Wenn ich mir was wünschen dürfte

Es geht auf den Muttertag zu, und da werde ich tatsächlich gefragt, was doch gleich meine, unsere Forderungen zum Muttertag waren? Das haben wir ja schön zusammen gefasst, Christine Finke, family unplugged und ich. Da sind sehr wichtige Forderungen dabei, bei der Aktion Muttertagswunsch, und ich kann auch 1 Jahr später alles nochmal unterschreiben.

Aber für mich ist etwas hinzugekommen. Was ich mir als Mutter, speziell als Alleinerziehende, wünsche? Und zwar nicht nur zum Muttertag.

Dass nie wieder eine andere (verheiratete) Mutter zu mir sagt, ich würde die Kur nur wegen des Alleinerziehenden-Bonus‘ bekommen.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur jammern, weil ich sagte ich sei müde, denn ich hatte in einer Woche drei Abendtermine bis 24 Uhr und muss trotzdem jeden Morgen um 6.30 Uhr aufstehen.

Dass nie mehr eine andere Alleinerziehende zu mir sagt, wir müssten unbedingt mal ein Glas Wein zusammen trinken und sich dann 6 Monate nicht mehr meldet.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt „wird schon“ wenn ich an dem Zwiespalt verzweifle, dass ich weniger arbeiten und mehr Zeit für die Kinder haben sollte, aber dann die Kohle leider nicht mehr reicht.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur von meinen Kindern rede, nur weil ich im beruflichen Kontext gewagt habe zu erwähnen, dass ich überhaupt Kinder habe.

Dass ich nie wieder gefragt werde, warum ich den Termin um 17 Uhr nicht wahrnehmen kann.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt, ich müsste halt mal entspannen, auch mal an mich denken und zum Yoga gehen.

Dass ich nie mehr meiner Tochter erklären muss, dass ihr regelmäßiges Date mit der Freundin ersatzlos gestrichen ist, weil diese jetzt in an dem Tag etwas Besseres vorhat.

Dass ich nie wieder anderen Eltern hinterher telefonieren muss, weil sie die Verabredungen unserer Söhne ständig hin- und herverschieben.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt „der eine Abendtermin geht ja wohl, oder?“

Was sind das für Wünsche und vor allem: wer soll die erfüllen?

Das sind alles Wünsche, die was mit der Gesellschaft und den Beziehungen der Menschen miteinander zu tun haben. Die Wünsche hören sich alle nach Einzelfällen an, haben aber einen gesamtgesellschaftlichen Hintergrund:

Wie kommt eine verheiratete Frau auf die Idee, Alleinerziehende bekämen einen Bonus? Kommt das aus diesem „mir geht’s aber auch schlecht“-Denken, aus diesem Verdacht, die Alleinerziehende könnte ungerechtfertigterweise etwas bekommen, was der verheirateten Frau nicht mindestens auch zustünde? Die Frau, die das zu mir sagte, hat auf Nachfrage natürlich gleich zurück gerudert und beeilte sich zu erklären, das sei in Anführungszeichen gemeint gewesen. Aha, dann geht’s natürlich.

Warum wird mir Jammerei vorgeworfen, wenn ich sage dass ich müde bin? Was ist denn Jammern und wenn überhaupt: warum darf man das nicht? Weil wir alle immer tapfer, stark, schön und selbstbewusst sind und unser Leben im Griff haben? Schwäche wird nicht zugegeben, weil sie nicht akzeptiert ist? Gruselig. Ich werde weiter jammern und sagen wie es ist und wie es mir geht, in guten wie in schlechten Tagen. Schon allein deshalb, um den ganzen Durchhalte-und Grinse-Figuren etwas entgegenzusetzen.

Warum ich so selten andere Alleinerziehenden treffe? Wann denn? Wir liegen doch alle abends halbtot im Bett und haben nur die Hälfte geschafft.

Wieso sagt jemand angesichts realer und ziemlich unlösbarer Probleme zu mir „wird schon“? Da ist ignorant! Gar nix wird, wie denn, die Lösung fällt doch nicht vom Himmel? Ich sehe ein, dass meine Probleme bei anderen Menschen Hilflosigkeit auslösen, aber einfache und echte Empathie wäre wirklich schöner („Du Arme, das ist wirklich hart!“) als so bescheuertes Durchhalte-Getöne.

Warum wird im Gespräch mit beruflichen Kontakten die Familie komplett raus gehalten? Wir haben Kinder, wir sind Familie, das bereichert uns und schränkt uns ein und deshalb müssen wir unser Berufsleben an der Familie orientieren, nicht umgekehrt! Ich bin doch keine Maschine, will man da schreien (ausgerechnet Tim Bendzko, schlimm)! Und deshalb kann ich verdammt nochmal Termine nach 17 Uhr nicht wahrnehmen, auch nicht ausnahmsweise diesen einen. Davon gibt’s pro Monat nämlich 4-5 Stück, alles Ausnahmen, ausnahmslos!

Und warum wissen alle, dass die Ursache des Problems bei mir liegt? Ich bin gestresst, weil ich nicht zum Yoga gehe? Zur Massage? Zum Kegeln? Ich soll mir auch mal Zeit für mich nehmen? Ich verrate mal ein Geheimnis: das Problem liegt gar nicht bei mir! Ich bin nicht gestresst, weil ich zu doof zum Entspannen bin, sondern weil ich seit 6 Jahren zwei Kinder alleine erziehe und dabei Vollzeit arbeite. Weil ich unter dem täglichen Organisationsstress, dem finanziellen Druck und der alleinigen Verantwortung für das Seelenheil meiner Kinder immer mal wieder zusammen breche. Jeder, der meint, das kriegt man mit ein bissl Me-Time in den Griff, darf gerne ein 4wöchiges Praktikum bei mir machen. Danach zum Yoga, ich bleib natürlich hier, und zwar noch die nächsten 8 Jahre.

Ich versuche immer wieder und sehr erfolglos, ein Netz für meine Kinder und mich zu spannen. Und kaum habe ich zum Beispiel einen Mittagessen-Termin für die Tochter bei der Freundin arrangiert, damit das Kind wenigstens 1x/Woche nicht alleine zu Hause isst, da platzt der Termin, weil irgendeine AG wichtigter ist. Warum machen diese anderen Kinder immer so viele organisierte Sachen (Tanzen, Musizieren, Kicken, Blabla?) und habe keine freien Nachmittage? Und warum wird so eine beknackte Zirkus-AG höherwertig angesiedelt als das Date mit der Freundin? Meine beiden Kinder haben 1-2 Mal Mittagsschule und ein Kind geht noch zum Sport, der Rest ist frei: Spielen, Chillen, Malen, Zocken, Kichern, Katze schmusen oder Badezimmer verwüsten. Was Kinder halt so machen, wenn sie nicht geigen müssen.

A propos andere Familien: auch wenn ich nicht alleinerziehend wäre, fände ich es schlicht unhöflich, Termine mit anderen Menschen zu verschieben, zu vergessen oder zu spät zu kommen. Bei meinem Alltag und Organisationsgrad ist es allerdings noch schlimmer. Ich frage mich ernsthaft, warum sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat, dass es respektlos ist, mit der Zeit anderer Menschen dermaßen lax umzugehen?

Es wird eben nicht so genau hingeguckt.

Es wird auch nicht so genau zugehört. Es wird einfach was daher gesagt. Es wird milde drüber gelächelt. Es wird halt mal ein Witz gerissen. Die meisten Menschen haben nicht die leiseste Ahnung, wie anstrengend das ist, Kinder alleine zu erziehen. Schmieren aber ihren Senf dazu, urteilen, wissen es besser und geben völlig utopische Ratschläge. Ich geb mal einen zurück: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ (ausgerechnet Dieter Nuhr, herrje). Wie man übrigens wirklich die Alleinerziehende von nebenan unterstützen kann, hat Anne Matuscheck hier aufgeschrieben.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das nicht nur Steuergerechtigkeit für alle Familienformen, bezahlbare Betreuungsplätze für Kinder bis 14 Jahre, ermäßigte Mehrwertsteuer für Windeln und Schulranzen statt für Blumen und Katzenfutter und noch einiges mehr.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es auch mehr Aufmerksamkeit, Zuhören und Hinsehen. Mehr Respekt und Mitgefühl. Besonders für Familien und ganz besonders für Alleinerziehende. So einfach ist das.

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Jeden. Verdammten. Tag.

Mein Alltag ist ein einziges Hamsterrad. Ich komm zu nix, weil ich immer dasselbe tue.

Immer. Immer. Immer.

Am Schlimmsten ist es während der Schulzeit.

6.30 Uhr aufstehen, 6.45 Uhr frühstücken. 7 Uhr ums Bad streiten, 7.20 Uhr Kinder aus dem Haus. Küche aufräumen. Fürs Mittagessen decken weil die Tochter mittags alleine ist. Arbeiten.

Zwischen 16 / 17 Uhr nach Hause kommen. Einkaufen, Haushalt, Wäsche, Hausaufgaben.

18.45 Uhr Abendessen, 19.20 Uhr Kinder gucken Kika, ich räum die Küche auf. Ich setz mich später zu den Kindern. 20 Uhr bettfertig machen, Ranzen einräumen, Sachen vergessen, um’s Bad streiten, Mathetest unterschreiben, Klamotten suchen, scheiße die Sportschuhe sind weg!

Die Kinder lesen, ich decke den Frühstückstisch. Mache den Rest vom Haushalt. 20.45 Uhr letzte Runde, quatschen, schmusen, Licht aus.

21.30 Uhr, nix mehr übrig vom Tag, nix mehr übrig von mir, mein Hirn ist leer. Von einer Versicherung ist ein Brief gekommen, den ich lesen, verstehen und auf den ich reagieren muss. Ich bin todmüde. Emails lesen, oha: eine Mahnung. Ein bisschen im Internet rumgurken, lesen, kommentieren. Es reicht nicht mal zum selber schreiben. Oder ein Buch zu lesen. Keine Luft mehr, sich Gedanken zu machen, die Gedanken einfach fließen zu lassen. Kein Nerv, einer zusammenhängenden Geschichte zu folgen. Den Kopf voller Gedanken und keine Kapazitäten, die Gedanken zu sortieren.

22 Uhr, noch die Wäsche in den Trockner und Backmischung in die Brotbackmaschine. Jeden Abend übrigens. Jeden Abend Wäsche. Jeden Abend ein Brot backen. Vesperdosen aus den Ranzen holen, Spülmaschine anstellen.

Nicht schlafen können, der Film läuft weiter.

6.30 Uhr aufstehen. Alles von vorne.

Einzige Variation: ich habe noch weniger Zeit. Also Elternabend. Vorstandssitzung. Termin. Infoabend Gymnasium. Irgendwas ist immer. 1-2x pro Woche. Dann bin ich ca. 22 Uhr zu Hause. Oder ich hab ne Veranstaltung und gehe nochmal los zur Arbeit, dann kommt der Babysitter um 18 Uhr und ich komme gegen 23 / 24 Uhr nach Hause. 1-2x pro Woche. Decke dann eben erst um 24 Uhr den Frühstückstisch, backe das Brot, mache die Wäsche, stehe um 6.30 Uhr auf. Jeden Abend, den ich unterwegs bin, bleibt was vom Haushalt liegen. Wenns zwei Tage in Folge sind, ist schon die Küche nicht mehr nutzbar, das Bad nicht mehr betretbar, der Wäsche-Kreislauf aus dreckig – sauber – nass – trocken durchbrochen und das Chaos bricht aus. Kann hier bitte mal jemand staubsaugen?

Am Wochenende wird alles aufgeräumt, was liegen geblieben ist. Mehr aber auch nicht. In den Ecken sammeln sich Sachen, die niemand mehr braucht, von denen ich einfach nicht weiß wohin. Kann hier bitte mal jemand ausmisten?

Ich bin so kaputt von der Woche, dass ich das Wochenende brauche, um wenigstens mal auszuschlafen. Dann kriegen die Kinder Besuch oder gehen Freunde besuchen, wir machen einen Ausflug, gehen ins Kino oder Besuchskinder übernachten hier. Es sieht so unbeschwert aus und es macht auch Spaß. Aber eigentlich müsste ich 1000 andere Dinge tun (Putzen? Steuererklärung? Klamotten ausmisten?) Aber eigentlich würde ich auch gern ein Buch lesen oder schreiben. Mir mal Gedanken machen. Ein Beet bepflanzen. Oder einfach mal LANGEWEILE haben, ha!

Wenn es mal eine willkommene Abwechslung gibt, sind wir alle zu kaputt dafür. Mein Cousin hat seinen 40. gefeiert, mit einer fetten Familienparty, nachmittags samt aller Kinder. In 400km Entfernung. Die Kinder wollten nicht weg und ich hab gewusst, dass wir das nicht packen. Samstag hin, Sonntag zurück, Montag wieder 6.30 Uhr aufstehen. Der Sohn eh erkältet, der wär zusammen geklappt. Also Party abgesagt, Familie nicht getroffen, Herzeleid bei mir und Sehnsucht nach Kontakten.

Ich würd echt gerne mal mit Menschen die ich mag, feiern, tanzen, quatschen. Unbeschwert. Endlos. Ohne die Gedanken an die Müdigkeit am nächsten Tag, in der nächsten Woche. Abgesehen davon: wegfahren heißt, Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. So wie eh jedes 2. Wochenende, wenn die Kinder beim Papa sind: Tasche einpacken, Tasche auspacken, Wäsche sortieren. Dieses Tasche-packen-Wäsche-sortieren macht mich wahnsinnig. In unserem Flur stehen IMMER irgendwelche Taschen. Sporttaschen. Wochenend-Taschen. Übernachtungstaschen. Vergessene Taschen. Taschen.

So wie ich immer abends noch ein Brot backen, die Wäsche machen und den Tisch decken muss.

Jaja, binde die Kinder mit ein, sie sind doch groß genug. Nichts leichter als das! Der Sohn, der mit seinen 10 Jahren jeden Tag von 7.20 – 17 Uhr aus dem Haus ist, hat voll Bock, statt Lego zu spielen die Wäsche zu sortieren, die Küche aufzuräumen und das Bad zu putzen. Die Tochter, die mit ihren 12 Jahren jeden 2. Tag alleine Mittagessen kocht, isst, Hausaufgaben macht, hat voll Bock, danach noch zu staubsaugen, den Müll rauszubringen und einkaufen zu gehen. Statt mit ihren Freundinnen zu telefonieren oder mit der Mama zu quatschen. „Mama komm, wir trinken zusammen Tee“. Natürlich nehme ich mir dann Zeit für die Tochter, die eh so viel alleine ist, und fege nicht mit dem Staubsauger jedes Gespräch zur Seite. Der Haushalt wird auf eine Minimum reduziert, oft holen wir uns die saubere Wäsche einfach aus dem Wäschekorb, was soll der Umweg über den Kleiderschrank? Feucht wischen braucht kein Mensch, die Fenster hab ich seit dem Einzug vor 2,5 Jahren noch nie geputzt, gebügelt wird hier nie.

Natürlich helfen die Kinder mit. Sie räumen die Wäsche ein und bringen den Müll raus. Sie kümmern sich um die Haustiere und decken den Tisch. Aber hey: 90% bleiben bei mir hängen, die anderen 10% „Mithilfe der Kinder“ klappen entweder oder ich muss sie mir erdiskutieren. Meistens diskutieren. Das macht keinem Spaß, weder mir noch den Kindern.

Immer wieder Grundsatzdiskussionen. Wie vermeiden wir den täglichen Streit ums Bad? Wer übernimmt welche Aufgaben? Wie teilen wir uns unseren gemeinsamen Haushalt gerechter untereinander auf? Denn: erziehen muss ich die Kinder ja auch noch. Ihnen was beibringen, Grenzen setzen, Grenzen verschieben. Sie motivieren, trösten, zuhören. Ganz viel zuhören.

Und Medienzeiten kontrollieren. Das Bescheuertste überhaupt: diskutieren zu müssen wie lange man sich auf youtube anschaut, wie andere Menschen Battlefront spielen. Oder eine Challenge darin veranstalten, wie man Hosen anzieht ohne die Hände zu benutzen. Wenn die Kinder malen, lesen oder spielen, sage ich irgendwann „Essen ist fertig“ und sie trudeln ein. Wenn sie mit Medien beschäftigt sind, ist die Reaktion immer Wutschnauben, Genöle und genervtes Stöhnen. Muss das so? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits.

Ich versuche, die Waage zu halten aus Über- und Unterforderung der Kinder, aus Verständnis und dem Anspruch an ein Mindestmaß an Höflichkeit.

Jaja, natürlich gibt es hier ganz wunderbare Abende. Abende, an denen wir zusammen lachen, tanzen, schmusen und toben. Einen schönen Film zusammen sehen und noch lange drüber reden. Ein Spiel zusammen spielen oder einfach zusammen unseren verrückten Katzen zuschauen. Lange zusammen im Bett liegen und reden (Kinder) und zuhören (ich).

Aber danach muss ich halt immer noch den Frühstückstisch decken, ein Brot backen und die Wäsche machen.

Jeden. Verdammten. Abend.

Jeden. Verdammten. Tag.

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Mein kinderfreies Wochenende habe ich mit ca. 80 Kindern, einem ausverkauften Konzert, einer wunderschönen Lesung und einer ordentlichen Ladung Grippostad verbracht.

Seit Tagen habe ich Ohrenschmerzen und versuche, bis zum Wochenende gesund zu werden. Drum habe ich auch Samstag nix gemacht außer Schlafen, bis ich um 15 Uhr das Kulturzentrum aufgeschlossen habe, in dem ich arbeite. Die Kinder sind wegen der Faschingsferien schon seit Freitag bei ihrem Vater.

Ich habe mich noch gefragt, warum die Band SO früh mit dem Aufbau anfängt? Die haben tatsächlich ihre eigene Tonanlage mitgebracht (obwohl wir natürlich eine haben). Bassboxen, in denen ein Kind wohnen kann, werden in den Saal geschoben, und als um 18 Uhr der Soundcheck über die Bühne geht, fallen die Gläser aus den Regalen.

Ein großartiger, glasklarer, aber schweinelauter Sound, und mir sinkt das Herz in die Hose, denn im 2. Stock übernachten während des Konzertes Susanne und Caspar Mierau mit ihren 3 Kindern, weil Susanne am Sonntag Vormittag aus ihrem Buch „Geborgen Wachsen“ lesen wird. Na wenn das mal gut geht!

Es geht gut: der Saal ist ausverkauft, das Publikum feiert, die Band hat verdammt viel Spaß und über uns schlafen drei Kinder selig ein, puh! Leider dauert der Abbau genauso lange, und ich muss nach dem Konzert noch umbauen für unseren Familiensonntag, und so wird es 2 Uhr, bis ich ins Bett falle. Wenn man tiefer schläft, braucht man nicht so viel zu schlafen, erklärt mir noch der Kollege, aber mein Kater hatte einen anderen Plan, denn um 4 Uhr werde ich wach, weil er den Faschings-Berliner vom Sohn futtern will, verdammt! Um 9 endgültig wach, eine heiße Dusche und um 9.30 Uhr wieder auf der Arbeit. Immerhin gibt es Kaffee und diese fantastischen Nutella-Stängele, das hilft. Es kommen sehr viele Familien, die Kinder und Väter gucken die Sendung mit der Maus, die Mütter (fast alle mit Baby im Tuch) gehen zur Lesung von Susanne, die ebenfalls ihr schlafendes Baby im Tuch trägt. Es ist eine wuselige, entspannte und wirklich schöne Atmosphäre im Haus. Susanne hat die Lesung übrigens live auf ihrer facebook-Seite gestreamt.

Nach der Lesung ist noch kurz Zeit für einen Plausch mit Christine Finke, die extra aus Konstanz gekommen ist, und dann müssen alle auch schon wieder abreisen. Ich bleibe noch, denn wir haben noch einen kleinen Termin mit den Mitarbeitern. Als ich um 15 Uhr nach Hause gehe, streiken meine Füße und ich fahre die 800 Meter mit dem Bus. Jetzt kann ich aber auch echt nicht mehr!

Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen im Garten, gieße Blümchen, füttere unsere ganzen Haustiere und falle ich einen 3 stündigen Nachmittagsschlaf. Was für ein anstrengendes, bereicherndes, aufregendes und schönes Wochenende: Ich habe mich total gefreut, Susanne und ihre Familie nach den ganzen digitalen Begegnungen persönlich kennen zu lernen, ich hab mich tierisch gefreut, dass mein Konzept mit dem Familiensonntag aufgegangen ist und ich habe die Ohrenschmerzen weggearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass das geht?

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Durchhalten! Mit Mittelohrentzündung durchs Wochenende
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Samstag nachmittag: Soundcheck mit Alphorn
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Abends ausverkauftes Haus mit dem Loisach Marci
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Nach dem Konzert noch ab- und umgebaut für die Lesung
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Susanne Mierau liest
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Kinder tauschen Bücher
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Bushaltestelle: ich kann die 800 Meter nicht mehr laufen
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Der Himmel über meinem Garten
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Zum Schluss um die kleine Anzucht der Tochter kümmern

Noch mehr Wochenenden in Bildern gibt’s bei Susanne Mierau auf Geborgen Wachsen. Dort findet Ihr auch Ihre Version des Wochenende. So ist das mit dem digitalen Dörfchen 😉

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

ich-schaff-das-schon

dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken

Wie schaffst Du das bloß?

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Kirmes im Kopf

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Ich bin krank.

Ich habe nicht den Fuß verknickt oder Fieber, sondern in meinem Kopf sind Geräusche. Es fiept und piept und tutet, manchmal brummt und rauscht es. Kirmes im Kopf. Die Geräusche lassen mich nicht schlafen, ich bin unkonzentriert, vergesslich und gereizt. Das geht schon seit Wochen so, aber ich hatte ein, zwei oder auch drei fette Projekte auf der Arbeit, die ich unbedingt noch abwickeln wollte.

Ich arbeite nämlich gerne, ich liebe meinen Job. Ich habe ständig neue Ideen und habe einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und darf. Drum habe ich neben der Dringlichkeit, die Projekte durchzuziehen, natürlich auch lange genug die Kirmes in meinem Kopf ignoriert, weil ich dachte, dass das schon wieder weggeht, wenn ich nur mal ordentlich ausschlafe.

Nun haben meine Belastung und meine Erschöpfung leider einen Grad erreicht, wo es mit ein oder zweimal Ausschlafen nicht mehr getan ist. Das sieht meine Ärztin genauso und hat mich erst mal „aus dem Verkehr gezogen“, wie sie so schön sagt, und eine umfassende Therapie ausgeklügelt.

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und arbeite seit 5 Jahren Vollzeit (davor 50%), morgens mittags abends nachts und am Wochenende. Natürlich nicht durchgehend, ich habe auch mal frei und versuche relativ erfolglos, nicht mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In meinem Job kann man das leicht überschreiten, denn neben der eigentlichen Arbeit (Kulturveranstaltungen erfinden und umsetzen) könnte man ständig auf andere Veranstaltungen gehen, Netzwerke weiter pflegen, man könnte Bücher und Zeitschriften lesen, Sponsoren und Stiftungen akquirieren und überlegen, wie man die analoge Tontechnik im Club auf digitale umstellt. Es gibt IMMER was zu tun.

Wenn man zwei Kinder alleine großzieht, gibt es allerdings auch IMMER was zu tun. Dafür muss sich nicht einmal ein Kind den Fuß brechen, aber auch das hatten wir dieses Jahr schon. Die Große hat seit einem Jahr keinen Hort mehr, weil sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Statt bis 17 Uhr biologisch und pädagogisch wertvoll betreut zu sein, ist sie nun ab 14 Uhr allein zu Hause, wärmt sich vorbereitetes Mittagessen auf und macht, was 11jährige so machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich versuche, so oft es geht, früher nach Hause zu gehen, mit ihr zusammen zu essen und dann noch im home office zu arbeiten, während sie Hausaufgaben macht. Das erzeugt Druck in meinem Kopf, denn ab 14 Uhr läuft der Ticker „wie viel Arbeit lasse ich liegen vs. wie lange lasse ich mein Kind alleine zu Hause?“. Andererseits merke ich, wie wichtig es ist, dass ich da bin, denn sie hat massiven (vor-)pubertären Redebedarf.

„Mama, wie schön, dass Du jetzt immer da bist, dann können wir mittags quatschen!“ jubelt sie über meine Krankschreibung. Und so bin ich täglich von 7.30-14 Uhr krank, dann bin ich für meine Tochter da. Der Sohn bleibt nach wie vor bis 17 Uhr im Hort, denn er liebt es, dort mit seinen Jungs Lego zu bauen. Aber er genießt es ebenfalls, keine abgehetzte, sondern eine entspannte Mutter vorzufinden, und mit mir erst mal Tee zu trinken, Kekse zu essen und zu quatschen. Soviel Zeit hatte ich noch nie für meine Kinder, und es tut ihnen sichtlich gut. Aber ich bin ja nicht krank geschrieben, um mehr Zeit für meine Kinder zu haben, sondern um gesund zu werden und danach wieder zu arbeiten.

Wie kann ich das lösen? Klar, ich reduziere meine Arbeitszeit! Dann habe ich aber logischerweise weniger Geld zur Verfügung. Das könnte ich zum Teil auffangen, indem ich meine private Altersvorsorge zurück stelle. Die ich eigentlich abgeschlossen habe, weil durch meine Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigungen die Rente eh schon dürr ausfällt. Das bisschen Ehe in meinem Leben sichert mich auch nicht ab, denn der Gatte war sozialversicherungsfrei in der eigenen Firma beschäftigt und hat so wenige Rentenpunkte gesammelt, dass ich beim scheidungsbedingten Ausgleich fast noch Ansprüche hätte abgeben müssen. Obwohl er sehr viel mehr verdient hat als ich. Wenn ich also nun im Sinne meiner Gesundheit und meiner Kinder meinen Job reduziere, gibt das Minuspunkte auf 3 Ebenen: jetzt weniger auf dem Konto, ich sammel weniger staatliche Rentenpunkte und meine private Altersvorsorge fällt ebenfalls magerer aus. Na toll.

Das habe ich unserem großartigen Steuersystem zu verdanken, denn von meinem fleißig verdienten Geld bleiben mir netto ca. 40 Euro mehr als einem kinderlosen Single. So hoch ungefähr fällt der Entlastungsbeitrag aus, den der Staat in der Steuerklasse 2 für Alleinerziehende vorsieht. Wäre ich verheiratet, hätte ich eine günstigere Steuerklasse, egal ob ich Kinder habe oder nicht. Freundlicherweise wurde der Steuerfreibetrag für Kinder jüngst hochgesetzt, da kommen dann sicher nochmal ein paar Euro zusammen. Auch sonst hagelt es Vergünstigungen von allen Seiten: das Jugendamt erstattet mir 2€/Monat der Betreuungskosten für den Sohn, ich bekomme mit der Familiencard in Stuttgart 60€/Kind pro Jahr, um damit Eintritt in Schwimmbäder und den Zoo zu bezahlen und mit der Landesfamilienkarte komme ich sogar günstiger in den Märchengarten. Wow!

Das ist also das federweiche staatliche Netz, in das sich Alleinerziehende fallen lassen, wenn sie den Steuerzahler für ihr selbstgewähltes Lebensmodell löhnen lassen. Dieser Satz ist kein Zynismus, das ist exakt die Reaktion, die Alleinerziehenden in Kommentaren des sozialen Netzes entgegenschlägt, wenn sie ihre Missstände benennen.

Ich hab mich so gefreut, als ich von den Plänen unserer Familienministerin hört, ein Familiengeld für Eltern einzuführen, die vollzeitnah arbeiten! Dann hätte ich auf 35 Stunden reduziert und hätte einen Ausgleich dafür bekommen. Aber nein: das Familiengeld ist nur für Kinder bis 8 Jahren geplant. Warum das? Familie hört beileibe nicht auf, wenn die Kinder 8 sind. Aber eigentlich brauche ich keine Extra-Leistungen wie Familiengeld oder höheres Kindergeld, mir würde es völlig reichen, wenn der Staat nicht von vorneherein soviel von meinem Bruttoverdienst abziehen würde, dass ich hinterher auf staatliche Vergünstigungen angewiesen bin. Dieses System ist doch krank!

A propos krank: es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank werde. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde mir schwindelig und übel, ich lief von meinem Arzt zum anderen und war wochenlang krank geschrieben. Das einzige, was ohne Beschwerden ging, war stundenlang im Garten zu sitzen und die Kaninchen anzuschauen. Auch damals: Stress, Verspannungen, Erschöpfung. Lange Therapien und schließlich eine Kur. Keine zwei Jahre später klappe ich wieder zusammen.

Was das kostet! Was ich koste!

Das System ist doch krank: ich klappe vor lauter Belastung immer wieder zusammen, dabei würde ich die Krankenkasse nicht so viel Geld kosten, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste für das, was mir anschließend aufs Konto überwiesen wird.

Im Antrag für die nächste Kur findet sich die Frage, was ich persönlich für meine Gesundheit tue. Haha, was denn? Wann denn und wovon denn? Welche Hobbys ich früher hatte: Was sind denn Hobbys? Wie oft ich in der letzten Zeit Kontakt zu Freunden oder Angehörigen hatte? Ich sehe meine Kinder jeden Tag, das wars dann auch schon. Neulich traf ich eine Mutter aus der Kita, die mich fragte wie es mir geht. Als ich ehrlich geantwortet habe, kam eine ermunterndes „wird schon werden“. Schönen Dank auch. Kontakte helfen auch nicht immer.

Es ist verdammt anstrengend, alleine mit zwei Kindern und einem vollen Job. Und wenn ich vom Geld mal absehe, bleibt die Sorge und die Verantwortung, die mir keiner abnimmt und die ich mit niemandem teilen kann. Da kann und will ich den Staat auch gar nicht in die Verantwortung ziehen, aber es würde wahnsinnig helfen, wenn es mehr Unterstützung und Verständnis im Alltag gäbe!

Zum Beispiel: Als die Tochter sich den Fuß gebrochen hat, kam sie nicht mehr in die Schule und ich habe kein Auto. Weder Schulamt noch Krankenkasse springen hier ein. Ja, ich habe alle Eltern gefragt und ja: ich habe viel Hilfe bekommen, für die ich sehr dankbar bin! Im Detail sah das so aus, dass ich 6 Wochen lang täglich 1-3 Telefonate hatte, wer das Kind bringt und wer es abholt. Und dann wieder rückgängig machen, weil sie manchmal solche Schmerzen hat, dass sie gar nicht ging. Natürlich lässt sich das organisieren, aber es hat mich den letzten Nerv gekostet! Der in derselben Stadt wohnende motorisierte Vater hat übrigens keinen einzigen Fahrdienst übernommen, zu schade. Fahrdienste der Wohlfahrtsverbände gibt es nur für chronisch kranke Kinder. Keine Ausnahme, auch nicht für Alleinerziehende, nix. Direkt vor meiner Tür fährt übrigens ein Fahrdienst ab, der hätte das Kind glatt mitnehmen können…

Die von Christine Finke schon viel beschworene Haushaltshilfe: 2x/Woche für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt würde massiv entlasten und wäre genauso teuer wie eine 3wöchige MutterKindKur. Da wäre das Geld wesentlich sinnvoller angelegt für die Krankenkasse.

Schließlich bleibt noch mein „Luxusproblem Lebensqualität“: ich gehe ja nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir sogar Spaß macht. Und ich habe nicht nur Kinder, um sie möglichst effizient und störungsfrei durch die Kinderjahre zu schaukeln, sondern wir wollen als Familie auch eine schöne Zeit miteinander haben. Ja, ich habe sogar noch Ansprüche an mein Leben, ich will es nicht einfach bloß schaffen.

Sprich: ich würde mich gerne mal beruflich weiter entwickeln. Keine 3tägige Weiterbildung, sondern eine längere Fortbildung, vielleicht sogar ein berufsbegleitendes Aufbaustudium, das mir zukünftig neue Perspektiven eröffnet. Ich habe aber weder Zeit noch Geld für eine längere Fortbildung. Vier bis sechs Wochenenden pro Jahr plus eine ganze Woche nicht zu Hause? Undenkbar! Also bleibt es beruflich beim Status Quo. Weiterentwicklung oder gar Karriere ist nicht vorgesehen.

Und die Kinder: ich hätte sehr gerne sehr viel mehr Zeit für die Kinder! Wir würden gerne zusammen öfter Siedler spielen und Herr der Ringe hören, Ausflüge machen und im Garten wurschteln, zusammen Tee trinken, uns was erzählen oder gar zusammen den Keller ausmisten. Egal, aber Hauptsache zusammen. Statt dessen sind wir von 7-17 Uhr aus dem Haus, treffen erst spätnachmittags alle aufeinander, dann müssen noch der Haushalt und Hausaufgaben gemacht werden, ich bin total erledigt vom Job und vom auf-dem-Heimweg-Einkauf, die Wäsche ist noch im Keller und der Sohn mault, dass wir immer noch nicht sein Star-Wars-Risiko-Spiel ausgepackt haben. Ich bin froh, wenn wir hier den Status Quo aufrecht erhalten: es gibt was zu essen im Kühlschrank, wir haben saubere Klamotten an, ich habe alle Zettel aus der Schule unterschrieben und das Klo ist geputzt. Mehr ist nicht drin. Die Fenster kann ich ja putzen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich halte den Status Quo in einem Hamsterrad aus Alltag, Job und Kindern, und das macht mich auf Dauer krank. Durchhalteparolen wie „wird schon werden“ brauche ich ebenso wenig wie gutgemeinte Ratschläge á la „Du musst Dir Ruheinseln schaffen“. (Das ist ungefähr so beknackt wie „Schlafen Sie, wenn Ihr Baby schläft“. Nur Eltern verstehen den Witz). Es ist nicht das eine Projekt im Job oder der gebrochene Fuß vom Kind, es sind nicht die xten Läuse und die teure Klassenfahrt. Es sind die sechs Jahre, die ich das alles bereits alleine mache, das zehrt mich langsam aber sicher aus. Da sammelt sich eine Erschöpfung und Müdigkeit an, die man an keinem Wochenende mehr wegpennen kann.

Also werde ich werde erst mal versuchen, wirklich ganz gesund zu werden, bis die Kirmes im Kopf Ruhe gibt, denn auf der Arbeit bin ich ersetzbar, für meine Kinder nicht. Und dann tue ich das, was eigentlich nicht geht, um der erneuten bodenlosen Erschöpfung entgegen zu treten: ich werde meine Arbeitszeit reduzieren. Um das zu finanzieren, werde ich meine Altersvorsorge zurück stellen und im Alltag (noch mehr) sparen wo es nur geht. Das Loch in der Rente fange ich einfach dadurch auf, dass ich irgendwann wieder auf 100% gehe, ein Aufbaustudium mache und einen neuen, hochbezahlten Job finde, der das alles ausgleicht.

Nix leichter als das, oder?

Kirmes im Kopf

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben (Gastbeitrag bei family unplugged)

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Ich durfte einen Gastbeitrag bei family unplugged schreiben, dem Interviewprojekt für und mit Familien. Ein tolles Projekt, denn hier kommen Familien mit ihrem Alltag, ihren Wünschen, ihrem Stress und und all ihren Ideen für eine familiengerechtere Welt zu Wort. Man kann sich nur  wünschen, dass Entscheiderinnen (Männer sind immer mitgemeint!) in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft da regelmäßig rein schauen. Ich habe darüber geschrieben, wie unmöglich es ist, so zu arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte, und Familie so zu leben, als ob ich nicht arbeiten müsste, denn: Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben:

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben (Gastbeitrag bei family unplugged)