Ich muss gar nix

„Sie müssen nur einen einzigen Gedanken in Ihrem Leben ändern, dann ist der Tinnitus weg“ sagte der Physiotherapeut.
„Sie müssen mehr delegieren“ sagte der Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende.
„Sie müssen was für sich tun, Schwimmen gehen oder Yoga“ sagte die Hausärztin
„Die Kinder können doch im Haushalt helfen“ sagte die Krankenkasse und lehnte meinen Antrag auf Haushaltshilfe ab
„Du musst die Kinder mehr mit einbeziehen und Dir selber Inseln schaffen“ so der Tenor von drölfzig Antworten in sozialen Netzwerken
„Du musst Abstand nehmen von einem perfekten Haushalt“ antworten mir perfekte Hausfrauen
„Du musst auch mal den Vater fragen“ sagen Väterrechtler
„Du musst mal in Kur fahren“ sagt die Caritas
„Du musst eine Notfall-Nanny für 30€/Stunde buchen“ sagt eine (Überraschung!) Notfall-Nanny-Vermittlerin

Es liegt an mir. Die ganze Erschöpfung liegt nur an mir. Ich muss einfach nur tun, was hunderte liebevoll um mich bemühte wildfremde oder auch nahestehende Menschen mir raten. Wenn ich das nicht tue: tja, selber schuld. Zu doof, den Alltag mit zwei Kindern und Fulltimejob zu organisieren, da kann man nichts machen. Dabei wäre es so einfach, tu doch was man Dir sagt, Herrschaftszeiten!

Die fragen alle gar nicht, die sagen und raten einfach. Man könnte doch wenigstens mal ein Angebot und nicht gleich den Imperativ formulieren. So was wie „Hast Du schon mal versucht, die Kinder mehr in die Pflicht zu nehmen?“ oder „wäre eine Kur was für Dich?“. Total abgefahren wäre natürlich „Wie kann ich Dir helfen?“ oder „Das kann ich verstehen“.

Dass diese Rückmeldungen kommen, ist ja im privaten Umfeld möglicherweise noch verständlich. Ob virtuell oder real, da ist vielleicht oft ein bisschen Gedankenlosigkeit im Spiel. Man will helfen, weiß nicht so recht wie und gibt dann halt Tipps. Dass die manchmal komplett daneben sind oder mir die völlige Unzulänglichkeit unterstellen, ist als Flurschaden zu verbuchen, die haben es ja gut gemeint. Ich werd vielleicht auch langsam etwas etwas empfindlich.
Aber die Menschen, deren Beruf es ist, mir zu helfen und mich zu unterstützen, denen nehme ich es echt übel, dass auch sie die Ursache meiner Erschöpfung vorwiegend in meiner Persönlichkeit und meiner Organisations(un-)fähigkeit suchen.

Der Herr Physiotherapeut möge mir bitte nur den Wirbel entblocken und die Muskulatur entspannen, und nicht mit den Sprüchen eines Frühstücksradio-Moderators in mein Leben eingreifen, danke.
Der Herr Psychologe in der Schwerpunktkur für Alleinerziehende möge bitte mal drüber nachdenken, an wen genau eine Alleinerziehende denn etwas delegieren soll? Danke.
Die Frau Hausärztin muss mich nicht vorwurfsvoll angucken und mich ins Schwimmbad nötigen. Sie soll mich krank schreiben, ein Blutbild machen und ihren Hilfskatalog zücken, danke.
Die Krankenkasse soll mir, wenn ich krank bin und ein Kind unter 12 in meinem Haushalt lebt, die Haushaltshilfe, mit der sie Werbung macht, auch genehmigen und bitte gleich auch vermitteln. Und nicht sagen, der 10- und die 11jährige könnten ja wohl mit anpacken. Danke.
Und wo ich schon dabei bin: wie ich meinen Alltag und meinen Haushalt organisiere und wie ich meine Kinder mit einbeziehe, können nur die beurteilen, die es gesehen haben oder wenigstens mal danach gefragt haben. Ungefragte Kommentare und Tipps zur Haushaltsführung und Kindererziehung sind nicht hilfreich. Ich wiederhole: nicht hilfreich!

Ob von privater, professioneller oder institutioneller Seite, die Reaktionen ähneln sich im Grundsatz: wenn eine Mutter oder gar Alleinerziehende erschöpft ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach selber schuld. Sie muss sich eben besser organisieren und mal locker machen. Diese Reaktionen bekomme nicht nur ich, sondern verdammt viele Eltern, wie mir an diesem Tweet aufgefallen ist:

Dass die Erschöpfung strukturell bedingt ist und politischer Wille zur Besserung nicht existiert? Kann gar nicht sein.
Solange allerdings Vollzeit 40 Stunden/Woche bedeutet und ich dafür fast genauso viel Steuern zahle wie ein unverheirateter Single, der außer für sich für niemanden sorgen muss, so lange arbeite ich halt sehr viel mehr, als es meine Energie und der Zeitbedarf meiner Kinder an mir zulassen. So lange ich von dem, was mir Netto übrig bleibt, den Großteil für die Miete ausgebe und für 19% Mehrwertsteuer auf Kinderklamotten, Schulranzen etc. aufwende, während sich die Blumenläden und Softporno-Industrie auf ihre ermäßigten 7% die Hände oder sonst was reiben, so lange bleibt das auch so.
Die Politik feiert sich, weil sie es nach Jahren geschafft haben, den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende anzuheben. Toll, aber davon profitieren erst mal nur die Alleinerziehenden, die überhaupt Steuern zahlen. Hartz4-Empfänger und Niedriglohnsektor haben von dem Steuerfreibetrag mal gar nicht, sind aber die Mehrheit. Die Politik feiert sich auch für die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses, der leider wegen unbegreiflicher Verwaltungskacke bei fast niemandem ankommt. Und dann kommen ein paar Familienrichter her und malen die Düsseldorfer Tabelle neu, wonach dann Tausende von Alleinerziehenden weniger Unterhalt bekommen (wenn sie denn überhaupt welchen bekommen). Die Politik guckt betroffen und ist leider völlig machtlos, blöd.
Und die Alleinerziehenden rödeln sich weiter durch ihren Alltag, kümmern sich um ihre Kinder und wenn sie erschöpft sind, sollen sie halt schwimmen gehen oder, wie das Müttergenesungswerk empfiehlt, ein Mandala malen. Hallo geht’s noch?

Es gibt unfassbar viel zu tun, auf politischer, struktureller und gesellschaftlicher Seite. Für Familien und besonders für Alleinerziehende. Ich bewundere jeden, der sich hier ins Zeug legt. Sich politisch zu engagieren ist nicht jedermanns Sache und es ist auch wahnsinnig anstrengend. Aber man kann zumindest mal zur Kenntnis nehmen, dass das so ist, dass die Erschöpfung und das Burnout von Eltern und speziell von Alleinerziehenden strukturell vorprogrammiert sind und nicht daran liegen, dass die Wäsche zu penibel sortiert oder den Kindern nicht auch mal der Staubsauger in die Hand gedrückt wird.

Man kann auch einfach mal anerkennen, dass es irre anstrengend ist, ganz allein für Körper, Geist und Seele zweier heranwachsender Menschen verantwortlich zu sein, und nicht gleich unterstellen, dass man eben nur zu doof zum Entspannen ist oder einfach nicht richtig atmet.

Ich muss weder schwimmen gehen noch einen nicht identifizierten Gedanken in meinem Leben ändern (welchen??), ich muss nicht in Kur fahren (danke, ich war schon 3x), ich muss nicht den Vater fragen (danke, hab ich schon 1000x, hat leider keine Zeit), ich muss mich nicht von einem perfekten Haushalt verabschieden (hier war noch nie was perfekt), ich muss mir keine Inseln schaffen (meine Insel ist das Klo). Ich muss gar nix.

Ich muss nur meine Kinder lieben, Missstände anprangern und Texte schreiben. Und damit hoffentlich die Welt verändern.

 

einenscheissmussich
Das Shirt gibts bei Emp. Keine Werbung.

 

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Ich muss gar nix

12 Gedanken zu “Ich muss gar nix

  1. mom_de_lux schreibt:

    Ach ja, weiss nicht, ob Ihr das auch kennt?
    Läuft in meiner persönlichen Bestenliste als „Hau-mich-tot-Argument“ aus besagtem Genre:
    „Meine Mutter war auch alleinerziehend“
    Mit der unterschwelligen Botschaft: die hat’s aber deutlich besser hingekriegt als Du (und sich nicht beklagt (!)) oder einer Menge Erziehungstipps die besagte Mutter vor 20, 30 Jahren unter ganz anderen Umständen erfolgreich umgesetzt hat.

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  2. Ich mag noch ergänzen:
    Zu so genannten gut gemeinten Ratschlägen gibts eines zu sagen: gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht!
    Ich hab ein paar Tage vor deinem Post einen dazu passenden Artikel geschrieben:

    http://www.mama-minimalista.com/die-alleinerziehenden-falle-vermeiden

    Wenn das unüblich oder gar frech ist, hier die eigenen Posts zu verlinken, dann lösch meinen Kommentar bitte einfach! Blogge noch nicht lange und hab da nicht so viel Erfahrung.
    Danke und liebe Grüße!
    Mareike

    Gefällt 1 Person

  3. mom_de_lux schreibt:

    Genau – so – ist – es!
    Und anstatt uns Alleinerziehende als vorbildliche Staatsbürger-innen anzuerkennen, die weit mehr als ihren angemessenen Anteil an Arbeit für das Gemeinwohl leisten mit Vollzeitjob (+Nebenjob) und Kindererziehung (diese Kinder, die das System nachher weiter tragen werden, nebenbei bemerkt) und noch dazu einen unverhältnismässig grossen Anteil an der Steuerlast tragen, kriegen wir noch mit solchen gutgemeinten Rat-Schlägen unterschwellig Vorwürfe gemacht, dass wir zu doof wären, etwas auf die Reihe zu kriegen, wo die meisten insgeheim einfach nur froh sind, dass diese Situation ihnen erspart bleibt.

    So, das musste mal raus.

    Danke für’s Aufschreiben und Publizieren!

    Gefällt 1 Person

  4. Mein „Lieblingssatz“ ist ja: „Du musst bei Dir SELBST anfangen!“
    Aber wenn ich doch den äußeren Einflüssen und Rahmenbedingungen ausgeliefert bin… warum können DIE sich nicht ändern?
    Und auf dem Klo hat man auch nie seine Ruhe!

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  5. Liebe mutterseelesonnig,
    Danke für diesen wunderbar treffenden Artikel! Ich denke, dass es allgemein die Tendenz gibt, Probleme zu individualisieren (also Selbstmanagement zu fordern, statt z.B. schlechte Arbeitsbedingungen anzuprangern und zu verändern). Alleinerziehende trifft das oft besonders hart, weil wir in vielerlei Hinsicht systematisch benachteiligt sind. Ich denke, es ist ein Tanz auf der Klinge: Externale Probleme benennen und sich den Schuh nicht anzuziehen, auf der anderen Seite verstehen, dass man ja trotzdem nur bei sich selbst ansetzen kann… und wenn man nix mehr verbessern kann, dann akzeptieren (auf persönlicher, nicht gesellschaftlicher Ebene), dass es eben ungerecht, anstrengend und mies ist. Ist man eben voll unentspannt! Oder wie bei mama-arbeitet: „Dann ist das jetzt halt so.“
    Alles Liebe und danke für deine klugen Texte!
    Mareike

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  6. Ich verstehe Dich und ich wünsche Dir viel Kraft. Mir geht es auch so und ich denke es ist ganz wichtig, dass wir die Probleme NICHT individualisieren. Das ist wirklich ganz wichtig und ein super Text dazu. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht mit professionellen Helfern und auch im Privatleben. Ich bin gestern nicht mehr dazu gekommen, aber weil der Text zum Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden so gut passt, teile ich ihn jetzt noch als Nachtrag zu gestern.

    Gefällt 2 Personen

  7. Ein starker Text … wie immer bei Dir! 🙂 Danke. Es ist eine Frechheit, dass Du Dir so etwas anhören musst und andere Mütter auch. Es ist der Hohn und es zeigt, dass die Ignoranz System hat. Man will die Dinge nicht sehen, nicht verstehen und deshalb ist die angeblich schlecht organisierte Mutter Schuld, die wenig Geld hat und sich leider keine Putzhilfe, Kindermädchen, Wellness-Woche leisten kann. Ich bin der Meinung, dass die Zustände mittlerweile so sind, dass sich eigentlich kaum jemand ein Kind leisten kann, wegen systemimmanenter drohender chronischer Erschöpfung.

    Gefällt 5 Personen

  8. J.T. schreibt:

    👍👍👍
    Ja, so ist es!
    Du machst es gut! Du gibst dein Bestes!
    Und wir Alleinerziehenden sind immer am Limit! Manchmal drüber…
    Ich wünsche Dir Kraft! Herzliche Grüße

    Gefällt mir

  9. Lilli schreibt:

    „Meine Insel ist das Klo.“
    Danke, dass Du mich – trotz des Themas, dass mich als Alleinerziehende mit Fulltimejob täglich an die Grenzen bringt – herzlich zum Lachen gebracht hast! (Diese Insel weiß man wohl auch nur in einer solchen Situation zu schätzen ;)).
    Vor allem aber Danke dafür , dass Du Dir regelmäßig Zeit nimmst, diese Texte zu schreiben!

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