Bloggen: wenn Privates politisch wird

Bloggen aus Selbstzweck, anonym und privat

Ich habe das Bloggen aus purem Selbstzweck angefangen: ich schreibe gerne, fabuliere und formuliere gerne, oder wie man am Niederrhein sagt: ich komm gut vonne Wörter. Außerdem geht es mir gut, wenn ich mir was von der Seele schreibe, weshalb ich seit 30 Jahren Tagebuch schreibe. Auf meiner Startseite habe ich das so beschrieben:

Ich schreibe hier, weil ich den Ungerechtigkeiten, denen ich als Alleinerziehende manchmal ausgesetzt bin, nicht ohnmächtig gegenüber stehen, sondern sie in die Welt hinausschreien will. Und weil das Leben mit meinen Kindern so großartig, faszinierend, anstrengend, urkomisch, bizarr und bereichernd ist, dass ich es einfach aufschreiben und (mit-)teilen muss.

Und ich tausche mich gerne aus. Da ich im real life nicht dazu komme (so ab 22/23 Uhr), dachte ich, ich schreib meinen Rotz jetzt mal ins Netz. Vielleicht ist da draußen ja jemand, den’s interessiert? Wär ja zu schön!

Also total privates und gerne auch anonymes Bloggen, da muss ich mich nicht verstellen, keine falschen oder echten Rücksichten nehmen und kann auch mal Dampf ablassen. Für den Anfang hat das ganz gut geklappt, es gab und gibt erfreulicherweise immer mehr Menschen, die meine Texte lesen. Aber was mich völlig umgehauen hat: es gibt Menschen, die meine Texte berühren. Reaktionen wie „Es hat so gut getan Deinen Text zu lesen“, „Du schreibst mir aus der Seele“, „vielen Dank für Deine Gedanken“ und sogar „ich musste weinen bei Deinem Text“ ziehen mir wirklich jedes Mal die Schuhe aus und ich möchte diese Menschen sofort umarmen, herrje! Dass jemand mein Geschreibsel nicht nur interessiert zur Kenntnis nimmt, sondern tatsächlich etwas beim Leser passiert, damit hatte ich nicht gerechnet, und das macht mich unglaublich, ähem: stolz? Ja, stolz, weil ich offenbar ausdrücken kann, was andere so nicht sagen konnten, aber sich nun erleichtert in meinen Formulierungen wieder finden. Da bin ich froh und auch dankbar, dass meine Worte helfen konnten. Und es kam auch auch die Erkenntnis: ich bin ja gar nicht allein damit.

Ich bin nicht allein

Dies öffnet die nächste Dimension: ich bin nicht allein. Nicht nur mit meinen Gefühlen, auch mit meiner Situation. Meine Situation, mit den Kindern in dieser Gesellschaft alleine da zu stehen, sich gegen Unmöglichkeiten aller Arten alleine durchzusetzen und dabei noch so etwas wie eine Karriere durchzuziehen, den Kindern den Rahmen für ein glückliches Aufwachsen zu schaffen, sie zu unterstützen und zu begleiten, dabei nicht selber vor die Hunde zu gehen und die Katzen noch zu füttern. Wenn meine Texte von meiner Situation handeln, kommen Kommentare wie „Gut dass das mal jemand aufschreibt“ oder „alle bitte mal lesen, das hier ist wichtig“. Wow! Auch hier hatte ich maximal mit wohlwollendem Kopfnicken gerechnet, aber dass selbst meine Leser das Gefühl bekommen, dies müsste nun mal laut und allen gesagt werden, auch das macht mich stolz! Und auch hier wieder: ich bin damit gar nicht alleine? Geht’s Euch genauso? Geht’s uns am Ende allen so?

Da muss man doch was tun?!

Bei mir ruft sowas sofort Aktivismus auf den Plan, da gären Ideen, mein Netzwerk-Hirn gerät ins Grübeln, ich spinne herum, lese hier und frage dort und dann kommt da sowas wie die Aktion #muttertagswunsch bei raus. Denn in den paar Monaten die ich blogge, habe ich eins gemerkt: wir sind Familie, wir sind viele, und wir sind laut! Ob nun gerade diese Aktion den nächsten große Wurf der Familienpolitik begründet, wage ich zu bezweiflen, aber sie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg dahin, dass Familien gehört werden. Da ist dann aus meinem kleinen privaten anonymen Blog mal flugs ein politisches Blog mit Klarnamen geworden, denn ohne Impressum und einen echten Namen geht so eine Aktion halt nicht. Gut, dann eben nicht anonym, dann werden mich halt irgendwann genau die Leute hier in diesem Internet finden, vor denen ich mich mal in Ruhe verstecken wollte. Aber fürs Verstecken-Spielen war ich schon als Kind zu ungeduldig. Ich nenne das mal die aktive politische Variante, denn für mich gibt es noch die eher passive politische Variante im Blog: ich beschreibe einfach mein Leben.

Seht eher, so ist das bei uns!

Ich mache mein privates Leben öffentlich mit der Intention: seht her, so ist das bei uns! Ihr kinderlosen Menschen, Ihr habt vielleicht eine ungefähre Ahnung, wie Familienleben aussieht, aber hier seht Ihr es live und in Farbe, mit all seinen Großartigkeiten und Unmöglichkeiten. Ihr Eltern in Beziehungen, Ihr habt vielleicht eine Ahnung, wie es sich als Alleinerziehende lebt, aber hier seht Ihr es in allen Konsequenzen. Ihr Männer und Frauen, die Ihr (zu) viel arbeitet: so sieht die Nummer für Eure*n Partner*in aus, der oder die auch gerne arbeiten UND mit den Kindern leben möchte. Ihr Frauen, die Ihr wie ich allein mit Euren Kindern lebt: wir schlagen uns zusammen durch und halten trotzdem immer wieder die Nase in die Sonne. Ihr Alle, Ihr habt Euren Lebensentwurf, er ist wahrscheinlich toll, aber er ist nicht der einzige, es gibt noch meinen und tausende andere, schaut über den Tellerrand, erweitert Euren Horizont, lasst Euch bereichern.

Ich finde es wichtig, das Leben mit Kindern darzustellen, denn ich glaube manchmal, dass die, die darüber in der Politik entscheiden, gar nicht wissen, worüber sie da entscheiden. Deshalb ist dies tatsächlich meine Motivation: seht her, so ist das bei uns! Sehr inspiriert von Susanne Mierau mit dem Wochenende in Bildern, die diese Initiative gestartet hat, um  den den Austausch in der Elternschaft anzuregen: „Sehen, wie unterschiedlich die Zeit gestaltet werden kann, welche Ideen verschiedene Familien haben. So bunt ist Elternschaft!“. Ich lese gerne die Wochenenden der anderen Familien, denn es macht nicht nur Spaß und gibt tatsächlich viele Anregungen, sondern es vermittelt mir auch ein authentisches Bild von Familienleben in Deutschland. Ich kennen ja nur mein eigenes und vielleicht noch das von ein paar Freunden, aber dieses WiB gibt einen einerseits recht intimen und andrerseits sehr umfassenden Einblick in das Leben mit Kindern. Deshalb mache ich da immer wieder gerne mit, und auch an meinen kinderfreien Wochenenden, denn die gehören für mich als Alleinerziehende genauso zu meinem Familienleben (und weil es wohl über nichts soviel Gerüchte gibt wie über die kinderfreien Wochenenden einer SingleMom)

Aus ähnlichen Beweggründen habe ich auch bei family unplugged mitgemacht: weil ich etwas mitzuteilen habe: seht her, so ist es, das Leben alleine mit den Kindern. Bevor Ihr Euch eine Meinung dazu bildet, schaut her, hört zu, lest nach. Ich kann dieses Projekt gar nicht hoch genug loben, denn da werden nicht nur Filmchen gedreht, die werden ja wirklich der Politik zur Verfügung gestellt, damit die mal nachschauen können, worüber sie da beschließen. Spätestens mit diesem Film samt Drehbericht, Gastbeitrag und zahlreichen Bildern bin nun wirklich nicht mehr anonym: jetzt kennen nicht nur alle meinen Namen, sondern auch mein Gesicht und ja: auch meine Kinder. Ich habe bei family unplugged nicht mitgemacht, weil ich mein Leben so großartig finde, sondern mit einer klaren politischen Intention. Wenn ich dabei helfen kann, das Leben mit Kindern zu bebildern und zu verdeutlichen, um der Politik auf die Sprünge zu helfen, dann bin ich gerne dabei!

Das Private ist politisch: wir sind Familie, wir sind viele, wir sind laut!

Aus diesen ganzen Gründen kann ich Alu von Grosseköpfe nur sehr unterstützen, die auf der denkst  gesagt hat: „Seid mutig, schreibt über Themen die euch bewegen in der Gesellschaft, benennt eure Fragen, euren Unmut und eure Sorgen. Das Forum der Eltern in Deutschland ist groß und stark und das Private ist somit beim Bloggen auch immer politisch.“  Politisch ist ja nicht nur, eine Aktion wie den #muttertagswunsch rauszuhauen, und nicht jeder stellt sich gerne vor die Kamera. Politisch ist in meinen Augen auch, das Familienleben in allen Facetten darzustellen (wir sind Familie!), es vor allem mal sichtbar zu machen (wir sind viele!) und sich über fehlenden Platz für Kinderwagen in Cafés aufzuregen (wir sind laut!). Deshalb muss ich der Frau Chamilion widersprechen, die sagt, dass der Großteil der Elternblogs nicht politisch sei: sie sind politischer, als sie selber vielleicht denken. Elternblogs schreiben über Familie, und „die Familie ist die natürliche Kernzelle der Gesellschaft“ (Art. 16 der allg. Erklärung der Menschenrechte) und damit ist Familie politisch, denn hier werden die Grundsteine der zukünftigen Gesellschaft gelegt. Ob mein Baby einen Pups quer sitzen hat, mein Kita-Kind auf einen Baum klettert, mein Grundschulkind ein Haustier versorgen muss, mein Teenie ins Smartphone glotzt oder meine Halbwüchsige die Nacht durchtanzt: wir als Eltern treffen die Entscheidung wie wir damit umgehen. Und ob wir dies bedürfnisorientiert tun, gewaltfrei, vertrauensvoll, diszipliniert, konsequent, aus der Not heraus, verzweifelt oder auch einfach gar nicht: wir prägen damit unsere Kinder und die Art, wie unsere Kinder in 20 Jahren die Gesellschaft gestalten werden. Politischer geht’s nicht.

Und so sitze ich an meinem Schreibtisch und blogge weder „nur“ privat noch anonym noch aus purem Selbstzweck, wie ich anfangs dachte. Aber das ist völlig ok, denn ich will ja was verändern. Für mich und vor allem für meine Kinder. Und der Anfang ist immer heute!

der anfang ist immer heute

 

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Bloggen: wenn Privates politisch wird

7 Gedanken zu “Bloggen: wenn Privates politisch wird

  1. lernbegleiterin schreibt:

    Ich mag sehr die Energie, die aus diesem Text strahlt. Man merkt dem Text an, dass es Dir ein echtes Anliegen ist, Dinge sichtbar zu machen, und Du damit auch gerade positive Rückmeldungen bekommst. Das finde ich motivierend und zeigt die Möglichkeiten jedweden Engagements. Freue mich auf weitere Texte!

    Gefällt 1 Person

    1. mutterseelesonnig schreibt:

      Hm, die Auswirkungen sind, dass ich im Web öfter mit meinem realen Namen angesprochen werde, aber aus meinem „echten“ Leben hat immer noch kaum jemand was mitgekriegt, außer die Leute, die ich selbst drauf aufmerksam gemacht habe. Ein Impressum brauchst Du spätestens dann, wenn Du deutschlandweite Pressemitteilungen rausgibst 😉

      Gefällt 1 Person

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