Irgendwas mit Medien

So eine verdammt Scheisse!“

DAS GEHT DOCH GAR NICHT!!“

DU BIST DIE SCHLECHTESTE MUTTER DER WELT!!!“

Das Kind ist knallrot, ihm fliegen die Tränen vor Wut aus den Augen, es brüllt die Wohnung zusammen, schlägt aufs Sofa ein und verschwindet Türen knallend in seinem Zimmer. Verdrischt dort den Boxsack und wirft sich dann heulend in sein Bett.

Alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

Es gibt nichts, das das Kind so aus der Fassung bringt wie Medien und das, das damit unzufrieden stellend läuft. Unzufrieden stellend heißt: das Spiel läuft nicht, das WLAN ist zu schwach, das Kind kann eine Aufgabe nicht lösen oder die unfassbare Scheiß-Mutter hat das nahende Ende der Medienzeit angekündigt.

Mich macht das fertig. Ich kann dieses Gebrüll nicht gut ertragen, die Stimmung in der Wohnung und bei der ganzen Familie sinkt hier völlig in den Keller und selbst die Katzen ergreifen panisch die Flucht. Ich denke an „Soviel Freude soviel Wut“ und daran, dass ich so etwas nicht achtsam begleiten kann. Mich macht das wütend, sauer, traurig und am Ende resigniert.

Man soll die Medienzeit der Kinder begrenzen, tönt es überall. Das Blöde ist: ich kann die Grenzen nicht überwachen. Ich bin nämlich gar nicht immer zu Hause, wenn das Kind zu Hause ist. Ich arbeite Vollzeit und hier gibt’s keinen zweiten Erwachsenen. Ich reiß mir ein Bein aus, um zu Hause zu sein, wenn die Kinder Schule aus haben, aber mindestens jede 2. Woche fällt hier unangekündigt die Mittagsschule aus. Also Kind um 14 Uhr zu Hause statt 16.30 Uhr. Oder ich muss abends arbeiten, dann gehe ich gegen 18 Uhr aus dem Haus. Bis zum Schlafen um 21 Uhr ist eine Menge Zeit, und die verbringen die Kinder nicht mit philosophischen Debatten am Abendbrottisch. Meistens vergessen Sie eh, was zu essen und zocken einfach bis zum Einschlafen.

Das Verrückte ist: früher hatte ich einen Baybsitter, da konnte ich einfach arbeiten gehen. Jetzt sind die Kinder endlich groß genug, um ohne Babysitter den Abend zu verbringen, da sind sie beaufsichtigungsintensiver als je zuvor. Wegen irgendwas mit Medien. Jetzt haben wir allerdings keinen Baybsitter mehr, die Kinder lehnen das kategorisch ab, sind ja keine Babys mehr. Haha.

Ein mäßig kluger medienpädagogischer Ratschlag lautet: guck Dir an, was Dein Kind da macht. Spiel auch mal mit. Aber ich mag keine Computerspiele, ich mag keine Consolendings. Und ich finde, ich muss das auch nicht. Ich interessiere mich durchaus für das, was meine Kinder da machen. Ich google die Spiele und die Technik, die Consolen und die Rezensionen und entscheide dass der 11jährige Fortnite spielen darf, auch wenn meine Freundin, die Pädagogin sagt, das wäre ganz ganz schlimm. Ich höre dem Kind zu, wenn es aufgeregt von neuen Skins redet oder dass es eine neue Herzkammer bekommen hat. Ich gehe mit ihm zur Computerspielschule und gucke mir alles an, ich lese mich da rein, ich höre und gucke zu, ich besorge mir sogar die Klaviernoten vom Lieblingslied des Kindes in Zelda, weil ich selber das Lied so schön finde. Aber ich zocke nicht selber, weil mir das einfach keinen Spaß macht, und ich spiele deshalb nicht zusammen mit dem Kind. Das sollte ich vielleicht, dann könnte ich die Wut und die Ungeduld besser verstehen, die da aufkommen. Ich könne mein Kind vielleicht sogar besser beraten oder trösten, aber ich kann es halt nicht. Das muss mein Kind leider alles ohne mich hinkriegen und aushalten. Vielleicht ist das ein Teil der Wut? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass ich es nicht ändern kann.

Auch ein guter Tipp: den Kindern sinnvolle Alternativen bieten. Puh, wenn ich nach 8 Stunden von der Arbeit komme, auf dem Rückweg eingekauft habe, zu Hause schnell Wäsche und Abendessen mache, dann geht mir echt die Luft aus für sinnvolle Alternativen. Ich bin platt. Vor dem Medienzeitalter haben die Kinder abends gespielt, wie so Kinder. Lego, Verkleiden, Puppen. Sie haben gemalt und gelesen, Hörbücher gehört oder gebastelt, mal miteinander, mal alleine. Ich tröste mich damit, dass sie in den ersten 10 Lebensjahren (fast) völlig analog unterwegs waren, in der Kita-Zeit ständig im Wald, in der Grundschulzeit ständig auf dem Kickplatz und mit Freunden unterwegs waren.

Jetzt machen sie halt irgendwas mit Medien. Wenn ich Pech und sie Glück haben, schon seit 3 Stunden wenn ich nach Hause komme. Und weil ich weder Zeit noch Energie für sinnvolle Alternativen habe, machen sie auch noch eine Weile weiter. Oder ich beende die Medienzeit (natürlich erst nach dem Level, ich bin ja nicht lebensmüde), muss mir dann aber trotzdem Gezeter anhören.

Gezeter. Es ist nicht die Zeit, die viele oder gar zu viele Zeit, die die Kinder mit Medien verbringen, die mich fertig macht. Ich find nämlich tatsächlich auch, dass man gerne mal einen ganzen Abend chatten, eine Aufgabe zu Ende und ein Level (stundenlang!) durchspielen, drei Harry Potter-Filme oder acht Folgen der Lieblingsserie nacheinander gucken kann.

Aber das Gezeter. Es ist das Gezeter, das mir an die Substanz geht. Es ist die schlechte Laune, die Gereiztheit und wenns blöd läuft das Gebrüll. Denn diese schlechte Laune kommt bei analogen Beschäftigungen nicht auf, jedenfalls nicht in diesem Eskalationsgrad. Weder Lego noch Malen, noch Lesen, noch gemeinsames Spiel generiert derart miese Stimmung und explosionsartige Ausbrüche wie irgendwas mit Medien. Die schlechte Laune hält sich dann gerne über das ganze Abendessen und inzwischen habe ich gelernt, dass man da nix, aber auch gar nix machen kann. Und schon gar nicht die berühmte Empathie zeigen! „Das tut mir leid, daß Dich das so ärgert“. „DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG UND JETZT MACHST DU DICH AUCH NOCH ÜER MICH LUSTIG!“ Nein, hier empfiehlt sich geduldiges Schweigen bis hin zur Ignoranz und Warten, bis der Ausbruch vorüber geht. Dann dezent Nahrung reichen und ein Glas Wasser, oft geht beim Zocken der Blutzucker runter und das Kind vergisst zu trinken. Dann geht’s irgendwann wieder und alle können aufatmen. Mit ein bisschen Glück ist der Abend noch zu retten, wir reden und essen miteinandern und danach spielt das Kind entspannt Lego oder liest ein Buch. Nochmal die Kurve gekriegt.

Aber es ist mühsam, und nicht nur das. Ich bin ratlos, genervt und manchmal überfordert von dem Thema. Ich lese alle möglichen Texte dazu, den von Julia Karnick und natürlich verschlinge ich alles von Patricia Cammarata. Das beruhigt ungemein, denn sie hat wirklich Ahnung vom Thema und ihre Interviews mit anderen Familien zeigen mir, dass ich bei Weitem nicht alleine bin mit familiären Mediendiskussionen. Das Thema treibt alle Eltern um, gerade die aus den 70ern des letzten Jahrhunderts, weil sie oft noch mit Schreibmaschinen und schwarz-weiss-Fernsehen groß geworden sind. Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ich hab die Kinder als Babys noch ohne smartphone ins Bett gekriegt, ich hatte ja nicht mal eine App zum Stillen (ich hab noch die Brüste genommen, haha). Wir hatten ja nichts!

Quatsch, ich bin zwar 47 Jahre alt, aber kein digitaler Trottel. Ich bin nicht nur beruflich einigermaßen erfolgreich mit dem weltweiten Netz zugange, ich betreibe immerhin ein selbstgebasteltes Blog, habe fast 3000 Follower auf Twitter, kann ein smart-tv anschließen und ein musica.ly erstellen. Ich weiß, dass man verdammt viel Zeit mit digitalen Endgeräten verbringen kann und will. Aber diese schlechte Laune, die Wut, die Tränen und die abgrundtiefe Verzweiflung, die mein Kind da erlebt: das kenne ich nicht und das macht mich fertig. Ich bin halt auch nur eine Mutter, die ein glückliches Kind haben will, und das Kind sieht damit nicht glücklich aus.

Das Kind versichert mir jedoch das Gegenteil, denn ich habe es schon oft gefragt, warum es sich stundenlang mit etwas beschäftigt, das dermaßen frustriert? Die Antwort: Es macht ihm Spaß. Es sei halt nur ab und zu ein bisschen nervig, aber grundsätzlich mache das großen Spaß. Und das Gebrüll tue ihm leid, er habe sich halt so geärgert. Immerhin, Selbsterkenntnis ist ja erwiesenermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Ich lerne über mein Kind: die Definition von Spaß und das Maß an Frustration liegen bei mir und ihm diametral auseinander. Wenn ich denke, der Junge erleidet gleich einen Hirnschlag, hat er sich halt ein bisschen geärgert“.

Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen, gleichwohl verbitte ich mir, haltlos angeschnauzt zu werden und die ganze Familie samt Haustieren in Angst und Schrecken zu versetzen. Er soll bitte in seinem Zimmer wüten, denn im Wohnzimmer steht unser Klavier, wo ich mit Kass‘ Theme meine Nerven zu beruhigen versuche. Die Nachbarn mögen sich über die dichte Abfolge von Gebrüll, Türen knallen und sanfter Klaviermusik wundern.

Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

IMG_9253

Advertisements
Irgendwas mit Medien

Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
Dreckige Wäsche

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

30657039_10216332425850211_2250590698787045376_n

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Ich bin raus

Zweieinhalb Jahre habe ich gebloggt. Meine Texte wurden immer persönlicher und haben vom Leben alleine mit zwei Kindern erzählt. Ich habe viele Rückmeldungen zu meinen Texten bekommen, die Texte haben viele Menschen berührt und viele haben mir geschrieben, wie wichtig es ist, diese Innensicht einer Alleinerziehenden zu bekommen.

Viele Rückmeldungen haben mich ermuntert, weiter zu schreiben. Aber es gab auch weniger schönes Feedback, und das wurde natürlich mehr, je größer die Reichweite des Blogs wurde. In der Summe ist es mir zuviel geworden, ich habe das Gefühl, dass zu viele Menschen, die ich überhaupt nicht kenne und nicht einschätzen kann, zu viel über meine Leben wissen. Das gruselt mich, das möchte ich nicht. Nicht mehr.

Der Blog war mal anonym gedacht, um meine Gedanken los zu werden und um Austausch zu finden. Aber schnell wurden politische Idee und Aktionen daraus, und das ist sehr gut und wichtig. Deshalb bleiben die politischen Texte und Aktionen hier und und sie bleiben natürlich auch öffentlich. Und ein paar persönlichere Texte, die ich im Web aushalten kann. Die anderen Texte sind auch alle noch da, aber nicht mehr sichtbar. Ich bewahre sie mir auf und werde sie vielleicht irgendwann wieder veröffentlichen. Hier oder in anderer Form.

Ich habe tolle Menschen durch das Bloggen kennen gelernt, virtuell und ganz echt, dafür bin ich sehr dankbar! Ich glaube, ich habe für die Alleinerziehenden auch etwas erreicht. Kein reformiertes Steuersystem, aber etwas Öffentlichkeit. Ich war immerhin im Stern, in der Brigitte, BrigitteMOM, im ZDF, auf RTL, im WDR, in der Stuttgarter Zeitung, im Kirchenfernsehen sogar im Familienministerium, und zwar nicht mit meinen persönlichen Texten, sondern mit dem Benennen von Missständen und mit konkreten Forderungen. Wenn ich wieder etwas mehr Zeit und Kraft habe, engagiere ich mich vielleicht wieder öffentlich, aber jetzt ist mir erstmal die Puste ausgegangen. Ich muss mich dringend auf mein analoges, „echtes“ Leben konzentrieren und vor allem auf meine Kinder. Ich brauche Zeit und alle meine Ressourcen für meine kleine Familie, denn sie ist das Beste, Wichtigste und Schönste, das ich habe. Ich muss und will für sie da sein, immer.

Aber fürs Internet gilt jetzt erstmal: ich bin raus.

ichbinraus

Ich bin raus

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Von „Du hast ja den Alleinerziehenden-Bonus“ bis „Du kriegst ja auch so viel Steuererleichterung“ gibt es eine Menge  Gemunkel um den begünstigen Status von Alleinerziehenden.

Alles Mumpitz!

Denn wenn man es mal genauer betrachtet, werden Alleinerziehende steuerlich ganz gut belastet, sobald sie auch nur einen steuerrelevanten Euro verdienen. Die berühmte Steuerklasse 2 sorgt dafür, dass ein alleinstehender Mensch mit Kindern nicht so viel Steuern zahlt wie ein Mensch ohne Kinder. Soweit so schön. Aber an meinem Beispiel sieht man, wie hanebüchen das ist: bei meinem Vollzeit-Gehalt rechne ich einen Unterschied zu Steuerklasse 1 von gerade mal 59€ aus. Dafür, dass ich alleine zwei Kinder großziehe. Ein Witz ist das! Wäre ich verheiratet, hätte ich in der Steuerklasse 3 ganze 271€ mehr auf dem Konto, jeden Monat. Und zwar völlig egal, ob ich Kinder habe oder gar wie viele. Das deutsche Steuersystem belohnt den Trauschein, nicht das Kinderhaben. Warum auch immer.

Aber der Kinderfreibetrag! Und das Kindergeld!

Ja genau, fast vergessen. Kinderfreibetrag und Kindergeld gehen gerechterweise zur Hälfte auf das Konto des Kindsvaters. Der zahlt nämlich Unterhalt, also steht ihm die Hälfte dieser Steuervergünstigungen zu. Soweit so schön. Die Kinder werden allerdings zu 85% von mir betreut (zwei Wochen lang) und zu 15% vom Vater (jedes 2. Wochenende). Auch in den Ferien! Dieses Ungleichgewicht findet sich in der Erleichterung der Steuer jedoch nicht wieder. Warum auch immer.

Hier sieht man übrigens auch, wie schwachsinnig ein im letzten Bundestagswahlkampf aus den Reihen der FDP kommender Vorschlag war, man solle dem Unterhaltszahler die Möglichkeit geben, den Unterhalt von der Steuer abzusetzen, dies würde einen größeren Anreiz geben, den Unterhalt auch zu zahlen. Was für ein Quatsch, denn er kommt ja schon in den Genuss von 50% der Steuererleichterung. Wenn der Unterhalt von der Steuer abgesetzt werden soll, dann bitte jeder Unterhalt, auch der, der von Eltern gezahlt wird, die zusammen leben. Und auch der Unterhalt, den ICH für meine Kinder ausgebe, denn ich unterhalte meine Kinder ja auch: Miete & Nebenkosten, Lebensmittel, Klamotten, Schul-/Freizeitbedarf, Taschengeld und Versicherungen etc. Wenn ich das alles von der Steuer absetzen könnte – ach das wär schön!

Obendrein zahlen Eltern fleißig Mehrwertsteuer, und zwar unverhältnismäßig mehr als Menschen ohne Kinder. Weil Eltern nämlich gezwungen sind, mehr Verbrauchsgüter anzuschaffen und Investitionen zu tätigen, als Menschen ohne Kinder. Vom Kinderwagen, Tragetuch und Windeln über Schulranzen, Gummistiefel, Sportklamotten für die Schule, Sportklamotten für den Verein, Winterjacke, Sommerschuhe, Farbmalkasten etc. müssen Eltern ständig neue Dinge kaufen, weil die Kinder rauswachsen, sich verändern oder schlichtweg in die Schule fahren müssen. Allein das Monatsticket für den Nahverkehr kostet in Stuttgart 40,20€, pro Kind, jeden Monat. Das sind 964€ im Jahr, die ich nicht mal als Arbeitsweg von der Steuer absetzen kann. Dabei herrscht Schulpflicht in diesem Land, und mit dem Fahrrad durch Stuttgart zur fahren grenzt an Kindeswohlgefährdung, da bleibt nur der Bus.

Wie schön, dass Katzenfutter, Schnittblumen und Schmuddelheftchen vom Kiosk dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz unterliegen. Trifft nur nicht ganz die alltägliche Lebenswelt von Eltern. Und Alleinerziehende trifft es doppelt heftig, weil hier einfach nur eine Person Geld verdient, nicht zwei.

Halten wir fest: ich zahle fast soviel Steuern von meinem Brutto-Gehalt wie ein Single, der nur für sich selbst verantwortlich ist. Ich verbrauche ungleich mehr Waren mit 19% Mehrwertsteuer als ein Single. Von dem Kindergeld und dem Kinderfreibetrag erhalte ich die Hälfte.

Daran will offenbar auch die neue Bundesregierung nichts ändern. Und deshalb schreibe ich das  hier auf. Damit es einfach niemand vergisst und im Zweifel nochmal nachlesen kann:

Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

****

Steht übrigens auch im Stern Nr. 13 vom 22.3.2018 ab Seite 32:

FullSizeRender
Foto: Hardy Müller / Patrick Junker im Stern 13/2018
Steuererleichterung für Alleinerziehende? Pustekuchen!

Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich hab nix gegen Elterntaxis. Ich hab was gegen überflüssige Autofahrten. Egal ob Eltern oder nicht. Der Unterschied zwischen sinnvoller und überflüssiger Autofahrt ist ein schmaler Grad und führt zu hitzigen Diskussionen. Es ist schlichtweg nicht zu beurteilen oder zu bewerten, ob eine Autofahrt jetzt unabwendbar oder überflüssig war, denn jeder führt mehr oder weniger überzeugende Argumente an.

Was meiner Meinung nach jedoch kein überzeugendes Argument ist, ist die Folgen des Autofahrens auszublenden und über Alternativen gar nicht erst nachzudenken. Weil man das Auto ja eh hat und weil jeder denkt „ach, die eine Autofahrt“.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass unsere Städte (und meine: Stuttgart ganz besonders) für den Autoverkehr optimiert sind, nicht für Fußgänger, Radfahrer oder öffentliche Verkehrsmittel. Ein Umdenken bei Politik und Stadtplanung kommt recht schwerfällig in Gang und ist nach jahrzehntelanger Fokussierung auf individuelle Verbrennungsmaschinen sehr mühsam.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass in den Köpfen immer noch das Auto als die optimale Bewältigung einer Strecke betrachtet wird:

  • Eingekauft wird mit dem Auto, obwohl der Supermarkt zu Fuß in 10 Minuten erreichbar ist. Mit dem Einkaufswägelchen ist es sogar praktischer, denn ich packe die Sachen von der Kasse im Laden in meinen Wagen, und ziehe den zu Hause bis vor den Kühlschrank. Die Autofahrer packen zig mal um, in den Wagen, ins Auto, fahren 5 Minuten, parken in 2. Reihe, packen aus und schleppen die Sachen in die Wohnung, gehen eine Parkplatz suchen. Wenn ich zu Fuß einkaufe, treffe ich meine Nachbarn, die denselben Weg mit dem Auto bewältigen. Warum, frage ich mich?
  • Zur Arbeit gefahren wird mit dem Auto, weil man das Glück hat, in der Innenstadt einen Betriebsparkplatz zu haben. Obwohl zu Hause vor der Tür die Bahn abfährt und bis auf 300 Meter an die Arbeitsstätte heranreicht. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind wird vom Fußball mit dem Auto abgeholt, obwohl es mit dem Auto (dank Einbahnstraßenchaos) ein riesiger Umweg ist und es erst am Fußballplatz und dann zu Hause keinen Parkplatz gibt. Zu Fuß wären es ein paar Minuten gewesen, es ist hell, die Kinder laufen im Rudel und sind allesamt über 10 Jahre alt. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind (12 Jahre alt) wird in die Schule gefahren, obwohl es 2km ebene Strecke zur Schule sind: es gibt einen Bus (2 Haltestellen), es gibt einen Radweg und es gibt alle 6 Wochen eine Mail aus der Schule, die Kinder BITTE BITTE nicht mit dem Auto zu bringen. Warum, frage ich mich?

Es geht auch noch krasser:

  • meine Tochter fährt jeden Tag mit dem Bus von der Schule nach Hause. 10 Minuten dauert das, Fußweg zur Haltestelle jeweils ca. 400m. Als eine Freundin sie mittags besuchte, kam die Mutter extra mit dem Auto zur Schule und hat die beiden 12jährigen zu uns gefahren. Quasi dem Bus hinterher. Warum, frage ich mich?
  • Der Sohn besucht einen Freund einen Stadtteil weiter. Da fährt eine Bahn. Auf dem Hinweg nimmt die Mutter vom Freund beide aus dem Hort mit dem Auto mit. Den Rückweg soll er alleine machen, er kennt den Weg, er kennt die Bahn. Trotz dieser Absprache bringt die Mutter meinen Sohn mit dem Auto nach Hause. Warum, frage ich mich?

Mich ärgern daran zwei Dinge: jede überflüssige Autofahrt ist eine Autofahrt zu viel. Und die pädagogischen Folgen: den Kindern wird vermittelt, dass eine Autofahrt IMMER die bessere Alternative ist. Auch wenn es länger dauert, mehr Dreck macht und anders besprochen war: Autofahren ist besser.

Autofahren ist nicht besser.

Es gibt gute Gründe, selber oder die Kinder mit dem Auto zu fahren, aber die Beispiele, die ich hier genannt habe, gehören meiner Meinung nach nicht dazu. Wenn ich die Autofahrer darauf anspreche, sagen sie „ist doch bequemer“, „dann hat sie es gemütlicher“, „ach das eine Mal“, „dann kann er 5 Minuten länger spielen“, „mein Kind kennt den Weg nicht“ oder auch einfach „ich fahr halt gerne Auto“. Das sind meiner Meinung nach verdammt schwammige Gründe für die Autofahrt in einer Stadt, die im Autoverkehr versinkt.

Nora Imlau hat in ihrem Text einige Gründe angeführt, die die Grundlage für Elterntaxis bilden können:

  • „Manche Eltern müssen mehrere Kinder an verschiedene Orte bringen, bevor sie selbst zur Arbeit gehen, und schaffen es nicht, all diese Wege zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen.
  • Manche Kinder leiden unter Schulangst, und ein Moment der Ruhe mit Mama oder Papa im Auto hilft ihnen, Kraft und Mut für den Tag zu sammeln.
  • Es gibt Kinder, für die sind die zehn Minuten im Auto morgens die einzige Wachzeit unter der Woche, die sie mit ihrem Papa verbringen.
  • Manche Kinder haben einen langen Schulweg, weil sie nicht die Regelschule ums Eck besuchen, sondern eine andere Schule, die ihre Eltern meist aus sehr guten Gründen für sie ausgewählt haben.
  • Manche Eltern fahren jeden Tag 60 Kilometer einfache Strecke über die Autobahn, um ihr Kind zu der einzigen Schule in der Umgebung zu bringen, an der ihr Kind sein darf wie es ist.“

Ich finde das ok, mir fehlt hier allerdings der Punkt, radikaler über Alternativen nachzudenken, denn meiner Meinung nach ist das Auto immer die schlechtere Wahl. Wenn es nur diese 10 Minuten mit dem Papa im Auto gibt: kann man da am Familienalltag was drehen? Wenn das Kind Schulangst hat: kann man Kraft und Mut für den Tag wirklich nur im Auto sammeln, nirgendwo sonst?

Ich finde das Umdenken wichtig: geht es vielleicht auch ohne Auto? Können wir uns anders organisieren? Der Gedanke ist vielleicht ungewohnt und oft unbequem, aber er lohnt sich immer. Das Bewusstsein, dass ein Verbrennungsmotor, der eine Tonne Stahl und Eisen bewegt, nicht die umweltschonendste Variante der Fortbewegung ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Es wird als individuelles Recht gesehen, soviel Auto zu fahren wie man Lust hat. Ich finde jedoch, jeder Mensch hat mit seinem Handeln auch eine gesellschaftliche Verantwortung. (Das Private ist politisch. Immer) Und wenn ich durch eine Änderung meines persönlichen Verhaltens eine Verbesserung für alle erreichen kann, dann sollte ich es nach Möglichkeit auch tun. Und nicht einfach auf Kosten Aller meiner persönlichen Bequemlichkeit den Vorrang gewähren. Wenn ich mich entscheide, aus welchen Gründen auch immer, das nicht zu tun, dann habe ich hoffentlich wenigstens gründlich drüber nachgedacht, die Sache reflektiert und bin zu einer Entscheidung gekommen, die ich guten Gewissens rechtfertigen kann. Aber einfach nur zu sagen „ach es ging halt schneller“, „Es ist eben bequemer“ oder „Im Auto können wir so schön Musik hören“ (alles schon gehört), ist meiner Meinung nach kein valider Grund, die Luft- und Lebensqualität aller Stadtbewohner weiter zu ruinieren.

Und deshalb ärgere ich mich wahnsinnig, dass das Schülermonatsticket in Stuttgart zum 1.1.2018 wieder erhöht wurde. Zwar nur um 85 Cent, aber vor 2 Jahren waren es bereits 2€. Und klammheimlich: keine Pressemeldung, kein Newsletter, nix, nur der Blick aufs Konto verrät den Eltern diese Verteuerung. Wenn diese Stadt wirklich ein Umdenken wöllte, dann würde sie das Schülermonatsticket radikal vergünstigen oder gar umsonst anbieten, wie es andernorts ja auch möglich ist. Denn dass Eltern keine Lust haben, für 4 Haltestellen 40€/Monat zu zahlen, kann ich verstehen, und mit diesen heimlichen und ständigen Verteuerungen erreicht man ganz bestimmt kein Umdenken, sondern nur die Zunahme von Elterntaxis. Es kostet mich 964,80€ im Jahr, meine Kinder mit Bus&Bahn in die Schule zu kriegen (Fahrrad ist wegen der Stuttgarter Berg-und-Tal-Fahrt und wegen der absolut miserablen Radinfrastruktur ausgeschlossen: ich schicke keinen 11jährigen durch den fahrradweglosen 4spurigen Autoverkehr mit 7-Kilo-Ranzen quer durch die Stadt). In die Grundschule sind sie noch gelaufen, die Kosten für das Monatsticket kommen seit der weiterführenden Schule halt einfach dazu. Woher die Kohle kommen soll, weiß ich nicht, und Fritz Kuhn, mein grüner Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender des VVS, wird es mir auch nicht sagen können. Auf jeden Fall ist das ganz sicher nicht das Konzept einer familienfreundlichen Stadt, die auf dem Weg in die Verkehrswende ist.

Zurück zum Anfang: Ich habe nix gegen Elterntaxis. Ich gehe davon aus, dass, wie Nora Imlau schreibt, Eltern einen sehr guten und wohl bedachten Grund für jede einzelne Autofahrt haben.

Meine Beobachtungen und Erfahrungen in meinem Umfeld sind, wie beschrieben, leider oft andere. Es wird Auto gefahren, weil es geht. Ich habe was gegen das unbedachte, unreflektierte Autofahren zu Gunsten der eigenen Bequemlichkeit. Denn das kann man, gerade in Städten wie Stuttgart, echt nicht mehr bringen.

Wir müssen umdenken. Auch mal in Kauf nehmen, dass es vielleicht bissl unbequemer ist. Wir müssen unseren Kindern vermitteln und vorleben, dass eine Autofahrt nicht immer die erste und einzige Wahl ist, und dass es von Verantwortungsbewusstsein zeugt, auch mal auf das Auto zu verzichten und gemeinsam zu überlegen, wie wir es anders machen können.

In dem Moment, wo ich ins Auto steige, belaste ich die Luft die ich atme, die mein Kind atmet, und die andere Menschen und deren Kinder atmen. Deshalb finde ich, ist es keine komplett individuelle Entscheidung, ob ich Auto fahre, sondern ich entscheide damit auch über die Lebensqualität meiner Mitmenschen. Dieser Verantwortung sollte sich jeder, der das Auto nutzt, immer bewusst sein.

Von der Politik erwarte ich deshalb, dass sie uns beim Umdenken verdammt nochmal unterstützt und es mal ein paar beherztere Schritte in der Verkehrswende gibt, damit es den Menschen leichter fällt, vom Auto weg zu Alternativen zu kommen. Dass das Firmenticket in Stuttgart bald günstiger ist als das Schülermonatsticket, ist in dem ganzen Spiel wohl nur ein schlechter Witz.

ohneauto
Es geht öfter ohne Auto, als man denkt
Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

einenscheissmussich
Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

Ich muss gar nix