Wenn wir Glück haben

Wenn wir Glück haben, endet es am Strand
Du hältst meine Hand, wir sitzen dort zusammen
auf unseren Campingstühln
mit einem guten Gefühl
das die Zeit überstand
Wenn wir Glück haben, sind wir zusammen

(Bernd Begemann)

Wir hatten kein Glück. Vielleicht braucht man mehr als Glück, um eine Beziehung ein Leben lang zu führen. Vielleicht hätten wir uns mehr Mühe geben sollen. Vielleicht hätten wir geduldiger, kämpferischer, humorvoller, leidensfähiger, fordernder, nachgiebiger sein sollen. Oder glücklicher?

Braucht man Glück, um das Glück zu erhalten?

Alle, die eine jahrzehntelange, glückliche Beziehung haben, sagen dass es auch harte Arbeit ist. Alle, die Kinder haben, sagen dass die ersten Jahre mit kleinen Kindern die härtesten sind.

Harte Arbeit mit kleinen Kindern und mit einander also, klingt verheißungsvoll. Glück kommt darin gar nicht mehr vor. Ist das Glück ist nur am Anfang und am Ende da? Geht es zwischendurch verloren? Am Anfang das Glück, sich gefunden zu haben. Nach Jahren harter Arbeit miteinander und endlich großen Kindern das Glück, das alles gemeinsam überstanden zu haben? Dazwischen Diskussionen über Diskussionen, Tränen, Einsamkeit, Wut, Enttäuschung?

Allein mit zwei kleinen Kindern in einer fremden Stadt ohne Job und ohne Freunde, das waren für mich nicht die besten Voraussetzungen. Und ein abwesender Man, dem die Arbeit am Job wichtiger war als an der Beziehung. Ich hab nicht durchgehalten. Viel versucht, nicht genug erreicht, es nicht geschafft. Keine Ahnung, wie er das sieht, ob er von sich denkt, er hätte es auch versucht. Aus meiner Sicht nicht. Er hat’s ausgesessen bis ich weg war, sich gewundert „warum hast Du nicht früher eskaliert?“, dann „huch sie ist weg und hat die Kinder mitgenommen“, große Trauer, sehnsuchtsvolle Briefe und ein Jahr später eine neue Freundin.

War offenbar mein Job, die Hege und Pflege der Beziehung. Nachdem mir nix mehr eingefallen ist um die Sache noch zu retten und vom Mann allabendlich nur noch der Hinterkopf vor seinen drei Bildschirmen zu sehen war, hab ich versucht, wenigstens mich und die Kinder zu retten und nicht in unglücklicher Starre zu verharren.

Jeder Mensch hat es verdient, glücklich zu sein. Wenn man das Glück nicht erhalten kann und das Unglück Überhand nimmt, muss man was ändern. Lieber zwei separate, aber glückliche Elternteile, als Vater und Mutter, die im hingebungsvollen Unglück miteinander ausharren. Grauenhafte Sache, die ich als Kind bereits erleben durfte und meinen Kindern ersparen werde.

Ich hatte es mir sehr gewünscht, diese gemeinsame Glück. Mit Kindern. Familie mit mehr als einem Erwachsenen. Ich bin immer noch fassungslos darüber, dass es nicht geklappt hat. Dass die Vater-Mutter-Kind-Nummer schief gegangen ist. Dass er mich so alleine gelassen hat als wir noch zusammen waren, bis ich schließlich gegangen bin. Weil ich es nicht ausgehalten habe, jeden verdammten Abend vier Teller auf den Abendbrottisch zu stellen und die „Papa kommt heute später“-Platte aufzulegen. Bis ich nur noch drei Teller gedeckt habe, an genau diesem Abend der Mann zum ersten Mal pünktlich kam und maulte „ich werd ja hier schon gar nicht mehr mitgedacht“. Da ist mir das Herz zugefroren, es war kein Lachen, kein Weinen und nicht mal mehr Wut übrig.

Ich bin jetzt ganz alleine für das Glück der Kinder, für die Familie und natürlich für mich selber zuständig. Kein Mensch, der mit mir geht. Mit mir teilt. Glück und Unglück.

Es war eine gute Entscheidung, denn es wäre nicht weitergegangen, das Glück hatte mich und uns bereits verlassen. Ich hätte meinen Kindern gerne gezeigt, dass man auch schwere Zeiten gemeinsam überstehen kann und dass es sich lohnt, für das Glück und für die Liebe zu kämpfen. Aber nicht, wenn der Kampf aussichtslos ist und mich unglücklich macht. Ich bin meinen Weg gegangen und ich zeige ihnen, dass es sich lohnt, mutig zu sein, Entscheidungen zu treffen und nicht in unglücklicher Starre zu verharren. Aber der Preis ist hoch, denn es ist unfassbar anstrengend, alleine mit zwei Kindern zu leben.

Heute vor 14 Jahren habe ich geheiratet in der festen Überzeugung, dass das Glück unendlich ist und uns die Liebe bis ans Ende unserer Tage trägt. Deshalb haben wir diesen wunderbaren Songtext von Bernd Begemann in die Eheringe gravieren lassen:

Wenn wir Glück haben, endet es am Strand.

Heute sitze ich hier, habe Hochzeitstag und bin seit acht Jahren geschieden, finde den Ehering nicht mehr wieder und nicht einmal das Hochzeitsfoto. Aber ich habe Glück, denn ich sitze irgendwann am Strand, mit einem guten Gefühl. Dem guten Gefühl, die richtigen Entscheidungen für mich und meine Kinder getroffen zu haben.

Wenn wir Glück haben

5 Gedanken zu “Wenn wir Glück haben

  1. Milena schreibt:

    Liebe Annette, dein aktueller Text und dein Blog berühren mich so, dass ich meine Scheu überwinde, im Internet was zu schreiben. Wie bei so vielen hat auch bei mir die Vater – Mutter – Kind – Nummer nicht hingehauen und die Fassungsloslosigkeit über das Alleingelassen – Werden vom Kindsvater ist auch nach 10 Jahren noch nicht weg. Damals hab ich formuliert : Emanzipation war gestern. Hätte ich nicht diese vielen Ideen zu Gleichberechtigung im Kopf gehabt, wäre ich wie so manche Frau in meinem Umfeld besser damit zurecht gekommen.
    Doch ich habe auch Glück, dass ich in diesen Jahren als Alleinerziehende so manches gemeistert habe, was zunächst aussichtslos erschien…
    Im Herbst hätte ich am liebsten sofort ein Wochenende in Stuttgart geplant und mir in deinem Kulturzentrum eine Veranstaltung angeschaut. Doch das geht gerade nicht, deinen Blog hab ich ja entdeckt, als ich plötzlich zu 100 Prozent alleinerziehend geworden war und meine freien Wochenenden futsch waren und gleichzeitig mein Kind mich umsomehr braucht.
    Liebe Grüße aus Freiburg und viel Glück in diesem neuen Jahr, Milena

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  2. Jeder hat seine Gründe für eine Trennung. Manchmal ist es ein ganzer Haufen davon. Und man macht sich so eine Entscheidung, zumal wenn Kinder dabei sind, ja auch nicht leicht. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich über den Zustand meiner Ehe richtig krank geworden bin. Er wollte den Zustand halten, von ernsthaften Versuchen, daran zu arbeiten, auch keine Spur. Es war ja so auch bequem für ihn und meine Wünsche und Bedürfnisse ohnehin nicht von Belang. Deswegen habe ich meinen Traum von einer funktionierenden Ehe, von Liebe und Familie, von ‚gemeinsam‘ und ‚wir sind ein Team‘ aufgegeben. Das tat weh, fühle mich noch immer gescheitert. Aber es war die beste Entscheidung.
    Während ich an mir arbeite, an meinem inneren Kind, tolle psychologisch-fundierte Bücher lese und meine zu verstehen, warum es nicht klappen konnte und was mit dem neuen Partner nicht wieder falsch gemacht werden darf (der aber aufgrund seines ganz anderen Wesens ganz andere Voraussetzungen für die Beziehung mitbringt), verharrt mein Ex in der Annahme, nur ich sei an allem Schuld, er unfehlbar und zeigt mir somit ständig auf, dass es gut war, auch für die Kinder, dass wir nicht mehr unter einem Dach leben müssen.

    Ich wünsche Dir alles Gute!

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  3. Unser Trauspruch…die Liebe ist langmütig und freundlich …All das war sie nach 18 Jahren nicht mehr. Mit den drei Kindern habe ich vor 13 Jahren neu angefangen, ein viertes kam vor neun Jahren dazu. Es ist anstrengend alleine zu erziehen, dabei auch sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Buch könnte ich vermutlich schreiben. Danke für deine offenen Worte. Vielleicht sind wir gescheitert bei dem einen Plan, gemeinsam alt zu werden. Aber wir waren mutig und haben unsere Glück und das unserer Kinder in die eigene Hand genommen.

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