Warum mein Sohn morgen nicht in die Schule geht

Mein Sohn geht morgen nicht in die Schule. Er ist 9 Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Er hatte dieses Wochenende viel Kopfschmerzen und Bauchschmerzen, und weil er heute Abend immer noch darüber jammert, bleibt er morgen mal zu Hause.

Das ist zwar ein bisschen doof, weil ich eigentlich arbeiten muss, aber die Schwester hat bereits Osterferien (andere Schule), so sind sie also schon zu zweit. Ich nehme sie beide mit zur Arbeit und sie können dort Bücher lesen, Hörspiele hören oder sich ausgiebig zanken. Alles wie immer soweit.

Und warum schreibe ich das hier auf? Weil ein 9jähriger selten „einfach so“ Kopf-/Bauchweh hat. Fix gegoogelt ist das der Klassiker an Stress-Symptomen bereits bei Grundschulkindern. Ich könnte noch auf die „Trennungskind“-Nummer abheben, aber das wäre zu einfach. Tatsächlich ist es so, dass mein Sohn übers Wochenende einen Aufsatz schreiben sollte, eine sogenannte „Reizwortgeschichte“. Da assoziiere ich ganz andere Sachen, aber das Kind bekommt drei Reizworte genannt und soll nun eine Geschichte dazu schreiben.  Mein Sohn hat eine blühende Fantasie und einen immensen Wortschatz. Warum also hat er Probleme damit, Geschichten zu schreiben? Diese Reizwortgeschichten sind in ein sehr enges Schema gepresst, die Kinder müssen sich an strikte Regeln halten, sie lernen also, ihre Fantasie in eine vorgegebenes Konzept zu stecken. Das mag für das berühmte „später“ hilfreich sein, ich beobachte jedoch, dass es die wunderbare Fantasie meines Kindes ausbremst. Zudem hat er ein Motivationsproblem: „Ich weiß gar nicht, warum ich die Geschichte schreibe, ich les die eh nicht in der Schule vor und die Lehrerin liest die auch gar nicht ganz durch“.

Ich stutze. „Dürftest Du denn die Geschichte vorlesen, wenn Du Dich meldest?“. „Ja, aber an den Geschichten die vorgelesen werden, meckert die Lehrerin nur rum, das will ich nicht“. Das kann ich verstehen. Obendrein sieht er sich vor einem stundenlangen Aufsatz, denn: „Wir sollen jeden Tag 45 Minuten schreiben, wir hatten den Aufsatz von Donnerstag bis Montag auf, also muss ich jetzt 180 Minuten schreiben.“

Ich fasse zusammen:

Das Kind sieht sich einem schier unermesslichen Arbeitspensum ausgesetzt. Die Fantasie und der Wortschatz des Kindes werden in ein vorgegebenes Raster gepresst. Die vorhandene Veranlagung und das Talent des Kindes für Sprache werden nicht gefördert, das Kind hat keine Lust am fabulieren, Geschichten erzählen oder an Sprachspielen. Das Kind ist gänzlich unmotiviert, weil seine Mühen und Fähigkeiten von der Lehrerin überhaupt nicht gesehen und gewürdigt werden.

Dazu sollte man bemerken: er hatte in Deutsch auf dem Zeugnis eine 1-2, er ist also faktisch ein guter Schüler. Aber bei dem Gedanken, diesen Aufsatz entweder zu schreiben oder aber ohne diesen Aufsatz in die Schule gehen zu müssen, brummt ihm der Kopf und dreht sich ihm der Magen um.

Also werde ich ihn morgen krank melden und zwar rückwirkend für das ganze Wochenende (damit er den Aufsatz nicht nachschreiben muss) und werde unverzüglich das Gespräch mit der Lehrerin suchen, um sie zu fragen, was in aller Welt die da in der Schule mit meinem Kind anstellen und wie sie es schaffen, aus einem hochmotivierten fantasievollen und sprachbegabten Kind ein frustriertes Kopf-/Bauchwehkind zu machen, das angesichts eines zu schreibenden Aufsatzes in Tränen ausbricht?!? Und nein, das liegt NICHT an meinem Sohn!

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Warum mein Sohn morgen nicht in die Schule geht

„Ich hatte auch so einen Schlimmen“

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Kinder sind toll, nicht wahr? Wenn Kinder sich bewegen, ist es schon nicht mehr ganz so toll, wenn sie laut sind beim Bewegen, gar schnell, wagemutig und rasant – da hört es auf.

Das fing schon an, als sie noch Babys waren.

„Die ist ja lieb“ entzückten sich Fremdlinge über mein Baby. Nein, die schläft. Und was ist bitte „lieb“ bei einem 10 Tage alten Kind? Ist lieb nicht eine eher soziale Fähigkeit oder Handlung, zu der ein Baby noch gar nicht in der Lage ist? „Lieb“ ist: geht mir nicht auf die Nerven? Babys die laut sind, sind böse, ist das der Umkehrschluss? Nee, Babys schreien wegen Hunger Windel müde kalt einsam krank allesblöd, aber nicht weil sie böse sind, sondern weil sie ein Bedürfnis haben, das gestillt werden muss.

Wenn aus Babys Kinder werden, geht es gerade so weiter. Da sind liebe Kinder die, die hübsch still in der Ecke sitzen, lesen und lächelnd fragen, ob sie im Haushalt helfen dürfen. Aus nicht geklärten Gründen ist meine Tochter so ein Kind. Übermäßige Bewegung war noch nie ihr Ding, sie war schon als Baby extrem gechillt, wie der Hipster-Vater stolz feststellte, was sich im Alter von 3 Monaten mit 12stündigem Nachtschlaf und 2stündigen Mittagsschlaf ausdrückte. Oder wie die Oma sagt: so ein liebes Kind!

Das liebe Kind hat einen Bruder bekommen, der ihm zwar im Schlafpensum (gottlob) in nichts nachsteht, aber in seinen Wachphasen dem Universum seine ungebremste Dynamik in die Fresse schleudert. Er war von Anfang an Mr. 180%, hat immer die Ärmel hochgekrempelt, immer Schrammen, Narben, löchrige Klamotten, rote Wangen, leuchtende Augen und einen umwerfenden Charme. Das Kind ist eine Wucht!

Der kriegt allerdings nicht so charmante Rückmeldungen von seiner Umwelt wie die Schwester, der kriegt permanent vermittelt, dass er ein Störfaktor ist. Wenn wir an einer Bushaltestelle stehen, dann macht die Tochter: nix, steht halt da. Der Sohn brettert mit seinem Roller noch schnell 8x um den Blumenladen, weil da am Ende eine coole Schwelle ist, die man schanzen kann.

„Ich hatte auch so einen Schlimmen“, sagt die Frau vom Blumenladen.

„Schlimmen was?“

„Na so’n Kerl“

„Der ist nicht schlimm, der ist toll!“ (blöde Kuh!)

Mein Sohn ist mit 2,5 Jahren barfuß auf dem Bobbycar einen schönen steilen kurvigen Gartenweg auf Waschbetonplatten runtergepest. Der Vermieter hat fast einen Herzinfarkt bekommen und mich beschuldigt, das wäre viel zu gefährlich. Sohn hatte vom Bremsen keine Zehnägel mehr, die waren sauber abgeschliffen und einer Hornhaut gewichen. Er ist quitschend vor Vergnügen den ganzen Sommer da runtergesaust. Warum hätte ich das verbieten sollen? Wenn er umgekippt wäre, wäre er im Gras gelandet. Oder halt auf den Platten mit blutigen Knien. Egal, denn: ist er nicht, kein einziges Mal. Was dem Vermieter Angst gemacht hat, waren das Tempo, das laut juchzende Kind und der Geruch des Unkontrollierbaren.

„Passen Sie auf, dass der sich nicht weh tut“, rufen mir fremde Menschen zu, wenn mein Sohn klettert, skatet, fährt, rollt, wasweissich. Inzwischen ruft er selber zurück „Ich weiß dass Fallen weh tut!“

Was mich so ärgert, wundert, stört: er wird immer reglementiert, eingegrenzt, als Störung definiert. Was ist denn das für ein Mist, mit so einem Feedback aufzuwachsen? Kaum jemand sagt spontan „Hammer, was Du da machst, Respekt!“. Der nächste Schritt wäre, dem Jungen beizubringen, wie er seine Dynamik richtig lenkt, richtig einsetzt, damit er sie optimal nutzen kann, ohne sich und anderen weh zu tun. Da sind die Halbwüchsigen auf der Halfpipe auf jeden Fall eine bessere Adresse als die vonderLeyen-lookalike-Grundschullehrerin mit der Perlenkette.

Kinder sind dann angenehm, wenn sie sich möglichst erwachsen, oder besser: sediert verhalten. Da bin ich ja schon aus Trotz manchmal so dermaßen laut und albern, dass ich meinen Kindern peinlich bin. Denn ich finde es erstrebenswert, Fantasie zu besitzen, mutig zu sein, Neues auszuprobieren, um die Wette zu rennen, neugierig in Hinterhöfe zu gucken und auf der Strasse lauthals „ich war noch niemals in New York“ zu singen. Kinder brauchen Vorbilder.

„Boah Mama!“ heißt es dann.

„Geschafft!“, denke ich dann.

„Ich hatte auch so einen Schlimmen“