10 Jahre alleinerziehend

Vor 10 Jahren kam ich aus dem Urlaub zurück und habe beschlossen: so werde ich nicht 40, nicht mit diesem Mann, nicht mit dieser Ehe. Wenige Monate später habe ich meinen 40. Geburtstag gefeiert: in meiner neuen Wohnung, in der ich seit 4 Wochen alleine mit den Kindern wohnte. Die Kinder waren 4 und 5 Jahre alt und ich nach 6 Jahren Ehe wieder Single.

Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was ich in den folgenden 10 Jahren zu bewältigen hatte, und das war auch gut so. Getrennt hätte ich mich trotzdem, denn nichts auf der Welt hält mich in einer unglücklichen, lieblosen Beziehung, in der ich mich einsamer als auf dem Mond fühle. Ich hatte einen guten Job und einen noch besseren in Aussicht, wir würden schon über die Runden kommen, außerdem hatte ich eine echt günstige Wohnung gefunden und mit der ElternKindInitiative ein riesiges Netzwerk.

Ein Jahr nach der Trennung kam das erste Kind in die Schule und ich stieg um auf Vollzeitjob. Jetzt hieß es: 7:30 Uhr aufstehen und teilweise bis 1 Uhr arbeiten. Zwei Jahre später kam das zweite Kind in die Schule und das erste Kind rutschte eine Stunde vor: 6:30 Uhr aufstehen und teilweise bis 1 Uhr arbeiten. Zwei weitere Jahre später kam das erste Kind auf die weiterführende Schule, ab jetzt: kein Hort, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung, kein Ferienprogramm. Vollzeitjob und ein Kind ab 13 Uhr zu Hause, mega (wenn nix ausfällt, haha)! Nach zwei Jahren war das erste Kind soweit, selber Mittagessen, Hausaufgaben und Nachmittagsgestaltung gesund und allein zu bewältigen, da kam das zweite Kind in die weiterführende Schule. Also nochmal: kein Hort, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung, kein Ferienprogramm. Weitere zwei Jahre später klappt nun auch hier alles stabil. Dann kam die Pandemie. Läuft…

Seit der Trennung war ich mit den Kindern 3x in Mutter-Kind-Kur, ich war einige Male wochenlang krank und ich war in therapeutischer Behandlung. Wir sind 2x umgezogen, hatten zwischenzeitlich 8 Haustiere, ich hab 2x versucht eine Beziehung zu führen und war zum Schluss jahrelang alleine mit den Kindern, dem Job dem Haushalt, dem Alltag. Die Kinder sind nach der Trennung weder sitzen geblieben noch haben sie angefangen, ins Bett zu machen (90% der Trennungsratgeber prophezeien dies), sie sind auf guten Schulen und haben gute Noten („Trennungskinder sind Bildungsverlierer“), sie haben viele Freunde und sind vielseitig interessiert („Trennungskinder sind sozial isoliert“). Der Vater zahlt regelmäßig Unterhalt („Väter zahlen keinen Unterhalt“), ich verdiene gutes Geld und bin glücklich in meinem Traumjob („Alleinerziehende sind frustriert im Niedriglohnsektor“). Wir haben eine wunderschöne kleine günstige Wohnung mit Balkon und Garten mitten in der Stadt („Alleinerziehende finden keine Wohnung“) und ich bin seit ein paar Monaten unfassbar verliebt und glücklich bis zum Mond („Alleinerziehende finden keinen neuen Partner“).

Wir widerlegen hier also alle Klischees und sind im Vergleich zu einem Großteil der Menschen, die ihre Kinder allein erziehen, ganz schön privilegiert. Trotzdem bin ich unfassbar erschöpft und mir geht die Puste aus. Denn es war ein langer Weg hierhin. Würde ich heute, mit dem aktuellen Stand meines Lebens, alleinerziehend werden, wärs anders, aber ich bin seit 10 Jahren für alles alleine zuständig. Jeder Urlaub, jeder Großeinkauf, jede Krankheit, jeder Geburtstag, jedes Weihnachtsfest, jeder Filmabend, jeder Geschwisterstreit, jeder Freibadausflug, jedes Problem und jedes Lachen, egal ob‘s von den Kindern oder mir ist – ich bin mit allem alleine (Hierzu gerne mal ALLE Texte meines Blogs lesen). Als die Kinder kleiner waren, war mein Alltag auf die Minute getaktet: wann macht der Hort zu, wann muss ich arbeiten, wann muss der Kurze zum Fußball, die Große zum Flöten, beide zum Schwimmen und wen kann ich fragen wer sie abholt, wann kommt der Babysitter und wieso haben die jetzt die Windpocken? Seit sie größer sind, hat sich die Lage etwas entspannt. Ich bin nicht mehr mit der unmittelbare Nestpflege und Betreuung beschäftigt, dafür mit den Sorgen und Gedanken von Teenagern. Die machen sich zwar einen Salat mit Hühnerbrust zu Mittag, lernen selbständig für die Mathearbeit und putzen unaufgefordert das Bad, haben aber dafür Redebedarf mit einem Tiefgang, gegen den man den Trotzanfall einer Dreijährigen als charmante Abwechslung im Alltag empfindet.

Ich bin gerne für meine Kinder da. Ich höre ihnen gerne zu, wir diskutieren, sie holen meine Meinung ein, wir streiten. Sie loten ihren Standpunkt an meinem aus, dafür müssen sie meinen kennen. Dafür muss ich präsent und ansprechbar sein. Wir diskutieren immer wieder neu, es werden Grenzen aufgespürt, überschritten und reflektiert. Sie brauchen mich nicht mehr zum Laternebasteln oder für das Schlaflied und ich kann sie stunden- und auch tagelang alleine lassen (und hoffen, dass die Katze dabei nicht verhungert…). Aber ihre Welt gerät immer wieder aus den Fugen und setzt sich neu zusammen, sie sind extrem selbständig und brauchen schlagartig extreme Nähe, sie verlieben sich, sich zerstreiten sich, sie kennen sich selbst nicht mehr wieder, sie nabeln sich ab und kommen zurück, um sich zu erden. Manchmal alles in Laufe eines einzigen Tages. Das ist normal, das ist Pubertät und ich bin gerne für sie da. Aber ich bin eben seit 10 Jahren ausschließlich und alleine für sie da, und ich für meinen Teil wäre jetzt bereit fürs Abnabeln, ich habe einfach keine Energie mehr.

Ich weiß, dass die Kinder noch nicht so weit sind, und ich übe mich in Geduld. Aber die vergangenen 10 Jahre haben mich schlichtweg fertig gemacht. Jahrelanger Schlafmangel durch Abendschichten und den frühen Schulbeginn, jahrelanges Jonglieren von 2-3 Parallelwelten, jahrelanger Vereinbarkeitstanz zwischen Kindern, Job, Haushalt und MIR (wer ist das denn?).

Dass mir jetzt die Puste ausgeht, ist blöd für die Kinder, denn sie leben natürlich im Augenblick. Sie sehen nur: Mama ist jetzt nicht für mich verfügbar. Jahrelang war ich für sie da, hab mir ein Bein ausgerissen, um unser Leben auf die Reihe zu kriegen, jetzt stehe ich ausgerechnet in der komplizierten Pubertät ich nicht mehr zur Verfügung? Wir müssen das üben, die Kinder und ich, das mit dem Abnabeln. Ich kann eben nicht pampig sagen „Mir reichts, ich geh schaukeln“, denn ich bin hier die Erwachsene. Türenknallen und beleidigter Abgang ist eigentlich Kindersache, ich bin allerdings auch ganz gut darin. Aber so geht’s nicht, ich bin ja hier schließlich Vorbild. Also reden, abwägen, entschuldigen, erklären. Ganz wichtig: respektieren und in den Arm nehmen.

Ich habe viel Verständnis für meine Kinder, nach 10 Jahren alleine mit ihnen müssen sie nun allerdings auch Verständnis für mich haben. Dass meine Grenzen und meine Geduld endlich sind, auch mein Geld und meine Zeit. Dabei muss ich aufpassen wie Sau, dass sich nicht die Rollen verkehren und von Kindern Erwachsenen-Skills verlangt werden.

Ich bereue keine Sekunde der letzten 10 Jahre, und am aller wenigsten bereue ich die Trennung. Allerdings sollte die Beziehung wirklich gründlich am Ende sein, bevor man sich trennt, denn nix ist einfacher, wenn man es alleine macht, schonmal gar nicht Familie. Es ist eine unfassbare Belastung für eine einzige Person, für Glück und Gesundheit, Geld, Wohnung, Essen und das ganze andere Gedöns von zwei aufwachsenden Menschen alleine zuständig zu sein.

Schön wäre es natürlich, wenn man dabei nicht auch noch von gesellschaftlichen Strukturen behindert würde, sondern vielleicht sogar bissl unterstützt würde. Wie ich an andere Stelle schonmal schrob: Gäbe es eine 30-Stunden-Woche bei Vollzeitgehalt für Eltern, hätten Eltern etwas mehr Luft. Wäre Wohnraum günstiger, dann müssten wir nicht so viel arbeiten und wir hätten alle etwas mehr Luft. Würden Familien und besonders Alleinerziehende gerecht besteuert, hätten sie netto mehr Kohle auf dem Konto und etwas mehr Luft. Gäbe es mehr, bessere und flexiblere Kinderbetreuung, hätten wir alle etwas mehr Luft.

Das haben wir aber alles nicht, und deshalb rödeln Eltern sich dumm und dusslig im Vereinbarkeitstanz um Kinder, Job und Haushalt. Paare sind dabei wenigstens noch zu zweit, Alleinerziehende kommen bei dem Theater nicht mehr vor die Tür. Oder nur, um zu arbeiten oder mit den Kindern zum Schwimmen zu gehen. Ich habe die letzten 10 Jahre die Wohnung eigentlich nur zum Arbeiten, zum Einkaufen oder für kindbedingte Wege und Termine verlassen. Oder um den Müll rauszubringen.

Jetzt, nach 10 Jahren, entspannt sich die Lage für mich, zumindest im Alltag. Ich kann meine Zeit in Absprache mit den Kindern und meinem Job weitestgehend frei einteilen, ich kann am Wochenende bis in die Puppen schlafen und strukturelle Ungerechtigkeiten treffen mich nicht mehr so hart, weil ich eh keine Kita und keinen Hort, kein Ferienprogramm und keine Hausaufgabenhilfe mehr brauche. Das Geld fließt jetzt in einen flotten Internetzugang samt Netflix, amazon prime und Disney+. Oft bevölkern mehr Jugendliche meine kleine Wohnung als das Jugendhaus nebenan, weil man es offenbar zu schätzen weiß, dass ich nicht so oft zu Hause bin. Andere strukturelle Ungerechtigkeiten bleiben natürlich bestehen, wie die abartig hohe Besteuerung Alleinerziehender, die sich bei einem Vollzeitgehalt zu wahrer Blüte entfaltet. Dass die Grünen in Stuttgart ihre Lastenradförderung mit „Für Familien und Alleinerziehende“ (hallo, wieso UND?) betiteln, löst bei mir zwar immer noch einen Schreikrampf aus, aber ich habe einfach keine Kraft mehr, mich politisch zu engagieren und ignoriere das unter dem Motto „Egal, Du kannst sie nicht alle töten“. Es gäbe noch so irre viel zu tun und so viel zu verändern, aber ich kann einfach nicht mehr. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich für Alleinerziehende nix ändert: weil sie alle platt auf dem Sofa liegen und froh sind, wenn heute niemand Läuse mit nach Hause gebracht hat.

10 Jahre alleinerziehend sind wirklich eine harte Nummer, das geht an die Substanz und das lässt sich an keinem Wochenende und mit keiner Mutter-Kind-Kur mehr wegpennen. Dass das so ist, ist eine Katastrophe, das das nehme ich jeder einzelnen Politikerin, die daran nix ändert, wirklich übel (Männer sind natürlich immer mitgemeint). Und wenn es mich schon so fertig macht, trotz der oben aufgezählten wirklich guten Rahmenbedingungen, die ich habe, wie ist es dann erst bei Alleinerziehenden mit schlecht bezahlten Job, ohne Kinderbetreuung, mit kranken Kindern, ohne Unterhalt, in zu kleinen Wohnungen etc? Vielleicht finde ich, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Energie, mich wieder politisch zu engagieren. Vielleicht zieh ich aber auch ans Meer und schlafe erstmal 5 Jahre.

In ein paar Monaten werde ich 50, meine Kinder sind (dann) 14 und 15 Jahre alt und ich bin nicht mehr allein, aber immer noch alleinerziehend. Die letzten 10 Jahre waren die anstrengendsten meines Lebens, aber auch wunderschön, denn es waren die Kinderjahre meiner Kinder. Ich hätte sie gerne mehr genossen, ich hätte gerne mehr Zeit und Geduld für meine Kinder gehabt und ich hoffe, ich war (und bin) trotz allem eine gute Mutter für sie. Jetzt habe ich wieder etwas mehr Luft und sehr viel mehr Liebe, und ich kann ich nur zu meinen Kindern sagen „Ihr seid großartig und ich bin wahnsinnig stolz auf Euch! Aber mir geht die Puste aus, den Rest müssen wir jetzt zusammen machen, ich schaffe das nicht mehr alleine.“

Drum machen wir es jetzt zusammen. Zusammen ist man weniger allein.

10 Jahre alleinerziehend

Der Umgang mit dem Umgang

Alle zwei Wochen sind die Kinder bei ihrem Vater. Das ist in vielen getrennten Familien so. Diese Wochenenden nennt man „Umgangs-Wochenenden“. Jede getrennte Familie hat da eine andere Regelung getroffen, die einen mehr, die anderen weniger und einige gar keinen Umgang. Aber es ist überall dasselbe: die Kinder sollten trotz Trennung der Eltern weiter Kontakt zu beiden Elternteilen haben.
Deshalb sind die Umgangs-Wochenenden in erster Linie dazu da, dass die Kinder Umgang mit dem Elternteil haben, bei dem sie nicht dauerhaft wohnen. Bei uns also zB alle 14 Tage beim Papa, Freitag bis Montag. Diese Wochenenden sind nicht dazu da, die Mutter, also mich, zu entlasten. Natürlich ist es eine Entlastung, sich 2,5 Tage nicht um die Kinder kümmern zu müssen, aber das ist ein Nebeneffekt, nicht der Grund. Die Wochenenden sind auch nicht dazu da, die Kinder von dem einen Elternteil betreuen zu lassen, weil der andere Elternteil was vorhat. Es geht hier nicht um Entlastung der Eltern und es geht hier nicht um die Betreuung der Kinder: es geht um gemeinsames Leben, es geht um Zeit, um Familienzeit, die die Kinder gemeinsam mit einem Elternteil verbringen.

Familienleben ist keine Kinderbetreuung, finde ich jedenfalls. Kinderbetreuung ist eine professionelle oder auch ehrenamtliche Dienstleistung, die ich in Anspruch nehme, wenn ich arbeite oder andere Dinge tue. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe, ist Familienzeit. Es ist mein Leben und das Leben der Kinder. Deshalb betreut der Vater an seinen Wochenenden nicht die Kinder, sondern er lebt mit ihnen zusammen, auch wenn‘s nur 2,5 Tage sind. Und drum tut der Vater mit dem Umgangs-Wochenende nicht mir, sondern sich und den Kindern einen Gefallen. Es ist ihre Familienzeit, auf die beide Seiten, der Vater und die Kinder, ein Recht haben. Deshalb ist natürlich möglichst viel Kontakt mit beiden Eltern eine schöne Sache, wenn man es denn organisatorisch hinkriegt. Wir kommen hier auf ca. 10-15% Zeit beim Vater, wenn ich es aufs ganze Jahr hochrechne. Denn zu den regelmäßigen Wochenenden kommen ca. 2-3 Wochen der Ferien, die der Vater übernimmt, den Rest der 12 Wochen Schulferien übernehme ich (wir arbeiten beide Vollzeit, logisch dass ich ¾ der Ferien abdecke). Würde der Vater mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen wollen: ich würde es fahnenschwenkend begrüßen. Und würde der Vater mehr Verantwortung für das Leben und den Alltag seiner Kinder übernehmen: ich wäre begeistert!

Aber so ist es nicht. Die Kinder sind alle 14 Tage bei ihm, es sei denn, er sagt ab wegen Urlaub oder er kürzt um 1 Tag wegen einer Konferenz, Ersatz wird nicht angeboten. Wenn ich nachfrage, kommt keine Antwort. So what, denke ich inzwischen, 9 Jahre Trennung machen halt auch bissl müde. So wie diese Umgangswochenenden zwar natürlich eine Auszeit für mich sind, so bringen sie halt auch einiges mit sich:
Vor dem kinderfreien Wochenende muss alles für 3 Tage gewaschen sein, muss der Ranzen für Hausaufgaben und für den Montag gepackt sein, müssen Termine der Kinder mit dem Vater abgestimmt werden. Nach dem kinderfreien Wochenende werden Taschen ausgepackt und Klamotten gewaschen, werden 3-Tage-nicht-geduschte-Kinder geduscht, Vesperdosen und Trinkflaschen von vergangenen Freitag ungespült und angeschimmelt aus dem Ranzen befördert, und 2-3 Tage lang die Anpassungsstörungen der Kinder an unseren Alltag kompensiert. Das alles von mir. Von wem sonst. Vorher und nachher. Weil der Vater am Wochenende keine Klamotten wäscht, nicht in die Ranzen guckt, die Mediennutzung der Kinder völlig entgleist (es werden Rekorde von bis zu 10 Stunden Fortnite gebrochen. Von einem 12jährigen) und er sich von den Kindern beim Thema Hausaufgaben an der Nase herumführen entlasten lässt („das muss ich jetzt nicht machen, das mach ich nächste Woche bei Mama“).

Stattdessen geht man ins Kino, ins Spaßbad, in die Sprungbude – cool für die Kinder und ich gönne es ihnen von Herzen. Die Kinder sind nach so einem Wochenende oft dezent durch den Wind, die Umstellung ist anstrengend. Sie sind müde und mir gegenüber gereizt und übellaunig, weil der Vater manchmal recht gestresst ist, sie das stillschwiegend kompensieren und dann bei mir rauslassen. Und weil er gerne mal unreflektiert seine Missstimmung über mich den Kindern mitteilt. Ich ertrage das mit der Geduld eines Lamas, was soll ich auch sonst tun? Ich wasche nach den Umgangswochenenden die dreckige Wäsche, in jeder Hinsicht. Es gibt sicher Familien, wo das anders läuft, bei uns ist es halt so. Ich habe oft versucht das zu ändern (zB das mit der Wäsche, mit der Stimmung), aber es ging nicht, und ich kann mir meine Energie auch für mich selber sparen als für Diskussionen über Wäsche oder über die work-life-balance meines Exmannes.

Die Kinder fallen für die 3 Tage übrigens nicht aus der Welt, sie bleiben Schulkinder mit Freunden und Hobbys. Sie müssen am Wochenende auch mal Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen. Weil so ein bilinguales G8-Gymnasium ohne Wochenend-Paukerei irgendwann nicht mehr zu bewältigen ist. Selbst das nichtgymnasiale Waldorf-Kind muss am Wochenende lernen und Referate vorbereiten. Es gibt Schulfeste und Schul-Samstage, Geburtstagsfeiern und (jetzt kommts!) Eigeninteressen der Kinder. Da sollte der Vater sich nach richten, die Zeiten, wo man die 5jährigen ohne weitere Rücksprache ins Spaßbad schleppen konnte, sind vorbei. Teenager haben einen eigenen Kopf und eigenen Tagesablauf, eigene Interessen und eigenen Verpflichtungen, da kann auch die kooperativste Mutter nix dran ändern.

„Mama, bis Du heute Nachmittag da? Dann komm ich für ein paar Stunden zu Dir“

Apropos Teenager: die haben nicht immer Lust, am Wochenende die Location zu wechseln. Ihre Klamotten für die nächsten 3 Tage festzulegen, Ihre Freunde beim Vater zu treffen. Also bleiben sie gerne auch einfach mal bei mir, zu Hause. Ich kann und will sie nicht zwingen, zum Vater zu gehen. Ich kann und will ihnen auch nicht verbieten, zwischendurch nach Hause zu kommen, denn sie sind hier zu Hause. „Du wohnst hier zwar, aber ich lass Dich nicht rein“ finde ich keine angemessene Ansage an eine 14jährige. Dann müssen wir mal besprechen, wie wir das jetzt machen, denn ich habe weder genug Zeit noch Nahrung übers Wochenende für Dich, aber wir finden schon eine Lösung. Der Vater wiederum hat sich das Wochenende freigehalten und die Kinder sind gar nicht da – tja blöd, aber so ist es halt. Übrigens unfassbar, was ich alles in meinem Leben für die Kinder geplant habe und dann ist es anders gekommen. That’s family. Wöllte der Vater das ändern, könnte er ja mit den Kindern reden und mit ihnen Regelungen treffen. Oder mit mir. Tut er aber nicht, sondern er nimmt das mehr oder weniger kinderfreie Umgangs-Wochenende „in Kauf“, um mir bei Gelegenheit vorzuwerfen, dass er sich ja so viel Zeit für die Kinder nimmt und die das gar nicht wahrnehmen.

Ich selber könnte übrigens auch ohne diese Wochenenden leben, meine Entlastung organisiere ich mir schon selber. Denn was bedeuten die kinderfreien Wochenenden für mich? Klar: kinderfrei.

„Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.“

Ich muss mich nicht um die Kinder kümmern, kann lange schlafen, ausgehen, muss nicht kochen waschen putzen, weil ich alleine gar nicht so viel dreckig mache wie 3 Personen. Ich kann mir an den kinderfreien Wochenenden die Liebhaber antanzen lassen, die Nägel lackieren und Prosecco zum Frühstück trinken. Was ich tatsächlich mache: ich arbeite, weil ich während der Woche nicht alles schaffe. Ich wasche, räume auf und putze, weil ich während der Woche nie (also wirklich: nie!) dazu komme. Ich versuche außerdem, so viel Zeit wie möglich für mich zu nutzen: ich schlafe und mache ausgiebig nix, ich gehe auch nicht aus. Sondern ich bleibe, wenn ich nicht arbeiten muss (und ich arbeite oft am Wochenende)  zu Hause, weil ich der Stille zuhöre, die ich sonst nie habe.

Für mich bedeuten diese Wochenenden im Zweifel aber auch mehr Arbeit. Emotional und organisatorisch, auf mehreren Ebenen. Und vor allem bedeuten die Umgangs-Wochenenden, dass ich weiter Kontakt mit meinem Exmann habe. Darauf könnte ich locker verzichten. Da er allerdings gleichzeitig der Vater meiner Kinder ist, bleiben wir schön in Kontakt, ein Ende ist nicht absehbar. Wir bleiben gemeinsam Eltern, bis ans Ende unserer Tage. Da gilt es, zwischen Exmann und Kindsvater zu unterscheiden, und ich gebe mir die allergrößte Mühe, das hinzukriegen. Selbst wenn ich ihn auf den Mond schießen könnte, so wünsche ich meinen Kindern nichts mehr, als eine liebevolle und entspannte Beziehung zu ihrem Vater. Ich würde mich definitiv NICHT darüber freuen, wenn diese Wochenenden wegfielen, denn das würde meine Kinder unglücklich machen.

Natürlich brauche ich auch diese Auszeiten, aber die Entlastung, die für mich bei den Umgangs-Wochenenden abfällt, würde ich mir dann schon irgendwie anders organisieren. So wie ich eh alles irgendwie organisiere. Meine Kinder können sich jedoch nicht einfach Ersatz organisieren: sie lieben und sie brauchen ihren Vater. Ich will keine unglücklichen Kinder: sie sollen zu ihrem Vater, gerne und glücklich. Und sie sollen die Freiheit haben, wählen zu können, wo sie ihre Wochenenden verbringen, denn sie sind es, die ihre Köfferchen packen müssen, nicht wir.
Schwierig also, der Umgang mit dem Umgang, vor allem wenn die Kinder größer werden, mitentscheiden wollen und im Zweifel keine Lust mehr drauf haben. Der Umgang ist immer wieder neu zu verhandeln, mit allen Beteiligten, und deshalb ist es gut, wenn es zumindest eine verlässliche und kontinuierliche Struktur gibt. Die gibt uns der gemeinsame google-Kalender, der alle 14 Tage das Umgangswochenende einträgt, bis uns der Himmel auf den Kopf fällt. Innerhalb dieser Regelmäßigkeit gibt’s genug Variablen, wir reden und verhandeln, ich mache Ausnahmen zu Gunsten der Kinder, und der Vater verlangt von mir Ausnahmen zu seinen Gunsten und droht mir bei Kooperationsmangel meinerseits mit der Abschaffung der Umgang-Wochenenden. Dabei hat er den Eingangstext nicht gelesen: die Umgangs-Wochenenden sind in erster Linie für ihn und die Kinder da.

Und deshalb wird es hier weiter Umgangs-Wochenenden geben, mit allen Nebenwirkungen. Mit Teenie-typischen Terminen, mit Streitereien zwischen mir und dem Exmann, mit müden Kindern am Montag, mit verschimmelten Vesperdosen, mit Spaßbad, Kino und Sprungbude und mit Kindern, die trotz Trennung einen guten Kontakt zu beiden Eltern haben. Denn um nichts anders geht es dabei.

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Foto: Pixabay

Der Umgang mit dem Umgang

Wehrt Euch vernetzt Euch, bildet Banden!

All die erschöpften Mütter und Väter, die eine erfülle Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen. All die Eltern, die ihre Kinder beim Groß werden begleiten wollen. All die Frauen und Männer, die ihren Job gut machen, ihre Familie ernähren, sich persönlich und beruflich weiter entwickeln wollen. Ihre Freundschaften und Hobbies pflegen wollen, sich ehrenamtlich in unserer Gesellschaft engagieren wollen, für ihr Alter vorsorgen und nicht nur eine Wohnung, sondern auch frische Luft und weite Felder für ihre Kinder brauchen. All die Eltern, die ihre Kinder gut versorgt wissen wollen, wenn sie arbeiten und die Unterstützung brauchen, wenn sie krank werden oder wenn jemand in der Familie pflegebedürftig wird.

All die Frauen und Männer, die sich um krude Erwartungen an Mutterschaft und Vaterschaft nicht mehr scheren wollen, die ihr eigenes Bild vom guten Leben und glücklicher Familie leben, egal wie viele Frauen und Männer und Kinder in dieser Familie leben. Die sich nicht in starre Arbeits- und Schulzeiten pressen lassen wollen, die mit 30 Stunden Arbeit in der Woche ausgelastet und sehr produktiv sind, die sich nicht dumm & dusslig an Steuern zahlen wollen, nur weil sie nicht verheiratet sind.

All diese Menschen, die müssten sich zusammen tun und eine Revolution anzetteln. Gegen die Strukturen in der Politik und in der Gesellschaft, gegen familienfeindliche Strukturen, die von einigen patriarchalischen Machthabern krampfhaft aufrecht erhalten werden. Auf dem Rücken der Menschen, die Kinder haben, an erster Stelle von Alleinerziehenden. Denn Alleinerziehende haben dieselben Probleme wie Familien, nur trifft es sie härter, alternativloser und sie sind wehrloser. Und sie haben noch ein paar Extra-Probleme obendrauf, wie Stress mit dem Kindsvater, Diskussionen mit Ämtern, kein Job, keine Rente, keine Kinderbetreuung und abgrundtiefe Einsamkeit, um nur einige zu nennen.

Wie schaffen wir das, uns und diese Revolution zu organisieren?

Man stelle sich vor, es gäbe einen Ort, wo all diese erschöpften Familienmenschen sich träfen. Nicht gleichzeitig, aber nach und nach und irgendwann waren alle mal da. An diesem Ort gibt es zunächst gutes Essen und Trinken, keine beruflichen Verpflichtungen und eine gute Kinderbetreuung. Dann gibt es ein paar Angebote, damit wieder Luft zum Atmen entsteht. Sport, Massagen, Kreatives, bissl Meditation.

Wenn wir dann nach ein paar Tagen den Kopf wieder ein bisschen freier haben, hören wir ein paar inspirierende Vorträge von klugen Menschen aus Soziologie, Philosophie, Kultur und Politikwissenschaft. Mit frischem Kopf und voller neuer Ideen setzen wir uns in Gruppen zusammen und planen die Revolution. Was wir wollen, ist klar und das haben wir mit Aktionen wie dem Muttertagswunsch bereits gesammelt. Wenn die Politik es nicht umsetzt, kümmern wir uns halt drum: Wo wollen wir ansetzen, wen wollen wir treffen und mit welchen Mitteln? Arbeitskampf, Streik oder online-Petition? Gründen wir eine Partei oder legen wir außerparlamentarisch den Bundestag lahm? Wer kümmert sich um die Website, um die Medien und um die Kinder?

Und was könne das für ein Ort sein?

Richtig: die Mutter-Kind-Kliniken! Es gibt diese Strukturen bereits, wir müssen sie nur für uns nutzen! Hundertausende Frauen und ein paar Männer fahren jedes Jahr in diese Mutter-Kind-Kuren, bekommen drei Wochen lang einen all inclusive-Urlaub mit Kinderbetreuung und Massagen. Sie lernen in den psychologischen Gruppengesprächen, sich zu entspannen, sich selber weiter zu optimieren, sich besser zu organisieren und auch mal zu delegieren (besonders hilfreicher Tipp bei Alleinerziehenden!), kurzum: sie werden wieder zusammen geflickt, damit sie nach der Kur wieder ins System passen und hübsch weiter funktionieren. Künftig werden sie in der Kur lernen, wie sie das System verändern können, denn der Staat ist für die Menschen da, nicht umgekehrt, nicht wahr?! Diese Psycho-Grüppchen, zu denen uns die Krankenkasse in den Kliniken verdonnert, werden unsere revolutionären Keimzellen. Statt Nordic Walking gibt’s „politische Wellen machen“ mit Christine Finke, statt Beckenbodentraining gibt’s juristische Basics des Arbeitskampfes mit Nina Straßner, statt Perlenketten auffädeln gibt’s Crash-Kurse von Robert Franken in Feminismus und statt dieser ulkigen „Mutter-Kind-Interaktion“ lehrt uns Susanne Mierau, dass eine liebevoll gebunde Kindheit der Grundstein für die einander zugeneigte und diskursfreudige Gesellschaft der Zukunft sein kann. Das Team der Blogfamilia unterstützt uns in PR und Sponsorensuche, Patricia Cammarata gibt Input zur Medienkompetenz auf allen Kanälen und Barbara Vorsamer erklärt uns, wie wir die Medien unterwandern. Wenn ich noch 5 Minuten länger überlege, fallen mir noch zig weitere Angebote ein. Vor allem aber lernen die Frauen und Männer hier voneinander, denn alle Familienmenschen sind Organisationsprofis und gewohnt, 10 Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Wir müssen uns nur miteinander vernetzen und voneinander lernen. Das Beste an alledem: die Krankenkasse bezahlt unser 3wöchiges Revolutionscamp sogar – perfekt!

Ich war bereits dreimal in Mutter-Kind-Kur und weiß, dass die Strukturen dieser Kuren sich perfekt eignen, um die Mütter und Väter zu erreichen, also: wehrt Euch, vernetzt Euch, bildet Banden!

So wird unsere Revolution vielleicht nicht nach 3 Wochen zum Erfolg führen, aber Stück für Stück, nach und nach erreichen wir sehr große Teile der Elternschaft, jedes Jahr so um die 160.000, die zu Hause, im privaten und beruflichen Umfeld, anfangen sich zu wehren, die neuen Ideen umzusetzen und die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Wir müssen nur noch das System infiltrieren, und dafür setzen wir einfach ganz oben an, bei Elke Büdenbender, der Schirmherrin des Müttergenesungswerkes, der Frau des Bundespräsidenten: liebe Frau Büdenbender, Sie wünschen sich, dass Mütter für ihre Leistung mehr Wertschätzung erfahren (Zitat von der Homepage des MGW): ich habe eine Idee, und ich hätte gerne einen Termin mit Ihnen!

Wehrt Euch vernetzt Euch, bildet Banden!

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Ich fragte mich bereits seit geraumer Zeit, wer sich in der Kommunal- oder Landespolitik in Stuttgart / Baden-Württemberg für Alleinerziehende zuständig fühlt. Immerhin regieren die hier Stadt und Land, aber ich hab beim Rumklicken auf deren Website nix gefunden. Umso mehr freute ich mich, als mir über den VAMV eine Einladung von Dorothea Wehinger MdL Sprecherin der Grünen für Frauen, Kinder und Familien, zum Fachgespräch „Starke Familien. Alleinerziehende nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag geradelt, voller Neugier auf Information, Gespräche und Vernetzung.

Nach ca. 2stündigem lebhaften und informativen Input sitzt nun also die Staatssekretärin für Soziales und Integration vor mir und erklärt, eins der größten Probleme der Alleinerziehende wäre die falsche Wortwahl, denn alleinerziehend klingt so benachteiligt, ist so negativ behaftet. Ein-Elter-Familie klänge da schon viel besser. Ich bin erstaunt. Denn wissen Sie, Frau Mielich: alleinerziehend klingt wirklich negativ. Aber wissen Sie noch was: es ist ja auch scheiße! Warum soll denn jetzt ein neues Wort alles rausreissen? Wir sind nicht einfach nur „zwei Eltern Minus Eins = Ein-Elter-Familie“. Als ob’s grad egal wäre, ob da nun ein oder zwei Erwachsene am Start sind, Hauptsache Familie. Ein oder zwei Eltern, das sind nur verschiedene Variablen von Familien? Nein, es ist nicht egal, denn wir sind allein. Mutterseelenallein. Wir sind zwei-Minus-ein-Erwachsener PLUS verdammt viel Stress, und zwar vor allem mit dem abhanden gekommenen zweiten Elternteil. PLUS Stress mit Job, Geld, Haushalt, Alltag und Kindern. PLUS strukturelle Benachteiligung, die wir der Politik zu verdanken haben.

Die Politik, die das Ehegattensplitting nicht abschafft und dafür sorgt, dass mir von meinem Vollzeit erarbeitetem Brutto gerade mal ein ein paar warme Kinderjacken mehr übrig bleiben als dem kinderlosen Single, während sich die verheirateten kinderlosen Paare ins Fäustchen lachen ob ihrer gesparten Steuern. Die Politik, die dafür sorgt, dass Katzenfutter mit 7% und Windeln mit 19% besteuert werden, dass es keinen bezahlbaren Wohnraum für Familien gibt, dass flexible und kompetente Kinderbetreuung von 1-12 Jahren noch in den Kinderschuhen steckt, dass ich 1000€/Jahr für die Bustickets meiner Schulkinder bezahlen muss, dass der Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt mit Harzt4 und Kindergeld verrechnet wird, dass Eltern und Arbeitgeber zusammen einen Vereinbarkeits-Tanz um die Schulen herum aufführen, weil diese stur auf ihrem verkrusteten System beharren. Wenn denn eine Alleinerziehende überhaupt einen Job bekommt und die Kinder zur Schule gehen. Wenn die Alleinerziehende arbeitet und die Kinder krank sind, ist schon wieder Essig, umgekehrt übrigens auch. Das alles und noch einiges mehr liegt im Verantwortungs- und Gestaltungsbereich der Politik, aber ein neues Wort ist mit das Wichtigste, das Ihnen einfällt, wenn Sie zum Thema Alleinerziehende sprechen sollen? Aha.

Und dann berichten Sie noch, dass Nachbarschaftszentren und Mehr-Generationen-Häuser eine echte Unterstützung für Alleinerziehende sein können. Ja klar, wenn die Politik es nicht hinkriegt, dann wird auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Liebe Frau Mielich: wann haben Sie denn das letzte Mal Ihrer alleinerziehenden Nachbarin eine Suppe gekocht? Vom Großeinkauf was mitgebracht? Kurz die Kinder gehütet, weil die Mutter zum Arzt musste? Ok, Sie haben bestimmt wenig Zeit. Aber Überraschung: nicht nur Staatssekretärinnen haben wenig Zeit – niemand hat Zeit. Sicher sind Mehr-Generationen-Häuser eine gute Sache. Aber sie lindern nur die Symptome, sie ändern nichts an den Strukturen. Wenn ich nicht 40, sondern nur 30 Stunden in der Woche arbeiten müsste, um denselben Betrag auf dem Konto zu haben, dann würde ich der alleinerziehenden Nachbarin ganz ohne Nachbarschaftszentrum ’ne Suppe vorbei bringen. Da dürfen Sie sich als Politikerin jetzt aussuchen, ob Sie an der Steuergerechtigkeit was dengeln oder an der Grundsicherung für Kinder, an der Wochenarbeitszeit oder an der Mehrwertsteuer, am Mietspiegel oder an den Kosten des ÖPNV. Aber ein Nachbarschaftszentrum ist ungefähr so hilfreich wie eine Mutter-Kind-Kur: das wird das Kaputteste repariert, damit Mutti wieder fit ist und weiter durchhält. Und das ist in dem Moment sicher auch ein großer Segen! An den Ursachen wird jedoch nix geändert, und das ist eigentlich eine Katastrophe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde Nachbarschaftszentren großartig, ich bin absolute Befürworterin von Vernetzung. Aber sie sind ganz sicher nicht die Lösung, nicht für die vielfältigen strukturellen Probleme und Benachteiligungen, denen Alleinerziehende ausgesetzt sind.

Und derer sind viele, ich habe hier bereits welche aufgeführt und beim Fachgespräch der Grünen im Landtag Baden-Württemberg wurden sie sehr lebendig und mit Fakten belegt geschildert. Da waren Sie aber noch nicht da, denn Sie kamen erst so spät zu dem Fachgespräch, dass Sie das alles nicht gehört haben. Ich finde das sehr bedauernswert! Ein Gespräch ist ja eigentlich so eine Sache, bei der man sich wechselseitig zuhört. Sie haben aber nicht zugehört, Sie kamen gegen Ende, haben Ihr Manuskript vorgetragen und kritisch die Augenbraue gehoben, als Dr. Finke ihre Nachbarschaftszentrumssache kritisierte. Ebenso reagierten Sie, als die Geschäftsführerin des VAMV, Brigitte Rösiger, erklärte, dass der Begriff „alleinerziehend“ sehr wohl bewusst gewählt wurde, und auch mich haben Sie bissl befremdlich angeschaut, als ich ganz zum Schluss bemerkte, das leider schon das Wort „Alleinerziehend“ auf Ihrer Internet-Präsenz und der der Landes-Grünen fehlt. Es ist nämlich auch eine Frage der mangelnden Wertschätzung, wenn man so gar nicht sichtbar ist. Glauben Sie mir nicht? Dann schauen Sie sich mal das Familienbild der Grünen an, sehr hübsch animiert auf dieser Website oder hier : bei den „Themen“ kommen Familien nicht vor, die sind unter Soziales subsumiert. Und wenn man die  Familien gefunden hat, kommen Alleinerziehende nicht vor, weder im Bild oder auch nur ein einziges Mal im Text. Und Ihre eigene Website? Nun ja.

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Ich hätte mir bei dem Fachgespräch mehr Kommunikation gewünscht, und ich wünsche mir Sichtbarkeit. Eine Staatssekretärin, die uns Alleinerziehende sieht, unsere Leistungen respektiert, unseren Nöten zuhört und glaubhaft versichert, sich für uns stark zu machen – das wäre grandios gewesen! Ja, ich hätte Sie echt gefeiert, das kann ich Ihnen hier unumwunden sagen. Aber so hat mich dieses Fach“Gespräch“ sehr geärgert und ich habe mich als Alleinerziehende nicht ernst genommen gefühlt, weil ich ja so blöd bin, mich auch noch selber alleinerziehend zu nennen.

Wenn ich mich jedoch fortan Ein-Elter-Familie nenne, sind die Kinder sauer, die haben nämlich zwei Eltern. Nenne ich mich „Single Mom“, fühle ich mich eher wie ein hippes Huhn. Auch wenn es für Sie unschön klingt: ich bin alleinerziehend, denn ich erziehe meine Kinder allein, und das ist verdammt anstrengend. Die Mutter-Kind-Kuren durften mich schon 3x wieder aufpäppeln, und so habe ich es mit Ach und Krach über die Halbzeit meines Familienlebens geschafft. Den Rest kriege ich jetzt auch noch irgendwie hin, mit 11 und 13 Jahren sind die Kinder ja aus dem Gröbsten raus (haha, die Pubertät steht schon grinsend im Flur).

Liebe Frau Mielich: ich brauche Sie. Wir brauchen Sie. Wir schaffen das nicht alleine. Wir brauchen eine engagierte, tatkräftige, ideenreiche Staatssekretärin, die sich für alle Familienformen stark macht und dabei auf die Alleinerziehenden als besonders verletzliche Familien, wie uns Prof. Christel Althaus, Vorsitzende des Landesfamilienrats Baden-Württemberg in ihrem Eingangsstatement zum Fachgespräch sehr treffend beschrieben hat, ein ganz besonders Augenmerk hat.

Die Veranstaltung hieß „Starke Familien. Alleinerziehende nicht alleine lassen“. Wir sind aber keine starken Familien, wir sind die schwächsten und verletzlichsten aller Familien und deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Das Fachgespräch war ein Anfang – machen wir weiter!

danke

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Weil ich hier bleiben muss

Mein Herz ist schwer.

Es war fast wie eine neue Liebe. Erst nur zögerlich, nur mal hingeblinzelt. Berührungsängste. Überwunden. Rückzieher gemacht und doch nicht davon lassen können. Nochmal hingeschaut. Faszinierend, spannend, aufregend, schön. Ja, das könnte was werden. Ja, ich glaub ich will das. Ja, ich lass mich drauf ein. Eine tiefe Sehnsucht wurde geweckt. Die Vorfreude wuchs auf das, was da kommen kann. Nochmal gezögert, in mich gehorcht und dann beschlossen: ich mach das das. Ich wage das. Das wird ein großes Ding und ich freu mich tierisch drauf. Ja, ich lass mich drauf ein! Und genau an dem Punkt, als meine Entschlossenheit mutig auf 100% war, sagt der andere: nö.

Ende. Aus. Vorbei.

Verdammt. Das tut weh. So weit war ich noch nie. Ich war schon so weit, ich war doch eigentlich schon da, es hat sich wirklich gut angefühlt. Aber es hat nicht gepasst.

Ich lebe seit 14 Jahren in einer Stadt, in der ich nur eine Woche bleiben wollte. Ich komme mit der Landschaft nicht klar, weil es hier keinen Rhein gibt. Und weil ich hier nicht Fahrrad fahren kann, jedenfalls nicht so unbeschwert wie zu Hause. Da wo ich her komme, ist der Rhein und das Herz weit wie das Meer, das Land flach wie ein Pfannkuchen und die Menschen mediterran aufgeschlossen, um nicht zu sagen: penetrant gut drauf.

rhein

Hier, wo ich jetzt wohne, tröpfelt ein Bächlein draußen vor der Stadt, wir sind eingeschlossen von Hügeln und man ist stolz darauf, dass es heißt „7 Jahre hier: 1 Freund“, oder „nicht geschimpft ist schon gelobt genug“. Ich finde das nicht witzig, ich finde das engherzig und ich komme mit dieser Einstellung nicht klar.

In 14 Jahren habe ich hier alles gefunden, was ich zum Leben brauche, nur nicht mein Glück. Ich habe zwei wundervolle Kinder, eine Wohnung mit sonnigem Garten, einen erfüllenden, kreativen und flexiblen Job mit großartigen Kollegen und eine üppige Liste an Kontakten im Smartphone. Wenn was ist, kann ich eine Menge Leute anrufen, die mir helfen. Wenn nix ist, kann ich anrufen wen ich will, es hat niemand Zeit. Und mich ruft alle Jubeljahre mal jemand an, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob wir am Wochenende zusammen mit den Kindern ins Freibad gehen. Oder in den Urlaub fahren. Oder ein Glas Wein zusammen trinken. Wenn ich zur Party einlade, freuen sich alle und kommen gerne, aber ich werde nicht eingeladen. Die meisten Leute haben hier leider nie Geburtstag, die wenigsten alle paar Jahre mal, krass. Zeit haben sie sowieso nicht. Oder die tun alle nur so nett und in Wahrheit bin ich total scheiße, nervig, doof und lästig. Das muss es sein.

Ich hab Herzeleid. Ich will nach Hause. Mit dem Rad den Rhein lang fahren, kilometerlang, stundenlang. Ohne erst drei Räder in die S-Bahn hieven zu müssen, am Ziel tut der Aufzug nicht und ich muss mich, zwei Kinder und drei Räder aus dem Untergrund bugsieren. Ich will meine Kinder von der Arbeit aus anrufen und sagen können „geht heute Nachmittag bei Oma vorbei, die hat einen Erdbeerkuchen gebacken, ich komm später dazu“. Hallo Ponyhof, ich weiß.

Vor 14 Jahren kam ich schwer verliebt in diese Stadt, arbeitslos, und blieb erst mal: Geh wohin Dein Herz Dich trägt. Zwei Wochen später war ich schwanger. Dahin trägt das Herz also. Das Kind wurde geboren, der Mann war viel unterwegs, ich hatte keine Freunde, keinen Job, keine Kontakte, war allein mit diesem zauberhaften Baby. Ich lief mit dem Kinderwagen weinend durch den Wald, einsam bis zum Anschlag und habe dem Kind und mir tröstend vorgesungen.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter einen Gruß. Lieber Vogel, fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss, denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

Es wurde noch ein Kind geboren, ich war glücklich mit meiner Familie, und ebenso beschäftigt. Das Heimweh ließ nach, ich war nur noch müde, habe gestillt, gewickelt, den Haushalt geschmissen, Bewerbungen geschrieben. Der Mann war viel unterwegs. Sehr viel. Ich war allein, fand erst Kontakte, als die Kinder in die Kita kamen.

Die Ehe zerbrach, ich zog mit den Kindern aus. Blieb aber in der Stadt, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte und dem Vater nicht die Kinder. Weil wir eine tolle Kita, viele Freunde, eine schöne Wohnung direkt gegenüber der Kita und ich endlich einen kleinen Job gefunden hatte. Wenn schon keine Familie mehr, dann sollte wenigstens alles andere für die Kinder stabil bleiben.

Ein Jahr später wechselte ich den Job in Richtung „Vollzeit aber Traumjob“, das erste Kind kam in die Schule. Schlechter Zeitpunkt, um die Stadt zu verlassen. Und so verpasste ich Jahr um Jahr das Zeitfenster, nach Hause zurück zu kehren. Mal kam ein Kind in die Schule, mal wechselte ein Kind die Schule. Das Heimweh wurde immer größer und irgendwann setzt ich mir selber die Pistole auf die Brust: entweder ich finde einen Job in der alten Heimat oder hier eine Wohnung mit sonnigem Garten. Die aktuelle Wohnung war zwar groß und günstig, aber dunkel und feucht.

Ich fand keinen Job in der Heimat, aber eine schöne Wohnung mit sonnigem Garten gleich um die Ecke. Das Schicksal hatte also für mich entschieden: wir bleiben in dieser Stadt. Ich arrangierte mich damit, zog um und genoss den Garten, immerhin.

Das Heimweh kommt aber immer noch, in Wellen, am schlimmsten ist es, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Ich schiele immer wieder nach dem passenden Zeitpunkt für den Absprung, aber der kommt nie. Erst war es die Kita, dann die Schule, jetzt die Pubertät. Die Kinder sind hier geboren, hier ist ihr Universum, hier verlieben sie sich. Sie wären längst groß genug, den Kontakt zum Vater selbstständig zu halten, auch mit 400km dazwischen, und ich glaube, der Opfer sind genug gebracht für eine glückliche Kindheit. Nach 14 Jahren habe ich das verdammte Gefühl: jetzt bin ich dran, Leute. Und ich will nach Hause.

Mir flattert ein Angebot ins Haus, ein spannender Karriereschritt: besser bezahlt, keine Abenddienste bis 2 Uhr und obendrein in der Heimat. Wow. Ich will nicht nur nach Hause, ich habe auch große Lust auf diese Arbeit, ich weiß dass ich das kann und dass ich das gut machen werde. Ich hab schon eine Menge Ideen und bin voller Tatendrang und Neugier.

Das schlechte Gewissen zu den Kindern bringt mich dabei fast um, ich verbringe viele schlaflose Nächte. Der Gedanke, ihnen sagen zu müssen dass wir wegziehen, ist schlimmer als die Verkündung der Trennung vor acht Jahren. Angst, den Kindern nach der kaputten Ehe nun endgültig die Kindheit zu versauen, sie aus ihrem Umfeld zu reißen. Angst, dann vielleicht gar nicht arbeiten zu können, weil die Kinder Schwierigkeiten mit den neuen Schulen, Umfeld, Freunden, Lehrern kriegen. Angst, dass ich alles zerstöre, was ich aufgebaut habe. Und dass nur, weil ich mit dem Rad den Rhein lang radeln will? Wie egoistisch kann man sein?

Alle Familien, die ich kenne, die umgezogen sind, waren mit zwei Erwachsenen ausgestattet. Da hat einfach mal einer (meistens die Frau) nicht oder nur wenig gearbeitet, bis die Kinder sich umgewöhnt hatten. Ich bin jedoch allein. Wie immer. Ich muss nicht nur diese Entscheidung alleine treffen, ich muss auch alle Konsequenzen alleine tragen. Eine Wohnung suchen, ein neues Netzwerk für uns aufbauen. Neue Schulen finden. Und natürlich arbeiten, und zwar volle Kanne ab dem ersten Tag, weil neuer Job.

Ich habe Angst, dass ich das nicht packe und mir endgültig alles um die Ohren fliegt. Ich bin in den acht Jahren des Alleinseins mit den Kindern drei Mal in Kur gewesen und zwei Mal monatelang arbeitsunfähig gewesen wegen kompletter Erschöpfung. Seit 1-2 Jahren läuft hier nun endlich alles etwas stabiler, die Kinder sind größer, im Job hat sich einiges entspannt. Und genau an dem Punkt will ich nochmal alles umreißen?

Ja, ich will. Ich habe meine Familie in der Heimat, alte Freunde und ich werde rasch neue finden, die Kinder sowieso. Ich packe das, das weiß ich. Ich will hier nicht bleiben und nicht alt werden, das merke ich bis in die Haarspitzen. Nie hätte ich gedacht, dass Heimat so wichtig für mich ist, wie schmerzhaft Heimweh sein kann. Es reißt Dir das Herz raus. Ich bin entschlossen, das nicht mehr auszuhalten.

Aber nein, siehe oben: Es hat nicht geklappt. Ich war 1mm davor und dann hat es nicht gepasst. Mein Schicksal hat zum zweiten Mal entschieden, dass ich nicht nach Hause gehe. Das tut weh. Ich bleibe also hier, in der Schwabenmetropole, und werde natürlich mit aller Leidenschaft das weiter machen, was ich mache. Weil ich keine halben Sachen mache, und weil ich es gerne mache. Ich habe einen großartigen, Sinn stiftenden Job, ich werde natürlich ab und zu doch zu Geburtstagen eingeladen, ich kann keine 500 Meter durch den Stadtteil laufen ohne Bekannte zu treffen, und wenn man mal den Schmerz in den Waden überwunden hat, klappt’s auch mit dem Fahrrad fahren. Aber mein Herz ist woanders. Geh wohin Dein Herz Dich trägt, aber ich kann nicht gehen.

Das Ganze ist jetzt fast ein halbes Jahr her und ich werde wohl hier bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob ich es wirklich getan hätte, denn die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug gewehrt, und sie sind einfach das Wichtigste in meinem Leben. Ich fühle mich ja wohl hier, wo ich jetzt bin, trotzdem habe ich Heimweh, immer wieder, Bilder vom Niederrhein kann ich ohne Wehmut überhaupt nicht anschauen. Und so sitze in meinem schönen sonnigen Garten und schaue den Vögeln im Baum zu.

Lieber Vogel fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss. Denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

garten

Weil ich hier bleiben muss

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Natürlich ohne die Kinder. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

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Es reicht! Es reicht für uns alle!

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Von „Du hast ja den Alleinerziehenden-Bonus“ bis „Du kriegst ja auch so viel Steuererleichterung“ gibt es eine Menge  Gemunkel um den begünstigen Status von Alleinerziehenden.

Alles Mumpitz!

Denn wenn man es mal genauer betrachtet, werden Alleinerziehende steuerlich ganz gut belastet, sobald sie auch nur einen steuerrelevanten Euro verdienen. Die berühmte Steuerklasse 2 sorgt dafür, dass ein alleinstehender Mensch mit Kindern nicht so viel Steuern zahlt wie ein Mensch ohne Kinder. Soweit so schön. Aber an meinem Beispiel sieht man, wie hanebüchen das ist: bei meinem Vollzeit-Gehalt rechne ich einen Unterschied zu Steuerklasse 1 von gerade mal 59€ aus. Dafür, dass ich alleine zwei Kinder großziehe. Ein Witz ist das! Wäre ich verheiratet, hätte ich in der Steuerklasse 3 ganze 271€ mehr auf dem Konto, jeden Monat. Und zwar völlig egal, ob ich Kinder habe oder gar wie viele. Das deutsche Steuersystem belohnt den Trauschein, nicht das Kinderhaben. Warum auch immer.

Aber der Kinderfreibetrag! Und das Kindergeld!

Ja genau, fast vergessen. Kinderfreibetrag und Kindergeld gehen gerechterweise zur Hälfte auf das Konto des Kindsvaters. Der zahlt nämlich Unterhalt, also steht ihm die Hälfte dieser Steuervergünstigungen zu. Soweit so schön. Die Kinder werden allerdings zu 85% von mir betreut (zwei Wochen lang) und zu 15% vom Vater (jedes 2. Wochenende). Auch in den Ferien! Dieses Ungleichgewicht findet sich in der Erleichterung der Steuer jedoch nicht wieder. Warum auch immer.

Hier sieht man übrigens auch, wie schwachsinnig ein im letzten Bundestagswahlkampf aus den Reihen der FDP kommender Vorschlag war, man solle dem Unterhaltszahler die Möglichkeit geben, den Unterhalt von der Steuer abzusetzen, dies würde einen größeren Anreiz geben, den Unterhalt auch zu zahlen. Was für ein Quatsch, denn er kommt ja schon in den Genuss von 50% der Steuererleichterung. Wenn der Unterhalt von der Steuer abgesetzt werden soll, dann bitte jeder Unterhalt, auch der, der von Eltern gezahlt wird, die zusammen leben. Und auch der Unterhalt, den ICH für meine Kinder ausgebe, denn ich unterhalte meine Kinder ja auch: Miete & Nebenkosten, Lebensmittel, Klamotten, Schul-/Freizeitbedarf, Taschengeld und Versicherungen etc. Wenn ich das alles von der Steuer absetzen könnte – ach das wär schön!

Obendrein zahlen Eltern fleißig Mehrwertsteuer, und zwar unverhältnismäßig mehr als Menschen ohne Kinder. Weil Eltern nämlich gezwungen sind, mehr Verbrauchsgüter anzuschaffen und Investitionen zu tätigen, als Menschen ohne Kinder. Vom Kinderwagen, Tragetuch und Windeln über Schulranzen, Gummistiefel, Sportklamotten für die Schule, Sportklamotten für den Verein, Winterjacke, Sommerschuhe, Farbmalkasten etc. müssen Eltern ständig neue Dinge kaufen, weil die Kinder rauswachsen, sich verändern oder schlichtweg in die Schule fahren müssen. Allein das Monatsticket für den Nahverkehr kostet in Stuttgart 40,20€, pro Kind, jeden Monat. Das sind 964€ im Jahr, die ich nicht mal als Arbeitsweg von der Steuer absetzen kann. Dabei herrscht Schulpflicht in diesem Land, und mit dem Fahrrad durch Stuttgart zur fahren grenzt an Kindeswohlgefährdung, da bleibt nur der Bus.

Wie schön, dass Katzenfutter, Schnittblumen und Schmuddelheftchen vom Kiosk dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz unterliegen. Trifft nur nicht ganz die alltägliche Lebenswelt von Eltern. Und Alleinerziehende trifft es doppelt heftig, weil hier einfach nur eine Person Geld verdient, nicht zwei.

Halten wir fest: ich zahle fast soviel Steuern von meinem Brutto-Gehalt wie ein Single, der nur für sich selbst verantwortlich ist. Ich verbrauche ungleich mehr Waren mit 19% Mehrwertsteuer als ein Single. Von dem Kindergeld und dem Kinderfreibetrag erhalte ich die Hälfte.

Daran will offenbar auch die neue Bundesregierung nichts ändern. Und deshalb schreibe ich das  hier auf. Damit es einfach niemand vergisst und im Zweifel nochmal nachlesen kann:

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

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Steht übrigens auch im Stern Nr. 13 vom 22.3.2018 ab Seite 32:

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Foto: Hardy Müller / Patrick Junker im Stern 13/2018
Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Burn out? Nicht immer, aber immer mal wieder

Seit Monaten weiß ich, dass am 6. März 2018 die BrigitteMom erscheint und da bin ich drin. Ein Text über mich und das Thema „Mama burn out“. Da wärs ja cool, ich würde zeitgleich auf meinem Blog einen Text über burn out schreiben, so würden sich Blog und Heft gegenseitig ergänzen.

Wenn mir denn was einfallen würde.

Wenn ich denn Zeit hätte.

Mir fällt seit Monaten nix mehr ein, schon gar nicht tiefgründige Gedanken zu Ursache, Wirkung und Bekämpfung von burn out.  Es ist ja eine immerwährende Lachnummer unter Familienmenschen und Alleinerziehenden im Besonderen, dass es mehr als genug „hilfreiche“ Tipps gibt, wie man als Elter ein burn out vermeidet. Eine liebgewonnene Twitterin wollte sogar mal ein Bullshit-Bingo dazu machen, aber ihr fehlte am Ende, wie uns allen, die Zeit dafür:

Nimm Dir Auszeiten.

Mal mal ein Mandala.

Du musst auch mal was abgeben können.

Geh doch mal zum Yoga.

Fahr doch mal in Kur.

Tu mal was für Dich.

Du musst Dich nur besser organisieren.

Nimm den Haushalt nicht so genau.

Schaff Dir ein Netzwerk.

Blablabla.

Wissen wir alles, schaffen wir alles nicht. Wir kümmern uns weiter um unsere Kinder, um den Haushalt, um das Geld und am wenigsten um uns, und deshalb klappen wir schön regelmäßig zusammen. Dann wird in Kur gefahren, die Glücklicheren ergattern einen Therapieplatz oder eine Haushaltshilfe von der Krankenkasse. Dann gehts wieder ne Weile gut. Und dann gehts auch mal wieder nicht so gut, weil ein Kind die Schule wechselt, weil ich krank werde, weil der Job doof ist oder der Ex oder beides oder alles. Weil uns Nähe und Austausch fehlt, Trost und Rückhalt.

Ich hab ja ein sonniges Gemüt, auch wenn mir das stressbedingt immer mal wieder abhanden kommt, drum krame ich immer wieder das Schöne und Positive raus. Anders gehts auch nicht, sonst würd ich ja bekloppt werden. Also freue ich mich, dass die Kinder jetzt echt mal spürbar größer werden. Das ist zwar auch nicht wirklich entspannter als früher, als ich mit zwei Kindergarten-Kindern den Alltag jongliert habe, aber das Leben mit großen Kindern hat eine andere Qualität: der unmittelbare Orga-Stress hat deutlich abgenommen. Ich arbeite nicht mehr bis auf die Minute, um ein Kind irgendwo abzuholen. Ich bestelle nicht mehr kiloweise Babysitter, ich flitze nicht mehr tagein tagaus durch den Stadtteil. Die Kinder machen alle Wege selber, kaufen auch mal ein, bleiben allein zu Haus, kochen sich Mittagessen, bringen sich selber ins Bett und schlafen vor allem aus bis zum get-no. Im Tausch dafür habe ich keinen Abend mehr für mich, weil die Bande erst gegen 21.30 oder 22 Uhr ins Bett geht (wochentags wohlgemerkt), und ich dann gleich mit. Ruhige Tatort-Abende oder Muße fürs Texte-schreiben sind dahin, was man auch der Frequenz dieses Blogs anmerkt. Lange Gespräche über Gott, Politik, das nächste Outfit, die Liebe und die Welt sowie Unterstützung beim Lernen, Anhören von Referaten, Abfragen von Vokabeln und Diskussionen über Lehrer, Freunde und Mediennutzung bestimmen unseren Alltag.

Das ist alles normaler Familienalltag, daran gibts nix zu meckern, das ist sogar sehr schön, bereichernd, fröhlich, aufregend und von viel Nähe unter uns Dreien geprägt. Das ist aber eben auch alles sehr anstrengend, wenn man es ganz alleine macht und ’nebenher‘ noch Vollzeit arbeitet. Aber weil ich jetzt tatsächlich mal Zeiten für mich beanspruchen kann, habe ich mich immerhin im Fitnessstudio angemeldet und war in den letzten 6 Wochen auch schon 4x dort. Kurze Unterbrechungen durch Magen-Darm-Virus, Schulferien und berufliche Termine waren ja klar. Dass, wenn alle gesund sind, der Kater operiert wird, war etwas unvorhergesehen. Ich habe trotzdem große Hoffnung, wenigstens nie wieder so einen furchtbaren Hexenschuss wie vor einigen Wochen zu kriegen, als ich auf allen Vieren in die Notaufnahme kroch, um mir eine Spritze ins Kreuz abzuholen.

Nein, ich gehe jetzt zum Sport, nutze die Selbständigkeit und Kompetenzen meiner Kinder zur Bewältigung unseres Alltages, arbeite so viel wie möglich und so wenig wie nötig, um die Kindheit meiner Kinder nicht zu verpassen. Drei Monate krank mit Schwindel, zwei Monate krank mit Tinitus, drei Mutter-Kind-Kuren und diverse kleinere Ausfälle habe ich in den sieben Jahren meines Alleinerziehenden-Daseins zusammen gesammelt. Jetzt zeigt sich ein zarter Schimmer am Horizont. Und der ist da definitiv nicht, weil ich irgendeinen dieser oben genannten großartigen Burn-out-Präventions-Ratschläge befolgt hätte oder weil mich irgend jemand unterstützt hätte oder weil sich gar die Politik strukturelle Entlastung für Alleinerziehende ausgedacht hätte (haha!). Nein, der Schimmer am Horizont ist da nur, weil die Kinder größer werden und wahnsinnig kooperativ und einfach toll sind. Weil die unmittelbare Nestpflege zu Ende geht und ich endlich mal ein wenig Kräfte sammeln kann. Die Pubertät steht nämlich schon grinsend vor der Tür.

Ich bin zuversichtlich, dass wir drei das alles schaffen, weil wir uns aufeinander verlassen können. Es wird immer wieder irgendwas reingrätschen, uns aus der Bahn werfen und an unsere Grenzen und ganz sicher auch darüber hinaus bringen. Deshalb werde ich auch sicher immer mal wieder Phasen der abgrundtiefen Erschöpfung haben, in denen ich einfach nicht mehr kann und mich ausgebrannt fühle. Ob mir dann die Ohren klingeln, das Hirn saust oder die Hexe ins Kreuz schießt, das weiß ich noch nicht, aber ich weiß dass ich zäh bin und immer wieder auf die Beine kommen. Und die Kinder und ich werden auch weiterhin eine großartige Zeit miteinander haben, lieben streiten Türen knallen und zusammen ans Meer fahren, ohne dass hier jemand sein Feuer verliert.

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Foto: klimkin @pixabay

 

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Und hier ist der Text aus der BrigitteMOM, das Foto von mir hat Karin Fiedler gemacht:

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Auszug aus der BrigitteMOM 1/2018, S. 118/119
Burn out? Nicht immer, aber immer mal wieder

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Ich rotiere, ich dreh mich völlig im Kreis, ich hab meinen Mittelpunkt verloren. Ich muss mich dringend neu sortieren, ich muss mir mal Gedanken machen über mich und das, was für mich Sinn macht, was mich erdet, welche Prioritäten ich setze und warum. Dazu komme ich aber nicht, weil ich immer nur rotiere. Kinder, Arbeit, Haushalt, Kinder Arbeit, Haushalt. Nach den Sommerferien war es besonders heftig; der Sohn auf einer neuen Schule, die Tochter einen neuen Klassenlehrer. Alle Abläufe neu, alle Wege neu, kein Hort mehr, alle Termine neu. Gleichzeitig auf der Arbeit mal wieder ALLES.

Ich rotiere, mache immer weiter und dann natürlich PENG. Mir ist übel, ich bin sturzmüde, ich friere, ich zittere, ich hab diffuse Schmerzen, es geht nicht mehr. Meine liebste Hausärztin ist nicht da, also zum Ersatz:

Ich weiß natürlich längst, dass ich was für mich tun muss. Und zwar nicht Schwimmen oder Yoga (also eigentlich auch das), sondern ich muss mich besinnen. „Geh mal in Dich“ hat meine Mutter immer gesagt, und sie hatte recht. Das ist das wichtigste von allem. Buchstäblich neben der Spur eiere ich durch meinen Alltag, und wenn ich mal Zeit habe, weiß ich überhaupt nicht, was sich damit anfangen soll. Ich muss gottlob nie lange drüber nachdenken, irgendwas ist ja immer. Und wenns die Läuse sind.

Erstmal krank geschrieben, hole ich ein bisschen Luft und treffe am tatenlosen Vormittag auf dem Bürgersteig die Nachbarin. Die war hübsche Herbstsachen pflücken und bindet jetzt schöne Kränze. Sie arbeitet 1 Tag/Woche, ihre beiden Kinder sind ab 7 Uhr zur Schule und danach jeden Tag bis 17.30 Uhr in der Betreuung. Sie ist zu Hause und bindet heute mal Herbstkränze. Ich bin schier fassungslos vor Neid und Unverständnis und setze auch prompt einen Tweet dazu ab:

Auf meinen Neid bin ich nicht stolz, aber jetzt überkommt mich der Neid und ich bin geradezu trotzig: Ich hätte auch gerne Zeit für ein schönes Hobby! Ich hätte auch gerne kein Burn out! Und vielleicht hätte ich auch gerne kein schlechtes Gewissen, die Kinder betreuen zu lassen, während ich Herbstkränze binde, verdammt!

Ich wäre froh, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn ich jeden Tag vor den Kindern zu Hause wäre, ihnen ein gesundes Mittagessen kochen könnte und wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Aber ich arbeite nun mal jeden Tag, bin meistens erst 1-2 Stunden nach den Kindern zu Hause und komme auch nicht immer in mir ruhend von der Arbeit. Die Nachbarin könnte mit ihren Kindern entspannt den Nachmittag verbringen, aber sie nimmt es nicht wahr. Sie wird ihre Gründe haben, aber dafür fehlte mir in dem Moment die Empathie. Mich macht das fassungslos, denn ich wünsche mir nichts mehr, als mehr Zeit mit meinem Kindern zu haben.

Aber so ist das wohl, wenn’s einem schlecht geht, dann sieht man die Welt durch die eigene kaputte Brille und gönnt den Mitmenschen nicht mehr die Butter auf dem Brot. „Heitere Gelassenheit“ fand ich mal ein schönes Lebensmotto, inzwischen müsste ich das googeln. Spätestens meine Reaktion auf die kranzbindende Nachbarin hat mir gezeigt, dass ich mich dringend wieder einnorden muss, denn dieses ewige Rotieren macht mich krank und giftig.

Viel Platz ist in meinem Leben nicht für Neues, weglassen kann ich eigentlich auch nichts und es lässt sich an den Abläufen auch nix mehr optimieren (und nein: ich brauche wirklich keine Haushalts- und Organisationstips, danke!). Aber ich kann mir wieder angewöhnen, abends meine Gedanken aufzuschreiben. So wie ich die ersten 40 Jahre meines Lebens Tagebuch geschrieben habe und es mir immer geholfen hat, mich zu sortieren. Ich kann mir die Tasse Tee mit den Kindern am Nachmittag wieder angewöhnen, die Zeit, in der wir alle zu Hause sind und uns was erzählen*. Und so als Fernziel: vielleicht finde ich ja nächstes Jahr endlich mal die Zeit für die langersehnte Fortbildung, die mir den Horizont wieder öffnet. Aber Obacht: keine zu großen Ziele stecken! Am Ende hat ja doch wieder jemand die Läuse.

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Foto: maxmann @pixabay

* und, liebe Politik: wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn mir als Alleinerziehender etwas mehr Netto vom Brutto übrig bliebe, statt diese mickrige „Entlastung“ der Steuerklasse 2: das wäre ganz toll! Dann könnte ich den Stundenumfang etwas reduzieren, ohne knietief in den Dispo zu rutschen, wäre öfter vor meinen Kindern zu Hause und könnte ihnen was Gesundes kochen. Ach, das wär schön!

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze