Der Umgang mit dem Umgang

Alle zwei Wochen sind die Kinder bei ihrem Vater. Das ist in vielen getrennten Familien so. Diese Wochenenden nennt man „Umgangs-Wochenenden“. Jede getrennte Familie hat da eine andere Regelung getroffen, die einen mehr, die anderen weniger und einige gar keinen Umgang. Aber es ist überall dasselbe: die Kinder sollten trotz Trennung der Eltern weiter Kontakt zu beiden Elternteilen haben.
Deshalb sind die Umgangs-Wochenenden in erster Linie dazu da, dass die Kinder Umgang mit dem Elternteil haben, bei dem sie nicht dauerhaft wohnen. Bei uns also zB alle 14 Tage beim Papa, Freitag bis Montag. Diese Wochenenden sind nicht dazu da, die Mutter, also mich, zu entlasten. Natürlich ist es eine Entlastung, sich 2,5 Tage nicht um die Kinder kümmern zu müssen, aber das ist ein Nebeneffekt, nicht der Grund. Die Wochenenden sind auch nicht dazu da, die Kinder von dem einen Elternteil betreuen zu lassen, weil der andere Elternteil was vorhat. Es geht hier nicht um Entlastung der Eltern und es geht hier nicht um die Betreuung der Kinder: es geht um gemeinsames Leben, es geht um Zeit, um Familienzeit, die die Kinder gemeinsam mit einem Elternteil verbringen.

Familienleben ist keine Kinderbetreuung, finde ich jedenfalls. Kinderbetreuung ist eine professionelle oder auch ehrenamtliche Dienstleistung, die ich in Anspruch nehme, wenn ich arbeite oder andere Dinge tue. Die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe, ist Familienzeit. Es ist mein Leben und das Leben der Kinder. Deshalb betreut der Vater an seinen Wochenenden nicht die Kinder, sondern er lebt mit ihnen zusammen, auch wenn‘s nur 2,5 Tage sind. Und drum tut der Vater mit dem Umgangs-Wochenende nicht mir, sondern sich und den Kindern einen Gefallen. Es ist ihre Familienzeit, auf die beide Seiten, der Vater und die Kinder, ein Recht haben. Deshalb ist natürlich möglichst viel Kontakt mit beiden Eltern eine schöne Sache, wenn man es denn organisatorisch hinkriegt. Wir kommen hier auf ca. 10-15% Zeit beim Vater, wenn ich es aufs ganze Jahr hochrechne. Denn zu den regelmäßigen Wochenenden kommen ca. 2-3 Wochen der Ferien, die der Vater übernimmt, den Rest der 12 Wochen Schulferien übernehme ich (wir arbeiten beide Vollzeit, logisch dass ich ¾ der Ferien abdecke). Würde der Vater mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen wollen: ich würde es fahnenschwenkend begrüßen. Und würde der Vater mehr Verantwortung für das Leben und den Alltag seiner Kinder übernehmen: ich wäre begeistert!

Aber so ist es nicht. Die Kinder sind alle 14 Tage bei ihm, es sei denn, er sagt ab wegen Urlaub oder er kürzt um 1 Tag wegen einer Konferenz, Ersatz wird nicht angeboten. Wenn ich nachfrage, kommt keine Antwort. So what, denke ich inzwischen, 9 Jahre Trennung machen halt auch bissl müde. So wie diese Umgangswochenenden zwar natürlich eine Auszeit für mich sind, so bringen sie halt auch einiges mit sich:
Vor dem kinderfreien Wochenende muss alles für 3 Tage gewaschen sein, muss der Ranzen für Hausaufgaben und für den Montag gepackt sein, müssen Termine der Kinder mit dem Vater abgestimmt werden. Nach dem kinderfreien Wochenende werden Taschen ausgepackt und Klamotten gewaschen, werden 3-Tage-nicht-geduschte-Kinder geduscht, Vesperdosen und Trinkflaschen von vergangenen Freitag ungespült und angeschimmelt aus dem Ranzen befördert, und 2-3 Tage lang die Anpassungsstörungen der Kinder an unseren Alltag kompensiert. Das alles von mir. Von wem sonst. Vorher und nachher. Weil der Vater am Wochenende keine Klamotten wäscht, nicht in die Ranzen guckt, die Mediennutzung der Kinder völlig entgleist (es werden Rekorde von bis zu 10 Stunden Fortnite gebrochen. Von einem 12jährigen) und er sich von den Kindern beim Thema Hausaufgaben an der Nase herumführen entlasten lässt („das muss ich jetzt nicht machen, das mach ich nächste Woche bei Mama“).

Stattdessen geht man ins Kino, ins Spaßbad, in die Sprungbude – cool für die Kinder und ich gönne es ihnen von Herzen. Die Kinder sind nach so einem Wochenende oft dezent durch den Wind, die Umstellung ist anstrengend. Sie sind müde und mir gegenüber gereizt und übellaunig, weil der Vater manchmal recht gestresst ist, sie das stillschwiegend kompensieren und dann bei mir rauslassen. Und weil er gerne mal unreflektiert seine Missstimmung über mich den Kindern mitteilt. Ich ertrage das mit der Geduld eines Lamas, was soll ich auch sonst tun? Ich wasche nach den Umgangswochenenden die dreckige Wäsche, in jeder Hinsicht. Es gibt sicher Familien, wo das anders läuft, bei uns ist es halt so. Ich habe oft versucht das zu ändern (zB das mit der Wäsche, mit der Stimmung), aber es ging nicht, und ich kann mir meine Energie auch für mich selber sparen als für Diskussionen über Wäsche oder über die work-life-balance meines Exmannes.

Die Kinder fallen für die 3 Tage übrigens nicht aus der Welt, sie bleiben Schulkinder mit Freunden und Hobbys. Sie müssen am Wochenende auch mal Hausaufgaben machen und Vokabeln lernen. Weil so ein bilinguales G8-Gymnasium ohne Wochenend-Paukerei irgendwann nicht mehr zu bewältigen ist. Selbst das nichtgymnasiale Waldorf-Kind muss am Wochenende lernen und Referate vorbereiten. Es gibt Schulfeste und Schul-Samstage, Geburtstagsfeiern und (jetzt kommts!) Eigeninteressen der Kinder. Da sollte der Vater sich nach richten, die Zeiten, wo man die 5jährigen ohne weitere Rücksprache ins Spaßbad schleppen konnte, sind vorbei. Teenager haben einen eigenen Kopf und eigenen Tagesablauf, eigene Interessen und eigenen Verpflichtungen, da kann auch die kooperativste Mutter nix dran ändern.

„Mama, bis Du heute Nachmittag da? Dann komm ich für ein paar Stunden zu Dir“

Apropos Teenager: die haben nicht immer Lust, am Wochenende die Location zu wechseln. Ihre Klamotten für die nächsten 3 Tage festzulegen, Ihre Freunde beim Vater zu treffen. Also bleiben sie gerne auch einfach mal bei mir, zu Hause. Ich kann und will sie nicht zwingen, zum Vater zu gehen. Ich kann und will ihnen auch nicht verbieten, zwischendurch nach Hause zu kommen, denn sie sind hier zu Hause. „Du wohnst hier zwar, aber ich lass Dich nicht rein“ finde ich keine angemessene Ansage an eine 14jährige. Dann müssen wir mal besprechen, wie wir das jetzt machen, denn ich habe weder genug Zeit noch Nahrung übers Wochenende für Dich, aber wir finden schon eine Lösung. Der Vater wiederum hat sich das Wochenende freigehalten und die Kinder sind gar nicht da – tja blöd, aber so ist es halt. Übrigens unfassbar, was ich alles in meinem Leben für die Kinder geplant habe und dann ist es anders gekommen. That’s family. Wöllte der Vater das ändern, könnte er ja mit den Kindern reden und mit ihnen Regelungen treffen. Oder mit mir. Tut er aber nicht, sondern er nimmt das mehr oder weniger kinderfreie Umgangs-Wochenende „in Kauf“, um mir bei Gelegenheit vorzuwerfen, dass er sich ja so viel Zeit für die Kinder nimmt und die das gar nicht wahrnehmen.

Ich selber könnte übrigens auch ohne diese Wochenenden leben, meine Entlastung organisiere ich mir schon selber. Denn was bedeuten die kinderfreien Wochenenden für mich? Klar: kinderfrei.

„Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.“

Ich muss mich nicht um die Kinder kümmern, kann lange schlafen, ausgehen, muss nicht kochen waschen putzen, weil ich alleine gar nicht so viel dreckig mache wie 3 Personen. Ich kann mir an den kinderfreien Wochenenden die Liebhaber antanzen lassen, die Nägel lackieren und Prosecco zum Frühstück trinken. Was ich tatsächlich mache: ich arbeite, weil ich während der Woche nicht alles schaffe. Ich wasche, räume auf und putze, weil ich während der Woche nie (also wirklich: nie!) dazu komme. Ich versuche außerdem, so viel Zeit wie möglich für mich zu nutzen: ich schlafe und mache ausgiebig nix, ich gehe auch nicht aus. Sondern ich bleibe, wenn ich nicht arbeiten muss (und ich arbeite oft am Wochenende)  zu Hause, weil ich der Stille zuhöre, die ich sonst nie habe.

Für mich bedeuten diese Wochenenden im Zweifel aber auch mehr Arbeit. Emotional und organisatorisch, auf mehreren Ebenen. Und vor allem bedeuten die Umgangs-Wochenenden, dass ich weiter Kontakt mit meinem Exmann habe. Darauf könnte ich locker verzichten. Da er allerdings gleichzeitig der Vater meiner Kinder ist, bleiben wir schön in Kontakt, ein Ende ist nicht absehbar. Wir bleiben gemeinsam Eltern, bis ans Ende unserer Tage. Da gilt es, zwischen Exmann und Kindsvater zu unterscheiden, und ich gebe mir die allergrößte Mühe, das hinzukriegen. Selbst wenn ich ihn auf den Mond schießen könnte, so wünsche ich meinen Kindern nichts mehr, als eine liebevolle und entspannte Beziehung zu ihrem Vater. Ich würde mich definitiv NICHT darüber freuen, wenn diese Wochenenden wegfielen, denn das würde meine Kinder unglücklich machen.

 

Natürlich brauche ich auch diese Auszeiten, aber die Entlastung, die für mich bei den Umgangs-Wochenenden abfällt, würde ich mir dann schon irgendwie anders organisieren. So wie ich eh alles irgendwie organisiere. Meine Kinder können sich jedoch nicht einfach Ersatz organisieren: sie lieben und sie brauchen ihren Vater. Ich will keine unglücklichen Kinder: sie sollen zu ihrem Vater, gerne und glücklich. Und sie sollen die Freiheit haben, wählen zu können, wo sie ihre Wochenenden verbringen, denn sie sind es, die ihre Köfferchen packen müssen, nicht wir.
Schwierig also, der Umgang mit dem Umgang, vor allem wenn die Kinder größer werden, mitentscheiden wollen und im Zweifel keine Lust mehr drauf haben. Der Umgang ist immer wieder neu zu verhandeln, mit allen Beteiligten, und deshalb ist es gut, wenn es zumindest eine verlässliche und kontinuierliche Struktur gibt. Die gibt uns der gemeinsame google-Kalender, der alle 14 Tage das Umgangswochenende einträgt, bis uns der Himmel auf den Kopf fällt. Innerhalb dieser Regelmäßigkeit gibt’s genug Variablen, wir reden und verhandeln, ich mache Ausnahmen zu Gunsten der Kinder, und der Vater verlangt von mir Ausnahmen zu seinen Gunsten und droht mir bei Kooperationsmangel meinerseits mit der Abschaffung der Umgang-Wochenenden. Dabei hat er den Eingangstext nicht gelesen: die Umgangs-Wochenenden sind in erster Linie für ihn und die Kinder da.

Und deshalb wird es hier weiter Umgangs-Wochenenden geben, mit allen Nebenwirkungen. Mit Teenie-typischen Terminen, mit Streitereien zwischen mir und dem Exmann, mit müden Kindern am Montag, mit verschimmelten Vesperdosen, mit Spaßbad, Kino und Sprungbude und mit Kindern, die trotz Trennung einen guten Kontakt zu beiden Eltern haben. Denn um nichts anders geht es dabei.

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Foto: Pixabay

Der Umgang mit dem Umgang

8 Gedanken zu “Der Umgang mit dem Umgang

  1. Herrlich pikant geschrieben! 👍 Ich fürchte, dass vielen leider noch immer nicht bewusst ist, was Mental Load bedeutet und in diesem Fall: Dass ein kinderfreies Wochenende (oder auch ein kinderfreier Nachmittag, Ferien etc.) keineswegs davon befreit. Oder lassen wir den verbalen Schnickschnack weg und nennen es einfach „all die unsichtbaren Dinge“, die neben der Kür noch so erledigt werden müssen. Hut ab. Krone auf! Du machst das toll… LG Stefanie

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  2. Marie schreibt:

    Vielen Dank für diesen Text!
    Ich ziehe einen riesigen Hut vor dir, dass du all den Stress, den die Situation mit sich bringt, nicht abbrichst (siehe letzter Abschnitt), sondern an deine Kinder denkst. Ich könnte jede und jeden verstehen, dass dies oft nicht geht und sei es der Selbstfürsorge willen, die am Ende ja auch den Kindern zugute kommt…
    Ich glaube, es ist ein großes, wunderbares Geschenk an deine Kinder, dass du ihnen den Kontakt ermöglichst und dabei soviel auffängst. Wie gesagt, Hut ab und rock on!

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  3. Morgens 4.30 Uhr liege ich bereits seit einer Stunde wach, weil der Hund außerplanmäßig mal raus musste. Ich bin tiefenentspannt, kann ich mich doch über Tag hinlegen, denn ich habe Urlaub und das Kind verbringt einen Teil der Herbstferien beim Papa. Eine Idylle, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick würde man die Telefonate vor und nach dieser Woche sehen, die Ungewissheit ob sie wieder entgegen aller Absprachen eher nach Hause kommt. Weil eine Zehnjährige ist wie sie ist. – Ich kenne das Szenario das du beschreibst seit über 15 Jahren und mit dem zweiten Vater ist es nicht besser geworden.Danke für die offenen Worte. Ich höre intensiv auf die Stille

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  4. Anne Rüsing schreibt:

    De Hoffnung stirbt zuletzt: Ich habe diesen Text und den über die Anpassungsstörungen an die zuständige Person bei unserem Schweizer Jugendamt weitergeleitet – vielleicht waltet im Hinblick auf die anstehenden Umgangsregelungen 2020 ja doch einmal etwas Vernunft (nach 7 Jahren kaum zu hoffen, aber eben).
    Danke für „Schützenhilfe“
    a

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  5. Ulbrich schreibt:

    So wahr. Ich könnte es genauso unterschreiben. Wir haben das Tam-Tam jetzt 4Jahre mitgemacht. Mit dem Unterschied, dass unsere Kinder jetzt erst 6 & 4Jahre jung sind und der Vater Alkoholiker ist. Natürlich nicht offiziell, er trinkt ja nur „ab und zu ein Feierabend-Bier“. Naja und so ging es schnell um Kindeswohlgefährdung und die Kinder wurden wie ein Ping-Pong-Ball zu all moglichen Leuten abgeschoben, wenn er dann mal nicht abgesagt hatte. Sie waren dann an dem gesagten Umgangs-Wochenende überall, nur nicht bei ihrem Vater! Und wenn sie ihn kurz sahen, war er sturz besoffen.
    Ende vom Lied ist, dass ich nun mit viel Hilfe von den Erziehern, dem Jugendamt und dem Kinderpsychologen, den Umgang nun seit einigen Monaten komplett eingestellt habe, zum Wohle der Kinder und siehe da, all die Probleme, die die Kinder vorher hatten, sind wie im Sande verlaufen und es läuft mehr als gut seit nun 6Monaten schon. Der Vater fragt immernoch nicht, wie es ihnen geht, wie die Schule nun läuft, welche Interessen sie aktuell haben, ob sie schon ihre Milchzähne verloren haben, nichts!
    Nur an der Einschulung, wie Ostern oder Geburtstagen und 100% zu Weihnachten kommt er wieder mit „seinen Rechten“ und möchte sein Foto-Album nochmal auffüllen, um allen zu zeigen was für ein grandioser Vater er doch ist.
    Ach ja, Unterhalt sieht er, als Geschäftsführer und Vermieter von, auch nicht ein für die beiden zu zahlen.
    Sorgerecht ist aber geteilt. Wo trägt dieser Mann nur ansatzweise Sorge für die zwei?
    Ich bin müde von den letzten Jahren und maßlos enttäuscht von unserem Rechtssystem. Es geht nur um die Rechte der Eltern, mit Kindeswohl hat das alles absolut nichts mehr zutun!

    Danke, für diesen Beitrag. Oft fühlt man sich allein mit dem ganzen Horror-Streifen, obwohl man sich mit der Zeit immer häufiger mit anderen Alleinerziehenden austauscht und schnell merkt, dass es diese Probleme seeeehr oft gibt. Doch von Behörden und Richtern wird generell in erster Linie den Kindern ein Keil vor den Riegel geschoben!

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