Weil ich hier bleiben muss

Mein Herz ist schwer.

Es war fast wie eine neue Liebe. Erst nur zögerlich, nur mal hingeblinzelt. Berührungsängste. Überwunden. Rückzieher gemacht und doch nicht davon lassen können. Nochmal hingeschaut. Faszinierend, spannend, aufregend, schön. Ja, das könnte was werden. Ja, ich glaub ich will das. Ja, ich lass mich drauf ein. Eine tiefe Sehnsucht wurde geweckt. Die Vorfreude wuchs auf das, was da kommen kann. Nochmal gezögert, in mich gehorcht und dann beschlossen: ich mach das das. Ich wage das. Das wird ein großes Ding und ich freu mich tierisch drauf. Ja, ich lass mich drauf ein! Und genau an dem Punkt, als meine Entschlossenheit mutig auf 100% war, sagt der andere: nö.

Ende. Aus. Vorbei.

Verdammt. Das tut weh. So weit war ich noch nie. Ich war schon so weit, ich war doch eigentlich schon da, es hat sich wirklich gut angefühlt. Aber es hat nicht gepasst.

Ich lebe seit 14 Jahren in einer Stadt, in der ich nur eine Woche bleiben wollte. Ich komme mit der Landschaft nicht klar, weil es hier keinen Rhein gibt. Und weil ich hier nicht Fahrrad fahren kann, jedenfalls nicht so unbeschwert wie zu Hause. Da wo ich her komme, ist der Rhein und das Herz weit wie das Meer, das Land flach wie ein Pfannkuchen und die Menschen mediterran aufgeschlossen, um nicht zu sagen: penetrant gut drauf.

rhein

Hier, wo ich jetzt wohne, tröpfelt ein Bächlein draußen vor der Stadt, wir sind eingeschlossen von Hügeln und man ist stolz darauf, dass es heißt „7 Jahre hier: 1 Freund“, oder „nicht geschimpft ist schon gelobt genug“. Ich finde das nicht witzig, ich finde das engherzig und ich komme mit dieser Einstellung nicht klar.

In 14 Jahren habe ich hier alles gefunden, was ich zum Leben brauche, nur nicht mein Glück. Ich habe zwei wundervolle Kinder, eine Wohnung mit sonnigem Garten, einen erfüllenden, kreativen und flexiblen Job mit großartigen Kollegen und eine üppige Liste an Kontakten im Smartphone. Wenn was ist, kann ich eine Menge Leute anrufen, die mir helfen. Wenn nix ist, kann ich anrufen wen ich will, es hat niemand Zeit. Und mich ruft alle Jubeljahre mal jemand an, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob wir am Wochenende zusammen mit den Kindern ins Freibad gehen. Oder in den Urlaub fahren. Oder ein Glas Wein zusammen trinken. Wenn ich zur Party einlade, freuen sich alle und kommen gerne, aber ich werde nicht eingeladen. Die meisten Leute haben hier leider nie Geburtstag, die wenigsten alle paar Jahre mal, krass. Zeit haben sie sowieso nicht. Oder die tun alle nur so nett und in Wahrheit bin ich total scheiße, nervig, doof und lästig. Das muss es sein.

Ich hab Herzeleid. Ich will nach Hause. Mit dem Rad den Rhein lang fahren, kilometerlang, stundenlang. Ohne erst drei Räder in die S-Bahn hieven zu müssen, am Ziel tut der Aufzug nicht und ich muss mich, zwei Kinder und drei Räder aus dem Untergrund bugsieren. Ich will meine Kinder von der Arbeit aus anrufen und sagen können „geht heute Nachmittag bei Oma vorbei, die hat einen Erdbeerkuchen gebacken, ich komm später dazu“. Hallo Ponyhof, ich weiß.

Vor 14 Jahren kam ich schwer verliebt in diese Stadt, arbeitslos, und blieb erst mal: Geh wohin Dein Herz Dich trägt. Zwei Wochen später war ich schwanger. Dahin trägt das Herz also. Das Kind wurde geboren, der Mann war viel unterwegs, ich hatte keine Freunde, keinen Job, keine Kontakte, war allein mit diesem zauberhaften Baby. Ich lief mit dem Kinderwagen weinend durch den Wald, einsam bis zum Anschlag und habe dem Kind und mir tröstend vorgesungen.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter einen Gruß. Lieber Vogel, fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss, denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

Es wurde noch ein Kind geboren, ich war glücklich mit meiner Familie, und ebenso beschäftigt. Das Heimweh ließ nach, ich war nur noch müde, habe gestillt, gewickelt, den Haushalt geschmissen, Bewerbungen geschrieben. Der Mann war viel unterwegs. Sehr viel. Ich war allein, fand erst Kontakte, als die Kinder in die Kita kamen.

Die Ehe zerbrach, ich zog mit den Kindern aus. Blieb aber in der Stadt, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte und dem Vater nicht die Kinder. Weil wir eine tolle Kita, viele Freunde, eine schöne Wohnung direkt gegenüber der Kita und ich endlich einen kleinen Job gefunden hatte. Wenn schon keine Familie mehr, dann sollte wenigstens alles andere für die Kinder stabil bleiben.

Ein Jahr später wechselte ich den Job in Richtung „Vollzeit aber Traumjob“, das erste Kind kam in die Schule. Schlechter Zeitpunkt, um die Stadt zu verlassen. Und so verpasste ich Jahr um Jahr das Zeitfenster, nach Hause zurück zu kehren. Mal kam ein Kind in die Schule, mal wechselte ein Kind die Schule. Das Heimweh wurde immer größer und irgendwann setzt ich mir selber die Pistole auf die Brust: entweder ich finde einen Job in der alten Heimat oder hier eine Wohnung mit sonnigem Garten. Die aktuelle Wohnung war zwar groß und günstig, aber dunkel und feucht.

Ich fand keinen Job in der Heimat, aber eine schöne Wohnung mit sonnigem Garten gleich um die Ecke. Das Schicksal hatte also für mich entschieden: wir bleiben in dieser Stadt. Ich arrangierte mich damit, zog um und genoss den Garten, immerhin.

Das Heimweh kommt aber immer noch, in Wellen, am schlimmsten ist es, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Ich schiele immer wieder nach dem passenden Zeitpunkt für den Absprung, aber der kommt nie. Erst war es die Kita, dann die Schule, jetzt die Pubertät. Die Kinder sind hier geboren, hier ist ihr Universum, hier verlieben sie sich. Sie wären längst groß genug, den Kontakt zum Vater selbstständig zu halten, auch mit 400km dazwischen, und ich glaube, der Opfer sind genug gebracht für eine glückliche Kindheit. Nach 14 Jahren habe ich das verdammte Gefühl: jetzt bin ich dran, Leute. Und ich will nach Hause.

Mir flattert ein Angebot ins Haus, ein spannender Karriereschritt: besser bezahlt, keine Abenddienste bis 2 Uhr und obendrein in der Heimat. Wow. Ich will nicht nur nach Hause, ich habe auch große Lust auf diese Arbeit, ich weiß dass ich das kann und dass ich das gut machen werde. Ich hab schon eine Menge Ideen und bin voller Tatendrang und Neugier.

Das schlechte Gewissen zu den Kindern bringt mich dabei fast um, ich verbringe viele schlaflose Nächte. Der Gedanke, ihnen sagen zu müssen dass wir wegziehen, ist schlimmer als die Verkündung der Trennung vor acht Jahren. Angst, den Kindern nach der kaputten Ehe nun endgültig die Kindheit zu versauen, sie aus ihrem Umfeld zu reißen. Angst, dann vielleicht gar nicht arbeiten zu können, weil die Kinder Schwierigkeiten mit den neuen Schulen, Umfeld, Freunden, Lehrern kriegen. Angst, dass ich alles zerstöre, was ich aufgebaut habe. Und dass nur, weil ich mit dem Rad den Rhein lang radeln will? Wie egoistisch kann man sein?

Alle Familien, die ich kenne, die umgezogen sind, waren mit zwei Erwachsenen ausgestattet. Da hat einfach mal einer (meistens die Frau) nicht oder nur wenig gearbeitet, bis die Kinder sich umgewöhnt hatten. Ich bin jedoch allein. Wie immer. Ich muss nicht nur diese Entscheidung alleine treffen, ich muss auch alle Konsequenzen alleine tragen. Eine Wohnung suchen, ein neues Netzwerk für uns aufbauen. Neue Schulen finden. Und natürlich arbeiten, und zwar volle Kanne ab dem ersten Tag, weil neuer Job.

Ich habe Angst, dass ich das nicht packe und mir endgültig alles um die Ohren fliegt. Ich bin in den acht Jahren des Alleinseins mit den Kindern drei Mal in Kur gewesen und zwei Mal monatelang arbeitsunfähig gewesen wegen kompletter Erschöpfung. Seit 1-2 Jahren läuft hier nun endlich alles etwas stabiler, die Kinder sind größer, im Job hat sich einiges entspannt. Und genau an dem Punkt will ich nochmal alles umreißen?

Ja, ich will. Ich habe meine Familie in der Heimat, alte Freunde und ich werde rasch neue finden, die Kinder sowieso. Ich packe das, das weiß ich. Ich will hier nicht bleiben und nicht alt werden, das merke ich bis in die Haarspitzen. Nie hätte ich gedacht, dass Heimat so wichtig für mich ist, wie schmerzhaft Heimweh sein kann. Es reißt Dir das Herz raus. Ich bin entschlossen, das nicht mehr auszuhalten.

Aber nein, siehe oben: Es hat nicht geklappt. Ich war 1mm davor und dann hat es nicht gepasst. Mein Schicksal hat zum zweiten Mal entschieden, dass ich nicht nach Hause gehe. Das tut weh. Ich bleibe also hier, in der Schwabenmetropole, und werde natürlich mit aller Leidenschaft das weiter machen, was ich mache. Weil ich keine halben Sachen mache, und weil ich es gerne mache. Ich habe einen großartigen, Sinn stiftenden Job, ich werde natürlich ab und zu doch zu Geburtstagen eingeladen, ich kann keine 500 Meter durch den Stadtteil laufen ohne Bekannte zu treffen, und wenn man mal den Schmerz in den Waden überwunden hat, klappt’s auch mit dem Fahrrad fahren. Aber mein Herz ist woanders. Geh wohin Dein Herz Dich trägt, aber ich kann nicht gehen.

Das Ganze ist jetzt fast ein halbes Jahr her und ich werde wohl hier bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob ich es wirklich getan hätte, denn die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug gewehrt, und sie sind einfach das Wichtigste in meinem Leben. Ich fühle mich ja wohl hier, wo ich jetzt bin, trotzdem habe ich Heimweh, immer wieder, Bilder vom Niederrhein kann ich ohne Wehmut überhaupt nicht anschauen. Und so sitze in meinem schönen sonnigen Garten und schaue den Vögeln im Baum zu.

Lieber Vogel fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss. Denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

garten

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Weil ich hier bleiben muss

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Natürlich ohne die Kinder. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

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Es reicht! Es reicht für uns alle!

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Von „Du hast ja den Alleinerziehenden-Bonus“ bis „Du kriegst ja auch so viel Steuererleichterung“ gibt es eine Menge  Gemunkel um den begünstigen Status von Alleinerziehenden.

Alles Mumpitz!

Denn wenn man es mal genauer betrachtet, werden Alleinerziehende steuerlich ganz gut belastet, sobald sie auch nur einen steuerrelevanten Euro verdienen. Die berühmte Steuerklasse 2 sorgt dafür, dass ein alleinstehender Mensch mit Kindern nicht so viel Steuern zahlt wie ein Mensch ohne Kinder. Soweit so schön. Aber an meinem Beispiel sieht man, wie hanebüchen das ist: bei meinem Vollzeit-Gehalt rechne ich einen Unterschied zu Steuerklasse 1 von gerade mal 59€ aus. Dafür, dass ich alleine zwei Kinder großziehe. Ein Witz ist das! Wäre ich verheiratet, hätte ich in der Steuerklasse 3 ganze 271€ mehr auf dem Konto, jeden Monat. Und zwar völlig egal, ob ich Kinder habe oder gar wie viele. Das deutsche Steuersystem belohnt den Trauschein, nicht das Kinderhaben. Warum auch immer.

Aber der Kinderfreibetrag! Und das Kindergeld!

Ja genau, fast vergessen. Kinderfreibetrag und Kindergeld gehen gerechterweise zur Hälfte auf das Konto des Kindsvaters. Der zahlt nämlich Unterhalt, also steht ihm die Hälfte dieser Steuervergünstigungen zu. Soweit so schön. Die Kinder werden allerdings zu 85% von mir betreut (zwei Wochen lang) und zu 15% vom Vater (jedes 2. Wochenende). Auch in den Ferien! Dieses Ungleichgewicht findet sich in der Erleichterung der Steuer jedoch nicht wieder. Warum auch immer.

Hier sieht man übrigens auch, wie schwachsinnig ein im letzten Bundestagswahlkampf aus den Reihen der FDP kommender Vorschlag war, man solle dem Unterhaltszahler die Möglichkeit geben, den Unterhalt von der Steuer abzusetzen, dies würde einen größeren Anreiz geben, den Unterhalt auch zu zahlen. Was für ein Quatsch, denn er kommt ja schon in den Genuss von 50% der Steuererleichterung. Wenn der Unterhalt von der Steuer abgesetzt werden soll, dann bitte jeder Unterhalt, auch der, der von Eltern gezahlt wird, die zusammen leben. Und auch der Unterhalt, den ICH für meine Kinder ausgebe, denn ich unterhalte meine Kinder ja auch: Miete & Nebenkosten, Lebensmittel, Klamotten, Schul-/Freizeitbedarf, Taschengeld und Versicherungen etc. Wenn ich das alles von der Steuer absetzen könnte – ach das wär schön!

Obendrein zahlen Eltern fleißig Mehrwertsteuer, und zwar unverhältnismäßig mehr als Menschen ohne Kinder. Weil Eltern nämlich gezwungen sind, mehr Verbrauchsgüter anzuschaffen und Investitionen zu tätigen, als Menschen ohne Kinder. Vom Kinderwagen, Tragetuch und Windeln über Schulranzen, Gummistiefel, Sportklamotten für die Schule, Sportklamotten für den Verein, Winterjacke, Sommerschuhe, Farbmalkasten etc. müssen Eltern ständig neue Dinge kaufen, weil die Kinder rauswachsen, sich verändern oder schlichtweg in die Schule fahren müssen. Allein das Monatsticket für den Nahverkehr kostet in Stuttgart 40,20€, pro Kind, jeden Monat. Das sind 964€ im Jahr, die ich nicht mal als Arbeitsweg von der Steuer absetzen kann. Dabei herrscht Schulpflicht in diesem Land, und mit dem Fahrrad durch Stuttgart zur fahren grenzt an Kindeswohlgefährdung, da bleibt nur der Bus.

Wie schön, dass Katzenfutter, Schnittblumen und Schmuddelheftchen vom Kiosk dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz unterliegen. Trifft nur nicht ganz die alltägliche Lebenswelt von Eltern. Und Alleinerziehende trifft es doppelt heftig, weil hier einfach nur eine Person Geld verdient, nicht zwei.

Halten wir fest: ich zahle fast soviel Steuern von meinem Brutto-Gehalt wie ein Single, der nur für sich selbst verantwortlich ist. Ich verbrauche ungleich mehr Waren mit 19% Mehrwertsteuer als ein Single. Von dem Kindergeld und dem Kinderfreibetrag erhalte ich die Hälfte.

Daran will offenbar auch die neue Bundesregierung nichts ändern. Und deshalb schreibe ich das  hier auf. Damit es einfach niemand vergisst und im Zweifel nochmal nachlesen kann:

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

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Steht übrigens auch im Stern Nr. 13 vom 22.3.2018 ab Seite 32:

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Foto: Hardy Müller / Patrick Junker im Stern 13/2018
Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Quasi alleinerziehend

 

Da war er wieder, der Aufreger schlechthin: Alleinerziehende schreien bei so einer Aussage laut auf, verpartnerte Frauen versinken vor Scham im Boden ob dieser Frechheit: eine Frau in einer Beziehung bezeichnet sich als alleinerziehend. Dabei hat sie ja im Grunde recht, wenn man’s mal wörtlich nimmt: sie erzieht die Kinder alleine, den lieben langen Tag, weil der Gatte wegen seines Jobs abwesend ist.

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status. Im Steuerrecht gibt’s für Alleinerziehende einen Entlastungsbeitrag. Ja gut, der ist mickrig, aber er ist da. Und wenn das erste Kind 18 wird und noch zu Hause lebt, dann fällt der weg. Dann ist Mutti nämlich nicht mehr alleinerziehend, weil das Kind ja jetzt erwachsen ist. Wenn das 18jährige Kind Erwachsener noch zur Schule geht, dann hat es wahrscheinlich kein eigenes Einkommen. Und so mitten im Abi sinkt der Bedarf an mütterlicher Zuwendung auch nicht schlagartig mit dem 18. Geburtstag, aber egal: der Entlastungsbeitrag wird gestrichen, weil wenn mehr als 1 Erwachsener im Haushalt leben, dann ist man eben nicht alleinerziehend.

Die Dame aus dem Zitat oben mit dem abwesenden Mann ergo also auch nicht.

Warum sagt sie das dann?

In den 7 Jahren meines Lebens, die ich inzwischen alleine mit meinen Kindern lebe, sind mir viele solcher Aussagen begegnet. Wie die einer guten Freundin, bei der ich mich ausheule und die dann sagt, ihr Mann sei ja auch oft unterwegs. Wieso „auch“, wundere ich mich?

„Wenn Alleinerziehende nur halb soviel kochen müssen, dann meine Frau auch, ich bin ja so viel beruflich unterwegs“ sagte beim Kita-Elternabend der Porsche-Fahrer anlässlich der Verteilung der Eltern-Kochdienste. Da kann man schon mal würgen, wenn sehr gut verdienende Ehemänner ihre eigene Frau als alleinerziehend bezeichnen.

„Ich bin jetzt mal für 4 Tage alleinerziehend“ kokettieren Väter, die für ein paar Tage die Abwesenheit der Partnerin zu bewältigen haben.

Was ist da los? Warum bezeichnen sich Menschen, die in Beziehung leben, als alleinerziehend? Ist das jetzt ein mehr oder weniger schickes Label, das man sich aufpappt, ist das am Ende hip, alleinerziehend zu sein? Ich hab mal rumgefragt im weltweiten Netz, weil ich es verstehen wollte, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Menschen die das sagen, fühlen sich eben allein mit der Erziehung ihrer Kinder. Auch der Porschefahrer ist voller Empathie und (hoffentlich) Bewunderung und Liebe für seine Frau, die er mit den Kindern alleine lässt.

Da sind Menschen tagtäglich alleine mit der Erziehung ihrer Kinder, benutzen unreflektiert das falsche Wort und kriegen die komplette Empörung  der „echten“ Alleinerziehenden ab.

„Echte“ Alleinerziehende? Was ist das jetzt?

Dazu musste ich interessante Erfahrungen machen, zu diesem „echten alleinerziehend“. Denn statt sich gegenseitig zu unterstützen, verfallen Menschen, die sich alleine um Kinder kümmern, leider allzu oft in eine Art Wettbewerb, wer am alleinerziehendsten ist. Ich bin das schon mal nicht, das kann ich gleich verraten. Als ich den Text „48 Stunden Alleinerziehend“ veröffentlicht habe, wurde ich gleich angegriffen: Echte Alleinerziehende können sich keine Haustiere leisten! Krass, die Haustierhaltung als Kriterium des alleinerziehens? Zudem zahlt der Vater meiner Kinder Unterhalt: eine weiteres k.o.-Kriterium, denn es gibt viele, die es nicht so gut haben. Und der Vater kümmert sich alle 14 Tage so gut um die Kinder, dass ich in dieser Zeit wirklich mal abschalten kann. Außerdem habe ich einen Job, der meine kleine Familie gut ernährt und ich kann mir eine private Altersvorsorge leisten: ich bin eindeutig zu privilegiert für eine Alleinerziehende! Klingt komisch, ist aber so, ist mir in zahlreichen Kommentaren so begegnet. (So heftig übrigens, dass mir kurzfristig die Lust vergangen ist, mich jemals wieder für Alleinerziehende zu engagieren.)

Es gibt also „zu privilegierte“ Alleinerziehende. Dann es gibt es neu verpartnerte Alleinerziehende. Es gibt Familien mit Wechselmodell (da wechseln die Kinder 50/50 ihren Wohnsitz), es gibt Familien mit Nestmodell (Kinder wohnen in der Familienwohnung, Eltern fliegen ein und aus), es gibt so irre Typen wie Jochen König, der alles Dagewesene auf den Kopf stellt und mit seiner Familienbezeichnung „2 Kinder von 3 Müttern“ für Verwunderungen sorgt: ist der alleinerziehend?

Es gibt zwischen „Paar mit Kindern“ und „Alleine mit Kindern“ so dermaßen viele Grauzonen, Zustände und Familienkonstellationen, dass es inzwischen fast unmöglich erscheint, „Alleinerziehend“ trennscharf zu definieren.

Dabei bleibt es dann doch relativ einfach: Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Sagt Wikipedia.

Von Haustieren steht da nix, auch nix von wirtschaftlichen Verhältnissen, dem Fließen von Unterhalt oder der Berufstätigkeit. Von Abwechseln übrigens auch nicht, demnach wären die Wechselmodell-Eltern zwar zwischenzeitlich allein, aber nicht alleinerziehend. Nennt sich ja auch getrennt erziehend, nicht allein erziehend. Ob das zutreffend ist, sei mal dahin gestellt. Und so ganz allein erzieht natürlich kein Mensch seine Kinder. Da sind noch Lehrer und Erzieher, Nachbarn und Freunde, Verwandte und Busfahrer, Judolehrer und Bäckereiverkäufer, sie alle üben Einfluss auf unsere Kinder aus. Aber sie tragen nicht ansatzweise die Verantwortung, die die Eltern tragen. Oder eben nur ein Elter.

Wikipedia-like alleinerziehend zu sein, also ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person, ist übrigens sehr sehr anstrengend. Denn das heißt ja nicht nur, alleine Frühstück Mittagessen Abendessen zu machen, alleine Kita-/Schulprobleme zu bewältigen, alleine jeden Wut-/Trotz-/Pubertätsanfall auszugleichen, alleine putzen waschen einkaufen und für Bewegung an der frischen Luft zu sorgen. Das heißt auch, alleine die Familie finanziell abzusichern, alleine fürs Alter vorzusorgen, alleine die Existenzängste auszuhalten, wenn Kinder oder Mutter krank werden, weil das den Jobverlust nach sich ziehen kann. Denn auch wenn ich einen guten Job habe: ich muss die Krankentage von drei Leuten wegorganisieren und ich muss 12 Wochen Schulferien mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Das ist nicht trivial, und soviel Geld, um das alles outzusorcen, habe ich bei weitem nicht. Abgesehen davon WILL ich mich ja um meine Kinder kümmern, wenn sie krank sind, und ich will sie auch nicht die ganzen Schulferien vor der Glotze parken.

Da hilft übrigens auch keine Mutter-Kind-Kur und kein Mandala-Malen, denn das ist massiver psychischer und finanzieller Druck, der jahrelang auf Alleinerziehenden lastet, zusätzlich zu dem täglichen Jonglieren mit 2-4 Terminkollisionen und 1000 Dingen, an die man gleichzeitig denken muss, weil da einfach niemand ist, mit dem man sich besprechen und abwechseln kann. Und by the way zusätzlich zu den Diskussionen über kinderrelevante Themen mit einem Menschen, den man nicht nur nicht mehr liebt, sondern den man ev. auch überhaupt nicht mehr mag oder mit dem es sogar gerichtliche Auseinandersetzungen gibt (und dann sind wir noch lange nicht beim Thema familiärer Gewalt). Von alledem ist die Frau des Porschefahrers relativ weit entfernt. Und auch der Vater, der mal 4 Tage allein mit den Kids ist. Und auch die Freundin, deren Mann beruflich so viel unterwegs ist.

Aber trotzdem fühlen auch diese Menschen sich allein. Allein gelassen, allein in ihrer Beziehung, allein mit dem Alltag und mit den Kindern. Und das muss man ernst nehmen, denn das ist wirklich traurig! Und noch beschissener ist es, wenn sich ein Mensch, der in einer Beziehung lebt, nicht mal mehr traut zu sagen, dass er sich entsetzlich allein und überfordert fühlt, aus lauter Angst, den Alleinerziehenden (denen es ja per se viel beschissener geht) damit zu nahe zu treten. Oder wenn ein allein gelassener Mensch, der sich darüber beklagt, zu hören bekommt: Quatsch, Du bist gar nicht allein! Du hast doch jemanden, ich bin viel alleiner, mir geht’s viel dreckiger, weißt Du überhaupt, was Du für Privilegien hast?!

Das ist wahrlich kein schönes Argument, dieses „mir geht’s aber viel schlechter!“. Wenn ich mich allein fühle in meiner eigenen Familie, nutzt mir die Information nichts, dass nach dieser oder jener Studie soundsoviel Prozent der Alleinerziehenden nicht nur allein, sondern sogar von Altersarmut bedroht sind. Das ist schlimm, aber da hat der allein gelassene Mensch in dem Moment nichts von.

Das einzige, was diesem allein gelassenen Menschen hilft, ist genau das, was Alleinerziehende permanent (und zu recht!) für sich einfordern: Respekt, Empathie, Anerkennung. Gesehen zu werden. Ernst genommen werden. Denn auch ein Mensch mit Partner kann sich NATÜRLICH alleine fühlen. Und nur wenn ich als Alleinerziehende das sehe, ihre Leistung würdige und ihrem Alleinsein mit Empathie begegne, kann ich das auch für mich einfordern.

Und deshalb ist es eigentlich scheißegal, ob ich alleinerziehend bin oder nicht. Wir sollten uns fragen, warum sich so viele Menschen in ihrer eigenen Familie, gleich welche Konstellation, so allein und überfordert fühlen. Warum es so verteilt ist, dass permanent einer unter der Last zusammen bricht. Familien brauchen innerhalb ihres Systems eine bessere Verteilung der Sorge um Kinder, Geld, Arbeit und Haushalt. Und von außerhalb braucht es viel mehr Unterstützung für Familien und und es braucht Strukturen, die eine paritätische Aufteilung der Familienarbeit ermöglichen und aktiv unterstützen. Damit meine ich nicht den ermäßigten Eintritt meines Kindes ins Planetarium oder einen Monat Väterzeit fürs Baby, sondern damit meine ich eine bedingungslose Grundsicherung für alle Familien, damit Eltern und Kinder mehr Zeit füreinander haben, ohne finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde zu gehen.

Ich möchte einfach weg von diesem „Wettbewerb“, wer sich als alleinerziehend bezeichnen darf und wer nicht. Du nennst Dich alleinerziehend, weil Dein Mann Vollzeit arbeitet? So allein gelassen fühlst Du Dich? Was würde Dir helfen, was kann ich für Dich tun?

Anna Karenina

Quasi alleinerziehend

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

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Drei Wochen all inclusive, mit Massagen, Sportprogramm, Kinderbetreuung, Freizeitangeboten, ärztlicher Versorgung und psychologischer Unterstützung für 220 Euro. Wer berufstätig ist, bekommt diese 3 Wochen sogar zusätzlich zum Jahresurlaub, denn sie gelten als Krankschreibung. Der Hammer!

Man glaubt es kaum, aber das bieten die deutschen Krankenkassen, und es nennt sich Mutter-Kind-Kur. Wird bewilligt, wenn Frau entsprechende Atteste vom Arzt vorlegt und sich durch die Formulare der Krankenkasse arbeitet. Aber den Aufwand macht man doch gerne für DIE Leistung, oder?

Und wer kriegt so eine Kur?

Mütter, die fix und fertig sind. Fix und fertig von Alltag, Job, Haushalt, Kinder. Manche Frauen bringen noch eigene körperliche Symptome mit, aber bei den meisten liegen tiefgreifende chronische Erschöpfung, Anpassungsstörungen, Burn out, Schlafstörungen, Belastungsstörungen etc. vor. Das Müttergenesungswerk hat die Kuren erfunden, um die Frauen aus dem Hamsterrad des Alltags heraus zu holen, Symptome zu lindern und hilfreiche Angebote zu machen, die die Frauen darin unterstützen sollen, künftig mit ihren Belastungen besser klar zu kommen.

Man könnte auch sagen: die Kuren flicken die Mütter soweit zusammen, dass sie wieder 2-4 Jahre funktionieren. Denn alle 4 Jahre gibt es so eine Kur, viele Krankenkassen gewähren bei „außergewöhnlichen“ oder „neu hinzugekommenen“ Belastungen auch alle 2 Jahre eine Kur.

Und warum sind die Mütter so im Arsch?

Das hat strukturelle, gesellschaftliche und politische Gründe. An denen wird aber nicht so gerne was geändert. Man könnte die Betreuungssituation verbessern, man könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, man könnte das Steuerrecht für unverheiratete Paare und Alleinerziehende gerechter gestalten, man könnte präventiv Haushaltshilfen verordnen, man könnte bessere Netzwerke für Familien spannen, man könnte bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen, man könnte Familienzeit einführen, man könnte Unterhaltspreller verknacken, man könnte pflegende Angehörige entlasten – ach, man könnte so viel, und es würde so sehr helfen!

Statt dessen hetzen die Frauen sich kaputt und werden alle paar Jahre liebevoll wieder aufgepäppelt, aber das ist ja auch schön.

Weil die Zeiten moderner werden, gibt es inzwischen auch Vater-Kind-Kuren und sogar Vater-Mutter-Kind-Kuren. Das ist toll. Noch toller wäre es, wenn nicht nur die Mütter, sondern die ganze Familie nicht regelmäßig vom eigenen Familienleben so im Arsch wäre, dass sie komplett zur Kur muss.

Aber so ist es nun mal, und so mache ich mein Ding daraus: ich engagiere mich einerseits für eine Verbesserung der Situation von Familien und speziell von  Alleinerziehenden. Und ich fahre andererseits so oft in Kur wie es geht, weil auch ich so tierisch erschöpft bin, dass ich regelmäßig zusammen klappe. Hier drei Monate Schwindel, dort 3 Monate Tinnitus, was meinem Körper halt so einfällt, wenn er nicht mehr kann. Ich würde sehr viel lieber meinen Alltag und mein Leben mit den Kindern besser gebacken kriegen, als alle 2 Jahre im Schwarzwald Unterwassergymnastik zu machen, aber so ist es halt.

Und deshalb fahre ich bald wieder in Kur, zum dritten Mal in den letzten 6 Jahren. Ich bin nämlich alleinerziehend, habe eine eigene orthopädische Geschichte mit versteifter Wirbelsäule und entfalte regelmäßig oben genannte Erschöpfungssymptome. Meine Kinder sorgen für zusätzlichen Input bei den Attesten, und so kommt bei uns alle zwei Jahre „was neues hinzu“, wie meine Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse erfreut feststellte.

Und dann? Wohin?

Es gibt Krankenkassen die schicken die Frauen in eine bestimmte Klinik. Ich hab das umgekehrt gemacht: ich hab mir eine Klinik gesucht, gefragt ob der Platz zu meinem Wunschzeitraum frei ist und habe dann genau diese Klinik zu diesem Zeitpunkt in den Antrag der Krankenkasse geschrieben. Die Krankenkasse hat dann gesagt: Nö, zu teuer, such Dir was anderes aus, was aus unserm Katalog. Ich hab dann gesagt: Nö, ich will dahin und nirgends anders! Weil die Klinik aus diesen und jenen Gründen genau richtig für mich ist. Und dann haben die das bewilligt, irre!

Ob das bei allen so geht? Keine Ahnung, aber es gibt Beratungsstellen für Mutter-Kind-Kuren, einfach mal hingehen.

Und wie hab ich die richtige Klinik gefunden?

Ich hab den Tipp gekriegt, dass die Häuser in Caritas-Trägerschaft ziemlich gut sein sollen. Dann noch bissl googeln, in Foren lesen, andere Frauen fragen. Bei der ersten Kur ist das voll in die Hose gegangen, beim zweiten Mal war’s super.

Beim ersten Mal wollte ich halt unbedingt ans Meer, auf eine autofreie Insel. Spitzenidee, wenn man in Stuttgart wohnt, sind ja bloß 8 Stunden mit dem Zug, samt Kindern und Gepäck. Die Insel Wangerooge war wunderschön, die Klinik nicht. Später habe ich erfahren, dass das Haus zu der Zeit (2013) ohne Leitung war und entsprechend chaotisch war’s dort, aber das kann ja mal passieren. Also haben die Kinder und ich die drei Wochen auf der Insel genossen, sind viel Fahrrad gefahren, haben heißen Kakao am kalten Strand (es war März) getrunken und hatten viel Zeit für uns, bar jeglichen Konzeptes einer Mutter-Kind-Kur, aber sei’s drum.

Beim zweiten Mal hab ich mir die S-Klasse unter den Mutter-Kind-Kliniken rausgesucht, das Caritas-Haus am Feldberg, in 2 Stunden zu erreichen. Hammer, der Laden! Keine Ahnung, was die ihren Mitarbeitern geben, aber ich habe noch nie so nette, freundliche, kompetente und motivierte Menschen getroffen, von der Küchenfee über die Anheizerin bei der Unterwassergymnastik bis zu den Erziehern. In allen Abteilungen gut aufgehoben, wirklich toll! Das Ganze im Ronja-Räubertochter-Schwarzwald, wunderschön.

Und was macht man so bei einer Mutter-Kind-Kur?

Tja, es gibt Anwendungen für die Mütter und Betreuung für die Kinder. Ich hab’s in beiden Kuren so gehalten, dass ich möglichst wenig Anwendungen habe, denn für mich ist es die größte Erholung, wenn ich einfach nur viel schlafe und esse, an die frische Luft gehe und Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Es gibt für alle eine Eingangsuntersuchung, darauf basierend gibt’s eine Programm mit Anwendungen. Mit diesem Heftchen stiefel ich dann ins Sekretariat und lasse 2/3 streichen, denn ich bin ja in Kur, nicht auf der Arbeit. So mache ich das, aber das kann ja jede machen wie sie mag. Es gibt Massagen (niemals Massagen streichen!), Gesprächsgruppen (kann man sich ja mal angucken), Gymnastik mit und ohne Wasser, Psycho-Einzelgespräche, Mutter-Kind-Interaktion (sehr lustig!), Kochkurse und kreative / meditative Angebote und was weiß ich. Ich hatte sogar Physiotherapie wegen der Schrauben in meinem Kreuz.

Die Kinder werden altersgemäß in Gruppen zur Betreuung eingeteilt. Wer in seinem Bundesland Ferien hat, geht in die Betreuung, die anderen zur Schule. Ja genau: Schule! Dieses Haus am Feldberg hat eine staatlich anerkannte Klinikschule. Die Kinder bringen Material von ihrer Heimatschule mit und bearbeiten es dort, außerdem gibt eigenen Unterricht vom Haus. In dieser Klinik gibt es nämlich auch eine Reha für unbegleitete Jugendliche und deshalb haben die da die komplette Logistik für große Kinder. Das ist echt toll, denn viele Kliniken nehmen Kindern nur bis 12 Jahren auf, hier jedoch können alle mit und sind super betreut und beschäftigt. Es gibt Geo-caching, Klettern am Berg, viel Sport, Yoga, Ausflüge und Kreativ-Angebote. Und in allen Altersklassen viele andere Kinder. Meine Kinder sind es gewohnt, betreut zu werden, und gehen freundlicherweise gerne in solche Gruppen, aber sie sind ja inzwischen auch schon 10 und 12. Mütter mit sehr kleinen Kindern hatten da ganz anderen Stress während der Kur. Ich lege die Kur immer extra so, dass möglichst viel Schulferien dabei sind, dann verpassen die Kinder zu Hause nicht so viel und in der Kur haben sie auch Urlaub.

Für meine Kinder und mich ist eine Kur echte Qualitätszeit! Wir haben frei und Zeit für uns, und das genießen wir sehr. Was von der Klinik selber geboten ist, ist da fast nebensächlich. Schön ist es natürlich, wenn wir uns in dem Haus wohl fühlen und nicht durch die Kur noch Stress verursacht wird. Das war beim ersten Mal leider so, bis ich es einfach ignoriert habe und die Kur gedanklich von „Kur“ zu „Urlaub“ umgebucht habe. Im Schwarzwald am Feldberg ist es auch für mich wirklich eine Kur, weil die paar Anwendungen, die ich mir raus suche, mir auch wirklich gut tun. Und den Kindern ihre auch.

Was uns nervt, ignorieren wir einfach. Dass zum Beispiel jeden Abend nacheinander zwei Filme für die Kinder gezeigt werden in einem offen zugänglichem Raum. Soviel Glotze war selten, und ich hab mich anfangs tierisch drüber aufgeregt. Denn viele Mütter haben ihre Kinder einfach chips-fressend vor die Glotze gepflanzt, um in Ruhe rauchen zu gehen, total bescheuert! Aber irgendwann hatten meine Kinder gar keinen Bock mehr auf diese Filme in so ätzender Atmosphäre und sind lieber bis zur Dunkelheit durch den Wald gerannt. So lange, dass es mir am Ende fast lieber gewesen wäre, sie säßen sicher vor der Glotze.

Oder dass bei der Begrüßungsrunde eine Frau sagt, dass sie völlig damit überfordert ist, ihr eines Kind (5) mit Hilfe ihrer nebenan wohnenden Eltern zu betreuen, nicht zu arbeiten, ihrem Mann die Hemden zu bügeln und auch noch das Moos zwischen den Gartenplatten zu entfernen. Ich weiß, persönliche Belastungsgrenzen sind sehr verschieden, aber da kommt meine Empathie schnell an ihre Grenzen und ich übe mich verzweifelt im Klappe-halten. Sehr anstrengend, aber Klappe-halten-Üben ist ja auch mal gut, für mich allemal.

Dieses Mal hab ich die Schwerpunkt-Kur für Alleinerziehende erwischt. Da gibt’s keine besonderen Anwendungen (Alleinerziehenden-Massagen?), aber es sind eben vorwiegend Alleinerziehende da, womit die Anzahl der Burn-Out-Ladies durch Moos-Entfernen sich in Grenzen halten dürfte. Und hoffentlich auch die Tipps zur Haushaltsführung und Selbstoptimierung. Denn natürlich sind die Träger der Kuren daran interessiert, dass die Frauen bitte mal länger als 2 Jahren durchhalten. Drum will man ihnen beibringen, wie sie noch mehr aus sich heraus holen und noch besser alles organisieren können. Löblicher Ansatz, aber bei Alleinerziehenden vergebliche Liebesmüh. Da gibt’s nix zu optimieren. Ich kenne keine effektiveren Menschen als Alleinerziehende, denen ist nix mehr beizubringen. Da wärs eher an der Zeit, Strukturen zu ändern, siehe oben, aber wem sag ich das?

Und die anderen Mütter?

Da ich im restlichen Leben permanent kommuniziere und vernetze, bin ich nicht sonderlich wild drauf, Freundinnen zu finden, lange Gespräche zu führen und mich auszutauschen. In der letzten Kur war ich jeden (!) Abend mit den Kindern um 21 Uhr im Bett, habe 1,5 Stunden Harry Potter vorgelesen und dann haben wir geschlafen. Aber jede wie sie mag: andere Frauen haben stundenlang in der Teeküche gequatscht, ihr Leben besprochen und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Und das ist ja auch schön, aber eben nicht so meins, ich bin ja eher der stille Typ (haha).

Unter so vielen Müttern ist es allerdings auch oft anstrengend, den jede hat ihr eigenes Erziehungskonzept, und nicht jedes ist gut auszuhalten, auch nicht aus der Ferne. Da sind die Chips-Kinder vor der Glotze noch die harmloseren Fälle. Warum viele Frauen am 2. Kurtag mit Plastiktüten beladen vom Lidl kamen, hab ich anfangs gar nicht begriffen: in der Klinik gibt’s doch was zu essen? Ach so, aber eben keine Chips, Cola etc. Andere Mütter schnauzen ihre Kinder an, dass man sich schützend dazwischen werfen möchte. Andere betütern ihre Kinder dermaßen, dass man sie anschreien will „jetzt lass doch mal das Kind in Ruhe!“. Da ist wieder Klappe-halten-Üben angesagt, aber man sieht eben auch mal, dass das Leben nicht aus den eigenen Wertvorstellungen und der eigenen Filterblase besteht. Und so erweitern die Kinder und ich unseren Horizont ob der Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten. Ob wir uns in der Kur mit anderen zusammentun für eine kleine Wanderung oder einen Ausflug zum Freibad, dürfen wir ja gottlob selber entscheiden.

Für meine Kinder und mich ist so eine Mutter-Kind-Kur die pure Erholung, aber es kann leider auch ganz anders laufen. Wenn ein Kind krank wird zum Beispiel. Blöder noch: ansteckend krank. Dann hockt man mit dem Kind in Quarantäne auf dem Zimmer, um den Rest der Klinik nicht zu infizieren. In meiner ersten Kur ist eine Mutter nach 10 Tagen Quarantäne abgereist, ohne eine einzige Anwendung oder auch nur einen normalen Kur-Tag gehabt zu haben. Die Arme! Manche Mütter haben sehr kleine Kinder, die nicht in die Betreuung wollen. Die schlecht schlafen. Die die Essensräume in eine Arena verwandeln. Ich würde sogar behaupten, dass eine Kur erst mit Kindern ab ca. 5 Jahren erholsam ist, aber da ist ja jedes Kind und jede Mutter anders.

Richtig schlimm fand ich nur die Frauen mit dem absoluten Service-Anspruch. Die, die jeden Tag an der Rezeption stehen und was zu meckern haben. Denn hey: Ihr kriegt das hier faktisch geschenkt, und das ist kein Hotel, sondern eine Klinik!

Drei Wochen unter Müttern zu sein, ist vielleicht die größte Herausforderung an der Kur, aber ich finde es insgesamt eine großartige Sache und ich werde es für mich nutzen, so lange wie ich es brauche und darf. Und anderem, damit ich weiter die Kraft habe, mich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu Gunsten von Familien und besonders Alleinerziehenden zu engagieren, damit es diese Kuren nicht mehr braucht.

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Diesen Text will ich seit 2 Jahren schreiben. Nun hat Cosima Stawenow von der Landfamilia die Blogparade „Meine Kur“ gestartet und ich bin dabei.

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Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren