Weil ich hier bleiben muss

Mein Herz ist schwer.

Es war fast wie eine neue Liebe. Erst nur zögerlich, nur mal hingeblinzelt. Berührungsängste. Überwunden. Rückzieher gemacht und doch nicht davon lassen können. Nochmal hingeschaut. Faszinierend, spannend, aufregend, schön. Ja, das könnte was werden. Ja, ich glaub ich will das. Ja, ich lass mich drauf ein. Eine tiefe Sehnsucht wurde geweckt. Die Vorfreude wuchs auf das, was da kommen kann. Nochmal gezögert, in mich gehorcht und dann beschlossen: ich mach das das. Ich wage das. Das wird ein großes Ding und ich freu mich tierisch drauf. Ja, ich lass mich drauf ein! Und genau an dem Punkt, als meine Entschlossenheit mutig auf 100% war, sagt der andere: nö.

Ende. Aus. Vorbei.

Verdammt. Das tut weh. So weit war ich noch nie. Ich war schon so weit, ich war doch eigentlich schon da, es hat sich wirklich gut angefühlt. Aber es hat nicht gepasst.

Ich lebe seit 14 Jahren in einer Stadt, in der ich nur eine Woche bleiben wollte. Ich komme mit der Landschaft nicht klar, weil es hier keinen Rhein gibt. Und weil ich hier nicht Fahrrad fahren kann, jedenfalls nicht so unbeschwert wie zu Hause. Da wo ich her komme, ist der Rhein und das Herz weit wie das Meer, das Land flach wie ein Pfannkuchen und die Menschen mediterran aufgeschlossen, um nicht zu sagen: penetrant gut drauf.

rhein

Hier, wo ich jetzt wohne, tröpfelt ein Bächlein draußen vor der Stadt, wir sind eingeschlossen von Hügeln und man ist stolz darauf, dass es heißt „7 Jahre hier: 1 Freund“, oder „nicht geschimpft ist schon gelobt genug“. Ich finde das nicht witzig, ich finde das engherzig und ich komme mit dieser Einstellung nicht klar.

In 14 Jahren habe ich hier alles gefunden, was ich zum Leben brauche, nur nicht mein Glück. Ich habe zwei wundervolle Kinder, eine Wohnung mit sonnigem Garten, einen erfüllenden, kreativen und flexiblen Job mit großartigen Kollegen und eine üppige Liste an Kontakten im Smartphone. Wenn was ist, kann ich eine Menge Leute anrufen, die mir helfen. Wenn nix ist, kann ich anrufen wen ich will, es hat niemand Zeit. Und mich ruft alle Jubeljahre mal jemand an, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob wir am Wochenende zusammen mit den Kindern ins Freibad gehen. Oder in den Urlaub fahren. Oder ein Glas Wein zusammen trinken. Wenn ich zur Party einlade, freuen sich alle und kommen gerne, aber ich werde nicht eingeladen. Die meisten Leute haben hier leider nie Geburtstag, die wenigsten alle paar Jahre mal, krass. Zeit haben sie sowieso nicht. Oder die tun alle nur so nett und in Wahrheit bin ich total scheiße, nervig, doof und lästig. Das muss es sein.

Ich hab Herzeleid. Ich will nach Hause. Mit dem Rad den Rhein lang fahren, kilometerlang, stundenlang. Ohne erst drei Räder in die S-Bahn hieven zu müssen, am Ziel tut der Aufzug nicht und ich muss mich, zwei Kinder und drei Räder aus dem Untergrund bugsieren. Ich will meine Kinder von der Arbeit aus anrufen und sagen können „geht heute Nachmittag bei Oma vorbei, die hat einen Erdbeerkuchen gebacken, ich komm später dazu“. Hallo Ponyhof, ich weiß.

Vor 14 Jahren kam ich schwer verliebt in diese Stadt, arbeitslos, und blieb erst mal: Geh wohin Dein Herz Dich trägt. Zwei Wochen später war ich schwanger. Dahin trägt das Herz also. Das Kind wurde geboren, der Mann war viel unterwegs, ich hatte keine Freunde, keinen Job, keine Kontakte, war allein mit diesem zauberhaften Baby. Ich lief mit dem Kinderwagen weinend durch den Wald, einsam bis zum Anschlag und habe dem Kind und mir tröstend vorgesungen.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter einen Gruß. Lieber Vogel, fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss, denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

Es wurde noch ein Kind geboren, ich war glücklich mit meiner Familie, und ebenso beschäftigt. Das Heimweh ließ nach, ich war nur noch müde, habe gestillt, gewickelt, den Haushalt geschmissen, Bewerbungen geschrieben. Der Mann war viel unterwegs. Sehr viel. Ich war allein, fand erst Kontakte, als die Kinder in die Kita kamen.

Die Ehe zerbrach, ich zog mit den Kindern aus. Blieb aber in der Stadt, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte und dem Vater nicht die Kinder. Weil wir eine tolle Kita, viele Freunde, eine schöne Wohnung direkt gegenüber der Kita und ich endlich einen kleinen Job gefunden hatte. Wenn schon keine Familie mehr, dann sollte wenigstens alles andere für die Kinder stabil bleiben.

Ein Jahr später wechselte ich den Job in Richtung „Vollzeit aber Traumjob“, das erste Kind kam in die Schule. Schlechter Zeitpunkt, um die Stadt zu verlassen. Und so verpasste ich Jahr um Jahr das Zeitfenster, nach Hause zurück zu kehren. Mal kam ein Kind in die Schule, mal wechselte ein Kind die Schule. Das Heimweh wurde immer größer und irgendwann setzt ich mir selber die Pistole auf die Brust: entweder ich finde einen Job in der alten Heimat oder hier eine Wohnung mit sonnigem Garten. Die aktuelle Wohnung war zwar groß und günstig, aber dunkel und feucht.

Ich fand keinen Job in der Heimat, aber eine schöne Wohnung mit sonnigem Garten gleich um die Ecke. Das Schicksal hatte also für mich entschieden: wir bleiben in dieser Stadt. Ich arrangierte mich damit, zog um und genoss den Garten, immerhin.

Das Heimweh kommt aber immer noch, in Wellen, am schlimmsten ist es, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Ich schiele immer wieder nach dem passenden Zeitpunkt für den Absprung, aber der kommt nie. Erst war es die Kita, dann die Schule, jetzt die Pubertät. Die Kinder sind hier geboren, hier ist ihr Universum, hier verlieben sie sich. Sie wären längst groß genug, den Kontakt zum Vater selbstständig zu halten, auch mit 400km dazwischen, und ich glaube, der Opfer sind genug gebracht für eine glückliche Kindheit. Nach 14 Jahren habe ich das verdammte Gefühl: jetzt bin ich dran, Leute. Und ich will nach Hause.

Mir flattert ein Angebot ins Haus, ein spannender Karriereschritt: besser bezahlt, keine Abenddienste bis 2 Uhr und obendrein in der Heimat. Wow. Ich will nicht nur nach Hause, ich habe auch große Lust auf diese Arbeit, ich weiß dass ich das kann und dass ich das gut machen werde. Ich hab schon eine Menge Ideen und bin voller Tatendrang und Neugier.

Das schlechte Gewissen zu den Kindern bringt mich dabei fast um, ich verbringe viele schlaflose Nächte. Der Gedanke, ihnen sagen zu müssen dass wir wegziehen, ist schlimmer als die Verkündung der Trennung vor acht Jahren. Angst, den Kindern nach der kaputten Ehe nun endgültig die Kindheit zu versauen, sie aus ihrem Umfeld zu reißen. Angst, dann vielleicht gar nicht arbeiten zu können, weil die Kinder Schwierigkeiten mit den neuen Schulen, Umfeld, Freunden, Lehrern kriegen. Angst, dass ich alles zerstöre, was ich aufgebaut habe. Und dass nur, weil ich mit dem Rad den Rhein lang radeln will? Wie egoistisch kann man sein?

Alle Familien, die ich kenne, die umgezogen sind, waren mit zwei Erwachsenen ausgestattet. Da hat einfach mal einer (meistens die Frau) nicht oder nur wenig gearbeitet, bis die Kinder sich umgewöhnt hatten. Ich bin jedoch allein. Wie immer. Ich muss nicht nur diese Entscheidung alleine treffen, ich muss auch alle Konsequenzen alleine tragen. Eine Wohnung suchen, ein neues Netzwerk für uns aufbauen. Neue Schulen finden. Und natürlich arbeiten, und zwar volle Kanne ab dem ersten Tag, weil neuer Job.

Ich habe Angst, dass ich das nicht packe und mir endgültig alles um die Ohren fliegt. Ich bin in den acht Jahren des Alleinseins mit den Kindern drei Mal in Kur gewesen und zwei Mal monatelang arbeitsunfähig gewesen wegen kompletter Erschöpfung. Seit 1-2 Jahren läuft hier nun endlich alles etwas stabiler, die Kinder sind größer, im Job hat sich einiges entspannt. Und genau an dem Punkt will ich nochmal alles umreißen?

Ja, ich will. Ich habe meine Familie in der Heimat, alte Freunde und ich werde rasch neue finden, die Kinder sowieso. Ich packe das, das weiß ich. Ich will hier nicht bleiben und nicht alt werden, das merke ich bis in die Haarspitzen. Nie hätte ich gedacht, dass Heimat so wichtig für mich ist, wie schmerzhaft Heimweh sein kann. Es reißt Dir das Herz raus. Ich bin entschlossen, das nicht mehr auszuhalten.

Aber nein, siehe oben: Es hat nicht geklappt. Ich war 1mm davor und dann hat es nicht gepasst. Mein Schicksal hat zum zweiten Mal entschieden, dass ich nicht nach Hause gehe. Das tut weh. Ich bleibe also hier, in der Schwabenmetropole, und werde natürlich mit aller Leidenschaft das weiter machen, was ich mache. Weil ich keine halben Sachen mache, und weil ich es gerne mache. Ich habe einen großartigen, Sinn stiftenden Job, ich werde natürlich ab und zu doch zu Geburtstagen eingeladen, ich kann keine 500 Meter durch den Stadtteil laufen ohne Bekannte zu treffen, und wenn man mal den Schmerz in den Waden überwunden hat, klappt’s auch mit dem Fahrrad fahren. Aber mein Herz ist woanders. Geh wohin Dein Herz Dich trägt, aber ich kann nicht gehen.

Das Ganze ist jetzt fast ein halbes Jahr her und ich werde wohl hier bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob ich es wirklich getan hätte, denn die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug gewehrt, und sie sind einfach das Wichtigste in meinem Leben. Ich fühle mich ja wohl hier, wo ich jetzt bin, trotzdem habe ich Heimweh, immer wieder, Bilder vom Niederrhein kann ich ohne Wehmut überhaupt nicht anschauen. Und so sitze in meinem schönen sonnigen Garten und schaue den Vögeln im Baum zu.

Lieber Vogel fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss. Denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

garten

Advertisements
Weil ich hier bleiben muss

Schule? Bitte nicht so früh!

Die Schule macht uns fertig.

Mich und meine Kinder. Nein, nicht das Lernen, die Hausaufgaben, die Elternabende oder die Schulfeste. G8 oder G9, Klassenarbeiten, Vokabeltest, Jahresprojekte sind es auch nicht.

Es ist die Uhrzeit: 8 Uhr Beginn. Bei uns heißt das, dass ich um 6:30 Uhr aufstehe und um um 6.40 Uhr stehen die Kinder auf. Aber was heißt hier Aufstehen? Ich kratze die Kinder buchstäblich von den Matratzen. Wenn ich um 6.40 Uhr erstmals die Tür öffne und „Guten Morgen“ flöte, liegen beide im absoluten Tiefschlaf, wälzen sich langsam seufzend tiefer unter die Decke, kuscheln noch 5-10 Minuten im Bett, stehen dann murmelnd auf und erscheinen völlig zerstört am Frühstückstisch. Ich beobachte, wie die Zufuhr von Zucker und Kohlehydrate beim Frühstück ganz langsam die Lampen in den Gehirnen meiner Kinder anschaltet. Etwas später verlassen sie müde das Haus, ich schätze sie werden im Bus langsam wach, um dann in einem Zustand innerer Mitternacht in der Schule zu hocken.

Ich selber bin ebenfalls sturzmüde, weil mein Beruf es erfordert, dass ich pro Woche 1-2 Abendtermine bis ca. 24 Uhr oder auch 1 Uhr habe, und es mag an meinem Alter liegen, dass ich meinen Rhythmus nicht einfach so umgestellt kriege: an freien Abenden um 21 Uhr ins Bett, an Arbeitsabenden um 1 Uhr ins Bett. Denn immer ich bin allein ich es, die um 6.30 Uhr aufsteht. Immer, keine Ablösung, seit 8 Jahren. Wenn der erste Abendtermin in der Woche schon am Dienstag ist, kriege ich die Müdigkeit bis zum Wochenende nicht mehr weggepennt, die steckt mir in den Knochen und da hilft kein Mittagsschlaf (wann denn?) und kein frühes ins Bett gehen.

Frühes ins Bett gehen hilft übrigens auch nicht bei den Kindern. Sie liegen zwar um 21 Uhr im Bett, aber wer noch nicht schlafen kann, darf noch lesen. Der „Kleine“ mit seinen 11 Jahren legt meist das Buch um 21.15 Uhr weg und schläft, die Große (13) schläft oft erst um 22 Uhr oder später ein. Vorher sind die beiden vielleicht erschöpft, aber nicht müde genug zum Einschlafen. Und ich kann sie ja schlecht k.o. schlagen.

Sie sind einfach Spätaufsteher und Späteinschläfer, und sie schlafen wirklich lange und gern. Als Babys haben sie nach 10 Wochen ihre 12 Stunden durchgeschlafen und zu Kita-Zeiten hatten wir Mühe, auf 10 Uhr zum Morgenkreis aufzukreuzen. Nicht weil wir so getrödelt haben, sondern einfach weil sie von 20 Uhr abends bis 9 oder halb 10 tief und fest geschlummert haben. Alle haben mich beneidet um meine schlaffreudigen Kinder. Dann kam die Schule, seitdem ist Schluss mit lustig.

In den Ferien, wenn die beiden mal ein Ferienprogramm ab 9 oder 10 Uhr Uhr besuchen, merke ich, wie entspannt und fröhlich es hier zugeht. Die Kinder sind ausgeschlafen, beim Frühstück herrscht gute Laune und sie starten aufgeräumt in den Tag. Die Schule mit ihrem Beginn um 8 Uhr passt weder zum Biorhythmus von meinen Kindern oder mir, noch passt sie zu meinem Job, aber wir sind dem alternativlos ausgeliefert und entsprechend dauermüde bis an die Grenze der Erschöpfung.

Es gibt genügend Studien, die aufzeigen, dass der frühe Schulbeginn dem Lernerfolg der Kinder nicht zuträglich ist. Einige belegen sogar, dass er aktiv schadet. Natürlich gibt es einige Kinder, zu denen 8 Uhr perfekt passt. Aber es gibt mindestens genauso viele Kinder (und in der Pubertät noch sehr viel mehr), für die 8 Uhr eine echte Qual ist. Warum in aller Welt fängt dann die Schule so früh an? Sie ist doch für die Kinder da, die eine Menge lernen sollen, warum geht dann das Angebot so krass an Zielgruppe vorbei?

Weil die Eltern zur Arbeit müssen?

Nein: Schule ist keine Kinderbetreuung. Schule ist dazu da, den Kindern was beizubringen. Nicht, um sie aufzubewahren – okay: zu betreuen, während die Eltern arbeiten. Abgesehen davon trifft das ja auch gar nicht auf alle Eltern zu. Wenn ich zum Beispiel arbeite, ist auch keine Schule. Und nicht nur ich: sämtliche Dienstleistungs-/Schichtdienstberufe und Freiberufler, vom Krankenpfleger über die Busfahrerin, den Webdesigner bis zur Politikerin: in das 8 – 14 Uhr-Schema passen die alle nicht. Eine kleine Blitzumfrage von mir auf Twitter und facebook hat ergeben, dass ca. 35%-40% der berufstätigen Eltern flexible Arbeitszeiten haben. Immerhin haben sich fast 1000 Menschen an der Umfrage beteiligt.

Weil die Kinder noch was vom Tag haben sollen?

Nun, mein 6. Klässler auf dem bilingualen G8-Gynasium (gibt’s ne stressigere Schulform?) hat 3x/Woche um 13.10 Uhr Feierabend, 1x um 15.40 Uhr und alle 14 Tage ein zweites Mal um 15.40 Uhr. Ich würd mal sagen: da ist noch Luft nach oben, ohne dass die Kinder erst zur Tagesschau nach Hause kommen. Aber weil man ja nie von sich auf andere schließen soll, hab ich mal ins Netz geguckt: die Gymnasien in Baden-Württemberg haben 32-34 Wochenstunden, in der 9. und 10. Klasse 35. Das sind pro Tag 6,8 Schulstunden, sagen wir großzügig 7. Bei Beginn um 9 Uhr wäre mit Pausen um ca. 15.45 Uhr Schluss. Täglich von 9 – 15.45 Uhr in der weiterführenden Schule finde ich machbar. Und wir reden hier von der Stundentafel eines G8-Gymnasiums, alle anderen (G9, Real-/ Waldorf-/Gemeinschaftsschule etc) liegen eher bei 29 -32 Wochenstunden, die Grundschule kommt oft mit putzigen 22 Stunden aus. Über den Sinn und Zweck von Hausaufgaben konnte man dann im dem Aufwasch auch gleich verschärft nachdenken. Natürlich müssen Vokabeln gepaukt oder Bücher gelesen werden. Aber den überwiegenden Teil der Hausaufgaben halte ich für Mumpitz, worin mich verschiedene Studien unterstützen.

Kein Kind braucht übrigens fünf Hobbys. Meine Kinder kommen fast völlig ohne aus, aber bissl Sport oder Musik schadet ja nicht. Man kann allerdings auch um 17 Uhr noch 30 Minuten Klavierunterricht absolvieren und um 18 Uhr zum Basketball gehen. Selbst für dieses völlig aus der Mode gekommene „Freunde treffen“ oder „Langeweile“ ist zwischen 16 und 20 Uhr noch Zeit. Denn der Witz ist ja: die Kids müssen nicht mehr um 20 Uhr in der Falle liegen, wenn sie morgens ein Stündchen länger schlafen können. Der gesamte Rhythmus verschiebt sich nach hinten, weil (jetzt kommts!): die Stunde, die die Kinder später Schule haben, wird gar nicht von der Lebenszeit abgezogen!

Und ja: natürlich IST die Schule auch eine Betreuung für die Kinder, wenn die Eltern arbeiten. Da die Arbeitszeiten der Eltern aber sowieso alle total unterschiedlich sind, fände ich es sinnvoll, wenn es zu den Randzeiten vor und nach der Schule vernünftige und flexible Betreuung gäbe, damit ALLE Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können, ohne im burn-out zu landen. Und nicht nur die, deren Arbeitszeiten sich zufällig mit den aktuellen Schulzeiten deckt, während alle anderen Familien sich ein Bein ausreißen und mit privaten Ressourcen die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit abfedern.

Denn aktuell reißen sich alle ein Bein aus: zu allererst die Familien, die sich um Kopf und Kragen organisieren, um ihren Job zu erfüllen, die Kinder in die Schule zu schicken und den Nachmittag kindgerecht zu gestalten. Ob durch elterliche Anwesenheit, durch Hort oder Kita, durch Vereine, Freunde, Nachbarschaft, Tagesmutter etc. Es gibt viele Möglichkeit, und alle haben mit Kraft, Zeit und Geld zu tun, um es irgendwie hinzukriegen. Nicht in allen Familien ist genug Kraft, Zeit und Geld vorhanden, und so bleibt bei vielen was auf der Strecke. Die Schulen bleiben davon unberührt, die verkünden spontanen Unterrichtsausfall, machen Ausflüge die früher zu Ende sind als an dem Tag Unterricht gewesen wäre, die händigen am 1. Schultag einen fixen Stundenplan für die nächsten 12 Monate aus und die Familien können gucken, wie sie das gebacken kriegen.

Inzwischen haben gottlob endlich einige Arbeitgeber damit angefangen, die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben zu ermöglichen. Flexible Arbeitszeiten, flexible Arbeitszeitmodelle, Firmen-Kitas ect. Politik und Wirtschaft engagieren sich mehr oder weniger erfolgreich für Vereinbarkeit, für eine angenehme work-life-balance und für glückliche Arbeitnehmer. Nur die Schule machen da nicht mit: sie bleiben seit zig Jahren starr bei ihren Zeiten und Systemen, während alle um sie herum wie die Blöden ihren Alltag, ihre Familie und ihren Job jonglieren.

Die Schule ist für die Kinder da, und deshalb sollte die Schule sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Kinder brauchen nicht nur frische Luft, Bio-Gemüse und ein niedliches Kuscheltier, sondern auch ausreichend Schlaf und entspannte Eltern.

Natürlich habe ich nicht die perfekte Lösung parat, und natürlich gibt es an jeder Schule, in jeder Gemeinde und in jeder Familie Ausnahmefälle und Unmöglichkeiten. Da muss man sich halt hinsetzen und Lösungen erarbeiten. Ich wette, dass das geht!

Denn, so schreibt Nina Straßner alias Die Juramama in ihrem sehr guten Text zum selben Thema: „Wenn man einfach so ein ganzes Schuljahr streichen kann, von G9 auf G8, dann kann mir keiner sagen, dass sowas eine „unmögliche Reform“ wäre.“. (Bitte lest unbedingt den gesamten Text von Nina, er ist sehr klug und witzig und behandelt das Thema nochmal viel gründlicher und politischer als ich hier!)

Der frühe Schulbeginn macht nicht nur mich und meine Familie fertig. Er ist ungesund für die Kinder und er boykottiert mit seiner Sturheit jede Bestrebung von Politik und Wirtschaft in Richtung Vereinbarkeit.

Wie in aller Welt konnte sich so etwas so lange halten und wie in aller Welt kriegen wir das abgeschafft? Ich hätte längst eine online-Petition gestartet, aber ich bin immer so müde.

aufstehen

Schule? Bitte nicht so früh!

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Natürlich ohne die Kinder. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Quasi alleinerziehend

 

Da war er wieder, der Aufreger schlechthin: Alleinerziehende schreien bei so einer Aussage laut auf, verpartnerte Frauen versinken vor Scham im Boden ob dieser Frechheit: eine Frau in einer Beziehung bezeichnet sich als alleinerziehend. Dabei hat sie ja im Grunde recht, wenn man’s mal wörtlich nimmt: sie erzieht die Kinder alleine, den lieben langen Tag, weil der Gatte wegen seines Jobs abwesend ist.

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status. Im Steuerrecht gibt’s für Alleinerziehende einen Entlastungsbeitrag. Ja gut, der ist mickrig, aber er ist da. Und wenn das erste Kind 18 wird und noch zu Hause lebt, dann fällt der weg. Dann ist Mutti nämlich nicht mehr alleinerziehend, weil das Kind ja jetzt erwachsen ist. Wenn das 18jährige Kind Erwachsener noch zur Schule geht, dann hat es wahrscheinlich kein eigenes Einkommen. Und so mitten im Abi sinkt der Bedarf an mütterlicher Zuwendung auch nicht schlagartig mit dem 18. Geburtstag, aber egal: der Entlastungsbeitrag wird gestrichen, weil wenn mehr als 1 Erwachsener im Haushalt leben, dann ist man eben nicht alleinerziehend.

Die Dame aus dem Zitat oben mit dem abwesenden Mann ergo also auch nicht.

Warum sagt sie das dann?

In den 7 Jahren meines Lebens, die ich inzwischen alleine mit meinen Kindern lebe, sind mir viele solcher Aussagen begegnet. Wie die einer guten Freundin, bei der ich mich ausheule und die dann sagt, ihr Mann sei ja auch oft unterwegs. Wieso „auch“, wundere ich mich?

„Wenn Alleinerziehende nur halb soviel kochen müssen, dann meine Frau auch, ich bin ja so viel beruflich unterwegs“ sagte beim Kita-Elternabend der Porsche-Fahrer anlässlich der Verteilung der Eltern-Kochdienste. Da kann man schon mal würgen, wenn sehr gut verdienende Ehemänner ihre eigene Frau als alleinerziehend bezeichnen.

„Ich bin jetzt mal für 4 Tage alleinerziehend“ kokettieren Väter, die für ein paar Tage die Abwesenheit der Partnerin zu bewältigen haben.

Was ist da los? Warum bezeichnen sich Menschen, die in Beziehung leben, als alleinerziehend? Ist das jetzt ein mehr oder weniger schickes Label, das man sich aufpappt, ist das am Ende hip, alleinerziehend zu sein? Ich hab mal rumgefragt im weltweiten Netz, weil ich es verstehen wollte, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Menschen die das sagen, fühlen sich eben allein mit der Erziehung ihrer Kinder. Auch der Porschefahrer ist voller Empathie und (hoffentlich) Bewunderung und Liebe für seine Frau, die er mit den Kindern alleine lässt.

Da sind Menschen tagtäglich alleine mit der Erziehung ihrer Kinder, benutzen unreflektiert das falsche Wort und kriegen die komplette Empörung  der „echten“ Alleinerziehenden ab.

„Echte“ Alleinerziehende? Was ist das jetzt?

Dazu musste ich interessante Erfahrungen machen, zu diesem „echten alleinerziehend“. Denn statt sich gegenseitig zu unterstützen, verfallen Menschen, die sich alleine um Kinder kümmern, leider allzu oft in eine Art Wettbewerb, wer am alleinerziehendsten ist. Ich bin das schon mal nicht, das kann ich gleich verraten. Als ich den Text „48 Stunden Alleinerziehend“ veröffentlicht habe, wurde ich gleich angegriffen: Echte Alleinerziehende können sich keine Haustiere leisten! Krass, die Haustierhaltung als Kriterium des alleinerziehens? Zudem zahlt der Vater meiner Kinder Unterhalt: eine weiteres k.o.-Kriterium, denn es gibt viele, die es nicht so gut haben. Und der Vater kümmert sich alle 14 Tage so gut um die Kinder, dass ich in dieser Zeit wirklich mal abschalten kann. Außerdem habe ich einen Job, der meine kleine Familie gut ernährt und ich kann mir eine private Altersvorsorge leisten: ich bin eindeutig zu privilegiert für eine Alleinerziehende! Klingt komisch, ist aber so, ist mir in zahlreichen Kommentaren so begegnet. (So heftig übrigens, dass mir kurzfristig die Lust vergangen ist, mich jemals wieder für Alleinerziehende zu engagieren.)

Es gibt also „zu privilegierte“ Alleinerziehende. Dann es gibt es neu verpartnerte Alleinerziehende. Es gibt Familien mit Wechselmodell (da wechseln die Kinder 50/50 ihren Wohnsitz), es gibt Familien mit Nestmodell (Kinder wohnen in der Familienwohnung, Eltern fliegen ein und aus), es gibt so irre Typen wie Jochen König, der alles Dagewesene auf den Kopf stellt und mit seiner Familienbezeichnung „2 Kinder von 3 Müttern“ für Verwunderungen sorgt: ist der alleinerziehend?

Es gibt zwischen „Paar mit Kindern“ und „Alleine mit Kindern“ so dermaßen viele Grauzonen, Zustände und Familienkonstellationen, dass es inzwischen fast unmöglich erscheint, „Alleinerziehend“ trennscharf zu definieren.

Dabei bleibt es dann doch relativ einfach: Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Sagt Wikipedia.

Von Haustieren steht da nix, auch nix von wirtschaftlichen Verhältnissen, dem Fließen von Unterhalt oder der Berufstätigkeit. Von Abwechseln übrigens auch nicht, demnach wären die Wechselmodell-Eltern zwar zwischenzeitlich allein, aber nicht alleinerziehend. Nennt sich ja auch getrennt erziehend, nicht allein erziehend. Ob das zutreffend ist, sei mal dahin gestellt. Und so ganz allein erzieht natürlich kein Mensch seine Kinder. Da sind noch Lehrer und Erzieher, Nachbarn und Freunde, Verwandte und Busfahrer, Judolehrer und Bäckereiverkäufer, sie alle üben Einfluss auf unsere Kinder aus. Aber sie tragen nicht ansatzweise die Verantwortung, die die Eltern tragen. Oder eben nur ein Elter.

Wikipedia-like alleinerziehend zu sein, also ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person, ist übrigens sehr sehr anstrengend. Denn das heißt ja nicht nur, alleine Frühstück Mittagessen Abendessen zu machen, alleine Kita-/Schulprobleme zu bewältigen, alleine jeden Wut-/Trotz-/Pubertätsanfall auszugleichen, alleine putzen waschen einkaufen und für Bewegung an der frischen Luft zu sorgen. Das heißt auch, alleine die Familie finanziell abzusichern, alleine fürs Alter vorzusorgen, alleine die Existenzängste auszuhalten, wenn Kinder oder Mutter krank werden, weil das den Jobverlust nach sich ziehen kann. Denn auch wenn ich einen guten Job habe: ich muss die Krankentage von drei Leuten wegorganisieren und ich muss 12 Wochen Schulferien mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Das ist nicht trivial, und soviel Geld, um das alles outzusorcen, habe ich bei weitem nicht. Abgesehen davon WILL ich mich ja um meine Kinder kümmern, wenn sie krank sind, und ich will sie auch nicht die ganzen Schulferien vor der Glotze parken.

Da hilft übrigens auch keine Mutter-Kind-Kur und kein Mandala-Malen, denn das ist massiver psychischer und finanzieller Druck, der jahrelang auf Alleinerziehenden lastet, zusätzlich zu dem täglichen Jonglieren mit 2-4 Terminkollisionen und 1000 Dingen, an die man gleichzeitig denken muss, weil da einfach niemand ist, mit dem man sich besprechen und abwechseln kann. Und by the way zusätzlich zu den Diskussionen über kinderrelevante Themen mit einem Menschen, den man nicht nur nicht mehr liebt, sondern den man ev. auch überhaupt nicht mehr mag oder mit dem es sogar gerichtliche Auseinandersetzungen gibt (und dann sind wir noch lange nicht beim Thema familiärer Gewalt). Von alledem ist die Frau des Porschefahrers relativ weit entfernt. Und auch der Vater, der mal 4 Tage allein mit den Kids ist. Und auch die Freundin, deren Mann beruflich so viel unterwegs ist.

Aber trotzdem fühlen auch diese Menschen sich allein. Allein gelassen, allein in ihrer Beziehung, allein mit dem Alltag und mit den Kindern. Und das muss man ernst nehmen, denn das ist wirklich traurig! Und noch beschissener ist es, wenn sich ein Mensch, der in einer Beziehung lebt, nicht mal mehr traut zu sagen, dass er sich entsetzlich allein und überfordert fühlt, aus lauter Angst, den Alleinerziehenden (denen es ja per se viel beschissener geht) damit zu nahe zu treten. Oder wenn ein allein gelassener Mensch, der sich darüber beklagt, zu hören bekommt: Quatsch, Du bist gar nicht allein! Du hast doch jemanden, ich bin viel alleiner, mir geht’s viel dreckiger, weißt Du überhaupt, was Du für Privilegien hast?!

Das ist wahrlich kein schönes Argument, dieses „mir geht’s aber viel schlechter!“. Wenn ich mich allein fühle in meiner eigenen Familie, nutzt mir die Information nichts, dass nach dieser oder jener Studie soundsoviel Prozent der Alleinerziehenden nicht nur allein, sondern sogar von Altersarmut bedroht sind. Das ist schlimm, aber da hat der allein gelassene Mensch in dem Moment nichts von.

Das einzige, was diesem allein gelassenen Menschen hilft, ist genau das, was Alleinerziehende permanent (und zu recht!) für sich einfordern: Respekt, Empathie, Anerkennung. Gesehen zu werden. Ernst genommen werden. Denn auch ein Mensch mit Partner kann sich NATÜRLICH alleine fühlen. Und nur wenn ich als Alleinerziehende das sehe, ihre Leistung würdige und ihrem Alleinsein mit Empathie begegne, kann ich das auch für mich einfordern.

Und deshalb ist es eigentlich scheißegal, ob ich alleinerziehend bin oder nicht. Wir sollten uns fragen, warum sich so viele Menschen in ihrer eigenen Familie, gleich welche Konstellation, so allein und überfordert fühlen. Warum es so verteilt ist, dass permanent einer unter der Last zusammen bricht. Familien brauchen innerhalb ihres Systems eine bessere Verteilung der Sorge um Kinder, Geld, Arbeit und Haushalt. Und von außerhalb braucht es viel mehr Unterstützung für Familien und und es braucht Strukturen, die eine paritätische Aufteilung der Familienarbeit ermöglichen und aktiv unterstützen. Damit meine ich nicht den ermäßigten Eintritt meines Kindes ins Planetarium oder einen Monat Väterzeit fürs Baby, sondern damit meine ich eine bedingungslose Grundsicherung für alle Familien, damit Eltern und Kinder mehr Zeit füreinander haben, ohne finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde zu gehen.

Ich möchte einfach weg von diesem „Wettbewerb“, wer sich als alleinerziehend bezeichnen darf und wer nicht. Du nennst Dich alleinerziehend, weil Dein Mann Vollzeit arbeitet? So allein gelassen fühlst Du Dich? Was würde Dir helfen, was kann ich für Dich tun?

Anna Karenina

Quasi alleinerziehend

Muttertagswunsch – die Antworten der Parteien

Aktion Muttertagswunsch? War das nicht im Mai? Ja genau: zum Muttertag am 14. Mai 2017 hatten wir (Christine Finke, Sonja Lehnert und family unplugged) wieder alle Familien dazu aufgerufen, ihre Wünsche an die Politik zu twittern und zu posten. Unter dem Hashtag #muttertagswunsch ist dann auch zum 2. Sonntag im Mai das Netz wieder übergelaufen mit den Forderungen von Familien.

Dieses Jahr haben wir, anlässlich der Bundestagswahl, die vielen Hundert Tweets und Posts gelesen und zu 10 zentralen Fragen zusammen gefasst, die ich im Namen der Initiatorinnen am 3. Juni 2017 an die Bundestagsparteien geschickt habe. Mit der Bitte um Beantwortung bis zum 15. Juli. Wir fanden, 6 Wochen sind eine angemessene Zeit, um auf unsere Fragen zu antworten.

Vier Wochen lang passierte: nichts.

Nun ja, ich habe meine Hausaufgaben auch immer erst auf den letzten Drücker gemacht, aber um nicht in Vergessenheit zu geraten, habe ich am 3. Juli dieselbe Mail mit einer netten Erinnerung nochmal abgeschickt. Übrigens immer an die Mailadressen, die die Bundestagsparteien auf ihren Websites als Kontakt abgegeben haben. Zudem wurde der Fragenkatalog von den Initiatorinnen verbloggt und veröffentlicht sowie auf facebook und Twitter gepostet. Selbstredend mit Markierung sämtlicher angesprochener Parteien. Da diese Texte mannigfach geteilt und geliked wurden, dürfte sich die Leserschaft im oberen 6stelligen Bereich bewegen.

Scheint die Parteien nicht weiter zu beeindrucken, denn bis zum Abgabetermin am 15. Juli hatten wir genau 1 Reaktion: einzig Die Linken haben ohne große Rückfrage oder Bitte um Fristverlängerung einfach auf alle Fragen geantwortet und dies fristgerecht zurück geschickt. Wow!

Die Grünen hatten sich nach der Erinnerung am 7. Juli gemeldet mit der Info, die erste Mail sei im Spam-Ordner gelandet, und baten um Fristverlängerung. Die wurde großzügig gewährt und so erreichte uns am 21.7. die Antworten der Grünen, immerhin.

Die SPD hat nur einen Tag nach der Frist ihre Antworten gesendet, am 16.7., das lassen wir natürlich ebenso großzügig als fristgerecht durchgehen.

Die FDP hatte bereits am 14.7. geantwortet. Allerdings haben sie nicht auf die Fragen geantwortet, sondern ein sehr langes Grundsatzpapier zur Familienpolitik geschickt. Da musste ich um Nachbesserung bitten, denn die Arbeit, sich die Positionen der FDP zu UNSEREN Fragen rauszusuchen, wollte ich der Partei nicht abnehmen. Daraufhin wurde ich mehrfach von der Bundesgeschäftsstelle persönlich angerufen, man bat um Verzeihung und weiteren Aufschub. Wir waren quasi kurz davor, uns zu duzen, da erreichte mich tatsächlich am 8. August die Antwort der FDP. Geht doch.

Und die CDU?

Ich sag mal so: es ist kompliziert. Im Grunde hat die CDU Bundespartei bis heute nicht geantwortet.  Die Bundespartei hatte sich auch nach einer dritten Mail am 28.7. nicht gerührt, obwohl die nun wirklich sehr direkt war:

Als einzige Partei hat die CDU nicht geantwortet, obwohl Sie diese Mail bereits mehrere Male bekommen haben (siehe unten) und wir Sie auf facebook & Twitter mehrfach angesprochen haben.

Hat die CDU keine Antworten zur Familienpolitik? Das können wir uns nicht vorstellen!

Drei Stunden später hatte ich die Antwort von Paul Ziemiak, dem Vorsitzenden der Jungen Union. Wohl auch nur deshalb, weil ich ihn seit der ZDFneo-Produktion „Volksvertreter“ persönlich kenne und er mir damals die Antworten bereits versprochen hatte. Aber ist Paul Ziemiak die Stimme der Bundespartei? Hm.

Ich habe mir dann einfach die Kontaktadresse der Stuttgarter CDU-Bundestagskandidaten rausgesucht und Stefan Kaufmann und Karin Maag mit dem Verlauf dieser Fragen konfrontiert. 10 Minuten später (!) rief das Büro von Herrn Kaufmann an, wie peinlich dies alles sei und man werde sich sofort um Antworten bemühen. Die nach einer weiteren Erinnerung meinerseits dann auch nach 8 Tagen eingetroffen sind. Und nur einen weiteren Tag später auch von Karin Maag: am 15.8., schlappe 10 Wochen nach der ersten Aussendung. Sie hat allerdings nicht auf die Fragen geantwortet, sondern einen allgemeinen Text zur Familienpolitik geschickt.

Lange Rede kurzer Sinn: es ist unfassbar mühselig, als einfache Bürgerin Antworten von den Bundestagsparteien zu bekommen. Auch als Bloggerin, die sich mit anderen Bloggerinnen zusammen tut und die gemeinsam auf eine Reichweite von ca. 15.000-20.000 Menschen (facebook & twitter) kommen, abgesehen von den Zugriffen auf unsere Blogs, wenn wir Texte posten (das geht mal flott über die 100.000) rückt man noch lange nicht in den Aufmerksamkeitshorizont der Parteien. Dass die Parteien dann auch noch gemäß ihrer rechts-links-Orientierung in zeitlicher Abfolge reagieren, und die kanzlerinstellende Regierungspartei sich auf ihre Bodenpersonal verlässt, ist – sagen wir: interessant.

Und was haben sie denn nun geantwortet?

Das, liebe Leserschaft, überlassen wir Euch. Die Antworten sind z.T. so umfassend, dass wir als Fragende nun auch gelernt haben, beim nächsten Mal eine Begrenzung zu fordern. Ich bin allerdings weder die Bundeszentrale für politische Bildung, noch habe ich tagelang Zeit, politische Texte zu analysieren und auf Kernaussagen einzustampfen. Ich bin eine vollzeitarbeitende Alleinerziehende, die sich zudem mitten in den Sommerferien befindet (das ist die Zeit, wo die Kinder nicht betreut sind, liebe Parteien, schon gar nicht die Kinder über 10 Jahre), ich kann und will diese Texte nicht zusammenfassen, kürzen oder in appetitliche Häppchen verpacken. Dabei hätte ich wirklich SEHR gerne einen Wahl-o-Mat für Familien erstellt, um es Euch einfach zu machen (vielleicht nächstes Jahr)!

Drum bleibt mir hier nur, Euch die Antworten in ungekürzter Fassung zu präsentieren. Ein Klick auf die Frage, und dann tun sich fünf verschiedene Antworten auf, jeweils in der Reihenfolge, wie ich sie erhalten habe. Ich wünsche, auch im Namen meiner Mit-Initiatorinnen, informative Einsichten!

Und das Wichtigste natürlich: geht wählen!

******

Muttertagswunsch 2017: Fragen an die Parteien

1. Frage: Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?

2. Frage: Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?

3. Frage: Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?

4. Frage: Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?

5. Frage: Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?

6. Frage: Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?

7. Frage: Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?

8. Frage: Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?

9. Frage: Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?

10. Frage: Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Zum Schluß noch der Vollständigkeit halber: die Antworten wurden eingesendet von

  • Helge Meves, Bundesgeschäftsstelle DIE LINKE, Bereich Strategie & Grundsatzfragen
  • Volker Nobisrath, Abteilungsleiter Politik, SPD Parteivorstand
  • Donate Hochstein, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Bundesgeschäftsstelle, Referat Öffentlichkeitsarbeit
  • Nicola Beer MdL, Staatsministerin a.D., Generalsekretärin, Freie Demokratische Partei
  • Dr. Stefan Kaufmann, MdB, Rechtsanwalt, Kreisvorsitzender der CDU Stuttgart

Die zusätzlich eingesandten Antworten von Paul Ziemiak sind mit einem Klick auf seinen Namen zu lesen. Wer die allgemeinen Texte von Karin Maag und der FDP zur Familienpolitik lesen möchte, kann diese gerne bei mir anfordern.

Muttertagswunsch – die Antworten der Parteien