Mutterglück und Familienlüge

Vor ein paar Wochen musste ich öfter grinsen, wenn ich auf meine Blogstatistik schaue, denn mein Beitrag Mutterlüge wurde ständig angeklickt. Die Suchenden waren wahrscheinlich völlig frustriert, weil dies ein winziger Beitrag von mir dazu war, womit ich als Mutter meine Kinder anlüge. In dem Falle mit „ich will hier auch mal staubsaugen“, was die total Lüge ist, weil ich staubsaugen hasse.

Ich habe dann einen Text über Mutterlüge angefangen, ihn aber erst mal liegen lassen. Bis letzte Woche gleich zwei Texte von Jochen König erschienen, und da wurde mein „alter“ Text wieder aktuell und nun auch stimmiger:

Ich hatte wegen o.g. Blogstatistik  „Mutterlüge“ gegoooglet und es erschien das Interview mit Sarah Fischer, die das Buch „Die Mutterglücklüge“ geschrieben hat und mal wieder dazu interviewt worden ist. Diese regrettingmotherhood-Debatte ist ja eigentlich ziemlich durch, trotzdem poppt sie immer wieder auf und ging mir persönlich eh von Anfang an auf die Nerven. Das mag daran liegen, dass ich nie dieses Bild von der selig machenden Mutterschaft hatte, und drum auch nicht dran scheitern konnte. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ich mit meinen Kindern nicht einfach nur selig werde, sondern dass ich sehr glückliche und sehr nervende Momente erleben würde. Ich wusste, dass es beruflich nicht einfach wird und ich hatte eine mehr oder weniger wahnhafte Vorstellung von der Bastelmuttihölle. Vor allem wusste ich, dass ich mein eigenes Bild von Familie und Mutterschaft leben wollte, nicht das, was Frauenzeitschriften, Pekip-Leiterinnen oder die Schwiegermutter mir vorschreiben. Wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen, weil sie sich eingeschränkt fühlen in ihrer Selbstbestimmung, dann kommt mir das manchmal so vor, als ob ich mich zwar über meinen neuen Job freue, mich aber ärgere dass mich die Arbeitszeiten (die ich vorher kannte) so sehr einschränken. Mal ganz banal verglichen. Zudem ist die totale Einschränkung qua Mutterschaft eine endliche Sache, denn mein Leben ist ja nicht vorbei, sondern hat für die nächsten Jahre andere Schwerpunkte. Für die zumindest ich mich frei entschieden habe.

Wofür ich mich nicht entschieden habe, ist dass ich eine beschissene Steuerklasse habe, dass ich als Familienmensch in diesem Land gesellschaftlich, politisch und beruflich irgendwie nicht für voll genommen werde, obwohl ich die Zukunft dieses Landes in Form von zwei künftigen Rentenzahlern bereit stelle. Das kotzt mich an, das prangere ich an, das versuche ich zu ändern. Aber deshalb bereue ich meine Mutterschaft nicht. Wenn Sarah Fischer sagt, dass sie lieber Vater geworden wäre, ist das ne ziemlich fiese Nummer, denn sie will die Rolle des Vaters einnehmen, wie er sie in unserer Gesellschaft zur Zeit (noch) inne hat. Das geht ja nur, wenn jemand auch die Rolle der Mutter lebt, auf die sie selber keinen Bock hat. Schönen Dank auch, wer soll das denn sein?

Ich will beide Rollen nicht, wie sie Sarah Fischer erlebt. Nicht die der Frau, die die Nummer mit der Vereinbarkeit von Job und Kind stemmt und sich trotzdem, bzw. obendrein finanziell  vom Mann abhängig macht. Und nicht die vom Mann, der nach Kindsgeburt weiter arbeitet als sei nichts geschehen und dafür nix mitkriegt vom Aufwachsen seiner Kinder.

Das ist tatsächlich eine Mutterlüge, denn mit diesem Bild von Mutterschaft wird keiner glücklich, weder Frau noch Mann noch Kinder. Familie war doch als gemeinsames Projekt gedacht, das nicht einen an den Abgrund manövrieren, sondern alle Beteiligten bereichern sollte?

Warum das in vielen Fällen nicht klappt (z.B. in meinem) hat nicht nur mit einem verqueren Bild von Mutterschaft, sondern auch mit einem schiefen Bild von Vaterschaft zu tun.  In der Familie lieber der Vater als die Mutter zu sein, weil man scheinbar freier, ungebundener, auf Karriere konzentrierter ist, ergo weniger den Kindern als dem Job verpflichtet, das ist mal echt ’ne Lüge, am meisten vor sich selbst. Von den Kindern ganz zu schweigen.

Denn ich setze mal im guten Glauben an die Menschheit voraus, dass wir alle gerne mit unseren Kindern zusammen sind, und zwar nicht nur 1 Std/Tag und am Wochenende. Auch die Väter. Ich kauf den Männern nämlich gar nicht ab, dass sie keinen Bock auf Kleinkindgedöns und Familie haben. Ich glaub, viele haben bloß nicht den Mut, da beruflich und gesellschaftlich zu zu stehen. Und wenn sie sich dann doch für die (Klein-)Kindphase entscheiden, dann müssen sie unbedingt noch den Kerl raushängen lassen, laufen immer einen halben Schritt neben dem zu schiebenden Kinderwagen, treffen sich mit Carrera-bahn und schwarzem Espresso im Papaladen und erklären Mütter zum Feindbild, sehr treffend beschrieben von Jochen König.

Warum das so ist, hat nix mit den Erwartungen und Erfüllungen von Mutterschaft zu tun, sondern mit einem antiquierten Familienbild, mit Rollenklischees und üblen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für Familien, die diese Klischees und Abhängigkeiten zementieren. Von wegen Mutterlüge: Familienlüge triffts eher.

Um dies zu ändern, und hier zitiere ich wieder Jochen König, „brauchen wir eine Diskursverschiebung in der Öffentlichkeit (…)  Und es braucht eine Stärkung der Menschen, die schon jetzt den Großteil der Arbeit in den Familien übernehmen.“

Dann hat hoffentlich auch diese elende Mutterglücklüge – Regrettingmotherhood- Diskussion endlich ein Ende.

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3 Gedanken zu “Mutterglück und Familienlüge

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