Dreckige Wäsche

„Vergiss nicht, dass die Kinder bei Dir wohnen und damit Du verantwortlich bist.“

Ach so. Ich Idiotin.

Acht Jahre seit der Trennung war ich davon ausgegangen, dass wir ein gutes und kooperatives Verhältnis miteinander haben. Der Exmann und Vater meiner Kinder wohnt keine 5km entfernt und ich habe immer betont, wie wichtig ich die Vater-Kind-Beziehung finde und wie sehr ich es unterstütze, dass er die Kinder so oft sieht wie nur irgendwie möglich.

Es ist leider nur wenig möglich. Es gibt fest vereinbarten Umgang, Ausnahmen ausgeschlossen. Es sei denn, der Exmann wünscht eine Ausnahme. Wie z.B. Urlaub zu machen am Kinder-Wochenende. Ich hatte eine Fortbildung gebucht und mich darauf verlassen, dass die Kinder beim Vater gut aufgehoben sind. Sind sie nicht, denn er hat ohne weitere Rückfrage Urlaub gebucht und auf meine Frage, ob ich jetzt die Fortbildung absagen soll: siehe oben. Hätte ich die Fortbildung besucht, hätte er die Kinder alleine gelassen.

Ich bin verantwortlich für die Kinder. Immer. Auch wenn sie beim Vater sind. Er übernimmt keine Verantwortung. Endlich habe ich es schriftlich und muss mich jetzt nicht mehr wundern, dass er das Fieber bei dem einen Kind nicht bemerkt. Dass er große Traurigkeit bei dem anderen Kind übersieht. Dass er weitere Befindlichkeiten der Kinder mit „die haben ja immer irgendwas behandlungsbedürftiges“ abtut. Mir von Behandlungsbedürftigem weder berichtet noch es bei den Kindern ernst nimmt. Alles, was irgendwie nach Erziehungsarbeit aussieht, wird mir überlassen. Die Kinder sind so pfiffig, das längst bemerkt zu haben und halten sich ihre kostbaren Papa-Wochenenden stressfrei, indem sie sich tapfer und unbeschwert geben und bezüglich der Schule gern versichern, dass das alles nicht so wichtig sei und auch nächste Woche noch erledigt werden kann. Wenn ich Kind wäre, würde ich das auch machen. Praktisch, wenn der temporär zuständige Erwachsene das nicht blickt oder es als willkommene Ausrede nutzt: „die haben gesagt, das wäre nicht wichtig“.

Hausaufgaben, Läuse, Fieber, Gitarre üben. Mit so was versaut man sich nicht das Wochenende.

Ich bin verantwortlich. Für alles. Immer. Egal wo die Kinder sind.

Wenn die Kinder beim Vater sind, ist das für mich maximal eine logistische Pause, mehr nicht. Die Verantwortung rattert weiter und vermehrt sich sogar, denn Probleme, die am Wochenende nicht behandelt werden, kommen am Montag mit der dreckigen Wochenend-Wäsche gratis frei Haus. Und so wasche ich Montags die dreckige Wäsche des Wochenendes. In jeder Beziehung. Kämme Läuse raus. Reiche das Fieberthermometer. Habe Verständnis für Probleme, für Wut und Verzweiflung. Tröste, höre zu, zeige Grenzen und Geduld und grenzenlose Geduld. Trockne die Wäsche, falte sie zusammen und die Kinder räumen sie in ihre Schränke. Manchmal falten wir sie auch gemeinsam zusammen, so wie wir manchmal auch zusammen unsere Gemütszustände ins Lot bringen, wenn die Nerven nicht zu blank liegen. Wenn die Haut zu dünn ist, dann reicht die Empathie der Kinder nicht fürs Geschwisterkind und ich mache Einzelbetreuung. Ich glätte die Wogen und mach einfach die ganze Wäsche von uns allen. Ich bin ja eh hier für alles verantwortlich. Immer. Auch wenn gar nicht alle da sind.

Endlich hab ich’s kapiert. Ist bin aber auch echt begriffsstutzig manchmal. Hab an Kooperation geglaubt, an gemeinsam Erziehung trotz Trennung, an Austausch und gegenseitige Unterstützung. Aber so, wie er sich seit acht Jahren weigert, die Wäsche der Kinder zu waschen, so übernimmt er auch ansonsten keine Verantwortung.

Wenn ich das gewusst hätte. Dann hätte ich mich erst recht getrennt.

Foto: Pixabay
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Dreckige Wäsche

14 Gedanken zu “Dreckige Wäsche

  1. Lotte schreibt:

    Ich kenne das alles, was du hier beschreibst, so, so gut … und nun ist das Kind fast erwachsen, der Vater entdeckt seine Sehnsucht und möchte Zeit mit ihr verbringen, Verpasstes nachholen, Vater sein – aber es sagt nein. Kategorisch und gnadenlos. Es macht mich traurig, denn ich habe wie du immer alles getan, um den Kontakt zum Vater zu erhalten und zu fördern. Aber: Es macht mich auch froh zu sehen, wie stark dieses Kind geworden ist, wie gut sie sich inzwischen zu schützen weiß. Ein ganzes Kinderleben lang habe ich ihren Schmerz mitgetragen – jetzt ist es an ihm, diesen Schmerz zu fühlen. Man kann im Leben nicht alles wieder geradebiegen und manches geht für immer verloren. Ich habe ein Kind, auf das ich sehr, sehr stolz sein kann. Ein Kind, das selbstbewusst seinen Weg geht. Ich habe ein Kind, das mir vertraut. Ich habe ein Kind, zu dem ich eine Beziehung habe. Der Preis dafür war hoch. Ich bin fast zwei Jahrzehnte lang tagtäglich an meine Grenzen gegangen und oft genug darüber hinaus. Es war unfassbar anstrengend und zermürbend, aber niemals – niemals! – hätte ich seinen Weg gehen wollen. Den leichteren. Den bequemeren. Den, an dessen Ende der unwiederbringliche Verlust wartet … Aber damit muss er jetzt leben und klarkommen. Vielleicht ist das sowas wie Gerechtigkeit …?

    Dir alles Gute! Halte durch! Es wird besser! Irgendwann …

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  2. Anne schreibt:

    Ich danke Dir für diesen Text!
    Offenbar steh ich nicht alleine da, mit einem Ex, der ausschließlich das Super-Dad-Dasein pflegt, das komplett unter Abgabe der erzieherischen Notwendigkeiten funktioniert.
    Traurig, dass man das unter der Prämisse, ‚alles für die Kinder tun zu wollen‘ leben kann.

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  3. Bei solch einem Verhalten kriegt man doch nur immer wieder vor Augen gehalten, wieso man sich zum Glück von dem Kerl getrennt hat. Ändern tun die sich doch eh nie und meist wird ihr Verhalten nach der Trennung doch nur noch schlimmer. Ich lass mich gern vom Gegenteil überzeugen, von Männern, die hinterher mal aufgewacht sind. Aber hier läuft es so und ich bin gespannt, was ich mir über die nächsten, viel zu vielen Jahre noch alles anhören und antun darf. Meine Kinder sind nämlich erst fast 7 und fast 5, ich hab den Ex also noch lange am Hals. Und er ist meisterhaft darin, Verantwortung in Form von Schuldzuweisung an mich bei mir abzuladen, selbst wenn er selbst es eindeutig hätte besser machen können. Ich bin die Mutter, ich bin immer Schuld, wenn was nicht klappt. Immer. Und bin dafür verantwortlich, dass der Laden läuft.

    @Yvonne: ich hatte auch nen heftigen Burnout mit einer Angst- und Panikstörung. Nach 11 Monaten habe ich die Tabletten abgesetzt. Ja, ich muss mehr auf mich achten, denn ich will so was Schlimmes nie mehr erleben. Aber man findet ins Leben zurück, mit Unterstützung und einem starken Willen. Ich drück Euch die Daumen.

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  4. Yvonne van Brakel schreibt:

    Moin!
    Das klingt ja megaschrecklich! Zuerst wünsche ich Dir viele gute Nerven und alles erdenklich gute für Euch (dich und die Kinder!).
    Traurig, dass Dein Ex sich so ein tolles und einfaches Leben zaubert und Euch dabei so übergeht und die Kids gar nicht ernst nimmt.
    Bei uns ist es leider gerade ähnlich. Nur leben wir noch zusammen und die Zukunft wünsche ich mir auch gemeinsam, aber keine Ahnung wo es mit uns hingeht. Mein Mann hatte letztes Jahr ein Burnout mit Angst- und Panikstörung. In der Zeit hab ich einfach nur funktioniert und war für unsere 3 Kids alleine zuständig. Als er dann wieder zu Hause war wollten wir noch gemeinsam alles wuppen. Er ging zur Tagesklinik, die Wiedereingliederung begann, und nun arbeitet er wieder Vollzeit in seinem Job. Leider hat er sich nicht um seine Anschlußtherapie/ -begleitung gekümmert… Seine Medis holt er beim Hausarzt, keiner schaut da wirklich drauf und er schluckt die Dinger einfach…
    Also wenn mein Mann aufgestanden ist, liegt er auf dem Sofa und der Laptop ist an – im Prinzip bis er schlafen geht.
    Ich bin Hausfrau und Mutter und bin somit für die Kindererziehung und den Haushalt mit allem was dazugehört verantwortlich… (ich weiß, dass das nicht ok ist, sollte auch nur eine Bestandsaufnahme vom IST- Zustand sein…)
    Den Familienurlaub haben wir auch ohne ihn verbracht, inklusive Hochzeit seines Cousins… Seine Ausrede war, dass es für ihn zu anstrengend sei. Ich zuviel mit den Kindern schimpfe und es einfach den ganzen Tag laut ist… Unsere Kids sind 3,6 und noch 8 Jahre alt… Keine Ahnung, ob seine Medis sein Gehirn so sehr beeinflussen, dass er den Blick für die Realität verliert – keine Ahnung. Die Kids bekommen halt die Spannungen mit und können sie nicht einsortieren.
    Für mich wünsche ich endlich mal ein bißchen Tacheles und Euch wünsche ich alles erdenklich Gute!
    Schade, dass es diese Absprachen gibt, an die sich nicht gehalten wird und somit alles nichtplanbar wird. Dir viel Kraft für´s „dreckige Wäsche waschen“ 🙂 und Dir und den Kids einfach viele schöne gemeinsame Momente und Erlebnisse!

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    1. Hallo Yvonne, hier in der brandenburgischen Landeshauptstadt kann man sich ‚Hilfe zur Erziehung‘ bei diversen freien Trägern mit Finanzierung durch das JA holen. Vielleicht gibt es so etwas auch bei Dir vor Ort. Viel Kraft.

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  5. Anne Süss schreibt:

    Naja, es ist sicher schwieriger sich vom Traum einer „happy Patchwork-Familie“ zu verabschieden als sich als Paar zu trennen. Ich sage dir es gibt schlimmeres. Ich als „umgangsberechtigte Mutter“ sehe meine Kinder nur in den Ferien weil die Entfernung (+1000 km) für Wochenend-Umgang viel zu groß ist. Die 3 kommen immer OHNE Wechselsachen, mit Läusen und einem Berg an Hausaufgaben und sonstigen Problemen, die ich dann in 1, 2 oder 4 Wochen beheben darf, und das obwohl der Vater die Alltagssorge übernehmen soll. Die Lehrer rufen weiterhin mich an und eine Kommunikation ist trotz gemeinsamer Sorge auf dem Papier inexistent. Eine Mutter bleibt eben immer in Verantwortung, Väter werden in dieser Gesellschaft gepampert ohne Ende. Ein Vater mit Baby für 5 Minuten auf einem Plakat und alle bekommen einen Eisprung, eine Mutter die arbeitet, putzt, kocht, erzieht und sich 24h kümmert bekommt nur ein müdes Schulterzucken.

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  6. Diana schreibt:

    So traurig und doch leider immer noch keine Ausnahme… eine Mutti aus unserer Tagesmuttigruppe musste am Elternnachmittag plötzlich schnell los, weil der Mann sich bei allem vier Kindern weigert, Windeln zu wechseln. Er schreibt nur, dass es stinkt und sie jetzt kommen müsse.
    Mein Nochmann hat mich, als ich wegen einer komplizierten Erkrankung im Uniklinikum war, täglich mehrmals angerufen weil er nicht wusste, was er machen soll, wenn die Kleine mal länger als 5 Minuten weint. Und wenn ich nicht ans Telefon gegangen bin wegen so unwichtigen Dingen wie Endoskopie oder anderen Behandlungen, gab es nur Vorwürfe, wie ich denn so ignorant sein könnte…
    Viel Kraft wünsche ich dir 😙

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  7. Andrea schreibt:

    Das mit der Wäsche finde ich nach zwei Tagen jetzt nicht so viel und schlimm. Alles andere ist wirklich übel. Und die Kids werden völlig verdreht. Geht garnicht.
    Viel Kraft für die kommende Zeit. Wenn sie älter werden regelt sich vieles von selbst. LG

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  8. Es macht mich als Mann so sehr sprachlos. Ich bekomme ao viele Situationen mit, bin liebender Vater und habe mich öfter schon der Frage hingegeben, was denn wäre, wenn wir getrennte Wege gehen würden. Es ist unvorstellbar für mich, so ignorant durchs Leben zu gehen, so stur abzuwiegeln, so selbstgerecht die Verantwortung nicht anzunehmen. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich drück dich. Und schick dir Kraft. 🍀

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