Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

Lieber Winfried Kretschmann,

ich wünsche Ihnen ein glückliches, erfolgreiches und gesundes neues Jahr! Ich persönlich starte mit großem Glück in das neue Jahr, davon möchte ich Ihnen berichten:

Zunächst sind wir uns hoffentlich mit dem Duden einig: Glück ist ein besonders günstiger Zufall, eine erfreuliche Fügung des Schicksals. Glück ist also etwas, das ich nicht direkt beeinflussen oder aus eigener Kraft erreichen kann.

Ich habe so ein Glück, denn es betrifft mich nicht, dass gestern, am 1.1.2017 die Änderung zum Unterhaltsvorschuss nicht in Kraft getreten ist. Bislang hat das Jugendamt den Kindern, deren unterhaltspflichtiger Elternteil nicht gezahlt hat, einen Vorschuss auf den Unterhalt gewährt. Allerdings maximal 6 Jahre und nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes. Die geplante Änderung sah vor, die Bezugsdauer zu entfristen und bis zum 18. Geburtstag des Kindes auszuweiten.

Ich bin seit genau 6 Jahren getrennt und mein erstes Kind wird im März 12 Jahre alt. Bekäme ich Unterhaltsvorschuss, wäre damit aus zwei Gründen (Alter des Kindes & maximale Bezugsdauer) jetzt Schluss. Dann könnte ich es mir nicht mehr leisten, meinen Job auf 80% zu reduzieren. Ich habe nämlich Glück, weil ich einen großartigen, kreativen und flexiblen Job habe, in dem ich seit 6 Jahren Vollzeit und unbefristet beschäftigt bin. Das hat mich allerdings gesundheitlich inzwischen so weit runter gerockt, dass ich im 2-Jahres-Abstand Schwindelanfälle oder Tinnitus oder beides entwickel und dann wochenlang krank geschrieben bin. In Kombination mit der alleinigen und vollen Erziehungsverantwortung für zwei Kinder ist ein Vollzeitjob nämlich ganz schön anstrengend. Ich habe mit meinem verständnisvollen Arbeitgeber aber Glück, denn er erlaubt mir, meinen Job zu behalten und die Arbeitszeit zu reduzieren, um mich etwas mehr um die Kinder und um mich kümmern zu können. Und überhaupt habe ich mit meinem Job irres Glück, denn ich bin fest beschäftigt und bekomme Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Ich habe Glück, denn der Vater meiner Kinder zahlt Unterhalt, und zwar nicht den Mindestbetrag, sondern den seinem Einkommen nach angemessenen Betrag. Weil er das zuverlässig tut, bin ich nicht auf vergleichsweise mageren und zudem befristeten Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt angewiesen. Ich blicke in eine finanziell relativ gesicherte Zukunft und kann es mir deshalb erlauben, meinen Job zu reduzieren und versuchen, gesundheitlich wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist schön, so viel Glück zu haben. Und es ist eine Katastrophe. Denn nicht meine eigene Willens- oder Arbeitskraft, mein Studium, meine Berufserfahrung oder mein Netzwerk bringen mich in diese Position, sondern pures Glück. Und auch nicht die staatlichen Vorsorge- und Unterstützungsmaßnahmen für Alleinerziehende retten mich vor der Armut, sondern allein das Verantwortungsbewusstsein meines Exmannes. Denn als Alleinerziehende den Unterhalt vom Vater einzuklagen, ist in Deutschland unmöglich. Wenn ein Vater nicht zahlen will, dann findet er Wege und in einschlägigen Männerforen auch ausreichend Tipps für das „Kavaliersdelikt Unterhaltsprellen“. Als Alleinerziehende eine unbefristete Vollzeitstelle zu finden samt befriedigender und kreativer Tätigkeit, verständnisvollem Arbeitgeber und einem großartigem Team: das ist absolutes Glück! Die Bertelsmann-Studie hat gezeigt, wie viele Alleinerziehende an der Armutsgrenze dümpeln, wegen mangelnder Betreuungsplätze keinen Job finden und wegen fehlender Beschäftigung keine Aussicht auf eine lebenserhaltende Rente haben. Wenn sie dann tatsächlich mal in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung kommen, bleibt ihnen dank unseres ehefreundlichen Steuersystems netto auf dem Konto fast dasselbe wie dem kinderlosen Single, der nach Feierabend seinen Drink auf der Terrasse genießt, während die Alleinerziehende beim ALDI drei Paar Kinderschuhe sucht, nebenbei dem Jüngsten das Bruchrechnen erklärt und das Klo putzt.

Dass eine Alleinerziehende in diesem Land sich nur aus purem Glück nicht finanziell und gesundheitlich komplett zugrunde richtet, ist eine Katastrophe.  Es wäre ein Wimpernschlag für Bund und Länder, zumindest mal am Unterhaltsvorschuss etwas zu ändern, aber man konnte sich nicht auf die Finanzierung einigen und die Länder bräuchten zudem mehr Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Ja sicher, auf dem Rücken der Alleinerziehenden kann man sich ruhig Zeit nehmen, um seine Verwaltung zu optimieren. Verzeihen Sie mir bitte an dieser Stelle meinen Sarkasmus, es geht gleich wieder.

Ich fasse zusammen: Ich habe großes Glück, dass mich die gestern nicht eingetretene Reform des Unterhaltsvorschusses nicht betrifft. Mein Glück, also mein besonders günstiger Zufall, besteht aus einem freiwillig zahlenden Exmann und einer vernünftig bezahlten Vollzeitstelle, beides zusammen trifft wahrscheinlich auf 1% der Alleinerziehenden zu, wenn überhaupt. Alle anderen sind am Arsch (sorry).

Ist das Ihr politischer Wille, Herr Kretschmann? Dass eine Alleinerziehende es dem puren Glück zu verdanken hat, dass sie nicht ausgebrannt, finanziell und gesundheitlich am Boden in die Altersarmut wankt, nachdem sie die künftigen Steuerzahler großgezogen hat? Nein, das glaube ich einfach nicht von Ihnen. Ihre Neujahrsansprache klingt noch in meinem Ohr: Ich habe die Hoffnung, dass Baden-Württemberg ein Vorbild für ein gutes Miteinander bleibt. In dem alle mitgenommen werden und niemand abgehängt wird. Das gilt ja sicher auch für Alleinerziehende und ihre Kinder. Sie sind mein Ministerpräsident, und Sie werden sich sicher mit all Ihrer Kraft und Leidenschaft für eine zügige und rückwirkende Reform des Unterhaltsvorschusses einsetzen, gelle?!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und für Ihr Engagement und ich freue mich auf Ihre Antwort!

Ihre

Mutterseelesonnig

 

P.S.  Es gibt zu dem Thema eine online-Petition, die Sie sicherlich bereits kennen. Mit der Verbreitung dieser Petition und mit jeder einzelnen Unterschrift stärken wir Ihnen den Rücken bei Ihren Verhandlungen für die Sache der Alleinerziehenden und ihrer Kinder. Vielen Dank!

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Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

4 Gedanken zu “Ich habe Glück – offener Brief an Winfried Kretschmann

  1. Sabine schreibt:

    Vielen, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich bin davon betroffen, sogar doppelt, denn ich habe Zwillinge. Sie werden in 7 Monaten 12 Jahre. Vor einem halben Jahr hat der KV den Unterhalt eingestellt. Einfach so. Er hat sich mit seiner Lebensgefährtin ein Haus gekauft. In Holland. Er ist ein ganz schlauer. Ich habe keine Möglichkeit, an den Unterhalt zu kommen. Denn ich müßte alle Schritte erstmal vorfinanzieren. Trotz Beistandschaft beim Jugendamt. Derzeit läuft eine Strafanzeige. Aber laut Aussage der Polizei soll ich mir nicht allzu große Hoffnungen machen. Natürlich möchte er weiterhin Kontakt zu meinen Kindern, auch seine Eltern. Ich habe das alles inzwischen unterbunden. Ich schütze jetzt meine Kinder vor solchen Menschen. Meiner Meinung nach haben sie ein Recht auf verlässliche Bezugspersonen. Ich lese Deinen Blog schon eine Weile still mit und weiß, dass Du damit anders umgehst. Mit dem Entzug der finanziellen Grundlage, hat der KV jegliches Recht verloren. Auch seine Familie. Denn dort ist genug Geld da. Ich bin nicht der Meinung, dass man solches widerwärtiges Verhalten vor Kindern auch noch schönreden sollte. Ich ziehe meine Kinder alleine groß. So wie die Jahre schon vorher. Ohne den KV und seine Familie sind wir besser dran. Das muss ich jetzt nach elf Jahren so einschätzen. Es gibt auch Väter, die sind für ihre Kinder schädlich.
    Ich stelle inzwischen auch an mir fest, dass ich mich nicht integrieren konnte. Ich bin geborener Ossi, aus Dunkeldeutschland. Ich verstehe die westliche Gesellschaft nicht. Zur Wende war ich 14. Ich merke immer deutlicher, dass meine Einstellungen mit den Verhältnissen in diesem Staat nicht mehr vereinbar sind. Der Druck durch die Arbeit. Der Druck durch die Anforderungen an die Erziehung der Kinder. Mich zerreist es jeden Tag. Und ich habe den Kampf jetzt aufgegeben. Ich habe meine Arbeitsstelle gekündigt und werde mich erstmal um meine Kinder kümmern. So wie die derzeitige Arbeitswelt funktioniert, sehe ich meine berufliche Zukunft nur in der Selbstständigkeit. Mit dem Wegfall des Unterhaltsvorschusses lande ich vermutlich sowieso wieder in H4. Ob ich arbeite oder nicht. Meine Kinder brauchen mich jetzt. Das letzte halbe Jahr ging an ihnen nicht spurlos vorüber. Ich werde jetzt meine beufliche Tätigkeit an meine familiäre Situation anpassen, nicht mehr andersherum, wie ich es die letzten Jahre unter unvorstellbarem Stress getan habe.
    Der plötzliche Wegfall des Unterhalts hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Erstmal. Denn ich lass mich durch soetwas nicht unterkriegen. Ich brauchte eine gewisse Zeit. Denn ich konnte und kann es nicht nachvollziehen, wie man als Vater (als über alles liebender Vater, wie er nicht müde wird zu betonen) die eigenen Kinder ALS WERTLOS erachtet. Ich werde diese Verhältnisse in diesem Land nicht mehr so hinnehmen. Die Politik dieses Landes ist familien- und kinderfeindlich. Überspitzt gesagt: Meine Kinder sind diesem Staat weniger wert als ein dahergelaufener krimineller Intensivtäter mit Schutzstatus. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich als jahrelanger grün-rot Wähler einmal so denke. Aber als schon länger hier lebende Pack-Angehörige aus Dunkeldeutschland darf ich doch so denken, oder? Ich denke die Reform des Unterhaltsvorschusses wird sang- und klanglos im Sande verlaufen. Wäre schön, wenn ich mich irren sollte.

    Gefällt mir

  2. Anna schreibt:

    DANKE!
    Ich bin eine von denen „die am Arsch sind“. Mein Ex windet sich dank Selbstständigkeit aus seiner Unterhaltspflicht. Meine kleine Tochter bekommt noch genau 2 Jahre Unterhaltsvorschuss, meine Große ist über 12 und bekommt nichts, weder vom Vater noch vom Jugendamt. Ich hatte Ende letzten Jahres so viel Hoffnung, ja fast Euphorie hat mich ergriffen endlich dieses drückende finanzielle Problem von meinen Schultern genommen zu bekommen…… jetzt bin ich einfach nur ….. traurig. Ich gehe weiter 40h arbeiten (das ist mein Glück, ein Job der uns drei durchbringt), hetzte durch den Alltag und versuche eine gute Mutter zu sein. Nein, ich BIN eine gute Mutter! Wäre schön wenn es auch gute Politiker gäbe!

    Mein gerichtliches Vorgehen gegen den Vater hat mich 1000 Euro gekostet. Ich bin weit gegangen, bis kurz vor die Erzwingungshaft, die ich dann hätte aber auch noch mit hohen Tagessätzen bezahlen müssen. Er ist aber nunmal der Vater meiner Kinder und ich bin kein Unmensch… das macht uns Mütter aber auch hier und da zu Opfern.

    Aber keine Sorge, uns geht es gut! Nur selten greift das noch meine Seele an, z. B. an Tagen wie dem 01.01.2017, an denen eben eine so wichtige Reform nicht kommt und einem klar wird, dass man am Ende der Bedürfniskette steht.

    Danke an alle, die sich für diese Sache einsetzen. Danke für Deinen Beitrag hier!

    Kopf hoch an alle Alleinerziehenden! Mütter wie Väter! Ihr seid stark!

    Anna

    Gefällt 1 Person

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