Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

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Ich muss gar nix

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Mein kinderfreies Wochenende habe ich mit ca. 80 Kindern, einem ausverkauften Konzert, einer wunderschönen Lesung und einer ordentlichen Ladung Grippostad verbracht.

Seit Tagen habe ich Ohrenschmerzen und versuche, bis zum Wochenende gesund zu werden. Drum habe ich auch Samstag nix gemacht außer Schlafen, bis ich um 15 Uhr das Kulturzentrum aufgeschlossen habe, in dem ich arbeite. Die Kinder sind wegen der Faschingsferien schon seit Freitag bei ihrem Vater.

Ich habe mich noch gefragt, warum die Band SO früh mit dem Aufbau anfängt? Die haben tatsächlich ihre eigene Tonanlage mitgebracht (obwohl wir natürlich eine haben). Bassboxen, in denen ein Kind wohnen kann, werden in den Saal geschoben, und als um 18 Uhr der Soundcheck über die Bühne geht, fallen die Gläser aus den Regalen.

Ein großartiger, glasklarer, aber schweinelauter Sound, und mir sinkt das Herz in die Hose, denn im 2. Stock übernachten während des Konzertes Susanne und Caspar Mierau mit ihren 3 Kindern, weil Susanne am Sonntag Vormittag aus ihrem Buch „Geborgen Wachsen“ lesen wird. Na wenn das mal gut geht!

Es geht gut: der Saal ist ausverkauft, das Publikum feiert, die Band hat verdammt viel Spaß und über uns schlafen drei Kinder selig ein, puh! Leider dauert der Abbau genauso lange, und ich muss nach dem Konzert noch umbauen für unseren Familiensonntag, und so wird es 2 Uhr, bis ich ins Bett falle. Wenn man tiefer schläft, braucht man nicht so viel zu schlafen, erklärt mir noch der Kollege, aber mein Kater hatte einen anderen Plan, denn um 4 Uhr werde ich wach, weil er den Faschings-Berliner vom Sohn futtern will, verdammt! Um 9 endgültig wach, eine heiße Dusche und um 9.30 Uhr wieder auf der Arbeit. Immerhin gibt es Kaffee und diese fantastischen Nutella-Stängele, das hilft. Es kommen sehr viele Familien, die Kinder und Väter gucken die Sendung mit der Maus, die Mütter (fast alle mit Baby im Tuch) gehen zur Lesung von Susanne, die ebenfalls ihr schlafendes Baby im Tuch trägt. Es ist eine wuselige, entspannte und wirklich schöne Atmosphäre im Haus. Susanne hat die Lesung übrigens live auf ihrer facebook-Seite gestreamt.

Nach der Lesung ist noch kurz Zeit für einen Plausch mit Christine Finke, die extra aus Konstanz gekommen ist, und dann müssen alle auch schon wieder abreisen. Ich bleibe noch, denn wir haben noch einen kleinen Termin mit den Mitarbeitern. Als ich um 15 Uhr nach Hause gehe, streiken meine Füße und ich fahre die 800 Meter mit dem Bus. Jetzt kann ich aber auch echt nicht mehr!

Ich genieße die letzten Sonnenstrahlen im Garten, gieße Blümchen, füttere unsere ganzen Haustiere und falle ich einen 3 stündigen Nachmittagsschlaf. Was für ein anstrengendes, bereicherndes, aufregendes und schönes Wochenende: Ich habe mich total gefreut, Susanne und ihre Familie nach den ganzen digitalen Begegnungen persönlich kennen zu lernen, ich hab mich tierisch gefreut, dass mein Konzept mit dem Familiensonntag aufgegangen ist und ich habe die Ohrenschmerzen weggearbeitet. Ich wusste gar nicht, dass das geht?

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Durchhalten! Mit Mittelohrentzündung durchs Wochenende
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Samstag nachmittag: Soundcheck mit Alphorn
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Abends ausverkauftes Haus mit dem Loisach Marci
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Nach dem Konzert noch ab- und umgebaut für die Lesung
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Susanne Mierau liest
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Kinder tauschen Bücher
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Bushaltestelle: ich kann die 800 Meter nicht mehr laufen
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Der Himmel über meinem Garten
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Zum Schluss um die kleine Anzucht der Tochter kümmern

Noch mehr Wochenenden in Bildern gibt’s bei Susanne Mierau auf Geborgen Wachsen. Dort findet Ihr auch Ihre Version des Wochenende. So ist das mit dem digitalen Dörfchen 😉

Wochenende in Bildern 25./26.2.17

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben

Manche Frauen sagen, sie sind Mütter, die auch arbeiten. Andere Frauen sagen, sie sind Berufstätige, die auch Kinder haben. Da wird also ein Schwerpunkt definiert.

Ich grüble: wie ist das denn bei mir? Ich habe jahrelang mit viel Organisationsaufwand versucht, beides mit Leidenschaft, Engagement und Gestaltungswillen hinzukriegen: den Job und die Kinder. Das ist dann schon manchmal in eine Art Doppelleben ausgeartet: möglichst so arbeiten, als ob ich keine Kinder hätte. Das Leben mit den Kindern leben, als ob ich nicht arbeiten müsste.

Job-Termine um 19 Uhr? Ich buche den Babysitter. Der 3. Abendtermin die Woche? Ich frage meine Mutter ob sie eine Woche kommen kann. Termine am Wochenende? Ich nehme die Kinder mit. Umgekehrt das Familienleben: Ihr wollt ein Schwimmabzeichen machen? Klar, wir gehen in den Schwimmkurs. Ihr wollt Freunde zum Übernachten einladen? Kein Ding, sollen alle kommen. Ihr habt keinen Bock einkaufen zu gehen? Dann machen wir zusammen was Schönes und ich geh morgen einkaufen, wenn Ihr in der Schule seid. Ach Mist, da muss ich ja arbeiten.

So geht das natürlich nicht lange gut. Logisch, wer dabei aus der Umlaufbahn geflogen und irgendwann zusammengeklappt ist: ich.

Ich arbeite sehr gerne, ich bin Kulturveranstalterin aus Leidenschaft. Ich denke mir gerne neue Projekte aus, erfinde neue Konzepte, setze sie um und mag mich dabei nicht einschränken müssen. Und ich verbringe wahnsinnig gerne Zeit mit meinen Kindern. Und zwar am liebsten auch unverplante Zeit: wir sind zusammen zu Hause, lesen, spielen kochen zusammen. Machen einen Ausflug, lassen uns spontan was Schönes einfallen.

Und wie krieg ich das zusammen?

Vereinbarkeit ist das große Zauberwort, gleichzeitig  soll man aber Privates und Berufliches nicht vermischen. Ja blöd, aber in meinem Fall geht es ohne diese Vermischung nicht. Smartphone & Internet sind für ein ein Segen: ich kann fix Mails checken, wenn die Kids ohne mich die Riesenrutsche runtersausen. Ich kann abends noch am PC arbeiten, weil ich auf den Server vom Job zugreifen kann. Präsenzkultur ist doch von gestern; in Skandinavien gelten übrigens Leute, die um 20 Uhr noch im Büro sind, als schlecht organisiert! Ich muss nicht 8-18 Uhr im Büro hocken, ich gehe zwischen 14/15 Uhr und erledige mindestens ein Drittel meiner Arbeit von unterwegs, aber dafür bis 22 Uhr. In dieser Richtung findet das auch durchaus Anerkennung: boah, die ist ja gut zu erreichen, die antwortet ja fix, da geht ja richtig was! Obwohl sie Kinder hat, irre!

Andersrum ist es nicht ganz so angesagt: Während der Arbeit Privates erledigen. Mails zu Kindergeburtstagen beantworten, Anrufe aus dem Hort, Tochter kreuzt im Büro auf oder ich muss kurz ’ne halbe Stunde weg zum Elterngespräch in der Schule. Aber ich nehme mir das raus, das ist mein Bonus dafür, dass ich nachmittags und abends „trotz Kindern“ weiter erreichbar bin und nach der Gutenacht-Geschichte noch ein Programmheft Korrektur lese.

Ein Schritt weiter ist, offensiv als Mensch mit Kindern und entsprechenden Verpflichtungen und Verantwortung aufzutreten: nicht nur sagen, dass der Termin am Samstag 10-15 Uhr echt kacke für Familienmenschen ist, sondern sich auch dafür einsetzen, dass der verschoben wird. Besonders aufgefallen ist mir das in der Runde der Sachkundigen Bürger im Kulturausschuss, in der ich sitze. Wir wurden gebeten, einen Steckbrief zu verfassen, damit wir uns gegenseitig kennen lernen. Alle hatten nicht nur ihren Job, sondern zahlreiche Ehren-/Ämter, Posten, Aktivitäten und Engagements. Keiner hatte offenbar ein Familienleben, das „Private“ wird nicht erwähnt. Das Private ist aber doch politisch, das wissen wir seit den 70ern. Ich habe meinen Job beschrieben und dass ich 2 Kinder habe und mich dem täglich neuen Versuch hingebe, Kultur zu betreiben und zwei Kinder groß zu ziehen. Ergebnis: Ich bin, vorsichtig formuliert, nicht unbedingt die spannendste Person in der Runde.

Aber ich habe keine Lust mehr, im Job so zu tun als ob ich keine Kinder hätte, ich habe keine Lust auf dieses Doppelleben unter dem Mäntelchen Vereinbarkeit. Ich habe auch keine Lust, darauf zu warten dass sie endlich groß sind, damit ich NOCH MEHR arbeiten kann, ich will doch die Zeit mit meinen Kindern nicht runterzählen.

Vereinbarkeit fängt im Kopf an, und in meinem Kopf vereinbare ich mich, meinen Job und meine Kinder miteinander: Ich lehne im Job offensiv Termine mit Verweis auf mein Familienleben ab. Ich verwehre den Kindern offensiv Wünsche mit Verweis auf meine beruflichen Verpflichtungen. Ich lehne gegenüber ALLEN Termine ab, weil ich einfach mal ausschlafen will. Ich trage das so plakativ wie es geht nach außen, denn ich will nicht meine Kinder, meinen Job und mich um die gesellschaftlichen Verhältnisse drumherum drapieren, ich will die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Ich will, dass Familien ohne weitere Erwähnung mitgedacht werden. Ich will keine Rücksicht und keine Geschenke, ich will einfach keine Behinderung meines wichtigsten „Jobs“: intelligente und gut ausgebildete Menschen zu erziehen, die in 20 Jahren für uns arbeiten gehen und diese Gesellschaft weiter tragen.

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Vereinbarkeit heißt nicht Doppelleben