Wehrt Euch vernetzt Euch, bildet Banden!

All die erschöpften Mütter und Väter, die eine erfülle Zeit mit ihrer Familie verbringen wollen. All die Eltern, die ihre Kinder beim Groß werden begleiten wollen. All die Frauen und Männer, die ihren Job gut machen, ihre Familie ernähren, sich persönlich und beruflich weiter entwickeln wollen. Ihre Freundschaften und Hobbies pflegen wollen, sich ehrenamtlich in unserer Gesellschaft engagieren wollen, für ihr Alter vorsorgen und nicht nur eine Wohnung, sondern auch frische Luft und weite Felder für ihre Kinder brauchen. All die Eltern, die ihre Kinder gut versorgt wissen wollen, wenn sie arbeiten und die Unterstützung brauchen, wenn sie krank werden oder wenn jemand in der Familie pflegebedürftig wird.

All die Frauen und Männer, die sich um krude Erwartungen an Mutterschaft und Vaterschaft nicht mehr scheren wollen, die ihr eigenes Bild vom guten Leben und glücklicher Familie leben, egal wie viele Frauen und Männer und Kinder in dieser Familie leben. Die sich nicht in starre Arbeits- und Schulzeiten pressen lassen wollen, die mit 30 Stunden Arbeit in der Woche ausgelastet und sehr produktiv sind, die sich nicht dumm & dusslig an Steuern zahlen wollen, nur weil sie nicht verheiratet sind.

All diese Menschen, die müssten sich zusammen tun und eine Revolution anzetteln. Gegen die Strukturen in der Politik und in der Gesellschaft, gegen familienfeindliche Strukturen, die von einigen patriarchalischen Machthabern krampfhaft aufrecht erhalten werden. Auf dem Rücken der Menschen, die Kinder haben, an erster Stelle von Alleinerziehenden. Denn Alleinerziehende haben dieselben Probleme wie Familien, nur trifft es sie härter, alternativloser und sie sind wehrloser. Und sie haben noch ein paar Extra-Probleme obendrauf, wie Stress mit dem Kindsvater, Diskussionen mit Ämtern, kein Job, keine Rente, keine Kinderbetreuung und abgrundtiefe Einsamkeit, um nur einige zu nennen.

Wie schaffen wir das, uns und diese Revolution zu organisieren?

Man stelle sich vor, es gäbe einen Ort, wo all diese erschöpften Familienmenschen sich träfen. Nicht gleichzeitig, aber nach und nach und irgendwann waren alle mal da. An diesem Ort gibt es zunächst gutes Essen und Trinken, keine beruflichen Verpflichtungen und eine gute Kinderbetreuung. Dann gibt es ein paar Angebote, damit wieder Luft zum Atmen entsteht. Sport, Massagen, Kreatives, bissl Meditation.

Wenn wir dann nach ein paar Tagen den Kopf wieder ein bisschen freier haben, hören wir ein paar inspirierende Vorträge von klugen Menschen aus Soziologie, Philosophie, Kultur und Politikwissenschaft. Mit frischem Kopf und voller neuer Ideen setzen wir uns in Gruppen zusammen und planen die Revolution. Was wir wollen, ist klar und das haben wir mit Aktionen wie dem Muttertagswunsch bereits gesammelt. Wenn die Politik es nicht umsetzt, kümmern wir uns halt drum: Wo wollen wir ansetzen, wen wollen wir treffen und mit welchen Mitteln? Arbeitskampf, Streik oder online-Petition? Gründen wir eine Partei oder legen wir außerparlamentarisch den Bundestag lahm? Wer kümmert sich um die Website, um die Medien und um die Kinder?

Und was könne das für ein Ort sein?

Richtig: die Mutter-Kind-Kliniken! Es gibt diese Strukturen bereits, wir müssen sie nur für uns nutzen! Hundertausende Frauen und ein paar Männer fahren jedes Jahr in diese Mutter-Kind-Kuren, bekommen drei Wochen lang einen all inclusive-Urlaub mit Kinderbetreuung und Massagen. Sie lernen in den psychologischen Gruppengesprächen, sich zu entspannen, sich selber weiter zu optimieren, sich besser zu organisieren und auch mal zu delegieren (besonders hilfreicher Tipp bei Alleinerziehenden!), kurzum: sie werden wieder zusammen geflickt, damit sie nach der Kur wieder ins System passen und hübsch weiter funktionieren. Künftig werden sie in der Kur lernen, wie sie das System verändern können, denn der Staat ist für die Menschen da, nicht umgekehrt, nicht wahr?! Diese Psycho-Grüppchen, zu denen uns die Krankenkasse in den Kliniken verdonnert, werden unsere revolutionären Keimzellen. Statt Nordic Walking gibt’s „politische Wellen machen“ mit Christine Finke, statt Beckenbodentraining gibt’s juristische Basics des Arbeitskampfes mit Nina Straßner, statt Perlenketten auffädeln gibt’s Crash-Kurse von Robert Franken in Feminismus und statt dieser ulkigen „Mutter-Kind-Interaktion“ lehrt uns Susanne Mierau, dass eine liebevoll gebunde Kindheit der Grundstein für die einander zugeneigte und diskursfreudige Gesellschaft der Zukunft sein kann. Das Team der Blogfamilia unterstützt uns in PR und Sponsorensuche, Patricia Cammarata gibt Input zur Medienkompetenz auf allen Kanälen und Barbara Vorsamer erklärt uns, wie wir die Medien unterwandern. Wenn ich noch 5 Minuten länger überlege, fallen mir noch zig weitere Angebote ein. Vor allem aber lernen die Frauen und Männer hier voneinander, denn alle Familienmenschen sind Organisationsprofis und gewohnt, 10 Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Wir müssen uns nur miteinander vernetzen und voneinander lernen. Das Beste an alledem: die Krankenkasse bezahlt unser 3wöchiges Revolutionscamp sogar – perfekt!

Ich war bereits dreimal in Mutter-Kind-Kur und weiß, dass die Strukturen dieser Kuren sich perfekt eignen, um die Mütter und Väter zu erreichen, also: wehrt Euch, vernetzt Euch, bildet Banden!

So wird unsere Revolution vielleicht nicht nach 3 Wochen zum Erfolg führen, aber Stück für Stück, nach und nach erreichen wir sehr große Teile der Elternschaft, jedes Jahr so um die 160.000, die zu Hause, im privaten und beruflichen Umfeld, anfangen sich zu wehren, die neuen Ideen umzusetzen und die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Wir müssen nur noch das System infiltrieren, und dafür setzen wir einfach ganz oben an, bei Elke Büdenbender, der Schirmherrin des Müttergenesungswerkes, der Frau des Bundespräsidenten: liebe Frau Büdenbender, Sie wünschen sich, dass Mütter für ihre Leistung mehr Wertschätzung erfahren (Zitat von der Homepage des MGW): ich habe eine Idee, und ich hätte gerne einen Termin mit Ihnen!

Wehrt Euch vernetzt Euch, bildet Banden!

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Ich fragte mich bereits seit geraumer Zeit, wer sich in der Kommunal- oder Landespolitik in Stuttgart / Baden-Württemberg für Alleinerziehende zuständig fühlt. Immerhin regieren die hier Stadt und Land, aber ich hab beim Rumklicken auf deren Website nix gefunden. Umso mehr freute ich mich, als mir über den VAMV eine Einladung von Dorothea Wehinger MdL Sprecherin der Grünen für Frauen, Kinder und Familien, zum Fachgespräch „Starke Familien. Alleinerziehende nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag geradelt, voller Neugier auf Information, Gespräche und Vernetzung.

Nach ca. 2stündigem lebhaften und informativen Input sitzt nun also die Staatssekretärin für Soziales und Integration vor mir und erklärt, eins der größten Probleme der Alleinerziehende wäre die falsche Wortwahl, denn alleinerziehend klingt so benachteiligt, ist so negativ behaftet. Ein-Elter-Familie klänge da schon viel besser. Ich bin erstaunt. Denn wissen Sie, Frau Mielich: alleinerziehend klingt wirklich negativ. Aber wissen Sie noch was: es ist ja auch scheiße! Warum soll denn jetzt ein neues Wort alles rausreissen? Wir sind nicht einfach nur „zwei Eltern Minus Eins = Ein-Elter-Familie“. Als ob’s grad egal wäre, ob da nun ein oder zwei Erwachsene am Start sind, Hauptsache Familie. Ein oder zwei Eltern, das sind nur verschiedene Variablen von Familien? Nein, es ist nicht egal, denn wir sind allein. Mutterseelenallein. Wir sind zwei-Minus-ein-Erwachsener PLUS verdammt viel Stress, und zwar vor allem mit dem abhanden gekommenen zweiten Elternteil. PLUS Stress mit Job, Geld, Haushalt, Alltag und Kindern. PLUS strukturelle Benachteiligung, die wir der Politik zu verdanken haben.

Die Politik, die das Ehegattensplitting nicht abschafft und dafür sorgt, dass mir von meinem Vollzeit erarbeitetem Brutto gerade mal ein ein paar warme Kinderjacken mehr übrig bleiben als dem kinderlosen Single, während sich die verheirateten kinderlosen Paare ins Fäustchen lachen ob ihrer gesparten Steuern. Die Politik, die dafür sorgt, dass Katzenfutter mit 7% und Windeln mit 19% besteuert werden, dass es keinen bezahlbaren Wohnraum für Familien gibt, dass flexible und kompetente Kinderbetreuung von 1-12 Jahren noch in den Kinderschuhen steckt, dass ich 1000€/Jahr für die Bustickets meiner Schulkinder bezahlen muss, dass der Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt mit Harzt4 und Kindergeld verrechnet wird, dass Eltern und Arbeitgeber zusammen einen Vereinbarkeits-Tanz um die Schulen herum aufführen, weil diese stur auf ihrem verkrusteten System beharren. Wenn denn eine Alleinerziehende überhaupt einen Job bekommt und die Kinder zur Schule gehen. Wenn die Alleinerziehende arbeitet und die Kinder krank sind, ist schon wieder Essig, umgekehrt übrigens auch. Das alles und noch einiges mehr liegt im Verantwortungs- und Gestaltungsbereich der Politik, aber ein neues Wort ist mit das Wichtigste, das Ihnen einfällt, wenn Sie zum Thema Alleinerziehende sprechen sollen? Aha.

Und dann berichten Sie noch, dass Nachbarschaftszentren und Mehr-Generationen-Häuser eine echte Unterstützung für Alleinerziehende sein können. Ja klar, wenn die Politik es nicht hinkriegt, dann wird auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Liebe Frau Mielich: wann haben Sie denn das letzte Mal Ihrer alleinerziehenden Nachbarin eine Suppe gekocht? Vom Großeinkauf was mitgebracht? Kurz die Kinder gehütet, weil die Mutter zum Arzt musste? Ok, Sie haben bestimmt wenig Zeit. Aber Überraschung: nicht nur Staatssekretärinnen haben wenig Zeit – niemand hat Zeit. Sicher sind Mehr-Generationen-Häuser eine gute Sache. Aber sie lindern nur die Symptome, sie ändern nichts an den Strukturen. Wenn ich nicht 40, sondern nur 30 Stunden in der Woche arbeiten müsste, um denselben Betrag auf dem Konto zu haben, dann würde ich der alleinerziehenden Nachbarin ganz ohne Nachbarschaftszentrum ’ne Suppe vorbei bringen. Da dürfen Sie sich als Politikerin jetzt aussuchen, ob Sie an der Steuergerechtigkeit was dengeln oder an der Grundsicherung für Kinder, an der Wochenarbeitszeit oder an der Mehrwertsteuer, am Mietspiegel oder an den Kosten des ÖPNV. Aber ein Nachbarschaftszentrum ist ungefähr so hilfreich wie eine Mutter-Kind-Kur: das wird das Kaputteste repariert, damit Mutti wieder fit ist und weiter durchhält. Und das ist in dem Moment sicher auch ein großer Segen! An den Ursachen wird jedoch nix geändert, und das ist eigentlich eine Katastrophe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde Nachbarschaftszentren großartig, ich bin absolute Befürworterin von Vernetzung. Aber sie sind ganz sicher nicht die Lösung, nicht für die vielfältigen strukturellen Probleme und Benachteiligungen, denen Alleinerziehende ausgesetzt sind.

Und derer sind viele, ich habe hier bereits welche aufgeführt und beim Fachgespräch der Grünen im Landtag Baden-Württemberg wurden sie sehr lebendig und mit Fakten belegt geschildert. Da waren Sie aber noch nicht da, denn Sie kamen erst so spät zu dem Fachgespräch, dass Sie das alles nicht gehört haben. Ich finde das sehr bedauernswert! Ein Gespräch ist ja eigentlich so eine Sache, bei der man sich wechselseitig zuhört. Sie haben aber nicht zugehört, Sie kamen gegen Ende, haben Ihr Manuskript vorgetragen und kritisch die Augenbraue gehoben, als Dr. Finke ihre Nachbarschaftszentrumssache kritisierte. Ebenso reagierten Sie, als die Geschäftsführerin des VAMV, Brigitte Rösiger, erklärte, dass der Begriff „alleinerziehend“ sehr wohl bewusst gewählt wurde, und auch mich haben Sie bissl befremdlich angeschaut, als ich ganz zum Schluss bemerkte, das leider schon das Wort „Alleinerziehend“ auf Ihrer Internet-Präsenz und der der Landes-Grünen fehlt. Es ist nämlich auch eine Frage der mangelnden Wertschätzung, wenn man so gar nicht sichtbar ist. Glauben Sie mir nicht? Dann schauen Sie sich mal das Familienbild der Grünen an, sehr hübsch animiert auf dieser Website oder hier : bei den „Themen“ kommen Familien nicht vor, die sind unter Soziales subsumiert. Und wenn man die  Familien gefunden hat, kommen Alleinerziehende nicht vor, weder im Bild oder auch nur ein einziges Mal im Text. Und Ihre eigene Website? Nun ja.

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Ich hätte mir bei dem Fachgespräch mehr Kommunikation gewünscht, und ich wünsche mir Sichtbarkeit. Eine Staatssekretärin, die uns Alleinerziehende sieht, unsere Leistungen respektiert, unseren Nöten zuhört und glaubhaft versichert, sich für uns stark zu machen – das wäre grandios gewesen! Ja, ich hätte Sie echt gefeiert, das kann ich Ihnen hier unumwunden sagen. Aber so hat mich dieses Fach“Gespräch“ sehr geärgert und ich habe mich als Alleinerziehende nicht ernst genommen gefühlt, weil ich ja so blöd bin, mich auch noch selber alleinerziehend zu nennen.

Wenn ich mich jedoch fortan Ein-Elter-Familie nenne, sind die Kinder sauer, die haben nämlich zwei Eltern. Nenne ich mich „Single Mom“, fühle ich mich eher wie ein hippes Huhn. Auch wenn es für Sie unschön klingt: ich bin alleinerziehend, denn ich erziehe meine Kinder allein, und das ist verdammt anstrengend. Die Mutter-Kind-Kuren durften mich schon 3x wieder aufpäppeln, und so habe ich es mit Ach und Krach über die Halbzeit meines Familienlebens geschafft. Den Rest kriege ich jetzt auch noch irgendwie hin, mit 11 und 13 Jahren sind die Kinder ja aus dem Gröbsten raus (haha, die Pubertät steht schon grinsend im Flur).

Liebe Frau Mielich: ich brauche Sie. Wir brauchen Sie. Wir schaffen das nicht alleine. Wir brauchen eine engagierte, tatkräftige, ideenreiche Staatssekretärin, die sich für alle Familienformen stark macht und dabei auf die Alleinerziehenden als besonders verletzliche Familien, wie uns Prof. Christel Althaus, Vorsitzende des Landesfamilienrats Baden-Württemberg in ihrem Eingangsstatement zum Fachgespräch sehr treffend beschrieben hat, ein ganz besonders Augenmerk hat.

Die Veranstaltung hieß „Starke Familien. Alleinerziehende nicht alleine lassen“. Wir sind aber keine starken Familien, wir sind die schwächsten und verletzlichsten aller Familien und deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Das Fachgespräch war ein Anfang – machen wir weiter!

danke

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

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Es reicht! Es reicht für uns alle!

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Von „Du hast ja den Alleinerziehenden-Bonus“ bis „Du kriegst ja auch so viel Steuererleichterung“ gibt es eine Menge  Gemunkel um den begünstigen Status von Alleinerziehenden.

Alles Mumpitz!

Denn wenn man es mal genauer betrachtet, werden Alleinerziehende steuerlich ganz gut belastet, sobald sie auch nur einen steuerrelevanten Euro verdienen. Die berühmte Steuerklasse 2 sorgt dafür, dass ein alleinstehender Mensch mit Kindern nicht so viel Steuern zahlt wie ein Mensch ohne Kinder. Soweit so schön. Aber an meinem Beispiel sieht man, wie hanebüchen das ist: bei meinem Vollzeit-Gehalt rechne ich einen Unterschied zu Steuerklasse 1 von gerade mal 59€ aus. Dafür, dass ich alleine zwei Kinder großziehe. Ein Witz ist das! Wäre ich verheiratet, hätte ich in der Steuerklasse 3 ganze 271€ mehr auf dem Konto, jeden Monat. Und zwar völlig egal, ob ich Kinder habe oder gar wie viele. Das deutsche Steuersystem belohnt den Trauschein, nicht das Kinderhaben. Warum auch immer.

Aber der Kinderfreibetrag! Und das Kindergeld!

Ja genau, fast vergessen. Kinderfreibetrag und Kindergeld gehen gerechterweise zur Hälfte auf das Konto des Kindsvaters. Der zahlt nämlich Unterhalt, also steht ihm die Hälfte dieser Steuervergünstigungen zu. Soweit so schön. Die Kinder werden allerdings zu 85% von mir betreut (zwei Wochen lang) und zu 15% vom Vater (jedes 2. Wochenende). Auch in den Ferien! Dieses Ungleichgewicht findet sich in der Erleichterung der Steuer jedoch nicht wieder. Warum auch immer.

Hier sieht man übrigens auch, wie schwachsinnig ein im letzten Bundestagswahlkampf aus den Reihen der FDP kommender Vorschlag war, man solle dem Unterhaltszahler die Möglichkeit geben, den Unterhalt von der Steuer abzusetzen, dies würde einen größeren Anreiz geben, den Unterhalt auch zu zahlen. Was für ein Quatsch, denn er kommt ja schon in den Genuss von 50% der Steuererleichterung. Wenn der Unterhalt von der Steuer abgesetzt werden soll, dann bitte jeder Unterhalt, auch der, der von Eltern gezahlt wird, die zusammen leben. Und auch der Unterhalt, den ICH für meine Kinder ausgebe, denn ich unterhalte meine Kinder ja auch: Miete & Nebenkosten, Lebensmittel, Klamotten, Schul-/Freizeitbedarf, Taschengeld und Versicherungen etc. Wenn ich das alles von der Steuer absetzen könnte – ach das wär schön!

Obendrein zahlen Eltern fleißig Mehrwertsteuer, und zwar unverhältnismäßig mehr als Menschen ohne Kinder. Weil Eltern nämlich gezwungen sind, mehr Verbrauchsgüter anzuschaffen und Investitionen zu tätigen, als Menschen ohne Kinder. Vom Kinderwagen, Tragetuch und Windeln über Schulranzen, Gummistiefel, Sportklamotten für die Schule, Sportklamotten für den Verein, Winterjacke, Sommerschuhe, Farbmalkasten etc. müssen Eltern ständig neue Dinge kaufen, weil die Kinder rauswachsen, sich verändern oder schlichtweg in die Schule fahren müssen. Allein das Monatsticket für den Nahverkehr kostet in Stuttgart 40,20€, pro Kind, jeden Monat. Das sind 964€ im Jahr, die ich nicht mal als Arbeitsweg von der Steuer absetzen kann. Dabei herrscht Schulpflicht in diesem Land, und mit dem Fahrrad durch Stuttgart zur fahren grenzt an Kindeswohlgefährdung, da bleibt nur der Bus.

Wie schön, dass Katzenfutter, Schnittblumen und Schmuddelheftchen vom Kiosk dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz unterliegen. Trifft nur nicht ganz die alltägliche Lebenswelt von Eltern. Und Alleinerziehende trifft es doppelt heftig, weil hier einfach nur eine Person Geld verdient, nicht zwei.

Halten wir fest: ich zahle fast soviel Steuern von meinem Brutto-Gehalt wie ein Single, der nur für sich selbst verantwortlich ist. Ich verbrauche ungleich mehr Waren mit 19% Mehrwertsteuer als ein Single. Von dem Kindergeld und dem Kinderfreibetrag erhalte ich die Hälfte.

Daran will offenbar auch die neue Bundesregierung nichts ändern. Und deshalb schreibe ich das  hier auf. Damit es einfach niemand vergisst und im Zweifel nochmal nachlesen kann:

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

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Steht übrigens auch im Stern Nr. 13 vom 22.3.2018 ab Seite 32:

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Foto: Hardy Müller / Patrick Junker im Stern 13/2018
Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Ich rotiere, ich dreh mich völlig im Kreis, ich hab meinen Mittelpunkt verloren. Ich muss mich dringend neu sortieren, ich muss mir mal Gedanken machen über mich und das, was für mich Sinn macht, was mich erdet, welche Prioritäten ich setze und warum. Dazu komme ich aber nicht, weil ich immer nur rotiere. Kinder, Arbeit, Haushalt, Kinder Arbeit, Haushalt. Nach den Sommerferien war es besonders heftig; der Sohn auf einer neuen Schule, die Tochter einen neuen Klassenlehrer. Alle Abläufe neu, alle Wege neu, kein Hort mehr, alle Termine neu. Gleichzeitig auf der Arbeit mal wieder ALLES.

Ich rotiere, mache immer weiter und dann natürlich PENG. Mir ist übel, ich bin sturzmüde, ich friere, ich zittere, ich hab diffuse Schmerzen, es geht nicht mehr. Meine liebste Hausärztin ist nicht da, also zum Ersatz:

Ich weiß natürlich längst, dass ich was für mich tun muss. Und zwar nicht Schwimmen oder Yoga (also eigentlich auch das), sondern ich muss mich besinnen. „Geh mal in Dich“ hat meine Mutter immer gesagt, und sie hatte recht. Das ist das wichtigste von allem. Buchstäblich neben der Spur eiere ich durch meinen Alltag, und wenn ich mal Zeit habe, weiß ich überhaupt nicht, was sich damit anfangen soll. Ich muss gottlob nie lange drüber nachdenken, irgendwas ist ja immer. Und wenns die Läuse sind.

Erstmal krank geschrieben, hole ich ein bisschen Luft und treffe am tatenlosen Vormittag auf dem Bürgersteig die Nachbarin. Die war hübsche Herbstsachen pflücken und bindet jetzt schöne Kränze. Sie arbeitet 1 Tag/Woche, ihre beiden Kinder sind ab 7 Uhr zur Schule und danach jeden Tag bis 17.30 Uhr in der Betreuung. Sie ist zu Hause und bindet heute mal Herbstkränze. Ich bin schier fassungslos vor Neid und Unverständnis und setze auch prompt einen Tweet dazu ab:

Auf meinen Neid bin ich nicht stolz, aber jetzt überkommt mich der Neid und ich bin geradezu trotzig: Ich hätte auch gerne Zeit für ein schönes Hobby! Ich hätte auch gerne kein Burn out! Und vielleicht hätte ich auch gerne kein schlechtes Gewissen, die Kinder betreuen zu lassen, während ich Herbstkränze binde, verdammt!

Ich wäre froh, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn ich jeden Tag vor den Kindern zu Hause wäre, ihnen ein gesundes Mittagessen kochen könnte und wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Aber ich arbeite nun mal jeden Tag, bin meistens erst 1-2 Stunden nach den Kindern zu Hause und komme auch nicht immer in mir ruhend von der Arbeit. Die Nachbarin könnte mit ihren Kindern entspannt den Nachmittag verbringen, aber sie nimmt es nicht wahr. Sie wird ihre Gründe haben, aber dafür fehlte mir in dem Moment die Empathie. Mich macht das fassungslos, denn ich wünsche mir nichts mehr, als mehr Zeit mit meinem Kindern zu haben.

Aber so ist das wohl, wenn’s einem schlecht geht, dann sieht man die Welt durch die eigene kaputte Brille und gönnt den Mitmenschen nicht mehr die Butter auf dem Brot. „Heitere Gelassenheit“ fand ich mal ein schönes Lebensmotto, inzwischen müsste ich das googeln. Spätestens meine Reaktion auf die kranzbindende Nachbarin hat mir gezeigt, dass ich mich dringend wieder einnorden muss, denn dieses ewige Rotieren macht mich krank und giftig.

Viel Platz ist in meinem Leben nicht für Neues, weglassen kann ich eigentlich auch nichts und es lässt sich an den Abläufen auch nix mehr optimieren (und nein: ich brauche wirklich keine Haushalts- und Organisationstips, danke!). Aber ich kann mir wieder angewöhnen, abends meine Gedanken aufzuschreiben. So wie ich die ersten 40 Jahre meines Lebens Tagebuch geschrieben habe und es mir immer geholfen hat, mich zu sortieren. Ich kann mir die Tasse Tee mit den Kindern am Nachmittag wieder angewöhnen, die Zeit, in der wir alle zu Hause sind und uns was erzählen*. Und so als Fernziel: vielleicht finde ich ja nächstes Jahr endlich mal die Zeit für die langersehnte Fortbildung, die mir den Horizont wieder öffnet. Aber Obacht: keine zu großen Ziele stecken! Am Ende hat ja doch wieder jemand die Läuse.

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Foto: maxmann @pixabay

* und, liebe Politik: wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn mir als Alleinerziehender etwas mehr Netto vom Brutto übrig bliebe, statt diese mickrige „Entlastung“ der Steuerklasse 2: das wäre ganz toll! Dann könnte ich den Stundenumfang etwas reduzieren, ohne knietief in den Dispo zu rutschen, wäre öfter vor meinen Kindern zu Hause und könnte ihnen was Gesundes kochen. Ach, das wär schön!

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Quasi alleinerziehend

 

Da war er wieder, der Aufreger schlechthin: Alleinerziehende schreien bei so einer Aussage laut auf, verpartnerte Frauen versinken vor Scham im Boden ob dieser Frechheit: eine Frau in einer Beziehung bezeichnet sich als alleinerziehend. Dabei hat sie ja im Grunde recht, wenn man’s mal wörtlich nimmt: sie erzieht die Kinder alleine, den lieben langen Tag, weil der Gatte wegen seines Jobs abwesend ist.

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status. Im Steuerrecht gibt’s für Alleinerziehende einen Entlastungsbeitrag. Ja gut, der ist mickrig, aber er ist da. Und wenn das erste Kind 18 wird und noch zu Hause lebt, dann fällt der weg. Dann ist Mutti nämlich nicht mehr alleinerziehend, weil das Kind ja jetzt erwachsen ist. Wenn das 18jährige Kind Erwachsener noch zur Schule geht, dann hat es wahrscheinlich kein eigenes Einkommen. Und so mitten im Abi sinkt der Bedarf an mütterlicher Zuwendung auch nicht schlagartig mit dem 18. Geburtstag, aber egal: der Entlastungsbeitrag wird gestrichen, weil wenn mehr als 1 Erwachsener im Haushalt leben, dann ist man eben nicht alleinerziehend.

Die Dame aus dem Zitat oben mit dem abwesenden Mann ergo also auch nicht.

Warum sagt sie das dann?

In den 7 Jahren meines Lebens, die ich inzwischen alleine mit meinen Kindern lebe, sind mir viele solcher Aussagen begegnet. Wie die einer guten Freundin, bei der ich mich ausheule und die dann sagt, ihr Mann sei ja auch oft unterwegs. Wieso „auch“, wundere ich mich?

„Wenn Alleinerziehende nur halb soviel kochen müssen, dann meine Frau auch, ich bin ja so viel beruflich unterwegs“ sagte beim Kita-Elternabend der Porsche-Fahrer anlässlich der Verteilung der Eltern-Kochdienste. Da kann man schon mal würgen, wenn sehr gut verdienende Ehemänner ihre eigene Frau als alleinerziehend bezeichnen.

„Ich bin jetzt mal für 4 Tage alleinerziehend“ kokettieren Väter, die für ein paar Tage die Abwesenheit der Partnerin zu bewältigen haben.

Was ist da los? Warum bezeichnen sich Menschen, die in Beziehung leben, als alleinerziehend? Ist das jetzt ein mehr oder weniger schickes Label, das man sich aufpappt, ist das am Ende hip, alleinerziehend zu sein? Ich hab mal rumgefragt im weltweiten Netz, weil ich es verstehen wollte, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Menschen die das sagen, fühlen sich eben allein mit der Erziehung ihrer Kinder. Auch der Porschefahrer ist voller Empathie und (hoffentlich) Bewunderung und Liebe für seine Frau, die er mit den Kindern alleine lässt.

Da sind Menschen tagtäglich alleine mit der Erziehung ihrer Kinder, benutzen unreflektiert das falsche Wort und kriegen die komplette Empörung  der „echten“ Alleinerziehenden ab.

„Echte“ Alleinerziehende? Was ist das jetzt?

Dazu musste ich interessante Erfahrungen machen, zu diesem „echten alleinerziehend“. Denn statt sich gegenseitig zu unterstützen, verfallen Menschen, die sich alleine um Kinder kümmern, leider allzu oft in eine Art Wettbewerb, wer am alleinerziehendsten ist. Ich bin das schon mal nicht, das kann ich gleich verraten. Als ich den Text „48 Stunden Alleinerziehend“ veröffentlicht habe, wurde ich gleich angegriffen: Echte Alleinerziehende können sich keine Haustiere leisten! Krass, die Haustierhaltung als Kriterium des alleinerziehens? Zudem zahlt der Vater meiner Kinder Unterhalt: eine weiteres k.o.-Kriterium, denn es gibt viele, die es nicht so gut haben. Und der Vater kümmert sich alle 14 Tage so gut um die Kinder, dass ich in dieser Zeit wirklich mal abschalten kann. Außerdem habe ich einen Job, der meine kleine Familie gut ernährt und ich kann mir eine private Altersvorsorge leisten: ich bin eindeutig zu privilegiert für eine Alleinerziehende! Klingt komisch, ist aber so, ist mir in zahlreichen Kommentaren so begegnet. (So heftig übrigens, dass mir kurzfristig die Lust vergangen ist, mich jemals wieder für Alleinerziehende zu engagieren.)

Es gibt also „zu privilegierte“ Alleinerziehende. Dann es gibt es neu verpartnerte Alleinerziehende. Es gibt Familien mit Wechselmodell (da wechseln die Kinder 50/50 ihren Wohnsitz), es gibt Familien mit Nestmodell (Kinder wohnen in der Familienwohnung, Eltern fliegen ein und aus), es gibt so irre Typen wie Jochen König, der alles Dagewesene auf den Kopf stellt und mit seiner Familienbezeichnung „2 Kinder von 3 Müttern“ für Verwunderungen sorgt: ist der alleinerziehend?

Es gibt zwischen „Paar mit Kindern“ und „Alleine mit Kindern“ so dermaßen viele Grauzonen, Zustände und Familienkonstellationen, dass es inzwischen fast unmöglich erscheint, „Alleinerziehend“ trennscharf zu definieren.

Dabei bleibt es dann doch relativ einfach: Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Sagt Wikipedia.

Von Haustieren steht da nix, auch nix von wirtschaftlichen Verhältnissen, dem Fließen von Unterhalt oder der Berufstätigkeit. Von Abwechseln übrigens auch nicht, demnach wären die Wechselmodell-Eltern zwar zwischenzeitlich allein, aber nicht alleinerziehend. Nennt sich ja auch getrennt erziehend, nicht allein erziehend. Ob das zutreffend ist, sei mal dahin gestellt. Und so ganz allein erzieht natürlich kein Mensch seine Kinder. Da sind noch Lehrer und Erzieher, Nachbarn und Freunde, Verwandte und Busfahrer, Judolehrer und Bäckereiverkäufer, sie alle üben Einfluss auf unsere Kinder aus. Aber sie tragen nicht ansatzweise die Verantwortung, die die Eltern tragen. Oder eben nur ein Elter.

Wikipedia-like alleinerziehend zu sein, also ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person, ist übrigens sehr sehr anstrengend. Denn das heißt ja nicht nur, alleine Frühstück Mittagessen Abendessen zu machen, alleine Kita-/Schulprobleme zu bewältigen, alleine jeden Wut-/Trotz-/Pubertätsanfall auszugleichen, alleine putzen waschen einkaufen und für Bewegung an der frischen Luft zu sorgen. Das heißt auch, alleine die Familie finanziell abzusichern, alleine fürs Alter vorzusorgen, alleine die Existenzängste auszuhalten, wenn Kinder oder Mutter krank werden, weil das den Jobverlust nach sich ziehen kann. Denn auch wenn ich einen guten Job habe: ich muss die Krankentage von drei Leuten wegorganisieren und ich muss 12 Wochen Schulferien mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Das ist nicht trivial, und soviel Geld, um das alles outzusorcen, habe ich bei weitem nicht. Abgesehen davon WILL ich mich ja um meine Kinder kümmern, wenn sie krank sind, und ich will sie auch nicht die ganzen Schulferien vor der Glotze parken.

Da hilft übrigens auch keine Mutter-Kind-Kur und kein Mandala-Malen, denn das ist massiver psychischer und finanzieller Druck, der jahrelang auf Alleinerziehenden lastet, zusätzlich zu dem täglichen Jonglieren mit 2-4 Terminkollisionen und 1000 Dingen, an die man gleichzeitig denken muss, weil da einfach niemand ist, mit dem man sich besprechen und abwechseln kann. Und by the way zusätzlich zu den Diskussionen über kinderrelevante Themen mit einem Menschen, den man nicht nur nicht mehr liebt, sondern den man ev. auch überhaupt nicht mehr mag oder mit dem es sogar gerichtliche Auseinandersetzungen gibt (und dann sind wir noch lange nicht beim Thema familiärer Gewalt). Von alledem ist die Frau des Porschefahrers relativ weit entfernt. Und auch der Vater, der mal 4 Tage allein mit den Kids ist. Und auch die Freundin, deren Mann beruflich so viel unterwegs ist.

Aber trotzdem fühlen auch diese Menschen sich allein. Allein gelassen, allein in ihrer Beziehung, allein mit dem Alltag und mit den Kindern. Und das muss man ernst nehmen, denn das ist wirklich traurig! Und noch beschissener ist es, wenn sich ein Mensch, der in einer Beziehung lebt, nicht mal mehr traut zu sagen, dass er sich entsetzlich allein und überfordert fühlt, aus lauter Angst, den Alleinerziehenden (denen es ja per se viel beschissener geht) damit zu nahe zu treten. Oder wenn ein allein gelassener Mensch, der sich darüber beklagt, zu hören bekommt: Quatsch, Du bist gar nicht allein! Du hast doch jemanden, ich bin viel alleiner, mir geht’s viel dreckiger, weißt Du überhaupt, was Du für Privilegien hast?!

Das ist wahrlich kein schönes Argument, dieses „mir geht’s aber viel schlechter!“. Wenn ich mich allein fühle in meiner eigenen Familie, nutzt mir die Information nichts, dass nach dieser oder jener Studie soundsoviel Prozent der Alleinerziehenden nicht nur allein, sondern sogar von Altersarmut bedroht sind. Das ist schlimm, aber da hat der allein gelassene Mensch in dem Moment nichts von.

Das einzige, was diesem allein gelassenen Menschen hilft, ist genau das, was Alleinerziehende permanent (und zu recht!) für sich einfordern: Respekt, Empathie, Anerkennung. Gesehen zu werden. Ernst genommen werden. Denn auch ein Mensch mit Partner kann sich NATÜRLICH alleine fühlen. Und nur wenn ich als Alleinerziehende das sehe, ihre Leistung würdige und ihrem Alleinsein mit Empathie begegne, kann ich das auch für mich einfordern.

Und deshalb ist es eigentlich scheißegal, ob ich alleinerziehend bin oder nicht. Wir sollten uns fragen, warum sich so viele Menschen in ihrer eigenen Familie, gleich welche Konstellation, so allein und überfordert fühlen. Warum es so verteilt ist, dass permanent einer unter der Last zusammen bricht. Familien brauchen innerhalb ihres Systems eine bessere Verteilung der Sorge um Kinder, Geld, Arbeit und Haushalt. Und von außerhalb braucht es viel mehr Unterstützung für Familien und und es braucht Strukturen, die eine paritätische Aufteilung der Familienarbeit ermöglichen und aktiv unterstützen. Damit meine ich nicht den ermäßigten Eintritt meines Kindes ins Planetarium oder einen Monat Väterzeit fürs Baby, sondern damit meine ich eine bedingungslose Grundsicherung für alle Familien, damit Eltern und Kinder mehr Zeit füreinander haben, ohne finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde zu gehen.

Ich möchte einfach weg von diesem „Wettbewerb“, wer sich als alleinerziehend bezeichnen darf und wer nicht. Du nennst Dich alleinerziehend, weil Dein Mann Vollzeit arbeitet? So allein gelassen fühlst Du Dich? Was würde Dir helfen, was kann ich für Dich tun?

Anna Karenina

Quasi alleinerziehend

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend