Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

Ich rotiere, ich dreh mich völlig im Kreis, ich hab meinen Mittelpunkt verloren. Ich muss mich dringend neu sortieren, ich muss mir mal Gedanken machen über mich und das, was für mich Sinn macht, was mich erdet, welche Prioritäten ich setze und warum. Dazu komme ich aber nicht, weil ich immer nur rotiere. Kinder, Arbeit, Haushalt, Kinder Arbeit, Haushalt. Nach den Sommerferien war es besonders heftig; der Sohn auf einer neuen Schule, die Tochter einen neuen Klassenlehrer. Alle Abläufe neu, alle Wege neu, kein Hort mehr, alle Termine neu. Gleichzeitig auf der Arbeit mal wieder ALLES.

Ich rotiere, mache immer weiter und dann natürlich PENG. Mir ist übel, ich bin sturzmüde, ich friere, ich zittere, ich hab diffuse Schmerzen, es geht nicht mehr. Meine liebste Hausärztin ist nicht da, also zum Ersatz:

Ich weiß natürlich längst, dass ich was für mich tun muss. Und zwar nicht Schwimmen oder Yoga (also eigentlich auch das), sondern ich muss mich besinnen. „Geh mal in Dich“ hat meine Mutter immer gesagt, und sie hatte recht. Das ist das wichtigste von allem. Buchstäblich neben der Spur eiere ich durch meinen Alltag, und wenn ich mal Zeit habe, weiß ich überhaupt nicht, was sich damit anfangen soll. Ich muss gottlob nie lange drüber nachdenken, irgendwas ist ja immer. Und wenns die Läuse sind.

Erstmal krank geschrieben, hole ich ein bisschen Luft und treffe am tatenlosen Vormittag auf dem Bürgersteig die Nachbarin. Die war hübsche Herbstsachen pflücken und bindet jetzt schöne Kränze. Sie arbeitet 1 Tag/Woche, ihre beiden Kinder sind ab 7 Uhr zur Schule und danach jeden Tag bis 17.30 Uhr in der Betreuung. Sie ist zu Hause und bindet heute mal Herbstkränze. Ich bin schier fassungslos vor Neid und Unverständnis und setze auch prompt einen Tweet dazu ab:

Auf meinen Neid bin ich nicht stolz, aber jetzt überkommt mich der Neid und ich bin geradezu trotzig: Ich hätte auch gerne Zeit für ein schönes Hobby! Ich hätte auch gerne kein Burn out! Und vielleicht hätte ich auch gerne kein schlechtes Gewissen, die Kinder betreuen zu lassen, während ich Herbstkränze binde, verdammt!

Ich wäre froh, wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn ich jeden Tag vor den Kindern zu Hause wäre, ihnen ein gesundes Mittagessen kochen könnte und wir mehr Zeit miteinander verbringen könnten. Aber ich arbeite nun mal jeden Tag, bin meistens erst 1-2 Stunden nach den Kindern zu Hause und komme auch nicht immer in mir ruhend von der Arbeit. Die Nachbarin könnte mit ihren Kindern entspannt den Nachmittag verbringen, aber sie nimmt es nicht wahr. Sie wird ihre Gründe haben, aber dafür fehlte mir in dem Moment die Empathie. Mich macht das fassungslos, denn ich wünsche mir nichts mehr, als mehr Zeit mit meinem Kindern zu haben.

Aber so ist das wohl, wenn’s einem schlecht geht, dann sieht man die Welt durch die eigene kaputte Brille und gönnt den Mitmenschen nicht mehr die Butter auf dem Brot. „Heitere Gelassenheit“ fand ich mal ein schönes Lebensmotto, inzwischen müsste ich das googeln. Spätestens meine Reaktion auf die kranzbindende Nachbarin hat mir gezeigt, dass ich mich dringend wieder einnorden muss, denn dieses ewige Rotieren macht mich krank und giftig.

Viel Platz ist in meinem Leben nicht für Neues, weglassen kann ich eigentlich auch nichts und es lässt sich an den Abläufen auch nix mehr optimieren (und nein: ich brauche wirklich keine Haushalts- und Organisationstips, danke!). Aber ich kann mir wieder angewöhnen, abends meine Gedanken aufzuschreiben. So wie ich die ersten 40 Jahre meines Lebens Tagebuch geschrieben habe und es mir immer geholfen hat, mich zu sortieren. Ich kann mir die Tasse Tee mit den Kindern am Nachmittag wieder angewöhnen, die Zeit, in der wir alle zu Hause sind und uns was erzählen*. Und so als Fernziel: vielleicht finde ich ja nächstes Jahr endlich mal die Zeit für die langersehnte Fortbildung, die mir den Horizont wieder öffnet. Aber Obacht: keine zu großen Ziele stecken! Am Ende hat ja doch wieder jemand die Läuse.

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Foto: maxmann @pixabay

* und, liebe Politik: wenn ich nicht so viel arbeiten müsste, wenn mir als Alleinerziehender etwas mehr Netto vom Brutto übrig bliebe, statt diese mickrige „Entlastung“ der Steuerklasse 2: das wäre ganz toll! Dann könnte ich den Stundenumfang etwas reduzieren, ohne knietief in den Dispo zu rutschen, wäre öfter vor meinen Kindern zu Hause und könnte ihnen was Gesundes kochen. Ach, das wär schön!

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Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

8 Gedanken zu “Über Neid, Gelassenheit und Herbstkränze

  1. Kristina schreibt:

    Liebe Mutterseelesonnig, Du findest genau die richtigen Worte für uns Single Moms! Der englische Begriff trifft es doch am besten „Single“ und „Mutter“. Bitte schreib weiter so, es tut mir gut, Deinen Blog zu lesen!

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  2. SilkeAusL schreibt:

    Ich frage mich gerade (auch mit sehr viel Neid, unsere Betreuung geht nur bis 16 Uhr und verhindert mir so, mehr zu arbeiten!): warum lässt man seine Kinder so lange in der Betreuung, obwohl man nur einen Tag die Woche arbeitet? Oder hat sie vor, demnächst wieder mehr zu arbeiten und hat sich die Plätze schon mal gesichert?
    Mussten deswegen andere, die eigentlich hätten mehr arbeiten müssen, zurückstecken? SOWAS ärgert mich noch mehr. Wie eine Klassenkameradin meiner Großen, wo die Mutter fußläufig 10 Min.zur Arbeit hat(25h/Woche), aber einen VZ-Betreuungsplatz für ihr Kind bekommt, weil die Geschwister auch einen hatten(die nicht mehr auf der Schule sind). Bei ELF Plätzen pro Schuljahr auf über 40 Anmeldungen(eigenthemheninen hätte ja noch die Möglichkeit der Randstundenbetreuung gegeben(ab 7:15-14 Uhr, der Vater bringt das Kind morgens hin, es wäre also locker zu schaffen gewesen). Wo bleibt DA die Gerechtigkeit? Meine Nachbarin, Alleinerziehend und erst nach dem Anmeldedatum für die Betreuung(1.Tag nach den HerbstFerien mit Aufschreiben der Uhrzeit….)hergezogen ist, hat bis zum 1.Schultag ohne Platz dagestanden (ich weiß nicht, wo sie den noch aus dem Hut gezaubert haben…).

    Jetzt bin ich aber etwas aufgebracht vom Thema abgekommen…

    Was aber nicht sein kann (aber wohl leider so ist): dass Du Dich von Mu-Ki-Kur zu Mu-Ki-Kur und von AU zu AU schleppen musst.

    Ich drücke Dir die Daumen, dass mal nichts dazwischen kommt(das böse Läuse-Schild hängt bei uns auch schon wieder 😡 )und Du vielleicht mal einen Schritt weiter kommst.
    Ich hoffe auch täglich auf ein Wunder, dass sich für mich unerkannte Möglichkeiten auftun (Home Office wäre schon eine GROSSE Hilfe!!!Aber da sperrt man sich in dem rückschrittlichen Unternehmen noch gegen- Mitnahme sensibler Daten etc. Ich weiß nicht, an wen es meine Kinder, die noch nicht einmal lesen können, weitergeben sollten!). Oder einen Job in der Nähe, statt eine Stunde pro Fahrt…

    Ich muss jetzt packen, um mit den Kindern an die See zu fahren. Man braucht mir keine gute Erholung zu wünschen, es gibt dort kein Kinderprogramm. Vielleicht sollte ich demnächst einfach mal All Inclusive mit Kinderclub buchen…wenn ich im Lotto gewonnen habe…

    Bis dann
    LG und in Gedanken „Ommmm“ Silke

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  3. Wenn ich neidisch bin, frage ich mich immer, was für ein Bedürfnis ich in diesem Zusammenhang habe. Die Anforderungen sind einfach wahnsinnig hoch und ich habe oft das Gefühl atemlos zu sein (nicht in der Nacht, wie Helene Fischer, dass wäre ich aber auch mal gerne wieder). Care-Arbeit (Kindererziehung und Pflege von Angehörigen) muss sichtbar werden. Früher wurden die Frauen „hinter den Herd“ gesteckt, ausschließlich. Das war nicht gut. Heute müssen die Frauen dafür noch mehr unter einen Hut bekommen, nämlich Arbeit und Kinder und hohe Ansprüche in der Erziehung, Bildung usw. (ist alles gut, ich möchte, dass meine Kinder auch all das bekommen, aber es ist mörderisch, alleine ). Care-Arbeit muss sichtbar werden!

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    1. Einspruch zu „hinterm Herd“ und „nicht gut“. Das bedeutet jetzt nicht, dass ich die Meinung vertrete eine Frau gehöre hinter den Herd sondern dass es sehr wohl Frauen gab und gibt, die sehr gerne Chef des Unternehmens Haushalt sind und waren.

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      1. SilkeAusL schreibt:

        Ich habe das Gefühl, eine Mu-Ki-Kur hilft genau…die Zeit, die man dort ist.
        Und wie Du schon schriebst: in den 3 Wochen hat man dann ja etwas Zeit um zu überlegen, was man vielleicht optimieren könnte. Aber wenn da nichts mehr zu optimieren ist???

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  4. Huhn schreibt:

    Das spricht mir aus der Seele und beschreibt meine Welt. Als könnte ich es geschrieben haben.
    Und weißt du was? Ich bin sogar ein bisschen neidisch. Weil ich es gern geschrieben hätte und Mut selbst dazu dir Energie fehlt.
    Wenn der Kreis einen derartigen Drehmoment entwickelt, dass man für jede Form von „Ausbruch“ blockiert ist.
    Und selbst dann nichts merkt, wenn der Kreisel mal stoppt. Weil man gar nicht mehr wahrnehmen kann.
    Ja. Dann wird’s Zeit sich zu besinnen.
    Mach ich dann…, wenn ich ein Zeitfenster hab und die Kraft, es zu merken.
    Genau so!

    Danke für deine Kraft und deine Beiträge. Sie öffnen meine Tore immer wieder ein bisschen.

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