Meine sonnige Seele

„Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit…“ (mein Poesiealbum)
„Mit ihrem sonnigen Wesen ist sie bei allen beliebt“ (Zeugnis der 1. Klasse)
„Du hast eine sonnige Seele“ (Freund zu mir, 30 Jahre)
„Wie schön, dass Du mit Deiner guten Laune alle hier ansteckst“ (Kollegin zu mir, 45 Jahre)
Ich habe fast immer ziemlich gute Laune. Ich bin stellenweise so gut drauf, dass es meinen Kindern peinlich ist: ich mache Quatsch, ziehe Grimassen, weiß zu jeder Situation ein Lied und schmettere das gerne raus. Mit einem Scherz habe ich schon ziemlich viele Zankereien in meiner kleinen Familie entschärft, meine Kinder haben dementsprechend deutlich früher, als es „altersgerecht“ angemessen wäre, Humor, Ironie und die umwerfende Fähigkeit, über sich selber lachen zu können, entwickelt.

„Wie Du das alles packst, irre“ (andere Mütter)
„Du hast ja nie eskaliert, da dachte ich es wäre nicht so schlimm“ (Exmann)
„Du steckst das alles so locker weg“ (viele, immer wieder)

Ich stecke einiges weg und bin extrem belastbar. Ich ziehe mich immer wieder an den Haaren aus der Scheiße und lasse mir selten die Laune verderben. Wenns doof läuft, werde ich kurz mal heftig wütend und lasse ordentlich Dampf ab, aber meinen Alltag und meine Laune beeinträchtigt das nicht weiter. Ich bin nicht der Typ, der griesgrämig durch den Tag geht. Im Gegenteil, meist summe und pfeife ich vor mich hin und hab einen lockeren Spruch auf den Lippen. Das liegt mir als Rheinländerin wohl auch im Blut.

Mein sonniges Wesen hat mir mehr als einmal Kopf und Kragen gerettet. Aber manchmal kostet es mich auch Kopf und Kragen. Denn mir glaubt kein Mensch, dass es mir mal nicht gut geht und dass ich Unterstützung brauche. Geschweige denn, dass ich einsam sein könnte. Auch mein Exmann hat mir nicht geglaubt, dass es mir nicht gut geht. Ich habe zwar unsere Probleme immer wieder benannt, aber ich habe deshalb nicht traurig in der Ecke gesessen, sondern den Alltag mit den Kindern trotzdem fröhlich weiter gewuppt. Warum sollte ich die Kinder mit runterziehen oder mich selbst? Missstände kann ich benennen, ohne deshalb mit übler Laune durch den Tag zu schleichen. Und so dachte er: sie lacht ja noch, dann kann es nicht so schlimm sein. War es aber. Die Ehe war kaputt und ich habe gelitten wie ein Hund, man hat es mir nur nicht angesehen. Die Kinder waren 3 und 4 Jahre alt und ich habe mich in der Verantwortung gesehen, meine Misere nicht auf sie auf übertragen.

Ich habe also offenbar Schwierigkeiten damit, glaubhaft zu machen, dass es mir mal nicht so gut geht. Dass ich Hilfe brauche. Die ersten beiden Jahre nach der Trennung hat mich kein (!) Mensch mal auf eine Glas Wein eingeladen und mich gefragt, wie es mir geht. Und ich kenne echt viele Menschen. Hab das alles wohl zu gut hingekriegt. Jahre später will ein Filmemacher eine Doku über Alleinerziehende drehen, er sieht sich dazu vorab das Porträt über mich an und sag dann, ich käme für ihn nicht in Frage: ich käme zu gut rüber. Wow! Augenscheinlich habe ich einen bombastischen Freundeskreis, ein unendliches Netzwerk und schätzungsweise einzweidrei Verehrer. Dazu gute Laune und Energie ohne Ende.

Alles Mumpitz!

Weil mir mein sonniges Wesen also manchmal tatsächlich im Weg steht, habe ich angefangen, so authentisch wie möglich zu benennen, wie es mir wirklich geht. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sage ich „ganz gut, aber ich bin heute sehr müde“. Das ist morgens um 8 auf dem Bürgersteig mit der Nachbarin vielleicht auch das maximale an Authentizität, was man bringen kann. Wir wollen ja beide weiter und haben nicht viel Zeit. Aber wenn ich Texte schreibe, dann schreibe ich auf, wie ich es fühle. Ich beschreibe meinen Alltag, meine Müdigkeit und meine Erschöpfung, und darin bin ich dann offenbar so authentisch, dass mir Depressionen attestiert, zu ärztlicher Hilfe geraten und mir der Verlust jeglicher Lebensfreude unterstellt werden. Oha!

Was ist da los, frage ich mich? Wann bin ich denn ich? In meinen Texten, die offenbar große Sorge um mich auslösen? Was mich rührt, aber auch schwer ins Nachdenken bringt. Oder in meinem Alltag, mit der guten Laune und dem fröhlichen Abarbeiten auch extremster Belastung?

Ich kann Alexandra Widmer nur zustimmen, die sagt, daß es unsere innere Einstellung ist, die unsere Zufriedenheit und unser Glück beeinflussen. Bei mir trifft das jedenfalls zu: mit meiner Fröhlichkeit ziehe ich mich selber aus dem Schlamassel, sie macht mich selber glücklicher und auch leistungsfähiger, in jeglicher Hinsicht. Und das brauche ich, denn meine Leben ist echt sackanstrengend! Ich schütte mir jeden Tag selber kiloweise Endorphine in die Suppe, damit ich mein Pensum überhaupt schaffe.

Was mich aber nicht daran hindert, die Misere zu benennen: Alleinerziehende werden in vielerlei Hinsicht benachteiligt, politisch, gesellschaftlich, strukturell. Das will ich ändern, ich will ein Bewusstsein dafür schaffen, denn ich bin ja nun echt nicht die einzige, die darunter zu leiden hat. Das hat nichts mit Jammern, Selbstmitleid und Wehklagen zu tun. Ich erlebe aber, dass man das nicht hören will. Die Paare, die ich kenne, wechseln das Thema, hören aktiv weg oder fragen einfach nicht weiter nach, wenn sie von meinen Problemen oder aber von meinem politischen Engagement hören. So wird aus der eigentlich fröhlichen Frau auf einmal die Meckerziege, bloß weil ich ausspreche, dass hier einiges ungerecht ist und auf dem Rücken Alleinerziehender ausgetragen wird. Konkret sieht das dann so aus, dass die Anwesenden des Elternabends schon die Augen verdrehen, weil ich bei der Erhöhung der Kita-Gebühren frage, ob es eigentlich eine Ermäßigung für Alleinerziehende oder andere Leute mit weniger Kohle gibt? (nö, gabs natürlich nicht, erst nach meiner Intervention).

Dann bin ich halt die Meckerziege, aber ich bleibe bei meinen Themen. Schon um meiner Kinder Willen: ich lebe ihnen vor, dass sie die Zustände, in denen sie leben, niemals hinnehmen müssen. Sie können zufrieden damit leben, wenn sie für sie ok sind, aber sie können sie auch ändern, wenn es sie sie ungerecht finden: Engagement lohnt sich, (fast) immer!

Gleichzeitig braucht es natürlich die Weisheit, zu erkennen, was ich nicht ändern kann, damit ich es gelassen hinnehme, ohne zu verbittern. Das ist ein schmaler Grat und ein ewiges Lernen, und das müssen nicht nur meine Kinder, sondern auch ich immer wieder neu lernen. Denn das letzte, was ich will ist ja, mein sonniges Wesen zu verlieren und eine grimmige alte Frau zu werden. Und so norde ich mich immer wieder ein: zwischen der Erschöpfung und Einsamkeit meines Alltages, der Freude und Dankbarkeit über meine Kinder, der Entrüstung über gesellschaftliche Strukturen, der Empörung über Ungerechtigkeit und Stigmatisierung und dem großen Glück über mein Leben mit meiner Tochter und meinem Sohn.

Vielleicht habe ich von allem ein bisschen mehr, und das ist es, was es Außenstehenden schwer mit mir macht: ich bin oft ein bisschen fröhlicher, ein bisschen besser drauf und ein bisschen zäher als andere. Ich bin aber auch wütender, trauriger, erschöpfter, hartnäckiger und einsamer. Ein bisschen weniger von allem wäre vielleicht nicht so aufreibend für mich. Aber dann wäre ich nicht mehr ich. Meine Aufgabe vom Universum für mich lautet immer wieder, mich nicht von negativer Energie und dem Griesgram in mir überwältigen zu lassen, sondern mich auf meine positive Energie zu konzentrieren: auf meine sonnige Seele.

Mutterseelesonnig.

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Meine sonnige Seele

2 Gedanken zu “Meine sonnige Seele

  1. Aneesha schreibt:

    Liebe Mutterseelesonnig,
    Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin auch der sonnige Typ und habe vor der Trennung nie über meine/unsere Eheprobleme nach außen gesprochen. Nach innen schon, aber das wurde nicht ernst genommen. So dass alle inkl. dem Ex und meinen Eltern vollkommen überrascht waren, als ich den Schlussstrich gezogen habe. Aus Notwehr wie meine Therapeutin feststellte. Ich habe meine Arbeit und 2 Kinder (5 Jahre mit ADHS und 9 Jahre in der Vorpubertät) und den Haushalt und den Kram vom Ex zu toll hinbekommen. Also ähnlcih wie bei dir.
    Nun nach der Trennung vor einem 3/4 Jahr, eine Mutter-Kind-Kur schlauer und einer angefangenen Psychotherapie wegen Burnout und Anpassungsstörung sehen zumindest die nächsten meinen Zustand. Die mitleidigen Kommentare von Kita-/Schul-/vätern/-müttern kann ich mir da klemmen.
    Allerdings muss ich zugeben, dass ich bei anderen Alleinerziehenden den Bedarf vor meiner eigenen Trennung zwar gesehen habe, es in dem Ausmaß wie ich es jetzt erlebe einfach nicht für möglich gehalten hätte.
    Alleinerziehend sein ist eine riesige Belastung und Aufgabe. Und Du machst das super!! Und das seit 6 Jahren. Deine Kinder werden es Dir danken, nicht wörtlich, aber dadurch, dass sie authentische und ehrliche Menschen werden und vielleicht von Anfang an ihre eigenen Grenzen und ihren notwendigen Freiraum kennen und respektieren. Das ist ein guter Start in ein erfolgreiches Erwachsenenleben. Die nächste Generation soll damit besser umgehen. Das wünsche ich Dir und mir und unsere Kindern.
    Und natürlich: Halte durch, kümmere Dich in Deinen Grenzen um Dich und bewahre Dir Gelassenheit.

    Lass die Sonne in Dir strahlen!

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  2. Ina schreibt:

    Ah, das kenn ich auch, von allem ein bisschen Zuviel, immer ein bisschen drüber. Es ist wohl okay. Ich muss andere ja auch aushalten, warum nicht auch worum.
    ina

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