Wenn ich mir was wünschen dürfte

Es geht auf den Muttertag zu, und da werde ich tatsächlich gefragt, was doch gleich meine, unsere Forderungen zum Muttertag waren? Das haben wir ja schön zusammen gefasst, Christine Finke, family unplugged und ich. Da sind sehr wichtige Forderungen dabei, bei der Aktion Muttertagswunsch, und ich kann auch 1 Jahr später alles nochmal unterschreiben.

Aber für mich ist etwas hinzugekommen. Was ich mir als Mutter, speziell als Alleinerziehende, wünsche? Und zwar nicht nur zum Muttertag.

Dass nie wieder eine andere (verheiratete) Mutter zu mir sagt, ich würde die Kur nur wegen des Alleinerziehenden-Bonus‘ bekommen.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur jammern, weil ich sagte ich sei müde, denn ich hatte in einer Woche drei Abendtermine bis 24 Uhr und muss trotzdem jeden Morgen um 6.30 Uhr aufstehen.

Dass nie mehr eine andere Alleinerziehende zu mir sagt, wir müssten unbedingt mal ein Glas Wein zusammen trinken und sich dann 6 Monate nicht mehr meldet.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt „wird schon“ wenn ich an dem Zwiespalt verzweifle, dass ich weniger arbeiten und mehr Zeit für die Kinder haben sollte, aber dann die Kohle leider nicht mehr reicht.

Dass nie mehr jemand zu mir sagt, ich würde ja nur von meinen Kindern rede, nur weil ich im beruflichen Kontext gewagt habe zu erwähnen, dass ich überhaupt Kinder habe.

Dass ich nie wieder gefragt werde, warum ich den Termin um 17 Uhr nicht wahrnehmen kann.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt, ich müsste halt mal entspannen, auch mal an mich denken und zum Yoga gehen.

Dass ich nie mehr meiner Tochter erklären muss, dass ihr regelmäßiges Date mit der Freundin ersatzlos gestrichen ist, weil diese jetzt in an dem Tag etwas Besseres vorhat.

Dass ich nie wieder anderen Eltern hinterher telefonieren muss, weil sie die Verabredungen unserer Söhne ständig hin- und herverschieben.

Dass nie wieder jemand zu mir sagt „der eine Abendtermin geht ja wohl, oder?“

Was sind das für Wünsche und vor allem: wer soll die erfüllen?

Das sind alles Wünsche, die was mit der Gesellschaft und den Beziehungen der Menschen miteinander zu tun haben. Die Wünsche hören sich alle nach Einzelfällen an, haben aber einen gesamtgesellschaftlichen Hintergrund:

Wie kommt eine verheiratete Frau auf die Idee, Alleinerziehende bekämen einen Bonus? Kommt das aus diesem „mir geht’s aber auch schlecht“-Denken, aus diesem Verdacht, die Alleinerziehende könnte ungerechtfertigterweise etwas bekommen, was der verheirateten Frau nicht mindestens auch zustünde? Die Frau, die das zu mir sagte, hat auf Nachfrage natürlich gleich zurück gerudert und beeilte sich zu erklären, das sei in Anführungszeichen gemeint gewesen. Aha, dann geht’s natürlich.

Warum wird mir Jammerei vorgeworfen, wenn ich sage dass ich müde bin? Was ist denn Jammern und wenn überhaupt: warum darf man das nicht? Weil wir alle immer tapfer, stark, schön und selbstbewusst sind und unser Leben im Griff haben? Schwäche wird nicht zugegeben, weil sie nicht akzeptiert ist? Gruselig. Ich werde weiter jammern und sagen wie es ist und wie es mir geht, in guten wie in schlechten Tagen. Schon allein deshalb, um den ganzen Durchhalte-und Grinse-Figuren etwas entgegenzusetzen.

Warum ich so selten andere Alleinerziehenden treffe? Wann denn? Wir liegen doch alle abends halbtot im Bett und haben nur die Hälfte geschafft.

Wieso sagt jemand angesichts realer und ziemlich unlösbarer Probleme zu mir „wird schon“? Da ist ignorant! Gar nix wird, wie denn, die Lösung fällt doch nicht vom Himmel? Ich sehe ein, dass meine Probleme bei anderen Menschen Hilflosigkeit auslösen, aber einfache und echte Empathie wäre wirklich schöner („Du Arme, das ist wirklich hart!“) als so bescheuertes Durchhalte-Getöne.

Warum wird im Gespräch mit beruflichen Kontakten die Familie komplett raus gehalten? Wir haben Kinder, wir sind Familie, das bereichert uns und schränkt uns ein und deshalb müssen wir unser Berufsleben an der Familie orientieren, nicht umgekehrt! Ich bin doch keine Maschine, will man da schreien (ausgerechnet Tim Bendzko, schlimm)! Und deshalb kann ich verdammt nochmal Termine nach 17 Uhr nicht wahrnehmen, auch nicht ausnahmsweise diesen einen. Davon gibt’s pro Monat nämlich 4-5 Stück, alles Ausnahmen, ausnahmslos!

Und warum wissen alle, dass die Ursache des Problems bei mir liegt? Ich bin gestresst, weil ich nicht zum Yoga gehe? Zur Massage? Zum Kegeln? Ich soll mir auch mal Zeit für mich nehmen? Ich verrate mal ein Geheimnis: das Problem liegt gar nicht bei mir! Ich bin nicht gestresst, weil ich zu doof zum Entspannen bin, sondern weil ich seit 6 Jahren zwei Kinder alleine erziehe und dabei Vollzeit arbeite. Weil ich unter dem täglichen Organisationsstress, dem finanziellen Druck und der alleinigen Verantwortung für das Seelenheil meiner Kinder immer mal wieder zusammen breche. Jeder, der meint, das kriegt man mit ein bissl Me-Time in den Griff, darf gerne ein 4wöchiges Praktikum bei mir machen. Danach zum Yoga, ich bleib natürlich hier, und zwar noch die nächsten 8 Jahre.

Ich versuche immer wieder und sehr erfolglos, ein Netz für meine Kinder und mich zu spannen. Und kaum habe ich zum Beispiel einen Mittagessen-Termin für die Tochter bei der Freundin arrangiert, damit das Kind wenigstens 1x/Woche nicht alleine zu Hause isst, da platzt der Termin, weil irgendeine AG wichtigter ist. Warum machen diese anderen Kinder immer so viele organisierte Sachen (Tanzen, Musizieren, Kicken, Blabla?) und habe keine freien Nachmittage? Und warum wird so eine beknackte Zirkus-AG höherwertig angesiedelt als das Date mit der Freundin? Meine beiden Kinder haben 1-2 Mal Mittagsschule und ein Kind geht noch zum Sport, der Rest ist frei: Spielen, Chillen, Malen, Zocken, Kichern, Katze schmusen oder Badezimmer verwüsten. Was Kinder halt so machen, wenn sie nicht geigen müssen.

A propos andere Familien: auch wenn ich nicht alleinerziehend wäre, fände ich es schlicht unhöflich, Termine mit anderen Menschen zu verschieben, zu vergessen oder zu spät zu kommen. Bei meinem Alltag und Organisationsgrad ist es allerdings noch schlimmer. Ich frage mich ernsthaft, warum sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt hat, dass es respektlos ist, mit der Zeit anderer Menschen dermaßen lax umzugehen?

Es wird eben nicht so genau hingeguckt.

Es wird auch nicht so genau zugehört. Es wird einfach was daher gesagt. Es wird milde drüber gelächelt. Es wird halt mal ein Witz gerissen. Die meisten Menschen haben nicht die leiseste Ahnung, wie anstrengend das ist, Kinder alleine zu erziehen. Schmieren aber ihren Senf dazu, urteilen, wissen es besser und geben völlig utopische Ratschläge. Ich geb mal einen zurück: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten“ (ausgerechnet Dieter Nuhr, herrje). Wie man übrigens wirklich die Alleinerziehende von nebenan unterstützen kann, hat Anne Matuscheck hier aufgeschrieben.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das nicht nur Steuergerechtigkeit für alle Familienformen, bezahlbare Betreuungsplätze für Kinder bis 14 Jahre, ermäßigte Mehrwertsteuer für Windeln und Schulranzen statt für Blumen und Katzenfutter und noch einiges mehr.

Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es auch mehr Aufmerksamkeit, Zuhören und Hinsehen. Mehr Respekt und Mitgefühl. Besonders für Familien und ganz besonders für Alleinerziehende. So einfach ist das.

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Wenn ich mir was wünschen dürfte

9 Gedanken zu “Wenn ich mir was wünschen dürfte

  1. Anja Peter schreibt:

    Ich wünsche mir, dass Mütter zusammenhalten, und solidarisch sind. Egal ob alleinerziehend oder nicht. Nur zusammen verändern wir die Bedingungen unter denen wir leben, arbeiten, lieben können. Ein gutes Leben für alle – mit einem Mütterlangeweiletag einmal die Woche…

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  2. helen schreibt:

    Naja, es gibt doch immer und überall solche und solche Menschen oder? Es gibt auch ganz schrecklich nervige Alleinerziehende. Ich werde in der kita ständig gefragt ob unsere Kinder am Nachmittag nicht mal zusammen spielen wollen und wunderte mich schon, weil das oft sehr viel jüngere oder ältere Kinder sind. Wie sich rausstellte haben die jeweiligen Eltern bloß versucht dafür zu sorgen dass ihre Kinder an einem Tag mal nicht bis 17 Uhr in der Kita bleiben müssen. Wie oft ich schon dann um 13.30 fremde Kinder mitgenommen und dann bis 19 (!) betreut habe, nur weil wir uns für das klassische Modell entschieden haben, mein Mann arbeitet und ich zur Zeit im Mutterschutz des dritten Kindes zu hause bin…

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  3. Katja schreibt:

    Was ich (verheiratet, 1 Kind) mir von dem mir bekannten alleinerziehenden wünsche, sind klare ansagen, was ich tun soll bzw. Was gebraucht wird. Das wird dann gemacht! Ich versuche tatsächlich zuzuhören und aufmerksam gegenüber den Bedürfnissen zu sein, aber ich muss ehrlich sagen, dass es mir selten gelingt, zu verstehen, wie ich unterstützen kann, ohne dabei überheblich oder gar unsensibel zu sein, weil auch ich mit dämlichen oder unpraktikablen Ratschlägen komme. Alles Gute für Euch!

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  4. Ich könnte die Liste noch beliebig ergänzen, insbesondere um die Aussage: Eigentlich bin ich ja auch alleinerziehend, mein Mann kommt immer so spät von der Arbeit und/oder ist auf Dienstreise. Da könnte ich wirklich ausholen und demjenigen vors Schienbein treten. Das finde ich so schlimm.
    Oder wenn die Kollegen mich belächeln, weil ich um 14 Uhr Feierabend habe. Also Feierabend auf der Arbeit, zuhause wartet dann eben das Kind auf mich.

    Und wirklich bescheuert find ich auch die Frage kinderloser Singles, wann man denn mit mir mal wieder ausgehen kann. Opa und Oma könnten doch auch mal aufpassen, oder? Es macht mich wahnsinnig. Wirklich.

    Du schreibst mir direkt aus der Seele, jedes Wort hätte von mir sein können. Ich danke Dir für Dein Engagement!!!

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  5. Mom_de_Lux schreibt:

    Liebe Mutterseelesonnig,

    auf den Punkt!

    Danke, dass Du es so klar und deutlich formulierst und in den öffentlichen Raum stellst.

    Es ist schon fast erschreckend wenn ich sehe, wie sich das Erleben anderer Alleinerziehender mit meinem eigenen deckt. Das zeigt mit schmerzhafter Deutlichkeit, dass es eben kein Problem ist, das auf persönlicher Ebene anzusiedeln ist, sondern einfach eine Situation ist, in der ein einziger Mensch teilweise bis zu 18 Jahren oder länger viel mehr schultert als eigentlich machbar ist.

    Und die breite Masse ignoriert es, beschwichtigt oder erteilt unsinnige Rat-Schläge, um nur ja nicht hinsehen oder gar auf gesellschaftlicher/politischer/steuerlicher Ebene etwas ändern zu müssen.

    Und wenn man sich dann als Alleinerziehende anmasst, einfach nur zu beschreiben, wie die gelebte Wirklichkeit, Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat und Jahr um Jahr aussieht – und das trotz einer Riesenmenge an Ressourcen, Einsatz, Organisationstalent, Geduld, Ausdauer, einem unsäglichen Niveau an Frustrationstoleranz und und und… die man jeden einzelnen Tag davon reingibt, dann kommt der „Jammervorwurf“. Manchmal wünsche ich diesen Leuten, sie müssten mal ein halbes Jahr mit mir tauschen. Vielleicht würde danach ein bisschen Verständnis und menschliches Mitgefühl einkehren…

    Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft und Durchhaltevermögen

    Mom_de_Lux

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  6. Anna schreibt:

    Ich bin mit dem Herzen ganz bei Dir. Auch ich bin seit 6 Jahren alleinerziehend mit Vollzeitjob und 2 Kindern. Ich lese da oben auch zwischen den Zeilen und nehm´ Dich jetzt virtuell mal fest in die Arme!

    Mir hilft es
    – mutig nach vorne zu sehen,
    – fest daran zu glauben, dass es mit der Zeit leichter wird,
    – mir nicht vorzuwerfen wenn Dinge/Verabredungen/Aktionen eben nicht gehen
    – stolz auf mich zu sein, dass ich mein Bestes gebe (denn das tun wir, auch Du!) und mich nicht mit anderen zu vergleichen
    – jeden noch so winzigen schönen Moment mit einem tiefen Atemzug zu genießen
    – das es mir egal ist, was andere über mich denken
    – meine Kinder zu sehen und zu wissen ich kämpfe für das Leben und die Liebe
    – zu vergeben und liebevoll zu akzeptieren, dass meine Probleme eben nur jemand verstehen kann, der mal in meinen Schuhen gegangen ist

    …. und weiter geht’s!

    Wir schaffen das und es wird leichter werden und nach den Jahren des Kämpfens wird etwas Gutes und Wunderschönes kommen. DAS WEISS ICH! Und ganz davon abgesehen ist jeden Tag schon was Wundervolles drin, wir können lernen es zu sehen, trotz Stress und Verzweiflung.

    Du bist eine starke, mutige Frau! Ich bewundere jeden Menschen, der so etwas wuppt und diese große Verantwortung zu tragen bereit ist!

    Herzlichst
    Anna

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  7. Hallo,
    du triffst mal wieder den Nagel auf den Kopf. Wie schaffst du es bloß immer, genau das auszusprechen, was mich (und viele andere Alleinerziehende) bewegt? Ich bin froh, dass du dafür immer wieder die Kraft findest!
    Ich hätte auch noch ein, zwei Wünsche:
    – dass nie mehr jemand sagt, ich müsse nur alles besser organisieren. Was bitte machen wir denn den ganzen Tag, 24 Stunden, 7 Tage die Woche? Ich habe das Gefühl, dass ich nichts anderes tue…
    – dass nie mehr jemand sagt, ich solle mir einen Babysitter engagieren, damit ich „was für mich machen kann“. Meine Kinder sind sowieso schon lange in der Schule, bzw im Kindergarten fremdbetreut, da soll ich mir jetzt für Abends auch noch jemand Fremden ins Haus holen? Außerdem bin ich eh zu platt, um in der Woche noch „was für mich zu machen“.
    Ich wünsche dir eine gute Woche (vielleicht ohne Abendtermin?) und freue mich schon auf Deinen nächsten Post!
    Alles Liebe,
    Stephanie

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    1. Einen hab ich noch:
      – dass nie mehr jemand zu mir sagt, ein Kind kann gerne bei uns schlafen…. Hallo? Auch hier hat jemand das Grundproblem nicht verstanden. Denn dann muss ich ja entweder das andere Kind woanders unterbringen (es ist schon schwer genug, überhaupt mal jemanden zu finden, wo meine Mädels am Wochenende schlafen können) und wenn ich das nicht schaffe, habe ich ja doch wieder keine Zeit für mich alleine. Genau wie du es schreibst: Zuhören und mitdenken wär manchmal nicht schlecht…

      Gefällt 1 Person

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