Immer! Muss ich! Alles!

Neulich wollte ich mit den Kindern in den Wald und es gab Prostet:

Die armen Kinder, aber echt. IMMER müssen sie machen was ICH will.

Dazu gibt’s ja sogar den passenden Soundtrack von meinem Lieblingsbarden Gisbert zu Knyphausen:

Ein schönes Lied und ein tolles Video, aber die Eltern kommen leider überhaupt nicht gut weg. Dabei fühlt es sich für mich als Elter oft genau umgekehrt an: immer muss ICH alles sollen. Um mich und meine Bedürfnisse geht’s hier aber schon seit 12 Jahren nicht mehr.

Klar, am Anfang war das Baby: Stillen, Mittagsschlaf, Windeln, Laufen lernen, Sprechen, auf’s Klo gehen, Fahrrad fahren, Schwimmen, in die Schule gehen. Die Kinder werden größer und selbständiger, blöderweise hab ich als Mutter nicht das Gefühl, dass meine Autonomie proportional dazu wächst. Da ist zum einen die Schule, für die können wir alle nix, aber sie gibt den Takt vor und ICH bin die dumme Nuss, die ihn umsetzen muss: morgens um 6.30 Uhr aufstehen, nach der Schule Hausaufgaben, außerdem Ferien, Schullandheim, Sommerfest, Elternabend usw. Da ist nix mit Selbstbestimmung und der Job der Eltern ist der Schule ebenfalls herzlich egal. Wenn Mutti bis 1 Uhr Nachts arbeitet ist trotzdem am nächsten Morgen um 7.45 Uhr Unterrichtsbeginn, yeah.

Und eben so Sachen wie eingangs beschrieben: ich will in den Wald, die Kinder nicht, sie meckern und zetern wie zwei Kesselflicker. Warum will die Frau mit den Kindern denn unbedingt in den Wald? Nun ja: die Sonne scheint, es ist Sonntag und wir haben Zeit. Wenn die Kinder den ganzen Tag drinnen sind und lesen, chillen, Musik hören, sinkt spätestens um 17.42 Uhr die familiäre Stimmung unter den Nullpunkt, die Kinder sind genervt, gereizt und fangen an, sich und mich zu zanken. Vor allem waren wir letzte Woche an selber Stelle im Wald, und sie haben es GELIEBT! Ein sonniger Spaziergang, wilde Wege querfeldein, dann Kuchen essen im Schlösschen, anschließend waren sie fast 2 Stunden alleine im Moor, ich lag in der Sonne und: sie haben mich beschworen, dass wir bei nächste Gelegenheit UNBEDINGT wieder so einen Sonntag verbringen sollen. Zu guter Letzt und von dem ganzen kinderaffinen Argumenten mal abgesehen: ICH will in den Wald, ICH brauche frische Luft und Bewegung, und drum müssen die jetzt halt mit.

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Kind im Wald, glücklich

Aber erstmal gibt’s halt Theater, Lego ist grad wichtiger und das Sofa auch recht kuschelig. Da muss ich durch. Diskutiere bis zu einem gewissen Grad und bestimme schließlich, dass wir jetzt gehen, Punktum. Ich weiß, dass es Euch und mir gut tun wird und ich zitiere schrecklicherweise Fräulein Rottenmeier aus Heidi: „Ihr werdet mir nachher dankbar sein“.

Ich höre Gisbert singen: Immer! Muss ich! Alles! Sollen! und ich denke, das Lied könnte man auch genauso aus Elternsicht singen, es passt alles, jede Zeile:

Die Schuhe an, Jacke und „Nein! Nicht die gelbe!“
Ich halt´s nicht mehr aus, es ist immer dasselbe

Aber war das so gedacht, mit dem Familienleben, das Kinder und Eltern sich trotzig gegenüber stehen und sich ihre Ansprüche und Bedürfnisse um die Ohren hauen? Ist das liebevolle, authentische Elternschaft? Auf den Begriff der authentischen Elternschaft hat mich Susanne Mierau neulich gebracht, und so grüble ich: Bin ich echt, lasse ich meine Bedürfnisse zu oder nur die der Kinder? Wie erleben die Kinder meine Wünsche und mich als Persönlichkeit? Haben meine Ideen auch Raum oder dreht sich hier wirklich seit 12 Jahren alles nur um die Kinder? Geht das überhaupt, dass man in der Familie alle Ideen und Vorstellungen ausspricht, verhandelt und einen gemeinsamen Nenner findet? Mit 4, 10 oder 12Jährigen? Viele kriegen das ja nicht mal unter Erwachsenen hin, aber mit Kindern kommt die Nummer nochmal heftiger. Aber gut, ich versuche es immer wieder neu, und so wird täglich verhandelt:

  • Du hast keinen Bock, den Müll raus zu bringen? Blöd, ich auch nicht, und jetzt? Biete mir was an, was Du für den Haushalt tust, ich tue natürlich auch was, und dann sehen wir mal, was übrig bleibt und wie wir das aufteilen.
  • Du willst nicht den Film gucken, den Deine Schwester vorschlägt? Ok, was willst Du gucken, was will ich gucken, und wie organisieren wir das? Nein, wir gucken jetzt nicht drei Filme nacheinander, wir müssen das anders lösen.
  • Ihr wollt ins Spaßbad? Ok, aber nur wenn ich nicht ins Wasser muss und auf der Liege liegen und lesen, schlafen, dösen darf.

Ich werde mich ganz sicher nicht auf die Reifenrutsche setzen, nur um den Kindern einen Gefallen zu tun, das wäre beileibe nicht authentisch. Gut, ich hatte auch vor 5 Jahren wenig Lust auf Bügelperlenbilder, vor 4 Jahren keine Lust, Laternen zu basteln, ich hatte jahrelang wenig Lust, stundenlang am Spielplatz zu hocken und wie eine Bademeisterin auf die Kinder aufzupassen. Aber den Kindern war es wichtig, es hat ihnen Spaß gemacht und ihnen gut getan, also habe ich es gemacht. Nicht dass ich falsch verstanden werde: es gibt tausende wunderbare, großartige Momente mit den Kindern, die ich ohne sie niemals erlebt hätte und für die ich sehr dankbar bin. (Ich habe sogar mal eine Reihe mit dem Titel „Dinge die ich ohne meine Kinder nie erlebt hätte“ angefangen, bislang ist es leider bei #1 geblieben) Aber es gibt eben auch einiges, auf das ich nun wirklich überhaupt keine Lust habe, was ich aber trotzdem tue. Das fängt beim morgendlichen Wecken an, geht über das Ertragen von Bibi&Tina-Hörspielen über Superhelden-Filme bis hin zum Spaßbad.

Ich finde es ok, dass ich als Mutter eine Menge Dinge tue, zulasse und organisiere, zu denen ich keine Lust habe. Dass ich als Mutter eine Menge Kompromisse mache, weil meine Kinder noch lernen, wachsen und sich ausprobieren müssen. Das tut meiner authentischen Elternschaft keinen Abbruch, so lange ich die Grenze zur völligen Selbstaufgabe noch ziehen kann. Die Kinder werden es schon noch lernen, ihre Ablehnung und ihre eigenen Wünsche etwas stilvoller zu formulieren, denn sie erleben es ja jedes Mal, dass ihre Wünsche gehört und respektiert werden und dass es sich lohnt, zu verhandeln.

Deshalb fahre ich ins Spaßbad und sitze nicht in der Reifenrutsche, sondern liege geschlagene 5 Stunden auf der Liege, schlafe, lese und döse. Das ist mein Kompromiss. Denn ohne Kinder wäre ich überhaupt nicht dahin gefahren: warum sollte ich 10€ Eintritt dafür bezahlen, halbnackt unter wildfremden Menschen auf einer Plastikliege meinen Sonntag zu verbringen? Immer wieder kommen die Kinder angeflitzt, essen und trinken irgendwas und verlangen vehement: „Mama, Du musst mal mitkommen auf die Rutsche!“

„Nö“ sage ich, ich muss gar nix. Sie sind leicht enttäuscht, aber schließlich ist es ihnen egal und sie sausen wieder los. Und ich schlafe nochmal ein, denn das ist grad mein größtes Bedürfnis. Voll authentisch.

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Immer! Muss ich! Alles!

7 Gedanken zu “Immer! Muss ich! Alles!

  1. Hmm… ich kenne diese Debatten auch. Mit 3 Kindern potenziert sich das noch, es gibt schöne Fronten.
    Aber ich habe von Anfang an nie das gemacht, was ich nicht möchte. Auch dann nicht, wenn es in schönen bunten Büchern stand. Ich war zum Beispiel noch nie in einem Freizeitpark mit den Kindern. Einfach, weil mich Freizeitparks an den Rand meiner Möglichkeiten bringen. Zu viele Eindrücke, zu viele Entscheidungen auf zu kleinem Raum in zu kurzer Zeit für zu viele Personen. Keine Chance für mich. Also war ich froh über jeden Schulausflug in so ein Ding und fertig.

    Und das andere: ich habe das vor Jahren schon einmal verbloggt, aber ich beobachte das immer noch. Dass Eltern mit ihren Kindern viel zu früh all diese Ausflüge machen. Da haben die Kinder nix von. Mit 1 Jahr in den Zoo? Wozu? Dass es mit 5 Jahren dann lange Gesichter gibt, wenn man SCHON WIEDER in den blöden Zoo soll? Zoo nur als Beispiel.
    Eltern eventisieren sich zu Tode, denn die Kinder brauchen all das nicht. Irgendwann schrieb ich mal, gebildete Eltern ohne Geld wären das beste für ihre Kinder, und daran halte ich fest, nicht nur, weil ich kein Geld habe :)), sondern auch, weil das von vornherein die Möglichkeiten reduziert, sich noch mehr verrückt zu machen, was man den Kindern alles bieten sollte.

    Ich biete meinen Kindern nix. Gar nix in diese Richtung.
    Wir fahren nicht einmal in den Urlaub, weil ich deine beschriebene Bademeisterrolle nicht wollte :)) Ich habe mir Urlaub immer so vorgestellt, dass ich drei Wochen lang dafür sorgen muss, dass keins der Kinder im Hotelpool ertrinkt, und das war nicht das, was mir eine erholsame Perspektive war.

    Was haben sie davon?
    Mehr als man denken könnte.
    Sie haben nämlich auf diese Weise eine Mutter, die ihre Grenzen kennt und sie kommuniziert. Daran können sie sich abarbeiten, die Kinder sind jetzt 13, 11 und 10. Das schaffen sie ganz gut. Und sie lernen, ihre eigene Grenzen zu spüren und zu verteidigen. Das ist mir mehr wert als jedes Urlaubsfoto mit Sandburg, bei dem nur ich weiß, was mich das gekostet hat an Kraft.

    Wir scherzen inzwischen sogar darüber, indem wir Sonntags am Tisch sitzen und ich sage todernst: „wohin machen wir heute unseren Ausflug?“ Und die Kinder jammern und wollen zocken und zuhaus bleiben und „bloß nicht wandern!“, und ich sage dann, „das war doch nur mein Text!“, und sie lachen und sagen dann: „unserer auch.“
    Und dann geht jeder seiner Wege, denn sie haben schon in der Schulwoche genügend Struktur, Input, Raster und Termindruck. Das braucht niemand am Wochenende auch noch.
    Manchmal machen wir nachmittags dann sogar einen Spaziergang :))

    Gefällt 1 Person

    1. mutterseelesonnig schreibt:

      Vielen Dank! Ich bin da sehr bei Dir, in einen Freizeitpark oder gar aufs Frühlingsfest gehe ich partout nicht, aber da finden die Kinder selber einen Weg, wenn sie denn unbedingt wollen (mit dem Vater, mit Freunden …). Ich mag auch keine Kinderveranstaltungen mit mehr als 100 Kindern, nicht zuletzt weil ich selber Veranstalterin bin, es ist die totale Reizüberflutung für alle.
      Wir müssen den Kindern gar nix bieten außer eine glückliche, entspannte Mutter, und das ist schon anstrengend genug 😉

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  2. Seren schreibt:

    Wir haben das Thema hier derzeit auch. Das liegt u.a. daran, dass wir eine Patchworkfamilie sind und mein Partner vorher keine Kinder hatte. Jetzt plötzlich 2. Auch wenn er sie sehr liebhat, ist es für ihn sehr schwer nachzuvollziehen, wie man sich selbst fast völlig aufgeben kann und warnt mich immer wieder davor. Ich hingegen hab nach vielen Jahren Kinderhaben schon einen Modus erreicht, wo ich die Selbstaufgabe wirklich fast gar nicht mehr als solche wahrnehme. Und so pendeln wir hin und her zwischen diesen Polen und versuchen, eine Balance zu finden. Das ist zwar nicht so einfach. Andererseits habe ich auch festgestellt, wenn ich meine Bedürfnisse und Leistungen für die Familie mir nicht einfach nur denke, sondern immer wieder formuliere, dass die beiden zwar noch lang keine Altruisten werden, aber immerhin manchmal _etwas_ einsichtiger. Es ist wirklich nicht leicht, dass in einer Familie keiner zu kurz kommt, egal, wie die Zusammenstellung genau aussieht…

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  3. Was bei uns geholfen hat in solchen Situationen war ein Tagesplan. Zumindest im groben. Mein Kind mag keine Überraschungen und schon gar nicht etwas ungeplant tun. Also um 12 sagen das wir um 12.30 zur Oma fahren war nix für sie.

    Wir haben Sonntags Morgens besprochen wer was will. Einer Daddeln, einer Spazieren gehen und der andere Schwimmbad. Wir haben Zeiten vereinbart wann wir was machen und welche Zeit zur freien Verfügung steht. Das hat es entschärft.

    „Aber doof weil“…. war und bin ich auch heute noch oft genug.

    Ich glaube aber auch das wir sehr oft Dinge tun weil wir glauben das wir diese mit den Kindern tun sollten. Das heißt nicht das die Kinder das wirklich wollen. Zumindest ab einem gewissen Alter.
    Von daher hab ich meinen Anspruch mit dem des Kindes immer mal wieder abgeglichen damit alle auf ihre Kosten kommen.

    Wobei meine jetzt mit 15 über ihre Zeit neben der Schule und den Pflichten die damit verbunden sind fast frei einteilen kann. Ich kann dir versprechen , in ein paar Jahren darf und macht jeder was er will und das ist auch gut so.

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    1. mutterseelesonnig schreibt:

      Aber wenn alle machen was sie wollen, mache ich hier alleine den Haushalt, und das ist nicht gut so. Ein bisschen Diskussionsstoff wird mir wohl immer bleiben.

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