Kinderfreie Woche

Vor 134 Minuten hat sie angefangen, die kinderfreie Woche. Die zweite und damit letzte für dieses Jahr.

Es gibt kaum etwas, das so aufgeladen ist wie das Thema „kinderfreie Woche“ im Kosmos der Menschen mit Kindern. Das Spektrum reicht von „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der seufzenden, glücklich verheirateten, teilzeitarbeitenden Mutter mit Putzfrau, Yoga-Abo, Ganztageskita und beneidenswert engagiertem Ehemann, bis zu „hast Du’s gut, ich hab nie kinderfrei“ der ebenfalls seufzenden, chronisch übermüdeten und überarbeitenden Alleinerziehenden, deren Ex nie Unterhalt zahlt oder gar Kindeskontakt pflegt.

Jeder Seufzer hat seine Berechtigung, jeder Mensch hat andere Belastungsgrenzen, jede Mutter und jeder Vater hat eine andere Geschichte, ein anderes Umfeld, einen anderen Job und andere Variablen in seinem Leben. Unter Eltern, schlimmer noch: unter Müttern, wird leider trotzdem gerne eine Belastungsranking gestartet: wer hat’s schwerer, wem gehts schlechter, wer darf am lautesten Jammern? Zwischen alleinerziehenden und in Beziehung lebenden Müttern ist es manchmal am Schlimmsten, und drum traue ich mich kaum noch zu sagen: „ich hab jetzt eine Woche kinderfrei“. Weil ich, bei aller Empathie, die Reaktion „hätte ich auch mal gerne“ der in Beziehung lebenden Mütter nicht mehr ertrage. Denn die 50 anderen Wochen im Jahr wollen die natürlich nicht haben. Das haben Alleinerziehende mit Lehrern gemeinsam: alle wollen ihre Ferien, keiner will ihren Job.

Schon 156 Minuten kinderfrei. Diese Woche ist so aufgeladen, von mir selber. Seit Wochen, ach: Monaten schiebe ich alles mögliche auf diese Woche: ganz oben auf der Liste: Aufräumen und Ausmisten, und zwar mindestens Kinderzimmer, Keller und Kleiderschränke. Wenns gut läuft, verkaufe ich noch ein paar Sachen auf ebay. Auch gerne: Überprüfen von Versicherungen, Stromtarif und Telefonvertrag. Wo kann ich optimieren, wo kann ich 2€/Monat sparen, wie krieg ich die Mieterhöhung wieder rein? Unterlagen Abheften, Zeugnisse kopieren, Schulranzen ausräumen. Ich könnte eine Woche nur privaten Bürokram machen und eine weitere Woche lang Ausmisten und Aufräumen.

Schon 166 Minuten kinderfrei. Ich arbeite natürlich in der Woche, Vollzeit wie immer, denn der gesamte Urlaub wird für die Kinder und die zu betreuenden Schulferien verbraten. Immerhin kann ich diese Woche endlich mal so arbeiten, wie ich Bock habe. Mein Job lässt nämlich viel Flexibilität zu, die Kinder nicht. Diese Woche kann ich ausschlafen, ins Büro gehen und ohne Druck von Mittagessenkind-alleine-zu-Hause, „Dir ist schlecht? Dann bleib heute zu Hause“ oder Anrufen wie „ich bin umgekippt, kannst Du mich abholen?“ kann ich einfach arbeiten und nach Feierabend nach Hause gehen. Und da hab ich dann tatsächlich FEIERABEND, da ist niemand, es ist ruhig und leer, keiner  bettelt um TV- oder Smartphone-Glotzerei, braucht saubere Wäsche oder heute bitte Bolognese. Ich könnte die ganze Woche damit verbringen, einfach arbeiten zu gehen, mir auf dem Rückweg ein Gürkchen zu kaufen und zum Feierabend in meinem Garten einen Gin Tonic zu trinken. Sonst nix.

Schon 175 Minuten kinderfrei. Wie immer ganz zum Schluss fällt mir das Wichtigste ein: Ich muss mich entspannen! Das ganze Jahr stehe ich unter Anspannung, muss Dinge zulassen und verbieten, muss reglementieren, diskutieren, einlenken und konsequent bleiben. Diese Woche lasse ich mein Nervenkostüm in weiche Watte sinken und werde selbst die Katze beim leisesten Mauz einfach rausschmeißen. Ich ertrage keinen Streit, keinen Meinungsaustausch, keine Beanspruchung meiner Nerven. Ich werde lesen, Radio hören, Topflappen häkeln und nichts tun, gar nichts. Überhaupt nichts. Ich werde auch keine sozialen Kontakte pflegen oder mich mit Freunden treffen. Ich muss ja schon auf der Arbeit kommunizieren, das reicht mir völlig. Ich werde schweigen, in mich versinken, meine Erschöpfung wegpennen und höchstens, ganz vielleicht, mal im Garten sitzen und einen Text über meine kinderfreie Woche schreiben.

Sie dauert noch 9.958 Minuten.

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