Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

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Drei Wochen all inclusive, mit Massagen, Sportprogramm, Kinderbetreuung, Freizeitangeboten, ärztlicher Versorgung und psychologischer Unterstützung für 220 Euro. Wer berufstätig ist, bekommt diese 3 Wochen sogar zusätzlich zum Jahresurlaub, denn sie gelten als Krankschreibung. Der Hammer!

Man glaubt es kaum, aber das bieten die deutschen Krankenkassen, und es nennt sich Mutter-Kind-Kur. Wird bewilligt, wenn Frau entsprechende Atteste vom Arzt vorlegt und sich durch die Formulare der Krankenkasse arbeitet. Aber den Aufwand macht man doch gerne für DIE Leistung, oder?

Und wer kriegt so eine Kur?

Mütter, die fix und fertig sind. Fix und fertig von Alltag, Job, Haushalt, Kinder. Manche Frauen bringen noch eigene körperliche Symptome mit, aber bei den meisten liegen tiefgreifende chronische Erschöpfung, Anpassungsstörungen, Burn out, Schlafstörungen, Belastungsstörungen etc. vor. Das Müttergenesungswerk hat die Kuren erfunden, um die Frauen aus dem Hamsterrad des Alltags heraus zu holen, Symptome zu lindern und hilfreiche Angebote zu machen, die die Frauen darin unterstützen sollen, künftig mit ihren Belastungen besser klar zu kommen.

Man könnte auch sagen: die Kuren flicken die Mütter soweit zusammen, dass sie wieder 2-4 Jahre funktionieren. Denn alle 4 Jahre gibt es so eine Kur, viele Krankenkassen gewähren bei „außergewöhnlichen“ oder „neu hinzugekommenen“ Belastungen auch alle 2 Jahre eine Kur.

Und warum sind die Mütter so im Arsch?

Das hat strukturelle, gesellschaftliche und politische Gründe. An denen wird aber nicht so gerne was geändert. Man könnte die Betreuungssituation verbessern, man könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, man könnte das Steuerrecht für unverheiratete Paare und Alleinerziehende gerechter gestalten, man könnte präventiv Haushaltshilfen verordnen, man könnte bessere Netzwerke für Familien spannen, man könnte bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen, man könnte Familienzeit einführen, man könnte Unterhaltspreller verknacken, man könnte pflegende Angehörige entlasten – ach, man könnte so viel, und es würde so sehr helfen!

Statt dessen hetzen die Frauen sich kaputt und werden alle paar Jahre liebevoll wieder aufgepäppelt, aber das ist ja auch schön.

Weil die Zeiten moderner werden, gibt es inzwischen auch Vater-Kind-Kuren und sogar Vater-Mutter-Kind-Kuren. Das ist toll. Noch toller wäre es, wenn nicht nur die Mütter, sondern die ganze Familie nicht regelmäßig vom eigenen Familienleben so im Arsch wäre, dass sie komplett zur Kur muss.

Aber so ist es nun mal, und so mache ich mein Ding daraus: ich engagiere mich einerseits für eine Verbesserung der Situation von Familien und speziell von  Alleinerziehenden. Und ich fahre andererseits so oft in Kur wie es geht, weil auch ich so tierisch erschöpft bin, dass ich regelmäßig zusammen klappe. Hier drei Monate Schwindel, dort 3 Monate Tinnitus, was meinem Körper halt so einfällt, wenn er nicht mehr kann. Ich würde sehr viel lieber meinen Alltag und mein Leben mit den Kindern besser gebacken kriegen, als alle 2 Jahre im Schwarzwald Unterwassergymnastik zu machen, aber so ist es halt.

Und deshalb fahre ich bald wieder in Kur, zum dritten Mal in den letzten 6 Jahren. Ich bin nämlich alleinerziehend, habe eine eigene orthopädische Geschichte mit versteifter Wirbelsäule und entfalte regelmäßig oben genannte Erschöpfungssymptome. Meine Kinder sorgen für zusätzlichen Input bei den Attesten, und so kommt bei uns alle zwei Jahre „was neues hinzu“, wie meine Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse erfreut feststellte.

Und dann? Wohin?

Es gibt Krankenkassen die schicken die Frauen in eine bestimmte Klinik. Ich hab das umgekehrt gemacht: ich hab mir eine Klinik gesucht, gefragt ob der Platz zu meinem Wunschzeitraum frei ist und habe dann genau diese Klinik zu diesem Zeitpunkt in den Antrag der Krankenkasse geschrieben. Die Krankenkasse hat dann gesagt: Nö, zu teuer, such Dir was anderes aus, was aus unserm Katalog. Ich hab dann gesagt: Nö, ich will dahin und nirgends anders! Weil die Klinik aus diesen und jenen Gründen genau richtig für mich ist. Und dann haben die das bewilligt, irre!

Ob das bei allen so geht? Keine Ahnung, aber es gibt Beratungsstellen für Mutter-Kind-Kuren, einfach mal hingehen.

Und wie hab ich die richtige Klinik gefunden?

Ich hab den Tipp gekriegt, dass die Häuser in Caritas-Trägerschaft ziemlich gut sein sollen. Dann noch bissl googeln, in Foren lesen, andere Frauen fragen. Bei der ersten Kur ist das voll in die Hose gegangen, beim zweiten Mal war’s super.

Beim ersten Mal wollte ich halt unbedingt ans Meer, auf eine autofreie Insel. Spitzenidee, wenn man in Stuttgart wohnt, sind ja bloß 8 Stunden mit dem Zug, samt Kindern und Gepäck. Die Insel Wangerooge war wunderschön, die Klinik nicht. Später habe ich erfahren, dass das Haus zu der Zeit (2013) ohne Leitung war und entsprechend chaotisch war’s dort, aber das kann ja mal passieren. Also haben die Kinder und ich die drei Wochen auf der Insel genossen, sind viel Fahrrad gefahren, haben heißen Kakao am kalten Strand (es war März) getrunken und hatten viel Zeit für uns, bar jeglichen Konzeptes einer Mutter-Kind-Kur, aber sei’s drum.

Beim zweiten Mal hab ich mir die S-Klasse unter den Mutter-Kind-Kliniken rausgesucht, das Caritas-Haus am Feldberg, in 2 Stunden zu erreichen. Hammer, der Laden! Keine Ahnung, was die ihren Mitarbeitern geben, aber ich habe noch nie so nette, freundliche, kompetente und motivierte Menschen getroffen, von der Küchenfee über die Anheizerin bei der Unterwassergymnastik bis zu den Erziehern. In allen Abteilungen gut aufgehoben, wirklich toll! Das Ganze im Ronja-Räubertochter-Schwarzwald, wunderschön.

Und was macht man so bei einer Mutter-Kind-Kur?

Tja, es gibt Anwendungen für die Mütter und Betreuung für die Kinder. Ich hab’s in beiden Kuren so gehalten, dass ich möglichst wenig Anwendungen habe, denn für mich ist es die größte Erholung, wenn ich einfach nur viel schlafe und esse, an die frische Luft gehe und Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Es gibt für alle eine Eingangsuntersuchung, darauf basierend gibt’s eine Programm mit Anwendungen. Mit diesem Heftchen stiefel ich dann ins Sekretariat und lasse 2/3 streichen, denn ich bin ja in Kur, nicht auf der Arbeit. So mache ich das, aber das kann ja jede machen wie sie mag. Es gibt Massagen (niemals Massagen streichen!), Gesprächsgruppen (kann man sich ja mal angucken), Gymnastik mit und ohne Wasser, Psycho-Einzelgespräche, Mutter-Kind-Interaktion (sehr lustig!), Kochkurse und kreative / meditative Angebote und was weiß ich. Ich hatte sogar Physiotherapie wegen der Schrauben in meinem Kreuz.

Die Kinder werden altersgemäß in Gruppen zur Betreuung eingeteilt. Wer in seinem Bundesland Ferien hat, geht in die Betreuung, die anderen zur Schule. Ja genau: Schule! Dieses Haus am Feldberg hat eine staatlich anerkannte Klinikschule. Die Kinder bringen Material von ihrer Heimatschule mit und bearbeiten es dort, außerdem gibt eigenen Unterricht vom Haus. In dieser Klinik gibt es nämlich auch eine Reha für unbegleitete Jugendliche und deshalb haben die da die komplette Logistik für große Kinder. Das ist echt toll, denn viele Kliniken nehmen Kindern nur bis 12 Jahren auf, hier jedoch können alle mit und sind super betreut und beschäftigt. Es gibt Geo-caching, Klettern am Berg, viel Sport, Yoga, Ausflüge und Kreativ-Angebote. Und in allen Altersklassen viele andere Kinder. Meine Kinder sind es gewohnt, betreut zu werden, und gehen freundlicherweise gerne in solche Gruppen, aber sie sind ja inzwischen auch schon 10 und 12. Mütter mit sehr kleinen Kindern hatten da ganz anderen Stress während der Kur. Ich lege die Kur immer extra so, dass möglichst viel Schulferien dabei sind, dann verpassen die Kinder zu Hause nicht so viel und in der Kur haben sie auch Urlaub.

Für meine Kinder und mich ist eine Kur echte Qualitätszeit! Wir haben frei und Zeit für uns, und das genießen wir sehr. Was von der Klinik selber geboten ist, ist da fast nebensächlich. Schön ist es natürlich, wenn wir uns in dem Haus wohl fühlen und nicht durch die Kur noch Stress verursacht wird. Das war beim ersten Mal leider so, bis ich es einfach ignoriert habe und die Kur gedanklich von „Kur“ zu „Urlaub“ umgebucht habe. Im Schwarzwald am Feldberg ist es auch für mich wirklich eine Kur, weil die paar Anwendungen, die ich mir raus suche, mir auch wirklich gut tun. Und den Kindern ihre auch.

Was uns nervt, ignorieren wir einfach. Dass zum Beispiel jeden Abend nacheinander zwei Filme für die Kinder gezeigt werden in einem offen zugänglichem Raum. Soviel Glotze war selten, und ich hab mich anfangs tierisch drüber aufgeregt. Denn viele Mütter haben ihre Kinder einfach chips-fressend vor die Glotze gepflanzt, um in Ruhe rauchen zu gehen, total bescheuert! Aber irgendwann hatten meine Kinder gar keinen Bock mehr auf diese Filme in so ätzender Atmosphäre und sind lieber bis zur Dunkelheit durch den Wald gerannt. So lange, dass es mir am Ende fast lieber gewesen wäre, sie säßen sicher vor der Glotze.

Oder dass bei der Begrüßungsrunde eine Frau sagt, dass sie völlig damit überfordert ist, ihr eines Kind (5) mit Hilfe ihrer nebenan wohnenden Eltern zu betreuen, nicht zu arbeiten, ihrem Mann die Hemden zu bügeln und auch noch das Moos zwischen den Gartenplatten zu entfernen. Ich weiß, persönliche Belastungsgrenzen sind sehr verschieden, aber da kommt meine Empathie schnell an ihre Grenzen und ich übe mich verzweifelt im Klappe-halten. Sehr anstrengend, aber Klappe-halten-Üben ist ja auch mal gut, für mich allemal.

Dieses Mal hab ich die Schwerpunkt-Kur für Alleinerziehende erwischt. Da gibt’s keine besonderen Anwendungen (Alleinerziehenden-Massagen?), aber es sind eben vorwiegend Alleinerziehende da, womit die Anzahl der Burn-Out-Ladies durch Moos-Entfernen sich in Grenzen halten dürfte. Und hoffentlich auch die Tipps zur Haushaltsführung und Selbstoptimierung. Denn natürlich sind die Träger der Kuren daran interessiert, dass die Frauen bitte mal länger als 2 Jahren durchhalten. Drum will man ihnen beibringen, wie sie noch mehr aus sich heraus holen und noch besser alles organisieren können. Löblicher Ansatz, aber bei Alleinerziehenden vergebliche Liebesmüh. Da gibt’s nix zu optimieren. Ich kenne keine effektiveren Menschen als Alleinerziehende, denen ist nix mehr beizubringen. Da wärs eher an der Zeit, Strukturen zu ändern, siehe oben, aber wem sag ich das?

Und die anderen Mütter?

Da ich im restlichen Leben permanent kommuniziere und vernetze, bin ich nicht sonderlich wild drauf, Freundinnen zu finden, lange Gespräche zu führen und mich auszutauschen. In der letzten Kur war ich jeden (!) Abend mit den Kindern um 21 Uhr im Bett, habe 1,5 Stunden Harry Potter vorgelesen und dann haben wir geschlafen. Aber jede wie sie mag: andere Frauen haben stundenlang in der Teeküche gequatscht, ihr Leben besprochen und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Und das ist ja auch schön, aber eben nicht so meins, ich bin ja eher der stille Typ (haha).

Unter so vielen Müttern ist es allerdings auch oft anstrengend, den jede hat ihr eigenes Erziehungskonzept, und nicht jedes ist gut auszuhalten, auch nicht aus der Ferne. Da sind die Chips-Kinder vor der Glotze noch die harmloseren Fälle. Warum viele Frauen am 2. Kurtag mit Plastiktüten beladen vom Lidl kamen, hab ich anfangs gar nicht begriffen: in der Klinik gibt’s doch was zu essen? Ach so, aber eben keine Chips, Cola etc. Andere Mütter schnauzen ihre Kinder an, dass man sich schützend dazwischen werfen möchte. Andere betütern ihre Kinder dermaßen, dass man sie anschreien will „jetzt lass doch mal das Kind in Ruhe!“. Da ist wieder Klappe-halten-Üben angesagt, aber man sieht eben auch mal, dass das Leben nicht aus den eigenen Wertvorstellungen und der eigenen Filterblase besteht. Und so erweitern die Kinder und ich unseren Horizont ob der Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten. Ob wir uns in der Kur mit anderen zusammentun für eine kleine Wanderung oder einen Ausflug zum Freibad, dürfen wir ja gottlob selber entscheiden.

Für meine Kinder und mich ist so eine Mutter-Kind-Kur die pure Erholung, aber es kann leider auch ganz anders laufen. Wenn ein Kind krank wird zum Beispiel. Blöder noch: ansteckend krank. Dann hockt man mit dem Kind in Quarantäne auf dem Zimmer, um den Rest der Klinik nicht zu infizieren. In meiner ersten Kur ist eine Mutter nach 10 Tagen Quarantäne abgereist, ohne eine einzige Anwendung oder auch nur einen normalen Kur-Tag gehabt zu haben. Die Arme! Manche Mütter haben sehr kleine Kinder, die nicht in die Betreuung wollen. Die schlecht schlafen. Die die Essensräume in eine Arena verwandeln. Ich würde sogar behaupten, dass eine Kur erst mit Kindern ab ca. 5 Jahren erholsam ist, aber da ist ja jedes Kind und jede Mutter anders.

Richtig schlimm fand ich nur die Frauen mit dem absoluten Service-Anspruch. Die, die jeden Tag an der Rezeption stehen und was zu meckern haben. Denn hey: Ihr kriegt das hier faktisch geschenkt, und das ist kein Hotel, sondern eine Klinik!

Drei Wochen unter Müttern zu sein, ist vielleicht die größte Herausforderung an der Kur, aber ich finde es insgesamt eine großartige Sache und ich werde es für mich nutzen, so lange wie ich es brauche und darf. Und anderem, damit ich weiter die Kraft habe, mich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu Gunsten von Familien und besonders Alleinerziehenden zu engagieren, damit es diese Kuren nicht mehr braucht.

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Diesen Text will ich seit 2 Jahren schreiben. Nun hat Cosima Stawenow von der Landfamilia die Blogparade „Meine Kur“ gestartet und ich bin dabei.

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Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

Wie schaffst Du das bloß?

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Nur die Heizung rauscht und stündlich blökt das Schaf in der Wanduhr vom Sohn. Ich mache nichts. Gar nichts. Ich putze nicht, ich gehe nicht ins Kino, ich rufe niemanden an, ich ziehe keine Betten ab, ich treffe niemanden, ich räume nicht auf. Schon gar nicht gehe ich tanzen oder date potentielle Lebensgefährten.

Ich tue nichts von dem, was man denkt, das Alleinerziehende tun, wenn sie mal kinderfrei haben. Vor 1,5 Jahren hab ich auf die nervige Frage, was ich an den kinderfreien Zeiten eigentlich mache, noch salopp geschrieben: Ich vögel bis ich wund bin, dann mach ich mir die Nägel und geh Tanzen. 

Haha.

Inzwischen bleibt mir der lustige Zynismus im Halse stecken. Ich brauche diese Zeiten ohne Kinder komplett, um mich zu erholen. Ich kommuniziere nicht, ich rödel nicht durch die Wohnung. Ich wasche einmal alles, was rumliegt und bestelle online den Großeinkauf, das wars. Dann sitze ich auf dem Sofa und häkel irgendwas, gucke irgendwas im Fernsehen, schreibe ein bisschen, schlafe.

Ich war jetzt 8 Wochen krank geschrieben und war davon die letzten 8 Tage ohne Kinder allein zu Hause. Krank werden ist ja so ein no-go bei Alleinerziehenden: das geht eigentlich gar nicht. Wer soll mich pflegen, wer soll sich um die Kinder kümmern, um den Haushalt, die Elternabende, die Lehrergespräche, die vorpubertären Sorgen der Tochter und das Tobebedürfnis des Sohnes? Genau: ich. Ich hab’s einfach weitergemacht, das alles. Denn ich hatte eine Krankheit, die man nicht so sieht und mit der man ganz gut auch einfach weitermachen kann: komplette Erschöpfung, Rauschen und Fiepen im Kopf, Vergesslichkeit, Kopfweh, Schwindel. Nach zwei Wochen kam noch ein durchgedrehter Nerv im Arm hinzu mit unterirdischen Schmerzen von der Schulter bis in den Finger. Orthopädische Altlasten kombiniert mit akuter Verspannung. Da nimmt man dann hochdosierte Schmerzmittel und macht ebenfalls weiter, geht doch. Nach drei Wochen wurden beide Kinder krank mit einem Infekt, und so waren wir zu Dritt 10 Tage lang zu Hause. Ich war inzwischen bei drei verschiedenen Schmerzmitteln, samt Zeug für den Magen, damit der das mitmacht, und diverses homöopathisches Gedöns, um dieses FiepenRauschenBurnOutDings in meinem Kopf runter zu fahren.

Für die Kinder habe ich Tee gekocht, Körnerkissen erwärmt, getröstet und gekuschelt. Wer nicht schlafen kann vor lauter Bauch- und Kopfweh, der darf natürlich zu Mama ins Bett, im Zweifel also beide. Wir haben zusammen Weihnachtsgeschenke gebastelt und ich habe mehrere Stunden täglich unseren neuen Entertain-TV-Anschluss gepriesen. Nebenbei gabs natürlich FrühstückMittagessenAbendessen, Wäsche zu waschen, das Klo zu putzen und den verzweifelten Versuch, die Wohnung bewohnbar zu halten. So wurden die Kinder langsam gesund, ich nicht.

Gibt’s da keine Unterstützung? Klar!

Als die Kinder krank wurden, hat meine Hausärztin gesagt „jetzt reichts!“ und hat mir ein Attest für eine Haushaltshilfe geschrieben. 6 Stunden am Tag sollte jemand zu uns kommen und einkaufen, kochen, putzen, waschen, kümmern. Hach, ein Traum! Ich habe alle fünf Familienpflegedienste in Stuttgart durchtelefoniert, alle waren ausgebucht, „vielleicht in 2-3 Monaten wieder“. Dann hat mir eine Freundin immerhin ihre Putzfrau vermittelt, eine Seele von Mensch! Ich habe einen Antrag auf bescheidene 3 Stunden/Tag samt Attest an die Krankenkasse geschickt, und die haben mir die Hilfe dann für 10 Stunden pro Woche  bewilligt. Für 9€/Stunde, aber die Putzfrau nimmt 12€. Und natürlich abzüglich Eigenanteil von 10%. Und natürlich mit ausdrücklichem Verweis darauf, dass das eine Ausnahme sei, immerhin seien die Kinder schon so groß, die könnten ja helfen. Dass die Krankenkasse damit Werbung macht, dass sie eine Haushaltshilfe bewilligen, wenn Kinder unter 12 im Haushalt leben und die haushaltführende Person krank ist, hat die Sachbearbeiterin nicht interessiert. Kinder von 10 und 11 Jahren sind, da bin ich mir ganz sicher, unter 12 Jahren, und kranke Kinder helfen recht selten im Haushalt, aber was weiß ich schon? Wahrscheinlich ein eklatanter Erziehungsfehler meinerseits. Aber immerhin kam dann 2x diese nette Frau, die hier geputzt und gewischt hat, als ob’s kein Morgen gäb, toll!

Da ich gottlob fest angestellt bin, konnte ich wenigstens die Arbeit weglassen und noch 6 Wochen lang Lohnfortzahlung bekommen. Ich weiß, dass das ein großes Glück ist, denn die wenigstens Alleinerziehenden haben eine Vollzeitstelle. Seit 2 Wochen ist mit der Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für mich Schluss, das Krankengeld der Krankenkasse kommt auf ca. 80% vom Gehalt und wird leider nicht überwiesen, weil die Ärztin einen Formfehler gemacht hat. Blöd, und sie hat nun natürlich Urlaub. Aber das wird sich ja nächste Woche klären, und dann bekomme ich bestimmt rückwirkend mein Krankengeld. Bis dahin bezahle ich einfach keine Rechnungen….

Auch sonst ist das mit längerer Krankschreibung finanziell kein Spaß: unzählige Arzt- und Physiotherapie-Termine, zu denen ich fahren musste. Ich habe kein Auto,  weil ich alles im Stadtteil zu Fuß erledige, aber diese Termine waren leider außerhalb meines Radius‘, nur mit zahlreichen Bustickets zu erreichen. Zuzahlung zu Medikamenten & Physiotherapie, Heilmittel die nicht übernommen werden, aber doch so sehr helfen sollten und letztlich gestiegene Energiekosten, weil ich ja ausgerechnet im Winter krank werden musste. Alles Kleinkram, kann man doch irgendwie noch finanzieren, ausgerechnet im kostenintensiven Dezember mit Geschenken, Tannenbaum, Adventskalender, oder?

Überhaupt sind November und Dezember die denkbar bescheuertesten Monate, um krank zu werden: unzählige Laternenfeste und Weihnachtsfeiern, bei denen die Kinder was aufführen. Zusammen mit Arzt und Facharztterminen, Physiotherapie und MRT und Diskussionen mit Apotheken, die Medikamente nicht rausrücken, hatte ich in den acht Wochen ca. 5 Vormittage, die ich wirklich allein zu Hause war, um zu versuchen gesund zu werden. Dann kamen die Weihnachtsferien mit allen Feierlichkeiten die dazu gehören, und schlussendlich habe ich erst so richtig meine Ruhe seit dem 1. Januar. Da wurden die Kinder vom Vater abgeholt, um bis zum Schulbeginn am 9.1. dort zu bleiben.

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich in der Hälfte der Zeit gesund geworden wäre, wenn ich Unterstützung gehabt hätte. Wenn z.B. bei der Krankschreibung einer Alleinerziehenden von mehr als 14 Tagen eine Alarmlampe in der Krankenkasse aufleuchtet: Achtung Achtung, kostenintensiver Fall rollt auf uns zu, sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Zack: Haushaltshilfe! Ohne Antrag, Telefonieren, Diskutieren. Und die Kur gleich hinterher, die haben doch meine Befunde, Krankmeldungen, Verschreibungen, das können die sich doch zusammen reimen was hier los ist? Übrigens fände ich eine ambulante Kur viel besser für mich und die Kinder, und kostenschonender für die Krankenkasse: 3 Wochen lang kommt täglich eine Haushaltshilfe zu uns und ich hab Zeit für Anwendungen und Ruhe. Aber so ticken Krankenkassen nicht, die reagieren erst, wenn alles zu spät ist.

Der Nerv im Arm hat sich inzwischen beruhigt, das Getöse im Kopf geht zwar nicht weg, wird aber leiser und ich lerne, dass es jetzt zu mir gehört. So langsam habe ich das Gefühl, ich könnte mein Leben weiter führen, ohne vor Erschöpfung gleich nächste Woche wieder zusammen zu klappen. Am Montag kommen die Kinder wieder und ich gehe wieder arbeiten. Der Antrag für die Kur läuft, ebenso der Plan, ab Sommer von 100% auf 80% zu gehen, weil dann der Sohn auf die weiterführende Schule kommt und dann beide Kinder ohne Hort sind. Auch das: finanziell kein Spaß, aber ich brauche einfach mehr Zeit für mich und die Kinder, und es wird schon irgendwie gehen. So wie es immer irgendwie geht. Ich werde immer wieder mal krank werden, nicht mehr können und keinen Ausweg sehen in diesem Hamsterrad. Und ich werde immer wieder gesund werden, auch wenns dauert.

Aber ich werde mich nicht runterziehen lassen. Nicht von diesen unzähligen Widrigkeiten, ungerechter Steuerklasse, fehlender Unterstützung, blöder Krankenkassen-Bürokratie. Ich werde die Zeit mit meinen Kindern genießen und bei allem Stress werde ich diese Zeit niemals runterzählen, denn die Kinder sind das Großartigste in meinem Leben. Ich werde wieder arbeiten, und zwar nicht irgendwie, sondern mit Kreativität, Ideen, Gestaltungswille und Humor. Ich werde nicht aufhören, darüber zu schreiben, damit mal deutlich wird, wie das ist, das Leben als Alleinerziehende. Das kann sich nämlich niemand vorstellen, der’s nicht jahrelang selbst erlebt hat. Konnte ich ja vorher auch nicht. Und ich werde nicht zynisch werden, sondern ich werde mir bei alledem eine heitere Gelassenheit bewahren, denn mit einem Scheiß-Karma kann ich nicht einschlafen.

Wenn mal wieder jemand fragt: Wie schaffst Du das bloß alles? Dann sage ich: gar nicht, ich machs einfach. Wie sonst?

ich-schaff-das-schon

dem Schicksal mal die Zunge rausstrecken
Wie schaffst Du das bloß?

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Kirmes im Kopf

Ich bin krank.

Ich habe nicht den Fuß verknickt oder Fieber, sondern in meinem Kopf sind Geräusche. Es fiept und piept und tutet, manchmal brummt und rauscht es. Kirmes im Kopf. Die Geräusche lassen mich nicht schlafen, ich bin unkonzentriert, vergesslich und gereizt. Das geht schon seit Wochen so, aber ich hatte ein, zwei oder auch drei fette Projekte auf der Arbeit, die ich unbedingt noch abwickeln wollte.

Ich arbeite nämlich gerne, ich liebe meinen Job. Ich habe ständig neue Ideen und habe einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und darf. Drum habe ich neben der Dringlichkeit, die Projekte durchzuziehen, natürlich auch lange genug die Kirmes in meinem Kopf ignoriert, weil ich dachte, dass das schon wieder weggeht, wenn ich nur mal ordentlich ausschlafe.

Nun haben meine Belastung und meine Erschöpfung leider einen Grad erreicht, wo es mit ein oder zweimal Ausschlafen nicht mehr getan ist. Das sieht meine Ärztin genauso und hat mich erst mal „aus dem Verkehr gezogen“, wie sie so schön sagt, und eine umfassende Therapie ausgeklügelt.

Ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend und arbeite seit 5 Jahren Vollzeit (davor 50%), morgens mittags abends nachts und am Wochenende. Natürlich nicht durchgehend, ich habe auch mal frei und versuche relativ erfolglos, nicht mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. In meinem Job kann man das leicht überschreiten, denn neben der eigentlichen Arbeit (Kulturveranstaltungen erfinden und umsetzen) könnte man ständig auf andere Veranstaltungen gehen, Netzwerke weiter pflegen, man könnte Bücher und Zeitschriften lesen, Sponsoren und Stiftungen akquirieren und überlegen, wie man die analoge Tontechnik im Club auf digitale umstellt. Es gibt IMMER was zu tun.

Wenn man zwei Kinder alleine großzieht, gibt es allerdings auch IMMER was zu tun. Dafür muss sich nicht einmal ein Kind den Fuß brechen, aber auch das hatten wir dieses Jahr schon. Die Große hat seit einem Jahr keinen Hort mehr, weil sie auf die weiterführende Schule gewechselt ist. Statt bis 17 Uhr biologisch und pädagogisch wertvoll betreut zu sein, ist sie nun ab 14 Uhr allein zu Hause, wärmt sich vorbereitetes Mittagessen auf und macht, was 11jährige so machen, wenn sie alleine zu Hause sind. Ich versuche, so oft es geht, früher nach Hause zu gehen, mit ihr zusammen zu essen und dann noch im home office zu arbeiten, während sie Hausaufgaben macht. Das erzeugt Druck in meinem Kopf, denn ab 14 Uhr läuft der Ticker „wie viel Arbeit lasse ich liegen vs. wie lange lasse ich mein Kind alleine zu Hause?“. Andererseits merke ich, wie wichtig es ist, dass ich da bin, denn sie hat massiven (vor-)pubertären Redebedarf.

„Mama, wie schön, dass Du jetzt immer da bist, dann können wir mittags quatschen!“ jubelt sie über meine Krankschreibung. Und so bin ich täglich von 7.30-14 Uhr krank, dann bin ich für meine Tochter da. Der Sohn bleibt nach wie vor bis 17 Uhr im Hort, denn er liebt es, dort mit seinen Jungs Lego zu bauen. Aber er genießt es ebenfalls, keine abgehetzte, sondern eine entspannte Mutter vorzufinden, und mit mir erst mal Tee zu trinken, Kekse zu essen und zu quatschen. Soviel Zeit hatte ich noch nie für meine Kinder, und es tut ihnen sichtlich gut. Aber ich bin ja nicht krank geschrieben, um mehr Zeit für meine Kinder zu haben, sondern um gesund zu werden und danach wieder zu arbeiten.

Wie kann ich das lösen? Klar, ich reduziere meine Arbeitszeit! Dann habe ich aber logischerweise weniger Geld zur Verfügung. Das könnte ich zum Teil auffangen, indem ich meine private Altersvorsorge zurück stelle. Die ich eigentlich abgeschlossen habe, weil durch meine Erziehungszeiten und Teilzeitbeschäftigungen die Rente eh schon dürr ausfällt. Das bisschen Ehe in meinem Leben sichert mich auch nicht ab, denn der Gatte war sozialversicherungsfrei in der eigenen Firma beschäftigt und hat so wenige Rentenpunkte gesammelt, dass ich beim scheidungsbedingten Ausgleich fast noch Ansprüche hätte abgeben müssen. Obwohl er sehr viel mehr verdient hat als ich. Wenn ich also nun im Sinne meiner Gesundheit und meiner Kinder meinen Job reduziere, gibt das Minuspunkte auf 3 Ebenen: jetzt weniger auf dem Konto, ich sammel weniger staatliche Rentenpunkte und meine private Altersvorsorge fällt ebenfalls magerer aus. Na toll.

Das habe ich unserem großartigen Steuersystem zu verdanken, denn von meinem fleißig verdienten Geld bleiben mir netto ca. 40 Euro mehr als einem kinderlosen Single. So hoch ungefähr fällt der Entlastungsbeitrag aus, den der Staat in der Steuerklasse 2 für Alleinerziehende vorsieht. Wäre ich verheiratet, hätte ich eine günstigere Steuerklasse, egal ob ich Kinder habe oder nicht. Freundlicherweise wurde der Steuerfreibetrag für Kinder jüngst hochgesetzt, da kommen dann sicher nochmal ein paar Euro zusammen. Auch sonst hagelt es Vergünstigungen von allen Seiten: das Jugendamt erstattet mir 2€/Monat der Betreuungskosten für den Sohn, ich bekomme mit der Familiencard in Stuttgart 60€/Kind pro Jahr, um damit Eintritt in Schwimmbäder und den Zoo zu bezahlen und mit der Landesfamilienkarte komme ich sogar günstiger in den Märchengarten. Wow!

Das ist also das federweiche staatliche Netz, in das sich Alleinerziehende fallen lassen, wenn sie den Steuerzahler für ihr selbstgewähltes Lebensmodell löhnen lassen. Dieser Satz ist kein Zynismus, das ist exakt die Reaktion, die Alleinerziehenden in Kommentaren des sozialen Netzes entgegenschlägt, wenn sie ihre Missstände benennen.

Ich hab mich so gefreut, als ich von den Plänen unserer Familienministerin hört, ein Familiengeld für Eltern einzuführen, die vollzeitnah arbeiten! Dann hätte ich auf 35 Stunden reduziert und hätte einen Ausgleich dafür bekommen. Aber nein: das Familiengeld ist nur für Kinder bis 8 Jahren geplant. Warum das? Familie hört beileibe nicht auf, wenn die Kinder 8 sind. Aber eigentlich brauche ich keine Extra-Leistungen wie Familiengeld oder höheres Kindergeld, mir würde es völlig reichen, wenn der Staat nicht von vorneherein soviel von meinem Bruttoverdienst abziehen würde, dass ich hinterher auf staatliche Vergünstigungen angewiesen bin. Dieses System ist doch krank!

A propos krank: es ist nicht das erste Mal, dass ich so krank werde. Vor nicht einmal zwei Jahren wurde mir schwindelig und übel, ich lief von meinem Arzt zum anderen und war wochenlang krank geschrieben. Das einzige, was ohne Beschwerden ging, war stundenlang im Garten zu sitzen und die Kaninchen anzuschauen. Auch damals: Stress, Verspannungen, Erschöpfung. Lange Therapien und schließlich eine Kur. Keine zwei Jahre später klappe ich wieder zusammen.

Was das kostet! Was ich koste!

Das System ist doch krank: ich klappe vor lauter Belastung immer wieder zusammen, dabei würde ich die Krankenkasse nicht so viel Geld kosten, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste für das, was mir anschließend aufs Konto überwiesen wird.

Im Antrag für die nächste Kur findet sich die Frage, was ich persönlich für meine Gesundheit tue. Haha, was denn? Wann denn und wovon denn? Welche Hobbys ich früher hatte: Was sind denn Hobbys? Wie oft ich in der letzten Zeit Kontakt zu Freunden oder Angehörigen hatte? Ich sehe meine Kinder jeden Tag, das wars dann auch schon. Neulich traf ich eine Mutter aus der Kita, die mich fragte wie es mir geht. Als ich ehrlich geantwortet habe, kam ein ermunterndes „wird schon werden“. Schönen Dank auch. Kontakte helfen auch nicht immer.

Es ist verdammt anstrengend, alleine mit zwei Kindern und einem vollen Job. Und wenn ich vom Geld mal absehe, bleibt die Sorge und die Verantwortung, die mir keiner abnimmt und die ich mit niemandem teilen kann. Da kann und will ich den Staat auch gar nicht in die Verantwortung ziehen, aber es würde wahnsinnig helfen, wenn es mehr Unterstützung und Verständnis im Alltag gäbe!

Zum Beispiel: Als die Tochter sich den Fuß gebrochen hat, kam sie nicht mehr in die Schule und ich habe kein Auto. Weder Schulamt noch Krankenkasse springen hier ein. Ja, ich habe alle Eltern gefragt und ja: ich habe viel Hilfe bekommen, für die ich sehr dankbar bin! Im Detail sah das so aus, dass ich 6 Wochen lang täglich 1-3 Telefonate hatte, wer das Kind bringt und wer es abholt. Und dann wieder rückgängig machen, weil sie manchmal solche Schmerzen hat, dass sie gar nicht ging. Natürlich lässt sich das organisieren, aber es hat mich den letzten Nerv gekostet! Der in derselben Stadt wohnende motorisierte Vater hat übrigens keinen einzigen Fahrdienst übernommen, zu schade. Fahrdienste der Wohlfahrtsverbände gibt es nur für chronisch kranke Kinder. Keine Ausnahme, auch nicht für Alleinerziehende, nix. Direkt vor meiner Tür fährt übrigens ein Fahrdienst ab, der hätte das Kind glatt mitnehmen können…

Die von Christine Finke schon viel beschworene Haushaltshilfe: 2x/Woche für ein paar Stunden Hilfe im Haushalt würde massiv entlasten und wäre genauso teuer wie eine 3wöchige MutterKindKur. Da wäre das Geld wesentlich sinnvoller angelegt für die Krankenkasse.

Schließlich bleibt noch mein „Luxusproblem Lebensqualität“: ich gehe ja nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir sogar Spaß macht. Und ich habe nicht nur Kinder, um sie möglichst effizient und störungsfrei durch die Kinderjahre zu schaukeln, sondern wir wollen als Familie auch eine schöne Zeit miteinander haben. Ja, ich habe sogar noch Ansprüche an mein Leben, ich will es nicht einfach bloß schaffen.

Sprich: ich würde mich gerne mal beruflich weiter entwickeln. Keine 3tägige Weiterbildung, sondern eine längere Fortbildung, vielleicht sogar ein berufsbegleitendes Aufbaustudium, das mir zukünftig neue Perspektiven eröffnet. Ich habe aber weder Zeit noch Geld für eine längere Fortbildung. Vier bis sechs Wochenenden pro Jahr plus eine ganze Woche nicht zu Hause? Undenkbar! Also bleibt es beruflich beim Status Quo. Weiterentwicklung oder gar Karriere ist nicht vorgesehen.

Und die Kinder: ich hätte sehr gerne sehr viel mehr Zeit für die Kinder! Wir würden gerne zusammen öfter Siedler spielen und Herr der Ringe hören, Ausflüge machen und im Garten wurschteln, zusammen Tee trinken, uns was erzählen oder gar zusammen den Keller ausmisten. Egal, aber Hauptsache zusammen. Statt dessen sind wir von 7-17 Uhr aus dem Haus, treffen erst spätnachmittags alle aufeinander, dann müssen noch der Haushalt und Hausaufgaben gemacht werden, ich bin total erledigt vom Job und vom auf-dem-Heimweg-Einkauf, die Wäsche ist noch im Keller und der Sohn mault, dass wir immer noch nicht sein Star-Wars-Risiko-Spiel ausgepackt haben. Ich bin froh, wenn wir hier den Status Quo aufrecht erhalten: es gibt was zu essen im Kühlschrank, wir haben saubere Klamotten an, ich habe alle Zettel aus der Schule unterschrieben und das Klo ist geputzt. Mehr ist nicht drin. Die Fenster kann ich ja putzen, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Ich halte den Status Quo in einem Hamsterrad aus Alltag, Job und Kindern, und das macht mich auf Dauer krank. Durchhalteparolen wie „wird schon werden“ brauche ich ebenso wenig wie gutgemeinte Ratschläge á la „Du musst Dir Ruheinseln schaffen“. (Das ist ungefähr so beknackt wie „Schlafen Sie, wenn Ihr Baby schläft“. Nur Eltern verstehen den Witz). Es ist nicht das eine Projekt im Job oder der gebrochene Fuß vom Kind, es sind nicht die xten Läuse und die teure Klassenfahrt. Es sind die sechs Jahre, die ich das alles bereits alleine mache, das zehrt mich langsam aber sicher aus. Da sammelt sich eine Erschöpfung und Müdigkeit an, die man an keinem Wochenende mehr wegpennen kann.

Also werde ich werde erst mal versuchen, wirklich ganz gesund zu werden, bis die Kirmes im Kopf Ruhe gibt, denn auf der Arbeit bin ich ersetzbar, für meine Kinder nicht. Und dann tue ich das, was eigentlich nicht geht, um der erneuten bodenlosen Erschöpfung entgegen zu treten: ich werde meine Arbeitszeit reduzieren. Um das zu finanzieren, werde ich meine Altersvorsorge zurück stellen und im Alltag (noch mehr) sparen wo es nur geht. Das Loch in der Rente fange ich einfach dadurch auf, dass ich irgendwann wieder auf 100% gehe, ein Aufbaustudium mache und einen neuen, hochbezahlten Job finde, der das alles ausgleicht.

Nix leichter als das, oder?

Kirmes im Kopf

Der #muttertagswunsch in Berlin

Ich krieche trotz Schulferien um 6 Uhr aus dem Bett, trinke Kaffee, decke meinen Kindern den Frühstückstisch, küsse die schlafenden Nasen und fahre mit der S-Bahn zum Flughafen. Heute ist der große Tag!

Meine Kinder sind groß genug, um alleine aufzustehen, zu frühstücken und in ihre Ferienprogramme zu gehen. Und ich bin als Bloggerin mit meinem gerade mal 1 Jahr alten Blog groß genug, um mich mit Christine Finke und Lisa Ortgies von family unplugged in Berlin zu treffen, um dem Familienministerium unsere Muttertagswünsche zu überreichen. Wow!

Was bisher geschah:

Anfang Mai 2016 fragte Anne Attersee vom Blog Einer schreit immer „Was wünscht Ihr Euch zum Muttertag?“. Mir war sofort klar, dass ich eher politische Wünsche habe, die meine Situation als Alleinerziehende entspannen: keine Pralinen, kein Frühstück ans Bett, keine Massagen. Sondern eine gerechtere Steuerklasse. Ein Haushaltshilfe wenn die Kinder krank sind. Ermäßigte Mehrtwertsteuer auf Kinderklamotten. Verlässliche Betreuungszeiten. Und noch viel mehr. Mein Netzwerkhirn hat gleich weiter gerattert: damit dürfte ich ja nicht die einzige sein. Und diese oder ähnliche Wünsche haben nicht nur Alleinerziehende, sondern alle Familien. Also habe ich flugs Christine Finke und Lisa Ortgies kontaktet, die waren gleich bei der Sache und wir haben eine konzertierte Aktion gestartet: eine Woche vor Muttertag einen abgestimmten Text und Punkt zehn vor 8, vor’m Tatort, auf facebook & Twitter gepostet: die Aktion Muttertagswunsch! Die Aktion wurde sofort aufgegriffen, es wurde gepostet und gewünscht was das Zeug hält, und zwei Stunden später waren wir auf Twitter mit dem #muttertagswunsch in den topic trends und haben Anne Will überholt.

Bis zum Muttertag entstanden hunderte Tweets und Retweets, 98 Bloggerinnen haben eigene Texte verfassst, die wiederum gepostet, kommentiert, verlinkt und verbreitet wurden: wir hatten echt eine fette Welle losgetreten. RTL hat bei uns im Wohnzimmer gedreht („Mama Du mußt aufräumen!!“), zahlreiche print- und online-Medien haben berichtet und am Muttertag landeten wir damit sogar in den Tagesthemen. Zwar war dieser Bericht inhaltlich dezent daneben, aber es ist angekommen, daß sich was tut bei den Familien im Lande:

Wir sind Familie, wir sind viele und wir sind laut!

Es wurde im Anschluß etwas stiller, wir haben die Texte & Tweets ausgewertet und das Ergebnis in einem offenen Brief an Frau Schwesig, unsere Familienministerin zusammen gefasst. Die hatte auch irgendwann geantwortet und uns nach Berlin eingeladen, und dann kam der gespielte Witz: wir fanden keinen Termin, die Kinder funkten uns dazwischen! Mach mal einen Termin mit zwei Alleinerziehenden, die insgesamt fünf Kinder und ihr Jobs haben und mal kurz nach Berlin jetten sollen. Dazu die Kolleginnen von family unplugged, auch mit Jobs und Kindern gesegnet. Christine wählte die Variante „ich nehm die Kinder einfach mit und bleib ein paar Tage in Berlin“, ich bin fix hin & her geflogen und brauchte nur eine Freundin für die Bereitschaft vor Ort für den Fall von Knochenbrüchen oder Kotzeritis (diese Bereitschaft hätte dann besser Christine in Berlin gebraucht…).

Bei strahlendem Sommerwetter trafen wir uns vor dem Familienministerium, img_6421und obwohl wir uns zu dritt noch nie im real life gesehen hatten, war es wie ein Wiedersehen, toll! Lisa, Christine und ich sprudelten über vor Ideen, die gute Frau vom Radio, Ulrike Jährling, hatte ihren Spaß bei der Aufzeichnung der O-Töne. Frau Schwesig war verhindert, aber Frau Mackroth, Leiterin der Abteilung Familie, hatte Zeit für uns, sehr viel sogar, damit hatten wir gar nicht gerechnet. Wir haben unsere Forderungen übergeben, uns sehr angeregt über jede einzelne unterhalten, konnten lebhafte Beispiele aus dem echten Leben beisteuern und die ein oder andere politische Ansicht mit Realität untermauern oder widerlegen.

Wir haben natürlich gemerkt, dass es für ein Bundesministerium nicht einfach ist, uns einfach zuzustimmen und zu versichern, dass das alles umgesetzt wird. Da gibt es politische Partner und Bedarfe von allen Seiten, da gibt es Leute, die was verlieren und die was gewinnen, wenn man was ändert, und da muss auf alle Rücksicht genommen werden, sonst hat am Ende niemand was davon. Aber wir haben deutlich gemerkt, dass das Ministerium inhaltlich voll bei uns ist und sich große Mühe gegeben wird, den Familien im Lande zuzuhören und das Leben mit Kindern immer weiter zu entlasten. Besonders freut mich, dass wir klar machen konnten, dass wir keine Randgruppe sind: die Masse der Familienblogger zeigt, dass wir wirklich viele sind, und das Bloggen gibt vielen Familien die Möglichkeit, sich politisch zu äußern, auch wenn man keine Zeit hat, auf Demos zu laufen oder Sitzstreiks vor dem Ministerium zu veranstalten. Eltern haben wenig Lobby, weil sie mit ihren Kindern, Jobs, Haushalt etc beschäftigt sind, aber Bloggen geht irgendwie immer. Und deshalb sind wir eine starke Stimme, wir werden immer mehr und vor allem: wir werden die Aktion immer wieder wiederholen! Wir wollen das politische Klima zu Gunsten von Familien verändern, da hilft u.a. Hartnäckigkeit.

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Und zack: war 13 Uhr, wir hatten nicht mal mehr Zeit für einen Kaffee, ich musste zum Flughafen zurück, saß um 15 Uhr im Flieger und stand um exakt 17 Uhr im Hort, um meinen Sohn abzuholen. Als ob ich nur mal eben um die Ecke gewesen wäre.

Abends haben wir uns eine Pizza beim Italiener nebenan gegönnt, auf die Niederungen des Haushaltes hatte ich an dem Abend echt keinen Bock mehr. Dann platt ins Bett gesunken und am Sonntag drauf den wundervollen Beitrag im Radio RBB gehört, vielen Dank!

Es war eine tolle Aktion, es war ein aufregende Welle und ich bin dankbar, dass so viele mitgemacht haben! Wir machen weiter, alle zusammen, wir müssen ja was ändern!

*****

Das: pm-ubergabe-berlin-09092016 ist die Pressemitteilung von family unplugged zu der Übergabe der Forderungen. Die Forderungen, findet Ihr hier in dem offenen Brief an Frau Schwesig.

Der #muttertagswunsch in Berlin

Anpassungsstörungen

Alle 2 Wochen haben wir Anpassungsstörungen, die Kinder und ich.

Sie waren am Wochenende beim Papa, ich war am Wochenende allein. Die Kinder haben dabei den eindeutig schwereren „Job“ als ich: Sie verlassen ihren Alltag und ihr Zuhause, sie haben mit Menschen zu tun, die sie nur alle 2 Wochen sehen, mit denen sie nun von Freitag Abend bis Montag früh zusammen sind. Aber es ist natürlich der eigene  Vater, der sie liebt und der eng mit ihnen verbunden ist, da ist viel Vertrautheit und Gewohnheit mit im Spiel. Trotzdem ist alles ganz anders als zu Hause. Und da ist seine Freundin, nicht ganz so vertraut, aber sie ist auch schon seit Jahren da. Es ist dieselbe Stadt und die Kinder können ihre Termine wahrnehmen: Geburtstage, Sport, Schulfeiern, etc. Vater und Kinder haben drei Nächte, nicht nur Samstag / Sonntag, was toll ist für alle Beteiligten: so kommt ein bisschen mehr Alltag auf als mit nur einer Nacht und zwei halben Tagen. Trotzdem ist es anstrengend, gerade für die Kinder. Auch ich als Erwachsene fände es mühsam, alle 2 Wochen meine Tasche packen zu müssen.

Ich habe es da einfacher, ich bleibe ja zu Hause. Mit der Wohnung und dem Haushalt und den Katzen, Kaninchen, meinem Job und mir. Dass Alleinerziehende sich am kinderfreien Wochenende nicht ausschließlich die Nägel machen, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, und so gibt es immer ausreichend zu tun. Zudem lege ich möglichst viele Termine in dieses Wochenende, um mir und den Kindern den vermehrten Einsatz von Babysittern zu ersparen.

Wenn die Kinder am Freitag nachmittag weg sind und ich zu Hause (und nicht auf der Arbeit) bin, macht es in meiner Seele PLÖPP. Ein Vakuum entsteht. Ich könnte heulen. Ich vermisse sie sofort. Ich bin erleichtert. Ich freue mich auf meine Ruhe. Ich will sofort schlafen. Freude, Trauer, Sehnsucht, Erleichterung, schlechtes Gewissen: alles da, innerhalb von 1 Sekunde. Schwer auszuhalten. Sehr schwer. Manchmal gehe ich dann einfach heiß duschen. Oder ich miste den Kaninchenstall aus. Übersprungshandlung.

Das Wochenende vergeht, ich tue Dinge, ich ruhe aus, ich arbeite, ich lasse Dinge.

Montag nachmittag sind sie wieder da. Wir sind alle glücklich, uns zu sehen, erzählen uns unser Wochenende. Es kracht. Die Geschwister streiten wie die Kesselflicker. Sind dünnhäutig. Müde. Sie weinen, schlagen Türen, schreien sich und mich an. Beruhigen sich, sind albern. Total albern. Fast schon hysterisch albern. Hören gar nicht mehr auf. Kichern, Lachen, Blödeln, schießen sich mit ihrem Kinderhumor in ein anderes Universum. Eins, wo ich nicht mitkomme. Sie schließen mich aus, retten sich in ihre eigene Welt. Übersprungshandlung. Ich kann sie verstehen: sie sind glücklich, wieder zu Hause zu sein, und sie vermissen ihren Vater. Können wahrscheinlich dieses Gefühle kaum aushalten: Freude über die Mama, Sehnsucht nach dem Papa. Sie haben noch nie gesagt: ich will zum Papa. Aus Rücksicht auf mich? Weil sie wissen dass es nicht geht? Erlauben sie sich dieses Gefühl? Ich hoffe, dass sie wissen, dass der Raum für diese Gefühle da ist.

Die albernen, hysterischen, chaotischen Kinder sind schwer auszuhalten. Gerade an diesem Montag: ich hatte mich gerade an die Ruhe, ans Alleinsein und tatsächlich auch an ein bisschen Ordnung gewöhnt, da ist es auch schon wieder vorbei. Ich freue mich tierisch auf sie, und sie benehmen sich wie die letzen Menschen. Das ist so seit 5 Jahren, ich kann mich trotzdem nicht daran gewöhnen. Diese Gefühlsachterbahn, alle 2 Wochen. Die der Kinder. Meine. Unsere zusammen. Wir brauchen den kompletten Montag, um uns wieder aneinander anzupassen. Erst beim Vorlesen Abends sind wir alle wieder die, die wir sind. Kuscheln, Lesen, Schmusen, ich hab Dich lieb gute Nacht.

Ab Dienstag ist dann alles wieder ok, unser Alltag, unser Leben, wir. Ich wünschte, wir könnten diesen Montag überspringen. So wie man Schuhe erst anziehen möchte, wenn man sie schon eingelaufen hat.

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Nachtrag:

Natürlich weiß ich, dass das „Jammern auf hohem Niveau“ ist: ja, ich kann froh sein, dass sie überhaupt zu ihrem Vater gehen können. Dass er in derselben Stadt lebt, die Kinder ihre Freunde und Termine behalten. Und dass sie nicht eine, sondern drei Nächte dort sind. Dass sie gerne hingehen, und ich mich blind auf ihn verlassen kann, weil es ihnen dort gut geht. Dass ich drei freie Nächte und zwei freie Tage habe, alle zwei Wochen. Dass die Kinder mit Quatsch und Albernheit reagieren, ist wahrscheinlich auch deutlich besser, als wenn sie Depressionen, Wut und Trauer entwickeln würden. Das ich mir das alles vor der Trennung hätte überlegen können, braucht mir auch niemand zu erzählen.

Es ist trotzdem anstrengend. Es ist emotional saumäßig anstrengend. Für mich und die Kinder, und wahrscheinlich auch für den Vater. Ich will nichts und niemanden mit diesem Text bereuen, anprangern, beschuldigen, anklagen oder Forderungen aufstellen. Ich will es einfach nur mal sagen. Und morgen ist ja auch schon wieder Dienstag.

Anpassungsstörungen

Die Antwort von Ministerin Altpeter

Na, das nenne ich mal eine Geburtagüberraschung: heute kam eine Mail aus dem Büro von Katrin Altpeter, Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren in Baden-Württemberg. Ich hatte Ihr einen offenen Brief geschrieben, den man hier nachlesen kann, und sie hat nun erfreulicherweise sehr ausführlich geantwortet.

Ich veröffentliche ihre Antwort hier in voller Länge, lasse es zunächst mal unkommentiert und trinke jetzt auf die ganzen Steuererleichterungen und Kindergelderhöhungen, die da auf mich zukommen. Und auf meinen Geburtstag, Prost!

Liebe Annette Loers,

anders als viele Menschen vielleicht glauben, erhält man als Politikerin relativ selten ein direktes Feedback auf das, was man sagt und tut. Ich persönlich finde das schade und habe mich deshalb sehr über Ihren Offenen Brief gefreut, auf den ich Ihnen gerne antworte. 

Bevor ich jedoch genauer auf Ihre Fragen und Kommentare eingehe, muss ich Sie – der guten Ordnung halber, wie es so schön heißt – darauf hinweisen, dass Ihre Vorschläge und Forderungen sich alle auf Maßnahmen beziehen, die in der Zuständigkeit der Bundesebene liegen. Darauf habe ich als Landesministerin zwar keinen direkten Einfluss. Als Mitglied der SPD, in der die von Ihnen angesprochenen Punkte seit längerem intensiv diskutiert werden,  teile ich Ihnen jedoch gerne meine Einschätzung mit.

Sie schreiben erstens, dass verheiratete Menschen steuerlich deutlich besser wegkommen als unverheiratete Menschen, egal ob sie Kinder haben oder nicht. Das stimmt. Und genau wie Sie empfinde auch ich das als ungerecht und nicht mehr zeitgemäß. Deshalb freut es mich sehr, dass die SPD jetzt beschlossen hat, das Ehegattensplitting in Zukunft durch das Familiensplitting ersetzen zu wollen. Dadurch soll Kindererziehung belohnt werden und Familien mit Kindern und Alleinerziehende sollen gerechter unterstützt werden. Das derzeitige Steuersystem benachteiligt, wie Sie richtig festgestellt haben, Paare mit Kindern. So zahlt ein verheiratetes Paar ohne Kinder bei einem Einkommen von 50.000 Euro rund 2.000 Euro weniger Steuern als ein unverheiratetes Paar mit einem Kind. Deshalb muss die Besteuerung von Familien so gestaltet werden, dass unabhängig davon, ob die Eltern einen Trauschein haben, alle Kinder berücksichtigt werden. Zu einer gerechteren Familienfinanzierung gehören zudem die Einführung eines „gestaffelten Kindergelds“ sowie Steuerabzüge für Alleinerziehende mit kleinen Einkommen.

Sie schreiben zweitens, dass Menschen mit Kindern deutlich höhere zwangsläufige Ausgaben haben als Menschen ohne Kinder. Auch das stimmt. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Ausgaben für den Lebensunterhalt mit einer zunehmenden Anzahl von unterhaltsberechtigten Personen steigen. Aber der Gesetzgeber berücksichtigt diese zusätzliche wirtschaftliche Belastung durchaus. So wird das Existenzminimum von Kindern, einschließlich Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf entweder durch die Auszahlung von Kindergeld oder den Abzug kindbedingter Freibeträge (Kinderfreibetrag und Freibetrag für den Betreuungs-, Erziehungs- und Ausbildungsbedarf) von der Einkommensteuer freigestellt. Für gering verdienende Eltern wird zudem ein Zuschlag zum Kindergeld gewährt. Daher wurden das Kindergeld und der Kinderfreibetrag zum 1. Januar 2015 erhöht und damit an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst. Außerdem steht zum 1. Januar 2016 eine weitere Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag und zum 1. Juli 2016 auch eine Anpassung des Kinderzuschlags an. Darüber hinaus sind Kinderbetreuungskosten zu zwei Dritteln bis zu einem Höchstbetrag von 4.000 Euro jährlich als Sonderausgaben abzugsfähig.

Sie schreiben drittens, dass es auf Ausgaben für Kinder zu einem überwiegenden Teil keinen ermäßigten Mehrwertsteuersatz gibt, wohl aber auf Ausgaben, die mit Kindererziehung rein gar nichts zu tun haben. Hier muss ich Ihnen zumindest teilweise widersprechen. Ein Großteil der Leistungen des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel, auch Babynahrung, die Leistungen des öffentlichen Personennahverkehrs, der Schwimmbäder und die kulturellen Einrichtungen werden nur mit 7 Prozent besteuert. Der Besuch von Theatern, Museen und Zoos ist unter bestimmten Voraussetzungen sogar von der Umsatzsteuer befreit. Umsatzsteuerfrei sind außerdem Aufwendungen für Miete, ärztliche Heilbehandlungen, Bildungsleistungen sowie Kindergärten, Kindertagesstätten und Tagesmütter.

Schließlich schreiben Sie, dass Alleinerziehende in der Regel nicht verheiratet sind und Kinder haben und somit also in den doppelten „Genuss“ der steuerlichen Benachteiligung kommen. Auch hier kann ich Ihnen aus den oben dargestellten Gründen nur teilweise zustimmen. Ich hoffe aber, Ihnen deutlich gemacht haben zu können, dass Politik dort,  wo sie die Möglichkeit hat zu reagieren, durchaus auch aktiv wird. Damit will ich nicht sagen, dass es keinen Verbesserungsbedarf mehr gibt – aber es ist auch nicht so, dass noch gar nichts passiert ist.

Im Übrigen bin ich mir selbstverständlich bewusst, dass man zunächst immer seine eigenen Hausaufgaben erledigen sollte. Als Landesministerin kann ich schließlich nicht nur mit dem Finger nach Berlin zeigen und sagen: Ihr solltet aber mal …! Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir immer wieder aufs Neue die Frage stelle, was ich bzw. was die Landesregierung tun kann, um Menschen, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind, diese auch zukommen zu lassen. Und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass wir in den vergangenen fast fünf Jahren viel für diese Zielgruppe getan haben. Dazu zähle ich insbesondere auch Alleinerziehende.

Ich will das nur an einem einzigen Beispiel verdeutlichen. Wir haben die Mittel für die Kleinkindbetreuung seit dem Regierungswechsel versiebenfacht (!) und dafür gesorgt, dass Baden-Württemberg sowohl in Bezug auf die Qualität als auch auf die Quantität vom Schlusslicht zum Spitzenreiter unter den Bundesländern geworden ist. Diese Maßnahme kommt, neben vielen anderen, natürlich gerade auch den Alleinerziehenden zugute, da sie die Kinder während der Arbeit gut aufgehoben wissen.

Was ich Ihnen auch versichern kann: wir wollen uns auf dem Erreichten nicht ausruhen und unser Land noch lebenswerter machen. Daher habe ich auch die Forderung nach der Erhöhung des Kindergeldes für Alleinerziehende bei der Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumsberichts aufgestellt, da Alleinerziehende besonders häufig von Armut betroffen sind. Zu meiner großen Freude hat sich die SPD im Bund  dieser Forderung zwischenzeitlich angeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen

Katrin Altpeter“

 

Die Antwort von Ministerin Altpeter