Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

Ich fragte mich bereits seit geraumer Zeit, wer sich in der Kommunal- oder Landespolitik in Stuttgart / Baden-Württemberg für Alleinerziehende zuständig fühlt. Immerhin regieren die hier Stadt und Land, aber ich hab beim Rumklicken auf deren Website nix gefunden. Umso mehr freute ich mich, als mir über den VAMV eine Einladung von Dorothea Wehinger MdL Sprecherin der Grünen für Frauen, Kinder und Familien, zum Fachgespräch „Starke Familien. Alleinerziehende nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag geradelt, voller Neugier auf Information, Gespräche und Vernetzung.

Nach ca. 2stündigem lebhaften und informativen Input sitzt nun also die Staatssekretärin für Soziales und Integration vor mir und erklärt, eins der größten Probleme der Alleinerziehende wäre die falsche Wortwahl, denn alleinerziehend klingt so benachteiligt, ist so negativ behaftet. Ein-Elter-Familie klänge da schon viel besser. Ich bin erstaunt. Denn wissen Sie, Frau Mielich: alleinerziehend klingt wirklich negativ. Aber wissen Sie noch was: es ist ja auch scheiße! Warum soll denn jetzt ein neues Wort alles rausreissen? Wir sind nicht einfach nur „zwei Eltern Minus Eins = Ein-Elter-Familie“. Als ob’s grad egal wäre, ob da nun ein oder zwei Erwachsene am Start sind, Hauptsache Familie. Ein oder zwei Eltern, das sind nur verschiedene Variablen von Familien? Nein, es ist nicht egal, denn wir sind allein. Mutterseelenallein. Wir sind zwei-Minus-ein-Erwachsener PLUS verdammt viel Stress, und zwar vor allem mit dem abhanden gekommenen zweiten Elternteil. PLUS Stress mit Job, Geld, Haushalt, Alltag und Kindern. PLUS strukturelle Benachteiligung, die wir der Politik zu verdanken haben.

Die Politik, die das Ehegattensplitting nicht abschafft und dafür sorgt, dass mir von meinem Vollzeit erarbeitetem Brutto gerade mal ein ein ein paar warme Kinderjacken mehr übrig bleiben als dem kinderlosen Single, während sich die verheirateten kinderlosen Paare ins Fäustchen lachen ob ihrer gesparten Steuern. Die Politik, die dafür sorgt, dass Katzenfutter mit 7% und Windeln mit 19% besteuert werden, dass es keinen bezahlbaren Wohnraum für Familien gibt, dass flexible und kompetente Kinderbetreuung von 1-12 Jahren noch in den Kinderschuhen steckt, dass ich 1000€/Jahr für die Bustickets meiner Schulkinder bezahlen muss, dass der Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt mit Harzt4 und Kindergeld verrechnet wird, dass Eltern und Arbeitgeber zusammen einen Vereinbarkeits-Tanz um die Schulen herum aufführen, weil diese stur auf ihrem verkrusteten System beharren. Wenn denn eine Alleinerziehende überhaupt einen Job bekommt und die Kinder zur Schule gehen. Wenn die Alleinerziehende arbeitet und die Kinder krank sind, ist schon wieder Essig, umgekehrt übrigens auch. Das alles und noch einiges mehr liegt im Verantwortungs- und Gestaltungsbereich der Politik, aber ein neues Wort ist mit das Wichtigste, das Ihnen einfällt, wenn Sie zum Thema Alleinerziehende sprechen sollen? Aha.

Und dann berichten Sie noch, dass Nachbarschaftszentren und Mehr-Generationen-Häuser eine echte Unterstützung für Alleinerziehende sein können. Ja klar, wenn die Politik es nicht hinkriegt, dann wird auf bürgerschaftliches Engagement gesetzt. Liebe Frau Mielich: wann haben Sie denn das letzte Mal Ihrer alleinerziehenden Nachbarin eine Suppe gekocht? Vom Großeinkauf was mitgebracht? Kurz die Kinder gehütet, weil die Mutter zum Arzt musste? Ok, Sie haben bestimmt wenig Zeit. Aber Überraschung: nicht nur Staatssekretärinnen haben wenig Zeit – niemand hat Zeit. Sicher sind Mehr-Generationen-Häuser eine gute Sache. Aber sie lindern nur die Symptome, sie ändern nichts an den Strukturen. Wenn ich nicht 40, sondern nur 30 Stunden in der Woche arbeiten müsste, um denselben Betrag auf dem Konto zu haben, dann würde ich der alleinerziehenden Nachbarin ganz ohne Nachbarschaftszentrum ’ne Suppe vorbei bringen. Da dürfen Sie sich als Politikerin jetzt aussuchen, ob Sie an der Steuergerechtigkeit was dengeln oder an der Grundsicherung für Kinder, an der Wochenarbeitszeit oder an der Mehrwertsteuer, am Mietspiegel oder an den Kosten des ÖPNV. Aber ein Nachbarschaftszentrum ist ungefähr so hilfreich wie eine Mutter-Kind-Kur: das wird das Kaputteste repariert, damit Mutti wieder fit ist und weiter durchhält. Und das ist in dem Moment sicher auch ein großer Segen! An den Ursachen wird jedoch nix geändert, und das ist eigentlich eine Katastrophe.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: ich finde Nachbarschaftszentren großartig, ich bin absolute Befürworterin von Vernetzung. Aber sie sind ganz sicher nicht die Lösung, nicht für die vielfältigen strukturellen Probleme und Benachteiligungen, denen Alleinerziehende ausgesetzt sind.

Und derer sind viele, ich habe hier bereits welche aufgeführt und beim Fachgespräch der Grünen im Landtag Baden-Württemberg wurden sie sehr lebendig und mit Fakten belegt geschildert. Da waren Sie aber noch nicht da, denn Sie kamen erst so spät zu dem Fachgespräch, dass Sie das alles nicht gehört haben. Ich finde das sehr bedauernswert! Ein Gespräch ist ja eigentlich so eine Sache, bei der man sich wechselseitig zuhört. Sie haben aber nicht zugehört, Sie kamen gegen Ende, haben Ihr Manuskript vorgetragen und kritisch die Augenbraue gehoben, als Dr. Finke ihre Nachbarschaftszentrumssache kritisierte. Ebenso reagierten Sie, als die Geschäftsführerin des VAMV, Brigitte Rösiger, erklärte, dass der Begriff „alleinerziehend“ sehr wohl bewusst gewählt wurde, und auch mich haben Sie bissl befremdlich angeschaut, als ich ganz zum Schluss bemerkte, das leider schon das Wort „Alleinerziehend“ auf Ihrer Internet-Präsenz und der der Landes-Grünen fehlt. Es ist nämlich auch eine Frage der mangelnden Wertschätzung, wenn man so gar nicht sichtbar ist. Glauben Sie mir nicht? Dann schauen Sie sich mal das Familienbild der Grünen an, sehr hübsch animiert auf dieser Website oder hier : bei den „Themen“ kommen Familien nicht vor, die sind unter Soziales subsumiert. Und wenn man die  Familien gefunden hat, kommen Alleinerziehende nicht vor, weder im Bild oder auch nur ein einziges Mal im Text. Und Ihre eigene Website? Nun ja.

 

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Ich hätte mir bei dem Fachgespräch mehr Kommunikation gewünscht, und ich wünsche mir Sichtbarkeit. Eine Staatssekretärin, die uns Alleinerziehende sieht, unsere Leistungen respektiert, unseren Nöten zuhört und glaubhaft versichert, sich für uns stark zu machen – das wäre grandios gewesen! Ja, ich hätte Sie echt gefeiert, das kann ich Ihnen hier unumwunden sagen. Aber so hat mich dieses Fach“Gespräch“ sehr geärgert und ich habe mich als Alleinerziehende nicht ernst genommen gefühlt, weil ich ja so blöd bin, mich auch noch selber alleinerziehend zu nennen.

Wenn ich mich jedoch fortan Ein-Elter-Familie nenne, sind die Kinder sauer, die haben nämlich zwei Eltern. Nenne ich mich „Single Mom“, fühle ich mich eher wie ein hippes Huhn. Auch wenn es für Sie unschön klingt: ich bin alleinerziehend, denn ich erziehe meine Kinder allein, und das ist verdammt anstrengend. Die Mutter-Kind-Kuren durften mich schon 3x wieder aufpäppeln, und so habe ich es mit Ach und Krach über die Halbzeit meines Familienlebens geschafft. Den Rest kriege ich jetzt auch noch irgendwie hin, mit 11 und 13 Jahren sind die Kinder ja aus dem Gröbsten raus (haha, die Pubertät steht schon grinsend im Flur).

Liebe Frau Mielich: ich brauche Sie. Wir brauchen Sie. Wir schaffen das nicht alleine. Wir brauchen eine engagierte, tatkräftige, ideenreiche Staatssekretärin, die sich für alle Familienformen stark macht und dabei auf die Alleinerziehenden als besonders verletzliche Familien, wie uns Prof. Christel Althaus, Vorsitzende des Landesfamilienrats Baden-Württemberg in ihrem Eingangsstatement zum Fachgespräch sehr treffend beschrieben hat, ein ganz besonders Augenmerk hat.

Die Veranstaltung hieß „Starke Familien. Alleinerziehende nicht alleine lassen“. Wir sind aber keine starken Familien, wir sind die schwächsten und verletzlichsten aller Familien und deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Das Fachgespräch war ein Anfang – machen wir weiter!

danke

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Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

4 Gedanken zu “Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich.

  1. Myriam schreibt:

    Liebe Mutterseelesonnig,
    danke, du hast all die drängenden Probleme für Alleinerziehende auf den Punkt gebracht! Danke für deine deutlichen Worte!
    Missstände durch Euphemismen oder Wortneuschöpfungen zu vertuschen hat noch nie auf Dauer funktioniert.
    Ich hoffe immer noch, dass sich die schreiende Ungerechtigkeit im Blick auf die Besteuerung von Alleinerziehenden ändert. Schafft endlich das blöde Ehegatten-Splitting ab!

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  2. Fassbender schreibt:

    Was man auf der Webseite nicht darstellt hat man nicht im Fokus. Sonst würde einem ja auffallen, dass man das Thema nirgendwo auf der Webseite in der Aussendarstellung seiner Arbeit und seines Wirkens darstellt.

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  3. Danke, Annette. Es ist wichtig, hier rechtzeitig zu sagen, dass es SO nicht funktionieren wird, das Leben von Alleinerziehenden und ihren Kindern zu verbessern. Vor allem aber darf man solche Minimal-Maßnahmen nicht als den großen politischen Wurf verkaufen!

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