Weil ich hier bleiben muss

Mein Herz ist schwer.

Es war fast wie eine neue Liebe. Erst nur zögerlich, nur mal hingeblinzelt. Berührungsängste. Überwunden. Rückzieher gemacht und doch nicht davon lassen können. Nochmal hingeschaut. Faszinierend, spannend, aufregend, schön. Ja, das könnte was werden. Ja, ich glaub ich will das. Ja, ich lass mich drauf ein. Eine tiefe Sehnsucht wurde geweckt. Die Vorfreude wuchs auf das, was da kommen kann. Nochmal gezögert, in mich gehorcht und dann beschlossen: ich mach das das. Ich wage das. Das wird ein großes Ding und ich freu mich tierisch drauf. Ja, ich lass mich drauf ein! Und genau an dem Punkt, als meine Entschlossenheit mutig auf 100% war, sagt der andere: nö.

Ende. Aus. Vorbei.

Verdammt. Das tut weh. So weit war ich noch nie. Ich war schon so weit, ich war doch eigentlich schon da, es hat sich wirklich gut angefühlt. Aber es hat nicht gepasst.

Ich lebe seit 14 Jahren in einer Stadt, in der ich nur eine Woche bleiben wollte. Ich komme mit der Landschaft nicht klar, weil es hier keinen Rhein gibt. Und weil ich hier nicht Fahrrad fahren kann, jedenfalls nicht so unbeschwert wie zu Hause. Da wo ich her komme, ist der Rhein und das Herz weit wie das Meer, das Land flach wie ein Pfannkuchen und die Menschen mediterran aufgeschlossen, um nicht zu sagen: penetrant gut drauf.

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Hier, wo ich jetzt wohne, tröpfelt ein Bächlein draußen vor der Stadt, wir sind eingeschlossen von Hügeln und man ist stolz darauf, dass es heißt „7 Jahre hier: 1 Freund“, oder „nicht geschimpft ist schon gelobt genug“. Ich finde das nicht witzig, ich finde das engherzig und ich komme mit dieser Einstellung nicht klar.

In 14 Jahren habe ich hier alles gefunden, was ich zum Leben brauche, nur nicht mein Glück. Ich habe zwei wundervolle Kinder, eine Wohnung mit sonnigem Garten, einen erfüllenden, kreativen und flexiblen Job mit großartigen Kollegen und eine üppige Liste an Kontakten im Smartphone. Wenn was ist, kann ich eine Menge Leute anrufen, die mir helfen. Wenn nix ist, kann ich anrufen wen ich will, es hat niemand Zeit. Und mich ruft alle Jubeljahre mal jemand an, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob wir am Wochenende zusammen mit den Kindern ins Freibad gehen. Oder in den Urlaub fahren. Oder ein Glas Wein zusammen trinken. Wenn ich zur Party einlade, freuen sich alle und kommen gerne, aber ich werde nicht eingeladen. Die meisten Leute haben hier leider nie Geburtstag, die wenigsten alle paar Jahre mal, krass. Zeit haben sie sowieso nicht. Oder die tun alle nur so nett und in Wahrheit bin ich total scheiße, nervig, doof und lästig. Das muss es sein.

Ich hab Herzeleid. Ich will nach Hause. Mit dem Rad den Rhein lang fahren, kilometerlang, stundenlang. Ohne erst drei Räder in die S-Bahn hieven zu müssen, am Ziel tut der Aufzug nicht und ich muss mich, zwei Kinder und drei Räder aus dem Untergrund bugsieren. Ich will meine Kinder von der Arbeit aus anrufen und sagen können „geht heute Nachmittag bei Oma vorbei, die hat einen Erdbeerkuchen gebacken, ich komm später dazu“. Hallo Ponyhof, ich weiß.

Vor 14 Jahren kam ich schwer verliebt in diese Stadt, arbeitslos, und blieb erst mal: Geh wohin Dein Herz Dich trägt. Zwei Wochen später war ich schwanger. Dahin trägt das Herz also. Das Kind wurde geboren, der Mann war viel unterwegs, ich hatte keine Freunde, keinen Job, keine Kontakte, war allein mit diesem zauberhaften Baby. Ich lief mit dem Kinderwagen weinend durch den Wald, einsam bis zum Anschlag und habe dem Kind und mir tröstend vorgesungen.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter einen Gruß. Lieber Vogel, fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss, denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

Es wurde noch ein Kind geboren, ich war glücklich mit meiner Familie, und ebenso beschäftigt. Das Heimweh ließ nach, ich war nur noch müde, habe gestillt, gewickelt, den Haushalt geschmissen, Bewerbungen geschrieben. Der Mann war viel unterwegs. Sehr viel. Ich war allein, fand erst Kontakte, als die Kinder in die Kita kamen.

Die Ehe zerbrach, ich zog mit den Kindern aus. Blieb aber in der Stadt, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte und dem Vater nicht die Kinder. Weil wir eine tolle Kita, viele Freunde, eine schöne Wohnung direkt gegenüber der Kita und ich endlich einen kleinen Job gefunden hatte. Wenn schon keine Familie mehr, dann sollte wenigstens alles andere für die Kinder stabil bleiben.

Ein Jahr später wechselte ich den Job in Richtung „Vollzeit aber Traumjob“, das erste Kind kam in die Schule. Schlechter Zeitpunkt, um die Stadt zu verlassen. Und so verpasste ich Jahr um Jahr das Zeitfenster, nach Hause zurück zu kehren. Mal kam ein Kind in die Schule, mal wechselte ein Kind die Schule. Das Heimweh wurde immer größer und irgendwann setzt ich mir selber die Pistole auf die Brust: entweder ich finde einen Job in der alten Heimat oder hier eine Wohnung mit sonnigem Garten. Die aktuelle Wohnung war zwar groß und günstig, aber dunkel und feucht.

Ich fand keinen Job in der Heimat, aber eine schöne Wohnung mit sonnigem Garten gleich um die Ecke. Das Schicksal hatte also für mich entschieden: wir bleiben in dieser Stadt. Ich arrangierte mich damit, zog um und genoss den Garten, immerhin.

Das Heimweh kommt aber immer noch, in Wellen, am schlimmsten ist es, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Ich schiele immer wieder nach dem passenden Zeitpunkt für den Absprung, aber der kommt nie. Erst war es die Kita, dann die Schule, jetzt die Pubertät. Die Kinder sind hier geboren, hier ist ihr Universum, hier verlieben sie sich. Sie wären längst groß genug, den Kontakt zum Vater selbstständig zu halten, auch mit 400km dazwischen, und ich glaube, der Opfer sind genug gebracht für eine glückliche Kindheit. Nach 14 Jahren habe ich das verdammte Gefühl: jetzt bin ich dran, Leute. Und ich will nach Hause.

Mir flattert ein Angebot ins Haus, ein spannender Karriereschritt: besser bezahlt, keine Abenddienste bis 2 Uhr und obendrein in der Heimat. Wow. Ich will nicht nur nach Hause, ich habe auch große Lust auf diese Arbeit, ich weiß dass ich das kann und dass ich das gut machen werde. Ich hab schon eine Menge Ideen und bin voller Tatendrang und Neugier.

Das schlechte Gewissen zu den Kindern bringt mich dabei fast um, ich verbringe viele schlaflose Nächte. Der Gedanke, ihnen sagen zu müssen dass wir wegziehen, ist schlimmer als die Verkündung der Trennung vor acht Jahren. Angst, den Kindern nach der kaputten Ehe nun endgültig die Kindheit zu versauen, sie aus ihrem Umfeld zu reißen. Angst, dann vielleicht gar nicht arbeiten zu können, weil die Kinder Schwierigkeiten mit den neuen Schulen, Umfeld, Freunden, Lehrern kriegen. Angst, dass ich alles zerstöre, was ich aufgebaut habe. Und dass nur, weil ich mit dem Rad den Rhein lang radeln will? Wie egoistisch kann man sein?

Alle Familien, die ich kenne, die umgezogen sind, waren mit zwei Erwachsenen ausgestattet. Da hat einfach mal einer (meistens die Frau) nicht oder nur wenig gearbeitet, bis die Kinder sich umgewöhnt hatten. Ich bin jedoch allein. Wie immer. Ich muss nicht nur diese Entscheidung alleine treffen, ich muss auch alle Konsequenzen alleine tragen. Eine Wohnung suchen, ein neues Netzwerk für uns aufbauen. Neue Schulen finden. Und natürlich arbeiten, und zwar volle Kanne ab dem ersten Tag, weil neuer Job.

Ich habe Angst, dass ich das nicht packe und mir endgültig alles um die Ohren fliegt. Ich bin in den acht Jahren des Alleinseins mit den Kindern drei Mal in Kur gewesen und zwei Mal monatelang arbeitsunfähig gewesen wegen kompletter Erschöpfung. Seit 1-2 Jahren läuft hier nun endlich alles etwas stabiler, die Kinder sind größer, im Job hat sich einiges entspannt. Und genau an dem Punkt will ich nochmal alles umreißen?

Ja, ich will. Ich habe meine Familie in der Heimat, alte Freunde und ich werde rasch neue finden, die Kinder sowieso. Ich packe das, das weiß ich. Ich will hier nicht bleiben und nicht alt werden, das merke ich bis in die Haarspitzen. Nie hätte ich gedacht, dass Heimat so wichtig für mich ist, wie schmerzhaft Heimweh sein kann. Es reißt Dir das Herz raus. Ich bin entschlossen, das nicht mehr auszuhalten.

Aber nein, siehe oben: Es hat nicht geklappt. Ich war 1mm davor und dann hat es nicht gepasst. Mein Schicksal hat zum zweiten Mal entschieden, dass ich nicht nach Hause gehe. Das tut weh. Ich bleibe also hier, in der Schwabenmetropole, und werde natürlich mit aller Leidenschaft das weiter machen, was ich mache. Weil ich keine halben Sachen mache, und weil ich es gerne mache. Ich habe einen großartigen, Sinn stiftenden Job, ich werde natürlich ab und zu doch zu Geburtstagen eingeladen, ich kann keine 500 Meter durch den Stadtteil laufen ohne Bekannte zu treffen, und wenn man mal den Schmerz in den Waden überwunden hat, klappt’s auch mit dem Fahrrad fahren. Aber mein Herz ist woanders. Geh wohin Dein Herz Dich trägt, aber ich kann nicht gehen.

Das Ganze ist jetzt fast ein halbes Jahr her und ich werde wohl hier bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob ich es wirklich getan hätte, denn die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug gewehrt, und sie sind einfach das Wichtigste in meinem Leben. Ich fühle mich ja wohl hier, wo ich jetzt bin, trotzdem habe ich Heimweh, immer wieder, Bilder vom Niederrhein kann ich ohne Wehmut überhaupt nicht anschauen. Und so sitze in meinem schönen sonnigen Garten und schaue den Vögeln im Baum zu.

Lieber Vogel fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss. Denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

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Weil ich hier bleiben muss

Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

Ich muss gar nix

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Mein kinderfreies Wochenende habe ich mit ca. 80 Kindern, einem ausverkauften Konzert, einer wunderschönen Lesung und einer ordentlichen Ladung Grippostad verbracht.

Seit Tagen habe ich Ohrenschmerzen und versuche, bis zum Wochenende gesund zu werden. Drum habe ich auch Samstag nix gemacht außer Schlafen, bis ich um 15 Uhr das Kulturzentrum aufgeschlossen habe, in dem ich arbeite. Die Kinder sind wegen der Faschingsferien schon seit Freitag bei ihrem Vater.

Ich habe mich noch gefragt, warum die Band SO früh mit dem Aufbau anfängt? Die haben tatsächlich ihre eigene Tonanlage mitgebracht (obwohl wir natürlich eine haben). Bassboxen, in denen ein Kind wohnen kann, werden in den Saal geschoben, und als um 18 Uhr der Soundcheck über die Bühne geht, fallen die Gläser aus den Regalen.

Ein großartiger, glasklarer, aber schweinelauter Sound, und mir sinkt das Herz in die Hose, denn im 2. Stock übernachten während des Konzertes Susanne und Caspar Mierau mit ihren 3 Kindern, weil Susanne am Sonntag Vormittag aus ihrem Buch „Geborgen Wachsen“ lesen wird. Na wenn das mal gut geht!

Es geht gut: der Saal ist ausverkauft, das Publikum feiert, die Band hat verdammt viel Spaß und über uns schlafen drei Kinder selig ein, puh! Leider dauert der Abbau genauso lange, und ich muss nach dem Konzert noch umbauen für unseren Familiensonntag, und so wird es 2 Uhr, bis ich ins Bett falle. Wenn man tiefer schläft, braucht man nicht so viel zu schlafen, erklärt mir noch der Kollege, aber mein Kater hatte einen anderen Plan, denn um 4 Uhr werde ich wach, weil er den Faschings-Berliner vom Sohn futtern will, verdammt! Um 9 endgültig wach, eine heiße Dusche und um 9.30 Uhr wieder auf der Arbeit. Immerhin gibt es Kaffee und diese fantastischen Nutella-Stängele, das hilft. Es kommen sehr viele Familien, die Kinder und Väter gucken die Sendung mit der Maus, die Mütter (fast alle mit Baby im Tuch) gehen zur Lesung von Susanne, die ebenfalls ihr schlafendes Baby im Tuch trägt. Es ist eine wuselige, entspannte und wirklich schöne Atmosphäre im Haus. Susanne hat die Lesung übrigens live auf ihrer facebook-Seite gestreamt.

Nach der Lesung ist noch kurz Zeit für einen Plausch mit Christine Finke, die extra aus Konstanz gekommen ist, und dann müssen alle auch schon wieder abreisen. Ich bleibe noch, denn wir haben noch einen kleinen Termin mit den Mitarbeitern. Als ich um 15 Uhr nach Hause gehe, streiken meine Füße und ich fahre die 800 Meter mit dem Bus. Jetzt kann ich aber auch echt nicht mehr!

Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen im Garten, gieße Blümchen, füttere unsere ganzen Haustiere und falle ich einen 3 stündigen Nachmittagsschlaf. Was für ein anstrengendes, bereicherndes, aufregendes und schönes Wochenende: Ich habe mich total gefreut, Susanne und ihre Familie nach den ganzen digitalen Begegnungen persönlich kennen zu lernen, ich hab mich tierisch gefreut, dass mein Konzept mit dem Familiensonntag aufgegangen ist und ich habe die Ohrenschmerzen weggearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass das geht?

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Durchhalten! Mit Mittelohrentzündung durchs Wochenende
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Samstag nachmittag: Soundcheck mit Alphorn
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Abends ausverkauftes Haus mit dem Loisach Marci
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Nach dem Konzert noch ab- und umgebaut für die Lesung
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Susanne Mierau liest
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Kinder tauschen Bücher
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Bushaltestelle: ich kann die 800 Meter nicht mehr laufen
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Der Himmel über meinem Garten
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Zum Schluss um die kleine Anzucht der Tochter kümmern

Noch mehr Wochenenden in Bildern gibt’s bei Susanne Mierau auf Geborgen Wachsen. Dort findet Ihr auch Ihre Version des Wochenende. So ist das mit dem digitalen Dörfchen 😉

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

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dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken
Wie schaffst Du das bloß?

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Kirmes im Kopf

Ich bin krank.

Ich habe nicht den Fuß verknickt oder Fieber, sondern in meinem Kopf sind Geräusche. Es fiept und piept und tutet, manchmal brummt und rauscht es. Kirmes im Kopf. Die Geräusche lassen mich nicht schlafen, ich bin unkonzentriert, vergesslich und gereizt. Das geht schon seit Wochen so, aber ich hatte ein, zwei oder auch drei fette Projekte auf der Arbeit, die ich unbedingt noch abwickeln wollte.

Ich arbeite nämlich gerne, ich liebe meinen Job. Ich habe ständig neue Ideen und habe einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und darf. Drum habe ich neben der Dringlichkeit, die Projekte durchzuziehen, natürlich auch lange genug die Kirmes in meinem Kopf ignoriert, weil ich dachte, dass das schon wieder weggeht, wenn ich nur mal ordentlich ausschlafe.

Nun haben meine Belastung und meine Erschöpfung leider einen Grad erreicht, wo es mit ein oder zweimal Ausschlafen nicht mehr getan ist. Das sieht meine Ärztin genauso und hat mich erst mal „aus dem Verkehr gezogen“, wie sie so schön sagt, und eine umfassende Therapie ausgeklügelt.

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und arbeite seit 5 Jahren Vollzeit (davor 50%), morgens mittags abends nachts und am Wochenende. Natürlich nicht durchgehend, ich habe auch mal frei und versuche relativ erfolglos, nicht mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In meinem Job kann man das leicht überschreiten, denn neben der eigentlichen Arbeit (Kulturveranstaltungen erfinden und umsetzen) könnte man ständig auf andere Veranstaltungen gehen, Netzwerke weiter pflegen, man könnte Bücher und Zeitschriften lesen, Sponsoren und Stiftungen akquirieren und überlegen, wie man die analoge Tontechnik im Club auf digitale umstellt. Es gibt IMMER was zu tun.

Wenn man zwei Kinder alleine großzieht, gibt es allerdings auch IMMER was zu tun. Dafür muss sich nicht einmal ein Kind den Fuß brechen, aber auch das hatten wir dieses Jahr schon. Die Große hat seit einem Jahr keinen Hort mehr, weil sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Statt bis 17 Uhr biologisch und pädagogisch wertvoll betreut zu sein, ist sie nun ab 14 Uhr allein zu Hause, wärmt sich vorbereitetes Mittagessen auf und macht, was 11jährige so machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich versuche, so oft es geht, früher nach Hause zu gehen, mit ihr zusammen zu essen und dann noch im home office zu arbeiten, während sie Hausaufgaben macht. Das erzeugt Druck in meinem Kopf, denn ab 14 Uhr läuft der Ticker „wie viel Arbeit lasse ich liegen vs. wie lange lasse ich mein Kind alleine zu Hause?“. Andererseits merke ich, wie wichtig es ist, dass ich da bin, denn sie hat massiven (vor-)pubertären Redebedarf.

„Mama, wie schön, dass Du jetzt immer da bist, dann können wir mittags quatschen!“ jubelt sie über meine Krankschreibung. Und so bin ich täglich von 7.30-14 Uhr krank, dann bin ich für meine Tochter da. Der Sohn bleibt nach wie vor bis 17 Uhr im Hort, denn er liebt es, dort mit seinen Jungs Lego zu bauen. Aber er genießt es ebenfalls, keine abgehetzte, sondern eine entspannte Mutter vorzufinden, und mit mir erst mal Tee zu trinken, Kekse zu essen und zu quatschen. Soviel Zeit hatte ich noch nie für meine Kinder, und es tut ihnen sichtlich gut. Aber ich bin ja nicht krank geschrieben, um mehr Zeit für meine Kinder zu haben, sondern um gesund zu werden und danach wieder zu arbeiten.

Wie kann ich das lösen? Klar, ich reduziere meine Arbeitszeit! Dann habe ich aber logischerweise weniger Geld zur Verfügung. Das könnte ich zum Teil auffangen, indem ich meine private Altersvorsorge zurück stelle. Die ich eigentlich abgeschlossen habe, weil durch meine Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigungen die Rente eh schon dürr ausfällt. Das bisschen Ehe in meinem Leben sichert mich auch nicht ab, denn der Gatte war sozialversicherungsfrei in der eigenen Firma beschäftigt und hat so wenige Rentenpunkte gesammelt, dass ich beim scheidungsbedingten Ausgleich fast noch Ansprüche hätte abgeben müssen. Obwohl er sehr viel mehr verdient hat als ich. Wenn ich also nun im Sinne meiner Gesundheit und meiner Kinder meinen Job reduziere, gibt das Minuspunkte auf 3 Ebenen: jetzt weniger auf dem Konto, ich sammel weniger staatliche Rentenpunkte und meine private Altersvorsorge fällt ebenfalls magerer aus. Na toll.

Das habe ich unserem großartigen Steuersystem zu verdanken, denn von meinem fleißig verdienten Geld bleiben mir netto ca. 40 Euro mehr als einem kinderlosen Single. So hoch ungefähr fällt der Entlastungsbeitrag aus, den der Staat in der Steuerklasse 2 für Alleinerziehende vorsieht. Wäre ich verheiratet, hätte ich eine günstigere Steuerklasse, egal ob ich Kinder habe oder nicht. Freundlicherweise wurde der Steuerfreibetrag für Kinder jüngst hochgesetzt, da kommen dann sicher nochmal ein paar Euro zusammen. Auch sonst hagelt es Vergünstigungen von allen Seiten: das Jugendamt erstattet mir 2€/Monat der Betreuungskosten für den Sohn, ich bekomme mit der Familiencard in Stuttgart 60€/Kind pro Jahr, um damit Eintritt in Schwimmbäder und den Zoo zu bezahlen und mit der Landesfamilienkarte komme ich sogar günstiger in den Märchengarten. Wow!

Das ist also das federweiche staatliche Netz, in das sich Alleinerziehende fallen lassen, wenn sie den Steuerzahler für ihr selbstgewähltes Lebensmodell löhnen lassen. Dieser Satz ist kein Zynismus, das ist exakt die Reaktion, die Alleinerziehenden in Kommentaren des sozialen Netzes entgegenschlägt, wenn sie ihre Missstände benennen.

Ich hab mich so gefreut, als ich von den Plänen unserer Familienministerin hört, ein Familiengeld für Eltern einzuführen, die vollzeitnah arbeiten! Dann hätte ich auf 35 Stunden reduziert und hätte einen Ausgleich dafür bekommen. Aber nein: das Familiengeld ist nur für Kinder bis 8 Jahren geplant. Warum das? Familie hört beileibe nicht auf, wenn die Kinder 8 sind. Aber eigentlich brauche ich keine Extra-Leistungen wie Familiengeld oder höheres Kindergeld, mir würde es völlig reichen, wenn der Staat nicht von vorneherein soviel von meinem Bruttoverdienst abziehen würde, dass ich hinterher auf staatliche Vergünstigungen angewiesen bin. Dieses System ist doch krank!

A propos krank: es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank werde. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde mir schwindelig und übel, ich lief von meinem Arzt zum anderen und war wochenlang krank geschrieben. Das einzige, was ohne Beschwerden ging, war stundenlang im Garten zu sitzen und die Kaninchen anzuschauen. Auch damals: Stress, Verspannungen, Erschöpfung. Lange Therapien und schließlich eine Kur. Keine zwei Jahre später klappe ich wieder zusammen.

Was das kostet! Was ich koste!

Das System ist doch krank: ich klappe vor lauter Belastung immer wieder zusammen, dabei würde ich die Krankenkasse nicht so viel Geld kosten, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste für das, was mir anschließend aufs Konto überwiesen wird.

Im Antrag für die nächste Kur findet sich die Frage, was ich persönlich für meine Gesundheit tue. Haha, was denn? Wann denn und wovon denn? Welche Hobbys ich früher hatte: Was sind denn Hobbys? Wie oft ich in der letzten Zeit Kontakt zu Freunden oder Angehörigen hatte? Ich sehe meine Kinder jeden Tag, das wars dann auch schon. Neulich traf ich eine Mutter aus der Kita, die mich fragte wie es mir geht. Als ich ehrlich geantwortet habe, kam ein ermunterndes „wird schon werden“. Schönen Dank auch. Kontakte helfen auch nicht immer.

Es ist verdammt anstrengend, alleine mit zwei Kindern und einem vollen Job. Und wenn ich vom Geld mal absehe, bleibt die Sorge und die Verantwortung, die mir keiner abnimmt und die ich mit niemandem teilen kann. Da kann und will ich den Staat auch gar nicht in die Verantwortung ziehen, aber es würde wahnsinnig helfen, wenn es mehr Unterstützung und Verständnis im Alltag gäbe!

Zum Beispiel: Als die Tochter sich den Fuß gebrochen hat, kam sie nicht mehr in die Schule und ich habe kein Auto. Weder Schulamt noch Krankenkasse springen hier ein. Ja, ich habe alle Eltern gefragt und ja: ich habe viel Hilfe bekommen, für die ich sehr dankbar bin! Im Detail sah das so aus, dass ich 6 Wochen lang täglich 1-3 Telefonate hatte, wer das Kind bringt und wer es abholt. Und dann wieder rückgängig machen, weil sie manchmal solche Schmerzen hat, dass sie gar nicht ging. Natürlich lässt sich das organisieren, aber es hat mich den letzten Nerv gekostet! Der in derselben Stadt wohnende motorisierte Vater hat übrigens keinen einzigen Fahrdienst übernommen, zu schade. Fahrdienste der Wohlfahrtsverbände gibt es nur für chronisch kranke Kinder. Keine Ausnahme, auch nicht für Alleinerziehende, nix. Direkt vor meiner Tür fährt übrigens ein Fahrdienst ab, der hätte das Kind glatt mitnehmen können…

Die von Christine Finke schon viel beschworene Haushaltshilfe: 2x/Woche für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt würde massiv entlasten und wäre genauso teuer wie eine 3wöchige MutterKindKur. Da wäre das Geld wesentlich sinnvoller angelegt für die Krankenkasse.

Schließlich bleibt noch mein „Luxusproblem Lebensqualität“: ich gehe ja nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir sogar Spaß macht. Und ich habe nicht nur Kinder, um sie möglichst effizient und störungsfrei durch die Kinderjahre zu schaukeln, sondern wir wollen als Familie auch eine schöne Zeit miteinander haben. Ja, ich habe sogar noch Ansprüche an mein Leben, ich will es nicht einfach bloß schaffen.

Sprich: ich würde mich gerne mal beruflich weiter entwickeln. Keine 3tägige Weiterbildung, sondern eine längere Fortbildung, vielleicht sogar ein berufsbegleitendes Aufbaustudium, das mir zukünftig neue Perspektiven eröffnet. Ich habe aber weder Zeit noch Geld für eine längere Fortbildung. Vier bis sechs Wochenenden pro Jahr plus eine ganze Woche nicht zu Hause? Undenkbar! Also bleibt es beruflich beim Status Quo. Weiterentwicklung oder gar Karriere ist nicht vorgesehen.

Und die Kinder: ich hätte sehr gerne sehr viel mehr Zeit für die Kinder! Wir würden gerne zusammen öfter Siedler spielen und Herr der Ringe hören, Ausflüge machen und im Garten wurschteln, zusammen Tee trinken, uns was erzählen oder gar zusammen den Keller ausmisten. Egal, aber Hauptsache zusammen. Statt dessen sind wir von 7-17 Uhr aus dem Haus, treffen erst spätnachmittags alle aufeinander, dann müssen noch der Haushalt und Hausaufgaben gemacht werden, ich bin total erledigt vom Job und vom auf-dem-Heimweg-Einkauf, die Wäsche ist noch im Keller und der Sohn mault, dass wir immer noch nicht sein Star-Wars-Risiko-Spiel ausgepackt haben. Ich bin froh, wenn wir hier den Status Quo aufrecht erhalten: es gibt was zu essen im Kühlschrank, wir haben saubere Klamotten an, ich habe alle Zettel aus der Schule unterschrieben und das Klo ist geputzt. Mehr ist nicht drin. Die Fenster kann ich ja putzen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich halte den Status Quo in einem Hamsterrad aus Alltag, Job und Kindern, und das macht mich auf Dauer krank. Durchhalteparolen wie „wird schon werden“ brauche ich ebenso wenig wie gutgemeinte Ratschläge á la „Du musst Dir Ruheinseln schaffen“. (Das ist ungefähr so beknackt wie „Schlafen Sie, wenn Ihr Baby schläft“. Nur Eltern verstehen den Witz). Es ist nicht das eine Projekt im Job oder der gebrochene Fuß vom Kind, es sind nicht die xten Läuse und die teure Klassenfahrt. Es sind die sechs Jahre, die ich das alles bereits alleine mache, das zehrt mich langsam aber sicher aus. Da sammelt sich eine Erschöpfung und Müdigkeit an, die man an keinem Wochenende mehr wegpennen kann.

Also werde ich werde erst mal versuchen, wirklich ganz gesund zu werden, bis die Kirmes im Kopf Ruhe gibt, denn auf der Arbeit bin ich ersetzbar, für meine Kinder nicht. Und dann tue ich das, was eigentlich nicht geht, um der erneuten bodenlosen Erschöpfung entgegen zu treten: ich werde meine Arbeitszeit reduzieren. Um das zu finanzieren, werde ich meine Altersvorsorge zurück stellen und im Alltag (noch mehr) sparen wo es nur geht. Das Loch in der Rente fange ich einfach dadurch auf, dass ich irgendwann wieder auf 100% gehe, ein Aufbaustudium mache und einen neuen, hochbezahlten Job finde, der das alles ausgleicht.

Nix leichter als das, oder?

Kirmes im Kopf

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben