Ich will nicht runterzählen.

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„Wann ist Acht?“ hab ich mich manchmal mit sehnsüchtigen Blick auf die Uhr gefragt, als die Kinder noch klein und ich (mal wieder) einen ganzen langen Tag mutterseelenallein mit ihnen war.

„Ist ja bald vorbei, das Bergfest hast Du schon geschafft“ höre ich oft, seit meine Tochter 10 und der Kleine 8 Jahre alt ist.

Bald können sie laufen, sprechen, aufs Klo gehen, Fahrrad fahren. Bald gehen sie alle Wege allein, verabreden sich selber, brauchen sie kein Schlaflied mehr, kochen sie selber ihr Mittagessen.

Bald ziehen sie aus.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Kinderzeit meiner Kinder ein einziges Runterzählen ist. Ständig warte ich, dass etwas vorbei ist und was neues, besseres (?) kommt. Wenn ich nicht selber warte, werde ich von außen drauf gestoßen, nein: eher getröstet, dass es ja bald vorbei sei. Seit ich alleinerziehend bin, erst recht.

Aber diese Kinderzeit ist doch kein Martyrium! Weder für mich noch für die Kinder. Natürlich ist es wie eine Befreiung, wenn ein Kind sich endlich auf den Bauch drehen kann und lachend eine ganz neue Perspektive auf die Welt entdeckt. Natürlich eifern wir daraufhin, dass sie laufen lernen und sie auf eigenen Füßen ihre Umgebung erkunden. Und natürlich freuen wir uns über jedes neue Wort, jeden Satz und jeden Gedanken, der aus diesem kleinen Kopf kommt. Diesen Eifer, dass es immer weiter geht, bringen vor allem die Kinder selber mit, denn ohne diesen Eifer würden sie nicht wachsen und sich nicht entwickeln. Die Eltern eifern mit, spornen an, unterstützen und begleiten diesen Drang nach Entwicklung und Wachstum. Aber der Grad zur Ungeduld der Eltern, das Kind möge doch endlich einen bestimmten Entwicklungsschritt machen, scheint verdammt schmal zu sein.

„Wann lernt er endlich still zu sitzen?“

„Wann kann sie sich endlich allein anziehen?“

„Wann bringen die sich eigentlich selbst ins Bett?“

„Wann frühstücken die endlich morgens um 6.30 Uhr ohne mich?“

Das Leben mit Kindern ist sackanstrengend und das elterliche Bedürfnis nach Entspannung und Entlastung ist groß. Wenn dann noch Job und Trennung dazu kommen, ist es manchmal zum auf den Boden legen und vor Erschöpfung leise weinen. Trotzdem mache ich mir immer wieder klar: ich darf doch hier nicht runterzählen?! Ich habe doch die Kinder nicht bekommen, um zu warten, wann ich sie wieder los bin? Ich darf, ich muss, ich kann mich freuen über jeden neuen Schritt, den sie tun, aber das Tempo bestimmen die Kinder. Es ist ihr Leben, ihre Entwicklung, ihr Körper, ihr Geist. Ich darf sie begleiten, nicht antreiben. Gras wächst nicht eh nicht schneller, wenn man daran zieht. Dann kann ich mich auch hinsetzen und voller Freude zuschauen, was da gerade neues entsteht.

Egal wie groß die Belastung und Erschöpfung bei mir ist: wenn sie ausgezogen sind, werde ich jede Sekunde mit ihnen vermissen. Die Schlaflieder, die ersten Worte, die langen Gespräche am Esstisch, die Streitereien beim Monopoly, das Einschlafen auf meinem Arm, sogar diese blöden Adventskalender und ganz bestimmt einen ganzen langen Tag mutterseelenallein mit zwei Babies.

Und so hat sich meine Perspektive gedreht: ich zähle runter, aber erschrocken: mein Gott, sie sind schon so groß und bald sind sie weg – ich genieße jeden Tag, den wir (noch) zusammen verbringen. Deshalb muss ich versuchen, meine Erschöpfung in Grenzen zu halten (und nicht leise weinend auf dem Boden zu liegen), um die Zeit überhaupt genießen zu können. Ich brauche noch Reserven, um mit dem Racker durch die Bude zu toben, und Geduld, um den vorpubertären Gedanken und Gefühlen meines Mädchens noch mit Mitgefühl zu begegnen. Meine Kinder sollen ihre Kinderzeit genießen, und wir wissen alle, dass Kinder durch Nachahmung lernen: sie können ihre Kinderzeit nur genießen, wenn ich sie auch genieße.

Wir zählen hier nicht mehr runter, aber wir zählen jeden Tag, damit wir wissen, wie viele schöne Tage wir zusammen haben.

Ich will nicht runterzählen.