Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

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Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Geht’s noch? Handy aus! Ein Rant.

 

Machen Sie bitte den Ton aus? (Es interessiert mich nicht, was Du da hörst und es nervt unglaublich.)

Kann man auch mal 5 Minuten auf den Bus warten, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man Bus fahren, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man auf das Essen im Restaurant warten, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man an einem Lagerfeuer sitzen, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man unter einem Schild „Handy bitte nicht benutzen“ sitzen, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Wir unterhalten uns gerade, kannst Du bitte während dessen nicht in Dein Handy glotzen?

Ach nee, Du bist vor eine Wand gelaufen, weil Du in Dein Handy geglotzt hast?

Ich glotze wirklich selber gerne und oft in mein Handy. Ich lese meine Timeline auf Twitter & Facebook, ich gucke wann der Bus kommt, wie das Wetter wird, bestelle ein Buch, checke Mails, buche ein car2go, ordere einen Babysitter, verkaufe einen Motorradhelm oder schicke meiner Schwester ein Foto. Meine Kinder machen das alles nicht, die machen andere Sachen mit dem Teil: der Sohn spielt Clash Royale oder Subway Surfers, die Tochter guckt auf youtube nach neuen Outfits und tauscht mit der Freundin snapchat-Gedöns aus. Beide chatten auf whatsapp mit dem Papa oder Freunden und manchmal, gaaaanz manchmal, telefonieren sie mit ihrem Handy. Ich lasse das zu, gucke mir an was sie da machen, lade ihnen bereitwillig neue Apps runter, unterhalte mich ausgiebig über Bibis neues Duschgel und den neuen Rennwagen auf Asphalt8. Ich nehme Teil an dem, was meine Kinder da tun. Ich erkläre warum man nicht auf links in whatsapps klickt , warum man den Eltern Bescheid sagt wenn andere Kinder Pornobilder schicken (ja sie lesen richtig) und versuche, ihnen größtmögliche Medienkompetenz zu vermitteln.

Und es gibt natürlich auch Regeln. Grässliche Regeln, wie sie nur Eltern erfinden können: 1 Stunde Medienzeit pro Tag. Die ich IMMER kontrollieren muss, denn von selber geht da gar nix. Und es gibt Regeln des menschlichen Zusammenlebens: kein Handy am Tisch, kein Handy beim Fernseh gucken, kein Handy beim Rumlaufen oder auf dem Klo (igitt). Und wenn wir uns unterhalten, bitte gerne Augenkontakt, danke. Darüber hinaus sind in unserer kleinen Familie hoffentlich noch alle in der Lage, einige Minuten des Wartens zu überleben. Oder Bus zu fahren. Oder Kopfhörer zu benutzen. Oder sich an Regeln zu halten, die auf Schildern stehen.

Wenn in der Pommesbude eine 4jährige beim 180skündigen Warten auf die Pommes vor ein Filmchen auf dem Handy gesetzt wird. Wenn im Bus zwei 10jährige sofort anfangen zu daddeln, um nach zwei Stationen auszusteigen. Wenn Frauen in einer Mutter-Kind-Klinik während des Abendessens unter dem Schild des Verbotes sitzen und am Smartphone rumklicken. Wenn Teenies sich in der Eisdiele ohne Kopfhörer Musikvideos angucken. Wenn Väter die eigenen Kinder umrennen, weil sie den Blick nicht vom Gerät lösen können. Geht’s noch?

Ich bin echt nicht medienfeindlich, aber beim Gebrauch digitaler Geräte hab ich manchmal das Gefühl, dass sämtliche Regeln des menschlichen und ansatzweise höflichen Miteinanders völlig außer Kraft gesetzt werden. Und wenn man vorsichtig und freundlich drauf anspricht, wird man angemotzt. Da guckt überhaupt niemand schuldbewusst, sondern ich werde auch noch angeblafft „stört Dich datt etwa?“.

Ja, es stört mich. Warum bloß? Vielleicht weil ich nicht gerne wie eine Straßenlaterne behandelt werde. Vielleicht weil ich sehe, wie erhitzt und manchmal sogar wutentbrannt mein Sohn nach einem Clash Royale-Kampf ist. Vielleicht weil ich sehe, wie unzufrieden meine Tochter nach einem Nachmittag am Handy ist (weil ich nicht da war, um die Medienzeit zu kontrollieren). Vielleicht weil ich gerne in Ruhe zu Abend esse. Vielleicht weil ich finde, dass Kinder und Erwachsene das Nichtstun ertragen können müssen, wie wollen sie sonst jemals zu Kreativität und Inspiration kommen? Oder einfach nur zu Kommunikation? (Früher hat man an Bushaltestellen noch miteinander geredet, jaja früher…).

Vielleicht weil es mich wütend und müde macht, dass ein Großteil meiner Erziehungsleistung inzwischen darin besteht, Mediengebrauch zu reglementieren. Ich komme mir vor wie eine Oma, die wild mit dem Krückstock rumfuchtelt und „Teufelszeug!“ ruft. Aber es ist halt so, dass der digitale Krempel einen unfassbaren Sog auf die Kinder ausübt, der ihnen ganz offensichtlich nicht gut tut. Wenn das Smartphone nicht greifbar ist, dann malen sie, lesen sie, räumen ihr Zimmer um, schmusen mit der Katze, kommen miteinander ins Spiel und ins Gespräch. Sie tun vor allem verschiedene Dinge, und ihr Gehirn erlebt einen Output. Wenn sie digital beschäftigt sind, tun sie diese eine Sache, sie haben nur Input, und sie hören niemals von selber auf.

Und es scheint niemanden zu stören, denn kaum verlassen wir das Haus, sitzt eine 5jährige mit Smartphone an der Bushaltestelle, plärrt das Handy eines Teenies in der U-Bahn, verpennt der Typ vor uns an der Kasse das Bezahlen, weil er ins Handy vertieft ist und stellen die Familien am Nebentisch im Restaurant ihre Kinder mit smartphones ruhig, statt sich mit ihnen zu unterhalten.

Geht’s noch?

Geht’s noch? Handy aus! Ein Rant.

Immer auf standby. Von wegen alleine und frei.

Alleine entscheiden, wo das Sofa steht, welche Farbe die Wand hat, was wir heute Abend essen, was wir am Wochenende machen. Wohin wir in Urlaub fahren, wie lange die Kinder in den Computer gucken und ob sie schon im Festival-Alter sind. Wenn ich abends raus gehen will, bestelle ich einen Babysitter, der pünktlich kommt und weg bin ich. Wenn wir zu Abend essen, decke ich für drei Leute. Nicht für vier, von denen einer nicht oder sehr spät kommt, und ich muss nicht mehr sagen „ich weiß nicht, wann der Papa kommt“, sondern ich sage „Der Papa ist nicht da, den seht ihr am Wochenende“. Das ist zwar erst mal doof, aber letztlich verbindlicher für die Kinder als dieses ewige „Papa kommt heute später erst wenn Ihr schlaft nicht“.

Diese neue Wohnung ist unsere Wohnung, von uns drei. Nicht vier, von denen einer oft fehlt. Sehr oft, zu oft. Hier gibt es auch kein Arbeitszimmer, wo manchmal einer sitzt und auf 2-3 Bildschirme guckt. Einer, dessen Hinterkopf vor diesen Bildschirmen ich schon fast besser kenne als die Vorderseite. Hier in unserer Wohnung ist überall Platz für die Kinder und mich, überall kleben Piraten und Pferde, hängen Kinderzeichnungen und Monster. Steht ein Schlagzeug aus Küchentöpfen tagelang im Flur, wird eine Höhle gebaut, durch die ich in mein Bett kriechen muss. Hier schlafen wir alle in einem Bett oder jeder in seinem, wie wir gerade Lust haben.

Das war vor sieben Jahren. Ich hatte mich getrennt, ich war allein, ich war frei.

Naja, ganz alleine natürlich nicht, da sind ja noch zwei Kinder. Und ganz frei nun auch nicht: Ich bin in Stuttgart geblieben, obwohl ich nur des Mannes wegen dorthin gezogen bin. Nach der zerbrochenen Liebe zum Mann hat sich die Liebe zu dieser Stadt bis heute nicht wirklich eingestellt. Meine rheinische Kontaktfreudigkeit stößt eher auf Verwunderung als auf Gegenliebe, und so kenne ich zwar sehr viele Menschen, aber die Tage, an denen spontan jemand anruft oder gar mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, sind selten, bzw. kommen gar nicht vor. Warum bin ich dann geblieben?

Die Kinder, zum Zeitpunkt der Trennung 4 und 5 Jahre alt, sind in einer großartigen Eltern-Kind-Initiative mit familiären Strukturen ganztags untergebracht. Sie kennen alle Familien und alle Kinder, auch die in den anderen Gruppen, und sie werden bis zum 10. Lebensjahr dort einen sicheren Platz mit Bio-gekochtem Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, viel Förderung, Spiel und frischer Luft haben. Aus diesem Umfeld will ich sie zusätzlich zur Trennung nicht auch noch rausholen. Meine 50%-Stelle an einer Hochschule ist ok und vielleicht tut sich beruflich bald noch was ganz neues auf. Und dann doch letztlich der inzwischen Ex-Mann: er ist der Vater der Kinder und die Kinder lieben ihn über alles. Nur weil ich mit ihm nicht mehr zusammen leben kann, will ich den Kindern den Vater nicht nehmen (und umgekehrt), also bleibe ich erst mal in Stuttgart, damit die Kinder die Nähe zum Papa noch haben. Abgesehen davon wäre mir zusätzlich zur Trennung ein Ortswechsel mit neuer Kita, neuem Job und neuer Stadt auch echt zu viel geworden, selbst wenn es in die Heimat zurück geht.

Aus dem „erst mal in Stuttgart bleiben“ sind dann sieben Jahre geworden, ein Ende ist nicht in Sicht. Ich hab den richtigen Zeitpunkt zum Umzug verpasst: die Tochter kam in die Schule, der Sohn kam in die Schule, die Tochter wechselt auf die Weiterführende und der Sohn dann diesen Sommer auch. Die Kinder habe feste Freundschaften, eine stabile und glückliche Beziehung zum Vater und bewegen sich im Stadtteil wie ein Fisch im Wasser. Ich habe kurz nach der Trennung die volle Stelle als Chefin eines Kulturzentrums bekommen und bin nun, nach sechs Jahren, dort so gut gesattelt, dass ich verrückt sein müsste, das aufzugeben.

Ich habe immer noch Heimweh nach dem Rheinland, aber ich habe nicht die Freiheit, umzuziehen. Das ginge nur auf Kosten der Kinder, und der Preis ist mir zu hoch.

Ich bin immer noch allein, aber ich bin nicht frei.

Die Freiheit, über ein neues Sofa, über die Kindererziehung und das Abendessen zu entscheiden habe ich immer noch. Und mit größer werdenden Kindern haben sich etliche weitere Freiheiten eingestellt: Die Kinder sind in der Schule und ich auf der Arbeit. Die Kinder sind bei Freunden und ich beim Einkauf. Die Kinder sind manchmal beim Vater und ich allein zu Hause. Die Kinder machen alle Wege alleine, übernachten bei Freunden, fahren alleine in Urlaub und brauchen abends keinen Babysitter mehr. Ich kann ein paar Tage nach Berlin fahren oder auf eine Fortbildung, mit ein bisschen Organisationsgefummel geht das. Sieht nach Freiheit für die Mutter aus, ist es aber nicht.

Denn was bleibt, ist die Verantwortung.

Und zwar nicht für das allernächste, für das Abendessen oder die sauberen Ohren. Sondern für die Kindheit, die Gesundheit, das Wachsen, die Zukunft meiner Kinder. Und die trage ich allein.

Die Entscheidung über den Schulwechsel, der Mailwechsel mit dem nervenden Klassenlehrer, die Sorge bei unerwarteten Anrufen. Die verplanten Wochenenden mit doppelten Terminen, aber ohne doppelten Boden. Da sind immer so 2-10 Sachen, die in meinem Kopf rumtanzen und mehr oder weniger Aufmerksamkeit von mir fordern. Wenn ich arbeite, denke ich daran, dass ich auf dem Rückweg noch Salat kaufen und die Schuhe beim Schuster abholen muss. Während ich in der Teamsitzung über Konzepte diskutiere, weiß ich dass seit 14 Uhr die Tochter allein zu Hause ist und mich sicher bald anrufen wird. Natürlich kann ich der Tochter sagen, dass sie den Salat kaufen und die Schuhe beim Schuster abholen soll, und dass sie das tut ist eine Erleichterung. Aber dran denken, dass das getan werden muss, das muss ich. Und ich bin die einzige, die an etwas denkt, und das tue ich die ganze Zeit. Während ich mit Kooperationspartnern neue Projekte abstimme, läuft der Parallelfilm in meinem Kopf: 16 Uhr fährt der Sohn mit dem Bus zum Sport (hat er sein 4erTicket?), 17 Uhr Sport aus, umziehen, Quatsch machen, zurück fahren. Ach Mist, der Freund ist krank, alleine will er nicht zum Sport, ruft an, kurze Diskussion (bleibe ich stur? Erlaube ich das blau machen? Moment ich komm gleich in die Besprechung zurück), er bleibt im Hort und geht um 17 Uhr nach Hause. Auch wenn ich meine Kinder oft von 7-17 Uhr nicht sehe, sind sie präsent in meinem Kopf, besonders intensiv ab Schulschluss. Umso besorgniserregender ist ein Anruf vor Schulschluss, denn dann kann eigentlich nur was passiert sein. Deshalb hat mein Handy immer 100% Akku und ich habe es immer, in jeder Besprechung, mit dabei. Ein Anruf vom Notarzt und dann mit 5% Ladung im Krankenhaus erfahren, dass man nun 48 Stunden mit Kind2 dort bleiben soll und Kind1 bei Freunden unterbringen muss, haben mir als Erfahrung gereicht.

Vollzeit arbeiten mit Ganztagsbetreuung bei Kind2 und Halbtagsbetreuung bei Kind1 ist alles andere als Freiheit. Schonmal gar nicht, wenn man das alles alleine macht.

Natürlich macht der Vater ab und zu Ferien mit den Kindern. Dann hab ich doch meine Freiheit? Nein, denn dran denken, dass er es macht, muss ich. Diese ganzen völlig irrsinnigen 3 Monate Schulferien muss ich alleine disponieren: wann sind die Kinder allein zu Hause, wann mache ich mit ihnen Ferien, wann der Vater, wann arbeite ich und wo könnten sie noch hin in den Ferien? Absprachen mit Freunden und Familien, Sportvereinen und Ponyhof. Da ja spätestens alle 8-10 Wochen Ferien sind, hält alleine diese Planung mich ganzjährig auf Trab. Neben der Frage, wie das alles überhaupt zu finanzieren ist. Alleine Urlaub machen, wenn die Kinder mit dem Vater unterwegs sind? Kann ich mir nicht leisten, denn unser Urlaubsgeld reicht für einen Urlaub zu dritt pro Jahr. Außerdem nutze ich die kinderfreien Wochen, um so viel zu arbeiten wie möglich, weil das mir und den Kindern Fremdbetreuung erspart.

Freiheit, alleine über den Urlaub zu bestimmen? Pustekuchen!

Dann gibt es die Zeiten, die ich mit den Kindern zusammen bin und irgendwie doch nicht. Denn sie sind inzwischen groß genug, ihr eigenes Ding zu machen, aber noch klein genug, dass es doch in gewissem Maße meine Anwesenheit erfordert. Zum Beispiel das beliebte Schwimmen gehen mit Kindern. Als Bademeisterin am Rande meinen Kindern bei ihrer Kindheit zuzuschauen, das ist meine Königsdisziplin. Sie toben rum, sie rutschen, sie schwimmen, sie lachen und sind vollkommen glücklich. Und ich schaue ihnen zu, denn Rutschen, Springen, Toben im Wasser kann ich ungefähr 10 Minuten lang, dann reicht es mir. Das ist auch völlig ok so, denn die Kinder können das drei Stunden lang ohne mich, sie sind ja zu zweit. Ich kann mir natürlich ein Buch mitnehmen, eine Zeitung, mein Smartphone, Häkelzeug. Aber ich bin immer mit einem halben Auge bei den Kindern. Die kommen zwischendurch angerannt und haben Hunger, haben Durst, haben sich gestritten oder wollen wissen wie lange wir noch bleiben. Dies und der Geräuschpegel im Schwimmbad sorgen dafür, dass diese drei Stunden keine echte Qualitätszeit für mich sind. Es sind drei Stunden, die für meine Kinder das absolute Glück sind, die ich als Erwachsene aber mit scheinbarer Entspannung im Bereitschafts-Modus verbringe.

Diese drei Schwimmbadstunden sind ein guter Spiegel für den Level an Aufmerksamkeit, den meine Kinder zur Zeit von mir brauchen: „Wir brauchen Dich nicht immer und in jeder Sekunde für unser Glück, aber es ist gut zu wissen wo Du bist, falls wir Dich brauchen“. Und das ist ja auch gut so, das ist mein Job als Mutter. Aber es gibt eben keine Pause, nie.

Stand-by nennt man das.

Ich bin ständig auf stand-by, was auch bedeutet, dass ich nur selten meine ganze Aufmerksamkeit auf meine Dinge lenken kann. Zum Beispiel in Ruhe einen Text wie diesen hier schreiben. Den habe ich seit gestern nämlich schon 3x angefangen und immer ist irgendwas. Natürlich kann ich sagen „jetzt nicht, ich möchte mich gerade konzentrieren“. Eben aber stand ein bis auf die Unterwäsche pitschnasses Kind vor mir, das meinte sich nicht umziehen zu müssen. Da leg ich selbstredend den Laptop zur Seite, sorge für trockene Klamotten und heißen Tee, frage wie es im Wald war und ob die Erzieher echt nicht wussten, dass Sturm angesagt ist?

Irgendwann sind alle versorgt und ich kann weiter schreiben. Im standby-Modus, bis der nächste hier angeflitzt kommt.

Am Wochenende hat der Sohn oft Besuch von Freunden, sie toben auf der Schaukel im Garten während die Tochter am Telefon mit der Freundin am anderen Ende hängt. Jetzt könnte ich mich an den Laptop setzen und einen Text schreiben. Oder ein Buch lesen. Oder mich entspannen. ZACK fliegt die Tür auf ICH GEH NUR KURZ AUFS KLO zack fliegt die Tür zu. Die Tochter schießt aus dem Zimmer HAST DU SIE NOCH ALLE HIER SO EINEN KRACH ZU MACHEN? Zwar hat sie recht, aber zurück brüllen ist genauso beknackt. Ich schlichte, die Gemüter beruhigen sich. Die Meute will ein Eis, die Meute darf und holt sich ein Eis, lässt die Tür vom Gefrierschrank leider offen stehen, ich putze die Küche. Natürlich ist das bei Familien mit zwei Elternteilen genauso, aber die können sich abwechseln, ich nicht. Irgendwann geht der Freund nach Hause und der Sohn will am Handy spielen. Ich gucke auf die Uhr und die Zeit läuft: eine Stunde Medienzeit ist erlaubt. Allerdings ist Knaller-Wetter „komm wir machen eine Radtour zusammen, ans Handy kannst Du wenn es dunkel ist“. Diskussionen, hin, her, Kompromisse, Radtour, Medienzeit. Während der Nachmittag so über uns hinwegrollt sorgen die Kinder dafür, dass meine Aufmerksamkeitsspanne für mich selber bei ca. 3 Minuten liegt. Selbst wenn ich kurz Zeit für mich habe, läuft wie immer der Parallelfilm im Kopf „Was essen wir heute Abend? Muss ich noch einkaufen? Haben die ihre Hausaufgaben gemacht? …“

Meine Kinder sind keine Fremden, aber ich lebe komplett fremdbestimmt, oder eben korrekter: kindbestimmt. Obwohl ich seit 10 Jahren nicht mehr stille, sind mein Tagesablauf und meine Konzentration nach wie vor von den Kindern abhängig, bzw. an den Kindern orientiert. Ich bin die einzige, die sich darüber Gedanken macht, ob hier irgendjemand heute an der frischen Luft war, was Gesundes gegessen hat, dass wir gemeinsam was machen und wenn ja: was? Ob wir noch einen Film gucken und wenn ja: wann und welchen? Und wann kommen die Kids dann ins Bett und wann müssen die morgen aufstehen, wird das ein anstrengender Tag?

Ich bin der sichere Hafen für die Kinder, ich halte hier die Stellung, wie Christine Finke schreibt. Die Kinder wissen wo ich bin, wann es was zu essen gibt, dass ich sie sicher ins Bett bringe und zur richtigen Zeit wieder raushole. Darauf können sie sich verlassen und das ist auch verdammt wichtig und gut so. Aber es ist ein irrsinniger Kraftakt, das alleine zu leisten, jeden Tag.

Mit ihren 10 und 12 Jahren überblicken die Kinder erst ganz langsam die Komplexität unseres kleinen Familienalltages. Denn es gilt ja nicht nur, die eigenen Termine und Bedürfnisse im Kopf zu haben, sondern auch die der anderen und das alles irgendwie zusammen zu kriegen.

Ich bin nicht frei, ich bin immer auf stand by. Selbst wenn die Kinder zwei Wochen beim Vater sind. Dann entfällt zwar das Alltägliche und das ist eine riesengroße Erleichterung, aber Gesamtverantwortung bleibt. Auch nach den Ferien müssen die Kinder wieder in die Schule, und zwar mit sauberem Schulranzen, gefüllter Vesperdose & Trinkflasche und natürlich einem ganz bestimmten Bleistift (ein Halleluja auf die Listen der Klassenlehrer!).

Selbst wenn ich schlafe, bin ich auf stand by. Unsere Türen sind nachts offen und ich höre die Kinder im Schlaf husten. Dass sie mich nachts rufen, ist zwar selten, aber manchmal steht einfach ein Kind vor meinem Bett, dass vielleicht nichts weiter „hat“ als ein Kuschelbedürfnis. Der Gedanke, dass die Kinder mich dann wach brüllen müssten, schreckt mich ab. Deshalb nehme ich auch nicht die Schlaftabletten, die meine Ärztin mir verschrieben hat wegen meiner Schlafprobleme. Die Angst ist zu groß, dass ein Kind mich ruft oder kotzt oder weint und ich es nicht höre. Das wäre wohl anders, wenn hier noch jemand wäre, aber ich bin eben die einzige, da befördere ich mich ganz sicher nicht mit Medikamenten in die Bewusstseinstrübung. Also schlafe ich wie eine Katze: immer auf stand by.

Das Leben alleine mit Kindern gibt mir vielleicht ein paar Freiheiten, die ich in einer Beziehung nicht hätte. Und genau deshalb sitzen wir auf potthässlichen, aber herrlich bequemen Ledersofas vom Sperrmüll. Aber ich habe die gesamte Verantwortung für die Kinder, und auch mit großen Kindern bedeutet das, immer im auf standby zu sein. Immer.

ZACK fliegt die Tür auf und der Sohn kommt laut singend rein:

Bye bye, ich fühl mich so frei

Ich will nicht mehr heim

Und mir is scheißegal, was morgen kommt

Immer auf standby. Von wegen alleine und frei.

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Muttertagswunsch 2017

Am 14. Mai ist Muttertag. Seit Wochen ist das Mail- und Spam-Postfach voll mit Basteltipps und Wellness-Angeboten, in den Supermärkten locken Pralinendisplays und die Blumenläden laufen langsam zur Hochform auf. Die Kinder werden in den Kitas, Schulen und Horten zum Basteln niedlicher Dankes- und Liebeskärtchen für die Mama animiert. Und überall Bilder von glücklichen Müttern im Kreise der Familie, umringt von glücklichen Kindern und liebenden Gatten.

Am 25. Mai ist Vatertag. Da ziehen die Männer mit Bollerwagen und einer Kiste Bier im Kreise ihrer Lieben durch die Gegend: mit ihren Kumpels. Zum Vatertag wird nicht gebastelt und geschenkt, wird nicht gedankt und entspannt, es wird gesoffen.

So wie Muttertag und der Vatertag aktuell „gefeiert“ werden, zementieren sie die Geschlechterklischees, dass es einem schlecht werden könnte: Die Mütter werden auf die Familie und ihre Arbeit im Haushalt reduziert, die Väter auf Sauftouren unter Männern. Familie in Deutschland 2017, herzlichen Glückwunsch!

Einzig die Erzeugnisse der Kinder rühren mich. Auch wenn ich weiß, dass noch 23 andere Kinder das identische Gedicht von der Tafel abgeschrieben haben, in dem ich als sorgende und fleißige Mutter geehrt werde, so freue ich mich darüber, dass mein Kind mir etwas schenkt.

Wir brauchen dringend modernere Familienbilder, und wenn wir schon dabei sind: wir brauchen dringend familienfreundlichere Strukturen in Deutschland. Das war bereits letztes Jahr der Anstoß, den Muttertag mal anders anzupacken: inspiriert von diversen Muttertagswünschen in den sozialen Medien hatte ich überlegt, was ich mir als Mutter wirklich wünsche, und das sind nicht Blumen, Wellness und Frühstück ans Bett, sondern eine gerechte Steuerklasse als Alleinerziehende, vernünftige und bezahlbare Kinderbetreuung auch für Kinder bis 14 Jahren und finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung meiner Erziehungsleistung. Um nur einige zu nennen.

Da ich wusste, dass ich mit diesen Wünschen ganz sicher nicht alleine bin, hatte ich mir Mitstreiterinnen gesucht und zusammen mit Christine Finke von mama-arbeitet und dem Interviewprojekt family unplugged die Aktion #muttertagswunsch ins Leben gerufen: eine Woche vor dem Muttertag haben wir gemeinsam alle Mütter und Väter dazu aufgerufen, ihre Wünsche an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu posten. Innerhalb von Stunden haben Hunderte von Menschen mitgemacht und Twitter geflutet. Über hundert Blogtexte sind erschienen, die Medien haben bundesweit berichtet und wir sind über RTLaktuell bis hin in die Tagesthemen damit gekommen. Wahnsinn!

Zum Schluss haben wir die vielen vielen Muttertagswünsche zusammengefasst und auf sechs Kernforderungen konzentriert. Diese haben wir unserer Familienministerin Manuela Schwesig geschickt, die uns dann tatsächlich nach Berlin ins Ministerium eingeladen hat. Dort wurden wir mit unseren Forderungen angehört, ernst genommen und wir haben über zwei Stunden lang lebhaft diskutiert. Natürlich wurde nicht am nächsten Tag das Sozialversicherungssystem in Deutschland komplett umgebaut, aber in kleinen Schritten tut sich etwas, das haben wir deutlich gespürt.

Deshalb rufen wir, Christine Finke, family unplugged und ich, dieses Jahr mit FrauTV und Sonja Lehnert von Mama-notes an unserer Seite auch in diesem Jahr wieder alle Mütter und Väter dazu auf: postet und tweetet Euren #muttertagswunsch und #vatertagswunsch!

Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt noch viel zu tun, und deshalb müssen wir jedes Jahr lauter werden! Kinder sind keine Privatsache, und Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir retten jeden Tag die Welt, weil wir unseren Kindern schon beim Frühstück Demokratie erklären, beim Mittagessen gerechte Verteilung vorleben und beim Abendessen einen respektvollen und gewaltfreien Umgang miteinander üben. Familien sind keine Randgruppe, wir sind verdammt viele: egal ob allein- oder zusammen-Erziehende, Patchwork jeglicher Konstellation, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- oder Pflege-Eltern: Familie ist da, wo mindestens ein Kind und ein Erwachsener ist. Und Familien brauchen mehr als Pralinen, Blumen und Sauftouren.

Mit unserem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wollen wir nicht nur protestieren und anklagen (aber auch!), sondern deutlich sagen, was verändert werden muss, was abgeschafft gehört und was dringend eingeführt werden sollte, um Familienleben in Deutschland lebenswert zu machen. Für alle!

Wir werden alle Tweets unter dem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wieder zusammenfassen und auch dieses Jahr wieder unserer Familienministerin überreichen.

 

P.S. Einschalten: der #muttertagswunsch ist am Donnerstag, 11. Mai um 22.10 Uhr bei FrauTV im WDR (und danach in der Mediathek)

Muttertagswunsch 2017

Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

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Drei Wochen all inclusive, mit Massagen, Sportprogramm, Kinderbetreuung, Freizeitangeboten, ärztlicher Versorgung und psychologischer Unterstützung für 220 Euro. Wer berufstätig ist, bekommt diese 3 Wochen sogar zusätzlich zum Jahresurlaub, denn sie gelten als Krankschreibung. Der Hammer!

Man glaubt es kaum, aber das bieten die deutschen Krankenkassen, und es nennt sich Mutter-Kind-Kur. Wird bewilligt, wenn Frau entsprechende Atteste vom Arzt vorlegt und sich durch die Formulare der Krankenkasse arbeitet. Aber den Aufwand macht man doch gerne für DIE Leistung, oder?

Und wer kriegt so eine Kur?

Mütter, die fix und fertig sind. Fix und fertig von Alltag, Job, Haushalt, Kinder. Manche Frauen bringen noch eigene körperliche Symptome mit, aber bei den meisten liegen tiefgreifende chronische Erschöpfung, Anpassungsstörungen, Burn out, Schlafstörungen, Belastungsstörungen etc. vor. Das Müttergenesungswerk hat die Kuren erfunden, um die Frauen aus dem Hamsterrad des Alltags heraus zu holen, Symptome zu lindern und hilfreiche Angebote zu machen, die die Frauen darin unterstützen sollen, künftig mit ihren Belastungen besser klar zu kommen.

Man könnte auch sagen: die Kuren flicken die Mütter soweit zusammen, dass sie wieder 2-4 Jahre funktionieren. Denn alle 4 Jahre gibt es so eine Kur, viele Krankenkassen gewähren bei „außergewöhnlichen“ oder „neu hinzugekommenen“ Belastungen auch alle 2 Jahre eine Kur.

Und warum sind die Mütter so im Arsch?

Das hat strukturelle, gesellschaftliche und politische Gründe. An denen wird aber nicht so gerne was geändert. Man könnte die Betreuungssituation verbessern, man könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern, man könnte das Steuerrecht für unverheiratete Paare und Alleinerziehende gerechter gestalten, man könnte präventiv Haushaltshilfen verordnen, man könnte bessere Netzwerke für Familien spannen, man könnte bezahlbaren Wohnraum für Familien schaffen, man könnte Familienzeit einführen, man könnte Unterhaltspreller verknacken, man könnte pflegende Angehörige entlasten – ach, man könnte so viel, und es würde so sehr helfen!

Statt dessen hetzen die Frauen sich kaputt und werden alle paar Jahre liebevoll wieder aufgepäppelt, aber das ist ja auch schön.

Weil die Zeiten moderner werden, gibt es inzwischen auch Vater-Kind-Kuren und sogar Vater-Mutter-Kind-Kuren. Das ist toll. Noch toller wäre es, wenn nicht nur die Mütter, sondern die ganze Familie nicht regelmäßig vom eigenen Familienleben so im Arsch wäre, dass sie komplett zur Kur muss.

Aber so ist es nun mal, und so mache ich mein Ding daraus: ich engagiere mich einerseits für eine Verbesserung der Situation von Familien und speziell von  Alleinerziehenden. Und ich fahre andererseits so oft in Kur wie es geht, weil auch ich so tierisch erschöpft bin, dass ich regelmäßig zusammen klappe. Hier drei Monate Schwindel, dort 3 Monate Tinnitus, was meinem Körper halt so einfällt, wenn er nicht mehr kann. Ich würde sehr viel lieber meinen Alltag und mein Leben mit den Kindern besser gebacken kriegen, als alle 2 Jahre im Schwarzwald Unterwassergymnastik zu machen, aber so ist es halt.

Und deshalb fahre ich bald wieder in Kur, zum dritten Mal in den letzten 6 Jahren. Ich bin nämlich alleinerziehend, habe eine eigene orthopädische Geschichte mit versteifter Wirbelsäule und entfalte regelmäßig oben genannte Erschöpfungssymptome. Meine Kinder sorgen für zusätzlichen Input bei den Attesten, und so kommt bei uns alle zwei Jahre „was neues hinzu“, wie meine Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse erfreut feststellte.

Und dann? Wohin?

Es gibt Krankenkassen die schicken die Frauen in eine bestimmte Klinik. Ich hab das umgekehrt gemacht: ich hab mir eine Klinik gesucht, gefragt ob der Platz zu meinem Wunschzeitraum frei ist und habe dann genau diese Klinik zu diesem Zeitpunkt in den Antrag der Krankenkasse geschrieben. Die Krankenkasse hat dann gesagt: Nö, zu teuer, such Dir was anderes aus, was aus unserm Katalog. Ich hab dann gesagt: Nö, ich will dahin und nirgends anders! Weil die Klinik aus diesen und jenen Gründen genau richtig für mich ist. Und dann haben die das bewilligt, irre!

Ob das bei allen so geht? Keine Ahnung, aber es gibt Beratungsstellen für Mutter-Kind-Kuren, einfach mal hingehen.

Und wie hab ich die richtige Klinik gefunden?

Ich hab den Tipp gekriegt, dass die Häuser in Caritas-Trägerschaft ziemlich gut sein sollen. Dann noch bissl googeln, in Foren lesen, andere Frauen fragen. Bei der ersten Kur ist das voll in die Hose gegangen, beim zweiten Mal war’s super.

Beim ersten Mal wollte ich halt unbedingt ans Meer, auf eine autofreie Insel. Spitzenidee, wenn man in Stuttgart wohnt, sind ja bloß 8 Stunden mit dem Zug, samt Kindern und Gepäck. Die Insel Wangerooge war wunderschön, die Klinik nicht. Später habe ich erfahren, dass das Haus zu der Zeit (2013) ohne Leitung war und entsprechend chaotisch war’s dort, aber das kann ja mal passieren. Also haben die Kinder und ich die drei Wochen auf der Insel genossen, sind viel Fahrrad gefahren, haben heißen Kakao am kalten Strand (es war März) getrunken und hatten viel Zeit für uns, bar jeglichen Konzeptes einer Mutter-Kind-Kur, aber sei’s drum.

Beim zweiten Mal hab ich mir die S-Klasse unter den Mutter-Kind-Kliniken rausgesucht, das Caritas-Haus am Feldberg, in 2 Stunden zu erreichen. Hammer, der Laden! Keine Ahnung, was die ihren Mitarbeitern geben, aber ich habe noch nie so nette, freundliche, kompetente und motivierte Menschen getroffen, von der Küchenfee über die Anheizerin bei der Unterwassergymnastik bis zu den Erziehern. In allen Abteilungen gut aufgehoben, wirklich toll! Das Ganze im Ronja-Räubertochter-Schwarzwald, wunderschön.

Und was macht man so bei einer Mutter-Kind-Kur?

Tja, es gibt Anwendungen für die Mütter und Betreuung für die Kinder. Ich hab’s in beiden Kuren so gehalten, dass ich möglichst wenig Anwendungen habe, denn für mich ist es die größte Erholung, wenn ich einfach nur viel schlafe und esse, an die frische Luft gehe und Zeit mit meinen Kindern verbringen kann. Es gibt für alle eine Eingangsuntersuchung, darauf basierend gibt’s eine Programm mit Anwendungen. Mit diesem Heftchen stiefel ich dann ins Sekretariat und lasse 2/3 streichen, denn ich bin ja in Kur, nicht auf der Arbeit. So mache ich das, aber das kann ja jede machen wie sie mag. Es gibt Massagen (niemals Massagen streichen!), Gesprächsgruppen (kann man sich ja mal angucken), Gymnastik mit und ohne Wasser, Psycho-Einzelgespräche, Mutter-Kind-Interaktion (sehr lustig!), Kochkurse und kreative / meditative Angebote und was weiß ich. Ich hatte sogar Physiotherapie wegen der Schrauben in meinem Kreuz.

Die Kinder werden altersgemäß in Gruppen zur Betreuung eingeteilt. Wer in seinem Bundesland Ferien hat, geht in die Betreuung, die anderen zur Schule. Ja genau: Schule! Dieses Haus am Feldberg hat eine staatlich anerkannte Klinikschule. Die Kinder bringen Material von ihrer Heimatschule mit und bearbeiten es dort, außerdem gibt eigenen Unterricht vom Haus. In dieser Klinik gibt es nämlich auch eine Reha für unbegleitete Jugendliche und deshalb haben die da die komplette Logistik für große Kinder. Das ist echt toll, denn viele Kliniken nehmen Kindern nur bis 12 Jahren auf, hier jedoch können alle mit und sind super betreut und beschäftigt. Es gibt Geo-caching, Klettern am Berg, viel Sport, Yoga, Ausflüge und Kreativ-Angebote. Und in allen Altersklassen viele andere Kinder. Meine Kinder sind es gewohnt, betreut zu werden, und gehen freundlicherweise gerne in solche Gruppen, aber sie sind ja inzwischen auch schon 10 und 12. Mütter mit sehr kleinen Kindern hatten da ganz anderen Stress während der Kur. Ich lege die Kur immer extra so, dass möglichst viel Schulferien dabei sind, dann verpassen die Kinder zu Hause nicht so viel und in der Kur haben sie auch Urlaub.

Für meine Kinder und mich ist eine Kur echte Qualitätszeit! Wir haben frei und Zeit für uns, und das genießen wir sehr. Was von der Klinik selber geboten ist, ist da fast nebensächlich. Schön ist es natürlich, wenn wir uns in dem Haus wohl fühlen und nicht durch die Kur noch Stress verursacht wird. Das war beim ersten Mal leider so, bis ich es einfach ignoriert habe und die Kur gedanklich von „Kur“ zu „Urlaub“ umgebucht habe. Im Schwarzwald am Feldberg ist es auch für mich wirklich eine Kur, weil die paar Anwendungen, die ich mir raus suche, mir auch wirklich gut tun. Und den Kindern ihre auch.

Was uns nervt, ignorieren wir einfach. Dass zum Beispiel jeden Abend nacheinander zwei Filme für die Kinder gezeigt werden in einem offen zugänglichem Raum. Soviel Glotze war selten, und ich hab mich anfangs tierisch drüber aufgeregt. Denn viele Mütter haben ihre Kinder einfach chips-fressend vor die Glotze gepflanzt, um in Ruhe rauchen zu gehen, total bescheuert! Aber irgendwann hatten meine Kinder gar keinen Bock mehr auf diese Filme in so ätzender Atmosphäre und sind lieber bis zur Dunkelheit durch den Wald gerannt. So lange, dass es mir am Ende fast lieber gewesen wäre, sie säßen sicher vor der Glotze.

Oder dass bei der Begrüßungsrunde eine Frau sagt, dass sie völlig damit überfordert ist, ihr eines Kind (5) mit Hilfe ihrer nebenan wohnenden Eltern zu betreuen, nicht zu arbeiten, ihrem Mann die Hemden zu bügeln und auch noch das Moos zwischen den Gartenplatten zu entfernen. Ich weiß, persönliche Belastungsgrenzen sind sehr verschieden, aber da kommt meine Empathie schnell an ihre Grenzen und ich übe mich verzweifelt im Klappe-halten. Sehr anstrengend, aber Klappe-halten-Üben ist ja auch mal gut, für mich allemal.

Dieses Mal hab ich die Schwerpunkt-Kur für Alleinerziehende erwischt. Da gibt’s keine besonderen Anwendungen (Alleinerziehenden-Massagen?), aber es sind eben vorwiegend Alleinerziehende da, womit die Anzahl der Burn-Out-Ladies durch Moos-Entfernen sich in Grenzen halten dürfte. Und hoffentlich auch die Tipps zur Haushaltsführung und Selbstoptimierung. Denn natürlich sind die Träger der Kuren daran interessiert, dass die Frauen bitte mal länger als 2 Jahren durchhalten. Drum will man ihnen beibringen, wie sie noch mehr aus sich heraus holen und noch besser alles organisieren können. Löblicher Ansatz, aber bei Alleinerziehenden vergebliche Liebesmüh. Da gibt’s nix zu optimieren. Ich kenne keine effektiveren Menschen als Alleinerziehende, denen ist nix mehr beizubringen. Da wärs eher an der Zeit, Strukturen zu ändern, siehe oben, aber wem sag ich das?

Und die anderen Mütter?

Da ich im restlichen Leben permanent kommuniziere und vernetze, bin ich nicht sonderlich wild drauf, Freundinnen zu finden, lange Gespräche zu führen und mich auszutauschen. In der letzten Kur war ich jeden (!) Abend mit den Kindern um 21 Uhr im Bett, habe 1,5 Stunden Harry Potter vorgelesen und dann haben wir geschlafen. Aber jede wie sie mag: andere Frauen haben stundenlang in der Teeküche gequatscht, ihr Leben besprochen und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Und das ist ja auch schön, aber eben nicht so meins, ich bin ja eher der stille Typ (haha).

Unter so vielen Müttern ist es allerdings auch oft anstrengend, den jede hat ihr eigenes Erziehungskonzept, und nicht jedes ist gut auszuhalten, auch nicht aus der Ferne. Da sind die Chips-Kinder vor der Glotze noch die harmloseren Fälle. Warum viele Frauen am 2. Kurtag mit Plastiktüten beladen vom Lidl kamen, hab ich anfangs gar nicht begriffen: in der Klinik gibt’s doch was zu essen? Ach so, aber eben keine Chips, Cola etc. Andere Mütter schnauzen ihre Kinder an, dass man sich schützend dazwischen werfen möchte. Andere betütern ihre Kinder dermaßen, dass man sie anschreien will „jetzt lass doch mal das Kind in Ruhe!“. Da ist wieder Klappe-halten-Üben angesagt, aber man sieht eben auch mal, dass das Leben nicht aus den eigenen Wertvorstellungen und der eigenen Filterblase besteht. Und so erweitern die Kinder und ich unseren Horizont ob der Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten. Ob wir uns in der Kur mit anderen zusammentun für eine kleine Wanderung oder einen Ausflug zum Freibad, dürfen wir ja gottlob selber entscheiden.

Für meine Kinder und mich ist so eine Mutter-Kind-Kur die pure Erholung, aber es kann leider auch ganz anders laufen. Wenn ein Kind krank wird zum Beispiel. Blöder noch: ansteckend krank. Dann hockt man mit dem Kind in Quarantäne auf dem Zimmer, um den Rest der Klinik nicht zu infizieren. In meiner ersten Kur ist eine Mutter nach 10 Tagen Quarantäne abgereist, ohne eine einzige Anwendung oder auch nur einen normalen Kur-Tag gehabt zu haben. Die Arme! Manche Mütter haben sehr kleine Kinder, die nicht in die Betreuung wollen. Die schlecht schlafen. Die die Essensräume in eine Arena verwandeln. Ich würde sogar behaupten, dass eine Kur erst mit Kindern ab ca. 5 Jahren erholsam ist, aber da ist ja jedes Kind und jede Mutter anders.

Richtig schlimm fand ich nur die Frauen mit dem absoluten Service-Anspruch. Die, die jeden Tag an der Rezeption stehen und was zu meckern haben. Denn hey: Ihr kriegt das hier faktisch geschenkt, und das ist kein Hotel, sondern eine Klinik!

Drei Wochen unter Müttern zu sein, ist vielleicht die größte Herausforderung an der Kur, aber ich finde es insgesamt eine großartige Sache und ich werde es für mich nutzen, so lange wie ich es brauche und darf. Und anderem, damit ich weiter die Kraft habe, mich für eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen zu Gunsten von Familien und besonders Alleinerziehenden zu engagieren, damit es diese Kuren nicht mehr braucht.

*****

Diesen Text will ich seit 2 Jahren schreiben. Nun hat Cosima Stawenow von der Landfamilia die Blogparade „Meine Kur“ gestartet und ich bin dabei.

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Unter Müttern. Über Mutter-Kind-Kuren

48 Stunden alleinerziehend

Ein Fernsehsender hat mich gefragt, ob ich im Rahmen eines neuen Formates für 2 Tage nach Berlin kommen würde, um mit einem Bundespolitiker über Themen zu diskutieren, die mir am Herzen liegen. Coole Sache, hab ich gedacht! Und dann: wie in aller Welt soll ich das organisieren? Vollzeit arbeitend mit zwei Schulkindern, mitten in der Woche? Wissen dieser Fernsehsender und dieser Bundespolitiker überhaupt, was das für mich für ein Aufriss ist, 48 Stunden meinen Alltag zu verlassen? Nein, woher sollten sie.

Die allerwenigsten Menschen wissen, wie der Alltag von Alleinerziehenden eigentlich aussieht. Es gibt Studien und Bücher, und es gibt viele Blogs mit vielen Texten zum Alltag Alleinerziehender, aber es ist schwer, sie auf einen Blick zusammen zu fassen. Deshalb starte ich hiermit die Aktion #48stundenalleinerziehend. Gerade jetzt, wo der Bundestags-Wahlkampf beginnt und sämtliche Parteien die Familienpolitik wieder für sich entdecken, sollten Vertreter von Politik, Medien und Wirtschaft erfahren, wie der Alltag von Alleinerziehenden real aussieht. Denn Absichtserklärungen gibt es viele, konkrete Konzepte hingegen wenige, und mir ist noch lange nicht klar, welche Partei sich wirklich und nachhaltig für eine Verbesserung der Lebensbedingungen Alleinerziehender einsetzt. (Dazu gibt es den sehr lesenswerten Text von Rona Duwe: 1,6 Millionen Wählerinnen sind ratlos).

Unter dem Hashtag #48stundenalleinerziehend soll es Protokolle von 2 Tagen im Alltag Alleinerziehender geben, um alle, die sich für uns einsetzen wollen, zu inspirieren, so dass ihren guten Ideen auch gute Taten folgen können. Alle, die sich nicht für die Situation Alleinerziehender engagieren, aber politische Entscheidungen gestalten, können sich anhand dieser Texte fragen, warum sie glauben, dass diese 1,6 Millionen Menschen keine besondere Unterstützung brauchen.

Ich freue ich über jeden Text alleinerziehender Mütter und Väter! Bitte hier in den Kommentaren verlinken und im Text einen Link auf diesen Text hier setzen, noch den Hashtag dran und überall posten: spread the world, zusammen sind wir unübersehbar! Ich werde in 4 Wochen (die Aktion läuft bis 9. Mai) eine Zusammenfassung mit Linksammlung schreiben, die man dann bei jeder Gelegenheit aus dem Ärmel schütteln kann. Falls mal wieder jemand fragt, ob man mal eben für 2 Tage nach Berlin kommen kann. Oder warum man nicht mit ins Kino kommt. Oder warum Alleinerziehende sich nicht intensiver für ihre Rechte engagieren und überhaupt immer so müde sind.

Hier sind meine #48stundenalleinerziehend:

4. April
6.21 Uhr: Radio geht an
6.28 Uhr: Wecker klingelt
6.35 Uhr: Ich stehe auf, wecke die Kinder mache Kaffee. Am Küchenfenster rufe ich die Katzen.
6.45 Uhr: 2. Runde Wecken, ich fange an Brote zu schmieren, die Kinder trudeln verpennt in der Küche ein, wir frühstücken, reden ein bisschen, hören Radio. Am Fenster tauchen die Katzen auf, ich lasse sie rein und füttere sie.
6.55 Uhr: Der Sohn geht sich anziehen und ins Bad: er hat bis 7.10 Uhr Badezimmerzeit. Ich bereite die Vesperdosen vor, schneide Obst
7 Uhr: Die Tochter geht sich anziehen und um 7.10 Uhr ins Badezimmer
7.10 Uhr: Ich sitze im Flur mit meinem Kaffee, bespreche mit dem Sohn nochmal kurz den Tagesablauf, er zieht sich Jacke und Schuhe an, schnappt sich den Ranzen, nimmt den Müll mit raus und geht zur Schule
7.15 Uhr: Ich bespreche mit der Tochter den Tagesablauf, sie zieht sich Jacke und Schuhe an und verlässt um 7.20 Uhr die Wohnung
7.20 Uhr: Ich räume das Frühstück auf und decke den Tisch fürs Mittagessen. Ich ziehe mich an, gehe ins Bad, lüfte die Wohnung. Gehe in den Garten, pflücke Löwenzahn und versorge damit den Hasen im Auslauf draußen sowie die Schildkröten und die Zwerbartagame in ihren jeweiligen Terrarien.
7.35 Uhr: Ich verlasse die Wohnung und fahre mit dem Rad zur Arbeit
7.40 Uhr: Ich will mir auf der Arbeit einen Kaffee machen, aber ein Nutzer hat am

Kaffeemaschine nicht ausstellen
Elementar für Alleinerziehende: Kaffeemaschine nicht ausstellen!

Vorabend im Übereifer die Kaffeemaschine ausgestellt. Diese fetten Gastro-Maschinen stellt man nur aus, wenn sie 14 Tage nicht benutzt werden, nun braucht sie eine halbe Stunde zum Hochfahren. Ich ärgere mich, gehe ohne Kaffee ins Büro und fange an zu arbeiten.
8.15 Uhr: Die Putzfrau kommt, wir quatschen über die Kinder, weil wir beide unsere 4. Klässler heute auf dem Gymnasium anmelden müssen. Ich räume die Stühle im Café weg, sie putzt, ich mache mir endlich Kaffee.
9.45 Uhr: Die ersten Teamkollegen trudeln ein, ich habe bereits 2 Stunden konzentrierte Büroarbeit hinter mir
10.30 Uhr: Teamsitzung, wir besprechen die anstehende Woche
12 Uhr: ich hole mir beim Bäcker ein Brötchen, heute gibt’s keine Mittagspause denn, um
13.40 Uhr verlasse ich die Arbeit, radel den Berg hoch nach Hause, brate schnell Maultaschen und Ei an.
13.55 Uhr: Die Tochter kommt nach Hause, wir essen, sie jammert dass sie keine Lust hat, jetzt schon mitzukommen zur Schulanmeldung des Sohnes. Ok, wir besprechen, dass sie um 15.15 Uhr mit dem Bus nachkommt, denn der Kinderarzt ist direkt neben der Schule
14.15 Uhr: Ich nehme den kleinen Stapel Unterlagen, den ich nach einem Check auf der Website der Schule vorbereitet habe: Zeugnisse und Ausweis vom Sohn, außerdem Grundschulempfehlung und Anmeldung für die weiterführende Schule. Für den Kinderarzt Impfpässe, Vorsorge-Hefte und ein Blanko-Formular der Krankenkasse. Ich laufe ich den Hort und hole um
14.20 Uhr den Sohn ab. Wir fahren mit S- und U-Bahn zu seinem hoffentlich zukünftigen Gymnasium, das in einem anderen Stadtteil liegt. Das hat er sich ausgesucht und will dort unbedingt mit seinem Freund zusammen hin.
14.55 Uhr: Wir sind am Gymnasium, ein schöner alter Bau, und gehen zur Anmeldung. Ich fülle Formulare aus und wir gehen ins Sekretariat. Ich erfahre, dass getrennt lebende Eltern ein zusätzliches Formular mit der Einverständniserklärung des anderen Elternteils benötigen. „Das steht aber nicht auf Ihrer Homepage“, wundere ich mich. „Nicht?“ wundert sich ebenfalls die Sekretärin. „Nö, aber das könne Sie ja mal nachbessern“. Gleich mal beliebt machen bei der Schule. Immerhin kann diese Erklärung nachgereicht werden. Wir werden zur Rektorin geleitet für das Beratungsgespräch. Der Sohn will in den französisch-bilingualen Zug, da muss er gute Noten und eine Empfehlung fürs Gymnasium nachweisen und ich muss bescheinigen, dass mir klar ist, dass dieser Zug eine besondere Herausforderung an das Kind darstellt. Das weiß ich, der Sohn weiß es auch, wir haben uns zusammen die Homepage durchgelesen, er war beim Infotag und ich beim Elternabend. Die Rektorin ist sehr nett und erklärt nach 5 Minuten, dass der Sohn hiermit eine feste Zusage hat. Das Kind strahlt übers ganze Gesicht und platzt schier vor Glück: wie schön! Wir freuen uns beide total und verlassen beschwingt die Schule.
15.10 Uhr: Wir sind viel zu früh fertig, der Kinderarzt-Termin direkt nebenan ist um 16.15 Uhr, die Tochter wird erst in einer ¾-Stunde mit dem Bus aufkreuzen. Ich nutze die Zeit und rufe die Werkstatt an, die sich meinen neuen Elektroroller anguckt. Der hat nach 90km den Geist aufgegeben. Die Werkstatt findet keinen Fehler und rät zu einer anderen Werkstatt, mit Elektrorollern kennt sich halt niemand aus. Das muss ich später organisieren Wir schnappen uns ein Car2Go, fahren runter in den Stadtteil und kaufen uns zur Feier des Tages 3 fette Erdbeerkuchen-Schnitten, fahren den Hügel wieder hoch und setzen uns an der Bushaltestelle in die Sonne. Wir essen den Kuchen und ich checke auf dem Smartphone berufliche Mails, weil ich so früh aus dem Büro weg musste.
16 Uhr: Die Tochter kommt mit dem Bus an, wir laufen zum Arzt und warten dort eine weitere ¾-Stunde. Die Tochter futtert ihren Erdbeerkuchen und wir langweilen uns ausgiebig.
16.45 Uhr: Beratungsgespräch zum Impfen. Wir hatten zwischendurch mal den Kinderarzt gewechselt und sind nun bei diesem zurück, er ist einfach der beste. Impfkritisch, aber er impft. Sehr dosiert und überlegt. Wir besprechen die Vorgehensweise bis zur Jugenduntersuchung der Kinder. Die Tochter ist sehr interessiert, der Sohn schläft schier ein. Ich bitte ihn noch, das Attest für die Tochter auszufüllen, wir wollen ein Upgrade für sie vom Begleitkind zum Kurkind bei der anstehenden Mutter-Kind-Kur. „Und der Sohn?“, fragt der Arzt. „Der hat bei besten Willen nix“ – wir lachen und verlassen die Praxis.
17.15 Uhr: Wir stellen fest, dass auf dem Rückweg von dem neuen Gymnasium die beste Eisdiele der Stadt liegt, und steigen spontan wieder aus der Bahn. Es gibt Limette-Minze-Eis, der Hammer! Wir essen unser Eis, blicken runter auf die Stadt und die Tochter sagt, wie schön es sei, wenn wir mal was zusammen machen. Und ich stelle fest, wie selten wir sowas Nettes zusammen machen.
17.30 Uhr: Wir fahren nach Hause, mit Umsteigen und Bus im Feierabend-Verkehr einmal quer durch die Stadt. Gottseidank ist die Hygieneschulung auf der Arbeit um 18 Uhr abgesagt worden, das wäre ganz schön knapp geworden! Dadurch konnte ich auch den bereits gebuchten Babysitter für heute Abend absagen.
18.15 Uhr: Endlich zu Hause! Die Kinder machen ihre „Medienzeit“, sprich: kleben am Smartphone und spielen subway surfers (Sohn) oder gucken youtube-Filmchen (Tochter). Ich falte Wäsche, schmuse mit den Katzen und bereite das Abendessen vor.
18.50 Uhr: Wir essen und unterhalten uns über den Tag. Der Sohn ist immer noch selig, dass er die Zusage der Schule hat, die Tochter erzählt von ihrem Schultag.
19.25 Uhr: Die Kinder gucken auf Kika purplus, ich räume die Spülmaschine ein und stelle sie an, decke den Frühstückstisch und schaue nochmal in die Mails. Dann gucke ich mit den Kindern die Kindernachrichten
20.10 Uhr: Fernsehende. Ich schicke die Kinder zum Umziehen und Zähneputzen und lasse alle Rollläden runter. Die Kinder schmusen aber noch miteinander auf dem Sofa, Quatschen und Toben. Ich überlege und entscheide dann, dass ich sie lasse, es sieht sehr friedlich aus. Ich bitte sie, sich in den nächsten 10 Minuten bitte bettfertig zu machen, gerne noch zu lesen und um 21 Uhr das Licht auszumachen. Keine Ahnung ob‘s klappt, ich schätze schon, zudem will die Tochter noch duschen. Ich gehe jetzt jedenfalls um
20.25 Uhr: zum Elternabend im Hort. Zu Hause scheint alles friedlich, zumindest ruft mich niemand an.
22.30 Uhr: Der Elternabend geht zu Ende, wir bleiben noch zusammen sitzen und planen eine große Abschiedsparty, denn im September werden drei Familien, darunter wir, die ElternKindInitiative verlassen, nach 10 Jahren! Die Kinder waren seit ihrem 1. Jahr in dieser Einrichtung. Nach ein paar Bier in geselliger Runde gehe ich um
23.30 Uhr nach Hause. Viel zu spät! Aber es war so nett. Zu Hause gucken, ob alle im Bett liegen, die Brotbackmaschine anstellen, die Katzen in die Nacht hinaus lassen
24 Uhr Licht aus.

5. April
6.21 Uhr: Radio geht an
6.28 Uhr: Wecker klingelt
6.35 Uhr: Ich stehe auf, wecke die Kinder mache Kaffee. Am Küchenfenster rufe ich die Katzen.

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6.45 Uhr Frühstück

6.45 Uhr: 2. Runde Wecken, ich hole das frische Bot aus der Brotbackmaschine und fange an, Brote zu schmieren, die Kinder trudeln verpennt in der Küche ein, wir frühstücken, reden, hören Radio. Am Fenster tauchen die Katzen auf, ich lasse sie rein und füttere sie. Der Sohn sagt, dass er nochmal in sein Heft gucken will, weil er heute einen Test schreibt, und mir fällt vor Schreck das Brot aus der Hand: Der Schulranzen! Der steht im Hort, ich hab ja den Sohn gestern dort abgeholt und wir sind gleich los zur Schulanmeldung. Den Ranzen wollte ich abends vom Elternabend mitbringen, hab das aber vor lauter Party-Planen vergessen. Ich Depp! Der Sohn wird kurz sehr nervös, ich tröste ihn, ziehe mich blitzschnell an, flitze raus, schwinge mich auf’s Rad und hole den Ranzen. Gut, dass in einer ElternKindIni alle Familien einen Schlüssel haben!
7.05 Uhr: Ich bin wieder da, fix und fertig, der Sohn glücklich. Er zieht sich an und tschüss. Die Tochter zieht sich an und tschüss.
7.20 Uhr: Alle weg, ich gehe ins Bad, ziehe mich an und räume die Spülmaschine aus und die Küche auf, lüfte die Wohnung, drehe meine Haustier-Runde und rufe die nächste Werkstatt an: ja, ich kann den Roller heute bringen. Schicke dem Kollegen eine SMS, ob er heute mit seinem VW-Bus zur Arbeit kommen kann. Ich decke den Mittagstisch, schneide Gemüse und Rohkost und lege der Tochter einen Zettel hin, was und wie sie sich Mittagessen kochen kann.
8 Uhr: Auf der Arbeit und heute gibt’s als erstes den Kaffee. Der Kreislauf-Schock mit dem Ranzen sitzt mir noch im Nacken. Ich arbeite und gegen 9.45 Uhr kreuzen die Kollegen auf. Kurze Besprechungen und um 10.30 Uhr fahren wir zu der einen Werkstatt, laden meinen Roller ein und fahren zur nächsten Werkstatt. Hoffentlich klappt es dieses Mal! Auf dem Rückweg wird mir fast schlecht vor Hunger: ich habe noch nix gegessen heute.
11.30 Uhr: Ich hole mir ein belegtes Brötchen beim Bäcker und arbeite. Ab 14 Uhr immer wieder der Blick auf Uhr und Handy, denn ab jetzt ist die Tochter alleine zu Hause. Sie meldet sich aber nicht, also scheint alles ok zu sein, fast schon ungewöhnlich.
15.30 Uhr: Noch eine längere Besprechung mit den Kollegen.
16.30 Uhr ruft der Sohn aus dem Hort an, ob sein Freund ihn heute besuchen darf? Bissl ungünstig, denn wir sind noch um 17 Uhr beim Friseur verabredet, aber der Freund kann ja mitkommen.
16.40 Uhr: Der Sohn ruft nochmal an, dass aus der Verabredung nix wird und dass er jetzt nach Hause geht. Ich erinnere ihn nochmal an den Friseur-Termin
16.45 Uhr: Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, die Schuhe zum Schuster und die Hose zum Schneider zu bringen. Mist, also muss ich das morgen machen. Einkaufen muss ich glaub ich nicht, alles noch da.
16.55 Uhr: Ich gehe zum Friseur und treffe dort meinen Sohn, der bereits dran ist und seine Matte verliert. Er hat mit der Friseurin schon alles besprochen.
17.30 Uhr: Wir gehen nach Hause, da sitzt die Tochter auf dem Sofa und macht Hausaufgaben. Vor ihr 3 Apfelreste – da hätte ich doch nochmal einkaufen müssen, aber jetzt gehe ich nicht mehr los. Der Sohn füttert seine Zwergbartagame mit lebenden Heuschrecken, die Tochter hat sich bereits um Hase und Kröten gekümmert.
17.40 Uhr: Wir sitzen alle auf dem Sofa, die Tochter mit ihrem Englisch, der Sohn mit dem Smartphone und ich sacke in einen Sekundenschlaf. Ich bin so müde! Und so froh, dass ich den Abend-Termin, den ich heute Abend hätte (eine ziemlich tolle Lesung mit großartigen Autoren, seufz) an die Kollegin abgegeben habe. Dann hätte ich zwar heute nur bis 14 Uhr gearbeitet, aber JETZT los gemusst und wäre nicht vor 23 Uhr zu Hause gewesen. Dafür werde ich Freitag und Samstagabend Konzerte bis in die Nacht betreuen, aber da kann ich wenigstens am nächsten Tag ausschlafen
18.15 Uhr: Ich raffe mich auf, gehe in die Küche und räume die Mittagessen-Spuren der Tochter weg und bereite das Abendessen vor. Es gibt Pfannkuchen und ich koche gleichzeitig Kartoffeln, weil die Tochter morgen ein Mittagessen mit in die Schule nimmt.
18.45 Uhr: Wir essen und unterhalten uns über die Nachrichten: Giftgas-Angriff in Syrien, schlimm!
19.25 Uhr: Die Kinder gehen Fernseh gucken, ich räume die Küche auf, stelle die Spülmaschine an und decke den Frühstückstisch.
20.10 Uhr: Fernsehende. Der Sohn wird Duschen geschickt und es klappt beim ersten Anlauf, yeah. Ich sammel Wäsche ein und stecke sie im Keller in die Waschmaschine. Räume das Wohnzimmer auf und gehe zum Sohn, der nach dem Duschen statt ins Bett ins Lego versunken ist.
21 Uhr: Schicke ihn ins Bett, krabbel hinterher und wir schmusen. „Kannst Du mir noch die Zehnägel schneiden?“ Klar, wieder rauskrabbeln (er schläft in einer Höhle), Schere holen, Krallen stutzen, wieder schmusen, gute Nacht. Zur Tochter ins Hochbett klettern, sie erzählt mir von ihren Stunden am Nachmittag, in denen sie allein zu Hause war. Sie hat sich Essen gekocht, ihr Zimmer aufgeräumt, die Haustiere versorgt und dann „bin ich ein bißchen im Wald spazieren gegangen, das war total schön“. „Du bist WAS??“ schreit es in mir, aber tatsächlich versuche ich, ihre Freude an frischer Luft und an einem Waldspaziergang nicht zu dämpfen, gleichwohl meine 12jährige dezent darauf hinzuweisen, bitte nicht zu tief in den Wald zu gehen und bitte das Handy mitzunehmen. Puh! Noch ein bisschen schmusen, gute Nacht. Wie ist es jetzt
21.40 Uhr geworden? Ich gehe nochmal in den Keller und stecke die Wäsche in den Trockner. Setze mich an den Schreibtisch, überweise Rechnungen und schreibe Mails und Whatsapps an befreundete Familien, bei denen die Kinder am Freitag übernachten werden, wenn ich arbeite. Ab Samstag sind sie dann beim Vater, also muss ich ihm noch sagen, wo er die Kinder abholen kann. Dann kann er ja auch die Einverständniserklärung vom Gymnasium unterschreiben. Außerdem muss ich die Osterferienbetreuung der Tochter organisieren und eine Freundin möchte ein Wohnzimmerkonzert ausrichten, das ich managen werde, aber da habe ich heute Abend keine Lust mehr zu. Ich habe drei halbe Blogtexte im Kopf, aber das schaffe ich heute auch nicht mehr. Ich gucke ein bisschen ins Internet, Twitter und facebook, linse aufs Konto, verdränge das Ergebnis und dann
23 Uhr: Licht aus, Feierabend. Die Katzen schlafen auch schon, aber die müssen nachts

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so kuschelig

raus, weil ich sonst nicht schlafen kann. Morgen muss ich einkaufen, nicht vergessen: zum Schuster, zum Schneider und Äpfel sind alle, mindestens!

 

 

 

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P.S. Ich habe dem Fernsehsender zugesagt, denn ich will diese Chance nutzen und dem Bundespolitiker sehr gerne erzählen, wie das Leben als Alleinerziehende aussieht und daß die Familienpolitik der Realität ganz schön hinterherhinkt. Mein Exmann nimmt die Kinder außerplanmäßig für 3 Tage mitten in der Woche, auf dem Job halten die Kollegen mir den Rücken frei, die Nachbarn füttern unseren Zoo. Was für ein Aufriss, ich hoffe es lohnt sich!

48 Stunden alleinerziehend