Mein drittes Kind

Gerade habe ich den Text von Susanne Mierau über das Leben mit drei Kindern gelesen und habe sofort eine fetten Kloß im Hals: Wut und Trauer! Ich bin immer noch, 6 Jahre nach der Trennung, unfassbar wütend und traurig darüber, dass der Mann, mit dem ich Familie leben wollte, nicht Familie leben wollte. Drei mal war ich schwanger von ihm, zwei Kinder haben wir bekommen.

Als wir uns kennen lernten, wollten wir mindestens zwei, am liebsten drei Kinder, und im Grunde meines Herzens habe ich drei Kinder. Manchmal, wenn ich meine beiden anschaue, überkommt mich die Trauer, dass da eines fehlt. Eines, für das es keine Familie mehr gab. Als ich meinem Mann damals sagt, ich sei zum 3. Mal schwanger, hat er mich angesehen und ich wusste: es ist vorbei. Da war Erschütterung und Entsetzen in seinem Blick, nur einen ganz kurzen Augenblick, dann hatte er sich gefasst und mich schief angelächelt. Diese Sekunde hatte mir gezeigt, dass ihn dieses dritte Kind völlig überfordert, dass er es uns, unserer Beziehung nicht mehr zutraute. Ein paar Wochen später gab es immer noch keinen Herzschlag beim Kind, nur Schmerzen bei mir, und exakt 9 Monate später habe ich mich von meinem Mann getrennt.

Susanne Mierau schreibt so liebevoll über ihren Mann als den „erfahrenen Vater an ihrer Seite“, und darum beneide ich sie unendlich. Mein Mann konnte sich nie so recht zu dem Status „erfahrener Vater“ durchringen, er hat sich immer eher im Status „huch, ich hab Kinder, wie ulkig!“ gehalten. Sich an den Kindern zu orientieren, an ihrem Rhythmus und Bedürfnissen, fand er eher spießig. Frauen im Bekanntenkreis waren dann cool, wenn man ihnen „gar nicht anmerkt, dass sie Mütter sind“. Es wurde viel darüber lamentiert, was man alles verpasst, jetzt wo man Kinder hat, welchen Urlaub man nun nicht mehr machen kann, welche Festivals man nicht besuchen kann und welche Autos man nun fahren muss. Das Spiel um Platz 3 der WM 2006 fand in Stuttgart statt, das legendäre Sommermärchen. Auf unserem Balkon haben wir die Jubelschreie aus dem Stadion gehört, beim public viewing auf dem Schlossplatz waren Millionen Menschen. Und ich habe mir den ganzen Abend angehört, dass wir das wegen unserer Kinder verpasst haben, „die ganze Welt schaut auf Stuttgart und wir hocken zu Hause!“. Ja, denn K1 war 16 Monate alt und ich war im 5. Monat schwanger und hatte den Ischias eingeklemmt, weshalb ich das Kleinkind nicht schmerzfrei alleine ins Bett bringen konnte, sorry! Hätte es vor 6 Jahren den Begriff Regrettingfatherhood schon gegeben, er wäre das beste Beispiel gewesen.

Die Bezeichnung „Familienmensch“ war für ihn eher eine Beleidigung als eine Auszeichnung. Die Kinder waren in dem Moment toll, wo sie witzig, cool, frech waren, aber nicht, wenn man wegen ihnen man früher von der Arbeit nach Hause kommen sollte. Früher als 20 Uhr. Mein Exmann hat es wochenlang geschafft, die Kinder nur am Wochenende zu sehen, obwohl er die ganze Woche da war und wir sogar dieselbe Wohnung bewohnt haben: wenn er von der Arbeit kam, waren die Kinder im Bett, wenn er aufgestanden ist, waren sie entweder schon in der Kita oder er musste so früh los, dass die Kinder noch geschlafen haben. Seine Zeit war immer wichtiger als meine, denn er hat ja das Geld verdient. Ich hab mich bloß um die Kinder gekümmert, das war nicht so viel wert.

„Er macht es anders mit den Kindern, aber er macht es“ wie Susanne über ihren Mann schreibt, hätte ich mit Kusshand genommen, wenn er es denn gemacht hätte. Wie schon in einem anderen Text geschrieben: den Schwenk auf „wir haben Kinder, wir sind Familie, alles ist anders, es ist toll so, und vor allem: wir machen das zusammen!“, den hat er nie hingekriegt. Was wir, und vor allem unsere Kinder, dadurch an Familienleben verpasst haben, das werde ich ihm wohl nie verzeihen. Es bleibt eine unglaubliche Wut und Trauer darüber, dass wir keine Familie erleben dürfen. Ich wollte keine kinderfreien Wochenenden, ich wollte Familie!

Liebe Susanne, Dein Text hat mir den Sonntag versaut, denn er hat mir einen Flashback erster Güte beschert. Aber auch eine Besinnung auf meine Kinder und auf das, was mir an Familienleben geblieben ist, und dafür danke ich Dir. Ich lebe mein Familienleben nun eben alleine mit den Kindern, ich genieße jede Sekunde mit den Kindern und ich werde die Zeit mit ihnen nicht runterzählen, egal wie anstrengend es ist. Dir und allen, die noch eine Familie mit zwei Eltern sind, wünsche ich von Herzen: haltet Euer Glück fest.

es ist nie zu spät für eine glückliche kindheit
So steht es bei uns im Eßzimmer geschrieben, und so ist es
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Mein drittes Kind

21 Gedanken zu “Mein drittes Kind

  1. ich finde mich in deinem text wieder 😦 folgende lehren hab ich gezogen die ich auch an meine tochter weitergeben werde:

    1) den zukünftigen vater deiner kinder musst du mit größter sorgfalt wählen und selbst das ist keine (!) garantie dass er als vater taugt. das kannst du wirklich erst wissen wenn das kind da ist.
    2) eine frau wird praktisch automatisch erwachsen und verantwortungsbewusst wenn ein kind da ist, bei einem mann ist das optional.
    3) so blöd es klingt: der zukünftige vater deiner kinder sollte nicht arm sein denn so bekommst du wenigstens ordentlich unterhalt wenn es schiefgehen sollte.
    4) viele männer sind nichts anderes als große kinder und finden das auch noch „cool“ und „lässig“. am wichtigsten ist ihnen was ihre peer group von ihnen denkt (d.h. andere männer auf der arbeit, beim sport usw).

    von meinem bruder (verheiratet und ein sehr liebevoller fürsorglicher vater) bekomme ich übrigens immer die besten einsichten. er hält nicht viel von seinem eigenen geschlecht, von ihm stammt folgende einsicht: wenn ein mann nicht gezwungen wird (durch umstände, gesellschaftlichen druck oder im idealfall durch seine eigene moral/empathie) dann wird er auch nichts tun. männer sind sozusagen von natur aus faul. andererseits denke ich: diese männer waren ja irgendwann mal klein und wurden erzogen (wahrscheinlich zum großteil von ihren müttern!) d.h. es liegt zum großteil an _uns_ frauen dass die nächste generation männer etwas taugt und es immer mehr gute männer/väter gibt! wir müssen unsere söhne zu respektvollen, liebevollen und vor allem verantwortungsbewussten menschen erziehen 🙂

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  2. Liebe Mutterseele,
    manchmal hilft Abstand und Zeit.
    Ich wünsche dir und deinen Kindern sehr, dass dein ehemaliger Partner vielleicht mit diesem Abstand auch noch etwas anderes in der Vaterrolle erkennen kann, als Belastung und Pflicht.
    Liebe Grüße,
    Britta

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  3. Anna Lina Hanner schreibt:

    Liebe Mutterseele,
    ganz ehrlich, ich habe beim Lesen des Textes von Susanne fast dasselbe gedacht: Was eine gesegnete Frau, was ein toller Mann, warum war mir das nicht gegönnt!?! Denn so einen Mann wie Susanne hatte ich wohl ebenso wenig wie du, als unsere Tochter unterwegs war. Ich hatte auch einen, der sich nach seiner Freiheit sehnte, nach den Saufabenden mit den Kumpels. Einen, der 2/3 der Schwangerschaft weder mich noch meinen Bauch anfasste, einen, der im Nachhinein zugab, der Tag, der Geburt seiner Tochter war emotional nicht so sehr von Bedeutung. Nach fast vier Jahren Vaterschaft trennten wir uns. Er habe keine Kraft mehr, um um ums zu kämpfen, sagte er damals.
    Heute, noch einmal vier Jahre später, habe ich ihm verziehen, das meiste zumindest. Wir verstehen uns gut, er bemüht sich, sich um unser Kind zu kümmern, auch wenn ihm das immer noch nicht leicht von der Hand geht und ich ihn immer noch manchmal schütteln möchte…
    Ich habe einen wunderbaren, neuen Mann kennen und lieben gelernt und wir wünschen uns von Herzen noch ein gemeinsames Kind. Denn er hatte nach seiner Scheidung das Problem, dass ihm die Ex das gemeinsame Kind mutwillig entzog, obwohl er sich nichts mehr wünschte, als eine innige Beziehung ihm. Die verlorenen Jahre mit seinem Sohn bringt ihm keiner zurück… sowas gibt es also auch.
    Ich wünsche dir von Herzen, eines Tages vielleicht doch noch einen Traum von Familie leben zu können. Es wird nicht derselbe sein wie damals, aber es wird ein anderer sein, ein schöner, ein dann perfekter Traum von Familienglück!
    Fühl dich gedrückt, du machst das toll, deine Kind sind sehr gesegnet mit einer Mutter wie dir!

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  4. Isabel schreibt:

    Sehr oft ist mir bewusst, wie wundervoll der Mann und Vater an meiner Seite ist, auch wenn er Blödheiten und Fehler begeht. Aber er tut. Er kümmert sich und er liebt seine Kinder und mich. Ich bin dankbar für fünf gemeinsame Jahre, zwei Kinder an der Hand und eines im Herzen und einer Zeit, die weiss Gott nicht immer leicht war. Aber wir sind gemeinsam durch den Sturm gegangen.

    Nach solchen Texten weiss ich erst, welches unglaublich verdammte Glück ich habe.

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  5. Barbara Morscheck schreibt:

    Liebe sonnige Mutterseele, ich freue mich über deine Texte, ich war dabei und ich weiß, so war’s und so schreibst du’s, ohne Schnick und Schnack, ohne Filter und Weichzeichner. Danke dir dafür und Danke für Dich.

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  6. jettehalbesachen schreibt:

    Ach du Liebe: Ich kann Deine Wut so gut verstehen – auch wenn ich sie nicht persönlich nachvollziehen kann! Ich bin stellvertretend ein bisschen mit-wütend. Aber du hast zwei wunderbare Kinder und bist eine tolle Frau! Und irgendwie ist es so definitiv besser als „alleinerziehend mit Mann“. Fühl dich ganz doll gedrück!

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  7. Bei mir war es ähnlich, nur das der Vater meines Großen Jungen lieber mit einer anderen Frau noch mehr Kinder bekommen hat. Als ich dann noch einmal sehr enttäuscht wurde, dachte ich, ich muss mein ganzes Leben als Teilzeitmutter verbringen und das alle Männer gemein sind. Und dann habe ich den Liebsten getroffen….Und nun habe ich die Familie und den Partner, mit dem alles so perfekt, wie ich es mir nie erträumt hätte. Dieses Glück wird auch bei dir einziehen. ..Es braucht nur manchmal länger.

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  8. Hallo, ich erziehe meine KInder seit 11 Jahren allein. Ich weiß genau wovon Du sprichst. Der Vater meiner drei großen Kinder lebte nach außen den Familienvater und abends ging er dann auf Tour in die Diskotheken.
    Der Vater meiner jüngsten Tochter erzählte wie anders er sei und malte ein Bild mit seinen drei großen Kindern, dass der Realität nicht standhielt. Da war ich aber schon mit meinem vierten Kind
    schwanger.
    Ich drück Dich unbekannterweise mal und wenn Du Kontakt möchtest, schreibe mich gerne per mail an.
    die sammlerin

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  9. Verena schreibt:

    Ja, danke für den Text. Noch habe ich das, was nach außen hin wie Familie wirkt, aber sich nach innen hin fast nie danach anfühlt. Und ob ich es mit aller Kraft halten will-so wie ich es seit Jahren tue-, weil es eben nichts anderes war, was ich mir immer wünschte, das bezweifele ich immer stärker. Ich hab übrigens auch zwei Kinder, eines davon an der Hand, das andere im Herzen. Und es war genauso: ich habe an seiner Reaktion gesehen, das wird nichts. Und so blieb es auch.
    Und auch mich hat Susannes Text traurig gemacht, sehr sogar. Aber mir auch gezeigt: das hier ist und bleibt MEIN Leben, und genau darum geht es jetzt.

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    1. Susanne schreibt:

      Mir ging es genauso, ich habe ein Bild aufrecht erhalten von einer Familie, die es so gar nicht gab.
      Ich will auch gar nicht jammern, den Entschluss das lieber alleine zu machen, hab schon ich getroffen. Weil alles andere eben auch so viel Kraft kostet, dieses Aushalten, ständig für gute Stimmung sorgen damit er bloß nicht genervt ist. Immer wieder einfühlsam erklären, dass die Kinder nicht grundböse sind, sondern klein und ganz normal, mit ihren Bedürfnissen eben.
      Und ich weiß auch, dass ich das Richtige getan habe. Uns dann sind da trotzdem diese Tage, wo ich mich frage, wo verflucht nochmal mein Märchenprinz ist?

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  10. Ein sehr berührender Text. Danke. Wenn man bei Dir regelmäßig liest, Mutterseelesonnig, dann weiß man aber auch, dass Du das mit Deinen Kindern in ganz bewundernswerter Weise machst und dass sie es sehr gut haben bei und mit Dir. Alles Liebe für Euch.

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  11. Mir kommt es ein wenig bekannt vor, es gibt sehr viele Parallelen.
    Doch bei mir endete die Geschichte mit dem Ex bereits ein Kind früher und kurz vor dem 1. Geburtstag.
    Zuerst mein größter Verlust, dann mein größtes Glück – denn „mein Familienleben“ bekam eine 2. Chance.
    Ich wünsche Dir eine ebensolche und dass Du den Mut hast, sie zu ergreifen!

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    1. Yvonne schreibt:

      So war es bei mir auch. Nur dass Papa Nr. 2 sich beninmt wie ein A… die Kleine ist 4 Monate alt und ein solcher Sonnenschein – eigentlich ein Wunder, wenn man bedenkt, welch Stress, Geheule und Geschrei sie schon in meinem Bauch miterlebt hat. Bei ihr ist er zuckersüß, für ihren Bruder und mich hat er weder nette Worte oder auch nur einen liebevollen Blick übrig, keine Anerkennung, nichts. Ich bin inzwischen vom Stress körperlich krank – nun muss ich für meine Kinder und mich wieder gesund werden. Ich wünsche Euch, dass Ihr Euch besser um Euch selbst kümmert…

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  12. Alles Liebe für dich und deine Kids! Ich wünsche euch, dass ihr den Rückhalt und die Unterstützung, die du dir vom Vater deiner Kinder gewünscht hättest, von anderen Personen in eurem Leben erhaltet.

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  13. Dani schreibt:

    Mir kommen die Tränen wenn ich das lese…bleibe stark, liebe deine Kinder und genieße die gemeinsame Zeit mit ihnen… danke für den Mut das zu schreiben! Alles Gute für dich und deine Kinder!

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  14. Susanne schreibt:

    Danke, dass du es aussprichst! Danke!
    Hier ist es fast genauso, nur mit 4 Kindern. Ich befinde mich plötzlich in der Situation, kinderfreie Tage zu haben, aber keine Familie.
    Fühl dich unbekannterweise gedrückt, wir sind nicht allein.

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    1. Was ich dann noch schlimmer finde, dass sich dann Leute es schaffen, den Müttern die schuld zu geben: die Frau hätte merken müssen dass der Mann kein Familienmensch ist.
      Wie soll man das vorher testen? Geht nicht.

      Ich verstehe euch. Ich bin immer wieder wütend wenn ich meinen Nachbarn begegne, der es wie eure Männer gemacht hat. Er ruft Frau und Kind täglich an aber mehr als ein paar Tage Urlaub will er sie nicht um sich haben.

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