Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Ich fragte mich bereits seit geraumer Zeit, wer sich in der Kommunal- oder Landespolitik in Stuttgart / Baden-Württemberg für Alleinerziehende zuständig fühlt. Immerhin regieren die hier Stadt und Land, aber ich hab beim Rumklicken auf deren Website nix gefunden. Umso mehr freute ich mich, als mir über den VAMV eine Einladung von Dorothea Wehinger MdL Sprecherin der Grünen für Frauen, Kinder und Familien, zum Fachgespräch „Starke Familien. Alleinerziehende nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag geradelt, voller Neugier auf Information, Gespräche und Vernetzung.

Nach ca. 2stündigem lebhaften und informativen Input sitzt nun also die Staatssekretärin für Soziales und Integration vor mir und erklärt, eins der größten Probleme der Alleinerziehende wäre die falsche Wortwahl, denn alleinerziehend klingt so benachteiligt, ist so negativ behaftet. Ein-Elter-Familie klänge da schon viel besser. Ich bin erstaunt. Denn wissen Sie, Frau Mielich: alleinerziehend klingt wirklich negativ. Aber wissen Sie noch was: es ist ja auch scheiße! Warum soll denn jetzt ein neues Wort alles rausreissen? Wir sind nicht einfach nur „zwei Eltern Minus Eins = Ein-Elter-Familie“. Als ob’s grad egal wäre, ob da nun ein oder zwei Erwachsene am Start sind, Hauptsache Familie. Ein oder zwei Eltern, das sind nur verschiedene Variablen von Familien? Nein, es ist nicht egal, denn wir sind allein. Mutterseelenallein. Wir sind zwei-Minus-ein-Erwachsener PLUS verdammt viel Stress, und zwar vor allem mit dem abhanden gekommenen zweiten Elternteil. PLUS Stress mit Job, Geld, Haushalt, Alltag und Kindern. PLUS strukturelle Benachteiligung, die wir der Politik zu verdanken haben.

Die Politik, die das Ehegattensplitting nicht abschafft und dafür sorgt, dass mir von meinem Vollzeit erarbeitetem Brutto gerade mal ein ein ein paar warme Kinderjacken mehr übrig bleiben als dem kinderlosen Single, während sich die verheirateten kinderlosen Paare ins Fäustchen lachen ob ihrer gesparten Steuern. Die Politik, die dafür sorgt, dass Katzenfutter mit 7% und Windeln mit 19% besteuert werden, dass es keinen bezahlbaren Wohnraum für Familien gibt, dass flexible und kompetente Kinderbetreuung von 1-12 Jahren noch in den Kinderschuhen steckt, dass ich 1000€/Jahr für die Bustickets meiner Schulkinder bezahlen muss, dass der Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt mit Harzt4 und Kindergeld verrechnet wird, dass Eltern und Arbeitgeber zusammen einen Vereinbarkeits-Tanz um die Schulen herum aufführen, weil diese stur auf ihrem verkrusteten System beharren. Wenn denn eine Alleinerziehende überhaupt einen Job bekommt und die Kinder zur Schule gehen. Wenn die Alleinerziehende arbeitet und die Kinder krank sind, ist schon wieder Essig, umgekehrt übrigens auch. Das alles und noch einiges mehr liegt im Verantwortungs- und Gestaltungsbereich der Politik, aber ein neues Wort ist mit das Wichtigste, das Ihnen einfällt, wenn Sie zum Thema Alleinerziehende sprechen sollen? Aha.

Und dann berichten Sie noch, dass Nachbarschaftszentren und Mehr-Generationen-Häuser eine echte Unterstützung für Alleinerziehende sein können. Ja klar, wenn die Politik es nicht hinkriegt, dann wird auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Liebe Frau Mielich: wann haben Sie denn das letzte Mal Ihrer alleinerziehenden Nachbarin eine Suppe gekocht? Vom Großeinkauf was mitgebracht? Kurz die Kinder gehütet, weil die Mutter zum Arzt musste? Ok, Sie haben bestimmt wenig Zeit. Aber Überraschung: nicht nur Staatssekretärinnen haben wenig Zeit – niemand hat Zeit. Sicher sind Mehr-Generationen-Häuser eine gute Sache. Aber sie lindern nur die Symptome, sie ändern nichts an den Strukturen. Wenn ich nicht 40, sondern nur 30 Stunden in der Woche arbeiten müsste, um denselben Betrag auf dem Konto zu haben, dann würde ich der alleinerziehenden Nachbarin ganz ohne Nachbarschaftszentrum ’ne Suppe vorbei bringen. Da dürfen Sie sich als Politikerin jetzt aussuchen, ob Sie an der Steuergerechtigkeit was dengeln oder an der Grundsicherung für Kinder, an der Wochenarbeitszeit oder an der Mehrwertsteuer, am Mietspiegel oder an den Kosten des ÖPNV. Aber ein Nachbarschaftszentrum ist ungefähr so hilfreich wie eine Mutter-Kind-Kur: das wird das Kaputteste repariert, damit Mutti wieder fit ist und weiter durchhält. Und das ist in dem Moment sicher auch ein großer Segen! An den Ursachen wird jedoch nix geändert, und das ist eigentlich eine Katastrophe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde Nachbarschaftszentren großartig, ich bin absolute Befürworterin von Vernetzung. Aber sie sind ganz sicher nicht die Lösung, nicht für die vielfältigen strukturellen Probleme und Benachteiligungen, denen Alleinerziehende ausgesetzt sind.

Und derer sind viele, ich habe hier bereits welche aufgeführt und beim Fachgespräch der Grünen im Landtag Baden-Württemberg wurden sie sehr lebendig und mit Fakten belegt geschildert. Da waren Sie aber noch nicht da, denn Sie kamen erst so spät zu dem Fachgespräch, dass Sie das alles nicht gehört haben. Ich finde das sehr bedauernswert! Ein Gespräch ist ja eigentlich so eine Sache, bei der man sich wechselseitig zuhört. Sie haben aber nicht zugehört, Sie kamen gegen Ende, haben Ihr Manuskript vorgetragen und kritisch die Augenbraue gehoben, als Dr. Finke ihre Nachbarschaftszentrumssache kritisierte. Ebenso reagierten Sie, als die Geschäftsführerin des VAMV, Brigitte Rösiger, erklärte, dass der Begriff „alleinerziehend“ sehr wohl bewusst gewählt wurde, und auch mich haben Sie bissl befremdlich angeschaut, als ich ganz zum Schluss bemerkte, das leider schon das Wort „Alleinerziehend“ auf Ihrer Internet-Präsenz und der der Landes-Grünen fehlt. Es ist nämlich auch eine Frage der mangelnden Wertschätzung, wenn man so gar nicht sichtbar ist. Glauben Sie mir nicht? Dann schauen Sie sich mal das Familienbild der Grünen an, sehr hübsch animiert auf dieser Website oder hier : bei den „Themen“ kommen Familien nicht vor, die sind unter Soziales subsumiert. Und wenn man die  Familien gefunden hat, kommen Alleinerziehende nicht vor, weder im Bild oder auch nur ein einziges Mal im Text. Und Ihre eigene Website? Nun ja.

 

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Ich hätte mir bei dem Fachgespräch mehr Kommunikation gewünscht, und ich wünsche mir Sichtbarkeit. Eine Staatssekretärin, die uns Alleinerziehende sieht, unsere Leistungen respektiert, unseren Nöten zuhört und glaubhaft versichert, sich für uns stark zu machen – das wäre grandios gewesen! Ja, ich hätte Sie echt gefeiert, das kann ich Ihnen hier unumwunden sagen. Aber so hat mich dieses Fach“Gespräch“ sehr geärgert und ich habe mich als Alleinerziehende nicht ernst genommen gefühlt, weil ich ja so blöd bin, mich auch noch selber alleinerziehend zu nennen.

Wenn ich mich jedoch fortan Ein-Elter-Familie nenne, sind die Kinder sauer, die haben nämlich zwei Eltern. Nenne ich mich „Single Mom“, fühle ich mich eher wie ein hippes Huhn. Auch wenn es für Sie unschön klingt: ich bin alleinerziehend, denn ich erziehe meine Kinder allein, und das ist verdammt anstrengend. Die Mutter-Kind-Kuren durften mich schon 3x wieder aufpäppeln, und so habe ich es mit Ach und Krach über die Halbzeit meines Familienlebens geschafft. Den Rest kriege ich jetzt auch noch irgendwie hin, mit 11 und 13 Jahren sind die Kinder ja aus dem Gröbsten raus (haha, die Pubertät steht schon grinsend im Flur).

Liebe Frau Mielich: ich brauche Sie. Wir brauchen Sie. Wir schaffen das nicht alleine. Wir brauchen eine engagierte, tatkräftige, ideenreiche Staatssekretärin, die sich für alle Familienformen stark macht und dabei auf die Alleinerziehenden als besonders verletzliche Familien, wie uns Prof. Christel Althaus, Vorsitzende des Landesfamilienrats Baden-Württemberg in ihrem Eingangsstatement zum Fachgespräch sehr treffend beschrieben hat, ein ganz besonders Augenmerk hat.

Die Veranstaltung hieß „Starke Familien. Alleinerziehende nicht alleine lassen“. Wir sind aber keine starken Familien, wir sind die schwächsten und verletzlichsten aller Familien und deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Das Fachgespräch war ein Anfang – machen wir weiter!

danke

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Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Weil ich hier bleiben muss

Mein Herz ist schwer.

Es war fast wie eine neue Liebe. Erst nur zögerlich, nur mal hingeblinzelt. Berührungsängste. Überwunden. Rückzieher gemacht und doch nicht davon lassen können. Nochmal hingeschaut. Faszinierend, spannend, aufregend, schön. Ja, das könnte was werden. Ja, ich glaub ich will das. Ja, ich lass mich drauf ein. Eine tiefe Sehnsucht wurde geweckt. Die Vorfreude wuchs auf das, was da kommen kann. Nochmal gezögert, in mich gehorcht und dann beschlossen: ich mach das das. Ich wage das. Das wird ein großes Ding und ich freu mich tierisch drauf. Ja, ich lass mich drauf ein! Und genau an dem Punkt, als meine Entschlossenheit mutig auf 100% war, sagt der andere: nö.

Ende. Aus. Vorbei.

Verdammt. Das tut weh. So weit war ich noch nie. Ich war schon so weit, ich war doch eigentlich schon da, es hat sich wirklich gut angefühlt. Aber es hat nicht gepasst.

Ich lebe seit 14 Jahren in einer Stadt, in der ich nur eine Woche bleiben wollte. Ich komme mit der Landschaft nicht klar, weil es hier keinen Rhein gibt. Und weil ich hier nicht Fahrrad fahren kann, jedenfalls nicht so unbeschwert wie zu Hause. Da wo ich her komme, ist der Rhein und das Herz weit wie das Meer, das Land flach wie ein Pfannkuchen und die Menschen mediterran aufgeschlossen, um nicht zu sagen: penetrant gut drauf.

rhein

Hier, wo ich jetzt wohne, tröpfelt ein Bächlein draußen vor der Stadt, wir sind eingeschlossen von Hügeln und man ist stolz darauf, dass es heißt „7 Jahre hier: 1 Freund“, oder „nicht geschimpft ist schon gelobt genug“. Ich finde das nicht witzig, ich finde das engherzig und ich komme mit dieser Einstellung nicht klar.

In 14 Jahren habe ich hier alles gefunden, was ich zum Leben brauche, nur nicht mein Glück. Ich habe zwei wundervolle Kinder, eine Wohnung mit sonnigem Garten, einen erfüllenden, kreativen und flexiblen Job mit großartigen Kollegen und eine üppige Liste an Kontakten im Smartphone. Wenn was ist, kann ich eine Menge Leute anrufen, die mir helfen. Wenn nix ist, kann ich anrufen wen ich will, es hat niemand Zeit. Und mich ruft alle Jubeljahre mal jemand an, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob wir am Wochenende zusammen mit den Kindern ins Freibad gehen. Oder in den Urlaub fahren. Oder ein Glas Wein zusammen trinken. Wenn ich zur Party einlade, freuen sich alle und kommen gerne, aber ich werde nicht eingeladen. Die meisten Leute haben hier leider nie Geburtstag, die wenigsten alle paar Jahre mal, krass. Zeit haben sie sowieso nicht. Oder die tun alle nur so nett und in Wahrheit bin ich total scheiße, nervig, doof und lästig. Das muss es sein.

Ich hab Herzeleid. Ich will nach Hause. Mit dem Rad den Rhein lang fahren, kilometerlang, stundenlang. Ohne erst drei Räder in die S-Bahn hieven zu müssen, am Ziel tut der Aufzug nicht und ich muss mich, zwei Kinder und drei Räder aus dem Untergrund bugsieren. Ich will meine Kinder von der Arbeit aus anrufen und sagen können „geht heute Nachmittag bei Oma vorbei, die hat einen Erdbeerkuchen gebacken, ich komm später dazu“. Hallo Ponyhof, ich weiß.

Vor 14 Jahren kam ich schwer verliebt in diese Stadt, arbeitslos, und blieb erst mal: Geh wohin Dein Herz Dich trägt. Zwei Wochen später war ich schwanger. Dahin trägt das Herz also. Das Kind wurde geboren, der Mann war viel unterwegs, ich hatte keine Freunde, keinen Job, keine Kontakte, war allein mit diesem zauberhaften Baby. Ich lief mit dem Kinderwagen weinend durch den Wald, einsam bis zum Anschlag und habe dem Kind und mir tröstend vorgesungen.

Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein‘ Fuß. Hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter einen Gruß. Lieber Vogel, fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss, denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

Es wurde noch ein Kind geboren, ich war glücklich mit meiner Familie, und ebenso beschäftigt. Das Heimweh ließ nach, ich war nur noch müde, habe gestillt, gewickelt, den Haushalt geschmissen, Bewerbungen geschrieben. Der Mann war viel unterwegs. Sehr viel. Ich war allein, fand erst Kontakte, als die Kinder in die Kita kamen.

Die Ehe zerbrach, ich zog mit den Kindern aus. Blieb aber in der Stadt, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte und dem Vater nicht die Kinder. Weil wir eine tolle Kita, viele Freunde, eine schöne Wohnung direkt gegenüber der Kita und ich endlich einen kleinen Job gefunden hatte. Wenn schon keine Familie mehr, dann sollte wenigstens alles andere für die Kinder stabil bleiben.

Ein Jahr später wechselte ich den Job in Richtung „Vollzeit aber Traumjob“, das erste Kind kam in die Schule. Schlechter Zeitpunkt, um die Stadt zu verlassen. Und so verpasste ich Jahr um Jahr das Zeitfenster, nach Hause zurück zu kehren. Mal kam ein Kind in die Schule, mal wechselte ein Kind die Schule. Das Heimweh wurde immer größer und irgendwann setzt ich mir selber die Pistole auf die Brust: entweder ich finde einen Job in der alten Heimat oder hier eine Wohnung mit sonnigem Garten. Die aktuelle Wohnung war zwar groß und günstig, aber dunkel und feucht.

Ich fand keinen Job in der Heimat, aber eine schöne Wohnung mit sonnigem Garten gleich um die Ecke. Das Schicksal hatte also für mich entschieden: wir bleiben in dieser Stadt. Ich arrangierte mich damit, zog um und genoss den Garten, immerhin.

Das Heimweh kommt aber immer noch, in Wellen, am schlimmsten ist es, wenn ich zu Besuch in der Heimat war. Ich schiele immer wieder nach dem passenden Zeitpunkt für den Absprung, aber der kommt nie. Erst war es die Kita, dann die Schule, jetzt die Pubertät. Die Kinder sind hier geboren, hier ist ihr Universum, hier verlieben sie sich. Sie wären längst groß genug, den Kontakt zum Vater selbstständig zu halten, auch mit 400km dazwischen, und ich glaube, der Opfer sind genug gebracht für eine glückliche Kindheit. Nach 14 Jahren habe ich das verdammte Gefühl: jetzt bin ich dran, Leute. Und ich will nach Hause.

Mir flattert ein Angebot ins Haus, ein spannender Karriereschritt: besser bezahlt, keine Abenddienste bis 2 Uhr und obendrein in der Heimat. Wow. Ich will nicht nur nach Hause, ich habe auch große Lust auf diese Arbeit, ich weiß dass ich das kann und dass ich das gut machen werde. Ich hab schon eine Menge Ideen und bin voller Tatendrang und Neugier.

Das schlechte Gewissen zu den Kindern bringt mich dabei fast um, ich verbringe viele schlaflose Nächte. Der Gedanke, ihnen sagen zu müssen dass wir wegziehen, ist schlimmer als die Verkündung der Trennung vor acht Jahren. Angst, den Kindern nach der kaputten Ehe nun endgültig die Kindheit zu versauen, sie aus ihrem Umfeld zu reißen. Angst, dann vielleicht gar nicht arbeiten zu können, weil die Kinder Schwierigkeiten mit den neuen Schulen, Umfeld, Freunden, Lehrern kriegen. Angst, dass ich alles zerstöre, was ich aufgebaut habe. Und dass nur, weil ich mit dem Rad den Rhein lang radeln will? Wie egoistisch kann man sein?

Alle Familien, die ich kenne, die umgezogen sind, waren mit zwei Erwachsenen ausgestattet. Da hat einfach mal einer (meistens die Frau) nicht oder nur wenig gearbeitet, bis die Kinder sich umgewöhnt hatten. Ich bin jedoch allein. Wie immer. Ich muss nicht nur diese Entscheidung alleine treffen, ich muss auch alle Konsequenzen alleine tragen. Eine Wohnung suchen, ein neues Netzwerk für uns aufbauen. Neue Schulen finden. Und natürlich arbeiten, und zwar volle Kanne ab dem ersten Tag, weil neuer Job.

Ich habe Angst, dass ich das nicht packe und mir endgültig alles um die Ohren fliegt. Ich bin in den acht Jahren des Alleinseins mit den Kindern drei Mal in Kur gewesen und zwei Mal monatelang arbeitsunfähig gewesen wegen kompletter Erschöpfung. Seit 1-2 Jahren läuft hier nun endlich alles etwas stabiler, die Kinder sind größer, im Job hat sich einiges entspannt. Und genau an dem Punkt will ich nochmal alles umreißen?

Ja, ich will. Ich habe meine Familie in der Heimat, alte Freunde und ich werde rasch neue finden, die Kinder sowieso. Ich packe das, das weiß ich. Ich will hier nicht bleiben und nicht alt werden, das merke ich bis in die Haarspitzen. Nie hätte ich gedacht, dass Heimat so wichtig für mich ist, wie schmerzhaft Heimweh sein kann. Es reißt Dir das Herz raus. Ich bin entschlossen, das nicht mehr auszuhalten.

Aber nein, siehe oben: Es hat nicht geklappt. Ich war 1mm davor und dann hat es nicht gepasst. Mein Schicksal hat zum zweiten Mal entschieden, dass ich nicht nach Hause gehe. Das tut weh. Ich bleibe also hier, in der Schwabenmetropole, und werde natürlich mit aller Leidenschaft das weiter machen, was ich mache. Weil ich keine halben Sachen mache, und weil ich es gerne mache. Ich habe einen großartigen, Sinn stiftenden Job, ich werde natürlich ab und zu doch zu Geburtstagen eingeladen, ich kann keine 500 Meter durch den Stadtteil laufen ohne Bekannte zu treffen, und wenn man mal den Schmerz in den Waden überwunden hat, klappt’s auch mit dem Fahrrad fahren. Aber mein Herz ist woanders. Geh wohin Dein Herz Dich trägt, aber ich kann nicht gehen.

Das Ganze ist jetzt fast ein halbes Jahr her und ich werde wohl hier bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind. Ich kann inzwischen nicht mehr sagen, ob ich es wirklich getan hätte, denn die Kinder hätten sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug gewehrt, und sie sind einfach das Wichtigste in meinem Leben. Ich fühle mich ja wohl hier, wo ich jetzt bin, trotzdem habe ich Heimweh, immer wieder, Bilder vom Niederrhein kann ich ohne Wehmut überhaupt nicht anschauen. Und so sitze in meinem schönen sonnigen Garten und schaue den Vögeln im Baum zu.

Lieber Vogel fliege weiter, nimm ein‘ Gruß mit und ein‘ Kuss. Denn ich kann Dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.

garten

Weil ich hier bleiben muss

Schule? Bitte nicht so früh!

Die Schule macht uns fertig.

Mich und meine Kinder. Nein, nicht das Lernen, die Hausaufgaben, die Elternabende oder die Schulfeste. G8 oder G9, Klassenarbeiten, Vokabeltest, Jahresprojekte sind es auch nicht.

Es ist die Uhrzeit: 8 Uhr Beginn. Bei uns heißt das, dass ich um 6:30 Uhr aufstehe und um um 6.40 Uhr stehen die Kinder auf. Aber was heißt hier Aufstehen? Ich kratze die Kinder buchstäblich von den Matratzen. Wenn ich um 6.40 Uhr erstmals die Tür öffne und „Guten Morgen“ flöte, liegen beide im absoluten Tiefschlaf, wälzen sich langsam seufzend tiefer unter die Decke, kuscheln noch 5-10 Minuten im Bett, stehen dann murmelnd auf und erscheinen völlig zerstört am Frühstückstisch. Ich beobachte, wie die Zufuhr von Zucker und Kohlehydrate beim Frühstück ganz langsam die Lampen in den Gehirnen meiner Kinder anschaltet. Etwas später verlassen sie müde das Haus, ich schätze sie werden im Bus langsam wach, um dann in einem Zustand innerer Mitternacht in der Schule zu hocken.

Ich selber bin ebenfalls sturzmüde, weil mein Beruf es erfordert, dass ich pro Woche 1-2 Abendtermine bis ca. 24 Uhr oder auch 1 Uhr habe, und es mag an meinem Alter liegen, dass ich meinen Rhythmus nicht einfach so umgestellt kriege: an freien Abenden um 21 Uhr ins Bett, an Arbeitsabenden um 1 Uhr ins Bett. Denn immer ich bin allein ich es, die um 6.30 Uhr aufsteht. Immer, keine Ablösung, seit 8 Jahren. Wenn der erste Abendtermin in der Woche schon am Dienstag ist, kriege ich die Müdigkeit bis zum Wochenende nicht mehr weggepennt, die steckt mir in den Knochen und da hilft kein Mittagsschlaf (wann denn?) und kein frühes ins Bett gehen.

Frühes ins Bett gehen hilft übrigens auch nicht bei den Kindern. Sie liegen zwar um 21 Uhr im Bett, aber wer noch nicht schlafen kann, darf noch lesen. Der „Kleine“ mit seinen 11 Jahren legt meist das Buch um 21.15 Uhr weg und schläft, die Große (13) schläft oft erst um 22 Uhr oder später ein. Vorher sind die beiden vielleicht erschöpft, aber nicht müde genug zum Einschlafen. Und ich kann sie ja schlecht k.o. schlagen.

Sie sind einfach Spätaufsteher und Späteinschläfer, und sie schlafen wirklich lange und gern. Als Babys haben sie nach 10 Wochen ihre 12 Stunden durchgeschlafen und zu Kita-Zeiten hatten wir Mühe, auf 10 Uhr zum Morgenkreis aufzukreuzen. Nicht weil wir so getrödelt haben, sondern einfach weil sie von 20 Uhr abends bis 9 oder halb 10 tief und fest geschlummert haben. Alle haben mich beneidet um meine schlaffreudigen Kinder. Dann kam die Schule, seitdem ist Schluss mit lustig.

In den Ferien, wenn die beiden mal ein Ferienprogramm ab 9 oder 10 Uhr Uhr besuchen, merke ich, wie entspannt und fröhlich es hier zugeht. Die Kinder sind ausgeschlafen, beim Frühstück herrscht gute Laune und sie starten aufgeräumt in den Tag. Die Schule mit ihrem Beginn um 8 Uhr passt weder zum Biorhythmus von meinen Kindern oder mir, noch passt sie zu meinem Job, aber wir sind dem alternativlos ausgeliefert und entsprechend dauermüde bis an die Grenze der Erschöpfung.

Es gibt genügend Studien, die aufzeigen, dass der frühe Schulbeginn dem Lernerfolg der Kinder nicht zuträglich ist. Einige belegen sogar, dass er aktiv schadet. Natürlich gibt es einige Kinder, zu denen 8 Uhr perfekt passt. Aber es gibt mindestens genauso viele Kinder (und in der Pubertät noch sehr viel mehr), für die 8 Uhr eine echte Qual ist. Warum in aller Welt fängt dann die Schule so früh an? Sie ist doch für die Kinder da, die eine Menge lernen sollen, warum geht dann das Angebot so krass an Zielgruppe vorbei?

Weil die Eltern zur Arbeit müssen?

Nein: Schule ist keine Kinderbetreuung. Schule ist dazu da, den Kindern was beizubringen. Nicht, um sie aufzubewahren – okay: zu betreuen, während die Eltern arbeiten. Abgesehen davon trifft das ja auch gar nicht auf alle Eltern zu. Wenn ich zum Beispiel arbeite, ist auch keine Schule. Und nicht nur ich: sämtliche Dienstleistungs-/Schichtdienstberufe und Freiberufler, vom Krankenpfleger über die Busfahrerin, den Webdesigner bis zur Politikerin: in das 8 – 14 Uhr-Schema passen die alle nicht. Eine kleine Blitzumfrage von mir auf Twitter und facebook hat ergeben, dass ca. 35%-40% der berufstätigen Eltern flexible Arbeitszeiten haben. Immerhin haben sich fast 1000 Menschen an der Umfrage beteiligt.

Weil die Kinder noch was vom Tag haben sollen?

Nun, mein 6. Klässler auf dem bilingualen G8-Gynasium (gibt’s ne stressigere Schulform?) hat 3x/Woche um 13.10 Uhr Feierabend, 1x um 15.40 Uhr und alle 14 Tage ein zweites Mal um 15.40 Uhr. Ich würd mal sagen: da ist noch Luft nach oben, ohne dass die Kinder erst zur Tagesschau nach Hause kommen. Aber weil man ja nie von sich auf andere schließen soll, hab ich mal ins Netz geguckt: die Gymnasien in Baden-Württemberg haben 32-34 Wochenstunden, in der 9. und 10. Klasse 35. Das sind pro Tag 6,8 Schulstunden, sagen wir großzügig 7. Bei Beginn um 9 Uhr wäre mit Pausen um ca. 15.45 Uhr Schluss. Täglich von 9 – 15.45 Uhr in der weiterführenden Schule finde ich machbar. Und wir reden hier von der Stundentafel eines G8-Gymnasiums, alle anderen (G9, Real-/ Waldorf-/Gemeinschaftsschule etc) liegen eher bei 29 -32 Wochenstunden, die Grundschule kommt oft mit putzigen 22 Stunden aus. Über den Sinn und Zweck von Hausaufgaben konnte man dann im dem Aufwasch auch gleich verschärft nachdenken. Natürlich müssen Vokabeln gepaukt oder Bücher gelesen werden. Aber den überwiegenden Teil der Hausaufgaben halte ich für Mumpitz, worin mich verschiedene Studien unterstützen.

Kein Kind braucht übrigens fünf Hobbys. Meine Kinder kommen fast völlig ohne aus, aber bissl Sport oder Musik schadet ja nicht. Man kann allerdings auch um 17 Uhr noch 30 Minuten Klavierunterricht absolvieren und um 18 Uhr zum Basketball gehen. Selbst für dieses völlig aus der Mode gekommene „Freunde treffen“ oder „Langeweile“ ist zwischen 16 und 20 Uhr noch Zeit. Denn der Witz ist ja: die Kids müssen nicht mehr um 20 Uhr in der Falle liegen, wenn sie morgens ein Stündchen länger schlafen können. Der gesamte Rhythmus verschiebt sich nach hinten, weil (jetzt kommts!): die Stunde, die die Kinder später Schule haben, wird gar nicht von der Lebenszeit abgezogen!

Und ja: natürlich IST die Schule auch eine Betreuung für die Kinder, wenn die Eltern arbeiten. Da die Arbeitszeiten der Eltern aber sowieso alle total unterschiedlich sind, fände ich es sinnvoll, wenn es zu den Randzeiten vor und nach der Schule vernünftige und flexible Betreuung gäbe, damit ALLE Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können, ohne im burn-out zu landen. Und nicht nur die, deren Arbeitszeiten sich zufällig mit den aktuellen Schulzeiten deckt, während alle anderen Familien sich ein Bein ausreißen und mit privaten Ressourcen die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit abfedern.

Denn aktuell reißen sich alle ein Bein aus: zu allererst die Familien, die sich um Kopf und Kragen organisieren, um ihren Job zu erfüllen, die Kinder in die Schule zu schicken und den Nachmittag kindgerecht zu gestalten. Ob durch elterliche Anwesenheit, durch Hort oder Kita, durch Vereine, Freunde, Nachbarschaft, Tagesmutter etc. Es gibt viele Möglichkeit, und alle haben mit Kraft, Zeit und Geld zu tun, um es irgendwie hinzukriegen. Nicht in allen Familien ist genug Kraft, Zeit und Geld vorhanden, und so bleibt bei vielen was auf der Strecke. Die Schulen bleiben davon unberührt, die verkünden spontanen Unterrichtsausfall, machen Ausflüge die früher zu Ende sind als an dem Tag Unterricht gewesen wäre, die händigen am 1. Schultag einen fixen Stundenplan für die nächsten 12 Monate aus und die Familien können gucken, wie sie das gebacken kriegen.

Inzwischen haben gottlob endlich einige Arbeitgeber damit angefangen, die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben zu ermöglichen. Flexible Arbeitszeiten, flexible Arbeitszeitmodelle, Firmen-Kitas ect. Politik und Wirtschaft engagieren sich mehr oder weniger erfolgreich für Vereinbarkeit, für eine angenehme work-life-balance und für glückliche Arbeitnehmer. Nur die Schule machen da nicht mit: sie bleiben seit zig Jahren starr bei ihren Zeiten und Systemen, während alle um sie herum wie die Blöden ihren Alltag, ihre Familie und ihren Job jonglieren.

Die Schule ist für die Kinder da, und deshalb sollte die Schule sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Kinder brauchen nicht nur frische Luft, Bio-Gemüse und ein niedliches Kuscheltier, sondern auch ausreichend Schlaf und entspannte Eltern.

Natürlich habe ich nicht die perfekte Lösung parat, und natürlich gibt es an jeder Schule, in jeder Gemeinde und in jeder Familie Ausnahmefälle und Unmöglichkeiten. Da muss man sich halt hinsetzen und Lösungen erarbeiten. Ich wette, dass das geht!

Denn, so schreibt Nina Straßner alias Die Juramama in ihrem sehr guten Text zum selben Thema: „Wenn man einfach so ein ganzes Schuljahr streichen kann, von G9 auf G8, dann kann mir keiner sagen, dass sowas eine „unmögliche Reform“ wäre.“. (Bitte lest unbedingt den gesamten Text von Nina, er ist sehr klug und witzig und behandelt das Thema nochmal viel gründlicher und politischer als ich hier!)

Der frühe Schulbeginn macht nicht nur mich und meine Familie fertig. Er ist ungesund für die Kinder und er boykottiert mit seiner Sturheit jede Bestrebung von Politik und Wirtschaft in Richtung Vereinbarkeit.

Wie in aller Welt konnte sich so etwas so lange halten und wie in aller Welt kriegen wir das abgeschafft? Ich hätte längst eine online-Petition gestartet, aber ich bin immer so müde.

aufstehen

Schule? Bitte nicht so früh!

Irgendwas mit Medien

So eine verdammt Scheisse!“

DAS GEHT DOCH GAR NICHT!!“

DU BIST DIE SCHLECHTESTE MUTTER DER WELT!!!“

Das Kind ist knallrot, ihm fliegen die Tränen vor Wut aus den Augen, es brüllt die Wohnung zusammen, schlägt aufs Sofa ein und verschwindet Türen knallend in seinem Zimmer. Verdrischt dort den Boxsack und wirft sich dann heulend in sein Bett.

Alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

Es gibt nichts, das das Kind so aus der Fassung bringt wie Medien und das, das damit unzufrieden stellend läuft. Unzufrieden stellend heißt: das Spiel läuft nicht, das WLAN ist zu schwach, das Kind kann eine Aufgabe nicht lösen oder die unfassbare Scheiß-Mutter hat das nahende Ende der Medienzeit angekündigt.

Mich macht das fertig. Ich kann dieses Gebrüll nicht gut ertragen, die Stimmung in der Wohnung und bei der ganzen Familie sinkt hier völlig in den Keller und selbst die Katzen ergreifen panisch die Flucht. Ich denke an „Soviel Freude soviel Wut“ und daran, dass ich so etwas nicht achtsam begleiten kann. Mich macht das wütend, sauer, traurig und am Ende resigniert.

Man soll die Medienzeit der Kinder begrenzen, tönt es überall. Das Blöde ist: ich kann die Grenzen nicht überwachen. Ich bin nämlich gar nicht immer zu Hause, wenn das Kind zu Hause ist. Ich arbeite Vollzeit und hier gibt’s keinen zweiten Erwachsenen. Ich reiß mir ein Bein aus, um zu Hause zu sein, wenn die Kinder Schule aus haben, aber mindestens jede 2. Woche fällt hier unangekündigt die Mittagsschule aus. Also Kind um 14 Uhr zu Hause statt 16.30 Uhr. Oder ich muss abends arbeiten, dann gehe ich gegen 18 Uhr aus dem Haus. Bis zum Schlafen um 21 Uhr ist eine Menge Zeit, und die verbringen die Kinder nicht mit philosophischen Debatten am Abendbrottisch. Meistens vergessen Sie eh, was zu essen und zocken einfach bis zum Einschlafen.

Das Verrückte ist: früher hatte ich einen Baybsitter, da konnte ich einfach arbeiten gehen. Jetzt sind die Kinder endlich groß genug, um ohne Babysitter den Abend zu verbringen, da sind sie beaufsichtigungsintensiver als je zuvor. Wegen irgendwas mit Medien. Jetzt haben wir allerdings keinen Baybsitter mehr, die Kinder lehnen das kategorisch ab, sind ja keine Babys mehr. Haha.

Ein mäßig kluger medienpädagogischer Ratschlag lautet: guck Dir an, was Dein Kind da macht. Spiel auch mal mit. Aber ich mag keine Computerspiele, ich mag keine Consolendings. Und ich finde, ich muss das auch nicht. Ich interessiere mich durchaus für das, was meine Kinder da machen. Ich google die Spiele und die Technik, die Consolen und die Rezensionen und entscheide dass der 11jährige Fortnite spielen darf, auch wenn meine Freundin, die Pädagogin sagt, das wäre ganz ganz schlimm. Ich höre dem Kind zu, wenn es aufgeregt von neuen Skins redet oder dass es eine neue Herzkammer bekommen hat. Ich gehe mit ihm zur Computerspielschule und gucke mir alles an, ich lese mich da rein, ich höre und gucke zu, ich besorge mir sogar die Klaviernoten vom Lieblingslied des Kindes in Zelda, weil ich selber das Lied so schön finde. Aber ich zocke nicht selber, weil mir das einfach keinen Spaß macht, und ich spiele deshalb nicht zusammen mit dem Kind. Das sollte ich vielleicht, dann könnte ich die Wut und die Ungeduld besser verstehen, die da aufkommen. Ich könne mein Kind vielleicht sogar besser beraten oder trösten, aber ich kann es halt nicht. Das muss mein Kind leider alles ohne mich hinkriegen und aushalten. Vielleicht ist das ein Teil der Wut? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass ich es nicht ändern kann.

Auch ein guter Tipp: den Kindern sinnvolle Alternativen bieten. Puh, wenn ich nach 8 Stunden von der Arbeit komme, auf dem Rückweg eingekauft habe, zu Hause schnell Wäsche und Abendessen mache, dann geht mir echt die Luft aus für sinnvolle Alternativen. Ich bin platt. Vor dem Medienzeitalter haben die Kinder abends gespielt, wie so Kinder. Lego, Verkleiden, Puppen. Sie haben gemalt und gelesen, Hörbücher gehört oder gebastelt, mal miteinander, mal alleine. Ich tröste mich damit, dass sie in den ersten 10 Lebensjahren (fast) völlig analog unterwegs waren, in der Kita-Zeit ständig im Wald, in der Grundschulzeit ständig auf dem Kickplatz und mit Freunden unterwegs waren.

Jetzt machen sie halt irgendwas mit Medien. Wenn ich Pech und sie Glück haben, schon seit 3 Stunden wenn ich nach Hause komme. Und weil ich weder Zeit noch Energie für sinnvolle Alternativen habe, machen sie auch noch eine Weile weiter. Oder ich beende die Medienzeit (natürlich erst nach dem Level, ich bin ja nicht lebensmüde), muss mir dann aber trotzdem Gezeter anhören.

Gezeter. Es ist nicht die Zeit, die viele oder gar zu viele Zeit, die die Kinder mit Medien verbringen, die mich fertig macht. Ich find nämlich tatsächlich auch, dass man gerne mal einen ganzen Abend chatten, eine Aufgabe zu Ende und ein Level (stundenlang!) durchspielen, drei Harry Potter-Filme oder acht Folgen der Lieblingsserie nacheinander gucken kann.

Aber das Gezeter. Es ist das Gezeter, das mir an die Substanz geht. Es ist die schlechte Laune, die Gereiztheit und wenns blöd läuft das Gebrüll. Denn diese schlechte Laune kommt bei analogen Beschäftigungen nicht auf, jedenfalls nicht in diesem Eskalationsgrad. Weder Lego noch Malen, noch Lesen, noch gemeinsames Spiel generiert derart miese Stimmung und explosionsartige Ausbrüche wie irgendwas mit Medien. Die schlechte Laune hält sich dann gerne über das ganze Abendessen und inzwischen habe ich gelernt, dass man da nix, aber auch gar nix machen kann. Und schon gar nicht die berühmte Empathie zeigen! „Das tut mir leid, daß Dich das so ärgert“. „DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG UND JETZT MACHST DU DICH AUCH NOCH ÜER MICH LUSTIG!“ Nein, hier empfiehlt sich geduldiges Schweigen bis hin zur Ignoranz und Warten, bis der Ausbruch vorüber geht. Dann dezent Nahrung reichen und ein Glas Wasser, oft geht beim Zocken der Blutzucker runter und das Kind vergisst zu trinken. Dann geht’s irgendwann wieder und alle können aufatmen. Mit ein bisschen Glück ist der Abend noch zu retten, wir reden und essen miteinandern und danach spielt das Kind entspannt Lego oder liest ein Buch. Nochmal die Kurve gekriegt.

Aber es ist mühsam, und nicht nur das. Ich bin ratlos, genervt und manchmal überfordert von dem Thema. Ich lese alle möglichen Texte dazu, den von Julia Karnick und natürlich verschlinge ich alles von Patricia Cammarata. Das beruhigt ungemein, denn sie hat wirklich Ahnung vom Thema und ihre Interviews mit anderen Familien zeigen mir, dass ich bei Weitem nicht alleine bin mit familiären Mediendiskussionen. Das Thema treibt alle Eltern um, gerade die aus den 70ern des letzten Jahrhunderts, weil sie oft noch mit Schreibmaschinen und schwarz-weiss-Fernsehen groß geworden sind. Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ich hab die Kinder als Babys noch ohne smartphone ins Bett gekriegt, ich hatte ja nicht mal eine App zum Stillen (ich hab noch die Brüste genommen, haha). Wir hatten ja nichts!

Quatsch, ich bin zwar 47 Jahre alt, aber kein digitaler Trottel. Ich bin nicht nur beruflich einigermaßen erfolgreich mit dem weltweiten Netz zugange, ich betreibe immerhin ein selbstgebasteltes Blog, habe fast 3000 Follower auf Twitter, kann ein smart-tv anschließen und ein musica.ly erstellen. Ich weiß, dass man verdammt viel Zeit mit digitalen Endgeräten verbringen kann und will. Aber diese schlechte Laune, die Wut, die Tränen und die abgrundtiefe Verzweiflung, die mein Kind da erlebt: das kenne ich nicht und das macht mich fertig. Ich bin halt auch nur eine Mutter, die ein glückliches Kind haben will, und das Kind sieht damit nicht glücklich aus.

Das Kind versichert mir jedoch das Gegenteil, denn ich habe es schon oft gefragt, warum es sich stundenlang mit etwas beschäftigt, das dermaßen frustriert? Die Antwort: Es macht ihm Spaß. Es sei halt nur ab und zu ein bisschen nervig, aber grundsätzlich mache das großen Spaß. Und das Gebrüll tue ihm leid, er habe sich halt so geärgert. Immerhin, Selbsterkenntnis ist ja erwiesenermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Ich lerne über mein Kind: die Definition von Spaß und das Maß an Frustration liegen bei mir und ihm diametral auseinander. Wenn ich denke, der Junge erleidet gleich einen Hirnschlag, hat er sich halt ein bisschen geärgert“.

Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen, gleichwohl verbitte ich mir, haltlos angeschnauzt zu werden und die ganze Familie samt Haustieren in Angst und Schrecken zu versetzen. Er soll bitte in seinem Zimmer wüten, denn im Wohnzimmer steht unser Klavier, wo ich mit Kass‘ Theme meine Nerven zu beruhigen versuche. Die Nachbarn mögen sich über die dichte Abfolge von Gebrüll, Türen knallen und sanfter Klaviermusik wundern.

Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Irgendwas mit Medien

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Natürlich ohne die Kinder. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

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Es reicht! Es reicht für uns alle!

Ich bin raus

Zweieinhalb Jahre habe ich gebloggt. Meine Texte wurden immer persönlicher und haben vom Leben alleine mit zwei Kindern erzählt. Ich habe viele Rückmeldungen zu meinen Texten bekommen, die Texte haben viele Menschen berührt und viele haben mir geschrieben, wie wichtig es ist, diese Innensicht einer Alleinerziehenden zu bekommen.

Viele Rückmeldungen haben mich ermuntert, weiter zu schreiben. Aber es gab auch weniger schönes Feedback, und das wurde natürlich mehr, je größer die Reichweite des Blogs wurde. In der Summe ist es mir zuviel geworden, ich habe das Gefühl, dass zu viele Menschen, die ich überhaupt nicht kenne und nicht einschätzen kann, zu viel über meine Leben wissen. Das gruselt mich, das möchte ich nicht. Nicht mehr.

Der Blog war mal anonym gedacht, um meine Gedanken los zu werden und um Austausch zu finden. Aber schnell wurden politische Idee und Aktionen daraus, und das ist sehr gut und wichtig. Deshalb bleiben die politischen Texte und Aktionen hier und und sie bleiben natürlich auch öffentlich. Und ein paar persönlichere Texte, die ich im Web aushalten kann. Die anderen Texte sind auch alle noch da, aber nicht mehr sichtbar. Ich bewahre sie mir auf und werde sie vielleicht irgendwann wieder veröffentlichen. Hier oder in anderer Form.

Ich habe tolle Menschen durch das Bloggen kennen gelernt, virtuell und ganz echt, dafür bin ich sehr dankbar! Ich glaube, ich habe für die Alleinerziehenden auch etwas erreicht. Kein reformiertes Steuersystem, aber etwas Öffentlichkeit. Ich war immerhin im Stern, in der Brigitte, BrigitteMOM, im ZDF, auf RTL, im WDR, in der Stuttgarter Zeitung, im Kirchenfernsehen sogar im Familienministerium, und zwar nicht mit meinen persönlichen Texten, sondern mit dem Benennen von Missständen und mit konkreten Forderungen. Wenn ich wieder etwas mehr Zeit und Kraft habe, engagiere ich mich vielleicht wieder öffentlich, aber jetzt ist mir erstmal die Puste ausgegangen. Ich muss mich dringend auf mein analoges, „echtes“ Leben konzentrieren und vor allem auf meine Kinder. Ich brauche Zeit und alle meine Ressourcen für meine kleine Familie, denn sie ist das Beste, Wichtigste und Schönste, das ich habe. Ich muss und will für sie da sein, immer.

Aber fürs Internet gilt jetzt erstmal: ich bin raus.

ichbinraus

Ich bin raus