Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Mütter stillen Kinder. Wenn die Kinder nicht still sind, sind im Umkehrschluss die Mütter dafür verantwortlich.

Mumpitz, sagt nun der gesunde Menschenverstand, mit etwas Glück hat das Kind auch einen Vater, der sich mit der Mutter gemeinsam um das Kind kümmert. Nicht so bei der FAS, die hat einen Artikel über Mütter veröffentlicht, die ihren Babys Schlafmittel geben, um endlich Ruhe zu haben. Natürlich ist der Text bissl ausführlicher und leidlich recherchiert, aber was bleibt, ist der fade Nachgeschmack eines Artikels, in dem es ausschließlich die Mütter sind, die unter nicht schlafenden Babys leiden. Und deshalb irgendwann in völliger Verzweiflung zu Medikamenten greifen.

Warum kommen in dem Text die Väter nicht (bzw. nur marginal) vor? frage ich mich grübelnd. Warum sucht die Autorin nicht nach den Ursachen des Schreiens beim Baby, und vor allem nicht nach der Ursache dieser bodenlosen mütterlichen Verzweiflung? Wenn die Mütter so dermaßen alleine gelassen sind mit einem brüllenden Baby, wie der Artikel suggeriert, dann wundert mich die Verzweiflung nicht. Aber ist Babyschlaf denn Frauensache? Oder handelt der Text ausschließlich von alleinerziehenden Müttern und die Autorin hat nur vergessen, das zu erwähnen? Das muss die Lösung sein, alles andere macht keinen Sinn!

Natürlich sind Alleinerziehende völlig am Ende mit Kraft und Nerven, sie müssen ja so viel arbeiten und sich auch um alles andere ganz alleine kümmern, wenn dann so ein Baby brüllt und brüllt und brüllt und nicht aufhört, kann man schon mal kirre werden. So kirre, dass man das Baby irgendwann nur noch medikamentös in den Schlaf befördern will?!

Überhaupt sind, über den FAS-Text hinaus, Medikamente gerne das Mittel der Wahl für Alleinerziehende. Eine Therapeutin, die ich kurz nach der Trennung aufsuchte, hat mir bereits beim ersten Gespräch dringend ans Herz gelegt, aufkeimende Depressionen mit Medikamenten zu behandeln. Das würde nicht nur die Tiefs, auch die Hochs etwas abdämmen und dann wären die emotionalen Berg- und Tal-Fahrten nicht so anstrengend. Und: Alleinerziehende seien ja generell von Depressionen bedroht. Aha! Weil ich alleinerziehend bin, bin ich „generell“ depressiv gefährdet. Es gibt ganz sicher Menschen, die eine medikamentöse Behandlung benötigen, aber ich weiß ganz sicher: ich gehöre gerade nicht dazu. Ich möchte auf keins meiner Gefühle verzichten, schon gar nicht auf meine penetrant gute Laune und meine ungebremste Begeisterungsfähigkeit, die hat mir nämlich in den letzten 6 Jahren seit der Trennung und in den 39 Jahren davor mehr als einmal den Kopf gerettet. Erst recht, seit ich Alleinerziehend bin.

Mein Sohn hatte vor 2 Jahren einen (einzigen!) epileptischen Anfall. Im Krankenhaus wurde sorgfältig abgewogen: üblicherweise gäbe man die Medikamente, die die Epilepsie in Schach halten, erst nach 2-3 Folgeanfällen, aber da ich ja alleinerziehend sei und das Kind ergo öfter mal unbeaufsichtigt, werde dringend geraten, noch am selben Tag (!) mit dem Medikamentieren zu beginnen.

Im Gespräch mit der Lehrerin, wo ich mich über die Unmengen an Hausaufgaben beschwert habe, hat die Lehrerin mir geraten, therapeutische Hilfe für das Kind in Anspruch zu nehmen, wenn es mit dem Druck nicht klar käme. Es sei ja auch noch ein Trennungskind, das käme erschwerend hinzu. Wenn ich noch 15 Minuten länger mit der Frau geredet hätte, hätte der Sohn wahrscheinlich noch ADHS und Inkontinenz, das arme Trennungskind. So eine Trennung ist für die Lehrerin voll praktisch, dann muss die gar nicht mehr über sich selber nachdenken: hier bitteschön, ein Stigma.

Eine Alleinerziehende braucht nicht nur einen veritablen Rotwein-Vorrat (selbst meine Mutter hat mich vor der Alkoholabhängigkeit Alleinerziehender gewarnt!), sie und ihre Kinder brauchen auch Tabletten und Therapien, damit ihr kompliziertes und anstregendes Leben noch in diese Gesellschaft und ihre doofen Strukturen reingequetscht werden kann. Hilfe? Nein, Hilfe brauchen die nicht, das wäre ja zu anstrengend. Beratung, Unterstützung, Netzwerk? Viel zu langwierig. Bessere Steuerklassen, vernünftige Kinderbetreuung, Mediation beim Trennungs-/Scheidungsprozess, Haushaltshilfe – alles Pippifax!

Im Ernst: mir und meinen Kindern ist noch nie so oft medikamentöse und therapeutische Hilfe angeboten worden, wie seit der Trennung. Die Probleme, die wir haben, liegen also ursächlich in uns selber begründet, drum müssen wir sie auch selber lösen. Wenn wir das nicht gebacken kriegen, nehmen wir halt ’ne Pille oder laufen zur Therapie.

Um nochmal zu den sedierten Babys zurück zu kommen: dieser Artikel ist eine Katastrophe, weil er den Müttern unterstellt, dass es in ihrer alleinigen Verantwortung liegt und es deshalb ihr Versagen, bzw. Unvermögen ist, welches ihr Kind nicht schlafen lässt. Denn auch wenn der Text mich auf die Stigmatisierung Alleinerziehender gebracht hat, so glaube ich natürlich nicht, dass die Autorin ausschließlich von Alleinerziehenden redet. Aber von Müttern, die mit ihren Babys völlig allein gelassen sind. Warum, das untersucht der Text nicht, und das finde ich echt schlimm!

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Still jetzt! (Ein Stigma bitte)

Mutterglück und Familienlüge

Vor ein paar Wochen musste ich öfter grinsen, wenn ich auf meine Blogstatistik schaue, denn mein Beitrag Mutterlüge wurde ständig angeklickt. Die Suchenden waren wahrscheinlich völlig frustriert, weil dies ein winziger Beitrag von mir dazu war, womit ich als Mutter meine Kinder anlüge. In dem Falle mit „ich will hier auch mal staubsaugen“, was die total Lüge ist, weil ich staubsaugen hasse.

Ich habe dann einen Text über Mutterlüge angefangen, ihn aber erst mal liegen lassen. Bis letzte Woche gleich zwei Texte von Jochen König erschienen, und da wurde mein „alter“ Text wieder aktuell und nun auch stimmiger:

Ich hatte wegen o.g. Blogstatistik  „Mutterlüge“ gegoooglet und es erschien das Interview mit Sarah Fischer, die das Buch „Die Mutterglücklüge“ geschrieben hat und mal wieder dazu interviewt worden ist. Diese regrettingmotherhood-Debatte ist ja eigentlich ziemlich durch, trotzdem poppt sie immer wieder auf und ging mir persönlich eh von Anfang an auf die Nerven. Das mag daran liegen, dass ich nie dieses Bild von der selig machenden Mutterschaft hatte, und drum auch nicht dran scheitern konnte. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ich mit meinen Kindern nicht einfach nur selig werde, sondern dass ich sehr glückliche und sehr nervende Momente erleben würde. Ich wusste, dass es beruflich nicht einfach wird und ich hatte eine mehr oder weniger wahnhafte Vorstellung von der Bastelmuttihölle. Vor allem wusste ich, dass ich mein eigenes Bild von Familie und Mutterschaft leben wollte, nicht das, was Frauenzeitschriften, Pekip-Leiterinnen oder die Schwiegermutter mir vorschreiben. Wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen, weil sie sich eingeschränkt fühlen in ihrer Selbstbestimmung, dann kommt mir das manchmal so vor, als ob ich mich zwar über meinen neuen Job freue, mich aber ärgere dass mich die Arbeitszeiten (die ich vorher kannte) so sehr einschränken. Mal ganz banal verglichen. Zudem ist die totale Einschränkung qua Mutterschaft eine endliche Sache, denn mein Leben ist ja nicht vorbei, sondern hat für die nächsten Jahre andere Schwerpunkte. Für die zumindest ich mich frei entschieden habe.

Wofür ich mich nicht entschieden habe, ist dass ich eine beschissene Steuerklasse habe, dass ich als Familienmensch in diesem Land gesellschaftlich, politisch und beruflich irgendwie nicht für voll genommen werde, obwohl ich die Zukunft dieses Landes in Form von zwei künftigen Rentenzahlern bereit stelle. Das kotzt mich an, das prangere ich an, das versuche ich zu ändern. Aber deshalb bereue ich meine Mutterschaft nicht. Wenn Sarah Fischer sagt, dass sie lieber Vater geworden wäre, ist das ne ziemlich fiese Nummer, denn sie will die Rolle des Vaters einnehmen, wie er sie in unserer Gesellschaft zur Zeit (noch) inne hat. Das geht ja nur, wenn jemand auch die Rolle der Mutter lebt, auf die sie selber keinen Bock hat. Schönen Dank auch, wer soll das denn sein?

Ich will beide Rollen nicht, wie sie Sarah Fischer erlebt. Nicht die der Frau, die die Nummer mit der Vereinbarkeit von Job und Kind stemmt und sich trotzdem, bzw. obendrein finanziell  vom Mann abhängig macht. Und nicht die vom Mann, der nach Kindsgeburt weiter arbeitet als sei nichts geschehen und dafür nix mitkriegt vom Aufwachsen seiner Kinder.

Das ist tatsächlich eine Mutterlüge, denn mit diesem Bild von Mutterschaft wird keiner glücklich, weder Frau noch Mann noch Kinder. Familie war doch als gemeinsames Projekt gedacht, das nicht einen an den Abgrund manövrieren, sondern alle Beteiligten bereichern sollte?

Warum das in vielen Fällen nicht klappt (z.B. in meinem) hat nicht nur mit einem verqueren Bild von Mutterschaft, sondern auch mit einem schiefen Bild von Vaterschaft zu tun.  In der Familie lieber der Vater als die Mutter zu sein, weil man scheinbar freier, ungebundener, auf Karriere konzentrierter ist, ergo weniger den Kindern als dem Job verpflichtet, das ist mal echt ’ne Lüge, am meisten vor sich selbst. Von den Kindern ganz zu schweigen.

Denn ich setze mal im guten Glauben an die Menschheit voraus, dass wir alle gerne mit unseren Kindern zusammen sind, und zwar nicht nur 1 Std/Tag und am Wochenende. Auch die Väter. Ich kauf den Männern nämlich gar nicht ab, dass sie keinen Bock auf Kleinkindgedöns und Familie haben. Ich glaub, viele haben bloß nicht den Mut, da beruflich und gesellschaftlich zu zu stehen. Und wenn sie sich dann doch für die (Klein-)Kindphase entscheiden, dann müssen sie unbedingt noch den Kerl raushängen lassen, laufen immer einen halben Schritt neben dem zu schiebenden Kinderwagen, treffen sich mit Carrera-bahn und schwarzem Espresso im Papaladen und erklären Mütter zum Feindbild, sehr treffend beschrieben von Jochen König.

Warum das so ist, hat nix mit den Erwartungen und Erfüllungen von Mutterschaft zu tun, sondern mit einem antiquierten Familienbild, mit Rollenklischees und üblen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für Familien, die diese Klischees und Abhängigkeiten zementieren. Von wegen Mutterlüge: Familienlüge triffts eher.

Um dies zu ändern, und hier zitiere ich wieder Jochen König, „brauchen wir eine Diskursverschiebung in der Öffentlichkeit (…)  Und es braucht eine Stärkung der Menschen, die schon jetzt den Großteil der Arbeit in den Familien übernehmen.“

Dann hat hoffentlich auch diese elende Mutterglücklüge – Regrettingmotherhood- Diskussion endlich ein Ende.

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Mutterglück und Familienlüge

Freundinnen müsste man sein

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„Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum“. Das Lied hat der begnadete Funny van Dannen geschrieben und gesungen, manche kennen auch die kongeniale Coverversion von Queen Bee. Wir haben es im Auto gesungen, meine Freundin und ich, auf dem Weg nach Zülpich.

Zülpich ist ein ganz besonderer Ort. Ein Kaff in der Eifel, auch das „Tor zur Eifel“ genannt. Meine Mutter ist dort geboren und aufgewachsen, bis sie in die große Stadt (Köln) zog. Später habe ich meine Kindheits-Sommer ich dort verbracht, zusammen mit vielen Cousinen und Cousins und meiner Schwester, hoch oben auf Opas Kirschbaum. Noch etwas später haben ein paar mutige und kreative Frauen das Frauenbildungshaus Zülpich dort gegründet, und so finden seit inzwischen 37 Jahren dort Seminare und Weiterbildungen von Frauen für Frauen statt. Den Feministinnen der frühen Stunde war es ein Anliegen, einen Ort ohne Männer zu schaffen, und auch wenn ich das für mich persönlich nicht unbedingt notwendig finde: das Haus strahlt eine Geborgenheit, Kreativität und Inspiration aus, wie ich sie nirgendwo anders je gefunden habe.

Weil ich diese liebevoll renovierten Hof mit seinem verwunschenen Garten, gemütlichen Räumen und der fantastischen Küche so schätze, war ich in den letzten 20 Jahren immer mal wieder dort, zu beruflichen oder persönlichen Seminaren und Fortbildungen. Vor einem halben Jahr habe ich meine beste Freundin überredet, mit mir und unseren insgesamt drei Töchtern zusammen dort einen 3tägigen WenDo-Selbstbehauptungskurs machen. Es brauchte nicht viel Überredung, eher ein kleines Wunder, denn wir leben 50 km und ein ganzes Universum voneinander getrennt. Wir beide haben so wenig Zeit für soviel Leben, dass wir uns nur 2-3mal im Jahr sehen. Unsere Mädchen kennen sich seit der Geburt, und die Freundschaft zwischen uns Frauen und zwischen unseren Töchtern ist von einer tiefen Vertrautheit geprägt, die auch ohne regelmäßigen Kontakt auskommt. Schon als 3Jährige sind unsere Mädels Hand-in-Hand miteinander eingeschlafen, „wir sind Freundins!“ haben sie selig gesagt. Diese drei Tage haben wir uns freigeschaufelt: sie hatte keine Kinder zu entbinden, ich keine Konzerte zu organisieren. Ihr Mann hat Urlaub für die beiden kleineren der vier Töchter genommen, mein Exmann hat sich zu einem Kurzurlaub mit dem Sohn hinreißen lassen. Dann ab die Fahrt, auf nach Zülpich!

Die Mädchen haben zusammen ein Zimmer belegt und es fielen Wörter wie „yeah!“ und „abfeiern“, wir Frauen haben ein Zimmer zusammen belegt und es fielen Begriffe wie „ausschlafen“ und „himmlische Ruhe“. Zusammen mit sieben weiteren Frauen und neun Mädchen haben wir von Carola Heinrich und Marija Milana, zwei wunderbaren, warmherzigen, erfahrenen und humorvollen Frauen viel über Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten, Befreiungstechniken, klare Entscheidungen, Körperhaltung und den Einsatz unserer Stimme gelernt. Wir sind durch einen stockdunklen Wald gelaufen und haben Bretter mit der bloßen Hand zerschlagen (ja, auch die Mädchen!), wir haben zusammen Monsterfange, magische Burg und Hase, Stall & Chaos gespielt, wir haben getanzt und tolle Frauen kennen gelernt, sehr viel geredet, auch über geheime Träume, gelacht, geschlafen und verdammt gut und viel gegessen! Auf der Rückfahrt sind die Mädchen nach rechts, links und vornüber schlafend zusammen gebrochen, ein göttlicher Anblick!  Drei Nächte Abfeiern fordern ihren Tribut, und angesichts dieser kindlichen Erschöpfung macht sich tiefe mütterliche Genugtuung in uns ausgeschlafenen, entspannten und glücklichen Frauen breit: wir haben sie gerockt, nicht umgekehrt, wie so oft.

Ich bin in einem Zustand absoluter Erschöpfung zu dem Seminar gefahren, und es war für mich wie eine Mini-Mutter-Kind-Kur, sozusagen die letzte Rettung. Einen Tag länger zu Hause unter den üblichen Gegebenheiten, und ich wäre wahrscheinlich final zusammen geklappt. Jetzt, nach dem Seminar, bleiben mir noch zwei Tage zu Hause, alleine mit meiner Tochter, weil der Kurzurlaub meines Sohnes zeitlich versetzt stattfindet, und ich genieße die Entspannung mit nur einem Kind. Ja, es wäre etwas ganz anderes, wenn ich nur ein Kind hätte, ich wäre nicht ansatzweise so erschöpft, meine Nerven und meine Seele kämen nicht regelmäßig an die Grenze des Aushaltbaren. Aber keine einzige Sekunde in meinem Leben würde ich eins meiner Kinder bereuen, ganz im Gegenteil: jeden Tag vermisse ich meinen temperamentvollen, lachenden, vor Humor und Lebensfreude sprühenden Sohn, der seinen Tee über den Abendbrottisch verschüttet, sich leidenschaftlich mit seiner Schwester zankt, der für mich auf der Gitarre ein Lied erfindet und der so verschmust ist, wie es nur ein verwegener 9jähriger Abenteurer sein kann.

Zülpich und meine Freundin, Ihr habt mich gerettet, und deshalb summe ich den ganzen Abend „Freundinnen müsste man sein…“

Danke!

Freundinnen müsste man sein