Loslassen und Halt geben: Kinder fahren in die Ferien

Da wo ich arbeite, finden Vorträge für Kleinkindeltern statt. Heute habe ich den Pressetext für „Loslassen und Halt geben – Eingewöhnung in der Kita“ fertig gemacht.

Loslassen und Halt geben ist in der Kita-Eingewöhnung ein wichtiges Thema. Aber ich mit meinen großen Kindern (9 und 11) stelle fest: es bleibt ein ewiges Thema. Ob die Kinder in die Kita, in die Schule oder in die Pubertät kommen, wir befinden uns ständig auf dem schmalen Grat zwischen Loslassen und Halt geben.

Gerade jetzt, in den Sommerferien: auf Twitter liefen heute die Drähte heiß, weil viele Eltern ihre Kinder vermissen: die großen Kleinen fahren in die Sommerferien. Es gilt ja bei Schulkindern, sechseinhalb Wochen zu überbrücken, und nicht alle sind mit einem Hort samt 4wöchigem Ferienprogramm gesegnet. Neben dem gemeinsamen Familienurlaub müssen also Lösungen her: die einen Kinder fahren zur Oma, die anderen zur Tante, die einen ins Zeltlager, die anderen auf den Pferdehof. Je nach Alter wagen sich die Kinder weiter und länger weg. Und auch: je nach Befindlichkeit der Eltern lassen diese ihre Kinder weiter und länger weg. Dieses Loslassen, nicht nur für 3 Stunden in die Kita, sondern für 3 Wochen einige Hundert Kilometer weit weg, ist eine ganz schöne Nummer, für Eltern und Kinder. Beide Seiten spüren Sehnsucht und lernen den Umgang damit. Manche telefonieren täglich, andere nie. Oft kommen die Kinder gestärkt und voller neuer Einflüsse zurück. Die Eltern erleben Kinder, die in kurzer Zeit sehr viel größer geworden sind, gewachsen sind, und nicht nur an Zentimetern.

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Und dann gibt es noch die Alleinerziehenden (meist die Mütter), deren Kinder das Glück haben, mit dem anderen Elternteil (meist dem Vater) Ferien zu machen. Manche eine Woche, manche zwei oder sogar drei. Das ist nochmal ein anderes Loslassen für die verbleibende Mutter: sie lässt nicht nur ihre Kinder gehen, auf den Pferdehof oder zur Oma. Nein, sie bekommt mit jedem Papa-Urlaub der Kinder das Scheitern der Familie vor Augen geführt. Vor der Trennung wären sie zusammen gefahren, nun steigen die Kinder jubelnd beim Papa ins Auto, voller freudiger Erwartungen auf die Ferien und Freude auf den vermissten Vater.

Als mein Exmann die Kinder vor sechs Jahren zum ersten Mal zum gemeinsamen Urlaub abgeholt hat, war es genauso: die Kinder stiegen überglücklich zum Papa ins Auto und sie fuhren ab, ich ging in die Wohnung zurück und habe Rotz und Wasser geheult. Es war nicht so sehr das Vermissen der Kinder, es war die gescheiterte Familie, die mir hier vorgeführt wurde. Da ich meinen Mann damals verlassen hatte, habe ich in dem Moment natürlich auch mir selber die Schuld an meinem Elend gegeben: ich hab’s nicht hingekriegt, also hocke ich jetzt hier alleine und die drei machen sich eine unvergessliche Zeit. Klar, mir standen zwei kinderfreie Wochen bevor, was für eine vollzeitarbeitende Alleinerziehende eine dringend nötige Pause bedeutet.

Aber ich wollte keine kinderfreien Ferien, ich wollte Familie!

Die Alleinerziehenden lernen nicht nur mit jedem Sommer, ihre Kinder ein Stück weiter loszulassen, sondern auch, ihre Trennung zu verkraften. Zu sich zu kommen, in sich zu gehen und Zeit für Gedanken und Gefühle zu haben, für die im Alltag selten Platz ist. Das ist nicht immer schön, viele werden von einer bodenlosen Traurigkeit und Einsamkeit eingeholt. Denn in der Zeit, wo die Kinder da sind, haben die wenigsten alleinerziehenden Mütter Zeit, sich einen Freundeskreis aufzubauen oder gar Hobbies zu pflegen. So tut sich oft ein Loch auf, da wo ein erfülltes Familienleben sein sollte, ein Loch, mit dem man erstmal umgehen muss.

Ich habe in meinen ersten kinderfreien Sommerwochen regelmäßig die komplette Wohnung aufgeräumt, ausgemistet und geputzt. Es war die einzige Gelegenheit im ganzen Jahr, so gründlich sauber zu machen, und es war auch bitter nötig. Aber ich habe mir damit natürlich auch die Leere gefüllt.

Inzwischen, nach sechs Jahren Trennung und vielen kinderfreien Sommerwochen, mache ich nichts, absolut gar nichts, obwohl die Wohnung nicht besser aussieht als vor sechs Jahren. Aber ich habe gelernt, die Zeit für mich zu nutzen, die Leere zuzulassen, Zeit und Raum für Gedanken und Gefühle zu lassen, die das ganze Jahr unterdrückt werden. Davon abgesehen sind die Kinder auch sechs Jahre älter und dementsprechend selbständiger geworden: man kann hier inzwischen aufräumen und ausmisten, während die Kinder dabei sind. Sie werden einbezogen und dürfen, nein müssen mit anpacken.

Ich habe gelernt, meine Kinder in den Ferienwochen loszulassen, weil ich weiß, wie viel Halt ich ihnen das ganze Jahr über gebe.

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3 Gedanken zu “Loslassen und Halt geben: Kinder fahren in die Ferien

  1. J schreibt:

    Wieder mal zeigst du mir mehr – mehr Facetten, Aspekte des Lebens von Alleinerziehenden. Danke dafür, auch wenn es mir weh tut. Ich würde so gern den Alleinerziehenden in meiner Umgebung helfen, aber diese Leere kann wohl nur die Liebe wirklich füllen. Ich wünsche euch allen doch nur Liebe!

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