Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

Für die Kinder heißt es Papa-Wochenende, für mich heißt es kinderfreies Wochenende, im Trennungsjargon heißt es Umgangswochenende. Das Wochenende, an dem die Kinder, die bei der Mutter wohnen, bei ihrem Vater sind. „Umgang haben“.

Wir machen das jetzt seit sechs Jahren. Seit sechs Jahren sind die Kinder 12 Tage am Stück bei mir und 2 Tage beim Vater. Bei uns in der extended version: er holt sie Freitag ab und bringt sie Montags zur Schule. Das war uns wichtig bei der Trennung, dass es so lange wie möglich geht, denn drei Übernachtungen sind was anderes als nur eine, da kommt mehr Alltag auf, mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammen leben, mehr Nähe für Vater und Kinder.

Das ist toll und das ist anstrengend, für alle Seiten. Am anstrengendsten ist es glaube ich für die Kinder. Raus aus dem Zuhause, rein ins Wochenende, wo alles anders ist. Am Anfang, als der Kleine noch 4 war, hat er am Wochenende nach mir geweint. Während der Woche hat er nach dem Papa geweint. Die Große hat sich beherrscht. Jetzt ist der Kleine 10 und die Große 11, und jetzt ist sie es, die mich zwischendurch anruft, weil sie mich vermisst. Dann reden wir ein bisschen und dann geht es wieder.

Wir Eltern haben uns irgendwann mit der Situation arrangiert. Die Kinder jedoch bekommen die Trennung jedes 2. Wochenende neu vor Augen geführt. Was das an emotionaler Flexibilität und Stärke fordert und zugleich gebildet hat, das wage ich kaum zu erahnen. Was ich sehe ist: sie machen es verdammt gut, die Kinder. Sie freuen sich jedes Mal auf ihren Papa, und sie kommen entspannt zu mir zurück. Eine Zeit lang gab es Montags regelrechte Anpassungsstörungen, die Kinder fanden nur schwer wieder zu mir zurück und es gab Krach und Tränen. Seit etwa einem Jahr ist selbst das überwunden, und dafür bewundere ich sie.

Wir haben in den sechs Jahren eine ziemlich Routine entwickelt, auch wenn sich die Umstände immer mal wieder geändert haben. Die Routine ist mir vor ein paar Tagen aufgefallen, als ich angefangen habe, das Wochenende vorzubereiten und ein bisschen dazu getwittert habe. Der Sohn wird Freitags um 17 Uhr im Hort abgeholt, die Tochter geht nicht mehr in den Hort und ist mal bei einer Freundin, mal zu Hause, mal bei mir auf der Arbeit. Also 10 Rückfragen mit der Tochter, wo sie denn nun ist und wo der Papa sie abholen soll. Das Ergebnis dem Vater kommunizieren. Da wir Freitag um 7.20 Uhr das Haus verlassen, muss Donnerstag Abend alles gepackt sein. Oh, Du willst Deinen Lieblingspulli am Wochenende anziehen? Dann wasch ich den noch schnell und pack ihn morgen früh ein.

umgangswochenende3

Routiniert habe ich Donnerstag Abend die Vesperdosen, Trink- und Thermosflaschen aus den Schulranzen geholt und gespült. Freitag werde ich nur Einwegflaschen und Brottüten nehmen. Ich habe im Lauf der letzten Jahre derart viele Dosen und Flaschen verloren, dass der Ex damit locker eine ganze Kita versorgen könnte. Wenn ich ihn drauf anspreche, hat er die Sachen nicht, im Schulranzen sind sie aber Montag auch nicht. Hm, dann scheinen die Kinder genau alle 14 Tage die Dosen und Flaschen in der Schule zu verlieren. Verrückt!

Mützen und Handschuhe packe ich kaum noch ein, es wird irgendeinen Ersatz beim Vater geben, sollten die Sachen überhaupt notwendig sein. Denn auch dieser Kleinkram verschwindet einfach. Instrumente gebe ich schon seit Jahren nicht mehr mit, das Üben wird eh vergessen. Montag frage ich besonders gründlich, ob es aus der Schule was zum Unterschreiben gibt, denn am Wochenende wird so was nicht vom Vater erledigt. Die Kinder sagen ihm nichts, er fragt nicht.

Und so werde ich auch am Montag die Taschen wieder auspacken und die ungetragene Unterwäsche wieder in den Schrank legen. Ob er gewaschen hat? Kaum. Ob er selber Unterwäsche angeschafft hat? Keine Ahnung. Bei mir zu Hause ziehen die Kinder ohne Ansage von mir jeden Tag frische Wäsche an, ich weiß nicht, wie das am Papa-Wochenende läuft.

Am Donnerstag Abend schicke ich die Kinder nochmal unter die Dusche, weil so ein Papa-Wochenende offenbar keine Zeit für Körperhygiene lässt. Und Donnerstag bis Montag Abend ist eine lange Zeit, wenn man jeden Tag die Hände überall hat, wo nur 10jährige Jungs sie haben können. Die Tochter achtet inzwischen selber drauf und legt bei mir bereits ganze Wellness-Tage ein, und so geht sie aus eigenem Antrieb auch beim Vater duschen. Warum die Kinder allerdings bei mir immer jammern, dass wir keine Badewanne haben, und dann beim Vater nie baden, erschließt sich mir nicht.

Irgendwann habe ich mal gefragt, ob Kinder & Wäsche am Montag nicht genauso zurück kommen können, wie ich sie abgeliefert habe: sauber. Er hatte eine einfache Antwort: nein. Und so analysiere ich entweder beim Auspacken jede Socke, ob sie getragen wurde, oder ich wasche einfach alles.

Ich nehme das hin, lakonisch, weil es einfach so ist. Ich bin davon überzeugt, dass mein Exmann das alles überhaupt nicht böse meint oder gar tut, um mir zu schaden. Nein, er ist einfach etwas gedankenlos und fühlt sich auch nicht so recht dafür verantwortlich. Letztlich ist es mir egal, ich habe alle Stadien der Auseinandersetzung mit ihm darüber durch, und ich werde meine Lebenszeit und meine gute Laune nicht mehr damit verschwenden, über Trinkflaschen und gewaschene Haare zu diskutieren.

Ich habe es auch aufgegeben, ihn auf Termine hinzuweisen, die irgendwie wichtig wären. Wenn die Kinder auf Geburtstagen eingeladen oder mit Freunden verabredet sind, dann klappt das inzwischen. Ich trage die Termine mit sämtlichen Daten in unseren google-Kalender ein, schicke noch eine Mail oder SMS und mit nur 1-3 Rückfragen in letzter Sekunde (wo ist das? Wann? Welches Geschenk?) haut das dann hin. Aber darüber hinaus? Nö. Ich habe sogar schon Kinderbuchautoren eingeladen (ich bin Veranstalterin, drum kann ich das) an denen echt das Herz der Kinder hing, und unsere komplette Kita samt Schulklasse war bei der Lesung, nur meine Kinder nicht. Vergessen, sie waren im Spaßbad. Die anschließende Enttäuschung der Kinder war bodenlos, aber sie würden niemals ihren Vater kritisieren.

Vergessen, verloren, verpeilt. Das gilt auch für den Rückweg: früher haben die Kinder ihr Kuscheltier beim Papa vergessen, jetzt ist es das Ladekabel. Wenn ich ihn frage, sagt er „die Kinder haben gepackt“. Ja gut, man kann die Verantwortung an die Kinder abgeben. Man kann die Kinder auch dabei unterstützen, es zu lernen, an ihren Kram zu denken. Oder man fährt halt im Laufe der Woche nochmal zur Kindsmutter, um Sachen zurück zu bringen. Jedes Mal. Seit 6 Jahren. Kein Lerneffekt beim Vater. Sehr wohl jedoch bei den Kindern, die inzwischen die Sachen, die ihnen wichtig sind, einfach bei mir lassen. So geht’s auch.

Umgang der Kinder mit dem Vater heißt übrigens auch: Umgang der Mutter mit dem Vater. Wir bleiben in Kontakt, ob wir wollen oder nicht. Egal, wie routiniert wir sind, irgendwas gibt es immer zu besprechen. Dank google weiß ich zwar, an welchem Wochenende 2019 die Kinder beim Vater sind, aber ob sie in den Faschingsferien bei ihm sind, hat er mir noch nicht verraten. Ist ja erst in 4 Wochen. Ich arbeite Vollzeit und habe eine 6. Klässlerin ohne Ferienbetreuung. Der Sohn geht gottlob noch bis zum Sommer in den Hort, aber für die Tochter muss ich jedes Mal was organisieren. Da ich finde, dass er sich an der Ferienplanung beteiligen soll, muss ich dann auch mit ihm kommunizieren. Es gibt Kindertermine und Krankheiten zu kommunizieren, Weihnachten zu besprechen, Kindergeburtstage zu planen, Ferien aufzuteilen. Das ist in Summe deutlich mehr Kontakt, als man sich das nach der Trennung wünscht, und es läuft selten reibungslos.

Aber eigentlich ist das alles egal. Das ist lästige Routine und es wird sich auch nicht mehr ändern. Irgendwie ist es ja auch tröstlich, denn ich hatte ja meine Gründe für die Trennung und durch diese ganze Kommunikation werde ich immer wieder an diese Gründe erinnert. Falls ich sie jemals vergessen sollte.

Es ist egal, denn das Wichtigste klappt einwandfrei:

umgangswochenende2

Die Kinder lieben ihren Papa, sie freuen sich auf das Wochenende beim ihm und es geht ihnen dort gut. Ich kann sie komplett bedenkenlos ihrem Vater überlassen und ich vertraue ihm zu 100%, dass er sich gut um sie kümmert. Es gab in den 6 Jahren keinen einzigen Grund, daran zu zweifeln. Die Wochenenden beim Vater sind die einzigen Zeiten, wo ich nicht IMMER aufs Handy schaue, ob den Kindern was passiert ist. Und wenn, dann kommen nur whatsapps mit süßen Fotos oder lustigen Nachrichten. Es geht ihnen gut mit ihrem Vater, sie sind dort glücklich, das ist unglaublich wertvoll!

Pädagogische Grundsatzdiskussionen führe ich nicht mehr. Der Medienkonsum dort übersteigt den bei mir um Längen, es wird nix geübt und auch nix besprochen, es wird nix unterschrieben und es werden keine Fingernägel geschnitten, aber die Kinder sind glücklich. Was hätte ich von gelüfteten und gewaschenen Kindern, die Mathe und Gitarre geübt haben, aber großen Kummer haben?

Und ich? Bin ich glücklich mit den kinderfreien Wochenenden?

Es sind Tage wie aus der Zeit gefallen: schlagartig sind bestimmte Uhrzeiten unwichtig: 17 Uhr, der Hort ist aus: egal. 19.25 Uhr, auf kika kommt „Wissen macht ah“: egal. Sonntag 11.30 Uhr die Maus: egal. Es ist schon 15 Uhr, wir waren noch nicht an der frischen Luft und es wird bald dunkel: egal. 18.40 Uhr, es wird Zeit fürs Abendessen: egal.

Es ist komplett egal, wie spät es ist, denn ich bin der einzige Mensch, um den ich mich kümmern muss. Irre! Und nicht nur die Zeit ist egal, auch was ich tue und lasse ist total egal. Mitten am Tag Fernseh gucken. Lange schlafen. Den ganzen Sonntag arbeiten. Schokolade im Bett. Aufs smartphone glotzen, twittern, klicken, daddeln: alles egal. Beim „Wochenende in Bildern“ kann man mal reinschauen in mein kinderfreies Wochenende.

umgangswochenende

Es ist alles egal, denn ich bin hier allein und für niemanden verantwortlich.

Meine Seele hat Ruhe, ich darf einfach schlechte Laune haben und bei Bedarf die Katze anschnauzen. Ich muss mich nicht rechtfertigen, ich muss nix diskutieren, ich muss nix entscheiden, nix durchsetzen. Ich muss keinen Rat geben, nicht trösten, ich muss nicht zuhören, ich muss mich nicht unterhalten.

Und das ist vielleicht die größte Erholung für mich am kinderfreien Wochenende: dass meine Seele zur Ruhe kommt.

Dass ich die Betten frisch beziehe, die Wohnung putze, den Kaninchenstall ausmiste, die Steuererklärung machen, das Regal andübel, den Keller aufräume, die Kinderklamotten ausmiste, Rechnungen bezahle, Schulferien plane. Dass ich all die Dinge tue, die man natürlich auch MIT Kindern machen kann, die dann aber ungleich nerviger sind – dass ich all diese Dinge tue, ist nichts gegen die Erholung, die meine Seele am kinderfreien Wochenende findet, weil niemand an ihr zieht und zerrt.

Und natürlich freue ich ich auf den Montag abend, wenn wir alle wieder zusammen sind und reden, zuhören, streiten, trösten und lachen.

Advertisements
Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

7 Gedanken zu “Egal und allein. Ein Wochenende ohne Kinder.

  1. janitina schreibt:

    wow! hast du hier gerade mein Leben beschrieben? schön zu wissen, dass ich offenbar nicht die einige bin, die so empfindet. nur dass es mir nicht immer gelingt, das kinderfreie Wochenende wirklich zu genießen, da ich leider allzu oft in die einsamkeits-Falle tappe… Es wäre schön, Menschen in der Umgebung zu haben, die ein ähnliches Lebensmuster haben, aber das ist in meinem Freundeskreis leider nicht so.

    Gefällt mir

  2. Claudia schreibt:

    Hallo! ich musste sehr Schmunzeln beim Lesen….so ähnlich läuft es mit dem Kindesvater hier auch….anstrengend mitunter-aber es könnte ja auch schlimmer sein… Hauptsache, das Kind ist glücklich -dann will ich es auch sein (auch wenn ich ohne Kind auf den Kontakt mit ihm gut verzichten könnte)

    Gefällt mir

  3. boerseimersten schreibt:

    Die Kinder verschlampen regelmäßig ihre Thermosflaschen und Lunchboxen.
    Die Kinder verschlampen regemäßig ihre Handschuhen und Mützen.
    Die Kinder denken nicht an ihre Termine.
    Der Sohn vernachlässigt die Körperpflege.
    Der Sohn wechselt die Wäsche nicht.

    Wer ist schuld? Die Kinder? Nein, der Ex.

    Meinen Glückwunsch an die Next, die offensichtlich so schlau ist, sich aus Erziehungsfragen weitestgehend herauszuhalten, ansonsten würde uns sicherlich folgender Tweet nicht vorenthalten werden:

    Die Next zum Sohn: Bitte zieh‘ dir eine saubere Unterhose an!
    Der Sohn zur Next: Nö, du hast mir gar nichts zu sagen und außerdem schadet zu viel Wäschewaschen der Umwelt.
    Mutterseelesonnig: Mein Sohn!!! Ich soooo stolz!!!

    Gefällt mir

    1. mutterseelesonnig schreibt:

      Die Kinder sind zu doof, um an ihren Kram zu denken, und die fiese Kindsmutter schiebt es dem armen Ex in die Schuhe? Das steht nicht in meinem Text. Außerdem interessante Einsicht in das Verhältnis von Next und Sohn. Woher weißt Du das, warst Du dabei?

      Gefällt mir

  4. Claus schreibt:

    Vielen Dank für diesen schönen Text.

    Es ist für mich beruhigend zu lesen, dass sich das Prozedere auch nach Jahren nicht ändert.
    Hier bei uns, bin ich als Vater derjenige der seit einem Jahr, plant, organisiert, pflegt und erzieht.

    Es ist schwieriger, denn die 2 wechseln jeden Montag den Wohnort.

    Grüße

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s