Politik im Kinderzimmer: Harry Potter, Stars Wars und die Demokratie

„Muss Batman sich anschnallen?“
„Headshot! Epischer Sieg!“
„Sind Elfen eigentlich Sklaven?“
„Ich bin der dunkelste Lord von allen!“

So tönt es aus dem Kinderzimmer und am Abendbrottisch wird wild diskutiert. Manche Eltern sind zu wahren Spezialisten in Sachen Batman, Star Wars und der magischen Welt geworden, andere Eltern verdrehen nur noch mehr oder weniger genervt die Augen. Man kann es ihnen nicht verdenken, denn manche Kinder sind bereits im zarten Kindergartenalter von diesem Virus infiziert, auch wenn sie die Filme noch nie gesehen haben oder kaum aussprechen können worum es geht: „Mama, wer ist eigentlich dieser Stavros?“

Trotzdem ist es wichtig, genauer hinzuschauen und mit zu diskutieren, denn hier werden die Grundlagen unserer Gesellschaft und ihre Werte verhandelt: es geht um Demokratie und Politik, es geht um Ethik, Macht, Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenwürde und Frieden. Diese Diskussion und vor allem die Meinungsbildung unseres Nachwuchses zu diesen Themen wollen wir ja wohl kaum demjenigen überlassen, der an Weihnachten das bunteste Laserschwert ausgepackt hat?
Da ist es wie immer besser, wenn man jemanden fragt, der was davon versteht, und ich habe in meiner Eigenschaft als Star Wars-, Harry Potter- und Marvel-Fan, meiner streckenweisen Ratlosigkeit als Mutter in Tateinheit mit meinem Job als Programmplanerin eines Kulturzentrums einen ziemlich kompetenten Partner gefunden: die Landeszentrale für politische Bildung. Man war von meiner Idee begeistert, in den Helden der Popkultur die politischen Grundwerte aufzuspüren, und so haben wir gemeinsam das Projekt „Von Hogwarts nach Wakanda. Eine Reise zu Demokratie und Werten in modernen Mythen“ aus der Taufe gehoben und über das ganze Jahr 2019 hinweg neun Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren konzipiert.

Ideengeber hierbei war Aytekin Celik, der als Referent der Medienakademie BW bereits Anfang 2018 den Vortrag „Demokratie lernen mit Star Wars“ gehalten hat. Ein großartiger Vortrag mit vielen Filmzitaten und überragender Kenntnis des galaktischen Imperiums, der die Zuhörer im Alter von 10 bis 60 Jahren begeisterte. Wir haben nach dem Vortrag noch lange darüber diskutiert und es entstand die erste Inspiration zu dem Projekt – vielen Dank an Aytekin an dieser Stelle!


Immer ausgehend von dem Gedanken, dass Kinder und Jugendliche selber die größten Experten zu den Universen ihrer Idole sind und nur ein wenig Unterstützung in der politischen und gesellschaftlichen Debatte benötigen, haben wir beschlossen, dass in kurzen Workshops die Basics mit den Kids erarbeitet werden und die Ergebnisse anschließend direkt in einen Vortrag der Referenten einfließen. Wer es nicht zu den Veranstaltungen ins Kulturzentrum Merlin schafft, der kann alles auf www.blog.merlinstuttgart.de/hogwarts verfolgen sowie in der Stuttgarter Kinderzeitung, die das Projekt ganze Jahr über begleiten wird. Zudem wird die Landeszentrale eine Dokumentation anfertigen, so dass die Ergebnisse und Erfahrungen weiter verwendet werden können. Dank der Unterstützung von Stadt und Land kann alles bei freiem Einritt stattfinden und besonders freut es mich, dass Aytekin seinen Vortrag zu Demokratie und Star Wars am 12. Mai 2019 nochmal halten wird!

Auch wenn jede Theorie zur work-life-balance dagegen spricht: ich finde diese Vermischung von Beruf und Privatleben großartig und ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu habe! (Und deshalb ist das hier auch keine Werbung, ich verdiene nix daran und die Veranstaltungen sind eh kostenfrei). Denn wie gesagt, bin ich nicht nur berufsmäßig im Namen der Soziokultur unterwegs, sondern ich bin auch selber Fan und zudem Mutter zweier leidenschaftlicher magischer und galaktischer Fans. Das ist echt mein Herzensprojekt, denn ich bin der tiefen Überzeugung, dass die politische Bildung der nächsten Generation unsere Verpflichtung und auch unsere einzige Chance ist, unsere demokratische Gesellschaft zu erhalten. Wir müssen nicht nur dafür sorgen, dass unsere Kinder gesundes Gemüse essen und an die frische Luft kommen, dass sie Freunde haben, Algebra lernen und ihr Zimmer aufräumen, dass sie unvergessliche Kindergeburtstage erleben und ausreichend Quatsch machen. Sondern wir müssen auch jeden Tag aufs Neue mit ihnen über Werte, Freiheit und Regeln diskutieren, über Demokratie und warum sie wichtig ist, über Widerstand und wann er angezeigt ist, über Selbstjustiz und warum sie verboten ist und natürlich immer wieder über Medien und dass auch Fortnite was mit Freundschaft zu tun hat.
Wenn wir zu erschöpft sind von unserem aufreibenden Alltag zwischen Beruf, Kindern und Haushalt, um noch auf Demos zu laufen und in Parteien einzutreten, so müssen wir doch mindestens dafür Sorge tragen, dass die Diskussionen am Abendbrottisch nicht abreißen, dass wir im Gespräch bleiben und dass unsere Kinder die Gesellschaft auch in Zukunft weiter demokratisch gestalten werden. Egal wer das bunteste Lichtschwert hat.

Es braucht viel Mut, sich seinen Feinden entgegen zu stellen. Aber noch mehr, sich seinen Freunden entgegen zu stellen. (Albus Dumbledore)

Aus großer Macht folgt große Verantwortung (Spidermans Onkel Ben)

Öffnet euch. Spürt die Macht, die euch umgibt. Eure Sinne nutzen ihr müsst. (Yoda)

Politik im Kinderzimmer: Harry Potter, Stars Wars und die Demokratie

Wenn wir Glück haben

Wenn wir Glück haben, endet es am Strand
Du hältst meine Hand, wir sitzen dort zusammen
auf unseren Campingstühln
mit einem guten Gefühl
das die Zeit überstand
Wenn wir Glück haben, sind wir zusammen

(Bernd Begemann)

Wir hatten kein Glück. Vielleicht braucht man mehr als Glück, um eine Beziehung ein Leben lang zu führen. Vielleicht hätten wir uns mehr Mühe geben sollen. Vielleicht hätten wir geduldiger, kämpferischer, humorvoller, leidensfähiger, fordernder, nachgiebiger sein sollen. Oder glücklicher?

Braucht man Glück, um das Glück zu erhalten?

Alle, die eine jahrzehntelange, glückliche Beziehung haben, sagen dass es auch harte Arbeit ist. Alle, die Kinder haben, sagen dass die ersten Jahre mit kleinen Kindern die härtesten sind.

Harte Arbeit mit kleinen Kindern und mit einander also, klingt verheißungsvoll. Glück kommt darin gar nicht mehr vor. Ist das Glück ist nur am Anfang und am Ende da? Geht es zwischendurch verloren? Am Anfang das Glück, sich gefunden zu haben. Nach Jahren harter Arbeit miteinander und endlich großen Kindern das Glück, das alles gemeinsam überstanden zu haben? Dazwischen Diskussionen über Diskussionen, Tränen, Einsamkeit, Wut, Enttäuschung?

Allein mit zwei kleinen Kindern in einer fremden Stadt ohne Job und ohne Freunde, das waren für mich nicht die besten Voraussetzungen. Und ein abwesender Man, dem die Arbeit am Job wichtiger war als an der Beziehung. Ich hab nicht durchgehalten. Viel versucht, nicht genug erreicht, es nicht geschafft. Keine Ahnung, wie er das sieht, ob er von sich denkt, er hätte es auch versucht. Aus meiner Sicht nicht. Er hat’s ausgesessen bis ich weg war, sich gewundert „warum hast Du nicht früher eskaliert?“, dann „huch sie ist weg und hat die Kinder mitgenommen“, große Trauer, sehnsuchtsvolle Briefe und ein Jahr später eine neue Freundin.

War offenbar mein Job, die Hege und Pflege der Beziehung. Nachdem mir nix mehr eingefallen ist um die Sache noch zu retten und vom Mann allabendlich nur noch der Hinterkopf vor seinen drei Bildschirmen zu sehen war, hab ich versucht, wenigstens mich und die Kinder zu retten und nicht in unglücklicher Starre zu verharren.

Jeder Mensch hat es verdient, glücklich zu sein. Wenn man das Glück nicht erhalten kann und das Unglück Überhand nimmt, muss man was ändern. Lieber zwei separate, aber glückliche Elternteile, als Vater und Mutter, die im hingebungsvollen Unglück miteinander ausharren. Grauenhafte Sache, die ich als Kind bereits erleben durfte und meinen Kindern ersparen werde.

Ich hatte es mir sehr gewünscht, diese gemeinsame Glück. Mit Kindern. Familie mit mehr als einem Erwachsenen. Ich bin immer noch fassungslos darüber, dass es nicht geklappt hat. Dass die Vater-Mutter-Kind-Nummer schief gegangen ist. Dass er mich so alleine gelassen hat als wir noch zusammen waren, bis ich schließlich gegangen bin. Weil ich es nicht ausgehalten habe, jeden verdammten Abend vier Teller auf den Abendbrottisch zu stellen und die „Papa kommt heute später“-Platte aufzulegen. Bis ich nur noch drei Teller gedeckt habe, an genau diesem Abend der Mann zum ersten Mal pünktlich kam und maulte „ich werd ja hier schon gar nicht mehr mitgedacht“. Da ist mir das Herz zugefroren, es war kein Lachen, kein Weinen und nicht mal mehr Wut übrig.

Ich bin jetzt ganz alleine für das Glück der Kinder, für die Familie und natürlich für mich selber zuständig. Kein Mensch, der mit mir geht. Mit mir teilt. Glück und Unglück.

Es war eine gute Entscheidung, denn es wäre nicht weitergegangen, das Glück hatte mich und uns bereits verlassen. Ich hätte meinen Kindern gerne gezeigt, dass man auch schwere Zeiten gemeinsam überstehen kann und dass es sich lohnt, für das Glück und für die Liebe zu kämpfen. Aber nicht, wenn der Kampf aussichtslos ist und mich unglücklich macht. Ich bin meinen Weg gegangen und ich zeige ihnen, dass es sich lohnt, mutig zu sein, Entscheidungen zu treffen und nicht in unglücklicher Starre zu verharren. Aber der Preis ist hoch, denn es ist unfassbar anstrengend, alleine mit zwei Kindern zu leben.

Heute vor 14 Jahren habe ich geheiratet in der festen Überzeugung, dass das Glück unendlich ist und uns die Liebe bis ans Ende unserer Tage trägt. Deshalb haben wir diesen wunderbaren Songtext von Bernd Begemann in die Eheringe gravieren lassen:

Wenn wir Glück haben, endet es am Strand.

Heute sitze ich hier, habe Hochzeitstag und bin seit acht Jahren geschieden, finde den Ehering nicht mehr wieder und nicht einmal das Hochzeitsfoto. Aber ich habe Glück, denn ich sitze irgendwann am Strand, mit einem guten Gefühl. Dem guten Gefühl, die richtigen Entscheidungen für mich und meine Kinder getroffen zu haben.

Wenn wir Glück haben

Wie Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen kann. Für Putte.

Putte (der in Wahrheit Thorsten Puttenat heißt) will in den Stuttgarter Gemeinderat, er kandidiert für die Stadtisten und er ist ein wirklich guter Mensch. Er hat mich gefragt, wie denn die Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen könne? Kurzes Grübeln, da fällt mir einiges ein: das verfluchte Ehegattensplitting und die fehlende gerechte Besteuerung, die unselige Verrechnung von Hartz4 mit Unterhaltsvorschuss und Kindergeld, es fehlen bezahlbare Wohnungen, kostenloser ÖPNV für Schulkinder, sichere und flexible Jobs, home office und bessere Vereinbarkeit, kurze Wege und intakte Nachbarschaft, Kita- und Hortplätze für alle, konsumfreie und geschützte Räume für Jugendliche von 10-18 Jahren, Hausaufgabenbetreuung und gesundes Mittagessen, Haushaltshilfe statt Mutter-Kind-Kuren, Kindergrundsicherung oder besser noch bedingungsloses Grundeinkommen, 32- statt 40 Stunden-Woche bei Vollzeit. Für jedes Kind ein Instrument, einen Sportverein und mindestens das bronzene Schwimmabzeichen. Akzeptanz jeglicher Familienform und das tiefgreifende Verständnis: Familie ist da, wo Kinder sind. Kinder gehören mitten rein in die Gesellschaft und sie brauchen frische Luft und sichere Wege, sie brauchen liebevolle und kluge Menschen die sich um sie kümmern, sie brauchen Raum und Zeit, sie brauchen Wälder, Wiesen und Matschepampe. Sie brauchen glückliche und entspannte Eltern. Um nur einige zu nennen.

Nicht alles davon liegt in der Verantwortung der Kommunalpolitik, vieles ist Länder- oder Bundessache. Ich bin keine Spezialistin von politischen Strukturen und weiß nicht, ob auch die Städte Druck auf Land und Bund ausüben können oder wollen, drum liste ich hier einfach mal alles auf und die Kommunalpolitik darf sich aussuchen, wo sie ansetzt. Denn die Situation Alleinerziehender ist meist so beschissen, dass jeder Punkt hilft. Mehr oder weniger. Schön wäre natürlich, an den Ursachen was zu ändern und nicht an den Symptomen rumzudoktorn. Leider bleibt der Kommune oft nur, die Symptome zu lindern, weil sie nicht an die Ursachen kommt. Zum Beispiel eine Familiencard für Stuttgart ausgeben, damit Alleinerziehende mit den Kids auch mal ins Schwimmbad oder in den Zoo gehen können oder mit dem Guthaben der Familiencard die Klassenfahrt bezahlen können. Denn eine Alleinerziehende wie ich hätte mit Steuerklasse 3 ein paar Hundert Euro mehr auf dem Konto und könnte davon einiges bezahlen, zB die Klassenfahrt. Aber ich habe Steuerklasse 2 mit dem niedlichen „Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende“ und zahle fleißig Steuern (nahezu) wie ein Single, obwohl ich für 3 Leute verantwortlich bin, und freue mich dann über die Familiencard, die mir die nächste Klassenfahrt mit 60€ bezuschusst. Tja Putte, dann musst Du wohl Kanzler werden, wenn Du ans Steuersystem willst. Dann kannst Du auch gleich dieses beknackte „Familienentlastungsgesetz“ streichen und echte Reformen einläuten. Diese glorreiche Errungenschaft der Groko sieht nämlich vor, sehr gut verdienende Familien massiv steuerlich zu entlasten, schlecht verdienende Familien ein kleines bisschen und Hartz4-Empfänger kriegen davon überhaupt nix ab. Den Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende zumindest mal der Inflation anzugleichen, dagegen hat sogar die SPD gestimmt. Dankeschön. Setzen. Sechs.

Aber wir waren bei der Kommunalpolitik: Die Möglichkeiten der Kommunalpolitik sind begrenzt? Nein, sind sie nicht, denn sie sind am nächsten dran an den Alleinerziehenden. Die Politik vor Ort kann das tun, was Land und Bund weniger gut können: Hinschauen, Zuhören, Präsent sein, Beraten. Guckt mal hin, wo die Alleinerziehenden in Eurer Stadt sind. Wo leben sie, wo arbeiten sie, wo sind ihre Kinder, was brauchen sie? Fragt sie einfach. Macht mal einen Tag für Alleinerziehende im Rathaus, ladet sie alle ein und fragt sie, hört ihnen zu, nehmt Euch Zeit und nehmt sie ernst (vielleicht bissl mehr Zeit als Staatssekretärin Mielich das getan hat). Und nicht nur einen Tag, macht das jedes Jahr, seid für uns da, konsequent und nachhaltig. Richtet eine Beratungsstelle für Alleinerziehende ein, die alles weiß, alles bündelt und das Richtige für mich einleitet. Wirklich alles. Die Angebote von den Wohlfahrtsverbänden und Kirchen, vom Jugendamt, Kinderschutzbund und von den Krankenkassen, von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Steuerberatern und Scheidungsanwälten, von Psychologen, Pädagogen, Pfadfindern und Jugendhäusern und die Schulen bitte nicht vergessen. Und wenn schon, dann auch gleich mit 24-Stunden-Notfall-Telefon. Das wär der Knaller! Das wär ja nicht nur für die Alleinerziehenden gut, sondern für alle Familien. Aber Alleinerziehende sind die verletzlichsten Familien, sie haben mehr Druck und weniger Ressourcen, sich um alles zu kümmern. Wir können nicht jede Beratungsstelle abklappern, ewig im Internet rumklicken nach Öffnungszeiten, Warteschlangen, Telefonsprechstunden suchen und alles fein säuberlich sortiert nach Grund der Beratung. Denn diese ganze Zeit geht von unserer Zeit für die Kinder ab, und arbeiten müssen wir ja auch noch.

Gebt uns die Chance, mitzureden und mit zu gestalten, macht auch die Kommunalpolitik familienfreundlicher. Denn der Grund, dass Alleinerziehende nicht gehört und gesehen werden ist, dass sie arbeiten, sich um ihre Kinder kümmern, einkaufen, Wäsche waschen, den Haushalt schmeißen, mit dem Ex diskutieren, Unterhalt einklagen, Mathe üben, Vokabeln abfragen, Windeln wechseln, Laterne laufen und abends erledigt auf dem Sofa einpennen, weil sie es nicht mehr in’s Bett schaffen. Da bleibt wenig Kapazität, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren.

Deshalb: Seid unsere Stimme! Macht Euch stark für uns! Denkt uns mit, hört uns zu, rechnet mit uns. Aber bitte nicht so eine Feigenblatt-Aktion wie die Förderung von Lastenrädern der Stadt Stuttgart: da wurde fett propagiert „Für Familien und Alleinerziehende“. Ich hab mich sehr gefreut, denn ich hatte angenommen, dass es besonders günstige Förderbedingungen für Alleinerziehende gäbe. Nein, gibt es nicht. Sollte „Familien und Alleinerziehende“ am Ende bedeuten, dass Alleinerziehende keine Familien sind? Oder warum hat man sie dann extra benannt? Ich hab’s bis heute nicht erfahren, außer dass ich bei dieser Lastenrad-Förderung mit mindestens 3000€ Eigenanteil einsteigen muss. Die Alleinerziehende will ich mal sehen, die 3000€ übrig hat. So wollen Alleinerziehende nicht mitgedacht werden, das ist schon fast Sarkasmus: Dankeschön. Setzen. Sechs.

Aber sehen wir es positiv: Ansätze sind vorhanden. Man hat an Alleinerziehende gedacht, das ist ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Gut, man hat dieselbe finanzielle Potenz wie bei der doppelverdienenden Mittelschicht vorausgesetzt, das war jetzt nicht so pfiffig. Also zurück auf Los: Hinschauen, Zuhören, Präsent sein, Zeit nehmen.

Und als finalen Tipp: versucht mal, das proaktiv hinzukriegen. Alles, was es gibt, gibt es nämlich nur auf Antrag. Ob Familiencard oder Landesfamilienpass, ob Wohngeld oder Unterhaltsvorschuss, ob Haushaltshilfe oder Mutter-Kind-Kur, ob Schülermonatsticket oder (yeah!) Lastenrad: habt Ihr eine Vorstellung davon, wie viele Anträge eine Alleinerziehende stellen muss, an wie vielen verschiedenen Stellen? Und bringen Sie bitte Ihren Lohnsteuerjahresausgleich, die Geburtsurkunden der Kinder, das Einverständnis des Vaters, die Scheidungsurkunde und Ihr Seepferdchenabzeichen mit. Da wirste bekloppt! Ich will nicht wissen, wie viele Alleinerziehende auf Leistungen verzichten, weil sie es entweder nicht wissen oder es einfach nicht hinkriegen, alles korrekt und fristgerecht zu beantragen. Natürlich kann man nicht alles frei Haus servieren, aber ein generelles Umdenken in Richtung „was können wir für Dich tun?“ und nicht „Was kannst Du bei uns beantragen?“. Das wär richtig schön!

Und jetzt, lieber Putte und liebe alle Gemeinderäte da draußen, wünsche ich Dir und Euch viel Energie, Ideen und auch Spaß im Gemeinderat. Wenn was ist: einfach fragen. Wir sind 1,6 Millionen, Ihr findet uns schon.

Wie Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen kann. Für Putte.

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Ich fragte mich bereits seit geraumer Zeit, wer sich in der Kommunal- oder Landespolitik in Stuttgart / Baden-Württemberg für Alleinerziehende zuständig fühlt. Immerhin regieren die hier Stadt und Land, aber ich hab beim Rumklicken auf deren Website nix gefunden. Umso mehr freute ich mich, als mir über den VAMV eine Einladung von Dorothea Wehinger MdL Sprecherin der Grünen für Frauen, Kinder und Familien, zum Fachgespräch „Starke Familien. Alleinerziehende nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag geradelt, voller Neugier auf Information, Gespräche und Vernetzung.

Nach ca. 2stündigem lebhaften und informativen Input sitzt nun also die Staatssekretärin für Soziales und Integration vor mir und erklärt, eins der größten Probleme der Alleinerziehende wäre die falsche Wortwahl, denn alleinerziehend klingt so benachteiligt, ist so negativ behaftet. Ein-Elter-Familie klänge da schon viel besser. Ich bin erstaunt. Denn wissen Sie, Frau Mielich: alleinerziehend klingt wirklich negativ. Aber wissen Sie noch was: es ist ja auch scheiße! Warum soll denn jetzt ein neues Wort alles rausreissen? Wir sind nicht einfach nur „zwei Eltern Minus Eins = Ein-Elter-Familie“. Als ob’s grad egal wäre, ob da nun ein oder zwei Erwachsene am Start sind, Hauptsache Familie. Ein oder zwei Eltern, das sind nur verschiedene Variablen von Familien? Nein, es ist nicht egal, denn wir sind allein. Mutterseelenallein. Wir sind zwei-Minus-ein-Erwachsener PLUS verdammt viel Stress, und zwar vor allem mit dem abhanden gekommenen zweiten Elternteil. PLUS Stress mit Job, Geld, Haushalt, Alltag und Kindern. PLUS strukturelle Benachteiligung, die wir der Politik zu verdanken haben.

Die Politik, die das Ehegattensplitting nicht abschafft und dafür sorgt, dass mir von meinem Vollzeit erarbeitetem Brutto gerade mal ein ein paar warme Kinderjacken mehr übrig bleiben als dem kinderlosen Single, während sich die verheirateten kinderlosen Paare ins Fäustchen lachen ob ihrer gesparten Steuern. Die Politik, die dafür sorgt, dass Katzenfutter mit 7% und Windeln mit 19% besteuert werden, dass es keinen bezahlbaren Wohnraum für Familien gibt, dass flexible und kompetente Kinderbetreuung von 1-12 Jahren noch in den Kinderschuhen steckt, dass ich 1000€/Jahr für die Bustickets meiner Schulkinder bezahlen muss, dass der Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt mit Harzt4 und Kindergeld verrechnet wird, dass Eltern und Arbeitgeber zusammen einen Vereinbarkeits-Tanz um die Schulen herum aufführen, weil diese stur auf ihrem verkrusteten System beharren. Wenn denn eine Alleinerziehende überhaupt einen Job bekommt und die Kinder zur Schule gehen. Wenn die Alleinerziehende arbeitet und die Kinder krank sind, ist schon wieder Essig, umgekehrt übrigens auch. Das alles und noch einiges mehr liegt im Verantwortungs- und Gestaltungsbereich der Politik, aber ein neues Wort ist mit das Wichtigste, das Ihnen einfällt, wenn Sie zum Thema Alleinerziehende sprechen sollen? Aha.

Und dann berichten Sie noch, dass Nachbarschaftszentren und Mehr-Generationen-Häuser eine echte Unterstützung für Alleinerziehende sein können. Ja klar, wenn die Politik es nicht hinkriegt, dann wird auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Liebe Frau Mielich: wann haben Sie denn das letzte Mal Ihrer alleinerziehenden Nachbarin eine Suppe gekocht? Vom Großeinkauf was mitgebracht? Kurz die Kinder gehütet, weil die Mutter zum Arzt musste? Ok, Sie haben bestimmt wenig Zeit. Aber Überraschung: nicht nur Staatssekretärinnen haben wenig Zeit – niemand hat Zeit. Sicher sind Mehr-Generationen-Häuser eine gute Sache. Aber sie lindern nur die Symptome, sie ändern nichts an den Strukturen. Wenn ich nicht 40, sondern nur 30 Stunden in der Woche arbeiten müsste, um denselben Betrag auf dem Konto zu haben, dann würde ich der alleinerziehenden Nachbarin ganz ohne Nachbarschaftszentrum ’ne Suppe vorbei bringen. Da dürfen Sie sich als Politikerin jetzt aussuchen, ob Sie an der Steuergerechtigkeit was dengeln oder an der Grundsicherung für Kinder, an der Wochenarbeitszeit oder an der Mehrwertsteuer, am Mietspiegel oder an den Kosten des ÖPNV. Aber ein Nachbarschaftszentrum ist ungefähr so hilfreich wie eine Mutter-Kind-Kur: das wird das Kaputteste repariert, damit Mutti wieder fit ist und weiter durchhält. Und das ist in dem Moment sicher auch ein großer Segen! An den Ursachen wird jedoch nix geändert, und das ist eigentlich eine Katastrophe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde Nachbarschaftszentren großartig, ich bin absolute Befürworterin von Vernetzung. Aber sie sind ganz sicher nicht die Lösung, nicht für die vielfältigen strukturellen Probleme und Benachteiligungen, denen Alleinerziehende ausgesetzt sind.

Und derer sind viele, ich habe hier bereits welche aufgeführt und beim Fachgespräch der Grünen im Landtag Baden-Württemberg wurden sie sehr lebendig und mit Fakten belegt geschildert. Da waren Sie aber noch nicht da, denn Sie kamen erst so spät zu dem Fachgespräch, dass Sie das alles nicht gehört haben. Ich finde das sehr bedauernswert! Ein Gespräch ist ja eigentlich so eine Sache, bei der man sich wechselseitig zuhört. Sie haben aber nicht zugehört, Sie kamen gegen Ende, haben Ihr Manuskript vorgetragen und kritisch die Augenbraue gehoben, als Dr. Finke ihre Nachbarschaftszentrumssache kritisierte. Ebenso reagierten Sie, als die Geschäftsführerin des VAMV, Brigitte Rösiger, erklärte, dass der Begriff „alleinerziehend“ sehr wohl bewusst gewählt wurde, und auch mich haben Sie bissl befremdlich angeschaut, als ich ganz zum Schluss bemerkte, das leider schon das Wort „Alleinerziehend“ auf Ihrer Internet-Präsenz und der der Landes-Grünen fehlt. Es ist nämlich auch eine Frage der mangelnden Wertschätzung, wenn man so gar nicht sichtbar ist. Glauben Sie mir nicht? Dann schauen Sie sich mal das Familienbild der Grünen an, sehr hübsch animiert auf dieser Website oder hier : bei den „Themen“ kommen Familien nicht vor, die sind unter Soziales subsumiert. Und wenn man die  Familien gefunden hat, kommen Alleinerziehende nicht vor, weder im Bild oder auch nur ein einziges Mal im Text. Und Ihre eigene Website? Nun ja.

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Ich hätte mir bei dem Fachgespräch mehr Kommunikation gewünscht, und ich wünsche mir Sichtbarkeit. Eine Staatssekretärin, die uns Alleinerziehende sieht, unsere Leistungen respektiert, unseren Nöten zuhört und glaubhaft versichert, sich für uns stark zu machen – das wäre grandios gewesen! Ja, ich hätte Sie echt gefeiert, das kann ich Ihnen hier unumwunden sagen. Aber so hat mich dieses Fach“Gespräch“ sehr geärgert und ich habe mich als Alleinerziehende nicht ernst genommen gefühlt, weil ich ja so blöd bin, mich auch noch selber alleinerziehend zu nennen.

Wenn ich mich jedoch fortan Ein-Elter-Familie nenne, sind die Kinder sauer, die haben nämlich zwei Eltern. Nenne ich mich „Single Mom“, fühle ich mich eher wie ein hippes Huhn. Auch wenn es für Sie unschön klingt: ich bin alleinerziehend, denn ich erziehe meine Kinder allein, und das ist verdammt anstrengend. Die Mutter-Kind-Kuren durften mich schon 3x wieder aufpäppeln, und so habe ich es mit Ach und Krach über die Halbzeit meines Familienlebens geschafft. Den Rest kriege ich jetzt auch noch irgendwie hin, mit 11 und 13 Jahren sind die Kinder ja aus dem Gröbsten raus (haha, die Pubertät steht schon grinsend im Flur).

Liebe Frau Mielich: ich brauche Sie. Wir brauchen Sie. Wir schaffen das nicht alleine. Wir brauchen eine engagierte, tatkräftige, ideenreiche Staatssekretärin, die sich für alle Familienformen stark macht und dabei auf die Alleinerziehenden als besonders verletzliche Familien, wie uns Prof. Christel Althaus, Vorsitzende des Landesfamilienrats Baden-Württemberg in ihrem Eingangsstatement zum Fachgespräch sehr treffend beschrieben hat, ein ganz besonders Augenmerk hat.

Die Veranstaltung hieß „Starke Familien. Alleinerziehende nicht alleine lassen“. Wir sind aber keine starken Familien, wir sind die schwächsten und verletzlichsten aller Familien und deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Das Fachgespräch war ein Anfang – machen wir weiter!

danke

Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Schule? Bitte nicht so früh!

Die Schule macht uns fertig.

Mich und meine Kinder. Nein, nicht das Lernen, die Hausaufgaben, die Elternabende oder die Schulfeste. G8 oder G9, Klassenarbeiten, Vokabeltest, Jahresprojekte sind es auch nicht.

Es ist die Uhrzeit: 8 Uhr Beginn. Bei uns heißt das, dass ich um 6:30 Uhr aufstehe und um 6.40 Uhr stehen die Kinder auf. Aber was heißt hier Aufstehen? Ich kratze die Kinder buchstäblich von den Matratzen. Wenn ich um 6.40 Uhr erstmals die Tür öffne und „Guten Morgen“ flöte, liegen beide im absoluten Tiefschlaf, wälzen sich langsam seufzend tiefer unter die Decke, kuscheln noch 5-10 Minuten im Bett, stehen dann murmelnd auf und erscheinen völlig zerstört am Frühstückstisch. Ich beobachte, wie die Zufuhr von Zucker und Kohlehydrate beim Frühstück ganz langsam die Lampen in den Gehirnen meiner Kinder anschaltet. Etwas später verlassen sie müde das Haus, ich schätze sie werden im Bus langsam wach, um dann in einem Zustand innerer Mitternacht in der Schule zu hocken.

Ich selber bin ebenfalls sturzmüde, weil mein Beruf es erfordert, dass ich pro Woche 1-2 Abendtermine bis ca. 24 Uhr oder auch 1 Uhr habe, und es mag an meinem Alter liegen, dass ich meinen Rhythmus nicht einfach so umgestellt kriege: an freien Abenden um 21 Uhr ins Bett, an Arbeitsabenden um 1 Uhr ins Bett. Denn immer ich bin allein ich es, die um 6.30 Uhr aufsteht. Immer, keine Ablösung, seit 8 Jahren. Wenn der erste Abendtermin in der Woche schon am Dienstag ist, kriege ich die Müdigkeit bis zum Wochenende nicht mehr weggepennt, die steckt mir in den Knochen und da hilft kein Mittagsschlaf (wann denn?) und kein frühes ins Bett gehen.

Frühes ins Bett gehen hilft übrigens auch nicht bei den Kindern. Sie liegen zwar um 21 Uhr im Bett, aber wer noch nicht schlafen kann, darf noch lesen. Der „Kleine“ mit seinen 11 Jahren legt meist das Buch um 21.15 Uhr weg und schläft, die Große (13) schläft oft erst um 22 Uhr oder später ein. Vorher sind die beiden vielleicht erschöpft, aber nicht müde genug zum Einschlafen. Und ich kann sie ja schlecht k.o. schlagen.

Sie sind einfach Spätaufsteher und Späteinschläfer, und sie schlafen wirklich lange und gern. Als Babys haben sie nach 10 Wochen ihre 12 Stunden durchgeschlafen und zu Kita-Zeiten hatten wir Mühe, auf 10 Uhr zum Morgenkreis aufzukreuzen. Nicht weil wir so getrödelt haben, sondern einfach weil sie von 20 Uhr abends bis 9 oder halb 10 tief und fest geschlummert haben. Alle haben mich beneidet um meine schlaffreudigen Kinder. Dann kam die Schule, seitdem ist Schluss mit lustig.

In den Ferien, wenn die beiden mal ein Ferienprogramm ab 9 oder 10 Uhr besuchen, merke ich, wie entspannt und fröhlich es hier zugeht. Die Kinder sind ausgeschlafen, beim Frühstück herrscht gute Laune und sie starten aufgeräumt in den Tag. Die Schule mit ihrem Beginn um 8 Uhr passt weder zum Biorhythmus von meinen Kindern oder mir, noch passt sie zu meinem Job, aber wir sind dem alternativlos ausgeliefert und entsprechend dauermüde bis an die Grenze der Erschöpfung.

Es gibt genügend Studien, die aufzeigen, dass der frühe Schulbeginn dem Lernerfolg der Kinder nicht zuträglich ist. Einige belegen sogar, dass er aktiv schadet. Natürlich gibt es einige Kinder, zu denen 8 Uhr perfekt passt. Aber es gibt mindestens genauso viele Kinder (und in der Pubertät noch sehr viel mehr), für die 8 Uhr eine echte Qual ist. Warum in aller Welt fängt dann die Schule so früh an? Sie ist doch für die Kinder da, die eine Menge lernen sollen, warum geht dann das Angebot so krass an Zielgruppe vorbei?

Weil die Eltern zur Arbeit müssen?

Nein: Schule ist keine Kinderbetreuung. Schule ist dazu da, den Kindern was beizubringen. Nicht, um sie aufzubewahren – okay: zu betreuen, während die Eltern arbeiten. Abgesehen davon trifft das ja auch gar nicht auf alle Eltern zu. Wenn ich zum Beispiel arbeite, ist auch keine Schule. Und nicht nur ich: sämtliche Dienstleistungs-/Schichtdienstberufe und Freiberufler, vom Krankenpfleger über die Busfahrerin, den Webdesigner bis zur Politikerin: in das 8 – 14 Uhr-Schema passen die alle nicht. Eine kleine Blitzumfrage von mir auf Twitter und facebook hat ergeben, dass ca. 35%-40% der berufstätigen Eltern flexible Arbeitszeiten haben. Immerhin haben sich fast 1000 Menschen an der Umfrage beteiligt.

Weil die Kinder noch was vom Tag haben sollen?

Nun, mein 6. Klässler auf dem bilingualen G8-Gynasium (gibt’s ne stressigere Schulform?) hat 3x/Woche um 13.10 Uhr Feierabend, 1x um 15.40 Uhr und alle 14 Tage ein zweites Mal um 15.40 Uhr. Ich würd mal sagen: da ist noch Luft nach oben, ohne dass die Kinder erst zur Tagesschau nach Hause kommen. Aber weil man ja nie von sich auf andere schließen soll, hab ich mal ins Netz geguckt: die Gymnasien in Baden-Württemberg haben 32-34 Wochenstunden, in der 9. und 10. Klasse 35. Das sind pro Tag 6,8 Schulstunden, sagen wir großzügig 7. Bei Beginn um 9 Uhr wäre mit Pausen um ca. 15.45 Uhr Schluss. Täglich von 9 – 15.45 Uhr in der weiterführenden Schule finde ich machbar. Und wir reden hier von der Stundentafel eines G8-Gymnasiums, alle anderen (G9, Real-/ Waldorf-/Gemeinschaftsschule etc) liegen eher bei 29 -32 Wochenstunden, die Grundschule kommt oft mit putzigen 22 Stunden aus. Über den Sinn und Zweck von Hausaufgaben konnte man dann im dem Aufwasch auch gleich verschärft nachdenken. Natürlich müssen Vokabeln gepaukt oder Bücher gelesen werden. Aber den überwiegenden Teil der Hausaufgaben halte ich für Mumpitz, worin mich verschiedene Studien unterstützen.

Kein Kind braucht übrigens fünf Hobbys. Meine Kinder kommen fast völlig ohne aus, aber bissl Sport oder Musik schadet ja nicht. Man kann allerdings auch um 17 Uhr noch 30 Minuten Klavierunterricht absolvieren und um 18 Uhr zum Basketball gehen. Selbst für dieses völlig aus der Mode gekommene „Freunde treffen“ oder „Langeweile“ ist zwischen 16 und 20 Uhr noch Zeit. Denn der Witz ist ja: die Kids müssen nicht mehr um 20 Uhr in der Falle liegen, wenn sie morgens ein Stündchen länger schlafen können. Der gesamte Rhythmus verschiebt sich nach hinten, weil (jetzt kommts!): die Stunde, die die Kinder später Schule haben, wird gar nicht von der Lebenszeit abgezogen!

Und ja: natürlich IST die Schule auch eine Betreuung für die Kinder, wenn die Eltern arbeiten. Da die Arbeitszeiten der Eltern aber sowieso alle total unterschiedlich sind, fände ich es sinnvoll, wenn es zu den Randzeiten vor und nach der Schule vernünftige und flexible Betreuung gäbe, damit ALLE Eltern ihrer Berufstätigkeit nachgehen können, ohne im burn-out zu landen. Und nicht nur die, deren Arbeitszeiten sich zufällig mit den aktuellen Schulzeiten deckt, während alle anderen Familien sich ein Bein ausreißen und mit privaten Ressourcen die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit abfedern.

Denn aktuell reißen sich alle ein Bein aus: zu allererst die Familien, die sich um Kopf und Kragen organisieren, um ihren Job zu erfüllen, die Kinder in die Schule zu schicken und den Nachmittag kindgerecht zu gestalten. Ob durch elterliche Anwesenheit, durch Hort oder Kita, durch Vereine, Freunde, Nachbarschaft, Tagesmutter etc. Es gibt viele Möglichkeit, und alle haben mit Kraft, Zeit und Geld zu tun, um es irgendwie hinzukriegen. Nicht in allen Familien ist genug Kraft, Zeit und Geld vorhanden, und so bleibt bei vielen was auf der Strecke. Die Schulen bleiben davon unberührt, die verkünden spontanen Unterrichtsausfall, machen Ausflüge die früher zu Ende sind als an dem Tag Unterricht gewesen wäre, die händigen am 1. Schultag einen fixen Stundenplan für die nächsten 12 Monate aus und die Familien können gucken, wie sie das gebacken kriegen.

Inzwischen haben gottlob endlich einige Arbeitgeber damit angefangen, die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben zu ermöglichen. Flexible Arbeitszeiten, flexible Arbeitszeitmodelle, Firmen-Kitas ect. Politik und Wirtschaft engagieren sich mehr oder weniger erfolgreich für Vereinbarkeit, für eine angenehme work-life-balance und für glückliche Arbeitnehmer. Nur die Schule machen da nicht mit: sie bleiben seit zig Jahren starr bei ihren Zeiten und Systemen, während alle um sie herum wie die Blöden ihren Alltag, ihre Familie und ihren Job jonglieren.

Die Schule ist für die Kinder da, und deshalb sollte die Schule sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Kinder brauchen nicht nur frische Luft, Bio-Gemüse und ein niedliches Kuscheltier, sondern auch ausreichend Schlaf und entspannte Eltern.

Natürlich habe ich nicht die perfekte Lösung parat, und natürlich gibt es an jeder Schule, in jeder Gemeinde und in jeder Familie Ausnahmefälle und Unmöglichkeiten. Da muss man sich halt hinsetzen und Lösungen erarbeiten. Ich wette, dass das geht!

Denn, so schreibt Nina Straßner alias Die Juramama in ihrem sehr guten Text zum selben Thema: „Wenn man einfach so ein ganzes Schuljahr streichen kann, von G9 auf G8, dann kann mir keiner sagen, dass sowas eine „unmögliche Reform“ wäre.“. (Bitte lest unbedingt den gesamten Text von Nina, er ist sehr klug und witzig und behandelt das Thema nochmal viel gründlicher und politischer als ich hier!)

Der frühe Schulbeginn macht nicht nur mich und meine Familie fertig. Er ist ungesund für die Kinder und er boykottiert mit seiner Sturheit jede Bestrebung von Politik und Wirtschaft in Richtung Vereinbarkeit.

Wie in aller Welt konnte sich so etwas so lange halten und wie in aller Welt kriegen wir das abgeschafft? Ich hätte längst eine online-Petition gestartet, aber ich bin immer so müde.

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Schule? Bitte nicht so früh!

Irgendwas mit Medien

So eine verdammt Scheisse!“

DAS GEHT DOCH GAR NICHT!!“

DU BIST DIE SCHLECHTESTE MUTTER DER WELT!!!“

Das Kind ist knallrot, ihm fliegen die Tränen vor Wut aus den Augen, es brüllt die Wohnung zusammen, schlägt aufs Sofa ein und verschwindet Türen knallend in seinem Zimmer. Verdrischt dort den Boxsack und wirft sich dann heulend in sein Bett.

Alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

Es gibt nichts, das das Kind so aus der Fassung bringt wie Medien und das, das damit unzufrieden stellend läuft. Unzufrieden stellend heißt: das Spiel läuft nicht, das WLAN ist zu schwach, das Kind kann eine Aufgabe nicht lösen oder die unfassbare Scheiß-Mutter hat das nahende Ende der Medienzeit angekündigt.

Mich macht das fertig. Ich kann dieses Gebrüll nicht gut ertragen, die Stimmung in der Wohnung und bei der ganzen Familie sinkt hier völlig in den Keller und selbst die Katzen ergreifen panisch die Flucht. Ich denke an „Soviel Freude soviel Wut“ und daran, dass ich so etwas nicht achtsam begleiten kann. Mich macht das wütend, sauer, traurig und am Ende resigniert.

Man soll die Medienzeit der Kinder begrenzen, tönt es überall. Das Blöde ist: ich kann die Grenzen nicht überwachen. Ich bin nämlich gar nicht immer zu Hause, wenn das Kind zu Hause ist. Ich arbeite Vollzeit und hier gibt’s keinen zweiten Erwachsenen. Ich reiß mir ein Bein aus, um zu Hause zu sein, wenn die Kinder Schule aus haben, aber mindestens jede 2. Woche fällt hier unangekündigt die Mittagsschule aus. Also Kind um 14 Uhr zu Hause statt 16.30 Uhr. Oder ich muss abends arbeiten, dann gehe ich gegen 18 Uhr aus dem Haus. Bis zum Schlafen um 21 Uhr ist eine Menge Zeit, und die verbringen die Kinder nicht mit philosophischen Debatten am Abendbrottisch. Meistens vergessen Sie eh, was zu essen und zocken einfach bis zum Einschlafen.

Das Verrückte ist: früher hatte ich einen Baybsitter, da konnte ich einfach arbeiten gehen. Jetzt sind die Kinder endlich groß genug, um ohne Babysitter den Abend zu verbringen, da sind sie beaufsichtigungsintensiver als je zuvor. Wegen irgendwas mit Medien. Jetzt haben wir allerdings keinen Baybsitter mehr, die Kinder lehnen das kategorisch ab, sind ja keine Babys mehr. Haha.

Ein mäßig kluger medienpädagogischer Ratschlag lautet: guck Dir an, was Dein Kind da macht. Spiel auch mal mit. Aber ich mag keine Computerspiele, ich mag keine Consolendings. Und ich finde, ich muss das auch nicht. Ich interessiere mich durchaus für das, was meine Kinder da machen. Ich google die Spiele und die Technik, die Consolen und die Rezensionen und entscheide dass der 11jährige Fortnite spielen darf, auch wenn meine Freundin, die Pädagogin sagt, das wäre ganz ganz schlimm. Ich höre dem Kind zu, wenn es aufgeregt von neuen Skins redet oder dass es eine neue Herzkammer bekommen hat. Ich gehe mit ihm zur Computerspielschule und gucke mir alles an, ich lese mich da rein, ich höre und gucke zu, ich besorge mir sogar die Klaviernoten vom Lieblingslied des Kindes in Zelda, weil ich selber das Lied so schön finde. Aber ich zocke nicht selber, weil mir das einfach keinen Spaß macht, und ich spiele deshalb nicht zusammen mit dem Kind. Das sollte ich vielleicht, dann könnte ich die Wut und die Ungeduld besser verstehen, die da aufkommen. Ich könne mein Kind vielleicht sogar besser beraten oder trösten, aber ich kann es halt nicht. Das muss mein Kind leider alles ohne mich hinkriegen und aushalten. Vielleicht ist das ein Teil der Wut? Ich weiß es nicht, ich weiß nur dass ich es nicht ändern kann.

Auch ein guter Tipp: den Kindern sinnvolle Alternativen bieten. Puh, wenn ich nach 8 Stunden von der Arbeit komme, auf dem Rückweg eingekauft habe, zu Hause schnell Wäsche und Abendessen mache, dann geht mir echt die Luft aus für sinnvolle Alternativen. Ich bin platt. Vor dem Medienzeitalter haben die Kinder abends gespielt, wie so Kinder. Lego, Verkleiden, Puppen. Sie haben gemalt und gelesen, Hörbücher gehört oder gebastelt, mal miteinander, mal alleine. Ich tröste mich damit, dass sie in den ersten 10 Lebensjahren (fast) völlig analog unterwegs waren, in der Kita-Zeit ständig im Wald, in der Grundschulzeit ständig auf dem Kickplatz und mit Freunden unterwegs waren.

Jetzt machen sie halt irgendwas mit Medien. Wenn ich Pech und sie Glück haben, schon seit 3 Stunden wenn ich nach Hause komme. Und weil ich weder Zeit noch Energie für sinnvolle Alternativen habe, machen sie auch noch eine Weile weiter. Oder ich beende die Medienzeit (natürlich erst nach dem Level, ich bin ja nicht lebensmüde), muss mir dann aber trotzdem Gezeter anhören.

Gezeter. Es ist nicht die Zeit, die viele oder gar zu viele Zeit, die die Kinder mit Medien verbringen, die mich fertig macht. Ich find nämlich tatsächlich auch, dass man gerne mal einen ganzen Abend chatten, eine Aufgabe zu Ende und ein Level (stundenlang!) durchspielen, drei Harry Potter-Filme oder acht Folgen der Lieblingsserie nacheinander gucken kann.

Aber das Gezeter. Es ist das Gezeter, das mir an die Substanz geht. Es ist die schlechte Laune, die Gereiztheit und wenns blöd läuft das Gebrüll. Denn diese schlechte Laune kommt bei analogen Beschäftigungen nicht auf, jedenfalls nicht in diesem Eskalationsgrad. Weder Lego noch Malen, noch Lesen, noch gemeinsames Spiel generiert derart miese Stimmung und explosionsartige Ausbrüche wie irgendwas mit Medien. Die schlechte Laune hält sich dann gerne über das ganze Abendessen und inzwischen habe ich gelernt, dass man da nix, aber auch gar nix machen kann. Und schon gar nicht die berühmte Empathie zeigen! „Das tut mir leid, daß Dich das so ärgert“. „DU HAST JA GAR KEINE AHNUNG UND JETZT MACHST DU DICH AUCH NOCH ÜER MICH LUSTIG!“ Nein, hier empfiehlt sich geduldiges Schweigen bis hin zur Ignoranz und Warten, bis der Ausbruch vorüber geht. Dann dezent Nahrung reichen und ein Glas Wasser, oft geht beim Zocken der Blutzucker runter und das Kind vergisst zu trinken. Dann geht’s irgendwann wieder und alle können aufatmen. Mit ein bisschen Glück ist der Abend noch zu retten, wir reden und essen miteinandern und danach spielt das Kind entspannt Lego oder liest ein Buch. Nochmal die Kurve gekriegt.

Aber es ist mühsam, und nicht nur das. Ich bin ratlos, genervt und manchmal überfordert von dem Thema. Ich lese alle möglichen Texte dazu, den von Julia Karnick und natürlich verschlinge ich alles von Patricia Cammarata. Das beruhigt ungemein, denn sie hat wirklich Ahnung vom Thema und ihre Interviews mit anderen Familien zeigen mir, dass ich bei Weitem nicht alleine bin mit familiären Mediendiskussionen. Das Thema treibt alle Eltern um, gerade die aus den 70ern des letzten Jahrhunderts, weil sie oft noch mit Schreibmaschinen und schwarz-weiss-Fernsehen groß geworden sind. Meine Kinder sind 11 und 13 Jahre alt, ich hab die Kinder als Babys noch ohne smartphone ins Bett gekriegt, ich hatte ja nicht mal eine App zum Stillen (ich hab noch die Brüste genommen, haha). Wir hatten ja nichts!

Quatsch, ich bin zwar 47 Jahre alt, aber kein digitaler Trottel. Ich bin nicht nur beruflich einigermaßen erfolgreich mit dem weltweiten Netz zugange, ich betreibe immerhin ein selbstgebasteltes Blog, habe fast 3000 Follower auf Twitter, kann ein smart-tv anschließen und ein musica.ly erstellen. Ich weiß, dass man verdammt viel Zeit mit digitalen Endgeräten verbringen kann und will. Aber diese schlechte Laune, die Wut, die Tränen und die abgrundtiefe Verzweiflung, die mein Kind da erlebt: das kenne ich nicht und das macht mich fertig. Ich bin halt auch nur eine Mutter, die ein glückliches Kind haben will, und das Kind sieht damit nicht glücklich aus.

Das Kind versichert mir jedoch das Gegenteil, denn ich habe es schon oft gefragt, warum es sich stundenlang mit etwas beschäftigt, das dermaßen frustriert? Die Antwort: Es macht ihm Spaß. Es sei halt nur ab und zu ein bisschen nervig, aber grundsätzlich mache das großen Spaß. Und das Gebrüll tue ihm leid, er habe sich halt so geärgert. Immerhin, Selbsterkenntnis ist ja erwiesenermaßen der erste Schritt zur Besserung.

Ich lerne über mein Kind: die Definition von Spaß und das Maß an Frustration liegen bei mir und ihm diametral auseinander. Wenn ich denke, der Junge erleidet gleich einen Hirnschlag, hat er sich halt ein bisschen geärgert“.

Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen, gleichwohl verbitte ich mir, haltlos angeschnauzt zu werden und die ganze Familie samt Haustieren in Angst und Schrecken zu versetzen. Er soll bitte in seinem Zimmer wüten, denn im Wohnzimmer steht unser Klavier, wo ich mit Kass‘ Theme meine Nerven zu beruhigen versuche. Die Nachbarn mögen sich über die dichte Abfolge von Gebrüll, Türen knallen und sanfter Klaviermusik wundern.

Aber es ist nur alles wie immer: es ist irgendwas mit Medien.

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Irgendwas mit Medien

Es reicht! Es reicht für uns alle!

Vor zwei Jahren ging mir der drohende Muttertag mit seinen Blumen, Pralinen und „Danke fürs Bügeln, Mama“-Bildchen aus der Grundschule gewaltig auf die Nerven, weil ich, weil Mütter und weil generell alle Eltern was ganz anders brauchen als 1x/Jahr Frühstück ans Bett.

Gemeinsam mit Christine Finke und family unplugged startete ich die Aktion #Muttertagswunsch, in der wir Eltern aufgerufen haben, ins Internet zu schreiben was Sie WIRKLICH brauchen: Gerechte Besteuerung, flexible Kinderbetreuung, familiengerechte Arbeitsplätze, Anerkennung der Erziehungsleistung und vor allem massiven Schutz vor Kinderarmut und Altersarmut. Hunderte Eltern machten mit, Tausende Posts und Tweets flackerten durchs Netz.

Nach 2 Tagen war ich mit dem #Muttertagswunsch bei RTL, nach einer Woche war der #Muttertagswunsch in den Tagesthemen und wir wurden ins Familienministerium eingeladen. Wow, wir werden gehört!

Letztes Jahr haben wir die Aktion erneut gestartet und angesichts der Bundestagswahl die Parteien mit den Forderungen der Familien konfrontiert. Wir haben viele tolle Textbausteine der Parteien als Antworten erhalten, bundesweit hat die Presse reagiert, wir wurden wurden mit der Aktion von FrauTV / WDR flankiert, konkret passiert ist jedoch noch immer noch nichts.

Deshalb Jahr geht die Aktion #Muttertagswunsch, deshalb gehen Mütter, Väter, Kinder dieses Jahr auf die Straße: am 12. Mai in Berlin, vom Neptunbrunnen zum Brandenburger Tor. Rednerinnen sind Annalena Baerbock, (Bundesvorsitzende der Grünen), Dietmar Bartsch (Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag), Christine Finke (Alleinerziehenden-Aktivistin und Bloggerin), Claudia Chmel (Geschäftsführerin des Berliner Verbandes Alleinerziehender Mütter und Väter), Claire Funke (Bloggerin mit der Petition „Fürsorgegehalt – Carearbeit muss sichtbar werden“) und Reina Becker, (Steuerberaterin und Aktivistin für eine gerechte Besteuerung von Alleinerziehenden). Organisiert von einer handvoll alleinerziehender Frauen, die neben Job, Kindern, Alltag und Haushalt auch noch Zeit und Kraft finden, sich für unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder zu engagieren (DANKE!).

Denn es reicht! Es reicht für uns alle!

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Es reicht! Es reicht für uns alle!