Deine Kinder sind aber oft krank!

Sowas kriegt man schnell zu hören, wenn man mal eine Woche lang zwei kranke Kinder zu Hause hat. Sogar, wenn man nicht mal zu Hause bleibt, sondern die Kinder stundenweise alleine lässt, um im Büro das Nötigste zu erledigen. Jedenfalls wenn die Kinder den beliebten „zu krank für die Schule, zu gesund für daheim“-Status erreichen. Also Kopf-Bauchweh, schon auch Mama-bedürftig, aber ohne Fieber oder großes Leiden und drum auch stundenweise mit Buch oder Hörspiel zufrieden.

Trotzdem braucht ein krankes Kind Zuwendung, so oberflächlich die Erkrankung sein mag, und das Kind braucht auch was (Gesundes!) zu essen und es braucht die Nacht in Mamas Bett. Meine jedenfalls. Von einer konzentrierten und ausgeruhten Arbeitnehmerin bin ich also meilenweit entfernt, auch wenn ich per home office oder kurzen Einsätzen versuche, den Laden am laufen zu halten. Denn ich leite den Laden, in dem ich arbeite, das bringt zwar viel Flexibilität, aber auch Verantwortung mit sich.

„Deine Kinder sind aber oft krank!“ höre ich dann, und ich versuche es einzusortieren: Erstaunen? Lob? Vorwurf? Empathie? Frechheit? Hilfloser Smalltalk-Versuch? Oder einfach nur scheiße? Denn meine Kinder sind nicht oft krank. Aber wenn, dann beide, selbst bei Knochenbrüchen haben sie eine eigenartige Gleichzeitigkeit. Das prägt sich der Umwelt ein, das wirkt massiv.

Warum kriegt die Umwelt überhaupt mit, dass meine Kinder krank sind? Weil ich dann nicht mehr uneingeschränkt einsatzbereit bin, meine Flexibilität sackt sofort unter null. Denn ich bin die einzige, die sich um meine kranken Kinder kümmern kann. Keine Familie, kein Mann, keine Freunde, die sich um zwei kranke Kinder kümmern könnten, sind greifbar.

Woran merkt eigentlich das Umfeld eines voll berufstätigen Vaters, dass die Kinder krank sind? Ich bin ja seit Jahren raus aus der Vater-Mutter-Kind-Nummer, aber soweit ich das mitbekomme, sind es immer noch die Mütter, die sich frei nehmen, Urlaub nehmen oder gar den Job reduzieren, wenn die Kinder (öfter) krank sind. Die Väter arbeiten weiter, einer muss ja die Kohle verdienen.

Wenn nur eine einzelne Mutter da ist, dann jongliert die sich halt einen Halsbruch, damit die Kohle reinkommt UND die Kinder versorgt sind. Geht auch, irgendwie. Irgendwie scheisse, aber es geht.

„Warum musst Du eigentlich immer arbeiten?“ jammert mich gestern mein Kopfweh-Kind an, und ich bin vor schlechtem Gewissen im Boden versunken. Weil mein Urlaub für die Schulferien drauf geht. Weil ich mir keinen einzigen der 40 mir zustehenden Tage unbezahlten Urlaub leisten kann: mit 70% Gehalt kann ich mein sorgfältiges kleines Familien-Konstrukt nicht aufrecht erhalten („bitte denken Sie daran, 50€ für die Klassenfahrt zu überweisen“, „Bitte geben Sie ihrem Kind 50€ für das Ferienprogramm mit“, Kita-Freizeit für ca. 150€ steht an und Mist: die Hortfreizeit mit ihren ca. 60€ kommt ja auch noch!).

Gestern hatte ich Abenddienst im Job, der Babysitter war bei den Kindern und ging nach Hause, wie besprochen, als die Kinder schliefen. Beim Schlußapplaus meiner Veranstaltung ruft die Tochter an „Ich hab so Ohrenschmerzen!“. Babysitter schon weg, und beim Job niemand da, der übernehmen könnte. Also 120 gutgelaunte Menschen aus dem Biergarten geschmissen, um den Laden abzuschließen und zum Kind zu eilen. Die Gäste fanden’s blöd, das Kind fand’s blöd, ich fand’s blöd. An solchen Tagen denke ich: ich lasse es einfach. Ich kündige. Wir ziehen in ein 2-Zimmer-Loch, ich kündige alle Versicherungen und Renten und wir haben nix, aber ich hab Zeit für die Kinder.

Das ist natürlich Quatsch, denn ich liebe meinen Job und ich liebe meine Kinder. Ein unglückliche arbeitslose Mutter in einem 2-Zimmer-Loch geht den Kindern ganz sicher ziemlich auf die Nerven, und ich sollte mich glücklich schätzen, dass ich diesen Job habe, wir uns eine schöne Wohnung, die nötigen Versicherungen und Rücklagen für meine Rente leisten können (und die Hortfreizeit, das Ferienprogramm, die Klassenfahrt etc.). Ich will mein eigenes Geld verdienen und nicht abhängig sein, weder jetzt noch später. Aber es funktioniert eben alles nur, so lange die Kinder nicht krank sind, denn dann komme ich im Nullkommanix an meine Grenzen.

Was wäre denn, wenn es immer die Väter wären, die sich um die kranken Kinder kümmern (müssen)?  Weil Frauen in ihrem Jobs leider völlig unentbehrlich sind? Ich wette, es gäbe komplett andere Sicherungs- und Sozialsysteme in diesem Land! Es gäbe 10, ach was: 20 Tage pro Kind BEZAHLTEN Urlaub zusätzlich, nicht so wie jetzt: 10 Tage unbezahlten Urlaub. Es gäbe für den Vater Haushaltshilfen, für die Kinder Krankenpfleger und für alle zusammen mobilen gesunden Mittagstisch von der Krankenkasse, unbürokratisch und serviceorientiert. Nicht so wie jetzt: Haushaltshilfe nur, denn die Mutter krank ist, nicht aber wenn die Kinder krank sind. Es gäbe home office mit kompletter Ausstattung vom Arbeitgeber, es gäbe Arbeitszimmer, die ohne komplizierte Auflagen und Nachweise zu 100% von der Steuer absetzbar sind. Es gäbe fette und kostenlose Datenautobahnen direkt ans Krankenbett des Kindes, damit Papi auch ja das Projekt weiter leiten kann. Es gäbe flexible Arbeitszeitgestaltung und Verständnis auf allen Seiten, wenn man allen guten Rahmenbedingungen zum Trotz dann doch einfach mal 3 Tage komplett zu Hause bleibt, unerreichbar für Chef, Kunden, Gäste und Projekt, weil man dem Kind noch ein Zwiebelsäckchen fürs Ohr bereiten und es einfach mal ein paar Stunden im Arm halten muss.

Und es wäre das gesellschaftspolitisch und zwischenmenschlich absolute no-go , einen gedankenlosen Satz rauszulassen wie „Deine Kinder sind aber oft krank!“.

 

krankes Kind

Advertisements
Deine Kinder sind aber oft krank!

10 Gedanken zu “Deine Kinder sind aber oft krank!

  1. tine schreibt:

    Mit meinem Arbeitgeber habe ich großes Glück: Ich kann pro Kind 10 Tage bezahlt zuhause bleiben, bis sie 15 sind, muss erst zum Arzt wenn sie länger als drei Tage krank sind. Das kommt bei uns aber eigentlich nicht vor. Bis jetzt.

    Wieso wirst du nicht weiterbezahlt, wenn die Kinder krank sind?

    Gefällt mir

  2. Isa schreibt:

    Da ich in Luxemburg arbeite und nur 2 Tage pro Jahr und Kind habe bleibt meist mein Mann zu Hause. Das ist zwar nicht gern gesehen vom Arbeitgeber aber „geduldet „.

    Gefällt mir

  3. So wahre, wahre Worte. Ich selber bin kinderlos, dennoch beobachte ich mit Schrecken wie mit dem Thema in meinem beruflichen Umfeld umgegangen wird. Kein Wunder, dass ich die Entscheidung Kind oder kein Kind immer noch vor mir herschiebe. Inzwischen bin ich 36… bald ist es zu spät. Entsetzt hat mich folgende Situation in meinem Betrieb: Dort haben wir vor einiger Zeit versucht mit dem Arbeitgeber zu sprechen bezügl. eines Zuschusses für die Betreuung der Mitarbeiterkinder in einer lokalen Kita. Seitens des Arbeitgebers UND vieler Kolleginnen und Kollegen kam das Argument: Warum müssen wir jetzt die Kinder von anderen finanzieren? Schließlich war es doch die Entscheidung der Eltern Kinder zu bekommen, nicht meine. Somit sollen die Eltern jetzt auch bitte mit den Konsequenzen leben. Traurig, traurig. Alle wollen später im Alter genug Rente haben und immer einen Pfleger an der Seite, der sie ggf. im Altenheim oder zu Hause betreut. Aber die Eltern, die jetzt Aufwendungen für all die zukünftigen Altenpfleger und Rentenkasseneinzahler haben, will niemand unterstützen. Das ist ähnlich wie beim Klimawandel: Man schaut nicht einen Millimeter über den Tellerrand und denkt kein Stück über die Konsequenzen des aktuellen Handelns nach. Wenn unsere Gesellschaft da nicht langsam mal einlenkt, dann braucht man sich nicht wundern, wenn irgendwann alles den Bach herunter geht. Daher absolutes „Daumen hoch“ für alle Mamis und Papis, die tapfer dieses Abenteuer wagen und sich all diesen Hürden stellen! Ich hoffe ich werde den Mut auch noch finden.

    Gefällt 1 Person

  4. Hat dies auf Dr.Mama.Arbeitstier. rebloggt und kommentierte:
    Deine Kinder sind aber oft krank!

    Mutterseele Sonnig hat´s wieder Mal erwischt: Ihre Kinder sind krank. Kenn ich. Haben wir auch. Aber nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Immer dann, wenn ich glaub, der andere kriegt es diesmal, nur diese eine Mal, doch nicht, kriegt er es doch. Oder doch lieber ganz was anderes. Gehen die eigentlich Krankheiten shoppen? Ich hab da den Verdacht, dass sich die Kids im Kindergarten absprechen. So à la: „Mama ist so viel in der Arbeit. So gestresst. Hat irgendwer halsweh? Oder Fieber? Dann her mit ein paar Vieren, Bakterien, Rotzglocken Marsch. Dann hat sie endlich eine Auszeit und kann sich daheim mit mir erholen.“ Doch irgendwie wird es dann meist noch mehr. Denn meist lieg dann auch noch ich flach – und bekomme zu hören … tataaaa … „Na du bist aber oft krank“.

    Also ich hab ja da den Verdacht, dass das liebe Umfeld die Diagnose „Du/ Deine Kinder/ Deine Fische/ Dein Hund (hier bitte beliebig einsetzen) ist aber oft krank“ schon als Kritik meint. Denn: Die gute Hausfrau und Mutter, die Familienmanagerin hat gefälligst dafür zu sorgen, dass alles läuft. Rund bitte schön. Nicht hatschert oder patschert. Und wenn da jemand ausfällt, ist da schon die Mutter Schuld. Die hat sich da wohl wieder auf die faule Haut gelegt und nicht genug (auch hier bitte wieder selbst das Passende ankreuzen) Bio-Essen gekocht, Gemüse angeboten, Bazillen aus der Wohnung geputzt, Kinder gekuschelt oder sie zu viel Stress ausgesetzt (das schlägt sich ja aufs Immunsystem), zu viel mit ihnen geschimpft (das auch), zu viel Druck gemacht mit Anziehen oder am Klo (nicht am Parkett) Lulu-Machen. So halbkrankes Kind braucht jetzt wieder Mamaaaaaa (und ich fürcht, er meint damit mich 😉 ).

    Gefällt mir

  5. SilkeAusL schreibt:

    Ich stimme Maramarin21 da zu, dass es nervt, wenn man mit offensichtlichen Krankheiten mit dem Kind zum Arzt muss. Wobei:muss ich als Erwachsener ja auch..wenn ich da an mein letztes Mal denke: von abends um 10 bis morgens um 5 auf der Toilette gehangen. Vater angerufen:Du musst die Kinder in den Kindergarten bringen…Er:Geht nicht, ich muss arbeiten(5Minuten von uns und Kita entfernt). Also schnell Kinder weggebracht, um 8 beim Arzt angerufen:kommense mal um zehn. Dort bis nach Zwölf gehockt. Zwei Stunden geschlafen, Kinder abgeholt…
    Haushaltshilfe?Dauert viel zu lange. Ja, wenn man vorher weiß, man wird operiert oder ähnliches, dann geht das wohl, aber im Akutfall?“So schnell haben wir keine Kräfte frei…“
    Der Vater war auch noch nicht einen Tag wegen kranker Kinder zu Hause. Selbst als ein Kind eher abgeholt werden musste, musste MEIN Vater anrücken(mich hatten sie telefonisch nicht erreicht, arbeite in einem Funkloch 56km weit weg…)…
    Vorgeschoben wird dann immer, könne er nicht machen, dann würde er gekündigt und so ein Mist.
    Seitdem ich aus der Elternzeit wieder da bin, war ich glaube ich die Hälfte der Zeit NICHT da, aufgrund Krankheit. Die Kinder habens zwei Tage(natürlich hintereinander),ich zwei Wochen im Anschluss…ICH muss davon Miete und sonstige Lebenshaltungskosten zahlen, wovon Ersteres wegen Eigentum schonmal bei ihm wegfällt. Klar verursacht Eigentum auch Kosten, aber man steht nicht sofort auf der Straße!
    Ich ärgere mich maßlos darüber, dass Männerjobs immernoch mehr Wert sind als die der Frauen/Mütter. Besonders, wenn es nur Teilzeitjobs sind, da es organisatorisch gar nicht anders geht!!

    LG Silke

    Gefällt mir

  6. Manche Mütter lassen sich selber krank schreiben. Geht offiziell natürlich nicht, aber 10 Tage krankes Kind (ich würde es übrigens nicht Urlaub nennen!) sind sehr bürokratisch zu beantragen und reichen je nach Kranksein auch nicht. Und dennoch bin ich froh, in einem Land zu leben, in dem es wenigstens das gibt. Aber zufriedenstellend ist es natürlich nicht.
    Kein Wunder auch, dass so viele kränkelnde Kinder in Kita und Schule geschickt werden. Und da beginnt der Kreislauf wieder von vorne. Von einer Krankheit in die nächste ….
    „Deine Kinder sind aber oft krank!“ ist genauso ein Spruch wie „Du wolltest doch Kinder!“ Leider setzen sich solche Sprüche ziemlich fest im Kopf und machen noch lange ein schlechtes Gewissen.
    Wenn Väter zu Hause bleiben, kommt es in die Presse. So wie bei Hr. Gabriel. Da muss ich kotzen!

    Gefällt mir

  7. Außerdem finde ich es nicht in Ordnung, dass eine Mutter immer sofort mit ihrem Kind zum Kinderarzt muss. Es gibt die üblichen Sachen, wo klar ist, was es ist und was zu tun ist. Und anstatt, dass sich das Kind zuhause erholen kann, sitzen Mutter und Kind stundenlang in einer überfüllten Kinderarztpraxis und holen sich dort im Wartezimmer womöglich noch eine schlimmere Erkrankung als die wegen der sie eigentlich da sind.

    Gefällt 1 Person

  8. Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht. Vielen Dank. Ich fühle mich schon immer wie eine „Verräterin“, wenn meine Mutter bei krankem Kind anrückt. So wird in der Firma, sofern ich es nicht sage, was ich aber meist aus Prinzip tue („Eigentlich wäre ich heute nicht da, aber meine Mutter passt freundlicherweise auf“), nämlich gar nicht ersichtlich, dass mein Kind mal wieder krank ist. Und dann heißt es bei mir nicht „Dein Kind ist aber oft krank.“

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s