Irgendwas mit Medien

So eine verdammt Scheisse!“

DAS GEHT DOCH GAR NICHT!!“

DU BIST DIE SCHLECHTESTE MUTTER DER WELT!!!“

Das Kind ist knallrot, ihm fliegen die Tränen vor Wut aus den Augen, es brüllt die Wohnung zusammen, schlägt aufs Sofa ein und verschwindet Türen knallend in seinem Zimmer. Verdrischt dort den Boxsack und wirft sich dann heulend in sein Bett.

Alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

Es gibt nichts, das das Kind so aus der Fassung bringt wie Medien und das, das damit unzufrieden stellend läuft. Unzufrieden stellend heißt: das Spiel läuft nicht, das WLAN ist zu schwach, das Kind kann eine Aufgabe nicht lösen oder die unfassbare Scheiß-Mutter hat das nahende Ende der Medienzeit angekündigt.

Mich macht das fertig. Ich kann dieses Gebrüll nicht gut ertragen, die Stimmung in der Wohnung und bei der ganzen Familie sinkt hier völlig in den Keller und selbst die Katzen ergreifen panisch die Flucht. Ich denke an „Soviel Freude soviel Wut“ und daran, dass ich so etwas nicht achtsam begleiten kann. Mich macht das wütend, sauer, traurig und am Ende resigniert.

Man soll die Medienzeit der Kinder begrenzen, tönt es überall. Das Blöde ist: ich kann die Grenzen nicht überwachen. Ich bin nämlich gar nicht immer zu Hause, wenn das Kind zu Hause ist. Ich arbeite Vollzeit und hier gibt’s keinen zweiten Erwachsenen. Ich reiß mir ein Bein aus, um zu Hause zu sein, wenn die Kinder Schule aus haben, aber mindestens jede 2. Woche fällt hier unangekündigt die Mittagsschule aus. Also Kind um 14 Uhr zu Hause statt 16.30 Uhr. Oder ich muss abends arbeiten, dann gehe ich gegen 18 Uhr aus dem Haus. Bis zum Schlafen um 21 Uhr ist eine Menge Zeit, und die verbringen die Kinder nicht mit philosophischen Debatten am Abendbrottisch. Meistens vergessen Sie eh, was zu essen und zocken einfach bis zum Einschlafen.

Das Verrückte ist: früher hatte ich einen Baybsitter, da konnte ich einfach arbeiten gehen. Jetzt sind die Kinder endlich groß genug, um ohne Babysitter den Abend zu verbringen, da sind sie beaufsichtigungsintensiver als je zuvor. Wegen irgendwas mit Medien. Jetzt haben wir allerdings keinen Baybsitter mehr, die Kinder lehnen das kategorisch ab, sind ja keine Babys mehr. Haha.

Ein mäßig kluger medienpädagogischer Ratschlag lautet: guck Dir an, was Dein Kind da macht. Spiel auch mal mit. Aber ich mag keine Computerspiele, ich mag keine Consolendings. Und ich finde, ich muss das auch nicht. Ich interessiere mich durchaus für das, was meine Kinder da machen. Ich google die Spiele und die Technik, die Consolen und die Rezensionen und entscheide dass der 11jährige Fortnite spielen darf, auch wenn meine Freundin, die Pädagogin sagt, das wäre ganz ganz schlimm. Ich höre dem Kind zu, wenn es aufgeregt von neuen Skins redet oder dass es eine neue Herzkammer bekommen hat. Ich gehe mit ihm zur Computerspielschule und gucke mir alles an, ich lese mich da rein, ich höre und gucke zu, ich besorge mir sogar die Klaviernoten vom Lieblingslied des Kindes in Zelda, weil ich selber das Lied so schön finde. Aber ich zocke nicht selber, weil mir das einfach keinen Spaß macht, und ich spiele deshalb nicht zusammen mit dem Kind. Das sollte ich vielleicht, dann könnte ich die Wut und die Ungeduld besser verstehen, die da aufkommen. Ich könne mein Kind vielleicht sogar besser beraten oder trösten, aber ich kann es halt nicht. Das muss mein Kind leider alles ohne mich hinkriegen und aushalten. Vielleicht ist das ein Teil der Wut? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass ich es nicht ändern kann.

Auch ein guter Tipp: den Kindern sinnvolle Alternativen bieten. Puh, wenn ich nach 8 Stunden von der Arbeit komme, auf dem Rückweg eingekauft habe, zu Hause schnell Wäsche und Abendessen mache, dann geht mir echt die Luft aus für sinnvolle Alternativen. Ich bin platt. Vor dem Medienzeitalter haben die Kinder abends gespielt, wie so Kinder. Lego, Verkleiden, Puppen. Sie haben gemalt und gelesen, Hörbücher gehört oder gebastelt, mal miteinander, mal alleine. Ich tröste mich damit, dass sie in den ersten 10 Lebensjahren (fast) völlig analog unterwegs waren, in der Kita-Zeit ständig im Wald, in der Grundschulzeit ständig auf dem Kickplatz und mit Freunden unterwegs waren.

Jetzt machen sie halt irgendwas mit Medien. Wenn ich Pech und sie Glück haben, schon seit 3 Stunden wenn ich nach Hause komme. Und weil ich weder Zeit noch Energie für sinnvolle Alternativen habe, machen sie auch noch eine Weile weiter. Oder ich beende die Medienzeit (natürlich erst nach dem Level, ich bin ja nicht lebensmüde), muss mir dann aber trotzdem Gezeter anhören.

Gezeter. Es ist nicht die Zeit, die viele oder gar zu viele Zeit, die die Kinder mit Medien verbringen, die mich fertig macht. Ich find nämlich tatsächlich auch, dass man gerne mal einen ganzen Abend chatten, eine Aufgabe zu Ende und ein Level (stundenlang!) durchspielen, drei Harry Potter-Filme oder acht Folgen der Lieblingsserie nacheinander gucken kann.

Aber das Gezeter. Es ist das Gezeter, das mir an die Substanz geht. Es ist die schlechte Laune, die Gereiztheit und wenns blöd läuft das Gebrüll. Denn diese schlechte Laune kommt bei analogen Beschäftigungen nicht auf, jedenfalls nicht in diesem Eskalationsgrad. Weder Lego noch Malen, noch Lesen, noch gemeinsames Spiel generiert derart miese Stimmung und explosionsartige Ausbrüche wie irgendwas mit Medien. Die schlechte Laune hält sich dann gerne über das ganze Abendessen und inzwischen habe ich gelernt, dass man da nix, aber auch gar nix machen kann. Und schon gar nicht die berühmte Empathie zeigen! „Das tut mir leid, daß Dich das so ärgert“. „DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG UND JETZT MACHST DU DICH AUCH NOCH ÜER MICH LUSTIG!“ Nein, hier empfiehlt sich geduldiges Schweigen bis hin zur Ignoranz und Warten, bis der Ausbruch vorüber geht. Dann dezent Nahrung reichen und ein Glas Wasser, oft geht beim Zocken der Blutzucker runter und das Kind vergisst zu trinken. Dann geht’s irgendwann wieder und alle können aufatmen. Mit ein bisschen Glück ist der Abend noch zu retten, wir reden und essen miteinandern und danach spielt das Kind entspannt Lego oder liest ein Buch. Nochmal die Kurve gekriegt.

Aber es ist mühsam, und nicht nur das. Ich bin ratlos, genervt und manchmal überfordert von dem Thema. Ich lese alle möglichen Texte dazu, den von Julia Karnick und natürlich verschlinge ich alles von Patricia Cammarata. Das beruhigt ungemein, denn sie hat wirklich Ahnung vom Thema und ihre Interviews mit anderen Familien zeigen mir, dass ich bei Weitem nicht alleine bin mit familiären Mediendiskussionen. Das Thema treibt alle Eltern um, gerade die aus den 70ern des letzten Jahrhunderts, weil sie oft noch mit Schreibmaschinen und schwarz-weiss-Fernsehen groß geworden sind. Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ich hab die Kinder als Babys noch ohne smartphone ins Bett gekriegt, ich hatte ja nicht mal eine App zum Stillen (ich hab noch die Brüste genommen, haha). Wir hatten ja nichts!

Quatsch, ich bin zwar 47 Jahre alt, aber kein digitaler Trottel. Ich bin nicht nur beruflich einigermaßen erfolgreich mit dem weltweiten Netz zugange, ich betreibe immerhin ein selbstgebasteltes Blog, habe fast 3000 Follower auf Twitter, kann ein smart-tv anschließen und ein musica.ly erstellen. Ich weiß, dass man verdammt viel Zeit mit digitalen Endgeräten verbringen kann und will. Aber diese schlechte Laune, die Wut, die Tränen und die abgrundtiefe Verzweiflung, die mein Kind da erlebt: das kenne ich nicht und das macht mich fertig. Ich bin halt auch nur eine Mutter, die ein glückliches Kind haben will, und das Kind sieht damit nicht glücklich aus.

Das Kind versichert mir jedoch das Gegenteil, denn ich habe es schon oft gefragt, warum es sich stundenlang mit etwas beschäftigt, das dermaßen frustriert? Die Antwort: Es macht ihm Spaß. Es sei halt nur ab und zu ein bisschen nervig, aber grundsätzlich mache das großen Spaß. Und das Gebrüll tue ihm leid, er habe sich halt so geärgert. Immerhin, Selbsterkenntnis ist ja erwiesenermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Ich lerne über mein Kind: die Definition von Spaß und das Maß an Frustration liegen bei mir und ihm diametral auseinander. Wenn ich denke, der Junge erleidet gleich einen Hirnschlag, hat er sich halt ein bisschen geärgert“.

Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen, gleichwohl verbitte ich mir, haltlos angeschnauzt zu werden und die ganze Familie samt Haustieren in Angst und Schrecken zu versetzen. Er soll bitte in seinem Zimmer wüten, denn im Wohnzimmer steht unser Klavier, wo ich mit Kass‘ Theme meine Nerven zu beruhigen versuche. Die Nachbarn mögen sich über die dichte Abfolge von Gebrüll, Türen knallen und sanfter Klaviermusik wundern.

Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Irgendwas mit Medien

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich hab nix gegen Elterntaxis. Ich hab was gegen überflüssige Autofahrten. Egal ob Eltern oder nicht. Der Unterschied zwischen sinnvoller und überflüssiger Autofahrt ist ein schmaler Grad und führt zu hitzigen Diskussionen. Es ist schlichtweg nicht zu beurteilen oder zu bewerten, ob eine Autofahrt jetzt unabwendbar oder überflüssig war, denn jeder führt mehr oder weniger überzeugende Argumente an.

Was meiner Meinung nach jedoch kein überzeugendes Argument ist, ist die Folgen des Autofahrens auszublenden und über Alternativen gar nicht erst nachzudenken. Weil man das Auto ja eh hat und weil jeder denkt „ach, die eine Autofahrt“.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass unsere Städte (und meine: Stuttgart ganz besonders) für den Autoverkehr optimiert sind, nicht für Fußgänger, Radfahrer oder öffentliche Verkehrsmittel. Ein Umdenken bei Politik und Stadtplanung kommt recht schwerfällig in Gang und ist nach jahrzehntelanger Fokussierung auf individuelle Verbrennungsmaschinen sehr mühsam.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass in den Köpfen immer noch das Auto als die optimale Bewältigung einer Strecke betrachtet wird:

  • Eingekauft wird mit dem Auto, obwohl der Supermarkt zu Fuß in 10 Minuten erreichbar ist. Mit dem Einkaufswägelchen ist es sogar praktischer, denn ich packe die Sachen von der Kasse im Laden in meinen Wagen, und ziehe den zu Hause bis vor den Kühlschrank. Die Autofahrer packen zig mal um, in den Wagen, ins Auto, fahren 5 Minuten, parken in 2. Reihe, packen aus und schleppen die Sachen in die Wohnung, gehen eine Parkplatz suchen. Wenn ich zu Fuß einkaufe, treffe ich meine Nachbarn, die denselben Weg mit dem Auto bewältigen. Warum, frage ich mich?
  • Zur Arbeit gefahren wird mit dem Auto, weil man das Glück hat, in der Innenstadt einen Betriebsparkplatz zu haben. Obwohl zu Hause vor der Tür die Bahn abfährt und bis auf 300 Meter an die Arbeitsstätte heranreicht. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind wird vom Fußball mit dem Auto abgeholt, obwohl es mit dem Auto (dank Einbahnstraßenchaos) ein riesiger Umweg ist und es erst am Fußballplatz und dann zu Hause keinen Parkplatz gibt. Zu Fuß wären es ein paar Minuten gewesen, es ist hell, die Kinder laufen im Rudel und sind allesamt über 10 Jahre alt. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind (12 Jahre alt) wird in die Schule gefahren, obwohl es 2km ebene Strecke zur Schule sind: es gibt einen Bus (2 Haltestellen), es gibt einen Radweg und es gibt alle 6 Wochen eine Mail aus der Schule, die Kinder BITTE BITTE nicht mit dem Auto zu bringen. Warum, frage ich mich?

Es geht auch noch krasser:

  • meine Tochter fährt jeden Tag mit dem Bus von der Schule nach Hause. 10 Minuten dauert das, Fußweg zur Haltestelle jeweils ca. 400m. Als eine Freundin sie mittags besuchte, kam die Mutter extra mit dem Auto zur Schule und hat die beiden 12jährigen zu uns gefahren. Quasi dem Bus hinterher. Warum, frage ich mich?
  • Der Sohn besucht einen Freund einen Stadtteil weiter. Da fährt eine Bahn. Auf dem Hinweg nimmt die Mutter vom Freund beide aus dem Hort mit dem Auto mit. Den Rückweg soll er alleine machen, er kennt den Weg, er kennt die Bahn. Trotz dieser Absprache bringt die Mutter meinen Sohn mit dem Auto nach Hause. Warum, frage ich mich?

Mich ärgern daran zwei Dinge: jede überflüssige Autofahrt ist eine Autofahrt zu viel. Und die pädagogischen Folgen: den Kindern wird vermittelt, dass eine Autofahrt IMMER die bessere Alternative ist. Auch wenn es länger dauert, mehr Dreck macht und anders besprochen war: Autofahren ist besser.

Autofahren ist nicht besser.

Es gibt gute Gründe, selber oder die Kinder mit dem Auto zu fahren, aber die Beispiele, die ich hier genannt habe, gehören meiner Meinung nach nicht dazu. Wenn ich die Autofahrer darauf anspreche, sagen sie „ist doch bequemer“, „dann hat sie es gemütlicher“, „ach das eine Mal“, „dann kann er 5 Minuten länger spielen“, „mein Kind kennt den Weg nicht“ oder auch einfach „ich fahr halt gerne Auto“. Das sind meiner Meinung nach verdammt schwammige Gründe für die Autofahrt in einer Stadt, die im Autoverkehr versinkt.

Nora Imlau hat in ihrem Text einige Gründe angeführt, die die Grundlage für Elterntaxis bilden können:

  • „Manche Eltern müssen mehrere Kinder an verschiedene Orte bringen, bevor sie selbst zur Arbeit gehen, und schaffen es nicht, all diese Wege zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen.
  • Manche Kinder leiden unter Schulangst, und ein Moment der Ruhe mit Mama oder Papa im Auto hilft ihnen, Kraft und Mut für den Tag zu sammeln.
  • Es gibt Kinder, für die sind die zehn Minuten im Auto morgens die einzige Wachzeit unter der Woche, die sie mit ihrem Papa verbringen.
  • Manche Kinder haben einen langen Schulweg, weil sie nicht die Regelschule ums Eck besuchen, sondern eine andere Schule, die ihre Eltern meist aus sehr guten Gründen für sie ausgewählt haben.
  • Manche Eltern fahren jeden Tag 60 Kilometer einfache Strecke über die Autobahn, um ihr Kind zu der einzigen Schule in der Umgebung zu bringen, an der ihr Kind sein darf wie es ist.“

Ich finde das ok, mir fehlt hier allerdings der Punkt, radikaler über Alternativen nachzudenken, denn meiner Meinung nach ist das Auto immer die schlechtere Wahl. Wenn es nur diese 10 Minuten mit dem Papa im Auto gibt: kann man da am Familienalltag was drehen? Wenn das Kind Schulangst hat: kann man Kraft und Mut für den Tag wirklich nur im Auto sammeln, nirgendwo sonst?

Ich finde das Umdenken wichtig: geht es vielleicht auch ohne Auto? Können wir uns anders organisieren? Der Gedanke ist vielleicht ungewohnt und oft unbequem, aber er lohnt sich immer. Das Bewusstsein, dass ein Verbrennungsmotor, der eine Tonne Stahl und Eisen bewegt, nicht die umweltschonendste Variante der Fortbewegung ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Es wird als individuelles Recht gesehen, soviel Auto zu fahren wie man Lust hat. Ich finde jedoch, jeder Mensch hat mit seinem Handeln auch eine gesellschaftliche Verantwortung. (Das Private ist politisch. Immer) Und wenn ich durch eine Änderung meines persönlichen Verhaltens eine Verbesserung für alle erreichen kann, dann sollte ich es nach Möglichkeit auch tun. Und nicht einfach auf Kosten Aller meiner persönlichen Bequemlichkeit den Vorrang gewähren. Wenn ich mich entscheide, aus welchen Gründen auch immer, das nicht zu tun, dann habe ich hoffentlich wenigstens gründlich drüber nachgedacht, die Sache reflektiert und bin zu einer Entscheidung gekommen, die ich guten Gewissens rechtfertigen kann. Aber einfach nur zu sagen „ach es ging halt schneller“, „Es ist eben bequemer“ oder „Im Auto können wir so schön Musik hören“ (alles schon gehört), ist meiner Meinung nach kein valider Grund, die Luft- und Lebensqualität aller Stadtbewohner weiter zu ruinieren.

Und deshalb ärgere ich mich wahnsinnig, dass das Schülermonatsticket in Stuttgart zum 1.1.2018 wieder erhöht wurde. Zwar nur um 85 Cent, aber vor 2 Jahren waren es bereits 2€. Und klammheimlich: keine Pressemeldung, kein Newsletter, nix, nur der Blick aufs Konto verrät den Eltern diese Verteuerung. Wenn diese Stadt wirklich ein Umdenken wöllte, dann würde sie das Schülermonatsticket radikal vergünstigen oder gar umsonst anbieten, wie es andernorts ja auch möglich ist. Denn dass Eltern keine Lust haben, für 4 Haltestellen 40€/Monat zu zahlen, kann ich verstehen, und mit diesen heimlichen und ständigen Verteuerungen erreicht man ganz bestimmt kein Umdenken, sondern nur die Zunahme von Elterntaxis. Es kostet mich 964,80€ im Jahr, meine Kinder mit Bus&Bahn in die Schule zu kriegen (Fahrrad ist wegen der Stuttgarter Berg-und-Tal-Fahrt und wegen der absolut miserablen Radinfrastruktur ausgeschlossen: ich schicke keinen 11jährigen durch den fahrradweglosen 4spurigen Autoverkehr mit 7-Kilo-Ranzen quer durch die Stadt). In die Grundschule sind sie noch gelaufen, die Kosten für das Monatsticket kommen seit der weiterführenden Schule halt einfach dazu. Woher die Kohle kommen soll, weiß ich nicht, und Fritz Kuhn, mein grüner Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender des VVS, wird es mir auch nicht sagen können. Auf jeden Fall ist das ganz sicher nicht das Konzept einer familienfreundlichen Stadt, die auf dem Weg in die Verkehrswende ist.

Zurück zum Anfang: Ich habe nix gegen Elterntaxis. Ich gehe davon aus, dass, wie Nora Imlau schreibt, Eltern einen sehr guten und wohl bedachten Grund für jede einzelne Autofahrt haben.

Meine Beobachtungen und Erfahrungen in meinem Umfeld sind, wie beschrieben, leider oft andere. Es wird Auto gefahren, weil es geht. Ich habe was gegen das unbedachte, unreflektierte Autofahren zu Gunsten der eigenen Bequemlichkeit. Denn das kann man, gerade in Städten wie Stuttgart, echt nicht mehr bringen.

Wir müssen umdenken. Auch mal in Kauf nehmen, dass es vielleicht bissl unbequemer ist. Wir müssen unseren Kindern vermitteln und vorleben, dass eine Autofahrt nicht immer die erste und einzige Wahl ist, und dass es von Verantwortungsbewusstsein zeugt, auch mal auf das Auto zu verzichten und gemeinsam zu überlegen, wie wir es anders machen können.

In dem Moment, wo ich ins Auto steige, belaste ich die Luft die ich atme, die mein Kind atmet, und die andere Menschen und deren Kinder atmen. Deshalb finde ich, ist es keine komplett individuelle Entscheidung, ob ich Auto fahre, sondern ich entscheide damit auch über die Lebensqualität meiner Mitmenschen. Dieser Verantwortung sollte sich jeder, der das Auto nutzt, immer bewusst sein.

Von der Politik erwarte ich deshalb, dass sie uns beim Umdenken verdammt nochmal unterstützt und es mal ein paar beherztere Schritte in der Verkehrswende gibt, damit es den Menschen leichter fällt, vom Auto weg zu Alternativen zu kommen. Dass das Firmenticket in Stuttgart bald günstiger ist als das Schülermonatsticket, ist in dem ganzen Spiel wohl nur ein schlechter Witz.

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Es geht öfter ohne Auto, als man denkt
Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

Ich muss gar nix

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

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Drei Wochen all inclusive, mit Massagen, Sportprogramm, Kinderbetreuung, Freizeitangeboten, ärztlicher Versorgung und psychologischer Unterstützung für 220 Euro. Wer berufstätig ist, bekommt diese 3 Wochen sogar zusätzlich zum Jahresurlaub, denn sie gelten als Krankschreibung. Der Hammer!

Man glaubt es kaum, aber das bieten die deutschen Krankenkassen, und es nennt sich Mutter-Kind-Kur. Wird bewilligt, wenn Frau entsprechende Atteste vom Arzt vorlegt und sich durch die Formulare der Krankenkasse arbeitet. Aber den Aufwand macht man doch gerne für DIE Leistung, oder?

Und wer kriegt so eine Kur?

Mütter, die fix und fertig sind. Fix und fertig von Alltag, Job, Haushalt, Kinder. Manche Frauen bringen noch eigene körperliche Symptome mit, aber bei den meisten liegen tiefgreifende chronische Erschöpfung, Anpassungsstörungen, Burn out, Schlafstörungen, Belastungsstörungen etc. vor. Das Müttergenesungswerk hat die Kuren erfunden, um die Frauen aus dem Hamsterrad des Alltags heraus zu holen, Symptome zu lindern und hilfreiche Angebote zu machen, die die Frauen darin unterstützen sollen, künftig mit ihren Belastungen besser klar zu kommen.

Man könnte auch sagen: die Kuren flicken die Mütter soweit zusammen, dass sie wieder 2-4 Jahre funktionieren. Denn alle 4 Jahre gibt es so eine Kur, viele Krankenkassen gewähren bei „außergewöhnlichen“ oder „neu hinzugekommenen“ Belastungen auch alle 2 Jahre eine Kur.

Und warum sind die Mütter so im Arsch?

Das hat strukturelle, gesellschaftliche und politische Gründe. An denen wird aber nicht so gerne was geändert. Man könnte die Betreuungssituation verbessern, man könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, man könnte das Steuerrecht für unverheiratete Paare und Alleinerziehende gerechter gestalten, man könnte präventiv Haushaltshilfen verordnen, man könnte bessere Netzwerke für Familien spannen, man könnte bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen, man könnte Familienzeit einführen, man könnte Unterhaltspreller verknacken, man könnte pflegende Angehörige entlasten – ach, man könnte so viel, und es würde so sehr helfen!

Statt dessen hetzen die Frauen sich kaputt und werden alle paar Jahre liebevoll wieder aufgepäppelt, aber das ist ja auch schön.

Weil die Zeiten moderner werden, gibt es inzwischen auch Vater-Kind-Kuren und sogar Vater-Mutter-Kind-Kuren. Das ist toll. Noch toller wäre es, wenn nicht nur die Mütter, sondern die ganze Familie nicht regelmäßig vom eigenen Familienleben so im Arsch wäre, dass sie komplett zur Kur muss.

Aber so ist es nun mal, und so mache ich mein Ding daraus: ich engagiere mich einerseits für eine Verbesserung der Situation von Familien und speziell von  Alleinerziehenden. Und ich fahre andererseits so oft in Kur wie es geht, weil auch ich so tierisch erschöpft bin, dass ich regelmäßig zusammen klappe. Hier drei Monate Schwindel, dort 3 Monate Tinnitus, was meinem Körper halt so einfällt, wenn er nicht mehr kann. Ich würde sehr viel lieber meinen Alltag und mein Leben mit den Kindern besser gebacken kriegen, als alle 2 Jahre im Schwarzwald Unterwassergymnastik zu machen, aber so ist es halt.

Und deshalb fahre ich bald wieder in Kur, zum dritten Mal in den letzten 6 Jahren. Ich bin nämlich alleinerziehend, habe eine eigene orthopädische Geschichte mit versteifter Wirbelsäule und entfalte regelmäßig oben genannte Erschöpfungssymptome. Meine Kinder sorgen für zusätzlichen Input bei den Attesten, und so kommt bei uns alle zwei Jahre „was neues hinzu“, wie meine Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse erfreut feststellte.

Und dann? Wohin?

Es gibt Krankenkassen die schicken die Frauen in eine bestimmte Klinik. Ich hab das umgekehrt gemacht: ich hab mir eine Klinik gesucht, gefragt ob der Platz zu meinem Wunschzeitraum frei ist und habe dann genau diese Klinik zu diesem Zeitpunkt in den Antrag der Krankenkasse geschrieben. Die Krankenkasse hat dann gesagt: Nö, zu teuer, such Dir was anderes aus, was aus unserm Katalog. Ich hab dann gesagt: Nö, ich will dahin und nirgends anders! Weil die Klinik aus diesen und jenen Gründen genau richtig für mich ist. Und dann haben die das bewilligt, irre!

Ob das bei allen so geht? Keine Ahnung, aber es gibt Beratungsstellen für Mutter-Kind-Kuren, einfach mal hingehen.

Und wie hab ich die richtige Klinik gefunden?

Ich hab den Tipp gekriegt, dass die Häuser in Caritas-Trägerschaft ziemlich gut sein sollen. Dann noch bissl googeln, in Foren lesen, andere Frauen fragen. Bei der ersten Kur ist das voll in die Hose gegangen, beim zweiten Mal war’s super.

Beim ersten Mal wollte ich halt unbedingt ans Meer, auf eine autofreie Insel. Spitzenidee, wenn man in Stuttgart wohnt, sind ja bloß 8 Stunden mit dem Zug, samt Kindern und Gepäck. Die Insel Wangerooge war wunderschön, die Klinik nicht. Später habe ich erfahren, dass das Haus zu der Zeit (2013) ohne Leitung war und entsprechend chaotisch war’s dort, aber das kann ja mal passieren. Also haben die Kinder und ich die drei Wochen auf der Insel genossen, sind viel Fahrrad gefahren, haben heißen Kakao am kalten Strand (es war März) getrunken und hatten viel Zeit für uns, bar jeglichen Konzeptes einer Mutter-Kind-Kur, aber sei’s drum.

Beim zweiten Mal hab ich mir die S-Klasse unter den Mutter-Kind-Kliniken rausgesucht, das Caritas-Haus am Feldberg, in 2 Stunden zu erreichen. Hammer, der Laden! Keine Ahnung, was die ihren Mitarbeitern geben, aber ich habe noch nie so nette, freundliche, kompetente und motivierte Menschen getroffen, von der Küchenfee über die Anheizerin bei der Unterwassergymnastik bis zu den Erziehern. In allen Abteilungen gut aufgehoben, wirklich toll! Das Ganze im Ronja-Räubertochter-Schwarzwald, wunderschön.

Und was macht man so bei einer Mutter-Kind-Kur?

Tja, es gibt Anwendungen für die Mütter und Betreuung für die Kinder. Ich hab’s in beiden Kuren so gehalten, dass ich möglichst wenig Anwendungen habe, denn für mich ist es die größte Erholung, wenn ich einfach nur viel schlafe und esse, an die frische Luft gehe und Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Es gibt für alle eine Eingangsuntersuchung, darauf basierend gibt’s eine Programm mit Anwendungen. Mit diesem Heftchen stiefel ich dann ins Sekretariat und lasse 2/3 streichen, denn ich bin ja in Kur, nicht auf der Arbeit. So mache ich das, aber das kann ja jede machen wie sie mag. Es gibt Massagen (niemals Massagen streichen!), Gesprächsgruppen (kann man sich ja mal angucken), Gymnastik mit und ohne Wasser, Psycho-Einzelgespräche, Mutter-Kind-Interaktion (sehr lustig!), Kochkurse und kreative / meditative Angebote und was weiß ich. Ich hatte sogar Physiotherapie wegen der Schrauben in meinem Kreuz.

Die Kinder werden altersgemäß in Gruppen zur Betreuung eingeteilt. Wer in seinem Bundesland Ferien hat, geht in die Betreuung, die anderen zur Schule. Ja genau: Schule! Dieses Haus am Feldberg hat eine staatlich anerkannte Klinikschule. Die Kinder bringen Material von ihrer Heimatschule mit und bearbeiten es dort, außerdem gibt eigenen Unterricht vom Haus. In dieser Klinik gibt es nämlich auch eine Reha für unbegleitete Jugendliche und deshalb haben die da die komplette Logistik für große Kinder. Das ist echt toll, denn viele Kliniken nehmen Kindern nur bis 12 Jahren auf, hier jedoch können alle mit und sind super betreut und beschäftigt. Es gibt Geo-caching, Klettern am Berg, viel Sport, Yoga, Ausflüge und Kreativ-Angebote. Und in allen Altersklassen viele andere Kinder. Meine Kinder sind es gewohnt, betreut zu werden, und gehen freundlicherweise gerne in solche Gruppen, aber sie sind ja inzwischen auch schon 10 und 12. Mütter mit sehr kleinen Kindern hatten da ganz anderen Stress während der Kur. Ich lege die Kur immer extra so, dass möglichst viel Schulferien dabei sind, dann verpassen die Kinder zu Hause nicht so viel und in der Kur haben sie auch Urlaub.

Für meine Kinder und mich ist eine Kur echte Qualitätszeit! Wir haben frei und Zeit für uns, und das genießen wir sehr. Was von der Klinik selber geboten ist, ist da fast nebensächlich. Schön ist es natürlich, wenn wir uns in dem Haus wohl fühlen und nicht durch die Kur noch Stress verursacht wird. Das war beim ersten Mal leider so, bis ich es einfach ignoriert habe und die Kur gedanklich von „Kur“ zu „Urlaub“ umgebucht habe. Im Schwarzwald am Feldberg ist es auch für mich wirklich eine Kur, weil die paar Anwendungen, die ich mir raus suche, mir auch wirklich gut tun. Und den Kindern ihre auch.

Was uns nervt, ignorieren wir einfach. Dass zum Beispiel jeden Abend nacheinander zwei Filme für die Kinder gezeigt werden in einem offen zugänglichem Raum. Soviel Glotze war selten, und ich hab mich anfangs tierisch drüber aufgeregt. Denn viele Mütter haben ihre Kinder einfach chips-fressend vor die Glotze gepflanzt, um in Ruhe rauchen zu gehen, total bescheuert! Aber irgendwann hatten meine Kinder gar keinen Bock mehr auf diese Filme in so ätzender Atmosphäre und sind lieber bis zur Dunkelheit durch den Wald gerannt. So lange, dass es mir am Ende fast lieber gewesen wäre, sie säßen sicher vor der Glotze.

Oder dass bei der Begrüßungsrunde eine Frau sagt, dass sie völlig damit überfordert ist, ihr eines Kind (5) mit Hilfe ihrer nebenan wohnenden Eltern zu betreuen, nicht zu arbeiten, ihrem Mann die Hemden zu bügeln und auch noch das Moos zwischen den Gartenplatten zu entfernen. Ich weiß, persönliche Belastungsgrenzen sind sehr verschieden, aber da kommt meine Empathie schnell an ihre Grenzen und ich übe mich verzweifelt im Klappe-halten. Sehr anstrengend, aber Klappe-halten-Üben ist ja auch mal gut, für mich allemal.

Dieses Mal hab ich die Schwerpunkt-Kur für Alleinerziehende erwischt. Da gibt’s keine besonderen Anwendungen (Alleinerziehenden-Massagen?), aber es sind eben vorwiegend Alleinerziehende da, womit die Anzahl der Burn-Out-Ladies durch Moos-Entfernen sich in Grenzen halten dürfte. Und hoffentlich auch die Tipps zur Haushaltsführung und Selbstoptimierung. Denn natürlich sind die Träger der Kuren daran interessiert, dass die Frauen bitte mal länger als 2 Jahren durchhalten. Drum will man ihnen beibringen, wie sie noch mehr aus sich heraus holen und noch besser alles organisieren können. Löblicher Ansatz, aber bei Alleinerziehenden vergebliche Liebesmüh. Da gibt’s nix zu optimieren. Ich kenne keine effektiveren Menschen als Alleinerziehende, denen ist nix mehr beizubringen. Da wärs eher an der Zeit, Strukturen zu ändern, siehe oben, aber wem sag ich das?

Und die anderen Mütter?

Da ich im restlichen Leben permanent kommuniziere und vernetze, bin ich nicht sonderlich wild drauf, Freundinnen zu finden, lange Gespräche zu führen und mich auszutauschen. In der letzten Kur war ich jeden (!) Abend mit den Kindern um 21 Uhr im Bett, habe 1,5 Stunden Harry Potter vorgelesen und dann haben wir geschlafen. Aber jede wie sie mag: andere Frauen haben stundenlang in der Teeküche gequatscht, ihr Leben besprochen und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Und das ist ja auch schön, aber eben nicht so meins, ich bin ja eher der stille Typ (haha).

Unter so vielen Müttern ist es allerdings auch oft anstrengend, den jede hat ihr eigenes Erziehungskonzept, und nicht jedes ist gut auszuhalten, auch nicht aus der Ferne. Da sind die Chips-Kinder vor der Glotze noch die harmloseren Fälle. Warum viele Frauen am 2. Kurtag mit Plastiktüten beladen vom Lidl kamen, hab ich anfangs gar nicht begriffen: in der Klinik gibt’s doch was zu essen? Ach so, aber eben keine Chips, Cola etc. Andere Mütter schnauzen ihre Kinder an, dass man sich schützend dazwischen werfen möchte. Andere betütern ihre Kinder dermaßen, dass man sie anschreien will „jetzt lass doch mal das Kind in Ruhe!“. Da ist wieder Klappe-halten-Üben angesagt, aber man sieht eben auch mal, dass das Leben nicht aus den eigenen Wertvorstellungen und der eigenen Filterblase besteht. Und so erweitern die Kinder und ich unseren Horizont ob der Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten. Ob wir uns in der Kur mit anderen zusammentun für eine kleine Wanderung oder einen Ausflug zum Freibad, dürfen wir ja gottlob selber entscheiden.

Für meine Kinder und mich ist so eine Mutter-Kind-Kur die pure Erholung, aber es kann leider auch ganz anders laufen. Wenn ein Kind krank wird zum Beispiel. Blöder noch: ansteckend krank. Dann hockt man mit dem Kind in Quarantäne auf dem Zimmer, um den Rest der Klinik nicht zu infizieren. In meiner ersten Kur ist eine Mutter nach 10 Tagen Quarantäne abgereist, ohne eine einzige Anwendung oder auch nur einen normalen Kur-Tag gehabt zu haben. Die Arme! Manche Mütter haben sehr kleine Kinder, die nicht in die Betreuung wollen. Die schlecht schlafen. Die die Essensräume in eine Arena verwandeln. Ich würde sogar behaupten, dass eine Kur erst mit Kindern ab ca. 5 Jahren erholsam ist, aber da ist ja jedes Kind und jede Mutter anders.

Richtig schlimm fand ich nur die Frauen mit dem absoluten Service-Anspruch. Die, die jeden Tag an der Rezeption stehen und was zu meckern haben. Denn hey: Ihr kriegt das hier faktisch geschenkt, und das ist kein Hotel, sondern eine Klinik!

Drei Wochen unter Müttern zu sein, ist vielleicht die größte Herausforderung an der Kur, aber ich finde es insgesamt eine großartige Sache und ich werde es für mich nutzen, so lange wie ich es brauche und darf. Und anderem, damit ich weiter die Kraft habe, mich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu Gunsten von Familien und besonders Alleinerziehenden zu engagieren, damit es diese Kuren nicht mehr braucht.

*****

Diesen Text will ich seit 2 Jahren schreiben. Nun hat Cosima Stawenow von der Landfamilia die Blogparade „Meine Kur“ gestartet und ich bin dabei.

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Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

48 Stunden alleinerziehend

Ein Fernsehsender hat mich gefragt, ob ich im Rahmen eines neuen Formates für 2 Tage nach Berlin kommen würde, um mit einem Bundespolitiker über Themen zu diskutieren, die mir am Herzen liegen. Coole Sache, hab ich gedacht! Und dann: wie in aller Welt soll ich das organisieren? Vollzeit arbeitend mit zwei Schulkindern, mitten in der Woche? Wissen dieser Fernsehsender und dieser Bundespolitiker überhaupt, was das für mich für ein Aufriss ist, 48 Stunden meinen Alltag zu verlassen? Nein, woher sollten sie.

Die allerwenigsten Menschen wissen, wie der Alltag von Alleinerziehenden eigentlich aussieht. Es gibt Studien und Bücher, und es gibt viele Blogs mit vielen Texten zum Alltag Alleinerziehender, aber es ist schwer, sie auf einen Blick zusammen zu fassen. Deshalb starte ich hiermit die Aktion #48stundenalleinerziehend. Gerade jetzt, wo der Bundestags-Wahlkampf beginnt und sämtliche Parteien die Familienpolitik wieder für sich entdecken, sollten Vertreter von Politik, Medien und Wirtschaft erfahren, wie der Alltag von Alleinerziehenden real aussieht. Denn Absichtserklärungen gibt es viele, konkrete Konzepte hingegen wenige, und mir ist noch lange nicht klar, welche Partei sich wirklich und nachhaltig für eine Verbesserung der Lebensbedingungen Alleinerziehender einsetzt. (Dazu gibt es den sehr lesenswerten Text von Rona Duwe: 1,6 Millionen Wählerinnen sind ratlos).

Unter dem Hashtag #48stundenalleinerziehend soll es Protokolle von 2 Tagen im Alltag Alleinerziehender geben, um alle, die sich für uns einsetzen wollen, zu inspirieren, so dass ihren guten Ideen auch gute Taten folgen können. Alle, die sich nicht für die Situation Alleinerziehender engagieren, aber politische Entscheidungen gestalten, können sich anhand dieser Texte fragen, warum sie glauben, dass diese 1,6 Millionen Menschen keine besondere Unterstützung brauchen.

Ich freue ich über jeden Text alleinerziehender Mütter und Väter! Bitte hier in den Kommentaren verlinken und im Text einen Link auf diesen Text hier setzen, noch den Hashtag dran und überall posten: spread the world, zusammen sind wir unübersehbar! Ich werde in 4 Wochen (die Aktion läuft bis 9. Mai) eine Zusammenfassung mit Linksammlung schreiben, die man dann bei jeder Gelegenheit aus dem Ärmel schütteln kann. Falls mal wieder jemand fragt, ob man mal eben für 2 Tage nach Berlin kommen kann. Oder warum man nicht mit ins Kino kommt. Oder warum Alleinerziehende sich nicht intensiver für ihre Rechte engagieren und überhaupt immer so müde sind.

Hier sind meine #48stundenalleinerziehend:

4. April
6.21 Uhr: Radio geht an
6.28 Uhr: Wecker klingelt
6.35 Uhr: Ich stehe auf, wecke die Kinder mache Kaffee. Am Küchenfenster rufe ich die Katzen.
6.45 Uhr: 2. Runde Wecken, ich fange an Brote zu schmieren, die Kinder trudeln verpennt in der Küche ein, wir frühstücken, reden ein bisschen, hören Radio. Am Fenster tauchen die Katzen auf, ich lasse sie rein und füttere sie.
6.55 Uhr: Der Sohn geht sich anziehen und ins Bad: er hat bis 7.10 Uhr Badezimmerzeit. Ich bereite die Vesperdosen vor, schneide Obst
7 Uhr: Die Tochter geht sich anziehen und um 7.10 Uhr ins Badezimmer
7.10 Uhr: Ich sitze im Flur mit meinem Kaffee, bespreche mit dem Sohn nochmal kurz den Tagesablauf, er zieht sich Jacke und Schuhe an, schnappt sich den Ranzen, nimmt den Müll mit raus und geht zur Schule
7.15 Uhr: Ich bespreche mit der Tochter den Tagesablauf, sie zieht sich Jacke und Schuhe an und verlässt um 7.20 Uhr die Wohnung
7.20 Uhr: Ich räume das Frühstück auf und decke den Tisch fürs Mittagessen. Ich ziehe mich an, gehe ins Bad, lüfte die Wohnung. Gehe in den Garten, pflücke Löwenzahn und versorge damit den Hasen im Auslauf draußen sowie die Schildkröten und die Zwerbartagame in ihren jeweiligen Terrarien.
7.35 Uhr: Ich verlasse die Wohnung und fahre mit dem Rad zur Arbeit
7.40 Uhr: Ich will mir auf der Arbeit einen Kaffee machen, aber ein Nutzer hat am

Kaffeemaschine nicht ausstellen
Elementar für Alleinerziehende: Kaffeemaschine nicht ausstellen!

Vorabend im Übereifer die Kaffeemaschine ausgestellt. Diese fetten Gastro-Maschinen stellt man nur aus, wenn sie 14 Tage nicht benutzt werden, nun braucht sie eine halbe Stunde zum Hochfahren. Ich ärgere mich, gehe ohne Kaffee ins Büro und fange an zu arbeiten.
8.15 Uhr: Die Putzfrau kommt, wir quatschen über die Kinder, weil wir beide unsere 4. Klässler heute auf dem Gymnasium anmelden müssen. Ich räume die Stühle im Café weg, sie putzt, ich mache mir endlich Kaffee.
9.45 Uhr: Die ersten Teamkollegen trudeln ein, ich habe bereits 2 Stunden konzentrierte Büroarbeit hinter mir
10.30 Uhr: Teamsitzung, wir besprechen die anstehende Woche
12 Uhr: ich hole mir beim Bäcker ein Brötchen, heute gibt’s keine Mittagspause denn, um
13.40 Uhr verlasse ich die Arbeit, radel den Berg hoch nach Hause, brate schnell Maultaschen und Ei an.
13.55 Uhr: Die Tochter kommt nach Hause, wir essen, sie jammert dass sie keine Lust hat, jetzt schon mitzukommen zur Schulanmeldung des Sohnes. Ok, wir besprechen, dass sie um 15.15 Uhr mit dem Bus nachkommt, denn der Kinderarzt ist direkt neben der Schule
14.15 Uhr: Ich nehme den kleinen Stapel Unterlagen, den ich nach einem Check auf der Website der Schule vorbereitet habe: Zeugnisse und Ausweis vom Sohn, außerdem Grundschulempfehlung und Anmeldung für die weiterführende Schule. Für den Kinderarzt Impfpässe, Vorsorge-Hefte und ein Blanko-Formular der Krankenkasse. Ich laufe ich den Hort und hole um
14.20 Uhr den Sohn ab. Wir fahren mit S- und U-Bahn zu seinem hoffentlich zukünftigen Gymnasium, das in einem anderen Stadtteil liegt. Das hat er sich ausgesucht und will dort unbedingt mit seinem Freund zusammen hin.
14.55 Uhr: Wir sind am Gymnasium, ein schöner alter Bau, und gehen zur Anmeldung. Ich fülle Formulare aus und wir gehen ins Sekretariat. Ich erfahre, dass getrennt lebende Eltern ein zusätzliches Formular mit der Einverständniserklärung des anderen Elternteils benötigen. „Das steht aber nicht auf Ihrer Homepage“, wundere ich mich. „Nicht?“ wundert sich ebenfalls die Sekretärin. „Nö, aber das könne Sie ja mal nachbessern“. Gleich mal beliebt machen bei der Schule. Immerhin kann diese Erklärung nachgereicht werden. Wir werden zur Rektorin geleitet für das Beratungsgespräch. Der Sohn will in den französisch-bilingualen Zug, da muss er gute Noten und eine Empfehlung fürs Gymnasium nachweisen und ich muss bescheinigen, dass mir klar ist, dass dieser Zug eine besondere Herausforderung an das Kind darstellt. Das weiß ich, der Sohn weiß es auch, wir haben uns zusammen die Homepage durchgelesen, er war beim Infotag und ich beim Elternabend. Die Rektorin ist sehr nett und erklärt nach 5 Minuten, dass der Sohn hiermit eine feste Zusage hat. Das Kind strahlt übers ganze Gesicht und platzt schier vor Glück: wie schön! Wir freuen uns beide total und verlassen beschwingt die Schule.
15.10 Uhr: Wir sind viel zu früh fertig, der Kinderarzt-Termin direkt nebenan ist um 16.15 Uhr, die Tochter wird erst in einer ¾-Stunde mit dem Bus aufkreuzen. Ich nutze die Zeit und rufe die Werkstatt an, die sich meinen neuen Elektroroller anguckt. Der hat nach 90km den Geist aufgegeben. Die Werkstatt findet keinen Fehler und rät zu einer anderen Werkstatt, mit Elektrorollern kennt sich halt niemand aus. Das muss ich später organisieren Wir schnappen uns ein Car2Go, fahren runter in den Stadtteil und kaufen uns zur Feier des Tages 3 fette Erdbeerkuchen-Schnitten, fahren den Hügel wieder hoch und setzen uns an der Bushaltestelle in die Sonne. Wir essen den Kuchen und ich checke auf dem Smartphone berufliche Mails, weil ich so früh aus dem Büro weg musste.
16 Uhr: Die Tochter kommt mit dem Bus an, wir laufen zum Arzt und warten dort eine weitere ¾-Stunde. Die Tochter futtert ihren Erdbeerkuchen und wir langweilen uns ausgiebig.
16.45 Uhr: Beratungsgespräch zum Impfen. Wir hatten zwischendurch mal den Kinderarzt gewechselt und sind nun bei diesem zurück, er ist einfach der beste. Impfkritisch, aber er impft. Sehr dosiert und überlegt. Wir besprechen die Vorgehensweise bis zur Jugenduntersuchung der Kinder. Die Tochter ist sehr interessiert, der Sohn schläft schier ein. Ich bitte ihn noch, das Attest für die Tochter auszufüllen, wir wollen ein Upgrade für sie vom Begleitkind zum Kurkind bei der anstehenden Mutter-Kind-Kur. „Und der Sohn?“, fragt der Arzt. „Der hat bei besten Willen nix“ – wir lachen und verlassen die Praxis.
17.15 Uhr: Wir stellen fest, dass auf dem Rückweg von dem neuen Gymnasium die beste Eisdiele der Stadt liegt, und steigen spontan wieder aus der Bahn. Es gibt Limette-Minze-Eis, der Hammer! Wir essen unser Eis, blicken runter auf die Stadt und die Tochter sagt, wie schön es sei, wenn wir mal was zusammen machen. Und ich stelle fest, wie selten wir sowas Nettes zusammen machen.
17.30 Uhr: Wir fahren nach Hause, mit Umsteigen und Bus im Feierabend-Verkehr einmal quer durch die Stadt. Gottseidank ist die Hygieneschulung auf der Arbeit um 18 Uhr abgesagt worden, das wäre ganz schön knapp geworden! Dadurch konnte ich auch den bereits gebuchten Babysitter für heute Abend absagen.
18.15 Uhr: Endlich zu Hause! Die Kinder machen ihre „Medienzeit“, sprich: kleben am Smartphone und spielen subway surfers (Sohn) oder gucken youtube-Filmchen (Tochter). Ich falte Wäsche, schmuse mit den Katzen und bereite das Abendessen vor.
18.50 Uhr: Wir essen und unterhalten uns über den Tag. Der Sohn ist immer noch selig, dass er die Zusage der Schule hat, die Tochter erzählt von ihrem Schultag.
19.25 Uhr: Die Kinder gucken auf Kika purplus, ich räume die Spülmaschine ein und stelle sie an, decke den Frühstückstisch und schaue nochmal in die Mails. Dann gucke ich mit den Kindern die Kindernachrichten
20.10 Uhr: Fernsehende. Ich schicke die Kinder zum Umziehen und Zähneputzen und lasse alle Rollläden runter. Die Kinder schmusen aber noch miteinander auf dem Sofa, Quatschen und Toben. Ich überlege und entscheide dann, dass ich sie lasse, es sieht sehr friedlich aus. Ich bitte sie, sich in den nächsten 10 Minuten bitte bettfertig zu machen, gerne noch zu lesen und um 21 Uhr das Licht auszumachen. Keine Ahnung ob‘s klappt, ich schätze schon, zudem will die Tochter noch duschen. Ich gehe jetzt jedenfalls um
20.25 Uhr: zum Elternabend im Hort. Zu Hause scheint alles friedlich, zumindest ruft mich niemand an.
22.30 Uhr: Der Elternabend geht zu Ende, wir bleiben noch zusammen sitzen und planen eine große Abschiedsparty, denn im September werden drei Familien, darunter wir, die ElternKindInitiative verlassen, nach 10 Jahren! Die Kinder waren seit ihrem 1. Jahr in dieser Einrichtung. Nach ein paar Bier in geselliger Runde gehe ich um
23.30 Uhr nach Hause. Viel zu spät! Aber es war so nett. Zu Hause gucken, ob alle im Bett liegen, die Brotbackmaschine anstellen, die Katzen in die Nacht hinaus lassen
24 Uhr Licht aus.

5. April
6.21 Uhr: Radio geht an
6.28 Uhr: Wecker klingelt
6.35 Uhr: Ich stehe auf, wecke die Kinder mache Kaffee. Am Küchenfenster rufe ich die Katzen.

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6.45 Uhr Frühstück

6.45 Uhr: 2. Runde Wecken, ich hole das frische Bot aus der Brotbackmaschine und fange an, Brote zu schmieren, die Kinder trudeln verpennt in der Küche ein, wir frühstücken, reden, hören Radio. Am Fenster tauchen die Katzen auf, ich lasse sie rein und füttere sie. Der Sohn sagt, dass er nochmal in sein Heft gucken will, weil er heute einen Test schreibt, und mir fällt vor Schreck das Brot aus der Hand: Der Schulranzen! Der steht im Hort, ich hab ja den Sohn gestern dort abgeholt und wir sind gleich los zur Schulanmeldung. Den Ranzen wollte ich abends vom Elternabend mitbringen, hab das aber vor lauter Party-Planen vergessen. Ich Depp! Der Sohn wird kurz sehr nervös, ich tröste ihn, ziehe mich blitzschnell an, flitze raus, schwinge mich auf’s Rad und hole den Ranzen. Gut, dass in einer ElternKindIni alle Familien einen Schlüssel haben!
7.05 Uhr: Ich bin wieder da, fix und fertig, der Sohn glücklich. Er zieht sich an und tschüss. Die Tochter zieht sich an und tschüss.
7.20 Uhr: Alle weg, ich gehe ins Bad, ziehe mich an und räume die Spülmaschine aus und die Küche auf, lüfte die Wohnung, drehe meine Haustier-Runde und rufe die nächste Werkstatt an: ja, ich kann den Roller heute bringen. Schicke dem Kollegen eine SMS, ob er heute mit seinem VW-Bus zur Arbeit kommen kann. Ich decke den Mittagstisch, schneide Gemüse und Rohkost und lege der Tochter einen Zettel hin, was und wie sie sich Mittagessen kochen kann.
8 Uhr: Auf der Arbeit und heute gibt’s als erstes den Kaffee. Der Kreislauf-Schock mit dem Ranzen sitzt mir noch im Nacken. Ich arbeite und gegen 9.45 Uhr kreuzen die Kollegen auf. Kurze Besprechungen und um 10.30 Uhr fahren wir zu der einen Werkstatt, laden meinen Roller ein und fahren zur nächsten Werkstatt. Hoffentlich klappt es dieses Mal! Auf dem Rückweg wird mir fast schlecht vor Hunger: ich habe noch nix gegessen heute.
11.30 Uhr: Ich hole mir ein belegtes Brötchen beim Bäcker und arbeite. Ab 14 Uhr immer wieder der Blick auf Uhr und Handy, denn ab jetzt ist die Tochter alleine zu Hause. Sie meldet sich aber nicht, also scheint alles ok zu sein, fast schon ungewöhnlich.
15.30 Uhr: Noch eine längere Besprechung mit den Kollegen.
16.30 Uhr ruft der Sohn aus dem Hort an, ob sein Freund ihn heute besuchen darf? Bissl ungünstig, denn wir sind noch um 17 Uhr beim Friseur verabredet, aber der Freund kann ja mitkommen.
16.40 Uhr: Der Sohn ruft nochmal an, dass aus der Verabredung nix wird und dass er jetzt nach Hause geht. Ich erinnere ihn nochmal an den Friseur-Termin
16.45 Uhr: Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, die Schuhe zum Schuster und die Hose zum Schneider zu bringen. Mist, also muss ich das morgen machen. Einkaufen muss ich glaub ich nicht, alles noch da.
16.55 Uhr: Ich gehe zum Friseur und treffe dort meinen Sohn, der bereits dran ist und seine Matte verliert. Er hat mit der Friseurin schon alles besprochen.
17.30 Uhr: Wir gehen nach Hause, da sitzt die Tochter auf dem Sofa und macht Hausaufgaben. Vor ihr 3 Apfelreste – da hätte ich doch nochmal einkaufen müssen, aber jetzt gehe ich nicht mehr los. Der Sohn füttert seine Zwergbartagame mit lebenden Heuschrecken, die Tochter hat sich bereits um Hase und Kröten gekümmert.
17.40 Uhr: Wir sitzen alle auf dem Sofa, die Tochter mit ihrem Englisch, der Sohn mit dem Smartphone und ich sacke in einen Sekundenschlaf. Ich bin so müde! Und so froh, dass ich den Abend-Termin, den ich heute Abend hätte (eine ziemlich tolle Lesung mit großartigen Autoren, seufz) an die Kollegin abgegeben habe. Dann hätte ich zwar heute nur bis 14 Uhr gearbeitet, aber JETZT los gemusst und wäre nicht vor 23 Uhr zu Hause gewesen. Dafür werde ich Freitag und Samstagabend Konzerte bis in die Nacht betreuen, aber da kann ich wenigstens am nächsten Tag ausschlafen
18.15 Uhr: Ich raffe mich auf, gehe in die Küche und räume die Mittagessen-Spuren der Tochter weg und bereite das Abendessen vor. Es gibt Pfannkuchen und ich koche gleichzeitig Kartoffeln, weil die Tochter morgen ein Mittagessen mit in die Schule nimmt.
18.45 Uhr: Wir essen und unterhalten uns über die Nachrichten: Giftgas-Angriff in Syrien, schlimm!
19.25 Uhr: Die Kinder gehen Fernseh gucken, ich räume die Küche auf, stelle die Spülmaschine an und decke den Frühstückstisch.
20.10 Uhr: Fernsehende. Der Sohn wird Duschen geschickt und es klappt beim ersten Anlauf, yeah. Ich sammel Wäsche ein und stecke sie im Keller in die Waschmaschine. Räume das Wohnzimmer auf und gehe zum Sohn, der nach dem Duschen statt ins Bett ins Lego versunken ist.
21 Uhr: Schicke ihn ins Bett, krabbel hinterher und wir schmusen. „Kannst Du mir noch die Zehnägel schneiden?“ Klar, wieder rauskrabbeln (er schläft in einer Höhle), Schere holen, Krallen stutzen, wieder schmusen, gute Nacht. Zur Tochter ins Hochbett klettern, sie erzählt mir von ihren Stunden am Nachmittag, in denen sie allein zu Hause war. Sie hat sich Essen gekocht, ihr Zimmer aufgeräumt, die Haustiere versorgt und dann „bin ich ein bißchen im Wald spazieren gegangen, das war total schön“. „Du bist WAS??“ schreit es in mir, aber tatsächlich versuche ich, ihre Freude an frischer Luft und an einem Waldspaziergang nicht zu dämpfen, gleichwohl meine 12jährige dezent darauf hinzuweisen, bitte nicht zu tief in den Wald zu gehen und bitte das Handy mitzunehmen. Puh! Noch ein bisschen schmusen, gute Nacht. Wie ist es jetzt
21.40 Uhr geworden? Ich gehe nochmal in den Keller und stecke die Wäsche in den Trockner. Setze mich an den Schreibtisch, überweise Rechnungen und schreibe Mails und Whatsapps an befreundete Familien, bei denen die Kinder am Freitag übernachten werden, wenn ich arbeite. Ab Samstag sind sie dann beim Vater, also muss ich ihm noch sagen, wo er die Kinder abholen kann. Dann kann er ja auch die Einverständniserklärung vom Gymnasium unterschreiben. Außerdem muss ich die Osterferienbetreuung der Tochter organisieren und eine Freundin möchte ein Wohnzimmerkonzert ausrichten, das ich managen werde, aber da habe ich heute Abend keine Lust mehr zu. Ich habe drei halbe Blogtexte im Kopf, aber das schaffe ich heute auch nicht mehr. Ich gucke ein bisschen ins Internet, Twitter und facebook, linse aufs Konto, verdränge das Ergebnis und dann
23 Uhr: Licht aus, Feierabend. Die Katzen schlafen auch schon, aber die müssen nachts

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so kuschelig

raus, weil ich sonst nicht schlafen kann. Morgen muss ich einkaufen, nicht vergessen: zum Schuster, zum Schneider und Äpfel sind alle, mindestens!

 

 

 

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P.S. Ich habe dem Fernsehsender zugesagt, denn ich will diese Chance nutzen und dem Bundespolitiker sehr gerne erzählen, wie das Leben als Alleinerziehende aussieht und daß die Familienpolitik der Realität ganz schön hinterherhinkt. Mein Exmann nimmt die Kinder außerplanmäßig für 3 Tage mitten in der Woche, auf dem Job halten die Kollegen mir den Rücken frei, die Nachbarn füttern unseren Zoo. Was für ein Aufriss, ich hoffe es lohnt sich!

48 Stunden alleinerziehend