, gehen vielleicht nicht zeitig ins Bett und vergessen vielleicht die Katzen zu füttern. Aber irgendwie kriegen wir drei das schon hin. Ich habe großartige, selbständige, kompetente und fröhliche Kinder, auf die ich sehr stolz bin!

Ich bin sehr glücklich mit meinen Kindern, ich habe meinen Traumjob und wir haben keine finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen. Ich hätte die Frage meiner Tochter auch ohne zu zögern mit JA beantworten können.

Aber ich habe gezögert, denn es sind genau diese drei Dinge, die mein Glück trüben: ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. An der Müdigkeit ist die Schule in Kombination mit meinem Job schuld – ist halt blöd, wenn man abends Kulturveranstaltungen organisiert und Schulkinder hat. An der Einsamkeit ist die Kombination aus Arbeit und Familienleben schuld: mein Kontingent an „abends ausgehen“ ist durch meinen Job und die üblichen Elternabende komplett ausgeschöpft. Ich habe ausschließlich berufliche oder kindbedingte Termine und Kontakte, für mehr ist keine Zeit und auch keine Energie da. Und dass ich zu viel arbeite, liegt in der Natur der Sache: 100% arbeiten und sich alleine um zwei Kinder samt Haushalt kümmern ist halt stressig. Um es mal charmant auszudrücken.

Ich bin unzufrieden, denn ich hätte gerne mehr Zeit für meine Kinder. Und ich würde gerne entspannter im Job meinen Kram zu Ende machen und nicht immer die Hälfte liegen lassen. Ich bin unzufrieden, weil ich gerne noch irgendwas anderes machen würde außer mich um Familie und Job zu kümmern. Zum Beispiel Freunde treffen, zum Yoga gehen, eine spannende Fortbildung oder gar ein Aufbaustudium, aber daran bin ich schon so oft gescheitert, dass ich das auf „wenn die Kinder aus dem Haus sind“ verschoben habe. Ich kriege das zur Zeit weder organisiert noch finanziert. Und ich bin unglücklich, weil ich immer und für alles alleine die Verantwortung trage in unserer kleinen Familie. Das macht mich auf Dauer fertig. Bevor ich jetzt wieder Tipps für Alleinerziehenden-Single-Börsen bekomme: ein neuer Partner reisst’s nicht raus. Bevor ein neuer Mensch in meinem Leben hier nicht nur grinsend mit am Frühstückstisch sitzt, sondern auch den Müll raus bringt, die Kinder zum Arzt begleitet, kindliche Wutanfälle auffängt und abends im Bett eine Stunde lang Schulprobleme diskutiert statt andere lustige Dinge zu tun, muß der schon verdammt gut in die Familie integriert sein. Ich hab dieses Level mit meinen zwei Patchwork-Versuchen nie erreicht. Und für eine zur Familie rein additive Partnerschaft fehlen mir Zeit und Energie. Also bleibt die Verantwortung bei mir allein, immer.

Dinge die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren, das sollte ich in meinem Alter mal gelernt haben. Akzeptieren ist ja nicht resignieren, sondern einfach nur „so ist es halt“ und immer den wachsamen Blick darauf, ob sich nicht doch was ändert oder ändern lässt in unserem System.

So hadere ich mit meinem Glück, und deshalb werde ich vielleicht immer kurz zögern, wenn mein Kind mich fragt, ob ich glücklich bin. Dabei sollte ich mich auf den Augenblick besinnen und ihn genießen, dann ist es auch komplett authentisch wenn ich sage: Ja Süße, mit Dir und dem Himbeerkuchen und Kaffee und in der Herbstsonne bin ich glücklich!

herbstsonne

Mama, bist Du glücklich?

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Angst um die Kinder

„Wer loslässt, hat die Hände frei“

Bei der Scheidung kam der Kalenderspruch noch ganz flockig daher, inzwischen könnte ich ihn eher umschreiben: wer loslässt, hat das Herz in der Hose.

Ich habe Angst um meine Kinder. Nein, wir werden nicht bedroht, wir leben nicht im Erdbebengebiet und nicht im Krieg. Ich habe Angst um meine Kinder, jeden Tag. Jeden Morgen, wenn ich sie mit einem Kuss in die Schule verabschiede. Jeden Nachmittag, wenn sie nach Hause kommen. Jede Nacht, wenn ich sie im Schlaf atmen höre. Angst, dass sie vom Erdboden verschwinden, sie einen Unfall haben, jemand ihnen etwas antut. Angst, dass sie einfach aufhören zu atmen.

Diese Angst ist irreal, aber ich kann inzwischen keinen Tatort und keinen anderen Krimi mehr sehen, weil ja immer zur „Illustration“ ein Kind sterben muss. Ich halte das nicht aus, ich sitze wirklich heulend vorm Fernseher, weil ich mir sofort vorstelle: was, wenn das mein Kind wäre? Unerträglich!

Diese Angst steht im krassen Gegensatz zu dem, wie ich meine Kinder erziehe: ich bezwinge meine Angst und traue meinen Kindern grundsätzlich alles zu, was sie sich selber zutrauen. Seit dem Vorschulalter gehen sie ihre Wege alleine, bleiben eine Weile alleine zu Hause, übernachten bei Freunden usw. Ich unterstütze sie in ihrer Selbständigkeit und freue mich, wenn sie ihre Kompetenzen ausweiten, erproben und einfach wachsen. Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn meine Ängstlichkeit sie daran hindern würde, groß zu werden, denn das ist ja ihre Kernkompetenz: Wachsen. Das hat mir den Ruf einer „coolen“ Mutter eingebracht, mir Hasenherz!

In der ersten Nacht, in der mein erstes Kind neben mir im Bett lag, hatte ich die ganze Zeit die Hand auf ihrer Brust liegen, um über Ihre Atmung zu wachen. Sie war so zart und ein solches Wunder, ich musste sie einfach beschützen. Irgendwann konnte ich vor Müdigkeit nicht mehr und hab meinen Mann geweckt, er möge mich ablösen, und ich konnte erst schlafen, als ich sicher war, dass er weiter über sie wacht.

Jetzt ist sie fast 11, geht morgens um 7.15 Uhr in die Schule und ich sehe sie oft erst gegen 16/17 Uhr wieder. In der weiterführenden Schule meldet sich erstmal keiner, wenn das Kind nicht aufkreuzt. Ein Graus für meine Horrorvorstellung: sollte sie je auf dem Schulweg verschwinden, werde ich es für mindestens 8-10 Stunden nicht mitbekommen! Der Sohn hingegen wandert morgens zum Freund und von dort in die Schule, der ist noch so herrlich grundschulüberwacht: ich hätte nach 5 Minuten einen Anruf, wenn er beim Freund nicht auftaucht, die Grundschule hat ein ausgeklügeltes „Kind-nicht-da“-System, nach der Schule ist er im Hort und um 17 Uhr kommt er nach Hause.

Wenn er nicht noch was vorhat, denn mein Sohn mit seinen 9 Jahren fühlt sich sehr sicher in seinem kleinen Universum. Er kann den Busfahrplan der ganzen Stadt auswendig, er kennt alle Wege und Abkürzungen, er weiß wo seine Freunde wohnen, wo das Kinderturnen ist und der Gitarrenunterricht, wo wir Katzenfutter kaufen und wo ich arbeite. Er fühlt sich so sicher, dass er bereits sehr selbständig über Raum und Zeit verfügt, viel mehr als die häusliche große Schwester. Die weiß das auch alles, geht aber schnurstracks nach Hause. Ich habe meinen Sohn schon vor 4 Jahren im Stadtteil gesucht, weil er seinen Kumpel besucht hat, er ist mir schon zigmal abhanden gekommen, wir hatten schon Polizeieinsätze und ich habe schon zusammengerechnet ein gefühltes halbes Leben auf ihn gewartet. Aber das faszinierende an ihm ist: umgekehrt hat er mich noch nie gesucht! Er hatte noch nie Angst, er weiß immer wo er ist und wie er nach Hause kommt. Als Baby saß er seelenruhig ins Spiel vertieft in einem Sandkasten zwei Hügel weiter, heute geht er nach dem Turnen eben noch ein Stündchen auf die Halfpipe – so what? Er hat sein Handy und ruft mich an, wenn er noch einen Freund besuchen geht, oder dann doch mal die Buslinie verwechselt hat. Also, in etwa 1/3 der Fälle ruft er mich an, die anderen Fälle managt er selber. Nur die Zeit hat er nicht immer im Blick, aber auch das wird besser.Ich weiß, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Aber eben nicht darauf, dass er keinen Unfall hat oder noch Schlimmeres passiert.

Verdrängen. Die Gefahr und die Angst verdrängen, anders geht es nicht. Den neuen, schönen Tag rauslassen: Nie die Kinder im Streit verabschieden, immer ein Kuss, eine Umarmung, ein Blick in die Augen, die Verabredung, wann wir uns wieder sehen. Das gibt uns Halt über den Tag. „Heute gehst Du nach dem Hort zum Turnen und kommst dann mit dem Bus nach Hause“. „Heute gehe ich nach der Arbeit zum Zahnarzt und komme gegen 17 Uhr nach Hause, da seid Ihr schon da und schmust mit den Katzen“. Wir gehen nie ins Ungewisse, wir vergewissern uns gegenseitig, wo und wann wir uns wiedersehen.

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich immer gedacht, dass ich niemals Kinder bekommen kann, weil ich mir so furchtbare Sorgen um sie machen würde, weil ich diese Angst nicht aushalten würde. Und es stimmt, es ist fast nicht auszuhalten. Und das wird nie enden.

Ich kann meine Kinder nicht beschützen. Ich kann nicht mein Leben lang die Hand über ihr Herz halten. Ich kann sie nur stärken, damit sie nicht bei einem Idioten ins Auto steigen. Ich kann sie kompetent machen, damit sie auch mit dem falschen Bus den Weg nach Hause finden. Ich kann sie fröhlich und selbstbewusst machen, damit sie sich nicht von vermeintlichen Beschützern verführen lassen.

Und ich werde sie bei jedem Abschied küssen und umarmen, mein ganzes Leben lang.

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Dieser Text wurde scoyo-Liebling des Monates im Februar 2016.siegel-scoyo-lieblinge-blogger-februar

 

Angst um die Kinder

Anpassungsstörungen

Alle 2 Wochen haben wir Anpassungsstörungen, die Kinder und ich.

Sie waren am Wochenende beim Papa, ich war am Wochenende allein. Die Kinder haben dabei den eindeutig schwereren „Job“ als ich: Sie verlassen ihren Alltag und ihr Zuhause, sie haben mit Menschen zu tun, die sie nur alle 2 Wochen sehen, mit denen sie nun von Freitag Abend bis Montag früh zusammen sind. Aber es ist natürlich der eigene  Vater, der sie liebt und der eng mit ihnen verbunden ist, da ist viel Vertrautheit und Gewohnheit mit im Spiel. Trotzdem ist alles ganz anders als zu Hause. Und da ist seine Freundin, nicht ganz so vertraut, aber sie ist auch schon seit Jahren da. Es ist dieselbe Stadt und die Kinder können ihre Termine wahrnehmen: Geburtstage, Sport, Schulfeiern, etc. Vater und Kinder haben drei Nächte, nicht nur Samstag / Sonntag, was toll ist für alle Beteiligten: so kommt ein bisschen mehr Alltag auf als mit nur einer Nacht und zwei halben Tagen. Trotzdem ist es anstrengend, gerade für die Kinder. Auch ich als Erwachsene fände es mühsam, alle 2 Wochen meine Tasche packen zu müssen.

Ich habe es da einfacher, ich bleibe ja zu Hause. Mit der Wohnung und dem Haushalt und den Katzen, Kaninchen, meinem Job und mir. Dass Alleinerziehende sich am kinderfreien Wochenende nicht ausschließlich die Nägel machen, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, und so gibt es immer ausreichend zu tun. Zudem lege ich möglichst viele Termine in dieses Wochenende, um mir und den Kindern den vermehrten Einsatz von Babysittern zu ersparen.

Wenn die Kinder am Freitag nachmittag weg sind und ich zu Hause (und nicht auf der Arbeit) bin, macht es in meiner Seele PLÖPP. Ein Vakuum entsteht. Ich könnte heulen. Ich vermisse sie sofort. Ich bin erleichtert. Ich freue mich auf meine Ruhe. Ich will sofort schlafen. Freude, Trauer, Sehnsucht, Erleichterung, schlechtes Gewissen: alles da, innerhalb von 1 Sekunde. Schwer auszuhalten. Sehr schwer. Manchmal gehe ich dann einfach heiß duschen. Oder ich miste den Kaninchenstall aus. Übersprungshandlung.

Das Wochenende vergeht, ich tue Dinge, ich ruhe aus, ich arbeite, ich lasse Dinge.

Montag nachmittag sind sie wieder da. Wir sind alle glücklich, uns zu sehen, erzählen uns unser Wochenende. Es kracht. Die Geschwister streiten wie die Kesselflicker. Sind dünnhäutig. Müde. Sie weinen, schlagen Türen, schreien sich und mich an. Beruhigen sich, sind albern. Total albern. Fast schon hysterisch albern. Hören gar nicht mehr auf. Kichern, Lachen, Blödeln, schießen sich mit ihrem Kinderhumor in ein anderes Universum. Eins, wo ich nicht mitkomme. Sie schließen mich aus, retten sich in ihre eigene Welt. Übersprungshandlung. Ich kann sie verstehen: sie sind glücklich, wieder zu Hause zu sein, und sie vermissen ihren Vater. Können wahrscheinlich dieses Gefühle kaum aushalten: Freude über die Mama, Sehnsucht nach dem Papa. Sie haben noch nie gesagt: ich will zum Papa. Aus Rücksicht auf mich? Weil sie wissen dass es nicht geht? Erlauben sie sich dieses Gefühl? Ich hoffe, dass sie wissen, dass der Raum für diese Gefühle da ist.

Die albernen, hysterischen, chaotischen Kinder sind schwer auszuhalten. Gerade an diesem Montag: ich hatte mich gerade an die Ruhe, ans Alleinsein und tatsächlich auch an ein bisschen Ordnung gewöhnt, da ist es auch schon wieder vorbei. Ich freue mich tierisch auf sie, und sie benehmen sich wie die letzen Menschen. Das ist so seit 5 Jahren, ich kann mich trotzdem nicht daran gewöhnen. Diese Gefühlsachterbahn, alle 2 Wochen. Die der Kinder. Meine. Unsere zusammen. Wir brauchen den kompletten Montag, um uns wieder aneinander anzupassen. Erst beim Vorlesen Abends sind wir alle wieder die, die wir sind. Kuscheln, Lesen, Schmusen, ich hab Dich lieb gute Nacht.

Ab Dienstag ist dann alles wieder ok, unser Alltag, unser Leben, wir. Ich wünschte, wir könnten diesen Montag überspringen. So wie man Schuhe erst anziehen möchte, wenn man sie schon eingelaufen hat.

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Nachtrag:

Natürlich weiß ich, dass das „Jammern auf hohem Niveau“ ist: ja, ich kann froh sein, dass sie überhaupt zu ihrem Vater gehen können. Dass er in derselben Stadt lebt, die Kinder ihre Freunde und Termine behalten. Und dass sie nicht eine, sondern drei Nächte dort sind. Dass sie gerne hingehen, und ich mich blind auf ihn verlassen kann, weil es ihnen dort gut geht. Dass ich drei freie Nächte und zwei freie Tage habe, alle zwei Wochen. Dass die Kinder mit Quatsch und Albernheit reagieren, ist wahrscheinlich auch deutlich besser, als wenn sie Depressionen, Wut und Trauer entwickeln würden. Das ich mir das alles vor der Trennung hätte überlegen können, braucht mir auch niemand zu erzählen.

Es ist trotzdem anstrengend. Es ist emotional saumäßig anstrengend. Für mich und die Kinder, und wahrscheinlich auch für den Vater. Ich will nichts und niemanden mit diesem Text bereuen, anprangern, beschuldigen, anklagen oder Forderungen aufstellen. Ich will es einfach nur mal sagen. Und morgen ist ja auch schon wieder Dienstag.

Anpassungsstörungen

Regrettingfatherhood: Ich nehme meinen Mann ernst, darum hab ich ihn verlassen

Jetzt geht’s los, der erste Artikel zu #regrettingfatherhood ist erschienen. Erst hab ich gedacht, ich muss weg, ich kann das nicht lesen. Hab’s dann doch gelesen und mein Verdacht wurde bestätigt: die doofen Kinder halten einen vom echten, wahren, rauschenden Leben ab.

Fitnessstudio, Cocktailpartys und arbeiten bis zum get-no: geht alles nicht mehr mit Kindern. Das ist ja entsetzlich! „Ich will mein altes Leben zurück“, wird da rumgeheult. Dieselben Typen, die in der Firma jede Verantwortung gerne sofort übernehmen, sind nicht in der Lage, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Wickeln nur, wenn die Wickeltasche mindestens vom Hipster-Label ist. Zum coolen Open-Air-Konzert werden die Kinder gerne mitgenommen, aber wegen Magen-Darm-Geschiss zu Hause bleiben? Um Himmels Willen, das geht gar nicht.

Auch mein Exmann hatte so ein schweres Los gezogen: den ganzen Tag verantwortungvollste Projekte leiten, wenn er dann mal nach Hause kam, stürmten gleich die Kinder auf ihn zu, und wenn die endlich im Bett waren, saß da ne Frau auf dem Sofa: der hatte überhaupt kein Privatleben mehr! Selbst der A8 musste gegen einen Berlingo eingetauscht werden, weil da der Kinderwagen samt Großeinkauf reinpasste: Höchststrafe! Urlaub auf dem Bauernhof, Leben in familiengerechter Umgebung/Wohnung, Kinderstühlchen am edlen Wohnzimmertisch: das ist alles nicht so einfach, da muss auf verdammt viel verzichtet werden.

Ich habe mehr als einmal versucht, zu erklären, dass die Kinder aller Voraussicht nach nur wenige Jahre Kleinkinder sind, dann folgt oft die Grundschulphase und dann sind es auch schon Teenager. Also: über wie viele Jahre des kargen Verzichtes reden wir hier? Und dass die Kinder uns ein ganz anderes, tolles Leben eröffnen, die großartige Phase des Familienlebens. In der wir unsere Kinder dabei begleiten dürfen, zu wachsen, zu lernen und die Welt zu entdecken. Das ist so unglaublich schön und wertvoll, Mann!

Nein, die Arbeit und der Wert der Arbeit standen stets höher als familiäre und häusliche Tätigkeiten. „Ich habe heute 2 Stunden Schnee geschippt, weißt Du was uns das gekostet hat bei meinem Stundensatz?“ Ja, und ich hab heute unser Baby gestillt, insgesamt deutlich mehr als 2 Stunden, Du Witzbold. So ist das eben, wenn man Familie hat. Für beide. Ganz anders als ein wildes Single-Leben, welch Erkenntnis!

Gutgemeinte Ratschläge lauteten gerne: Du musst nur dies oder jenes tun, um ihn dazu zu kriegen, sich mehr an der Familie zu beteiligen. Aber mein Mann ist doch kein Idiot, ich bin weder seine Mutter noch seine Therapeutin. Ich muss ihn nicht listig manipulieren, damit er zum Familienmensch mutiert. Entweder, er entscheidet sich aus freien Stücken dazu, die Prioritäten anders zu setzen, oder eben nicht. Das ist seine Entscheidung. Er ist auch nicht Opfer der Gesellschaft oder seines Jobs, er hat es selber in der Hand, offensiv andere Schwerpunkte in seinem Leben zu setzen.

Ich habe mehrfach ernst und gründlich darauf hingewiesen, dass unsere Ehe und unsere Familie kaputt gehen, wenn er so weitermacht. Er hat es nicht ernst genommen. Aber ich habe ihn ernst genommen, habe dies als seine bewusste Entscheidung akzeptiert und bin gegangen. Er war völlig erschüttert. Warum ich nicht eskaliert hätte? Warum ich nicht erstmal mit Trennung gedroht hätte, warum ich denn gleich gehen muss. Ich drohe halt nicht. Ich sage, was scheiße läuft, ich versuche es zu ändern, und wenn es sich nicht ändern läßt, ziehe ich Konsequenzen (keine Panik, es war ein Prozess über Jahre und ja, wir waren auch bei einer Eheberatung, wir (ähem: ich) haben echt einiges versucht!).

Zurück zu regrettingfatherhood: in den Monaten nach der Trennung war er wie ausgewechselt. Er hatte Zeit, weil er sich Zeit genommen hat. Er war für die Kinder da, er war für mich da (aber es war zu spät). Er hatte jedes (!) Wochenende die Kinder, er war aufmerksam und präsent, er hat Termine und Projekte verschoben. Guck an: es geht, wenn er will! Er wollte die Familie zurück haben, und auf einmal war er nicht mehr Opfer seines Jobs. Er hatte es in der Hand, und mir wurde klar: er hatte es die ganze Zeit in der Hand! Auch die 6 Jahre davor hatte er es in der Hand. Es war seine Entscheidung, seine ganz eigene persönliche Entscheidung, wie er sich zur Familie und zum Job verhalten hat. Es ist nicht die Firma und nicht die Gesellschaft, die die Männer zwingt, sich von der Familie abzuwenden und andere Prioritäten zu setzen. Warum in diesen Köpfen der Schwenk auf „ich hab jetzt Familie, das ist toll, ich freu mich und das machen wir jetzt zusammen“ nicht gelingt, weiß ich nicht, aber sie sind definitiv nicht Opfer!

Ich habe mich immer geweigert, meinen Mann wahlweise als Opfer der Verhältnisse oder als zu manipulierenden Idioten zu betrachten. Ich habe ihn ernst genommen, und deshalb habe ich ihn verlassen.

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Regrettingfatherhood: Ich nehme meinen Mann ernst, darum hab ich ihn verlassen