Der Montag

Freitag – Sonntag: durchgearbeitet, ich hatte ein Festival.

Montag, 8.15 Uhr: ich habe kinderfrei und werde wach, weil das Nachbarskind durchs Treppenhaus poltert und laut „tschüss“ ruft

8.25 Uhr: ich werde nochmal wach, weil die Kollegin anruft. Vibrationsalarm, aber ich werde trotzdem davon wach. Ich gehe nicht dran, nichts kann so wichtig sein

9 Uhr: ich gebe den Versuch auf, nochmal zu schlafen. Trinke im Bett Kaffee, höre Radio, lese das Internet leer, fühle mich wie überrollt.

10.30 Uhr: ich fahre zur Arbeit, weil ich das Lastenrad noch ausladen muss. Ein Kollege hat Urlaub, die Kollegin von heute morgen hat inzwischen eine SMS geschickt, dass sie krank ist. Ich leite die Mails der Abwesenden auf mich um,  trinke mit dem Hausmeister Kaffee, wir bequatschen das Wochenende. Ich arbeite im Büro, erledige das Nötigste, bin entsetzlich müde und will gerade nach Hause und in Ruhe heiss duschen, aber

15 Uhr: meine Tochter ruft an. Sie hockt vor der Schule, in die der Vater sie heute morgen mit dem Auto gebracht hat. Drum ist auch niemanden aufgefallen, dass ihr Busticket nicht da ist, Portemonnaie auch nicht. Sie kommt nicht nach Hause, ich habe kein Auto, beim Ex geht die Mailbox dran. Mein Hausmeister leiht mir sein Auto, ich hole das Kind ab, bringe sie nach Hause, bringe das Auto zurück zur Arbeit, laufe nach Hause. 45 Minuten unterwegs für nix.

16 Uhr: zu Hause, der Sohn kommt vom Hort. Die Kinder spielen, machen Hausaufgaben. Ich bin müde. Ich räume die Wochenend-Tasche der Kinder aus und wasche einfach alles. Ich gucke schon lange nicht mehr, ob die Sachen sauber oder dreckig sind, ich frage mich ich schon lange nicht mehr, ob die Kinder echt das ganze Wochenende dieselbe Unterhose anhatten. Ich räume die Küche auf, bringe Altpapier raus, räume die Spülmaschine aus, die Waschmaschine ein, staubsauge, mache Abendessen.

Ich überlege, wann ich aus diesem Hamsterrad mal rauskomme, wann ich über meine Zeit mal frei verfügen darf, wann mich mal jemand ablöst. Die Antwort ist einfach: keiner und nie, also die nächsten 10 Jahre zumindest nicht. Urlaub? Die Sommerferien sind gerade erst vorbei, ich hab eh keine Kohle mehr. Mutter-Kind-Kur? Ich will nicht weg, ich will hier mein Leben besser hinkriegen und keine Unterwassergymnastik im Schwarzwald machen. Kinderfreie Woche? In weiter Ferne, und keine echte Linderung. Eine Woche Ausnahmezustand tut’s nicht, das weiß ich inzwischen. Mir fällt nichts ein, ich bin so müde.

19 Uhr: wir essen, quatschen. Ich räume die Küche auf, ich suche die Vesperboxen in den Schulranzen. „Die sind beim Papa“. Schön, die ungefähr 25. Vesperbox, die einfach von uns geht. Was der Ex, der Hort, die Schule wohl mit diesen ganzen Vesperboxen machen? Wir gucken zusammen kika.live. Ich frage mich, wann das aufhört, dass abends im Wohnzimmer Kika läuft. Ich habe kein eigenes Zimmer, mein Bett und mein Schreibtisch stehen im Wohnzimmer .Ich habe ja auch gefühlt kein eigenes Leben. Ich bin so müde.

20.30 Uhr: die Kinder gehen ins Bett, ich hänge Wäsche auf. Gehe mit dem Sohn schmusen, wir reden noch ein bisschen. Ich gehe mit der Tochter schmusen, wir reden noch ein bisschen. Abends reden ist so schön. Ich bin so müde.

21.10 Uhr: Ruhe in der Wohnung. Ich decke den Frühstückstisch und füttere die Katzen. Mir fällt ein Druckfehler in einer Karte ein, die ich heute freigegeben habe und die morgen gedruckt wird. Ob ich das morgen noch retten kann oder jetzt noch schnell eine Mail an die Druckerei schicke? Der Sohn ruft mich, er hat Bauchweh, ich tröste ihn.

21.20 Uhr ich sitze auf dem Sofa und will gerade durchatmen, da kommt der Sohn aus dem Bett, er hat Kopfweh. Er findet die Schule doof, er will nicht so früh aufstehen. Wir reden ein bisschen, ich tröste ihn, er will in meinem Bett schlafen. Ich hole seine Decke und Kuscheltiere, er schläft in meinem Bett ein.

21.56 Uhr: ich schreibe diesen Text und bin wirklich sehr müde!

Und das war erst der Montag, um 6.15 Uhr klingelt der Wecker. Gute Nacht.

Der Montag

Familienurlaub auf Lanzarote

Letztes Jahr waren wir in der Türkei, was wir dieses Jahr aus politischen und sicherheitstechnischen Gründen nicht wiederholen wollten. Der Anbieter Renatour hat aber noch andere tolle Familienurlaube im Programm und so habe ich mich darauf verlassen, dass es auch dieses Mal wieder schön und erholsam wird.

Es war meistens schön und meistens nicht erholsam. Ich war mit Rechnen und Geld zählen beschäftigt, was mir den Urlaub echt verleidet hat. Ich habe wirklich ein Jahr lang für den Urlaub gespart und ich bin sicherlich nicht so blauäugig zu denken, dass vor Ort nicht noch weitere Kosten anfallen. Aber mit diesen Summen hatte ich nicht gerechnet, und ich habe sie auch nicht. Ich werde also noch viele Monate dem Urlaub hinterher sparen. Ich habe natürlich vorher Preise verglichen: andere Unterkünfte waren nicht billiger, hatten aber oft schlechte Bewertungen auf Kundenportalen. Renatour hingegen hat gute Bewertungen und achtet auf Nachhaltigkeit und umweltbewusstes Reisen, was mir gut gefällt.

Ich kann mir das eigentlich nicht leisten, einen Urlaub zu machen, der mir nicht ein Mindestmaß an Erholung bringt. Jetzt sind die Sommerferien vorbei und ich bin müde, erschöpft und pleite.

Natürlich hatten wir auch tolle Erlebnisse, die Kinder und ich. Wir waren in den Feuerbergen von Lanzarote, haben winzige Albino-Krebse gesehen und Höhlen besichtigt, wir haben viel gelesen, gespielt, gequatscht und die Kinder haben auch viel geschlafen (ich nicht, es war zu laut und zu hell). Wir hatten lange tolle Strandtage an einem wirklich umwerfenden Strand. Ich war streckenweise sehr einsam, weil ich erst ganz zum Schluss eine nette Frau kennen gelernt habe, und auch die Kinder hatten eher oberflächliche bis gar keine Freunde, aber die haben sich ja gegenseitig.

Für den Veranstalter Renatour, den ich eigentlich empfehlen kann, habe ich den Urlaub zusammen gefasst, weil die eine Rückmeldung haben wollten. Ich weiß nicht, ob sie es auf ihrer Website veröffentlichen. Nächstes Jahr fahre ich in ein gemütlich großes Haus am Meer mit vielen Freunden und Kindern – wer kommt mit?

Familienurlaub auf Lanzarote

Ich war im August 2016 mit meinen beiden Kindern (9 und 11 Jahre) auf Lanzarote im Centro de Terapia Antroposofica.
Wir haben uns tierisch auf diesen Urlaub gefreut, weil wir 2015 mit Renatour bereits sehr gute Erfahrung in dem Familiencamp Odysseus in der Türkei gemacht haben.
Hier auf Lanzarote war es jedoch etwas anders als im Familiencamp, denn alle reisen irgendwann an und irgendwann ab, was Ferienfreundschaften der Kinder nicht unbedingt unterstützt. Aber wir waren auf Anhieb von der schönen ruhigen Anlage und den beiden tollen Pools im liebevoll angelegten und sehr gepflegten Garten begeistert! Die Kinder haben die ersten Tage praktisch komplett im Pool verbracht.
Das Apartment ist sehr schön eingerichtet mit gemütlichem Sofa und Sessel, großer Terrasse, kleiner, gut eingerichteter Küche und sogar einer Badewanne. Sage und schreibe 3x pro Woche wurde gereinigt, das war für uns der Luxus pur, toll! Als einzige Erwachsene mit zwei Kindern haben die Kinder das Schlafzimmer mit zwei zusammen gestellten Betten bekommen, während ich auf dem Sofa vor einem ordentlich lauten Kühlschrank schlafen durfte. Obwohl wir ein 3-Personen-Appartment gebucht hatten, ist das Wohnzimmer nicht wie das Schlafzimmer verdunkelbar, so dass ich pünktlich mit der Morgensonne wach geworden bin. Das und der laute Kühlschrank standen leider recht konträr zu meinem Erholungsbedürfnis.
Am vierten Tag sind wir das erst Mal an den Strand gegangen, und das hat mich dann negativ überrascht: Der Weg zum Strand war 1km, nicht wie von Renatour angegeben 900m. Klingt kleinlich, aber 100m machen mit Kindern einen gewaltigen Unterschied, zumal der Weg vom Strand zurück 1km BERGAUF ging! Alleine mit zwei müden Kindern bei 30 Grad den Berg hinauf laufen samt Strandgepäck macht wahrlich keinen Spaß. Es war auch kein netter Bummel durch ein hübsches Fischerdörfchen, wie die Beschreibung suggerierte, sondern einfach eine karge heiße Straße bergauf. Wir sind in den folgenden Tagen dann einfach lange am Strand geblieben samt Abendessen, so daß wir erst in der kühlen Abendluft den Aufstieg gewagt haben.
Im Centro lagen Listen mit hauseigenen Kreativ- und Kultur-Angeboten aus sowie Prospekte für Inselausflüge. Diese Angebote waren für uns leider viel zu teuer: Inselspaziergang auf Lanzarote für 35€/Person, Kindertauglichkeit stand gar nicht erst nicht dabei. Selbst mit 50% Kinderermäßigung gehe ich nicht für 70€ mit zwei Kindern spazieren.
Labyrinth-Malen, Origami-Falten, Puppen filzen, Malen mit Pflanzenfarben etc. sah alles wunderschön aus, bei 15-30€/Person für mich als Alleinerziehende mit 2 Kindern allerdings unbuchbar. Der günstigere Poesieabend für 5€ war offensichtlich nur für Erwachsene und auch Eurythmie in der Gruppe für 8€ sah nicht nach Familienveranstaltung aus. Insgesamt war das Angebot eher auf Erwachsene als auf Familien mit Kindern zugeschnitten.
Für das Puppenfilzen haben wir einen Freundschaftspreis bekommen, so dass wir wenigsten EIN Angebot wahrnehmen konnten.
Die Inselausflüge der Firma „First Minute“ lasen sich ganz interessant, waren aber für uns drei mit 67€ für die Südtour zum Nationalpark Timanfaya und „Gratis-Weinprobe“ (spitze: mit zwei Kindern, und bei 33Grad trinke ich um 14 Uhr keinen Wein) zuzügl. Mittagessen und Dromedar-Reiten auch nicht billig. Andere Ausflüge waren noch teurer.
Sämtliche medizinischen und therapeutischen Angebote des Therapiehauses sind für uns ebenso nicht finanzierbar.
Was sehr schön war und uns großen Spaß gemacht hat, war das Klangtheater, quasi eine Märchenstunde, bei dem sämtliche Kinder mitspielen durften, sowie das Singen und der Folklore-Abend. Von solchen Gemeinschaftserlebnissen, bei denen wir gerne eine Spende gegeben haben (aber eben nicht 15€/Person) hätten wir uns mehr gewünscht.
Wir hatten Übernachtung und Frühstück gebucht und wollten spontan entscheiden, ob wir selber kochen oder im Restaurant des Centro oder im Städtchen essen. Die Organisation des Essens im Restaurant war allerdings kompliziert: bis 16 Uhr sollte angemeldet werden, was wir essen. Das war dann z.T. trotzdem nicht da. Spontan zu Abend essen ging nicht, außer Tiefkühlpizza, die gabs immer, lecker… Tapas gabs nicht, obwohl überall angepriesen (oder war das die Tiefkühlpizza?).
Zu Mittag gab es Kanarische Kartoffeln oder Pommes, alles andere waren Hauptgerichte ab 9€ aufwärts, also hier auch keine Tapas. Und natürlich die Tiefkühlpizza, abwechselnd mit Ravioli aus der Tüte. Das ist unser Notfall-Essen zu Hause, wenn ich arbeiten muß und die Kinder alleine sind, für den Urlaub hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich war mit den Kindern mal im Hafen von Puerto del Carmen in einer Tapas-Bar: für 20€ hatten wir einen Tisch voller Köstlichkeiten für drei Leute, das hätte ich mir für das Centro sehr gewünscht!
Die Bedienung im Restaurant sprach teilweise kein Wort Englisch oder Deutsch, was bei 80% Deutschen und 20% Engländern und diesem komplizierten System extrem ungünstig ist.
In der Folge sind wir dann einfach lange am Strand geblieben (Aufstieg tagsüber zu heiß, Angebote im Centro eh zu teuer, Essen kompliziert und nicht lecker). Allerdings ist auch ein Strandtag in Puerto del Carmen nicht billig: wenn man nicht im glühenden Sand liegen möchte, ist man für 3 Liegen und 2 Schirme schon 20€/Tag los, dazu Mittag- und Abendessen, dazwischen ein Eis. Also auch ohne Ausflug oder Kreativ-/Kultur-Angebot wird man ohne groß Nachzudenken täglich 50-80€ los, es sei denn wir kaufen beim Lidl um die Ecke ein und kochen sämtliche Mahlzeiten täglich selber. Ohne Spülmaschine im Appartment, beschäftigt mit Einkaufen, Kochen und Abwaschen sinkt dann der Erholungswert weiter ins Minus.
Sämtliche Mitarbeiter des Centro waren sehr freundlich und hilfsbereit! Es wurde geplaudert und beraten und wir haben uns dort gut aufgehoben gefühlt. Die anderen Gäste waren durchweg nette Menschen und die Kinder haben ein paar Freunde gefunden. Das Zielpublikum einer anthroposophischen Ferienanlage ist eben per se wesentlich angenehmer als in einer Pauschal-Ferienanlage vom Billiganbieter. Das Wetter war toll und die Insel ist faszinierend, der Strand ist umwerfend (es gab sogar eine Hüpfburg im Wasser) und der Hafen gemütlich.
Aber durch die beschriebenen Umstände war ich sehr mit Nachrechnen unseres Ferienbudgets beschäftigt bei gleichzeitiger Wahrung eines Ferienerlebnisses (ich möchte mich erholen, gut essen und nicht finanziell zu Grunde richten). Wer nicht aufs Geld schauen muss, kann ganz sicher einen großartigen Urlaub im Centro de Terapia Antroposofica erleben, mit Massagen, therapeutischen Gesprächen, Malen auf Lavasteinen, unvergesslichen Wanderungen über die Insel und weiteren Ausflügen. Dem Anbieter Renatour würde ich dringend raten, die anfallenden Kosten für örtliche Späße wie Ausflüge, Kreativ-/Kulturangebote und auch die Preise im Restaurant näher zu beziffern, damit man eine Entscheidungsgrundlage hat, bevor man solch eine Reise bucht.

 

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Dieser Bericht ist nicht als Werbung gekennzeichnet, weil es keine Werbung ist. Den gesamten Text habe habe ich für meinen Blog geschrieben, den kursiv gesetzten Teil stelle ich Renatour zur Verfügung. Wenn sie ihn veröffentlichen, bekomme ich 10€ als Dankeschön. Ich würde sagen, daß man das beim besten Willen nicht als Honorar bezeichnen kann.
Familienurlaub auf Lanzarote

Kinderfreie Woche

Vor 134 Minuten hat sie angefangen, die kinderfreie Woche. Die zweite und damit letzte für dieses Jahr.

Es gibt kaum etwas, das so aufgeladen ist wie das Thema „kinderfreie Woche“ im Kosmos der Menschen mit Kindern. Das Spektrum reicht von „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der seufzenden, glücklich verheirateten, teilzeitarbeitenden Mutter mit Putzfrau, Yoga-Abo, Ganztageskita und beneidenswert engagiertem Ehemann, bis zu „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der ebenfalls seufzenden, chronisch übermüdeten und überarbeitenden Alleinerziehenden, deren Ex nie Unterhalt zahlt oder gar Kindeskontakt pflegt.

Jeder Seufzer hat seine Berechtigung, jeder Mensch hat andere Belastungsgrenzen, jede Mutter und jeder Vater hat eine andere Geschichte, ein anderes Umfeld, einen anderen Job und andere Variablen in seinem Leben. Unter Eltern, schlimmer noch: unter Müttern, wird leider trotzdem gerne eine Belastungsranking gestartet: wer hat’s schwerer, wem gehts schlechter, wer darf am lautesten Jammern? Zwischen alleinerziehenden und in Beziehung lebenden Müttern ist es manchmal am Schlimmsten, und drum traue ich mich kaum noch zu sagen: „ich hab jetzt eine Woche kinderfrei“. Weil ich, bei aller Empathie, die Reaktion „hätte ich auch mal gerne“ der in Beziehung lebenden Mütter nicht mehr ertrage. Denn die 50 anderen Wochen im Jahr wollen die natürlich nicht haben. Das haben Alleinerziehende mit Lehrern gemeinsam: alle wollen ihre Ferien, keiner will ihren Job.

Schon 156 Minuten kinderfrei. Diese Woche ist so aufgeladen, von mir selber. Seit Wochen, ach: Monaten schiebe ich alles mögliche auf diese Woche: ganz oben auf der Liste: Aufräumen und Ausmisten, und zwar mindestens Kinderzimmer, Keller und Kleiderschränke. Wenns gut läuft, verkaufe ich noch ein paar Sachen auf ebay. Auch gerne: Überprüfen von Versicherungen, Stromtarif und Telefonvertrag. Wo kann ich optimieren, wo kann ich 2€/Monat sparen, wie krieg ich die Mieterhöhung wieder rein? Unterlagen Abheften, Zeugnisse kopieren, Schulranzen ausräumen. Ich könnte eine Woche nur privaten Bürokram machen und eine weitere Woche lang Ausmisten und Aufräumen.

Schon 166 Minuten kinderfrei. Ich arbeite natürlich in der Woche, Vollzeit wie immer, denn der gesamte Urlaub wird für die Kinder und die zu betreuenden Schulferien verbraten. Immerhin kann ich diese Woche endlich mal so arbeiten, wie ich Bock habe. Mein Job lässt nämlich viel Flexibilität zu, die Kinder nicht. Diese Woche kann ich ausschlafen, ins Büro gehen und ohne Druck von Mittagessenkind-alleine-zu-Hause, „Dir ist schlecht? Dann bleib heute zu Hause“ oder Anrufen wie „ich bin umgekippt, kannst Du mich abholen?“ kann ich einfach arbeiten und nach Feierabend nach Hause gehen. Und da hab ich dann tatsächlich FEIERABEND, da ist niemand, es ist ruhig und leer, keiner  bettelt um TV- oder Smartphone-Glotzerei, braucht saubere Wäsche oder heute bitte Bolognese. Ich könnte die ganze Woche damit verbringen, einfach arbeiten zu gehen, mir auf dem Rückweg ein Gürkchen zu kaufen und zum Feierabend in meinem Garten einen Gin Tonic zu trinken. Sonst nix.

Schon 175 Minuten kinderfrei. Wie immer ganz zum Schluss fällt mir das Wichtigste ein: Ich muss mich entspannen! Das ganze Jahr stehe ich unter Anspannung, muss Dinge zulassen und verbieten, muss reglementieren, diskutieren, einlenken und konsequent bleiben. Diese Woche lasse ich mein Nervenkostüm in weiche Watte sinken und werde selbst die Katze beim leisesten Mauz einfach rausschmeißen. Ich ertrage keinen Streit, keinen Meinungsaustausch, keine Beanspruchung meiner Nerven. Ich werde lesen, Radio hören, Topflappen häkeln und nichts tun, gar nichts. Überhaupt nichts. Ich werde auch keine sozialen Kontakte pflegen oder mich mit Freunden treffen. Ich muss ja schon auf der Arbeit kommunizieren, das reicht mir völlig. Ich werde schweigen, in mich versinken, meine Erschöpfung wegpennen und höchstens, ganz vielleicht, mal im Garten sitzen und einen Text über meine kinderfreie Woche schreiben.

Sie dauert noch 9.958 Minuten.

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Kinderfreie Woche

Nicht immer stark, aber immer alleinerziehend

Heute Vormittag hat sich in der Nachbarwohnung ein Vater mit seinem 9jährigen Sohn gestritten. Der Sohn rannte irgendwann aus der Wohnung, der Vater hat ihn nicht mehr reingelassen. Das Kind wollte wieder rein, es hat gewütet, geweint, gebrüllt und fast die Tür eingetreten. Nach 20 Minuten bin ich raus gegangen, hab ihm meine Hilfe angeboten. Habe dann den Vater angerufen und meinte, der Sohn habe meiner Ansicht nach genug geweint, er solle ihn bitte reinlassen. Der Vater erklärte mir den Hergang des Streits und dass er bereits die Mutter auf der Arbeit angerufen habe, die käme jetzt.

Egal wie beknackt ich den Vater finde: die sind zu zweit. Der Vater war offenbar überfordert und hat die Mutter geholt. In Situationen, wo einer nicht mehr weiter weiß und an seine Grenzen kommt, ist da noch ein zweiter Erwachsener.

Der fehlt bei uns.

Ich kann mir das nicht leisten: Die Tür zu machen, das Kind wüten lassen und warten, bis jemand kommt und das Problem löst. Ich muss immer die Starke sein, egal was hier los ist, denn ich bin alleinerziehend. Wenn ich umkippe, kippen hier alle um.

Wenn ich mit den Nerven am Ende bin, sind die Kinder auch gleich gereizt. Wenn ich mal die Kinder anschnauze, kommt niemand, der mir die Hand auf die Schulter legt und sagt „lass mich mal, Du bist ja völlig fertig“. Nein, wenn ich schnauze, schnauzen zwei zurück.

Seit Wochen liegt hier das Buch „Stark und alleinerziehend“ von Alexandra Widmer. Ich schleiche um dieses Buch herum, mal gucke ich rein, mal lege ich es zur Seite. Ich lese ein bisschen und stelle fest: Sie hat ja recht. Wenn ich dem Negativen in meinen Gedanken zu viel Macht und Raum gebe, werde ich schwerlich zu einem positiven Lebensgefühl kommen. Und ein positives Lebensgefühl ist verdammt wichtig, gerade in meiner Situation.

Und dann lache ich zynisch und denke: woher nehmen? Die hat gut reden, mit ein bissl hübschen Gedanken soll ich meine beschissene Steuerklasse wegDENKEN? Mit der richtigen Einstellung ist es egal, dass ich keinen Hort mehr für meine 11jährige habe? Wenn ich meine belastenden Gedanken hinterfrage, geht die Einsamkeit einfach zur Tür hinaus und kommt nicht wieder? Wenn ich mir nur genug selbst vertraue, kann ich die chronische Erschöpfung in eine Quelle der Kraft verwandeln?

Macht sie sich das nicht ein bisschen einfach? Und ich wittere sogar Gefahr, denn am Ende heißt es von Seiten der politischen Entscheidungsträger: das Leben als Alleinerziehende ist doch gar nicht stressig, es fehlt bloß die richtige Einstellung! Lies dieses Buch, lerne wie es Dir gut geht und diese ganze doofen harten Fakten des Kinder-alleine-erziehend-und-dabei-volle-Kanne-arbeiten sind nebensächlich.

Aber damit tue ich dem Buch und seiner Autorin Unrecht.

Denn wie gesagt: ein positives Lebensgefühl ist verdammt wichtig in einer Situation, die extrem anstrengend und deren Ende nicht absehbar ist. Natürlich gibt es noch eine Menge gesellschaftlicher, politischer und finanzieller Fakten, die benannt und geändert werden müssen. Aber dafür gibts andere Bücher, Alexandra Widmer ist Psychotherapeutin und konzentriert sich auf die innere Perspektive:

Nur wenn es Dir gut geht, geht es Deinem Kind gut!

Das ist ihr Leitsatz, und ich habe in den letzten Wochen schmerzlich erfahren, dass er auch im Umkehrschluss gilt: mir geht es seit Wochen nicht gut, ich arbeite zu viel, habe finanzielle Sorgen und bin dann noch krank geworden. Mein Sohn ist gleich mit mir zu Hause geblieben: „Mama, mir ist alles zu viel, ich habe Kopf- und Bauchweh“. Wir waren zusammen 10 Tage zu Hause, Außenstehende sprachen bereits von Schulangst. Ich eher von Solidarität mit der Mutter und durchaus auch einem massives Ruhebedürfnis des Kindes. Meine Tochter war 4 Tage ebenfalls zu Hause, hat sich dann aber ein Herz gefasst und ist wieder in die Welt hinaus gezogen. Die Schule macht ihr einfach zu viel Spaß, gottseidank!

Ich war zu Hause und konnte an mir selber mit ansehen, wie eine erschöpfte Mutter das Kind gleich mit runter zieht. Ich konnte nichts dagegen machen, die Erschöpfung verschwindet ja nicht einfach nach Erkenntnisgewinn, und auch nicht nach 1 oder 2x Ausschlafen.

Inzwischen haben wir es geschafft, ich bin gesund geworden, der Sohn hat die letzte Schulwoche überstanden und es sind endlich Schulferien. Das bringt zwar das ein oder andere Betreuungsproblem mit sich, aber auch: 6 Wochen Ausschlafen. In unserem Fall ist das Gold wert, denn die Kinder und ich sind passionierte Langschläfer, und da ich beruflich spät abends noch unterwegs bin, ist die 6.15 Uhr-Schule-Aufstehzeit einer der Hauptgründe für meine chronische Erschöpfung.

Wenn es mir nicht gut geht, geht es meinen Kindern auch nicht gut. Das habe ich aus den vergangenen Wochen gelernt, und so muss ich mich, wenn schon nicht für mich selber, wenigstens für meine Kinder, dringend nach Kraftquellen und Ausgleich umsehen.

Und da liegt immer noch das Buch von Alexandra Widmer.

Ich steht ja eigentlich nicht so sehr auf Ratgeber, auf Listen, Schemata und Übungen aus Büchern. Aber ich linse dann doch rein. Die Autorin ermuntert dazu, das innere Drehbuch kennen zu lernen und teilt uns in sieben Rollen ein. Ich überfliege das und ertappe mich in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder dabei, wie ich mich selbst einsortiere in die bedürftige Kleine, die Flüchtende oder eben auch die gesunde Große. Alexandra Widmer hat schon sehr recht, wenn sie sagt, dass es wirklich die Kraft der eigenen Gedanken und Gefühle ist, die uns verändert. Es ist natürlich voll einfach, die trotzige Kleine zu sein, mit dem Fuß auf zu stampfen und sich brüllend über diese beschissene Steuerklasse aufzuregen. Das hilft aber nur kurz, bis die Wut raus ist, dann ist die Steuerklasse ja immer noch da. Verändern werde ich nur etwas können, wenn ich erwachsen, klug und besonnen handle. Wenn ich planvoll vorgehe und beispielsweise eine Aktion wie den Muttertagswunsch mit anderen Frauen ins Leben rufe, was uns immerhin bis ins Familienministerium führt. Man wird uns anhören, wir werden etwas bewegen, und zwar nicht, weil wir uns trotzig auf den Boden geschmissen haben, sondern weil wir die Energie unserer Wut in überlegte Bahnen gelenkt haben.

Ich lese dieses Zitat in dem Buch: „Der Vogel hat keine Angst, dass der Ast bricht. Nicht weil er dem Ast vertraut, sondern seinen eigenen Flügeln“.

Es ist das Vertrauen in meine eigene Stärke, die mich nicht abstürzen lässt. Aber es ist sauschwer, dieses Vertrauen immer wieder hervorzukramen, es am Leben zu erhalten, es nicht zu verlieren.

Ich bin seit mittlerweile 6 Jahren alleinerziehend, und ich habe das Gefühl, dass es nie so anstrengend war wie im letzten Jahr. Dabei habe ich schon wesentlich mehr gearbeitet. Und die Kinder waren kleiner. Aber es ist nicht die akute Belastung, es sind die Jahre, die mich zermürben und fertig machen. Die Jahre der Sorge und Fürsorge für die Kinder. Die emotionale Belastung, die gefühlt immer schwerer wird, weil die Kinder auf die Pubertät zumarschieren, weil sie noch mehr meiner Gedanken und Gefühle beanspruchen als je zuvor. Früher habe ich Windeln gewechselt und Pflaster geklebt, jetzt gebe ich Halt und Orientierung auf dem direkten Weg ins Erwachsenen-Leben. Ich empfinde das als wesentlich anspruchsvoller als das Leben mit einem Kleinkind. Und weil ich keinen Erwachsenen habe, mit dem ich mich wiederum austauschen kann, bin ich hier das Ende der emotionalen Nahrungskette.

Als ob ich auf alles kluge Antworten hätte. Als ob ich jeden Wutanfall auffangen könnte. Jaja, es ist ok, menschlich und fehlbar zu sein, aber ich habe manchmal das Gefühl, nicht mal das Mindestmaß an Fels-in-der-Brandung bieten zu können, das die Kinder brauchen, um nicht zu straucheln.

Meine 11 Jahre alte Tochter war gerade 3 Tage bei meiner Schwester und deren 18 und 20jährigen Töchtern. Sie kam größer, entspannter, klüger, abgeklärter und fröhlicher zurück, als ich mir das hätte denken könne. Da sehe ich, wie gut es meiner Tochter tut, noch andere Einflüsse außer mich zu haben. Es tut ihr gut und mir, weil es mir die Last nimmt, für alles selber verantwortlich zu sein.

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“.

Das glaube ich auch, und „alleinerziehend“ steht dem diametral entgegen. Ich empfinde es als geradezu widernatürlich, dass ich hier ganz alleine versuche, meine Kinder zu aufrechten Erwachsenen zu erziehen. Ich kann das gar nicht, und bin gar nicht stark genug dafür. Ich brauche ganz dringend die Hilfe und Unterstützung anderer. Weil es mir und den Kindern nicht gut tut, wenn wir drei nur um uns selber kreisen.

Ich bin so müde. Ganz akut, weil ich gestern Abend gearbeitet habe. Und tiefsitzend müde, weil ich seit Jahren hier die Starke bin. Ich würd mich gerne mal fallen lassen, mal nicht für alles verantwortlich sein, nicht die letzte Instanz sein, die an die sauberen Unterhosen im Wochenend-Gepäck denkt.

Ich werde noch einiges lesen in dem Buch, auch wenn ich Geschichten lieber mag als Ratgeber. Aber es ist ein guter Begleiter, ein Buch, in dem ich immer wieder etwas finde, das mir immer wieder einen Schubs gibt und mir immer wieder zuflüstert, dass ich es sehr wohl kann. Meine Gefühle zu meinen Freunden machen, auch meine Schwäche, meine Erschöpfung, meine Einsamkeit. Es gehört alles zu mir, und nichts davon wird einfach winkend zur Tür hinaus gehen.

Ich bin nicht immer stark, aber immer alleinerziehend.

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Dieser Text ist keine Werbung und keine Rezension, niemand hat mich dazu aufgefordert. Ich habe das Buch von Alexandra Widmer geschenkt bekommen, weil mein Blog ganz hinten genannt wird, was mich sehr stolz macht und wofür ich mich an dieser Stelle sehr bedanke!

Ich habe diesen Text geschrieben, weil das Buch für mich sehr wertvolle Hinweise enthält, mich zu reflektieren und bei allen Zweifeln immer wieder zur Stärke zurück zu finden. Ich sehe noch nicht, wie ich der Erschöpfung entkommen kann, wie es der Untertitel verspricht, aber das Buch wird mich ganz sicher weiter begleiten und unterstützen, und deshalb lege ich es jedem alleinerziehenden Menschen ans Herz.

Alexandra Widmer: Stark und alleinerziehend.

Nicht immer stark, aber immer alleinerziehend

Freundinnen müsste man sein

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„Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum“. Das Lied hat der begnadete Funny van Dannen geschrieben und gesungen, manche kennen auch die kongeniale Coverversion von Queen Bee. Wir haben es im Auto gesungen, meine Freundin und ich, auf dem Weg nach Zülpich.

Zülpich ist ein ganz besonderer Ort. Ein Kaff in der Eifel, auch das „Tor zur Eifel“ genannt. Meine Mutter ist dort geboren und aufgewachsen, bis sie in die große Stadt (Köln) zog. Später habe ich meine Kindheits-Sommer ich dort verbracht, zusammen mit vielen Cousinen und Cousins und meiner Schwester, hoch oben auf Opas Kirschbaum. Noch etwas später haben ein paar mutige und kreative Frauen das Frauenbildungshaus Zülpich dort gegründet, und so finden seit inzwischen 37 Jahren dort Seminare und Weiterbildungen von Frauen für Frauen statt. Den Feministinnen der frühen Stunde war es ein Anliegen, einen Ort ohne Männer zu schaffen, und auch wenn ich das für mich persönlich nicht unbedingt notwendig finde: das Haus strahlt eine Geborgenheit, Kreativität und Inspiration aus, wie ich sie nirgendwo anders je gefunden habe.

Weil ich diese liebevoll renovierten Hof mit seinem verwunschenen Garten, gemütlichen Räumen und der fantastischen Küche so schätze, war ich in den letzten 20 Jahren immer mal wieder dort, zu beruflichen oder persönlichen Seminaren und Fortbildungen. Vor einem halben Jahr habe ich meine beste Freundin überredet, mit mir und unseren insgesamt drei Töchtern zusammen dort einen 3tägigen WenDo-Selbstbehauptungskurs machen. Es brauchte nicht viel Überredung, eher ein kleines Wunder, denn wir leben 50 km und ein ganzes Universum voneinander getrennt. Wir beide haben so wenig Zeit für soviel Leben, dass wir uns nur 2-3mal im Jahr sehen. Unsere Mädchen kennen sich seit der Geburt, und die Freundschaft zwischen uns Frauen und zwischen unseren Töchtern ist von einer tiefen Vertrautheit geprägt, die auch ohne regelmäßigen Kontakt auskommt. Schon als 3Jährige sind unsere Mädels Hand-in-Hand miteinander eingeschlafen, „wir sind Freundins!“ haben sie selig gesagt. Diese drei Tage haben wir uns freigeschaufelt: sie hatte keine Kinder zu entbinden, ich keine Konzerte zu organisieren. Ihr Mann hat Urlaub für die beiden kleineren der vier Töchter genommen, mein Exmann hat sich zu einem Kurzurlaub mit dem Sohn hinreißen lassen. Dann ab die Fahrt, auf nach Zülpich!

Die Mädchen haben zusammen ein Zimmer belegt und es fielen Wörter wie „yeah!“ und „abfeiern“, wir Frauen haben ein Zimmer zusammen belegt und es fielen Begriffe wie „ausschlafen“ und „himmlische Ruhe“. Zusammen mit sieben weiteren Frauen und neun Mädchen haben wir von Carola Heinrich und Marija Milana, zwei wunderbaren, warmherzigen, erfahrenen und humorvollen Frauen viel über Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten, Befreiungstechniken, klare Entscheidungen, Körperhaltung und den Einsatz unserer Stimme gelernt. Wir sind durch einen stockdunklen Wald gelaufen und haben Bretter mit der bloßen Hand zerschlagen (ja, auch die Mädchen!), wir haben zusammen Monsterfange, magische Burg und Hase, Stall & Chaos gespielt, wir haben getanzt und tolle Frauen kennen gelernt, sehr viel geredet, auch über geheime Träume, gelacht, geschlafen und verdammt gut und viel gegessen! Auf der Rückfahrt sind die Mädchen nach rechts, links und vornüber schlafend zusammen gebrochen, ein göttlicher Anblick!  Drei Nächte Abfeiern fordern ihren Tribut, und angesichts dieser kindlichen Erschöpfung macht sich tiefe mütterliche Genugtuung in uns ausgeschlafenen, entspannten und glücklichen Frauen breit: wir haben sie gerockt, nicht umgekehrt, wie so oft.

Ich bin in einem Zustand absoluter Erschöpfung zu dem Seminar gefahren, und es war für mich wie eine Mini-Mutter-Kind-Kur, sozusagen die letzte Rettung. Einen Tag länger zu Hause unter den üblichen Gegebenheiten, und ich wäre wahrscheinlich final zusammen geklappt. Jetzt, nach dem Seminar, bleiben mir noch zwei Tage zu Hause, alleine mit meiner Tochter, weil der Kurzurlaub meines Sohnes zeitlich versetzt stattfindet, und ich genieße die Entspannung mit nur einem Kind. Ja, es wäre etwas ganz anderes, wenn ich nur ein Kind hätte, ich wäre nicht ansatzweise so erschöpft, meine Nerven und meine Seele kämen nicht regelmäßig an die Grenze des Aushaltbaren. Aber keine einzige Sekunde in meinem Leben würde ich eins meiner Kinder bereuen, ganz im Gegenteil: jeden Tag vermisse ich meinen temperamentvollen, lachenden, vor Humor und Lebensfreude sprühenden Sohn, der seinen Tee über den Abendbrottisch verschüttet, sich leidenschaftlich mit seiner Schwester zankt, der für mich auf der Gitarre ein Lied erfindet und der so verschmust ist, wie es nur ein verwegener 9jähriger Abenteurer sein kann.

Zülpich und meine Freundin, Ihr habt mich gerettet, und deshalb summe ich den ganzen Abend „Freundinnen müsste man sein…“

Danke!

Freundinnen müsste man sein

Ich will nicht runterzählen.

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„Wann ist Acht?“ hab ich mich manchmal mit sehnsüchtigen Blick auf die Uhr gefragt, als die Kinder noch klein und ich (mal wieder) einen ganzen langen Tag mutterseelenallein mit ihnen war.

„Ist ja bald vorbei, das Bergfest hast Du schon geschafft“ höre ich oft, seit meine Tochter 10 und der Kleine 8 Jahre alt ist.

Bald können sie laufen, sprechen, aufs Klo gehen, Fahrrad fahren. Bald gehen sie alle Wege allein, verabreden sich selber, brauchen sie kein Schlaflied mehr, kochen sie selber ihr Mittagessen.

Bald ziehen sie aus.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Kinderzeit meiner Kinder ein einziges Runterzählen ist. Ständig warte ich, dass etwas vorbei ist und was neues, besseres (?) kommt. Wenn ich nicht selber warte, werde ich von außen drauf gestoßen, nein: eher getröstet, dass es ja bald vorbei sei. Seit ich alleinerziehend bin, erst recht.

Aber diese Kinderzeit ist doch kein Martyrium! Weder für mich noch für die Kinder. Natürlich ist es wie eine Befreiung, wenn ein Kind sich endlich auf den Bauch drehen kann und lachend eine ganz neue Perspektive auf die Welt entdeckt. Natürlich eifern wir daraufhin, dass sie laufen lernen und sie auf eigenen Füßen ihre Umgebung erkunden. Und natürlich freuen wir uns über jedes neue Wort, jeden Satz und jeden Gedanken, der aus diesem kleinen Kopf kommt. Diesen Eifer, dass es immer weiter geht, bringen vor allem die Kinder selber mit, denn ohne diesen Eifer würden sie nicht wachsen und sich nicht entwickeln. Die Eltern eifern mit, spornen an, unterstützen und begleiten diesen Drang nach Entwicklung und Wachstum. Aber der Grad zur Ungeduld der Eltern, das Kind möge doch endlich einen bestimmten Entwicklungsschritt machen, scheint verdammt schmal zu sein.

„Wann lernt er endlich still zu sitzen?“

„Wann kann sie sich endlich allein anziehen?“

„Wann bringen die sich eigentlich selbst ins Bett?“

„Wann frühstücken die endlich morgens um 6.30 Uhr ohne mich?“

Das Leben mit Kindern ist sackanstrengend und das elterliche Bedürfnis nach Entspannung und Entlastung ist groß. Wenn dann noch Job und Trennung dazu kommen, ist es manchmal zum auf den Boden legen und vor Erschöpfung leise weinen. Trotzdem mache ich mir immer wieder klar: ich darf doch hier nicht runterzählen?! Ich habe doch die Kinder nicht bekommen, um zu warten, wann ich sie wieder los bin? Ich darf, ich muss, ich kann mich freuen über jeden neuen Schritt, den sie tun, aber das Tempo bestimmen die Kinder. Es ist ihr Leben, ihre Entwicklung, ihr Körper, ihr Geist. Ich darf sie begleiten, nicht antreiben. Gras wächst nicht eh nicht schneller, wenn man daran zieht. Dann kann ich mich auch hinsetzen und voller Freude zuschauen, was da gerade neues entsteht.

Egal wie groß die Belastung und Erschöpfung bei mir ist: wenn sie ausgezogen sind, werde ich jede Sekunde mit ihnen vermissen. Die Schlaflieder, die ersten Worte, die langen Gespräche am Esstisch, die Streitereien beim Monopoly, das Einschlafen auf meinem Arm, sogar diese blöden Adventskalender und ganz bestimmt einen ganzen langen Tag mutterseelenallein mit zwei Babies.

Und so hat sich meine Perspektive gedreht: ich zähle runter, aber erschrocken: mein Gott, sie sind schon so groß und bald sind sie weg – ich genieße jeden Tag, den wir (noch) zusammen verbringen. Deshalb muss ich versuchen, meine Erschöpfung in Grenzen zu halten (und nicht leise weinend auf dem Boden zu liegen), um die Zeit überhaupt genießen zu können. Ich brauche noch Reserven, um mit dem Racker durch die Bude zu toben, und Geduld, um den vorpubertären Gedanken und Gefühlen meines Mädchens noch mit Mitgefühl zu begegnen. Meine Kinder sollen ihre Kinderzeit genießen, und wir wissen alle, dass Kinder durch Nachahmung lernen: sie können ihre Kinderzeit nur genießen, wenn ich sie auch genieße.

Wir zählen hier nicht mehr runter, aber wir zählen jeden Tag, damit wir wissen, wie viele schöne Tage wir zusammen haben.

Ich will nicht runterzählen.