„Ich könnte das nicht.“

Es klingt wie der amerikanische Traum: Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst! Als Kind habe ich fest daran geglaubt. Klavierspielerin wollte ich werden und Grundschullehrerin, später wollte ich Rockstar werden, Medizin studieren und Schauspielerin werden. Nachdem ich durch den Test für medizinische Studiengänge ebenso gerasselt bin wie durch die Aufnahmeprüfung der Schauspielschule und auch der erste und einzige Gig meiner Band keinen weltweiten Ruhm einbrachte, bekam ich eine Ahnung davon, dass vielleicht doch nicht ALLES möglich ist.

Aber ich habe mir einen unerschütterlichen Glauben dafür bewahrt, dass ich vielleicht nicht alles, aber verdammt viel erreichen kann, wenn ich es nur will und all meine Energie da rein stecke. Ich bin erwachsen geworden, habe studiert und bin voller Elan ins Berufsleben gestartet. Habe darin viel erreicht, aber nichts, wirklich nichts hat mir so viel abverlangt wie mein Familienleben: als Alleinerziehende habe ich erfahren, dass ich alles schaffen kann. Nicht weil ich will, sondern weil ich muss. Weil es die Option, es nicht zu schaffen, nicht gibt. Oder wie die Kanzlerin sagt: es ist alternativlos.

100% arbeiten und zwei Schulkinder versorgen? Schaffe ich. Die Verantwortung und Sorgen für zwei Kinder alleine tragen und gleichzeitig verantwortungsbewusst ein Kulturzentrum leiten? Schaffe ich. Die Kinder sind krank und ich hab Vorstandssitzung? Schaffe ich. Ich klappe zusammen, bin wochenlang krank und kein Mensch nimmt mir auch nur 1 Tag die Kinder ab? Schaffe ich. Die Kinder sind beide gleichzeitig wochenlang krank zu Hause und ich hab keinen Urlaub mehr? Schaffe ich. Der Ex sagt Kinder-Wochenenden und -Ferien ab? Schaffe ich. Schulwechsel, Impf-Entscheidungen, Elternabende, Therapeutensuche, Weihnachten mit der Ex-Schwiegermutter, Umzug, fehlende Ferienbetreuung, Pubertät und der ganz normale Alltagswahnsinn. Ich schaffe das alles, und wenn morgen noch irgendwas dazu kommt, dann schaffe ich das auch. Denn meine kindlichen Naivität und mein grenzenloser Optimismus sind der Erfahrung und dem tiefen Wissen um meine Fähigkeiten gewichen, dass ich tatsächlich alles schaffen werde, was das Schicksal mir noch so vor die Füße schmeißt. Und ich habe wirklich einige Mal in den sieben Jahren, die ich alleine mit den Kindern bin, gedacht, dass es nun wirklich nicht mehr weiter geht. Aber es geht immer weiter, und irgendwie schaffe ich das immer. So dass aus der Panik angesichts neuer Tatbestände inzwischen nur noch ein „aha“ geworden ist. Dann mache ich das eben auch noch.

Weil ich diese Erfahrung gemacht habe, kann ich mit dem Satz „ich könnte das nicht“ nichts anfangen. Diesen Satz höre ich oft. Von Menschen, die nicht alleinerziehend sind. Die mir ihre Bewunderung, Anerkennung und wahrscheinlich auch ihren Respekt ausdrücken wollen. Deshalb registriere ich diesen Satz wohlwollend, aber nicht dankbar. Denn ich mag diesen Satz nicht, er hinterlässt ein schales Gefühl bei mir. Ich wusste ja auch nicht, dass ich das kann, bis ich es musste. Und deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass diejenige, die zu mir sagt „ich könnte das nicht“, es sehr wohl kann. Wenn sie muss. Sie muss aber nicht. Aus ihrer gesicherten Position heraus kann sie allerdings ganz wunderbar diesen Satz sagen.

Da schwingt ein bisschen „aber ich muss es ja gottseidank nicht“ mit. Erleichterung. Ja, die andere darf auch ruhig froh sein, dass sie das nicht schaffen muss. Schön ist das nämlich nicht, ständig das letzte bisschen und noch mehr aus sich heraus holen zu müssen. Ständig auf 150% zu laufen. Das „normale“ Familienleben verlangt ja schon mindestens 100% von einem, vermutlich sogar mehr, aber als Alleinerziehende kommt eben noch etwas obendrauf.

Wahrscheinlich ist es diese Erleichterung, die ich da raushöre, die mich diesen Satz nicht mögen lässt. Manchmal antworte ich „klar würdest Du das schaffen, wenn Du müsstest.“ Manchmal, an genervten Tagen, liegt mir auf der Zunge „ich weiß dass Du das nicht schaffen würdest“, aber das wäre zynisch und ich schlucke es runter.

Was bleibt ist: ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Er hat für mich etwas von Mitleid, und ich will nicht bemitleidet werden. Er räumt mir auch irgendwelche geheimen Superkräfte ein, die ich überhaupt nicht habe. Denn ich bin ja nicht Alleinerziehend, weil ich es kann. Sondern ich kann das alles, weil ich es muss. Weil ich keine Wahl habe. Was sollte ich denn auch tun, wenn ich es nicht mehr schaffe? Die Kinder aussetzen? Morgens einfach im Bett bleiben und die Decke über den Kopf ziehen?

Ich weiß, dass es Frauen gibt, die es nicht schaffen. Die unter der Belastung depressiv werden. Die so krank werden, dass sie die Kinder in Pflege geben müssen. Es ist absolut furchtbar, dass die Bedingungen für Alleinerziehende teilweise so hart sind, dass sie daran zerbrechen! Weil ich das weiß, bin ich meiner Mutter zutiefst dankbar, die mir diesen unerschütterlichen Glauben an mich selbst beigebracht hat. Diese nicht enden wollende Energie, die mich um meine Kinder kämpfen lässt wie eine Löwin. Manche schaffen diesen Kampf nicht, und diesen Frauen muss ganz unbedingt geholfen werden.

Aber die Frauen (und es sind immer Frauen), die zu mir sagen „Ich könnte das nicht“, sind merkwürdigerweise immer die, von denen ich überzeugt bin, dass sie nicht so schnell zerbrechen. Die sind meist ganz gut gefestigt, leben in gesicherten Verhältnissen und hätten im Zweifel ein recht gutes Netzwerk, das sie auffängt und unterstützt. Sie sagen es aus ihrer gesicherten Position heraus, mit ein bisschen Bewunderung, mit ein bisschen Mitleid und mit ein bisschen Erleichterung, dass es ihnen besser geht. Keine Ahnung ob das stimmt, aber das alles schwingt für mich in diesem Satz mit.

Ich könnte das nicht“ würde ich maximal zu einer Hochleistungssportlerin sagen. Oder zu einem musikalischen Genie. Oder zu einer Hochseiltänzerin, die sich einen Knoten in die Beine macht und dabei einen Ball auf der Nase balanciert. Also zu jemanden, der etwas schier Unmögliches, gar Unmenschliches vollbringt. Weil ich in dem Fall definitiv weiß, dass ich das wirklich nicht schaffe. Aber ich bin keine Superheldin und ich vollbringe nichts Unmögliches. Ich bin einfach nur alleine mit meinen beiden Kindern. So wie ca. 2 Millionen andere Frauen.

Ich sehe und würdige die Empathie, die in „ich könnte das nicht“ ausgedrückt werden wollte. Dies sage ich ausdrücklich allen, denen dieser Satz schon über die Lippen gekommen ist. Aber lasst Euch bitte auch sagen, dass dieser Satz sich einfach nicht gut anfühlt. Wenn Dir das nächste Mal ein Mensch über den Weg läuft, der in einer anstrengenden Lebenssituation steckt, dann sag doch einfach „Mensch, das ist aber auch viel, was Du da leisten musst“ oder einfach „Respekt!“. Gut tut auch „Ich denk an Dich“ oder „Ich fühle mit Dir“, dicht gefolgt von „brauchst Du was, was kann ich für Dich tun?“.

Manchmal reicht auch einfach nur ein❤️.

Danke!

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„Ich könnte das nicht.“

21 Gedanken zu “„Ich könnte das nicht.“

  1. Zwillingsmama schreibt:

    Vielen Dank für diesen Text, diesem Statement. Ich finde mich da wieder obwohl nicht alleinerziehend, jedoch begleitet einen der Satz, wie schon von diversen Vorschreiber_innen in vielen weiteren Kontexten. Und ich befinde mich in einigen davon: Intensivschwester…..das könnte ich nicht, Zwillinge….das könnte ich nicht, Heilpädagogik…..das könnte ich nicht und eventuell von Behinderung bedrohte Kinder ( Sorry ich wähle nur den „offiziellen Sprachgebrauch“) das könnte ich nicht. Und ja, manchmal möchte es Anerkennung ausdrücken und ja, auch deine gefühlte Botschaft kommt bei mir so an. Man weiß gar nicht was man kann, wenn man nicht muss. Einiges ist vielleicht im Vorfeld regelbar, aber passiert nicht gerade das Leben wenn man dabei ist, andere Pläne zu machen? Ich habe Respekt vor der Leistung aller Menschen, egal ob es die Leistung “ atmen“ ist oder….. Ich sehe es wie Du, was ich wirklich nicht kann, ist für mich klar definiert: Hochleistungssport, Schach, und vieles in diese Richtung. Und manchmal wünsche ich mir statt leerer Phrasen lieber ernstgemeintes Interesse und auch manchmal eher ein ehrliches Feedback. Aber wie es so schön heißt, „Kopf hoch auch wenn der Hals dreckig ist ;)“. Mir hilft oft für mich etwas Humor, auch wenn Lachen manchmal das Weinen unterdrückt. Liebe Grüße

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  2. Manche drücken es anders aus, die kommen einfach vorbei und helfen ungefragt. Da braucht es kein: „Toll, wie Du das alles schaffst“. Getoppt wird der Satz nur noch durch „das schaffen nicht mal viele Hausfrauen…“

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  3. Katha schreibt:

    Ich habe ein Kind mit Behinderung und ich höre den Satz auch oft. Ich bin auch verwundert bis patzig, wenn er mal wieder geäußert wird. Weder mein Kind noch ich noch irgendjemand sonst hat sich seine Behinderung ausgesucht. Man hätte sie auch nicht verhindern können. Und ich mache wirklich nichts Besonderes. Bei mir ist da immer im Hinterkopf: Ja, mit der „Entschuldigung“ („Ich könnte das ja nicht“) werden Kinder mit Behinderung abgetrieben.
    Es bezieht sich also auch auf andere Sachverhalte und ist in den allermeisten Fällen einfach gedankenlos geäußert (übrigens genau wie der Satz: „Hauptsache gesund!“).

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  4. boerseimersten schreibt:

    Du arbeitesr als Co-Verantwortliche bei einem städtisch (?) subventionierten Verein. Stell‘ dir mal vor , du wärst selbständig, oder du hättest einen Beruf, in dem du Leistung erbringen müsstest – was wäre dann denn? Es lebe das Jammern auf sehr hohem Niveau.

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    1. Britta schreibt:

      Liebe/r Boerseimersten, Niveau ist leider nicht jeder/m vergönnt, gell?
      Niveauloses Stänkern aus der bequemen Anonymität leider schon…

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    2. heikobielinski schreibt:

      @boerseimersten Ich denke mal ein Kultuzentrum in Vollzeit zu managen erfordert einiges an Leistung und Einsatzbereitschaft. Ganz im Gegensatz zu: „unqualifizierte Kommentare auf äußerst niedrigem Niveau unter doofem Pseudonym abgeben.“

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  5. Nicht weil wir es können tun wir es, sondern weil wir es müssen. Schlicht und einfach – und alternativlos.
    Die Aussage, „ich könnte das nicht“, habe ich bislang allerdings noch nicht gehört – oder ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Eigentlich werde ich nur immer kritisiert und angeklagt.
    Wenn ich aber selbst jemanden treffe, der es genauso schlimm oder sogar noch schlimmer hat als ich, der mit einer unheilbaren Krankheit kämpft oder auf der Strasse sitzen muss und betteln. Den umarme ich wortlos und ein stummer Blick verrät demjenigen, dass ich weiß was er leidet, das ich ebenfalls zu kämpfen habe und genauso wie sie in einem Paralleluniversum am Rande dessen was wir als Gesellschaft bezeichnen, leben muss. Irgendwo habe ich mal gelesen, die Gezeichneten erkennen sich – und das stimmt!

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  6. R.M. schreibt:

    Ich kenne die Perspektive nicht aus Alleinerziehendensicht, sondern aus Sicht einer Mutter mit behindertem Kind. Da hört man auch „also iiiiiich könnte das ja nicht mit so einem Behinderten….“. Auch als Lob und Anerkennung gemeint und trotzdem eher gefühlt ein Arschtritt. Als hätte man sich gewünscht oder es sogar extra herbeigeführt, in dieser Lebenssituation zu sein.

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  7. Ein Kind in eine Pflegefamilie zu geben heißt nicht unbedingt daran zu zerbrechen. Meine Kinder waren in einer Pflegefamilie, weil ich mit den ganzen Anforderungen nicht mehr zurechtgekommen bin. Das hat nichts mit zerbrechen zu tun, sondern damit, die Notbremse zu ziehen. Ein Kind in eine Pflegefamilie zu geben, bedeutet auch nicht z. B. das Sorgerecht weg genommen zu bekommen. Es bedeutet einfach nur Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und für die Kinder, wenn auch auf eine andere Art. Mir einzugestehen, dass ich es nicht mehr schaffe, und das ich jetzt einfach nur mal schlafen muss und dafür meinen 8 Monate alten Sohn weg gegeben zu haben, war mit das schwerste, was ich in meinem Leben entschieden habe. Ich finde Stereotype wie die „Supermama“ oder die „Super Alleinerziehende“ ganz schwierig. Wir schaffen viel und das ist gut so. Und wenn wir es einmal nicht schaffen, ist es auch gut, solange wir bewußt und verantwortlich mit der Sache umgehen. Und dafür sollte es viel mehr Möglichkeiten geben in unserer Gesellschaft, als Pflegefamilie, dann gibt es noch den Erziehungsbeistand und die Mutter-Kind-Kur. Viel mehr Möglichkeiten gibt es nicht und das ist die eigentliche Schande an der ganzen Sache, dass wir keine Schwächen haben sollen. Als ich vor einigen Jahren 3 Operationen hintereinander hatte und mit den Nerven am Ende war, weil ich ein 8 cm tiefes und 20 cm langes Loch in meinem Oberschenkel hatte, habe ich zum Vater meines damals 2 Jahren alten Sohne gesagt: „Nimm ihn mit und kümmere dich um ihn.“ Weil ich nicht mehr konnte. Ein Psychologe hat dann zu mir gesagt: „So was sagt eine Mutter nicht.“ So sieht das aus, dass ist das Mutterbild – eine Mutter, egal ob alleinerziehend oder nicht, soll alles schaffen! Mütter solidarisiert Euch. Jede hat ihr Päckchen zu tragen, das eine ist schwerer, das andere ist leichter, aber tragen müssen wir alle!

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  8. Deine Texte sind einfach immer toll zu lesen, selbst wenn das Thema nicht schön ist. Hammer!

    Ich finde aber, die Satzsagerinnen kommen zu gut weg. Wenn sie meinen „Ich würde das nicht schaffen!“, würden sie das nicht auch sagen? Den Satz „Ich könnte das nicht.“ sagt man sonst nur zu Personen, die etwas aus freien Stücken tun, das man nicht nachvollziehen kann. Mich würde vermutlich diese unangemessene Unterstellung von Freiwilligkeit in dem Satz stören.

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  9. Das ist jetzt schon mein Lieblingstext 2017 von dir. Und preiswürdig, wenn du mich fragst. ich will, dass du mindestens einen Award dafür bekommst!

    Ich kann das übrigens auch alles. Weil ich muss und Zusammenklappen einfach nicht so mein Ding ist – ich funktioniere sehr gut, auch unter maximalem Stress. (Das bringt andere Probleme mit sich und ist nicht überheblich gemeint gegenüber denen, die anders veranlagt sind). Manchmal denke ich, so ein gründlicher Zusammenbruch wäre besser. Aber wie gesagt, das ist nicht mein Weg.

    Liebe Grüße! Sei umarmt!
    Christine

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  10. Interessant. Genau den Satz habe ich auch mal verbloggt: https://jongleurin.wordpress.com/2015/09/29/ich-koennte-das-nicht/ (wenn du Verlinkungen nicht möchtest, einfach löschen!), ich habe das so sehr oft in Bezug aufs Wechselmodell gehört. Kam etwas anders bei mir an, war sicher auch anders gemeint, hat viel Grusel ausgedrückt, was mich schwer verunsichert und genervt hat. Ist anscheinend der Standard-Satz bei allem, was von der Norm abweicht.

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    1. mutterseelesonnig schreibt:

      Ambivalent bis hin zu gruselig, das trifft es ziemlich genau, wie Du das beschrieben hast. Natürlich lasse ich den Link drin, spannender Text, vielen Dank!

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  11. Ganz genau so ist es. Eines meiner Lieblingszitate ist „You never know how strong you are, until beeing strong is the only choise you have.“ Und das deckt sich genau mit Deinem Post. Danke, dass Du es laut aussprichst. Ich selbst hab den Satz oft genug zu hören bekommen. Ich finde, dieser Satz würdigt in keinster Form, was wir jeden Tag leisten.

    Ich denk an Dich. ❤

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