Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

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Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Die Antwort von Ministerin Altpeter

Na, das nenne ich mal eine Geburtagüberraschung: heute kam eine Mail aus dem Büro von Katrin Altpeter, Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren in Baden-Württemberg. Ich hatte Ihr einen offenen Brief geschrieben, den man hier nachlesen kann, und sie hat nun erfreulicherweise sehr ausführlich geantwortet.

Ich veröffentliche ihre Antwort hier in voller Länge, lasse es zunächst mal unkommentiert und trinke jetzt auf die ganzen Steuererleichterungen und Kindergelderhöhungen, die da auf mich zukommen. Und auf meinen Geburtstag, Prost!

Liebe Annette Loers,

anders als viele Menschen vielleicht glauben, erhält man als Politikerin relativ selten ein direktes Feedback auf das, was man sagt und tut. Ich persönlich finde das schade und habe mich deshalb sehr über Ihren Offenen Brief gefreut, auf den ich Ihnen gerne antworte. 

Bevor ich jedoch genauer auf Ihre Fragen und Kommentare eingehe, muss ich Sie – der guten Ordnung halber, wie es so schön heißt – darauf hinweisen, dass Ihre Vorschläge und Forderungen sich alle auf Maßnahmen beziehen, die in der Zuständigkeit der Bundesebene liegen. Darauf habe ich als Landesministerin zwar keinen direkten Einfluss. Als Mitglied der SPD, in der die von Ihnen angesprochenen Punkte seit längerem intensiv diskutiert werden,  teile ich Ihnen jedoch gerne meine Einschätzung mit.

Sie schreiben erstens, dass verheiratete Menschen steuerlich deutlich besser wegkommen als unverheiratete Menschen, egal ob sie Kinder haben oder nicht. Das stimmt. Und genau wie Sie empfinde auch ich das als ungerecht und nicht mehr zeitgemäß. Deshalb freut es mich sehr, dass die SPD jetzt beschlossen hat, das Ehegattensplitting in Zukunft durch das Familiensplitting ersetzen zu wollen. Dadurch soll Kindererziehung belohnt werden und Familien mit Kindern und Alleinerziehende sollen gerechter unterstützt werden. Das derzeitige Steuersystem benachteiligt, wie Sie richtig festgestellt haben, Paare mit Kindern. So zahlt ein verheiratetes Paar ohne Kinder bei einem Einkommen von 50.000 Euro rund 2.000 Euro weniger Steuern als ein unverheiratetes Paar mit einem Kind. Deshalb muss die Besteuerung von Familien so gestaltet werden, dass unabhängig davon, ob die Eltern einen Trauschein haben, alle Kinder berücksichtigt werden. Zu einer gerechteren Familienfinanzierung gehören zudem die Einführung eines „gestaffelten Kindergelds“ sowie Steuerabzüge für Alleinerziehende mit kleinen Einkommen.

Sie schreiben zweitens, dass Menschen mit Kindern deutlich höhere zwangsläufige Ausgaben haben als Menschen ohne Kinder. Auch das stimmt. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ausgaben für den Lebensunterhalt mit einer zunehmenden Anzahl von unterhaltsberechtigten Personen steigen. Aber der Gesetzgeber berücksichtigt diese zusätzliche wirtschaftliche Belastung durchaus. So wird das Existenzminimum von Kindern, einschließlich Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf entweder durch die Auszahlung von Kindergeld oder den Abzug kindbedingter Freibeträge (Kinderfreibetrag und Freibetrag für den Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf) von der Einkommensteuer freigestellt. Für gering verdienende Eltern wird zudem ein Zuschlag zum Kindergeld gewährt. Daher wurden das Kindergeld und der Kinderfreibetrag zum 1. Januar 2015 erhöht und damit an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst. Außerdem steht zum 1. Januar 2016 eine weitere Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag und zum 1. Juli 2016 auch eine Anpassung des Kinderzuschlags an. Darüber hinaus sind Kinderbetreuungskosten zu zwei Dritteln bis zu einem Höchstbetrag von 4.000 Euro jährlich als Sonderausgaben abzugsfähig.

Sie schreiben drittens, dass es auf Ausgaben für Kinder zu einem überwiegenden Teil keinen ermäßigten Mehrwertsteuersatz gibt, wohl aber auf Ausgaben, die mit Kindererziehung rein gar nichts zu tun haben. Hier muss ich Ihnen zumindest teilweise widersprechen. Ein Großteil der Leistungen des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, auch Babynahrung, die Leistungen des öffentlichen Personennahverkehrs, der Schwimmbäder und die kulturellen Einrichtungen werden nur mit 7 Prozent besteuert. Der Besuch von Theatern, Museen und Zoos ist unter bestimmten Voraussetzungen sogar von der Umsatzsteuer befreit. Umsatzsteuerfrei sind außerdem Aufwendungen für Miete, ärztliche Heilbehandlungen, Bildungsleistungen sowie Kindergärten, Kindertagesstätten und Tagesmütter.

Schließlich schreiben Sie, dass Alleinerziehende in der Regel nicht verheiratet sind und Kinder haben und somit also in den doppelten „Genuss“ der steuerlichen Benachteiligung kommen. Auch hier kann ich Ihnen aus den oben dargestellten Gründen nur teilweise zustimmen. Ich hoffe aber, Ihnen deutlich gemacht haben zu können, dass Politik dort,  wo sie die Möglichkeit hat zu reagieren, durchaus auch aktiv wird. Damit will ich nicht sagen, dass es keinen Verbesserungsbedarf mehr gibt – aber es ist auch nicht so, dass noch gar nichts passiert ist.

Im Übrigen bin ich mir selbstverständlich bewusst, dass man zunächst immer seine eigenen Hausaufgaben erledigen sollte. Als Landesministerin kann ich schließlich nicht nur mit dem Finger nach Berlin zeigen und sagen: Ihr solltet aber mal …! Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir immer wieder aufs Neue die Frage stelle, was ich bzw. was die Landesregierung tun kann, um Menschen, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind, diese auch zukommen zu lassen. Und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass wir in den vergangenen fast fünf Jahren viel für diese Zielgruppe getan haben. Dazu zähle ich insbesondere auch Alleinerziehende.

Ich will das nur an einem einzigen Beispiel verdeutlichen. Wir haben die Mittel für die Kleinkindbetreuung seit dem Regierungswechsel versiebenfacht (!) und dafür gesorgt, dass Baden-Württemberg sowohl in Bezug auf die Qualität als auch auf die Quantität vom Schlusslicht zum Spitzenreiter unter den Bundesländern geworden ist. Diese Maßnahme kommt, neben vielen anderen, natürlich gerade auch den Alleinerziehenden zugute, da sie die Kinder während der Arbeit gut aufgehoben wissen.

Was ich Ihnen auch versichern kann: wir wollen uns auf dem Erreichten nicht ausruhen und unser Land noch lebenswerter machen. Daher habe ich auch die Forderung nach der Erhöhung des Kindergeldes für Alleinerziehende bei der Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumsberichts aufgestellt, da Alleinerziehende besonders häufig von Armut betroffen sind. Zu meiner großen Freude hat sich die SPD im Bund  dieser Forderung zwischenzeitlich angeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Katrin Altpeter“

 

Die Antwort von Ministerin Altpeter

Liebe Katrin Altpeter,

Sie haben den ersten Armutsbericht in Baden-Württemberg vorgelegt und fordern unter anderem eine bessere Unterstützung für Alleinerziehende. (Hier kann man das nachlesen)

Das finde ich uneingeschränkt großartig! Allein schon, dass an die Situation der Alleinerziehenden gedacht wird, das auf das Armutsriskio von Alleinerziehenden und ihren Kindern aufmerksam gemacht wird, dass Alleinerziehende Anerkennung erfahren: all das begrüße ich außerordentlich und ich bin Ihnen dafür sehr dankbar!

Ich möchte Ihnen aber sagen, dass ich als Alleinerziehende keine „Geschenke“ brauche, so hilfreich 100€ fürs erste und 20 € fürs zweite Kind wären. Ich möchte einfach nur Gerechtigkeit. Steuergerechtigkeit.

Vielleicht darf ich Ihnen meine Situation als Beispiel schildern? Ich arbeite Vollzeit und erziehe meine beiden Kinder seit 5 Jahren allein. Als Alleinerziehende habe ich Steuerklasse 2, das bringt mir einen Vorteil von ca. 40 € zu Steuerklasse 1. Wäre ich verheiratet, hätte ich Steuerklasse 3 und ca. 230 € mehr im Monat. Egal ob ich Kinder habe oder nicht.

Es wird also der Beziehungsstatus subventioniert, nicht die Tatsache, daß ich Kinder aufziehe. Jetzt frage ich Sie mal ganz naiv: was bringt unserer Gesellschaft mehr: dass Menschen so glücklich miteinander sind, dass sie sich versprechen, bis ans Ende ihres Leben zusammen zu bleiben? Oder dass ich zwei Kinder aufziehe, die in 15 Jahren unser Zukunft gestalten und in die Rentenkassen einzahlen?

Ich werde höher besteuert, als das doppelverdienende verheiratete kinderlose Paar, das nach Feierabend seinen Gin Tonic auf der Terrasse trinkt. Auf der Terrasse der Wohnung, die ich nicht bekommen habe, weil der Makler sagte „Alleinerziehend? Das mag der Vermieter nicht, da kommt ja die Miete nicht“. Wenn ich mir die Wohnung überhaupt leisten kann.

Dafür, dass mir von meinem Brutto weniger übrig bleibt, zahle ich auf Kinderwagen, Windeln, Schulranzen und Kinderklamotten 19% Mehrwertsteuer, während das kinderlose Paar für 7% MwSt. in’s Kino und auf Konzerte geht. Klar gehe ich auch für 7% auf Konzerte, aber wie realistisch ist das denn? Mir bleibt nach Babysitter und Steuerbelastung ja nicht mal mehr das Geld für die Eintrittskarte. Und ganz wichtig: aufs Konzert KANN ich gehen, aber Klamotten, Schulranzen etc. MUSS ich kaufen.

Deshalb, liebe Frau Altpeter: setzen Sie sich bitte weiter für Alleinerziehende ein, denn es ist bitter nötig! Sorgen Sie bitte für Gerechtigkeit in der Besteuerung. Steuerklasse 3 für alle Menschen, die Kinder erziehen. Und MwSt.-Satz 7 für alle Produkte, die man braucht, um Kinder vernünftig groß zu ziehen. Also nicht Softpornos, Rennpferde und Blumen, sondern Winterschuhe, Windeln und Schulranzen.

Vielen Dank für Ihr Engagement!

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Nachtrag nach den vielen detaillierten Rückmeldungen:

Von konkreten Zahlen und Steuerklassen mal abstrahiert:

1. verheiratete Menschen kommen steuerlich deutlich besser weg als unverheiratete Menschen, egal ob sie Kinder haben oder nicht.

2. Menschen mit Kindern haben deutlich höhere Ausgaben (an denen sie nicht vorbeikommen!) als Menschen ohne Kinder. Auf diese Ausgaben gibt es zum überwiegenden Teil keinen ermäßigten Mehrwertsteuersatz, wohl aber auf Ausgaben, die mit Kindererziehung rein gar nichts zu tun haben.

Alleinerziehende sind in der Regel nicht verheiratet und sie haben Kinder, sie kommen also in den doppelten Genuss der steuerlichen Benachteiligung, siehe Punkt 1 und 2.

Liebe Katrin Altpeter,

Ich nehm mir Zeit

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Lohnarbeit hin, Familienarbeit her. Die Diskussion ist ebenso alt wie blöd. Ich kann zumindest von mit selber behaupten, dass ein Kinderlächeln schön, eigene Kohle auf dem Konto aber auch nicht schlecht ist. Und dass Frauen das Exklusivrecht aufs Kinderkriegen haben, sollte nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass sie auch exklusiv die Waschmaschine anwerfen. Ist aber leider Tatbestand bei vielen Familien: wer die Brutpflege übernimmt, darf sich auch um den Haushalt kümmern. Wegen eh da: Du bist ja eh da, sprich: zu Hause.

Dem folgt dann fix die Wertung der geleisteten Arbeit: „ich verdiene unser Geld, also ist meine Zeit, meine Arbeit mehr wert.“ Mein Exmann hat mir mal vorgerechnet, dass er gerade eine Stunde lang den Schnee in der Auffahrt frei geräumt hat. „Weißt Du was uns das gekostet hat?“. Ja, dann ist’s wohl besser wenn ich es mache, ich bin ja nicht so teuer.

Ich habe 45 Minuten lang unser Baby gestillt, weißt Du was uns das gekostet hat? So eine Rechnung habe ich nie aufgemacht. Das Schicksal bringt es mit sich, dass wir auch noch klassische Geld-Verteilung hatten: er mit einem geradezu fantastischen Gehalt, ich mit einem vergleichsweise bescheidenen. Und obendrein arbeitslos in der Babyzeit, da war ja klar wer die Waschmaschine anwirft.

Es ist darin gegipfelt, dass er in’s Hotel gezogen ist, wenn die Kinder krank waren, denn seine wertvolle Arbeitskraft durfte nicht qua Ansteckung gefährdet werden.

Es ist über die Maßen verletzend, die eigene Wertigkeit in Euro berechnet zu bekommen. Wenn dann obendrein eine faktische finanzielle Abhängigkeit vorliegt, kommt es einer Ohnmacht gleich.

„Schatz, wir müssen reden“ – „Warte, ich hab hier gerade wichtige Gespräche im Chat“. Schon gut, ich bin ja nur Deine Frau, ich bin ja kein wichtiges Gespräch. „Wenn ich hier nicht antworte, geht uns die Kohle flöten“. Er hat geantwortet, da ging ihm die Frau flöten.

Irgendwann hat’s gereicht und ich habe mir ausgerechnet, dass ich es mit einem vollen Job schaffe, das Leben für mich und die Kinder zu finanzieren.

Und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht in diese Falle tappe: meine Zeit ist wichtig, denn sie ist knapp, aber sie ist nicht mehr wert als die Zeit anderer Menschen. Nicht wichtiger als die Zeit meiner kinderlosen Kollegen, der Kita-Erzieher, der Lehrer, der Busfahrerin, nicht mal des Telekom-Technikers und schon gar nicht wichtiger als die meiner Kinder. Diese Arroganz, die mich in meiner Ehe fertig gemacht hat, darf ich mir nun nicht selber zu eigen machen: seht her, ich bin alleinerziehend, habe zwei Kinder und eine volle Stelle, ich bin Geschäftsführerin, weicht zur Seite, nehmt Rücksicht, kommt mir entgegen, schenkt mir Zeit!

Nein, die Kita versemmelt die Abholzeiten, die Kollegen wollen NOCH eine Besprechung, die Lehrerin redet seeehr lang beim Elternabend, der Bus steht im Stau, die Telekom läßt mich warten und die Kinder? Die trödeln was das Zeug hält, stehen nicht auf, gehn nicht ins Bett, ziehen sich nicht an, nicht aus, vergessen zu essen und die Katze zu füttern, wollen nix als toben, schmusen, spielen. Die haben ewig Zeit.

Meine Zeit ist so kostbar, dass ich beschlossen habe, sie mir nicht mehr zu versauen mit Chaos und Hektik. Also stehe ich (noch) früher auf, dafür haben wir ein entspanntes Frühstück. Ich schwänze Elternabende bevor ich mich drüber ärgere, ich gehe zu jedem Termin 10 Minuten zu früh, ich lasse die Kollegen weiter arbeiten um mit meinen Kindern einen Kuchen zu backen.

Ich nehme mir einfach Zeit, nicht weil ich mir ausrechne, wie hoch mein Stundenlohn ist und was ich hier gerade an der Bushaltestelle, in der Teamsitzung oder beim Kuchenbacken verschwende, sondern weil ich meine kostbare Zeit nicht mit einem Scheiss-Karma verbringen will.

Ich nehm mir Zeit

Wir sind reich!

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Der Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende wurde angehoben, bei meinem Brutto macht das 16 € im Monat. Das Kindergeld wurde angehoben, für uns sind das 4 € im Monat. Und die Unterhaltssätze der Düsseldorfer Tabelle wurden angehoben, für uns springen da 32€ im Monat bei raus, vorausgesetzt ich gebe mich der erneuten Unterhaltsdiskussion-/forderung mit dem Exgatten hin.

Alles zusammen 52€/Monat, da kann frau nicht meckern. Reicht genau für die Monatskarte von meinem weiterführenden Schulkind, die ab September fällig wird, toll.

Der Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende wurde übrigens zum ersten Mal seit 10 Jahren angehoben und betrifft die Frauen, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Je höher das Brutto, desto höher der Entlastungsbeitrag. Bei über 350.000€/Jahr können da locker 400 € bei rausspringen. Ich kennen haufenweise Alleinerziehende mit so einem Jahresgehalt, und die haben den Entlastungsbeitrag wirklich bitter nötig!

Die Wahrheit ist natürlich, daß die meisten Alleinerziehenden entweder Teilzeit arbeiten oder gar nicht steuerpflichtig, also haben sie wenig bis nix von dieser „Entlastung“. Aber überall wird fett gefeiert, daß die Regierung endlich was für Alleinerziehende tut. Oder es wird sich entrüstet, daß die Alleinerziehenden jetzt auch noch fett abkassieren, nachdem sie den Männern die Kinder weggenommen haben, nur um sich an den kinderfreien Wochenende die Nägel zu lackieren und durch die halbe Stadt zu vögeln.

Aber wir wollen nicht undankbar sein oder gar zynisch werden, wir freuen uns über die Krumen, die man dem Aschenputtel hinwirft, und wenn die Entlastung für die Alleinerziehenden in der Taktzahl so weiter geht, können wir uns in hundert Jahren eine neue Krone kaufen.

Wir sind reich!