Wie Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen kann. Für Putte.

Putte (der in Wahrheit Thorsten Puttenat heißt) will in den Stuttgarter Gemeinderat, er kandidiert für die Stadtisten und er ist ein wirklich guter Mensch. Er hat mich gefragt, wie denn die Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen könne? Kurzes Grübeln, da fällt mir einiges ein: das verfluchte Ehegattensplitting und die fehlende gerechte Besteuerung, die unselige Verrechnung von Hartz4 mit Unterhaltsvorschuss und Kindergeld, es fehlen bezahlbare Wohnungen, kostenloser ÖPNV für Schulkinder, sichere und flexible Jobs, home office und bessere Vereinbarkeit, kurze Wege und intakte Nachbarschaft, Kita- und Hortplätze für alle, konsumfreie und geschützte Räume für Jugendliche von 10-18 Jahren, Hausaufgabenbetreuung und gesundes Mittagessen, Haushaltshilfe statt Mutter-Kind-Kuren, Kindergrundsicherung oder besser noch bedingungsloses Grundeinkommen, 32- statt 40 Stunden-Woche bei Vollzeit. Für jedes Kind ein Instrument, einen Sportverein und mindestens das bronzene Schwimmabzeichen. Akzeptanz jeglicher Familienform und das tiefgreifende Verständnis: Familie ist da, wo Kinder sind. Kinder gehören mitten rein in die Gesellschaft und sie brauchen frische Luft und sichere Wege, sie brauchen liebevolle und kluge Menschen die sich um sie kümmern, sie brauchen Raum und Zeit, sie brauchen Wälder, Wiesen und Matschepampe. Sie brauchen glückliche und entspannte Eltern. Um nur einige zu nennen.

Nicht alles davon liegt in der Verantwortung der Kommunalpolitik, vieles ist Länder- oder Bundessache. Ich bin keine Spezialistin von politischen Strukturen und weiß nicht, ob auch die Städte Druck auf Land und Bund ausüben können oder wollen, drum liste ich hier einfach mal alles auf und die Kommunalpolitik darf sich aussuchen, wo sie ansetzt. Denn die Situation Alleinerziehender ist meist so beschissen, dass jeder Punkt hilft. Mehr oder weniger. Schön wäre natürlich, an den Ursachen was zu ändern und nicht an den Symptomen rumzudoktorn. Leider bleibt der Kommune oft nur, die Symptome zu lindern, weil sie nicht an die Ursachen kommt. Zum Beispiel eine Familiencard für Stuttgart ausgeben, damit Alleinerziehende mit den Kids auch mal ins Schwimmbad oder in den Zoo gehen können oder mit dem Guthaben der Familiencard die Klassenfahrt bezahlen können. Denn eine Alleinerziehende wie ich hätte mit Steuerklasse 3 ein paar Hundert Euro mehr auf dem Konto und könnte davon einiges bezahlen, zB die Klassenfahrt. Aber ich habe Steuerklasse 2 mit dem niedlichen „Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende“ und zahle fleißig Steuern (nahezu) wie ein Single, obwohl ich für 3 Leute verantwortlich bin, und freue mich dann über die Familiencard, die mir die nächste Klassenfahrt mit 60€ bezuschusst. Tja Putte, dann musst Du wohl Kanzler werden, wenn Du ans Steuersystem willst. Dann kannst Du auch gleich dieses beknackte „Familienentlastungsgesetz“ streichen und echte Reformen einläuten. Diese glorreiche Errungenschaft der Groko sieht nämlich vor, sehr gut verdienende Familien massiv steuerlich zu entlasten, schlecht verdienende Familien ein kleines bisschen und Hartz4-Empfänger kriegen davon überhaupt nix ab. Den Entlastungsbeitrag für Alleinerziehende zumindest mal der Inflation anzugleichen, dagegen hat sogar die SPD gestimmt. Dankeschön. Setzen. Sechs.

Aber wir waren bei der Kommunalpolitik: Die Möglichkeiten der Kommunalpolitik sind begrenzt? Nein, sind sie nicht, denn sie sind am nächsten dran an den Alleinerziehenden. Die Politik vor Ort kann das tun, was Land und Bund weniger gut können: Hinschauen, Zuhören, Präsent sein, Beraten. Guckt mal hin, wo die Alleinerziehenden in Eurer Stadt sind. Wo leben sie, wo arbeiten sie, wo sind ihre Kinder, was brauchen sie? Fragt sie einfach. Macht mal einen Tag für Alleinerziehende im Rathaus, ladet sie alle ein und fragt sie, hört ihnen zu, nehmt Euch Zeit und nehmt sie ernst (vielleicht bissl mehr Zeit als Staatssekretärin Mielich das getan hat). Und nicht nur einen Tag, macht das jedes Jahr, seid für uns da, konsequent und nachhaltig. Richtet eine Beratungsstelle für Alleinerziehende ein, die alles weiß, alles bündelt und das Richtige für mich einleitet. Wirklich alles. Die Angebote von den Wohlfahrtsverbänden und Kirchen, vom Jugendamt, Kinderschutzbund und von den Krankenkassen, von Arbeitgebern, Gewerkschaften, Steuerberatern und Scheidungsanwälten, von Psychologen, Pädagogen, Pfadfindern und Jugendhäusern und die Schulen bitte nicht vergessen. Und wenn schon, dann auch gleich mit 24-Stunden-Notfall-Telefon. Das wär der Knaller! Das wär ja nicht nur für die Alleinerziehenden gut, sondern für alle Familien. Aber Alleinerziehende sind die verletzlichsten Familien, sie haben mehr Druck und weniger Ressourcen, sich um alles zu kümmern. Wir können nicht jede Beratungsstelle abklappern, ewig im Internet rumklicken nach Öffnungszeiten, Warteschlangen, Telefonsprechstunden suchen und alles fein säuberlich sortiert nach Grund der Beratung. Denn diese ganze Zeit geht von unserer Zeit für die Kinder ab, und arbeiten müssen wir ja auch noch.

Gebt uns die Chance, mitzureden und mit zu gestalten, macht auch die Kommunalpolitik familienfreundlicher. Denn der Grund, dass Alleinerziehende nicht gehört und gesehen werden ist, dass sie arbeiten, sich um ihre Kinder kümmern, einkaufen, Wäsche waschen, den Haushalt schmeißen, mit dem Ex diskutieren, Unterhalt einklagen, Mathe üben, Vokabeln abfragen, Windeln wechseln, Laterne laufen und abends erledigt auf dem Sofa einpennen, weil sie es nicht mehr in’s Bett schaffen. Da bleibt wenig Kapazität, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren.

Deshalb: Seid unsere Stimme! Macht Euch stark für uns! Denkt uns mit, hört uns zu, rechnet mit uns. Aber bitte nicht so eine Feigenblatt-Aktion wie die Förderung von Lastenrädern der Stadt Stuttgart: da wurde fett propagiert „Für Familien und Alleinerziehende“. Ich hab mich sehr gefreut, denn ich hatte angenommen, dass es besonders günstige Förderbedingungen für Alleinerziehende gäbe. Nein, gibt es nicht. Sollte „Familien und Alleinerziehende“ am Ende bedeuten, dass Alleinerziehende keine Familien sind? Oder warum hat man sie dann extra benannt? Ich hab’s bis heute nicht erfahren, außer dass ich bei dieser Lastenrad-Förderung mit mindestens 3000€ Eigenanteil einsteigen muss. Die Alleinerziehende will ich mal sehen, die 3000€ übrig hat. So wollen Alleinerziehende nicht mitgedacht werden, das ist schon fast Sarkasmus: Dankeschön. Setzen. Sechs.

Aber sehen wir es positiv: Ansätze sind vorhanden. Man hat an Alleinerziehende gedacht, das ist ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Gut, man hat dieselbe finanzielle Potenz wie bei der doppelverdienenden Mittelschicht vorausgesetzt, das war jetzt nicht so pfiffig. Also zurück auf Los: Hinschauen, Zuhören, Präsent sein, Zeit nehmen.

Und als finalen Tipp: versucht mal, das proaktiv hinzukriegen. Alles, was es gibt, gibt es nämlich nur auf Antrag. Ob Familiencard oder Landesfamilienpass, ob Wohngeld oder Unterhaltsvorschuss, ob Haushaltshilfe oder Mutter-Kind-Kur, ob Schülermonatsticket oder (yeah!) Lastenrad: habt Ihr eine Vorstellung davon, wie viele Anträge eine Alleinerziehende stellen muss, an wie vielen verschiedenen Stellen? Und bringen Sie bitte Ihren Lohnsteuerjahresausgleich, die Geburtsurkunden der Kinder, das Einverständnis des Vaters, die Scheidungsurkunde und Ihr Seepferdchenabzeichen mit. Da wirste bekloppt! Ich will nicht wissen, wie viele Alleinerziehende auf Leistungen verzichten, weil sie es entweder nicht wissen oder es einfach nicht hinkriegen, alles korrekt und fristgerecht zu beantragen. Natürlich kann man nicht alles frei Haus servieren, aber ein generelles Umdenken in Richtung „was können wir für Dich tun?“ und nicht „Was kannst Du bei uns beantragen?“. Das wär richtig schön!

Und jetzt, lieber Putte und liebe alle Gemeinderäte da draußen, wünsche ich Dir und Euch viel Energie, Ideen und auch Spaß im Gemeinderat. Wenn was ist: einfach fragen. Wir sind 1,6 Millionen, Ihr findet uns schon.

Wie Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen kann. Für Putte.

5 Gedanken zu “Wie Kommunalpolitik Alleinerziehende unterstützen kann. Für Putte.

  1. rosenwind schreibt:

    Vielen Dank für Deine engagierten Texte! Du sprichst mir aus der Seele! Nur habe ich nicht viel Hoffnung, dass sich etwas ändert. Wir Alleinerziehenden leisten Tag für Tag mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht, unsere Familienarbeit. Bis zur Erschöpfung. Weil Arbeit-Kinder-Haushalt eben nicht mal eben so nebenbei läuft. Weil wir unseren Kindern alle Chancen ermöglichen wollen. Weil wir unsere Kinder lieben. Und am Ende muss für uns noch etwas Übrig bleiben. Wir leisten Dienst an der Gesellschaft! Wir ziehen die neue Generation groß. Für viele bleibt nach Kindererziehungszeiten, Arbeitslosigkeit und Teilzeit kaum Rente!!!

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  2. Lou schreibt:

    Es wäre schön die Alleinerziehenden würden dann bei der Kommunalwahl auch die wählen, die solche Forderungen ebenfalls haben: SÖS und LINKE (kostenloser ÖPNV, kostenloses Mittagessen in Schulen z.B.). Puttes Stadtisten haben sich da bisher schön rausgehalten. 😀

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  3. Ich schließe mich deinen aufgezählten Punkten voll und ganz an – bis auf die Förderung des Lastenfahhrads, auf die kann ich verzichten! 😉
    Aber im Ernst, angefangen bei der unsäglichen Flut von Anträgen, die man stellen muss, um als Alleinerziehende irgendwo ein wenig entlastet zu werden bis hin zu kostenlosem Schülerticket (ja, warum eigentlich nicht generell für Schüler kostenlos, da ja Schulpflicht besteht!?) stimme ich wirklich mit all deinen Anregungen, Ideen oder Forderungen überein.
    Und du hast so recht damit, wenn du sagst, dass es tatsächlich für AE schwierig ist, mitzureden und mitzugestalten, weil sie nämlich tatsächlich nur im Hamsterrad gefangen sind und dabei wenig Zeit bleibt, zu reflektieren, sich zu sammeln und (kommunal-/gesellschafts-)politisch auf neue Ideen zu kommen, die ja möglichst so präsentiert sein möchten, dass sie nicht als gesponnene Hirnfürze wahrgenommen werden.
    Putte kann ich zur Inspiration den Blog von Christine Finke empfehlen, mama-arbeitet.de – hier finden sich sehr viele Punkte, die sicherlich auch kommunalpolitisch in Bezug auf AE relevant sind.

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  4. S. schreibt:

    Ich plädiere für eine kostenlose Schulspeisung, für alle Kinder.
    Hartz IV hat ja einen Verpflegungstagessatz für Kinder von etwa 3 Euro pro Tag, und mit Vergünstigung zahlen Eltern „nur einen Euro“ für das Mittagessen, d.h. es bleiben an Schultagen zwei ganze Euro für Frühstück, Pausenbrot und Abendessen.
    Das kann man sich selbst ausrechnen, wie gut und gesund das überhaupt geht.
    Aber noch schlimmer ist es, dass einige Eltern es wirklich nicht aufbringen können.
    In der Brennpunkt-Grundschule, in der ich arbeite, müssen diese Kinder wegen der Aufsichtspflicht mit zum Mittagessen gehen.
    Bekommen dort kein Essen und müssen zuschauen, wie die anderen Kinder essen.
    Das ist eine beschämende Situation, und da könnte die Politik wirklich gut ansetzen.

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