Ich habe Kinder, aber ich habe keine Familie

Und wieder dieses beschissene „Ich habe Kinder aber ich habe keine Familie“-Gefühl.
Weil Familie wäre ja, wenn wir alle füreinander da wären. Jeder jedem mal Halt gibt, Rat gibt, Trost spendet, mitfühlt, wieder zum Lachen bringt. Aber meine Familie ist eine Einbahnstraße: ich gebe Halt, spende Trost, fühle mit, bringe wieder zum Lachen. Ich bekomme das nicht, von niemandem. Weil kein Familienmitglied außer mir erwachsen ist. Sie sind Kinder. Ich kann mich nicht an sie anlehnen, meinen Kopf auf ihre Schultern legen mit dem guten Gefühl, dass da noch jemand anderes ist außer mir, der an alles denkt, der sieht und sorgt, der mit mir die Verantwortung und die ganzen Gefühle teilt. Wenn ich meinen Kopf auf ihre Schultern lege, dann eher physisch: weil wir beim Schmusen halt so gelandet sind. Und wenn sie mich zum Lachen bringen, dann eher aus ihrer kindlichen Komik heraus, aber nicht weil sie mir helfen wollen, den Kopf wieder zu heben. Sie sind Kinder und das sollen sie sein, ich kann und darf von ihnen überhaupt nicht erwarten, dass sie hier die Rolle des fehlenden Erwachsenen einnehmen. Was sie sicher eh schon zu oft tun.

Gerade jetzt, in den Ferien wo beide Kinder unterwegs sind, ist dieses beschissene „keine Familie“-Gefühl riesig. Denn ich bin allein. Ich höre die Nachbarskinder draußen spielen. Ich schaue in den Garten. Die Schaukel, der Hase, das Ringelblumenfeld. Im Flur die Wasserpistole, der Schulranzen, überall Lego. Wofür hab ich den ganzen Kram überhaupt? Manchmal denke ich: wir leben doch überhaupt nicht richtig zusammen. Wir sind so viel unterwegs. In der Schule, im Hort, auf der Arbeit. Wären hier zwei Erwachsene, könnten wir es besser teilen, wir würden vielleicht nicht beide Vollzeit arbeiten und die Kinder wären auch mehr zu Hause. Aber ich arbeite Vollzeit, der Sohn ist im Hort, die Tochter hat ständig Mittagsschule. Hier lebt keine Familie, hier sind ab und zu Leute, die hier schlafen und essen, und manchmal ist hier eine Erwachsene ein paar Tage allein. In einer viel zu großen Wohnung für 1 Person, in einer Familienwohnung ohne Familie. Ich weiß, stimmt alles gar nicht, hier tobt zwischendurch fettes Familienleben, alle sind da und wir haben wunderbare glückliche Zeiten zusammen. Aber dann sind hier wieder diese viel zu stillen Zeiten in der viel zu leeren Wohnung.

Ich wollte keine kinderfreien Wochenenden und kinderfreie Ferien. Ich wollte eine Familie.
Eine Familie, in der mir auch mal jemand Halt gibt, Trost spendet, mich zum Lachen bringt. Eine Familie, wo ich auch nach Feierabend mal mit einem Erwachsenen ein Gespräch führen kann. Macht aber keiner, keiner da.
Ich führe in meiner Wohnung ausschließlich Gespräche mit Kindern. Und wenn den Kindern die Gefühle platzen, dann halte ich sie fest, sammel sie wieder ein, rücke sie wieder gerade. Bis sie lernen, es alleine zu tun. Das dauert noch ein bisschen.
Ich bin hier die Starke, die Stabile, ich gebe und gebe und gebe. Mir platzt hier nix, kein Gefühl, weil dafür kein Raum ist. Mich fängt ja eh mich keiner auf und zudem irritiert es die Kinder im höchsten Maße. Natürlich bekommen die Kinder meine Stimmungen und Launen mit, aber immer in einem von mir noch kontrollierten Ausmaß.

Wenn die Kinder nicht da sind, gibt es eine kurze Pause von der Selbstkontrolle und ich starre in das Vakuum meiner Seele. Die Abwesenheiten der Kinder sind zu kurz, um mir was anderes aufzubauen. Netzwerk, Freunde, Hobbies. Und sie sind zu lang, um diese Leere auszuhalten. Wenn die Kinder da sind, habe ich keine Zeit, mir ein parallel-Leben aufzubauen für die kinderlosen Zeiten. Also sitze ich nun einfach auf dem Sofa, höre den Nachbarskindern zu, gucke die Katzen an, schreibe diesen Text und häkel Monster. Und zwar eine ganze verdammte Familie. Die Mutter ist schon fertig.

Monstermutter
Die Mutter ist mal wieder völlig neben der Spur
Ich habe Kinder, aber ich habe keine Familie

„Ich könnte das nicht.“

Es klingt wie der amerikanische Traum: Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst! Als Kind habe ich fest daran geglaubt. Klavierspielerin wollte ich werden und Grundschullehrerin, später wollte ich Rockstar werden, Medizin studieren und Schauspielerin werden. Nachdem ich durch den Test für medizinische Studiengänge ebenso gerasselt bin wie durch die Aufnahmeprüfung der Schauspielschule und auch der erste und einzige Gig meiner Band keinen weltweiten Ruhm einbrachte, bekam ich eine Ahnung davon, dass vielleicht doch nicht ALLES möglich ist.

Aber ich habe mir einen unerschütterlichen Glauben dafür bewahrt, dass ich vielleicht nicht alles, aber verdammt viel erreichen kann, wenn ich es nur will und all meine Energie da rein stecke. Ich bin erwachsen geworden, habe studiert und bin voller Elan ins Berufsleben gestartet. Habe darin viel erreicht, aber nichts, wirklich nichts hat mir so viel abverlangt wie mein Familienleben: als Alleinerziehende habe ich erfahren, dass ich alles schaffen kann. Nicht weil ich will, sondern weil ich muss. Weil es die Option, es nicht zu schaffen, nicht gibt. Oder wie die Kanzlerin sagt: es ist alternativlos.

100% arbeiten und zwei Schulkinder versorgen? Schaffe ich. Die Verantwortung und Sorgen für zwei Kinder alleine tragen und gleichzeitig verantwortungsbewusst ein Kulturzentrum leiten? Schaffe ich. Die Kinder sind krank und ich hab Vorstandssitzung? Schaffe ich. Ich klappe zusammen, bin wochenlang krank und kein Mensch nimmt mir auch nur 1 Tag die Kinder ab? Schaffe ich. Die Kinder sind beide gleichzeitig wochenlang krank zu Hause und ich hab keinen Urlaub mehr? Schaffe ich. Der Ex sagt Kinder-Wochenenden und -Ferien ab? Schaffe ich. Schulwechsel, Impf-Entscheidungen, Elternabende, Therapeutensuche, Weihnachten mit der Ex-Schwiegermutter, Umzug, fehlende Ferienbetreuung, Pubertät und der ganz normale Alltagswahnsinn. Ich schaffe das alles, und wenn morgen noch irgendwas dazu kommt, dann schaffe ich das auch. Denn meine kindlichen Naivität und mein grenzenloser Optimismus sind der Erfahrung und dem tiefen Wissen um meine Fähigkeiten gewichen, dass ich tatsächlich alles schaffen werde, was das Schicksal mir noch so vor die Füße schmeißt. Und ich habe wirklich einige Mal in den sieben Jahren, die ich alleine mit den Kindern bin, gedacht, dass es nun wirklich nicht mehr weiter geht. Aber es geht immer weiter, und irgendwie schaffe ich das immer. So dass aus der Panik angesichts neuer Tatbestände inzwischen nur noch ein „aha“ geworden ist. Dann mache ich das eben auch noch.

Weil ich diese Erfahrung gemacht habe, kann ich mit dem Satz „ich könnte das nicht“ nichts anfangen. Diesen Satz höre ich oft. Von Menschen, die nicht alleinerziehend sind. Die mir ihre Bewunderung, Anerkennung und wahrscheinlich auch ihren Respekt ausdrücken wollen. Deshalb registriere ich diesen Satz wohlwollend, aber nicht dankbar. Denn ich mag diesen Satz nicht, er hinterlässt ein schales Gefühl bei mir. Ich wusste ja auch nicht, dass ich das kann, bis ich es musste. Und deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass diejenige, die zu mir sagt „ich könnte das nicht“, es sehr wohl kann. Wenn sie muss. Sie muss aber nicht. Aus ihrer gesicherten Position heraus kann sie allerdings ganz wunderbar diesen Satz sagen.

Da schwingt ein bisschen „aber ich muss es ja gottseidank nicht“ mit. Erleichterung. Ja, die andere darf auch ruhig froh sein, dass sie das nicht schaffen muss. Schön ist das nämlich nicht, ständig das letzte bisschen und noch mehr aus sich heraus holen zu müssen. Ständig auf 150% zu laufen. Das „normale“ Familienleben verlangt ja schon mindestens 100% von einem, vermutlich sogar mehr, aber als Alleinerziehende kommt eben noch etwas obendrauf.

Wahrscheinlich ist es diese Erleichterung, die ich da raushöre, die mich diesen Satz nicht mögen lässt. Manchmal antworte ich „klar würdest Du das schaffen, wenn Du müsstest.“ Manchmal, an genervten Tagen, liegt mir auf der Zunge „ich weiß dass Du das nicht schaffen würdest“, aber das wäre zynisch und ich schlucke es runter.

Was bleibt ist: ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Er hat für mich etwas von Mitleid, und ich will nicht bemitleidet werden. Er räumt mir auch irgendwelche geheimen Superkräfte ein, die ich überhaupt nicht habe. Denn ich bin ja nicht Alleinerziehend, weil ich es kann. Sondern ich kann das alles, weil ich es muss. Weil ich keine Wahl habe. Was sollte ich denn auch tun, wenn ich es nicht mehr schaffe? Die Kinder aussetzen? Morgens einfach im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen?

Ich weiß, dass es Frauen gibt, die es nicht schaffen. Die unter der Belastung depressiv werden. Die so krank werden, dass sie die Kinder in Pflege geben müssen. Es ist absolut furchtbar, dass die Bedingungen für Alleinerziehende teilweise so hart sind, dass sie daran zerbrechen! Weil ich das weiß, bin ich meiner Mutter zutiefst dankbar, die mir diesen unerschütterlichen Glauben an mich selbst beigebracht hat. Diese nicht enden wollende Energie, die mich um meine Kinder kämpfen lässt wie eine Löwin. Manche schaffen diesen Kampf nicht, und diesen Frauen muss ganz unbedingt geholfen werden.

Aber die Frauen (und es sind immer Frauen), die zu mir sagen „Ich könnte das nicht“, sind merkwürdigerweise immer die, von denen ich überzeugt bin, dass sie nicht so schnell zerbrechen. Die sind meist ganz gut gefestigt, leben in gesicherten Verhältnissen und hätten im Zweifel ein recht gutes Netzwerk, das sie auffängt und unterstützt. Sie sagen es aus ihrer gesicherten Position heraus, mit ein bisschen Bewunderung, mit ein bisschen Mitleid und mit ein bisschen Erleichterung, dass es ihnen besser geht. Keine Ahnung ob das stimmt, aber das alles schwingt für mich in diesem Satz mit.

Ich könnte das nicht“ würde ich maximal zu einer Hochleistungssportlerin sagen. Oder zu einem musikalischen Genie. Oder zu einer Hochseiltänzerin, die sich einen Knoten in die Beine macht und dabei einen Ball auf der Nase balanciert. Also zu jemanden, der etwas schier Unmögliches, gar Unmenschliches vollbringt. Weil ich in dem Fall definitiv weiß, dass ich das wirklich nicht schaffe. Aber ich bin keine Superheldin und ich vollbringe nichts Unmögliches. Ich bin einfach nur alleine mit meinen beiden Kindern. So wie ca. 2 Millionen andere Frauen.

Ich sehe und würdige die Empathie, die in „ich könnte das nicht“ ausgedrückt werden wollte. Dies sage ich ausdrücklich allen, denen dieser Satz schon über die Lippen gekommen ist. Aber lasst Euch bitte auch sagen, dass dieser Satz sich einfach nicht gut anfühlt. Wenn Dir das nächste Mal ein Mensch über den Weg läuft, der in einer anstrengenden Lebenssituation steckt, dann sag doch einfach „Mensch, das ist aber auch viel, was Du da leisten musst“ oder einfach „Respekt!“. Gut tut auch „Ich denk an Dich“ oder „Ich fühle mit Dir“, dicht gefolgt von „brauchst Du was, was kann ich für Dich tun?“.

Manchmal reicht auch einfach nur ein❤️.

Danke!

„Ich könnte das nicht.“

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Im April hatte ich dazu aufgerufen, dass mir Alleinerziehende ihren Alltag schildern und zwar einen protokollarischen Ausschnitt von 48 Stunden. Hintergrund war, dass mich ein Fernsehsender gefragt hatte, ob ich im Rahmen einer neuen Produktion meine Sicht als Alleinerziehende vertreten könnte? Ich müsste dafür „nur“ ungefähr 48 Stunden nach Berlin kommen.

Tolle Sache, und da wären wir genau bei der Ursache dafür, warum Alleinerziehende sich nicht organisieren und für eine Verbesserung ihrer Situation einsetzen: Wann denn? Wie denn? Wir liegen abends todmüde gar nicht erst auf dem Sofa, sondern gehen gleich ins Bett, weil unser Tagwerk uns bis in die Nacht beschäftigt. Für ein ehrenamtliches Engagement braucht man ja nicht nur Zeit, sondern Energie, Kreativität, Ideen und Kampfgeist. Unsere Kapazitäten an Energie und Kampfgeist werden aber komplett von unserem Alltag aufgefressen. Anstrengende Diskussionen mit dem Exmann, Jugendamt, Gericht, Schule, Kinderarzt uvm. kommen hinzu, weiterhin emotional bedürftigere Kinder, oft wird die Situation zudem gekrönt von finanziellen Sorgen und manchmal auch noch von eigenen (!) gesundheitlichen Problemen.

Denn eine Ein-Eltern-Familie ist nicht einfach eine Zwei-Eltern-Familie minus einen Erwachsenen, sondern minus einen Erwachsenen und PLUS Stress, Ängste, Sorgen, Streit und Druck, die so in einer Zwei-Eltern-Familie nicht vorkommen. Das alles ohne doppelten Boden und ohne Pause. Immer. Das muss man sich einfach mal klar machen, wenn man über die Situation Alleinerziehender spricht.

Für alles alleine verantwortlich zu sein, das trifft auf 99% der Alleinerziehenden zu. Natürlich ist es eine Erleichterung, wenn die Kinder regelmäßig beim Vater sind, wenn der Job genug Geld abwirft, wenn man überhaupt einen Job hat, wenn die Betreuungssituation gut ist, wenn die Oma nebenan wohnt, wenn alle gesund sind, wenn man nur ein Kind zu versorgen hat und nicht vier, wenn der Exmann freiwillig und ausreichend Unterhalt zahlt, wenn man nicht auf Sozialleistungen und den Umgang mit den Ämtern angewiesen ist, wenn man ein Auto hat, wenn man über ein großes Netzwerk verfügt, wenn die Kinder einen nachts durchschlafen lassen und wenn genügend Wohnraum da ist etc. Auf einige Alleinerziehende trifft einiges davon zu, alles jedoch nur auf die wenigsten. Trotz einiger günstiger Faktoren, die auf einzelne zutreffen, ist jedoch niemand weniger alleinerziehend, denn die Verantwortung für die Kinder bleibt letztlich bei dem Elternteil, bei dem die Kinder leben. Vor allem der aufreibende Alltag, von dem auch der umgänglichste Exmann oft nur die Sahnestückchen am Wochenende mitbekommt.

53 Alleinerziehende haben bei der Aktion mitgemacht, hierfür bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich! Ihr habt einen tiefen Einblick in Euren Alltag gegeben und helft damit, ALLEN Alleinerziehenden eine Stimme zu geben. Den eigenen Alltag so zu veröffentlichen, ist ein Einblick in die Privatsphäre und ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen dies erlaubt haben. Und ich möchte allen, die an diesem oder jenem Alltag Kritik oder gar Verbesserungsvorschläge haben, daran erinnern, dass es nicht den einen Weg gibt, mit einer Situation klar zu kommen, sondern dass jeder Mensch einen Grund hat, bestimmte Dinge so und nicht anders zu tun. Das sage ich hier ausdrücklich nochmal allen, die denken, es wäre doch „ganz einfach“, etwas an einer individuellen Situation zu verbessern. Es gibt immer einen triftigen Grund, warum sich jemanden dafür entscheidet, eine Sache so und nicht anders zu lösen, aber nicht immer kennen wir die Hintergründe und niemand sollte darüber urteilen.

Als Beispiel möchte hier hier die Haustiere nennen: es gab Rückmeldungen, Alleinerziehende könnten sich doch keine Haustiere leisten. Das mag manchmal zutreffen, aber es kann auch sein, dass die Tiere schon vor der Trennung da waren und nun das Herz der Kinder daran hängt. Oder dass, wie in meinem Fall, die Katzen extra angeschafft wurden, weil mir klar war, dass die Kinder nach der Grundschul-Hort-Phase viel Zeit alleine zu Hause verbringen würden, während ich noch arbeite. Da ist die Fellnase der kuschelige Weggefährte am einsamen Nachmittag, und die therapeutische Wirkung von Haustieren ist bekannt. Von außen betrachtet mag man also manchmal meinen, an diesem Alltag gäbe es etwas zu optimieren oder einzusparen. Wenn man auf die Vielfalt der Protokolle schaut, wird jedoch klar, dass eigentlich jede Alleinerziehende ihren Weg gefunden hat (oder intensiv daran arbeitet), den eigenen Alltag für sich und die Kinder optimal zu meistern. Jede Situation ist anders, jeder Erwachsene ist anders, jedes Kind ist anders, jeder hat andere Belastungsgrenzen, eine andere Geschichte und andere Bedürfnisse und so werden Entscheidungen immer individuell getroffen. Was die Alleinerziehenden eint, ist, dass sie am Rande der Erschöpfung das Beste für ihre Kinder daraus machen.

Viele haben ihr 48StundenProtokoll direkt in die Kommentare des Aufrufes geschrieben, die kann man (neben meinen eigenen 48 Stunden) hier nachlesen: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/2017/04/09/48-stunden-alleinerziehend/

Und viele haben auf ihrem eigenen Blog einen Text verfasst und veröffentlicht, und zwar

https://tiefimpott.blogspot.de/2017/05/48-stunden-alleinerziehend.html

https://chaoshoch2.com/2017/05/08/48stundenalleinerziehend/

https://geborgen-wachsen.de/2017/05/05/48-std-alleinerziehend-bericht-1/

https://thegunzlingermum.wordpress.com/2017/04/29/48stundenalleinerziehend/

http://www.allerlei-themen.de/48h-einer-alleinerziehenden-die-sich-arbeitslos-melden-muss/

https://8xteilzeit.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://aus5mach4.wordpress.com/2017/04/20/48-stunden-alleinerziehend/

https://2kinderkuechebadbalkon.com/2017/04/20/48stundenalleinerziehend-die-hard/

http://perlenmama.de/2017/04/20/blogparade-48stundenalleinerziehend-so-sieht-es-bei-uns-aus/

https://dieverlorenenschuhe.wordpress.com/2017/04/17/48-stunden-im-leben-einer-berufstaetigen-mutter/

https://alltagspanorama.wordpress.com/2017/04/13/48stundenalleinerziehend/#more-1147

https://singlemomdaybyday.wordpress.com/2017/04/10/wer-wir-sind-warum-wir-unser-leben-teilen/

https://mamamotzt.com/2017/04/09/48-hours/

Auch die Stuttgarter Zeitung hat das Thema aufgegriffen und meinen Text als Grundlage für eine seitenfüllende Grafik in der Samstags-Ausgabe am 10. Juni verwendet. Dabei wurde aus Platzgründen der Text auf einen Tag gekürzt und inhaltlich noch etwas gestrafft (meine ganzen 48 Stunden stehen im oben verlinkten Aufruf). Das ist natürlich schade, weil erst mit dem zweiten Tag meiner 48Stunden klar wird, wie ich Beruf, Kinder und Alltag unter einen Hut kriege, aber ich freue mich, das das Thema „Alleinerziehend“ eine ganze Seite in der Wochenend-Ausgabe bekommen hat! Es ist eben ein langer Weg, bis wir unser Zeil erreicht haben, und ich hoffe, dass diese Aktion mit den 48Stunden ein Schritt dahin ist.

Wir bleiben dran!

20170610_NWE_STGT_NWE_008

Alltag von Alleinerziehenden #48stundenalleinerziehend

Geht’s noch? Handy aus! Ein Rant.

 

Machen Sie bitte den Ton aus? (Es interessiert mich nicht, was Du da hörst und es nervt unglaublich.)

Kann man auch mal 5 Minuten auf den Bus warten, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man Bus fahren, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man auf das Essen im Restaurant warten, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man an einem Lagerfeuer sitzen, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Kann man unter einem Schild „Handy bitte nicht benutzen“ sitzen, ohne in ein Handy glotzen zu müssen?

Wir unterhalten uns gerade, kannst Du bitte während dessen nicht in Dein Handy glotzen?

Ach nee, Du bist vor eine Wand gelaufen, weil Du in Dein Handy geglotzt hast?

Ich glotze wirklich selber gerne und oft in mein Handy. Ich lese meine Timeline auf Twitter & Facebook, ich gucke wann der Bus kommt, wie das Wetter wird, bestelle ein Buch, checke Mails, buche ein car2go, ordere einen Babysitter, verkaufe einen Motorradhelm oder schicke meiner Schwester ein Foto. Meine Kinder machen das alles nicht, die machen andere Sachen mit dem Teil: der Sohn spielt Clash Royale oder Subway Surfers, die Tochter guckt auf youtube nach neuen Outfits und tauscht mit der Freundin snapchat-Gedöns aus. Beide chatten auf whatsapp mit dem Papa oder Freunden und manchmal, gaaaanz manchmal, telefonieren sie mit ihrem Handy. Ich lasse das zu, gucke mir an was sie da machen, lade ihnen bereitwillig neue Apps runter, unterhalte mich ausgiebig über Bibis neues Duschgel und den neuen Rennwagen auf Asphalt8. Ich nehme Teil an dem, was meine Kinder da tun. Ich erkläre warum man nicht auf links in whatsapps klickt , warum man den Eltern Bescheid sagt wenn andere Kinder Pornobilder schicken (ja sie lesen richtig) und versuche, ihnen größtmögliche Medienkompetenz zu vermitteln.

Und es gibt natürlich auch Regeln. Grässliche Regeln, wie sie nur Eltern erfinden können: 1 Stunde Medienzeit pro Tag. Die ich IMMER kontrollieren muss, denn von selber geht da gar nix. Und es gibt Regeln des menschlichen Zusammenlebens: kein Handy am Tisch, kein Handy beim Fernseh gucken, kein Handy beim Rumlaufen oder auf dem Klo (igitt). Und wenn wir uns unterhalten, bitte gerne Augenkontakt, danke. Darüber hinaus sind in unserer kleinen Familie hoffentlich noch alle in der Lage, einige Minuten des Wartens zu überleben. Oder Bus zu fahren. Oder Kopfhörer zu benutzen. Oder sich an Regeln zu halten, die auf Schildern stehen.

Wenn in der Pommesbude eine 4jährige beim 180skündigen Warten auf die Pommes vor ein Filmchen auf dem Handy gesetzt wird. Wenn im Bus zwei 10jährige sofort anfangen zu daddeln, um nach zwei Stationen auszusteigen. Wenn Frauen in einer Mutter-Kind-Klinik während des Abendessens unter dem Schild des Verbotes sitzen und am Smartphone rumklicken. Wenn Teenies sich in der Eisdiele ohne Kopfhörer Musikvideos angucken. Wenn Väter die eigenen Kinder umrennen, weil sie den Blick nicht vom Gerät lösen können. Geht’s noch?

Ich bin echt nicht medienfeindlich, aber beim Gebrauch digitaler Geräte hab ich manchmal das Gefühl, dass sämtliche Regeln des menschlichen und ansatzweise höflichen Miteinanders völlig außer Kraft gesetzt werden. Und wenn man vorsichtig und freundlich drauf anspricht, wird man angemotzt. Da guckt überhaupt niemand schuldbewusst, sondern ich werde auch noch angeblafft „stört Dich datt etwa?“.

Ja, es stört mich. Warum bloß? Vielleicht weil ich nicht gerne wie eine Straßenlaterne behandelt werde. Vielleicht weil ich sehe, wie erhitzt und manchmal sogar wutentbrannt mein Sohn nach einem Clash Royale-Kampf ist. Vielleicht weil ich sehe, wie unzufrieden meine Tochter nach einem Nachmittag am Handy ist (weil ich nicht da war, um die Medienzeit zu kontrollieren). Vielleicht weil ich gerne in Ruhe zu Abend esse. Vielleicht weil ich finde, dass Kinder und Erwachsene das Nichtstun ertragen können müssen, wie wollen sie sonst jemals zu Kreativität und Inspiration kommen? Oder einfach nur zu Kommunikation? (Früher hat man an Bushaltestellen noch miteinander geredet, jaja früher…).

Vielleicht weil es mich wütend und müde macht, dass ein Großteil meiner Erziehungsleistung inzwischen darin besteht, Mediengebrauch zu reglementieren. Ich komme mir vor wie eine Oma, die wild mit dem Krückstock rumfuchtelt und „Teufelszeug!“ ruft. Aber es ist halt so, dass der digitale Krempel einen unfassbaren Sog auf die Kinder ausübt, der ihnen ganz offensichtlich nicht gut tut. Wenn das Smartphone nicht greifbar ist, dann malen sie, lesen sie, räumen ihr Zimmer um, schmusen mit der Katze, kommen miteinander ins Spiel und ins Gespräch. Sie tun vor allem verschiedene Dinge, und ihr Gehirn erlebt einen Output. Wenn sie digital beschäftigt sind, tun sie diese eine Sache, sie haben nur Input, und sie hören niemals von selber auf.

Und es scheint niemanden zu stören, denn kaum verlassen wir das Haus, sitzt eine 5jährige mit Smartphone an der Bushaltestelle, plärrt das Handy eines Teenies in der U-Bahn, verpennt der Typ vor uns an der Kasse das Bezahlen, weil er ins Handy vertieft ist und stellen die Familien am Nebentisch im Restaurant ihre Kinder mit smartphones ruhig, statt sich mit ihnen zu unterhalten.

Geht’s noch?

Geht’s noch? Handy aus! Ein Rant.

Immer auf standby. Von wegen alleine und frei.

Alleine entscheiden, wo das Sofa steht, welche Farbe die Wand hat, was wir heute Abend essen, was wir am Wochenende machen. Wohin wir in Urlaub fahren, wie lange die Kinder in den Computer gucken und ob sie schon im Festival-Alter sind. Wenn ich abends raus gehen will, bestelle ich einen Babysitter, der pünktlich kommt und weg bin ich. Wenn wir zu Abend essen, decke ich für drei Leute. Nicht für vier, von denen einer nicht oder sehr spät kommt, und ich muss nicht mehr sagen „ich weiß nicht, wann der Papa kommt“, sondern ich sage „Der Papa ist nicht da, den seht ihr am Wochenende“. Das ist zwar erst mal doof, aber letztlich verbindlicher für die Kinder als dieses ewige „Papa kommt heute später erst wenn Ihr schlaft nicht“.

Diese neue Wohnung ist unsere Wohnung, von uns drei. Nicht vier, von denen einer oft fehlt. Sehr oft, zu oft. Hier gibt es auch kein Arbeitszimmer, wo manchmal einer sitzt und auf 2-3 Bildschirme guckt. Einer, dessen Hinterkopf vor diesen Bildschirmen ich schon fast besser kenne als die Vorderseite. Hier in unserer Wohnung ist überall Platz für die Kinder und mich, überall kleben Piraten und Pferde, hängen Kinderzeichnungen und Monster. Steht ein Schlagzeug aus Küchentöpfen tagelang im Flur, wird eine Höhle gebaut, durch die ich in mein Bett kriechen muss. Hier schlafen wir alle in einem Bett oder jeder in seinem, wie wir gerade Lust haben.

Das war vor sieben Jahren. Ich hatte mich getrennt, ich war allein, ich war frei.

Naja, ganz alleine natürlich nicht, da sind ja noch zwei Kinder. Und ganz frei nun auch nicht: Ich bin in Stuttgart geblieben, obwohl ich nur des Mannes wegen dorthin gezogen bin. Nach der zerbrochenen Liebe zum Mann hat sich die Liebe zu dieser Stadt bis heute nicht wirklich eingestellt. Meine rheinische Kontaktfreudigkeit stößt eher auf Verwunderung als auf Gegenliebe, und so kenne ich zwar sehr viele Menschen, aber die Tage, an denen spontan jemand anruft oder gar mit einer Flasche Wein vor der Tür steht, sind selten, bzw. kommen gar nicht vor. Warum bin ich dann geblieben?

Die Kinder, zum Zeitpunkt der Trennung 4 und 5 Jahre alt, sind in einer großartigen Eltern-Kind-Initiative mit familiären Strukturen ganztags untergebracht. Sie kennen alle Familien und alle Kinder, auch die in den anderen Gruppen, und sie werden bis zum 10. Lebensjahr dort einen sicheren Platz mit Bio-gekochtem Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, viel Förderung, Spiel und frischer Luft haben. Aus diesem Umfeld will ich sie zusätzlich zur Trennung nicht auch noch rausholen. Meine 50%-Stelle an einer Hochschule ist ok und vielleicht tut sich beruflich bald noch was ganz neues auf. Und dann doch letztlich der inzwischen Ex-Mann: er ist der Vater der Kinder und die Kinder lieben ihn über alles. Nur weil ich mit ihm nicht mehr zusammen leben kann, will ich den Kindern den Vater nicht nehmen (und umgekehrt), also bleibe ich erst mal in Stuttgart, damit die Kinder die Nähe zum Papa noch haben. Abgesehen davon wäre mir zusätzlich zur Trennung ein Ortswechsel mit neuer Kita, neuem Job und neuer Stadt auch echt zu viel geworden, selbst wenn es in die Heimat zurück geht.

Aus dem „erst mal in Stuttgart bleiben“ sind dann sieben Jahre geworden, ein Ende ist nicht in Sicht. Ich hab den richtigen Zeitpunkt zum Umzug verpasst: die Tochter kam in die Schule, der Sohn kam in die Schule, die Tochter wechselt auf die Weiterführende und der Sohn dann diesen Sommer auch. Die Kinder habe feste Freundschaften, eine stabile und glückliche Beziehung zum Vater und bewegen sich im Stadtteil wie ein Fisch im Wasser. Ich habe kurz nach der Trennung die volle Stelle als Chefin eines Kulturzentrums bekommen und bin nun, nach sechs Jahren, dort so gut gesattelt, dass ich verrückt sein müsste, das aufzugeben.

Ich habe immer noch Heimweh nach dem Rheinland, aber ich habe nicht die Freiheit, umzuziehen. Das ginge nur auf Kosten der Kinder, und der Preis ist mir zu hoch.

Ich bin immer noch allein, aber ich bin nicht frei.

Die Freiheit, über ein neues Sofa, über die Kindererziehung und das Abendessen zu entscheiden habe ich immer noch. Und mit größer werdenden Kindern haben sich etliche weitere Freiheiten eingestellt: Die Kinder sind in der Schule und ich auf der Arbeit. Die Kinder sind bei Freunden und ich beim Einkauf. Die Kinder sind manchmal beim Vater und ich allein zu Hause. Die Kinder machen alle Wege alleine, übernachten bei Freunden, fahren alleine in Urlaub und brauchen abends keinen Babysitter mehr. Ich kann ein paar Tage nach Berlin fahren oder auf eine Fortbildung, mit ein bisschen Organisationsgefummel geht das. Sieht nach Freiheit für die Mutter aus, ist es aber nicht.

Denn was bleibt, ist die Verantwortung.

Und zwar nicht für das allernächste, für das Abendessen oder die sauberen Ohren. Sondern für die Kindheit, die Gesundheit, das Wachsen, die Zukunft meiner Kinder. Und die trage ich allein.

Die Entscheidung über den Schulwechsel, der Mailwechsel mit dem nervenden Klassenlehrer, die Sorge bei unerwarteten Anrufen. Die verplanten Wochenenden mit doppelten Terminen, aber ohne doppelten Boden. Da sind immer so 2-10 Sachen, die in meinem Kopf rumtanzen und mehr oder weniger Aufmerksamkeit von mir fordern. Wenn ich arbeite, denke ich daran, dass ich auf dem Rückweg noch Salat kaufen und die Schuhe beim Schuster abholen muss. Während ich in der Teamsitzung über Konzepte diskutiere, weiß ich dass seit 14 Uhr die Tochter allein zu Hause ist und mich sicher bald anrufen wird. Natürlich kann ich der Tochter sagen, dass sie den Salat kaufen und die Schuhe beim Schuster abholen soll, und dass sie das tut ist eine Erleichterung. Aber dran denken, dass das getan werden muss, das muss ich. Und ich bin die einzige, die an etwas denkt, und das tue ich die ganze Zeit. Während ich mit Kooperationspartnern neue Projekte abstimme, läuft der Parallelfilm in meinem Kopf: 16 Uhr fährt der Sohn mit dem Bus zum Sport (hat er sein 4erTicket?), 17 Uhr Sport aus, umziehen, Quatsch machen, zurück fahren. Ach Mist, der Freund ist krank, alleine will er nicht zum Sport, ruft an, kurze Diskussion (bleibe ich stur? Erlaube ich das blau machen? Moment ich komm gleich in die Besprechung zurück), er bleibt im Hort und geht um 17 Uhr nach Hause. Auch wenn ich meine Kinder oft von 7-17 Uhr nicht sehe, sind sie präsent in meinem Kopf, besonders intensiv ab Schulschluss. Umso besorgniserregender ist ein Anruf vor Schulschluss, denn dann kann eigentlich nur was passiert sein. Deshalb hat mein Handy immer 100% Akku und ich habe es immer, in jeder Besprechung, mit dabei. Ein Anruf vom Notarzt und dann mit 5% Ladung im Krankenhaus erfahren, dass man nun 48 Stunden mit Kind2 dort bleiben soll und Kind1 bei Freunden unterbringen muss, haben mir als Erfahrung gereicht.

Vollzeit arbeiten mit Ganztagsbetreuung bei Kind2 und Halbtagsbetreuung bei Kind1 ist alles andere als Freiheit. Schonmal gar nicht, wenn man das alles alleine macht.

Natürlich macht der Vater ab und zu Ferien mit den Kindern. Dann hab ich doch meine Freiheit? Nein, denn dran denken, dass er es macht, muss ich. Diese ganzen völlig irrsinnigen 3 Monate Schulferien muss ich alleine disponieren: wann sind die Kinder allein zu Hause, wann mache ich mit ihnen Ferien, wann der Vater, wann arbeite ich und wo könnten sie noch hin in den Ferien? Absprachen mit Freunden und Familien, Sportvereinen und Ponyhof. Da ja spätestens alle 8-10 Wochen Ferien sind, hält alleine diese Planung mich ganzjährig auf Trab. Neben der Frage, wie das alles überhaupt zu finanzieren ist. Alleine Urlaub machen, wenn die Kinder mit dem Vater unterwegs sind? Kann ich mir nicht leisten, denn unser Urlaubsgeld reicht für einen Urlaub zu dritt pro Jahr. Außerdem nutze ich die kinderfreien Wochen, um so viel zu arbeiten wie möglich, weil das mir und den Kindern Fremdbetreuung erspart.

Freiheit, alleine über den Urlaub zu bestimmen? Pustekuchen!

Dann gibt es die Zeiten, die ich mit den Kindern zusammen bin und irgendwie doch nicht. Denn sie sind inzwischen groß genug, ihr eigenes Ding zu machen, aber noch klein genug, dass es doch in gewissem Maße meine Anwesenheit erfordert. Zum Beispiel das beliebte Schwimmen gehen mit Kindern. Als Bademeisterin am Rande meinen Kindern bei ihrer Kindheit zuzuschauen, das ist meine Königsdisziplin. Sie toben rum, sie rutschen, sie schwimmen, sie lachen und sind vollkommen glücklich. Und ich schaue ihnen zu, denn Rutschen, Springen, Toben im Wasser kann ich ungefähr 10 Minuten lang, dann reicht es mir. Das ist auch völlig ok so, denn die Kinder können das drei Stunden lang ohne mich, sie sind ja zu zweit. Ich kann mir natürlich ein Buch mitnehmen, eine Zeitung, mein Smartphone, Häkelzeug. Aber ich bin immer mit einem halben Auge bei den Kindern. Die kommen zwischendurch angerannt und haben Hunger, haben Durst, haben sich gestritten oder wollen wissen wie lange wir noch bleiben. Dies und der Geräuschpegel im Schwimmbad sorgen dafür, dass diese drei Stunden keine echte Qualitätszeit für mich sind. Es sind drei Stunden, die für meine Kinder das absolute Glück sind, die ich als Erwachsene aber mit scheinbarer Entspannung im Bereitschafts-Modus verbringe.

Diese drei Schwimmbadstunden sind ein guter Spiegel für den Level an Aufmerksamkeit, den meine Kinder zur Zeit von mir brauchen: „Wir brauchen Dich nicht immer und in jeder Sekunde für unser Glück, aber es ist gut zu wissen wo Du bist, falls wir Dich brauchen“. Und das ist ja auch gut so, das ist mein Job als Mutter. Aber es gibt eben keine Pause, nie.

Stand-by nennt man das.

Ich bin ständig auf stand-by, was auch bedeutet, dass ich nur selten meine ganze Aufmerksamkeit auf meine Dinge lenken kann. Zum Beispiel in Ruhe einen Text wie diesen hier schreiben. Den habe ich seit gestern nämlich schon 3x angefangen und immer ist irgendwas. Natürlich kann ich sagen „jetzt nicht, ich möchte mich gerade konzentrieren“. Eben aber stand ein bis auf die Unterwäsche pitschnasses Kind vor mir, das meinte sich nicht umziehen zu müssen. Da leg ich selbstredend den Laptop zur Seite, sorge für trockene Klamotten und heißen Tee, frage wie es im Wald war und ob die Erzieher echt nicht wussten, dass Sturm angesagt ist?

Irgendwann sind alle versorgt und ich kann weiter schreiben. Im standby-Modus, bis der nächste hier angeflitzt kommt.

Am Wochenende hat der Sohn oft Besuch von Freunden, sie toben auf der Schaukel im Garten während die Tochter am Telefon mit der Freundin am anderen Ende hängt. Jetzt könnte ich mich an den Laptop setzen und einen Text schreiben. Oder ein Buch lesen. Oder mich entspannen. ZACK fliegt die Tür auf ICH GEH NUR KURZ AUFS KLO zack fliegt die Tür zu. Die Tochter schießt aus dem Zimmer HAST DU SIE NOCH ALLE HIER SO EINEN KRACH ZU MACHEN? Zwar hat sie recht, aber zurück brüllen ist genauso beknackt. Ich schlichte, die Gemüter beruhigen sich. Die Meute will ein Eis, die Meute darf und holt sich ein Eis, lässt die Tür vom Gefrierschrank leider offen stehen, ich putze die Küche. Natürlich ist das bei Familien mit zwei Elternteilen genauso, aber die können sich abwechseln, ich nicht. Irgendwann geht der Freund nach Hause und der Sohn will am Handy spielen. Ich gucke auf die Uhr und die Zeit läuft: eine Stunde Medienzeit ist erlaubt. Allerdings ist Knaller-Wetter „komm wir machen eine Radtour zusammen, ans Handy kannst Du wenn es dunkel ist“. Diskussionen, hin, her, Kompromisse, Radtour, Medienzeit. Während der Nachmittag so über uns hinwegrollt sorgen die Kinder dafür, dass meine Aufmerksamkeitsspanne für mich selber bei ca. 3 Minuten liegt. Selbst wenn ich kurz Zeit für mich habe, läuft wie immer der Parallelfilm im Kopf „Was essen wir heute Abend? Muss ich noch einkaufen? Haben die ihre Hausaufgaben gemacht? …“

Meine Kinder sind keine Fremden, aber ich lebe komplett fremdbestimmt, oder eben korrekter: kindbestimmt. Obwohl ich seit 10 Jahren nicht mehr stille, sind mein Tagesablauf und meine Konzentration nach wie vor von den Kindern abhängig, bzw. an den Kindern orientiert. Ich bin die einzige, die sich darüber Gedanken macht, ob hier irgendjemand heute an der frischen Luft war, was Gesundes gegessen hat, dass wir gemeinsam was machen und wenn ja: was? Ob wir noch einen Film gucken und wenn ja: wann und welchen? Und wann kommen die Kids dann ins Bett und wann müssen die morgen aufstehen, wird das ein anstrengender Tag?

Ich bin der sichere Hafen für die Kinder, ich halte hier die Stellung, wie Christine Finke schreibt. Die Kinder wissen wo ich bin, wann es was zu essen gibt, dass ich sie sicher ins Bett bringe und zur richtigen Zeit wieder raushole. Darauf können sie sich verlassen und das ist auch verdammt wichtig und gut so. Aber es ist ein irrsinniger Kraftakt, das alleine zu leisten, jeden Tag.

Mit ihren 10 und 12 Jahren überblicken die Kinder erst ganz langsam die Komplexität unseres kleinen Familienalltages. Denn es gilt ja nicht nur, die eigenen Termine und Bedürfnisse im Kopf zu haben, sondern auch die der anderen und das alles irgendwie zusammen zu kriegen.

Ich bin nicht frei, ich bin immer auf stand by. Selbst wenn die Kinder zwei Wochen beim Vater sind. Dann entfällt zwar das Alltägliche und das ist eine riesengroße Erleichterung, aber Gesamtverantwortung bleibt. Auch nach den Ferien müssen die Kinder wieder in die Schule, und zwar mit sauberem Schulranzen, gefüllter Vesperdose & Trinkflasche und natürlich einem ganz bestimmten Bleistift (ein Halleluja auf die Listen der Klassenlehrer!).

Selbst wenn ich schlafe, bin ich auf stand by. Unsere Türen sind nachts offen und ich höre die Kinder im Schlaf husten. Dass sie mich nachts rufen, ist zwar selten, aber manchmal steht einfach ein Kind vor meinem Bett, dass vielleicht nichts weiter „hat“ als ein Kuschelbedürfnis. Der Gedanke, dass die Kinder mich dann wach brüllen müssten, schreckt mich ab. Deshalb nehme ich auch nicht die Schlaftabletten, die meine Ärztin mir verschrieben hat wegen meiner Schlafprobleme. Die Angst ist zu groß, dass ein Kind mich ruft oder kotzt oder weint und ich es nicht höre. Das wäre wohl anders, wenn hier noch jemand wäre, aber ich bin eben die einzige, da befördere ich mich ganz sicher nicht mit Medikamenten in die Bewusstseinstrübung. Also schlafe ich wie eine Katze: immer auf stand by.

Das Leben alleine mit Kindern gibt mir vielleicht ein paar Freiheiten, die ich in einer Beziehung nicht hätte. Und genau deshalb sitzen wir auf potthässlichen, aber herrlich bequemen Ledersofas vom Sperrmüll. Aber ich habe die gesamte Verantwortung für die Kinder, und auch mit großen Kindern bedeutet das, immer im auf standby zu sein. Immer.

ZACK fliegt die Tür auf und der Sohn kommt laut singend rein:

Bye bye, ich fühl mich so frei

Ich will nicht mehr heim

Und mir is scheißegal, was morgen kommt

Immer auf standby. Von wegen alleine und frei.

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Zum Mutter- und Vatertag 2017 haben Christine Finke (www.mama-arbeitet.de), das Team von family unplugged (www.familiy-unplugged.de), Sonja Lehnert (www.mama-notes.de), die Redaktion von FrauTV und ich (Annette Loers auf www.mutterseelesonnig.de) Familien aufgefordert, ihre Wünsche und Forderungen abseits von Blumen, Schokolade und Bollerwagenbesäufnis zu formulieren. Die Aktion Muttertagswunsch ist hier ausführlich beschrieben. Es sind neben einer bundesweiten Berichterstattung viele hundert Tweets zusammen gekommen, die wir nun in einen Fragenkatalog zusammen gefasst haben.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl senden wir den Bundestagsparteien diesen Fragenkatalog und bitten um eine Beantwortung bis zum 15. Juli 2017. Die Antworten werden wir in den sozialen Medien und auf unseren Blogs verbreiten sowie per Pressemitteilung veröffentlichen. Wir hoffen, dass wir allen Familien damit eine Entscheidungshilfe zur Bundestagswahl geben und dass wir den kandidierenden Parteien wichtige und mahnende Kriterien für ihre Politik auch für die Zeit nach der Wahl liefern. Denn nicht vergessen: wir sind Familie, und wir sind viele!

Grundlegend für unsere Fragen ist unser Verständnis von Familien in der Gesellschaft, welches sich in den vielen Tweets und Texten, die uns erreicht haben, widerspiegelt:

  • Familie ist da, wo zwei Generationen füreinander sorgen. Dazu gehören Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- und Pflegefamilien, pflegende Angehörige quer über alle Generationen und natürlich auch die klassische Vater – Mutter – Kind-Familie.
  • Familien gehören mitten in die Gesellschaft. Die zunehmende gesellschaftliche Isolierung von Familien muss gebremst werden und wir müssen wieder zu einem gesellschaftlichen Miteinander von Kinderlosen und Familien kommen.

Es wäre schön, von den Parteien zu erfahren, ob Sie diese grundsätzliche Einstellung teilen und wie Sie dies künftig fördern möchten.

Unsere Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl:

  1. Viele Familien scheitern an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Was sind Ihre Konzepte, um Eltern die Vereinbarkeit von erfülltem Familienleben und existenzsichernder Berufstätigkeit zu erleichtern?
  2. Eltern leisten mit der Erziehung ihrer Kinder nicht einen, sondern DEN existentiellen Beitrag für die Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft. Was wollen Sie tun, um die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung und Würdigung dieser Leistung zu steigern, und was sind Ihre Konzepte, um Eltern besser zu unterstützen und deutlich zu entlasten?
  3. Familie braucht Zeit, Geduld und Flexibilität: was wollen Sie tun, um Eltern Zeit für ihre Kinder zu geben, ohne sie in den finanziellen Ruin und später in die Altersarmut zu treiben?
  4. Wie stehen Sie zum bedingungslosen Grundeinkommen/einer Kindergrundsicherung und was wollen Sie tun, um Steuergerechtigkeit zu Gunsten von allen Familien herzustellen und ganz besonders Alleinerziehende deutlich steuerlich zu entlasten?
  5. Ein Großteil der Alleinerziehenden erhält keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Was wollen Sie tun, um dies wirksam und sofort zu beenden?
  6. Viele Eltern, meistens Mütter, steigen nach der Elternzeit in Teilzeit wieder in den Beruf ein, um später wieder auf Vollzeit aufzustocken. In der Realität wird dies aber von Arbeitgeberseite verwehrt und die Frauen stecken in der sogenannten Teilzeitfalle fest, die oft auch das Karriereende bedeutet. Nachdem ein Gesetzesentwurf zum Rückkehrrecht auf Vollzeitstellen gescheitert ist: was wollen Sie tun, um diese Frauen aus renten- und karriereschädlichen Teilzeitfalle zu holen? Bzw. was sind Ihre Konzepte, damit ein Teilzeitjob nicht schädlich für Rente und Karriere ist?
  7. Es fehlen massiv Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen. Die Betreuungsplätze, die da sind, sind oft zeitlich nicht flexibel und qualitativ unzureichend. Was wollen Sie tun, um Kinderbetreuung in Deutschland für alle Kinder bis mind. 14 Jahren flexibel, qualitativ hochwertig und bezahlbar zur Verfügung zu stellen? Sehen Sie überhaupt einen Bedarf?
  8. Schule und Bildung leiden an vielen Stellen unter schlechten Bedingungen. Wie wollen Sie die Qualität der schulischen Bildung und die Freude der Kinder an der Schule und am Lernen spürbar steigern?
  9. Familien brauchen Unterstützung, Berufe rund um Familie sind jedoch schlecht bezahlt und leiden unter mangelndem Nachwuchs. Wie wollen Sie die Attraktivität und Bezahlung von Berufen wie Erzieher*innen, Pädagog*innen, Hebammen, Familienhelfer*innen, Sozialarbeiter*innen etc. spürbar steigern?
  10. Kinder zu bekommen ist eine private Entscheidung. Dass Kinder gesund und in Frieden aufwachsen, um kreativ und intelligent die Zukunft zu gestalten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe: wie wollen Sie dazu beitragen, dass sich diese Erkenntnis durchsetzt?

Wir freuen uns auf die Antworten der Parteien!*

 

*Die Bundestagsparteien haben die Fragen per Mail bekommen und können direkt auf diese antworten, oder an die Kontaktdaten im Impressum dieses Blogs

Muttertagswunsch 2017 – Fragen an die Parteien zur Bundestagswahl

Muttertagswunsch 2017

Am 14. Mai ist Muttertag. Seit Wochen ist das Mail- und Spam-Postfach voll mit Basteltipps und Wellness-Angeboten, in den Supermärkten locken Pralinendisplays und die Blumenläden laufen langsam zur Hochform auf. Die Kinder werden in den Kitas, Schulen und Horten zum Basteln niedlicher Dankes- und Liebeskärtchen für die Mama animiert. Und überall Bilder von glücklichen Müttern im Kreise der Familie, umringt von glücklichen Kindern und liebenden Gatten.

Am 25. Mai ist Vatertag. Da ziehen die Männer mit Bollerwagen und einer Kiste Bier im Kreise ihrer Lieben durch die Gegend: mit ihren Kumpels. Zum Vatertag wird nicht gebastelt und geschenkt, wird nicht gedankt und entspannt, es wird gesoffen.

So wie Muttertag und der Vatertag aktuell „gefeiert“ werden, zementieren sie die Geschlechterklischees, dass es einem schlecht werden könnte: Die Mütter werden auf die Familie und ihre Arbeit im Haushalt reduziert, die Väter auf Sauftouren unter Männern. Familie in Deutschland 2017, herzlichen Glückwunsch!

Einzig die Erzeugnisse der Kinder rühren mich. Auch wenn ich weiß, dass noch 23 andere Kinder das identische Gedicht von der Tafel abgeschrieben haben, in dem ich als sorgende und fleißige Mutter geehrt werde, so freue ich mich darüber, dass mein Kind mir etwas schenkt.

Wir brauchen dringend modernere Familienbilder, und wenn wir schon dabei sind: wir brauchen dringend familienfreundlichere Strukturen in Deutschland. Das war bereits letztes Jahr der Anstoß, den Muttertag mal anders anzupacken: inspiriert von diversen Muttertagswünschen in den sozialen Medien hatte ich überlegt, was ich mir als Mutter wirklich wünsche, und das sind nicht Blumen, Wellness und Frühstück ans Bett, sondern eine gerechte Steuerklasse als Alleinerziehende, vernünftige und bezahlbare Kinderbetreuung auch für Kinder bis 14 Jahren und finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung meiner Erziehungsleistung. Um nur einige zu nennen.

Da ich wusste, dass ich mit diesen Wünschen ganz sicher nicht alleine bin, hatte ich mir Mitstreiterinnen gesucht und zusammen mit Christine Finke von mama-arbeitet und dem Interviewprojekt family unplugged die Aktion #muttertagswunsch ins Leben gerufen: eine Woche vor dem Muttertag haben wir gemeinsam alle Mütter und Väter dazu aufgerufen, ihre Wünsche an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu posten. Innerhalb von Stunden haben Hunderte von Menschen mitgemacht und Twitter geflutet. Über hundert Blogtexte sind erschienen, die Medien haben bundesweit berichtet und wir sind über RTLaktuell bis hin in die Tagesthemen damit gekommen. Wahnsinn!

Zum Schluss haben wir die vielen vielen Muttertagswünsche zusammengefasst und auf sechs Kernforderungen konzentriert. Diese haben wir unserer Familienministerin Manuela Schwesig geschickt, die uns dann tatsächlich nach Berlin ins Ministerium eingeladen hat. Dort wurden wir mit unseren Forderungen angehört, ernst genommen und wir haben über zwei Stunden lang lebhaft diskutiert. Natürlich wurde nicht am nächsten Tag das Sozialversicherungssystem in Deutschland komplett umgebaut, aber in kleinen Schritten tut sich etwas, das haben wir deutlich gespürt.

Deshalb rufen wir, Christine Finke, family unplugged und ich, dieses Jahr mit FrauTV und Sonja Lehnert von Mama-notes an unserer Seite auch in diesem Jahr wieder alle Mütter und Väter dazu auf: postet und tweetet Euren #muttertagswunsch und #vatertagswunsch!

Wir haben schon viel erreicht, aber es gibt noch viel zu tun, und deshalb müssen wir jedes Jahr lauter werden! Kinder sind keine Privatsache, und Familien sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir retten jeden Tag die Welt, weil wir unseren Kindern schon beim Frühstück Demokratie erklären, beim Mittagessen gerechte Verteilung vorleben und beim Abendessen einen respektvollen und gewaltfreien Umgang miteinander üben. Familien sind keine Randgruppe, wir sind verdammt viele: egal ob allein- oder zusammen-Erziehende, Patchwork jeglicher Konstellation, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptiv- oder Pflege-Eltern: Familie ist da, wo mindestens ein Kind und ein Erwachsener ist. Und Familien brauchen mehr als Pralinen, Blumen und Sauftouren.

Mit unserem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wollen wir nicht nur protestieren und anklagen (aber auch!), sondern deutlich sagen, was verändert werden muss, was abgeschafft gehört und was dringend eingeführt werden sollte, um Familienleben in Deutschland lebenswert zu machen. Für alle!

Wir werden alle Tweets unter dem #muttertagswunsch und #vatertagswunsch wieder zusammenfassen und auch dieses Jahr wieder unserer Familienministerin überreichen.

 

P.S. Einschalten: der #muttertagswunsch ist am Donnerstag, 11. Mai um 22.10 Uhr bei FrauTV im WDR (und danach in der Mediathek)

Muttertagswunsch 2017