Über große und kleine Kinder

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Kleine wird wach. Ich stille ihn, wir schlafen beide wieder ein. Eine Stunde später wird die Große wach und steht auf. Ich höre sie, schleiche mich aus dem Schlafzimmer und frühstücke mit der Großen. Von wegen groß, sie ist keine zwei Jahre alt, aber sehr viel größer als der Kleine, der ist zwei Monate alt. Der Mann ist auf Dienstreise. Während die Große sich die Zähne putzt, wird der Kleine wach. Gottseidank, ich bringe es nie übers Herz, den Kleinen zu wecken, muss aber die Große in die Kita bringen. 9.15 Uhr sollen wir dort sein, damit die um 9.30 Uhr mit dem Morgenkreis starten können.

Die Große kaspert im Bad rum und macht sowas ähnliches wie Zähneputzen, ich wickel den Kleinen und stille ihn nochmal. Dabei unterhalte ich mich mit der Großen, was sie heute anzieht. Der Mini ist nach 10 Minuten fertig mit seinem Milchfrühstück, ich lege ihn die die Wiege und helfe der Großen beim Anziehen. Um 9 Uhr sind wir in der Kita, ich sitze in der Kuschelecke mit dem Kleinen auf dem Arm und lese der Großen noch ein Buch vor, sämtliche Kinder kommen mal vorbei, um unser Baby zu bestaunen, ihm ein Lied vorzusingen oder über das weiche Köpfchen zu streichen. Um 9.15 Uhr verabschieden wir uns, der Kleine ist komplett gerockt und pennt im Auto ein.

Er wird jetzt 20 Minuten schlafen und dann 2 Stunden wach sein, soviel weiß ich über sein kleines Leben schon. In diesen 2 Stunden macht er eigentlich recht fröhlich alles mit, was ich so mache: Haushalt, Wäsche, Einkaufen, Aufräumen, Bewerbungen schreiben, im Internet nach Jobs suchen, an einem freiberuflichen Auftrag schreiben. Gegen Mittag hat der Kleine Hunger, ich stille ihn und er pennt in seinem Bett im stockdunklen Zimmer zwei bis drei Stunden. Das ist einerseits toll, andererseits etwas unpraktisch, denn er schläft nur dort, nur in seinem Bett, nur wenn’s ruhig und leise ist. Die Große hat in dem Alter überall im Kinderwagen geschlafen und ich war mobil. Ich weiß, das ist ein Luxusproblem, andere Kinder schlafen nie, aber dieses Kind hier schläft sehr gerne, und zwar bitte im Dunkeln, allein und in Ruhe.

Immerhin kann ich in dieser Zeit duschen, weiter am PC arbeiten und mich um den Haushalt kümmern, drum sind das recht entspannte zwei Stunden. Wenn der Mini wach wird, holen wir die Große ab. In der Kita vespern sie um 15 Uhr, um 15.30 Uhr ist der perfekte Slot für den Abschied. Sie hat dort zu Mittag gegessen, geschlafen, ist gewickelt und hat ein Vesper im Bauch. Mit diesem nahezu perfekt präpariertem Kind sowie dem gestillten und gewickelten Mini mache ich mir einen schönen Nachmittag. Meistens gehen wir einfach mit der halben Kita auf den nächsten Spielplatz, die Kinder sind im Rudel unterwegs und ich erfülle hier die Funktion der Bademeisterin: aufpassen, dass nix passiert, ab und zu Nahrung und Getränk reichen, auf eine Schramme pusten und ansonsten das Kind in Ruhe spielen lassen. Jedenfalls das große, das kleine liegt im Kinderwagen und grinst die Wolken an. Wenn ihm das zu langweilig wird, hole ich ihn raus, er lümmelt auf meinem Arm rum und schaut sich das Gewusel und Gebrüll auf dem Spielplatz an. Ich stille ihn zwischendurch, wickel erst das eine und dann das andere Kind auf der Tischtennisplatte, hole mir einen Kaffee beim Bäcker, bringe Brezel für die Große mit, unterhalte mich mit anderen Eltern, passe mal auf diese und mal auf jede Kinder mit auf und fange gegen 17.30 Uhr an, ein sehr dreckiges großes und ein sehr müdes kleines Kind einzupacken.

Zu Hause liegt der Kleine auf dem Teppich und die Große spielt um ihn herum. Zeigt ihm ihre Bücher, singt ihm was vor, erklärt ihm in ihrer umwerfend komischen Kindersprache wichtige Sachverhalte aus der Puppenküche. Manchmal setzt sie ihn in ihren Puppenwagen und schiebt ihn durch die ganze Wohnung. Ich räume die verdreckte Nachmittagstasche mit Windel, Spielzeug und Brezeln auf, versuche das prostestierende Kleinkind umzuziehen und zu waschen, während der Kleine anfängt sich die Augen zu reiben und müde zu meckern. Die Sache wird hier langsam unentspannt, denn die Große ist müde, hungrig und dreckig, der Kleine ist müde und hungrig, ich bin ebenfalls müde und hungrig. Also schnell das Essen auf den Tisch und den Mini an die Brust. Das Spiel vom Morgen geht jetzt rückwärts, vom Rumkaspern im Bad bis zum Umziehen für die Nacht. Irgendwann ist es 19.30 Uhr, der Kleine hängt völlig in den Seilen auf meinem Arm, ich sitze mit der Großen in ihrem Bett und lese ich eine Gute-Nach-Geschichte vor. Dann kommt der kniffeligste Teil des Tages: die Große hätte gerne 60-90 Minuten Mama am Bett sitzen, der Kleine findet das natürlich total kacke, ist aber noch nicht müde genug, um schon schlafen zu gehen. Also den Kleinen auf dem Arm und zur Großen setzen. Die kann aber nicht einschlafen, wenn der Kleine da ist. Ich lege ihn in die Wiege im Wohnzimmer, erkläre ihm dass ich in 10 Minuten wieder da bin. Er findet das eher so mittel. Ich erkläre der Großen, dass wir genau 10 Minuten haben und sie dann alleine schlafen muss, sie findet das ebenfalls blöd. Es geht eine Weile hin und her, mal mit Baby auf dem Arm, mal ohne. Irgendwann kommen die Tränchen beim ersten Kind, ich weiß, dass auch das zweite gleich weinen wird und dann ist es mir zu doof, dieses Verhandeln und Diskutieren, die sind doch beide noch zu klein. Ich ziehe mir mein Nachthemd an, hole beide Kinder in mein Bett. Die Große schläft selig an meiner Seite ein. Der Kleine wird nochmal gestillt und ich lege ihn vorsichtig auf die andere Seite. Er kotzt einen hübschen Milchsee auf die Matratze und ratzt auf der Stelle ein. Ich wage es nicht, mich nochmal zu bewegen oder gar aufzustehen, also liege ich in einem warmen Milchsee und merke, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

***

Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, und der Wecker klingelt. Ich wecke die Große aus dem Tiefschlaf und schleiche in die Küche, um Frühstück zu machen. Während der Kaffee kocht, gehe ich zur Großen und helfe ihr beim Anziehen. Sie ist zwar schon ein großes Schulkind, aber trotzdem erst sieben Jahre alt. Wir frühstücken zusammen, und während sie anschließend Zähne putzen geht, wird der Kleine wach. Obwohl er meist anderer Meinung ist, ist man mit fünf noch ein relativ kleines Kind. Er schlurft in die Küche und frühstückt, während die Große zwar inzwischen fertig ist, aber nicht in die Schule gehen mag. Wir wohnen nämlich leider so, dass sie kein anderes Kind findet, das mit ihr zur Schule läuft. Der Mann ist nicht da, wir sind seit einem Jahr getrennt, also erkläre ich dem Kleinen, dass ich in 10 Minuten wieder da bin und begleite die Große bis zur dritten Straßenecke. Ab da läuft sie alleine, ab dort trifft sie auch manchmal andere Kinder. Kinder, mit deren Eltern ich x-mal versucht habe, einen festen Lauftreff zu verhandeln, aber die anderen Familien halten sich leider nicht dran, und so bleibt es dem Zufall überlassen, mit wem die Große morgens geht.

Als ich zurück komme, ist der Kleine ins Lego vertieft und bemerkt mich nicht einmal. Ich räume die Küche auf, mache mich fertig und versuche dann vorsichtig, das Kind vom Lego zu lösen. Nicht ganz einfach, aber irgendwann marschiert er ins Badezimmer, putzt sich die Zähne und ich helfe ihm beim Anziehen. Dann geht er in die Kita, denn die ist direkt gegenüber. Ich schaue noch aus dem Fenster, ob an der Fußgänger-Ampel alles ok ist, aber er schaut brav trotz grün nach links und rechts, macht zu den Autofahrern eine Obi-Wan-Jedi-Ritter-Geste und überquert die Straße. Wer würde da wagen, loszufahren?! Ich hole das Fahrrad aus dem Hof und radel zur Arbeit. Um 14 Uhr mache ich Feierabend, radel zurück und hole den Kleinen ab. Der hat heute Fußball und will den Weg noch einmal mit mir üben, ab nächster Woche geht er alleine. Das Komplizierteste am Fußball ist die Schleife an den Fußballschuhen, die übt er jetzt fleißig, damit die peinliche Mutter nicht immer mitkommt. Während wir beim Kicken sind, ruft die Große aus dem Hort an, sie geht noch eine Freundin besuchen. Ok, komm bitte um 17.30 Uhr nach Hause, denn um 18 Uhr kommt der Babysitter. Ich hänge eine Stunde frierend auf dem Fußballplatz ab, bewundere mein Kind, rufe Mails auf dem smartphone ab, bestelle online Faschingskostüme für die Kinder und gehe irgendwann mit dem glücklich schwitzenden Kind nach Hause. Die Fußballklamotten kommen in die Waschmaschine, das Kind unter die Dusche und die Große trudelt ein. Wir essen zusammen und da kommt auch schon die Babysitterin. Ich verabschiede mich und fahre wieder zur Arbeit, weil ich an der Hochschule eine abendliche Vorlesung zu betreuen habe.

Als ich spätabends nach Hause komme, guckt die Babysitterin fern und beide Kinder liegen in meinem Bett. Das tun sie immer, wenn ich abends nicht da bin, drum schlafe ich auch als Single in einem 180cm breiten Bett. Und die Katze liegt auch dabei, wie kuschlig! Ich verabschiede mich von der Babysitterin, lasse die Katze in die Nacht hinaus, räume die Küche auf, decke den Frühstückstisch, stecke die Wäsche in den Trockner, lege mich zu den Kindern, lausche ihrem tiefem, ruhigen Geschnarche und merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

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Es ist früh, irgendwas vor Morgengrauen, der Wecker klingelt. Ich raffe mich auf, gehe die Große wecken und dann den Kleinen. Groß trifft es wirklich, denn sie ist zwar erst 12 Jahre alt, aber stolze 174cm groß. Der Kleine ist satte 20 cm kleiner, der Schwester mit seinen 11 Jahren aber auf der Spur, um sie noch um Längen zu schlagen. Ich mache beiden Kindern das Radio an, sonst werden sie überhaupt nicht wach. Kaffee kochen, Katzen reinlassen, Kinder nochmal rufen und zusammen frühstücken. Ich schmiere Vesperbrote, den Kindern kann man buchstäblich zugucken, wie der Zucker langsam im Gehirn ankommt. Die Große hat sich ihr Outfit bereits am Vortag zurecht gelegt, dem Kleinen ist das wurscht, denn er zieht an, was ihm aus dem Schrank entgegen fällt. So oder so, die beiden sind flott beim Anziehen und 30 Minuten nach dem Wecken verlässt erst Nummer eins, dann Nummer zwei das Haus. Es ist 7.20 Uhr, ich gehe ins Bad, ziehe mich an und laufe zur Arbeit. Um 16 Uhr mache ich Feierabend, kaufe noch fix was ein und komme einigermaßen müde nach Hause. Die Kinder sitzen beide auf dem Sofa und machen Hausaufgaben. Jedes Kind hat eine Katze auf dem Schoss, ein Buch vor der Nase und übt, ab und zu fragen sie sich gegenseitig ab. Das machen die echt großartig! Ich gehe in die Küche und räume die Mittagessen-Spuren der beiden weg, sie haben sich Maultaschen mit Rührei und MIT SALAT (!) gemacht. Ich räume die Einkäufe ein, fütter die Katzen und den Hasen, mache die Wäsche und setze mich samt Laptop zu den Kindern aufs Sofa. Ich muss dringend ein paar Rechnungen überweisen, Mails von Eltern, Schule und Sportvereinen beantworten und eine Ferienbetreuung organisieren. Ich mache nix davon, denn der Kleine möchte, dass ich ihn die unregelmäßigen Verben abfrage, und die Große möchte, dass ich ihrem Vortrag über die Holzgasgewinnung lausche. Wir „arbeiten“ eine ganze Weile zusammen, dann hat der Sohn keine Lust mehr und fährt ein Autorennen auf der xbox und die Große checkt ihre whatsapps. Ich klappe den Laptop zu, verschiebe das auf später und mache Abendessen. Das Abendessen dauert fast eine Stunde, denn wir erzählen uns gegenseitig unseren Tag, die beiden streiten fast und vertragen sich fast. Der Sohn bekommt Bauchweh, ich ahne Schlimmes und suche schon mal das Körnersäckchen. Nach dem Abendessen packen beide ihre Schulranzen, der Sohn verzieht sich samt Comic und Körnersäckchen ins Bett, die Tochter will noch reden. Wir hocken auf ihrem Bett und besprechen Streitigkeiten mit ihrem Lehrer, Verrücktes mit ihrer Freundin und Komisches mit den Jungs. Ich gehe rüber zum Sohn, der inzwischen formidables Bauchweh hat und arg jammert. Ich tröste ihn ein wenig, sag er solle sich in mein Bett legen, ich würde in 20 Minuten dazu kommen.

Der Kleine flitzt in mein Bett und kuschelt sich wimmernd ein, ich räume fix die Küche auf, stecke die Wäsche in den Trockner, gucke nach, ob ich morgen wichtige Termine habe und lege mich zum Sohn. Zwei Minuten später steht die Tochter vor meinem Bett und fragt, was los sei und sie habe Bauchweh. Ach herrje, da hat wohl beide was erwischt? Sie bekommt ebenfalls eine Wärmeflasche und legt sich zu uns. Sie schlafen beide erst mal ein, der Kleine schnell und die Große erst nach vielen geflüsterten Gesprächen mit mir. Soviel Nähe haben wir nicht mehr oft, und im Dunkeln reden ist auch ganz schön schön. Irgendwann ist auch auf dieser Seite Ruhe, das Bauchweh scheint auf beiden Seiten nachzulassen und ich merke wieder, wie unfassbar glücklich es macht, zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen.

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Drei Momentaufnahmen aus dem Leben mit meinen Kindern. Als Babys, als Kita-/Grundschulkinder und jetzt, mit beiden auf der weiterführenden Schule. Vom Weckerklingeln bis zum Einschlafen. Man kann diese drei Momentaufnahmen nicht miteinander vergleichen und sie sind bei Weitem nicht vollständig, so wenig wie man sagen könnte, das Leben mit so großen Kindern sei einfacher als mit den Kleinen. Was heißt überhaupt einfacher, ist es denn so schwer?

Dass ich Kinder habe, beansprucht mich, mein Leben, mein Denken, Fühlen, meinen Alltag und meine Arbeit in jeder Sekunde. Und zwar in jeder Lebensphase anders. Die Bedürfnisse der kleineren Kinder waren basaler: die Windel war voll, der Bauch war leer, die Augen müde und die Toleranzschwelle gleich Null. Da hieß es für mich als Mutter: Prozesse voraus sehen, schnell handeln, trösten, füttern, wickeln, dabei zwei Kinder im Blick haben und nicht vergessen, die Wäsche in den Trockner zu stecken und was fürs Abendessen zu kaufen.

Die Kita-/Grundschulkinder waren schon sehr selbständig, waren glücklich in der Ganztageskita und im Hort, haben ihre Wege selber erledigt und konnten auch mal ½-1 Stunde alleine bleiben. Dafür hatten Sie entweder unzählige Sport-/Musiktermine oder haben sich mit Freunden verabredet, heute auf den Spielplatz, morgen beim Freund zu Hause, übermorgen alle bei uns. Heute zum Ballett, morgen zum Fußball, übermorgen zum Schlagzeug und Capoeira macht mir übrigens keinen Spaß mehr, Mama. Beinahe jeden Tag wurde telefoniert, verschoben und überlegt, wer wann wo ist und ob der Weg wirklich klappt oder ob ich das organisiert kriege. Ich habe zwar nur 50% gearbeitet, war aber bereits getrennt und hatte mit Job und Familienleben mehr als genug zu tun. Und natürlich damit, die Wäsche rechtzeitig in den Trockner zu stecken.

Jetzt habe ich zwei große Kinder, von denen alle sagen, dass ich doch jetzt zwei so große Kinder habe und sicher alles einfacher ist. Wieso eigentlich? Die andere Binsenweisheit lautet doch „Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen“? Ich weiß nicht, ob es kleiner oder größer ist, ob man das in Größe und Wertigkeit „aufrechnen“ kann. Aber tatsächlich hat mich früher die Frage umgetrieben, ob die Kleine eigentlich wegen des Kümmeltees soviel pupst, während ich mich jetzt frage, ob die Schulwahl die richtige war – eine vielleicht doch etwas nachhaltigere Entscheidung. Die Organisation, der Alltag mag mit großen Kindern einfach(er) sein. Denn sie bleiben in der Tat auch alleine zu Hause, ich brauche keinen Babysitter mehr und sie kochen sich selber was zu essen. Mit Salat! Aber die Verantwortung für diese beiden Menschen, die noch lange nicht erwachsen sind, ist dieselbe geblieben, und die liegt hier ganz allein bei mir.

Wenn die Kinder jetzt bereits die Verantwortung für sich übernehmen würden, wären wir hier auf dem falschen Weg. Ich sehe diese Gefahr durchaus, denn die Kinder wissen, dass ich sehr beansprucht und oft erschöpft bin und sie versuchen schon viel zu oft, mich zu entlasten. Es mag ja auch toll sein, wenn die großen Kinder mal die Eltern umsorgen. Das muss aber eine Ausnahme bleiben und darf nicht zur Gewohnheit werden, denn mit 11 und 12 Jahren ist man eben noch lange nicht reif genug, die Mutter zu ersetzen. Christine Finke gab all jenen, die denken, große Kinder könnten alles mögliche übernehmen, den Rat, mal Parentifizierung zu googeln. Und das tue ich hiermit auch: Eine Parentifizierung findet statt, wenn sich das Kind aufgefordert und/oder verpflichtet fühlt, seinerseits die nicht-kindgerechte, überfordernde und seine weitere Entwicklung blockierende „Eltern-Funktion“ gegenüber einem oder beiden Elternteil(en) wahrzunehmen, sagt Wikipedia. Die Kinder sollen altersgerecht Pflichten übernehmen und im Haushalt mit anpacken und gerne auch mitdenken. Aber sie sollen nicht die Verantwortung übernehmen, die ich tragen sollte. Das ist manchmal ein schmaler Grat, aber während vielleicht andere Eltern versuchen, die Kinder stärker mit einzubeziehen, versuche ich hier oft, ihnen ihre Kindheit zu bewahren und sie nicht unnötig früh mit der Verantwortung für ihr junges Leben oder gar für mich zu überfordern.

Ich bin für ihre körperliche und geistige Gesundheit verantwortlich. Ich bin ihre Ansprechpartnerin, wenn sie wütend, traurig, glücklich, besorgt, verliebt sind oder sich ungerecht behandelt fühlen. Sie suchen und brauchen immer noch Grenzen und jemanden, der sie daran entlang oder drüber begleitet, und da ich hier die einzige Erwachsene im Haus bin, bin ich das nun mal. Immer. Und ich bin sehr froh darüber!

Wenn die Kinder sich mir jetzt bereits verschließen würde, könnte ich wahrscheinlich in ein bis zwei Jahren, wenn die Pubertät ihrem Höhepunkt entgegen steuert, hier die Rollläden runter lassen. Aber ich bin da, höre zu, sorge mich um sie, diskutiere und freue mich mit ihnen. Wie an jedem einzelnen Tag, seit ihrer Geburt. Das ist anstrengend und das geht auch noch mindestens 7-8 Jahre so weiter. Das wird nicht weniger, das wird nicht leichter, das wird nur immer wieder anders, und für mich ist das völlig in Ordnung. Denn es macht unfassbar glücklich, nicht nur zwischen zwei schlafenden Kindern zu liegen, sondern mit ihnen zu leben, jeden Tag.

Foto von Porapak Apichodilok
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Über große und kleine Kinder

Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich hab nix gegen Elterntaxis. Ich hab was gegen überflüssige Autofahrten. Egal ob Eltern oder nicht. Der Unterschied zwischen sinnvoller und überflüssiger Autofahrt ist ein schmaler Grad und führt zu hitzigen Diskussionen. Es ist schlichtweg nicht zu beurteilen oder zu bewerten, ob eine Autofahrt jetzt unabwendbar oder überflüssig war, denn jeder führt mehr oder weniger überzeugende Argumente an.

Was meiner Meinung nach jedoch kein überzeugendes Argument ist, ist die Folgen des Autofahrens auszublenden und über Alternativen gar nicht erst nachzudenken. Weil man das Auto ja eh hat und weil jeder denkt „ach, die eine Autofahrt“.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass unsere Städte (und meine: Stuttgart ganz besonders) für den Autoverkehr optimiert sind, nicht für Fußgänger, Radfahrer oder öffentliche Verkehrsmittel. Ein Umdenken bei Politik und Stadtplanung kommt recht schwerfällig in Gang und ist nach jahrzehntelanger Fokussierung auf individuelle Verbrennungsmaschinen sehr mühsam.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass in den Köpfen immer noch das Auto als die optimale Bewältigung einer Strecke betrachtet wird:

  • Eingekauft wird mit dem Auto, obwohl der Supermarkt zu Fuß in 10 Minuten erreichbar ist. Mit dem Einkaufswägelchen ist es sogar praktischer, denn ich packe die Sachen von der Kasse im Laden in meinen Wagen, und ziehe den zu Hause bis vor den Kühlschrank. Die Autofahrer packen zig mal um, in den Wagen, ins Auto, fahren 5 Minuten, parken in 2. Reihe, packen aus und schleppen die Sachen in die Wohnung, gehen eine Parkplatz suchen. Wenn ich zu Fuß einkaufe, treffe ich meine Nachbarn, die denselben Weg mit dem Auto bewältigen. Warum, frage ich mich?
  • Zur Arbeit gefahren wird mit dem Auto, weil man das Glück hat, in der Innenstadt einen Betriebsparkplatz zu haben. Obwohl zu Hause vor der Tür die Bahn abfährt und bis auf 300 Meter an die Arbeitsstätte heranreicht. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind wird vom Fußball mit dem Auto abgeholt, obwohl es mit dem Auto (dank Einbahnstraßenchaos) ein riesiger Umweg ist und es erst am Fußballplatz und dann zu Hause keinen Parkplatz gibt. Zu Fuß wären es ein paar Minuten gewesen, es ist hell, die Kinder laufen im Rudel und sind allesamt über 10 Jahre alt. Warum, frage ich mich?
  • Das Kind (12 Jahre alt) wird in die Schule gefahren, obwohl es 2km ebene Strecke zur Schule sind: es gibt einen Bus (2 Haltestellen), es gibt einen Radweg und es gibt alle 6 Wochen eine Mail aus der Schule, die Kinder BITTE BITTE nicht mit dem Auto zu bringen. Warum, frage ich mich?

Es geht auch noch krasser:

  • meine Tochter fährt jeden Tag mit dem Bus von der Schule nach Hause. 10 Minuten dauert das, Fußweg zur Haltestelle jeweils ca. 400m. Als eine Freundin sie mittags besuchte, kam die Mutter extra mit dem Auto zur Schule und hat die beiden 12jährigen zu uns gefahren. Quasi dem Bus hinterher. Warum, frage ich mich?
  • Der Sohn besucht einen Freund einen Stadtteil weiter. Da fährt eine Bahn. Auf dem Hinweg nimmt die Mutter vom Freund beide aus dem Hort mit dem Auto mit. Den Rückweg soll er alleine machen, er kennt den Weg, er kennt die Bahn. Trotz dieser Absprache bringt die Mutter meinen Sohn mit dem Auto nach Hause. Warum, frage ich mich?

Mich ärgern daran zwei Dinge: jede überflüssige Autofahrt ist eine Autofahrt zu viel. Und die pädagogischen Folgen: den Kindern wird vermittelt, dass eine Autofahrt IMMER die bessere Alternative ist. Auch wenn es länger dauert, mehr Dreck macht und anders besprochen war: Autofahren ist besser.

Autofahren ist nicht besser.

Es gibt gute Gründe, selber oder die Kinder mit dem Auto zu fahren, aber die Beispiele, die ich hier genannt habe, gehören meiner Meinung nach nicht dazu. Wenn ich die Autofahrer darauf anspreche, sagen sie „ist doch bequemer“, „dann hat sie es gemütlicher“, „ach das eine Mal“, „dann kann er 5 Minuten länger spielen“, „mein Kind kennt den Weg nicht“ oder auch einfach „ich fahr halt gerne Auto“. Das sind meiner Meinung nach verdammt schwammige Gründe für die Autofahrt in einer Stadt, die im Autoverkehr versinkt.

Nora Imlau hat in ihrem Text einige Gründe angeführt, die die Grundlage für Elterntaxis bilden können:

  • „Manche Eltern müssen mehrere Kinder an verschiedene Orte bringen, bevor sie selbst zur Arbeit gehen, und schaffen es nicht, all diese Wege zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen.
  • Manche Kinder leiden unter Schulangst, und ein Moment der Ruhe mit Mama oder Papa im Auto hilft ihnen, Kraft und Mut für den Tag zu sammeln.
  • Es gibt Kinder, für die sind die zehn Minuten im Auto morgens die einzige Wachzeit unter der Woche, die sie mit ihrem Papa verbringen.
  • Manche Kinder haben einen langen Schulweg, weil sie nicht die Regelschule ums Eck besuchen, sondern eine andere Schule, die ihre Eltern meist aus sehr guten Gründen für sie ausgewählt haben.
  • Manche Eltern fahren jeden Tag 60 Kilometer einfache Strecke über die Autobahn, um ihr Kind zu der einzigen Schule in der Umgebung zu bringen, an der ihr Kind sein darf wie es ist.“

Ich finde das ok, mir fehlt hier allerdings der Punkt, radikaler über Alternativen nachzudenken, denn meiner Meinung nach ist das Auto immer die schlechtere Wahl. Wenn es nur diese 10 Minuten mit dem Papa im Auto gibt: kann man da am Familienalltag was drehen? Wenn das Kind Schulangst hat: kann man Kraft und Mut für den Tag wirklich nur im Auto sammeln, nirgendwo sonst?

Ich finde das Umdenken wichtig: geht es vielleicht auch ohne Auto? Können wir uns anders organisieren? Der Gedanke ist vielleicht ungewohnt und oft unbequem, aber er lohnt sich immer. Das Bewusstsein, dass ein Verbrennungsmotor, der eine Tonne Stahl und Eisen bewegt, nicht die umweltschonendste Variante der Fortbewegung ist, hat sich noch nicht durchgesetzt. Es wird als individuelles Recht gesehen, soviel Auto zu fahren wie man Lust hat. Ich finde jedoch, jeder Mensch hat mit seinem Handeln auch eine gesellschaftliche Verantwortung. (Das Private ist politisch. Immer) Und wenn ich durch eine Änderung meines persönlichen Verhaltens eine Verbesserung für alle erreichen kann, dann sollte ich es nach Möglichkeit auch tun. Und nicht einfach auf Kosten Aller meiner persönlichen Bequemlichkeit den Vorrang gewähren. Wenn ich mich entscheide, aus welchen Gründen auch immer, das nicht zu tun, dann habe ich hoffentlich wenigstens gründlich drüber nachgedacht, die Sache reflektiert und bin zu einer Entscheidung gekommen, die ich guten Gewissens rechtfertigen kann. Aber einfach nur zu sagen „ach es ging halt schneller“, „Es ist eben bequemer“ oder „Im Auto können wir so schön Musik hören“ (alles schon gehört), ist meiner Meinung nach kein valider Grund, die Luft- und Lebensqualität aller Stadtbewohner weiter zu ruinieren.

Und deshalb ärgere ich mich wahnsinnig, dass das Schülermonatsticket in Stuttgart zum 1.1.2018 wieder erhöht wurde. Zwar nur um 85 Cent, aber vor 2 Jahren waren es bereits 2€. Und klammheimlich: keine Pressemeldung, kein Newsletter, nix, nur der Blick aufs Konto verrät den Eltern diese Verteuerung. Wenn diese Stadt wirklich ein Umdenken wöllte, dann würde sie das Schülermonatsticket radikal vergünstigen oder gar umsonst anbieten, wie es andernorts ja auch möglich ist. Denn dass Eltern keine Lust haben, für 4 Haltestellen 40€/Monat zu zahlen, kann ich verstehen, und mit diesen heimlichen und ständigen Verteuerungen erreicht man ganz bestimmt kein Umdenken, sondern nur die Zunahme von Elterntaxis. Es kostet mich 964,80€ im Jahr, meine Kinder mit Bus&Bahn in die Schule zu kriegen (Fahrrad ist wegen der Stuttgarter Berg-und-Tal-Fahrt und wegen der absolut miserablen Radinfrastruktur ausgeschlossen: ich schicke keinen 11jährigen durch den fahrradweglosen 4spurigen Autoverkehr mit 7-Kilo-Ranzen quer durch die Stadt). In die Grundschule sind sie noch gelaufen, die Kosten für das Monatsticket kommen seit der weiterführenden Schule halt einfach dazu. Woher die Kohle kommen soll, weiß ich nicht, und Fritz Kuhn, mein grüner Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender des VVS, wird es mir auch nicht sagen können. Auf jeden Fall ist das ganz sicher nicht das Konzept einer familienfreundlichen Stadt, die auf dem Weg in die Verkehrswende ist.

Zurück zum Anfang: Ich habe nix gegen Elterntaxis. Ich gehe davon aus, dass, wie Nora Imlau schreibt, Eltern einen sehr guten und wohl bedachten Grund für jede einzelne Autofahrt haben.

Meine Beobachtungen und Erfahrungen in meinem Umfeld sind, wie beschrieben, leider oft andere. Es wird Auto gefahren, weil es geht. Ich habe was gegen das unbedachte, unreflektierte Autofahren zu Gunsten der eigenen Bequemlichkeit. Denn das kann man, gerade in Städten wie Stuttgart, echt nicht mehr bringen.

Wir müssen umdenken. Auch mal in Kauf nehmen, dass es vielleicht bissl unbequemer ist. Wir müssen unseren Kindern vermitteln und vorleben, dass eine Autofahrt nicht immer die erste und einzige Wahl ist, und dass es von Verantwortungsbewusstsein zeugt, auch mal auf das Auto zu verzichten und gemeinsam zu überlegen, wie wir es anders machen können.

In dem Moment, wo ich ins Auto steige, belaste ich die Luft die ich atme, die mein Kind atmet, und die andere Menschen und deren Kinder atmen. Deshalb finde ich, ist es keine komplett individuelle Entscheidung, ob ich Auto fahre, sondern ich entscheide damit auch über die Lebensqualität meiner Mitmenschen. Dieser Verantwortung sollte sich jeder, der das Auto nutzt, immer bewusst sein.

Von der Politik erwarte ich deshalb, dass sie uns beim Umdenken verdammt nochmal unterstützt und es mal ein paar beherztere Schritte in der Verkehrswende gibt, damit es den Menschen leichter fällt, vom Auto weg zu Alternativen zu kommen. Dass das Firmenticket in Stuttgart bald günstiger ist als das Schülermonatsticket, ist in dem ganzen Spiel wohl nur ein schlechter Witz.

ohneauto
Es geht öfter ohne Auto, als man denkt
Elterntaxis und die persönliche Verkehrswende. Für Fritz Kuhn.

Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

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Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

Ich muss gar nix

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Ich rotiere, ich dreh mich völlig im Kreis, ich hab meinen Mittelpunkt verloren. Ich muss mich dringend neu sortieren, ich muss mir mal Gedanken machen über mich und das, was für mich Sinn macht, was mich erdet, welche Prioritäten ich setze und warum. Dazu komme ich aber nicht, weil ich immer nur rotiere. Kinder, Arbeit, Haushalt, Kinder Arbeit, Haushalt. Nach den Sommerferien war es besonders heftig; der Sohn auf einer neuen Schule, die Tochter einen neuen Klassenlehrer. Alle Abläufe neu, alle Wege neu, kein Hort mehr, alle Termine neu. Gleichzeitig auf der Arbeit mal wieder ALLES.

Ich rotiere, mache immer weiter und dann natürlich PENG. Mir ist übel, ich bin sturzmüde, ich friere, ich zittere, ich hab diffuse Schmerzen, es geht nicht mehr. Meine liebste Hausärztin ist nicht da, also zum Ersatz:

Ich weiß natürlich längst, dass ich was für mich tun muss. Und zwar nicht Schwimmen oder Yoga (also eigentlich auch das), sondern ich muss mich besinnen. „Geh mal in Dich“ hat meine Mutter immer gesagt, und sie hatte recht. Das ist das wichtigste von allem. Buchstäblich neben der Spur eiere ich durch meinen Alltag, und wenn ich mal Zeit habe, weiß ich überhaupt nicht, was sich damit anfangen soll. Ich muss gottlob nie lange drüber nachdenken, irgendwas ist ja immer. Und wenns die Läuse sind.

Erstmal krank geschrieben, hole ich ein bisschen Luft und treffe am tatenlosen Vormittag auf dem Bürgersteig die Nachbarin. Die war hübsche Herbstsachen pflücken und bindet jetzt schöne Kränze. Sie arbeitet 1 Tag/Woche, ihre beiden Kinder sind ab 7 Uhr zur Schule und danach jeden Tag bis 17.30 Uhr in der Betreuung. Sie ist zu Hause und bindet heute mal Herbstkränze. Ich bin schier fassungslos vor Neid und Unverständnis und setze auch prompt einen Tweet dazu ab:

Auf meinen Neid bin ich nicht stolz, aber jetzt überkommt mich der Neid und ich bin geradezu trotzig: Ich hätte auch gerne Zeit für ein schönes Hobby! Ich hätte auch gerne kein Burn out! Und vielleicht hätte ich auch gerne kein schlechtes Gewissen, die Kinder betreuen zu lassen, während ich Herbstkränze binde, verdammt!

Ich wäre froh, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn ich jeden Tag vor den Kindern zu Hause wäre, ihnen ein gesundes Mittagessen kochen könnte und wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Aber ich arbeite nun mal jeden Tag, bin meistens erst 1-2 Stunden nach den Kindern zu Hause und komme auch nicht immer in mir ruhend von der Arbeit. Die Nachbarin könnte mit ihren Kindern entspannt den Nachmittag verbringen, aber sie nimmt es nicht wahr. Sie wird ihre Gründe haben, aber dafür fehlte mir in dem Moment die Empathie. Mich macht das fassungslos, denn ich wünsche mir nichts mehr, als mehr Zeit mit meinem Kindern zu haben.

Aber so ist das wohl, wenn’s einem schlecht geht, dann sieht man die Welt durch die eigene kaputte Brille und gönnt den Mitmenschen nicht mehr die Butter auf dem Brot. „Heitere Gelassenheit“ fand ich mal ein schönes Lebensmotto, inzwischen müsste ich das googeln. Spätestens meine Reaktion auf die kranzbindende Nachbarin hat mir gezeigt, dass ich mich dringend wieder einnorden muss, denn dieses ewige Rotieren macht mich krank und giftig.

Viel Platz ist in meinem Leben nicht für Neues, weglassen kann ich eigentlich auch nichts und es lässt sich an den Abläufen auch nix mehr optimieren (und nein: ich brauche wirklich keine Haushalts- und Organisationstips, danke!). Aber ich kann mir wieder angewöhnen, abends meine Gedanken aufzuschreiben. So wie ich die ersten 40 Jahre meines Lebens Tagebuch geschrieben habe und es mir immer geholfen hat, mich zu sortieren. Ich kann mir die Tasse Tee mit den Kindern am Nachmittag wieder angewöhnen, die Zeit, in der wir alle zu Hause sind und uns was erzählen*. Und so als Fernziel: vielleicht finde ich ja nächstes Jahr endlich mal die Zeit für die langersehnte Fortbildung, die mir den Horizont wieder öffnet. Aber Obacht: keine zu großen Ziele stecken! Am Ende hat ja doch wieder jemand die Läuse.

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Foto: maxmann @pixabay

* und, liebe Politik: wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn mir als Alleinerziehender etwas mehr Netto vom Brutto übrig bliebe, statt diese mickrige „Entlastung“ der Steuerklasse 2: das wäre ganz toll! Dann könnte ich den Stundenumfang etwas reduzieren, ohne knietief in den Dispo zu rutschen, wäre öfter vor meinen Kindern zu Hause und könnte ihnen was Gesundes kochen. Ach, das wär schön!

Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Mama, bist Du glücklich?

„Mama bist Du glücklich?“

fragte mich meine Tochter. Wir saßen auf einer sonnigen Wiese im Wald, hatten gerade eine kleine Fahrradtour gemacht, der Sohn war mit dem Freund im Gehölz verschwunden und wir zwei saßen mit Kaffee & Kuchen unterm Baum. Ein wunderschöner Moment, ein glücklicher Moment. Und trotzdem habe ich mit der Antwort kurz gezögert.

Ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. Ich bin gerade nicht sehr zufrieden mit meinem Leben, nicht glücklich. Aber will ich das in diesem Moment meinem Kind sagen? Sie hat mich das gefragt, weil sie in diesem Moment sehr glücklich war und weil sie sich vergewissern möchte, ob es mir auch so geht. Oder DASS es mir auch so geht? Meine Tochter ist ein sehr mitfühlender Mensch, sie freut sich mit mir und sie leidet mit mir. Wenn es mir nicht gut geht, übernimmt sie schnell Verantwortung, um mich zu entlasten. Dann räumt sie nicht nur die Küche auf, sie versucht auch, mich so wenig wie möglich zu belasten und den kleinen Bruder gleich noch mit zu erziehen. Damit ist sie dann natürlich überfordert, denn sie ist 12, nicht 20.

Wenn ich ihr jetzt sage, dass ich eigentlich grad gar nicht glücklich bin, macht das diesen sonnigen kleinen Moment zwischen uns kaputt und sie wird obendrein anfangen, sich Sorgen um mich zu machen. Das möchte ich nicht. Weder den Moment kaputt machen noch das Kind in Sorge bringen.

„Klar Süße“ sage ich also, und blinzle in die Herbstsonne.

Für den Moment stimmt das, für meinen generellen Seelenzustand nicht. Sie lächelt glücklich und genießt ihren Himbeerkuchen und ich bin mit einer Notlüge davon gekommen.

Will ich mein Kind denn wirklich anlügen, ist nicht diese „authentische Elternschaft“ so irre wichtig? Ich fand in dem Moment ihren kindlichen Seelenfrieden wichtiger, als ihr meine Unzufriedenheit mit meinem Leben aufzutischen. Ich soll authentisch sein als Mutter, aber ich habe auch Verantwortung als Mutter. Verantwortung dafür, was meine Kinder aushalten können und was nicht. Und sie halten eine Menge aus. Seit sieben Jahren leben wir drei alleine, in den sieben Jahren bin ich 2x mit burn out zusammen geklappt und wir waren 3x in MutterKindkur. Die Kinder wissen sehr genau warum, sie wissen, dass ich viel arbeite und sie wissen, dass ich oft sturzmüde bin, weil ich abends berufliche Termine habe und trotzdem immer und ausnahmslos um 6.30 Uhr aufstehe, um mit ihnen vor der Schule zu frühstücken und dann auch selber zur Arbeit zu gehen. Sie sind abends manchmal alleine, wenn ich arbeite, und sie sind mittags oft alleine, weil ich arbeite. Dann machen sie sich selber was zu essen, machen vielleicht nicht die Hausaufgaben, gehen vielleicht nicht zeitig ins Bett und vergessen vielleicht die Katzen zu füttern. Aber irgendwie kriegen wir drei das schon hin. Ich habe großartige, selbständige, kompetente und fröhliche Kinder, auf die ich sehr stolz bin!

Ich bin sehr glücklich mit meinen Kindern, ich habe meinen Traumjob und wir haben keine finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen. Ich hätte die Frage meiner Tochter auch ohne zu zögern mit JA beantworten können.

Aber ich habe gezögert, denn es sind genau diese drei Dinge, die mein Glück trüben: ich bin müde, ich bin einsam und ich arbeite zu viel. An der Müdigkeit ist die Schule in Kombination mit meinem Job schuld – ist halt blöd, wenn man abends Kulturveranstaltungen organisiert und Schulkinder hat. An der Einsamkeit ist die Kombination aus Arbeit und Familienleben schuld: mein Kontingent an „abends ausgehen“ ist durch meinen Job und die üblichen Elternabende komplett ausgeschöpft. Ich habe ausschließlich berufliche oder kindbedingte Termine und Kontakte, für mehr ist keine Zeit und auch keine Energie da. Und dass ich zu viel arbeite, liegt in der Natur der Sache: 100% arbeiten und sich alleine um zwei Kinder samt Haushalt kümmern ist halt stressig. Um es mal charmant auszudrücken.

Ich bin unzufrieden, denn ich hätte gerne mehr Zeit für meine Kinder. Und ich würde gerne entspannter im Job meinen Kram zu Ende machen und nicht immer die Hälfte liegen lassen. Ich bin unzufrieden, weil ich gerne noch irgendwas anderes machen würde außer mich um Familie und Job zu kümmern. Zum Beispiel Freunde treffen, zum Yoga gehen, eine spannende Fortbildung oder gar ein Aufbaustudium, aber daran bin ich schon so oft gescheitert, dass ich das auf „wenn die Kinder aus dem Haus sind“ verschoben habe. Ich kriege das zur Zeit weder organisiert noch finanziert. Und ich bin unglücklich, weil ich immer und für alles alleine die Verantwortung trage in unserer kleinen Familie. Das macht mich auf Dauer fertig. Bevor ich jetzt wieder Tipps für Alleinerziehenden-Single-Börsen bekomme: ein neuer Partner reisst’s nicht raus. Bevor ein neuer Mensch in meinem Leben hier nicht nur grinsend mit am Frühstückstisch sitzt, sondern auch den Müll raus bringt, die Kinder zum Arzt begleitet, kindliche Wutanfälle auffängt und abends im Bett eine Stunde lang Schulprobleme diskutiert statt andere lustige Dinge zu tun, muß der schon verdammt gut in die Familie integriert sein. Ich hab dieses Level mit meinen zwei Patchwork-Versuchen nie erreicht. Und für eine zur Familie rein additive Partnerschaft fehlen mir Zeit und Energie. Also bleibt die Verantwortung bei mir allein, immer.

Dinge die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren, das sollte ich in meinem Alter mal gelernt haben. Akzeptieren ist ja nicht resignieren, sondern einfach nur „so ist es halt“ und immer den wachsamen Blick darauf, ob sich nicht doch was ändert oder ändern lässt in unserem System.

So hadere ich mit meinem Glück, und deshalb werde ich vielleicht immer kurz zögern, wenn mein Kind mich fragt, ob ich glücklich bin. Dabei sollte ich mich auf den Augenblick besinnen und ihn genießen, dann ist es auch komplett authentisch wenn ich sage: Ja Süße, mit Dir und dem Himbeerkuchen und Kaffee und in der Herbstsonne bin ich glücklich!

herbstsonne

Mama, bist Du glücklich?

26 Stunden Paris

Geht’s noch? Nie Zeit, mit der Energie am Ende, auf dem Konto ausnahmsweise einen gaaaanz leichten Puffer, und was mach ich: fahre mit den Kindern für 2 Tage & 1 Nacht nach Paris.

Das mußte sein!

Der Sohn ist seit 3 Wochen auf einem bilingualen französischen Gymnasium (fragt nicht) und er ist das einzige Kind in der Klasse, das noch nie in Frankreich war. Das geht natürlich nicht! Fixe Recherche ergab: Herbstferien in Paris kann ich nicht bezahlen. Aber morgens hin, 1 Nacht mit airbnb und am nächsten Abend zurück, das geht. Mit Bahncard 25 und ein bisschen Glück fährt uns der Zug der großen Geschwindigkeit, wie wir den TGV liebevoll und wörtlich übersetzen, für knapp 100€ hin + her. Und dann ist man mitten drin in der schönen Stadt!

Um 15 Uhr in Paris am Bahnhof, um 16 Uhr Unterkunft gekapert, um 17 Uhr waren wir bei unseren Dame, der Notre Dame. Das ist faszinierend (fast so schön wie der Kölner Dom, denkt sich die Rheinländerin), aber was die Kinder total fasziniert hat, waren schwerst bewaffnete Grüppchen von Militärs, die gemütlich durch Paris schlendern. Hier 10, da 5, dort wieder welche. Das Maschinengewehr lässig im Arm verschönern sie das Stadtbild. Am Anfang dachte ich, wir wären in einen Staatsbesuch geraten, dann wurde klar: das ist hier Standard. Außerdem immer und überall Taschenkontrollen und Leibesvisitation. So normal wie Atmen, krass. Und es wirkt, jedenfalls auf uns schlichte Gemüter: wir waren irgendwann ergriffen von einem enormen Sicherheitsgefühl.

Und wenn doch was passiert? Als wir im Café saßen, bemerkte die Tochter, daß es ja genauso ein Café war, wo so viele Menschen beim Anschlag erschossen wurden. Genau da wo wir jetzt sitzen, also fast. „Aber wenn wir jetzt erschossen werden, dann haben wir wenigstens ein schönes Leben gehabt und noch im Café gesessen. Besser als wenn wir drinnen geblieben wären und uns versteckt hätten, gell?“. Schluck. Das, was Erwachsene einfach verdrängen, um unbeschwert weiter zu leben, sprechen die Kinder offen und drastisch aus. Aber sie haben recht, und so sind wir weiter in dem schönen Café sitzen geblieben und haben weiterhin ein sehr schönes Leben.

Natürlich haben wir den Eiffelturm angeschaut, gleich am ersten und einzigen Abend. Nur in die Spitze hoch hätten mich keine 10 Pferde gekriegt. Ich war vor 20 Jahren mal da oben und fand es toll, aber inzwischen bin ich Schwindelpatentin und habe altersgerechte Höhenangst. Und ich sehe immer nur meine Kinder da runter stürzen. Also sind wir „nur“ in den 2. Stock, der hat mir auch schon gereicht. Der Sohn wollte unbedingt hoch, die Tochter hat sich noch mehr als ich in die Hose gemacht, also haben wir noch an Ort und Stelle dem Vater eine whatsapp geschickt, was sein nächster Job ist: einmal Eiffelturm-Spitze für den Sohn, bittedanke! Grandios war natürlich, dass während unserer Zeit auf dem Turm die Lichter an gingen und es Nacht wurde in Paris: Dringende Empfehlung: Eiffelturm in der Dämmerung besuchen!

Im Anschluss ist der Sohn beim Croque Monsieur schier eingeschlafen, während die Tochter eine Elefantenportion von diesem unglaublich gesunden, mit Käse überbackenen Toast samt Pommes gegessen hat. „Mama die haben ein Date“ – „Das heißt hier Rendez-vous“: Während der Sohn auf meinem Schoß sanft in seine Träume glitt, habe ich ein herrliches Bier getrunken und mit der Tochter das verliebte Pärchen am Tisch nebenan beobachtet. Das war wirklich sehr französisch, der Abend in dieser Bar!

In der Unterkunft hat es angemessen nach Zigarettenqualm gestunken, die Kinder haben Brüstebilder und Raupengarderoben bewundert und ich hab mir ca. 23mal den Schädel im Hochbett gestoßen. Nach Notre Dame und Eiffelturm waren die Kinder am nächsten Morgen immer noch durch und wollten erstmal lesen, ich hingegen wollte Kaffee, also ab ins nächste Café zum petit dejeuner. Da hätten wir im Stile der großen Philosophen den ganzen Tag bleiben können, aber vor der Abfahrt um 18 Uhr wollte ich wenigstens noch zum Centre Pompidou. Dass auf dem Weg dorthin die örtliche Lego-Filiale lag, konnte ich ja nicht wissen….

Nur Stunden später sind wir die coolen Aussenrolltreppen hochgefahren, haben lustige Kunst angeschaut, Crepe mit Zitronen und Zucker gegessen, sind durch kleine Strassen gebummelt und schließlich an der Seine gelandet. Noch’n bissl übers Wasser kutschiert, einen Blick auf den Champs Élyseés geworfen und dann ab zum Gare de L’Est. Um 23 Uhr lagen alle in ihrem heimischen Betten und waren fix & fertig.

Was war das Schönste?

K2: „Der Eiffelturm!“

K1: „Lesen im Café!“

Ich: Das Bier am Abend (sorry)

Fazit: das ist schon toll, so ein 26-Stunden-Gig mit großen Kindern. Sie haben eifrig im Stadtführer gelesen, sich begeistern lassen, sich beeindrucken lassen. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen! Aber es war natürlich unfassbar teuer. Unser kleines Polster ist futsch, jetzt heißt es wieder sparen sparen sparen, wenn hier irgendjemand was zu Weihnachten haben will. Und es war für alle anstrengend: ständig Kompromisse im müden und hungrigen Zustand, dazu kalt und Regen. Ich will hierin, Du willst dorthin, ich will da nicht hoch, ich will hier runter. Einer rechts, einer links lang. Es war nicht einfach, die ganze Zeit ausgleichend auf beide Kinder einzuwirken, es gab auch Tränen. Dabei habe ich mir echt Mühe gegeben, kein straffes Programm durch zu ziehen, sondern zu bummeln, zu chillen und uns gemeinsam von den Ideen der Kinder leiten zu lassen, wo es nur geht. Wir haben es genossen, wir haben eine wunderbare Erinnerung geschaffen und am Ende sind wir drei uns alle gegenseitig dankbar, dass wir diese Tour gemacht haben!

26 Stunden Paris

Quasi alleinerziehend

 

Da war er wieder, der Aufreger schlechthin: Alleinerziehende schreien bei so einer Aussage laut auf, verpartnerte Frauen versinken vor Scham im Boden ob dieser Frechheit: eine Frau in einer Beziehung bezeichnet sich als alleinerziehend. Dabei hat sie ja im Grunde recht, wenn man’s mal wörtlich nimmt: sie erzieht die Kinder alleine, den lieben langen Tag, weil der Gatte wegen seines Jobs abwesend ist.

„Alleinerziehend“ ist aber kein Wort, dass man einfach so wörtlich nehmen kann, alleinerziehend ist ein gesellschaftlich und politisch mehr oder weniger definierter Status. Im Steuerrecht gibt’s für Alleinerziehende einen Entlastungsbeitrag. Ja gut, der ist mickrig, aber er ist da. Und wenn das erste Kind 18 wird und noch zu Hause lebt, dann fällt der weg. Dann ist Mutti nämlich nicht mehr alleinerziehend, weil das Kind ja jetzt erwachsen ist. Wenn das 18jährige Kind Erwachsener noch zur Schule geht, dann hat es wahrscheinlich kein eigenes Einkommen. Und so mitten im Abi sinkt der Bedarf an mütterlicher Zuwendung auch nicht schlagartig mit dem 18. Geburtstag, aber egal: der Entlastungsbeitrag wird gestrichen, weil wenn mehr als 1 Erwachsener im Haushalt leben, dann ist man eben nicht alleinerziehend.

Die Dame aus dem Zitat oben mit dem abwesenden Mann ergo also auch nicht.

Warum sagt sie das dann?

In den 7 Jahren meines Lebens, die ich inzwischen alleine mit meinen Kindern lebe, sind mir viele solcher Aussagen begegnet. Wie die einer guten Freundin, bei der ich mich ausheule und die dann sagt, ihr Mann sei ja auch oft unterwegs. Wieso „auch“, wundere ich mich?

„Wenn Alleinerziehende nur halb soviel kochen müssen, dann meine Frau auch, ich bin ja so viel beruflich unterwegs“ sagte beim Kita-Elternabend der Porsche-Fahrer anlässlich der Verteilung der Eltern-Kochdienste. Da kann man schon mal würgen, wenn sehr gut verdienende Ehemänner ihre eigene Frau als alleinerziehend bezeichnen.

„Ich bin jetzt mal für 4 Tage alleinerziehend“ kokettieren Väter, die für ein paar Tage die Abwesenheit der Partnerin zu bewältigen haben.

Was ist da los? Warum bezeichnen sich Menschen, die in Beziehung leben, als alleinerziehend? Ist das jetzt ein mehr oder weniger schickes Label, das man sich aufpappt, ist das am Ende hip, alleinerziehend zu sein? Ich hab mal rumgefragt im weltweiten Netz, weil ich es verstehen wollte, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Menschen die das sagen, fühlen sich eben allein mit der Erziehung ihrer Kinder. Auch der Porschefahrer ist voller Empathie und (hoffentlich) Bewunderung und Liebe für seine Frau, die er mit den Kindern alleine lässt.

Da sind Menschen tagtäglich alleine mit der Erziehung ihrer Kinder, benutzen unreflektiert das falsche Wort und kriegen die komplette Empörung  der „echten“ Alleinerziehenden ab.

„Echte“ Alleinerziehende? Was ist das jetzt?

Dazu musste ich interessante Erfahrungen machen, zu diesem „echten alleinerziehend“. Denn statt sich gegenseitig zu unterstützen, verfallen Menschen, die sich alleine um Kinder kümmern, leider allzu oft in eine Art Wettbewerb, wer am alleinerziehendsten ist. Ich bin das schon mal nicht, das kann ich gleich verraten. Als ich den Text „48 Stunden Alleinerziehend“ veröffentlicht habe, wurde ich gleich angegriffen: Echte Alleinerziehende können sich keine Haustiere leisten! Krass, die Haustierhaltung als Kriterium des alleinerziehens? Zudem zahlt der Vater meiner Kinder Unterhalt: eine weiteres k.o.-Kriterium, denn es gibt viele, die es nicht so gut haben. Und der Vater kümmert sich alle 14 Tage so gut um die Kinder, dass ich in dieser Zeit wirklich mal abschalten kann. Außerdem habe ich einen Job, der meine kleine Familie gut ernährt und ich kann mir eine private Altersvorsorge leisten: ich bin eindeutig zu privilegiert für eine Alleinerziehende! Klingt komisch, ist aber so, ist mir in zahlreichen Kommentaren so begegnet. (So heftig übrigens, dass mir kurzfristig die Lust vergangen ist, mich jemals wieder für Alleinerziehende zu engagieren.)

Es gibt also „zu privilegierte“ Alleinerziehende. Dann es gibt es neu verpartnerte Alleinerziehende. Es gibt Familien mit Wechselmodell (da wechseln die Kinder 50/50 ihren Wohnsitz), es gibt Familien mit Nestmodell (Kinder wohnen in der Familienwohnung, Eltern fliegen ein und aus), es gibt so irre Typen wie Jochen König, der alles Dagewesene auf den Kopf stellt und mit seiner Familienbezeichnung „2 Kinder von 3 Müttern“ für Verwunderungen sorgt: ist der alleinerziehend?

Es gibt zwischen „Paar mit Kindern“ und „Alleine mit Kindern“ so dermaßen viele Grauzonen, Zustände und Familienkonstellationen, dass es inzwischen fast unmöglich erscheint, „Alleinerziehend“ trennscharf zu definieren.

Dabei bleibt es dann doch relativ einfach: Eine alleinerziehende Person ist eine Person, die ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person mindestens ein Kind unter 18 Jahren großzieht. Sagt Wikipedia.

Von Haustieren steht da nix, auch nix von wirtschaftlichen Verhältnissen, dem Fließen von Unterhalt oder der Berufstätigkeit. Von Abwechseln übrigens auch nicht, demnach wären die Wechselmodell-Eltern zwar zwischenzeitlich allein, aber nicht alleinerziehend. Nennt sich ja auch getrennt erziehend, nicht allein erziehend. Ob das zutreffend ist, sei mal dahin gestellt. Und so ganz allein erzieht natürlich kein Mensch seine Kinder. Da sind noch Lehrer und Erzieher, Nachbarn und Freunde, Verwandte und Busfahrer, Judolehrer und Bäckereiverkäufer, sie alle üben Einfluss auf unsere Kinder aus. Aber sie tragen nicht ansatzweise die Verantwortung, die die Eltern tragen. Oder eben nur ein Elter.

Wikipedia-like alleinerziehend zu sein, also ohne Hilfe einer anderen erwachsenen Person, ist übrigens sehr sehr anstrengend. Denn das heißt ja nicht nur, alleine Frühstück Mittagessen Abendessen zu machen, alleine Kita-/Schulprobleme zu bewältigen, alleine jeden Wut-/Trotz-/Pubertätsanfall auszugleichen, alleine putzen waschen einkaufen und für Bewegung an der frischen Luft zu sorgen. Das heißt auch, alleine die Familie finanziell abzusichern, alleine fürs Alter vorzusorgen, alleine die Existenzängste auszuhalten, wenn Kinder oder Mutter krank werden, weil das den Jobverlust nach sich ziehen kann. Denn auch wenn ich einen guten Job habe: ich muss die Krankentage von drei Leuten wegorganisieren und ich muss 12 Wochen Schulferien mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Das ist nicht trivial, und soviel Geld, um das alles outzusorcen, habe ich bei weitem nicht. Abgesehen davon WILL ich mich ja um meine Kinder kümmern, wenn sie krank sind, und ich will sie auch nicht die ganzen Schulferien vor der Glotze parken.

Da hilft übrigens auch keine Mutter-Kind-Kur und kein Mandala-Malen, denn das ist massiver psychischer und finanzieller Druck, der jahrelang auf Alleinerziehenden lastet, zusätzlich zu dem täglichen Jonglieren mit 2-4 Terminkollisionen und 1000 Dingen, an die man gleichzeitig denken muss, weil da einfach niemand ist, mit dem man sich besprechen und abwechseln kann. Und by the way zusätzlich zu den Diskussionen über kinderrelevante Themen mit einem Menschen, den man nicht nur nicht mehr liebt, sondern den man ev. auch überhaupt nicht mehr mag oder mit dem es sogar gerichtliche Auseinandersetzungen gibt (und dann sind wir noch lange nicht beim Thema familiärer Gewalt). Von alledem ist die Frau des Porschefahrers relativ weit entfernt. Und auch der Vater, der mal 4 Tage allein mit den Kids ist. Und auch die Freundin, deren Mann beruflich so viel unterwegs ist.

Aber trotzdem fühlen auch diese Menschen sich allein. Allein gelassen, allein in ihrer Beziehung, allein mit dem Alltag und mit den Kindern. Und das muss man ernst nehmen, denn das ist wirklich traurig! Und noch beschissener ist es, wenn sich ein Mensch, der in einer Beziehung lebt, nicht mal mehr traut zu sagen, dass er sich entsetzlich allein und überfordert fühlt, aus lauter Angst, den Alleinerziehenden (denen es ja per se viel beschissener geht) damit zu nahe zu treten. Oder wenn ein allein gelassener Mensch, der sich darüber beklagt, zu hören bekommt: Quatsch, Du bist gar nicht allein! Du hast doch jemanden, ich bin viel alleiner, mir geht’s viel dreckiger, weißt Du überhaupt, was Du für Privilegien hast?!

Das ist wahrlich kein schönes Argument, dieses „mir geht’s aber viel schlechter!“. Wenn ich mich allein fühle in meiner eigenen Familie, nutzt mir die Information nichts, dass nach dieser oder jener Studie soundsoviel Prozent der Alleinerziehenden nicht nur allein, sondern sogar von Altersarmut bedroht sind. Das ist schlimm, aber da hat der allein gelassene Mensch in dem Moment nichts von.

Das einzige, was diesem allein gelassenen Menschen hilft, ist genau das, was Alleinerziehende permanent (und zu recht!) für sich einfordern: Respekt, Empathie, Anerkennung. Gesehen zu werden. Ernst genommen werden. Denn auch ein Mensch mit Partner kann sich NATÜRLICH alleine fühlen. Und nur wenn ich als Alleinerziehende das sehe, ihre Leistung würdige und ihrem Alleinsein mit Empathie begegne, kann ich das auch für mich einfordern.

Und deshalb ist es eigentlich scheißegal, ob ich alleinerziehend bin oder nicht. Wir sollten uns fragen, warum sich so viele Menschen in ihrer eigenen Familie, gleich welche Konstellation, so allein und überfordert fühlen. Warum es so verteilt ist, dass permanent einer unter der Last zusammen bricht. Familien brauchen innerhalb ihres Systems eine bessere Verteilung der Sorge um Kinder, Geld, Arbeit und Haushalt. Und von außerhalb braucht es viel mehr Unterstützung für Familien und und es braucht Strukturen, die eine paritätische Aufteilung der Familienarbeit ermöglichen und aktiv unterstützen. Damit meine ich nicht den ermäßigten Eintritt meines Kindes ins Planetarium oder einen Monat Väterzeit fürs Baby, sondern damit meine ich eine bedingungslose Grundsicherung für alle Familien, damit Eltern und Kinder mehr Zeit füreinander haben, ohne finanziell, physisch und psychisch vor die Hunde zu gehen.

Ich möchte einfach weg von diesem „Wettbewerb“, wer sich als alleinerziehend bezeichnen darf und wer nicht. Du nennst Dich alleinerziehend, weil Dein Mann Vollzeit arbeitet? So allein gelassen fühlst Du Dich? Was würde Dir helfen, was kann ich für Dich tun?

Anna Karenina

Quasi alleinerziehend