Schule – der Tragödie zweiter Teil

 

„Das ist alles falsch, das stimmt nicht, das habe ich nicht gesagt!“

Diese kategorische Abwehrhaltung kenne ich nur zu gut, ich habe ja zwei Kinder, allerdings hatte ich sie von der Klassenlehrerin meines Sohnes nicht erwartet. Heute morgen war ich zum Gespräch bei ihr, weil der Sohn vor den Ferien schlichtweg nicht mehr in die Schule gehen wollte. Er hat sich rundum geweigert, einen Aufsatz zu schreiben. Weinend hat er sich unter der Bettdecke verkrochen und jedes Gespräch wütend abgelehnt. Was genau passiert ist, habe ich hier aufgeschrieben, und heute morgen habe ich es genauso der Lehrerin geschildert. Und dass mein Kind an drei von fünf Schultagen morgens Bauchweh hat, aber nie am Wochenende, nie in den Ferien und schon gar nicht in der Mutter-Kind-Kur, ausschließlich zu Schulzeiten.

So redet mein Sohn über die Lehrerin: „Die meckert nur an den Aufsätzen rum, die die Kinder vorlesen, deshalb melde ich mich nie zum Vorlesen“, „Wenn ich die Hausaufgaben nach 45 Minuten nicht fertig habe, dann denkt die ich wär ein schlechter Schüler“, „Man muss aufpassen die Frau T. nicht sauer zu machen, dann schimpft die total viel, und das ist echt schlimm!“

„Ich schimpfe nie!“ hat sie entrüstet erwidert, „da können sie auch die anderen Kinder fragen!“. Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass ich von ihr keine Verteidigung erwarte, sondern dass ich ihr nur wiedergeben möchte, wie mein Sohn die Situation in der Schule empfindet, und ob sie eine Erklärung für diese Wahrnehmung des Kindes habe?

„Der nimmt das alles falsch wahr“. Aha: Es liegt also am Kind. „Es kann ja auch mit der Trennung zu tun haben“. Es liegt also auch an den Eltern, bzw. an mir. „Ich habe dafür keine Erklärung“: An IHR liegt es jedenfalls nicht. Sie hat keinerlei Lösungsansatz angeboten, sie hat nicht eine Sekunde Zweifel an sich und ihrer pädagogischen Arbeit in Betracht gezogen oder auch nur mal ihr Tun reflektiert. Sie saß mit verschränkten Armen vor mir und hat mir erklärt, das Kind mache sich selber den Druck, sie würde den Druck jedenfalls nicht erzeugen, und das sei auch unnötig, weil das Kind ja ein sehr guter Schüler sei. „Vielleicht nehmen Sie mal therapeutische Hilfe in Anspruch, das ist ja ein echtes Problem, da wird er am Gymnasium mit untergehen, mit dieser Einstellung.“

Sehr hilfreich, vielen Dank. Ich fasse zusammen: das Kind nimmt alles falsch wahr, das Kind braucht therapeutische Hilfe. Das Kind macht sich selber Druck, sie hat damit nichts zu tun. Sie schimpft nie und lobt ausgiebig, trotz exakt gegenteiliger Aussage des Kindes. Ich soll mal die anderen Kinder fragen, die könnten bezeugen dass sie nicht schimpft. Lernen Lehrer das so: alles abstreiten, was Eltern vorbringen, und auf gar einen Fall selber reflektieren? Ich soll jetzt Beratung und Therapie suchen, ich soll die anderen Kinder fragen, ich soll mir überlegen warum der Sohn sich Druck macht. Sie selber tut nichts, kann sich nix erklären, leugnet alles und weiß auch keinen Rat.

Dann war das Gespräch beendet, weil sie es so gelegt hat, dass nach genau 30 Minuten die Kinder in die Klasse gestürmt sind. Schönen Tag noch!

Und jetzt? Ich erkundige mich nach einem Vertrauenslehrer an der Schule. Ich beobachte mein Kind sehr genau, rede mit ihm über Hausaufgaben und Schule, schaue mir noch viel mehr alles an, frage nach. Ich spreche mit den Erziehern im Hort. Ich spreche mit dem Therapeuten, bei dem mein Sohn tatsächlich in Behandlung war. Ich frage andere Eltern, wie deren Kinder die Lehrerin wahrnehmen. Und dann werde ich vielleicht nochmal das Gespräch suchen, ohne Limit, mit Beistand (Vertrauenslehrer, Freundin). Ich habe also eine Menge zu tun, während die Dame sich entspannt zurück lehnt und versucht, ihre Arme aus der Verschränkung zu lösen.

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„…und dann schimpfte sie ihn tüchtig aus“
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Schule – der Tragödie zweiter Teil

15 Gedanken zu “Schule – der Tragödie zweiter Teil

  1. Schlimm! Wenn die Kinder so einer Situation ausgeliefert sind, legt sich das ja wie ein Nebel über alles. Kindern muss es gut gehen in der Schule, sonst läuft was schräg. Bin ich dankbar, dass meine vier Kinder bisher fast immer Glück mit Lehrern und Schulen hatten. Statistisch total unwahrscheinlich. Ich drücke Euch die Daumen!!!

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  2. Kenne ich auch. Englisch (Klasse7) letztes Jahr. Hab direkt im Anschluss das Gespräch mit der Direktorin geführt. Die war zu dem Zeitpunkt ahnungslos, da ich die erste war, die an sie herangetreten ist und die Lehrerin noch ziemlich neu. Ich hab dann auch noch mit dem Schulamt gesprochen. Erledigte sich dann aber von selvst. Ich blieb glücklicherweise nicht die einzige, die dort Probleme sah. Letztlich ist die Lehrerin nach 6 Monaten wieder gegangen. Ich wünsch dir starke Nerven und viel Erfolg.

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  3. „das Kind nimmt alles falsch wahr, das Kind braucht therapeutische Hilfe. Das Kind macht sich selber Druck, sie hat damit nichts zu tun.“ Kenne ich so ähnlich aus der Kita. Die Erzieherin hat sich um mein dreijähriges Kind überhaupt nicht gekümmert und dann mal präventiv los- und eine Therapie vorgeschlagen, damit keiner ihr vorwerfen kann, dass die Eingewöhnung in den Elementarbereich offensichtlich gescheitert ist. Habe die Kita gewechselt und bin noch immer stocksauer. Sie ist aber nicht schuld, dass mein Kind sich nicht eingewöhnt hat. Nein. Komischerweise hat mein Kind in der neuen Kita nicht einen Tag geweint und will immer so lange wie möglich dableiben.

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  4. Same here! Nur kämpft meiner jetzt in der 5. Klasse Gymnasium. 2/3 der Kinder in seiner Klasse sind übertrittsgefährdet. 2/3! Nach einem Gespräch der Elternsprecher mit der Klassleitung war klar:“Hey, die Kinder haben das nicht im Griff, wir Lehrer sind alle super.“ Da könnte man in die Tischkante beissen.

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  5. Bine schreibt:

    Ich kenne dies auch – mit der Mathelehrerin. Mein Sohn und einige andere Kinder hatten regelrecht Angst vor ihr. Mein Sohn wurde nicht mal direkt geschimpft und seine Leistungen waren und sind stets gut und dennoch hatte er immer Bauchweh bis hin zum Erbrechen vor Schulbeginn oder in der Schule. Einfach deshalb, weil sie „nur schreit und unfair ist und Kinder beleidigt, die die falsche Antwort geben“. Ein Gespräch mit der Lehrerin ergab nur: „Ich verstehe das nicht – ich habe kein Problem mit ihm !“ Von Empathie keine Spur. Ich habe dann die Reißleine gezogen und ihn kurzerhand (in Absprache mit der Schulleiterin) für eine Woche vom Mathematikunterricht ferngehalten. Um zu sehen, ob es an Mathe oder an Schule allgemein liegt. Und siehe da: keine Bauchschmerzen mehr. Keine Übelkeit. Nach der Woche ohne Mathe erfolgte ein Gespräch mit Klassenlehrerin, Mathelehrerin und Schhulleiterin. Ich habe nachgefragt, wie SIE ihren Unterricht empfindet – große Augen, ein riesiges Fragezeichen über dem Kopf. Letztlich war es sicher gut, dass die Schulleiterin mit dabei war und sie damit ihre Arroganz etwas zügeln musste. Und ich hatte das „gute Gefühl“, dass sie sich unter Beobachtung wähnt. Letztlich ist es etwas besser geworden – nachdem ich meinem Sohn zusätzlich den Rücken gestärkt habe und ihm zu verstehen gab, dass sie einfach eine blöde Kuh ist – oder ungelöste Probleme hat, die sich in ihrem schrecklichen Verhalten äußern. Und dass man im Leben immer wieder auf Menschen trifft, die man als sonderbar empfindet und mit denen man eigentlich nicht klarkommt, aber aufgrund der Tatsache, dass sie nunmal Lehrer / Chef / Kollege / Nachbarn sind und ein regelmäßiger Kontakt unvermeidbar ist, damit umzugehen lernen muss,
    Was ich aber mindestens ebenso erschreckend empfinde: einige Eltern klagten auch über die Frau – auch ihre Kinder fanden Mathe doof oder hatten Angst. Und dennoch hat sich KEINER getraut, mal den Mund aufzumachen – es könnte ja sein, dass die Kinder dann benachteiligt würden und schlechtere Noten bekämen …. als ob Noten wichtiger als das Seelenwohl des Kindes wären.
    Liebe Grüße

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  6. Es gibt so viele verbitterte LehrerInnen… Wir haben bisher großes Glück mit den Lehrern vom Ersten. Aber ich kenne das aus meiner eigenen Schulzeit. Leider ist es so, dass die Lehrer am längeren Hebel sitzen. Ich wünsche Euch gute Nerven und ein paar Mitstreiter, die die Wahrnehmung deines Sohnes stützen. LG

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  7. Ich hab drei grundschulen durch, alle scheiße, scheiß mittelstufe und dann am osz hagelte es einsen, schulwechsel können aber auch die ganze situation komplett ändern, dort ist dein kind ein neuer mensch, der auf unvoreingenommene menschen trifft, die ihm nicht vermitteln, dass er das problem ist..gestern hat mir meine nachbarin fast die gleiche geschichte erzählt, sie sucht auch eine neue schule…
    Was ich dir auch dringend emfehle!!!
    Lovis

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  8. Stephanie schreibt:

    Kenne auch ich. Mein Sohn hat die Grundschule gewechselt, wurde noch zusätzlich ein Jahr zurückgestuft (damit er Zeit und Ruhe zum auf- und erholen hat) und ist schließlich trotz vorheriger „Blöde-Kuh-Hauptschulempfehlung“ mit einer ausdrücklichen Empfehlung der neuen Grundschule als Klassenbester auf dem Gymnasium gelandet.

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    1. Vor mir saßen in der sechsten zwei lehrerinnen und sagten mir ganz offen, trotz des schnitts von 2,3 bekäme ich keine gymnasialemfehlung, ich sei zu aufmüpfig dafür und würde mich dort nicht zurecht finden, obwohl die frau richterinnen mich für hoch intelligent hielten. Hab tratzdem abi gemacht…

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  9. Nik schreibt:

    Liebe Mutterseele,

    Grubdschul„pädagogen“ können ein Kind für ihr gesamtes Leben zeichnen. Das sehe ich jeden Tag und ich habe mit vielen Kindern zu tun, die an der weiterführenden Schule schon als so genannte „Minderleister“ (ugh!) starten, weil sie einfach Panik haben, dass alles von vorne los geht.

    Ich möchte dir zwei Tipps geben:

    Erstens, oberste Priorität hat das seelische Wohlbefinden deines Kindes. Lass dir da nichts erzählen. Noten sind unwichtig im Vergleich. Dein Kind muss merken und begreifen, dass es nicht „fehlerhaft“ ist, auch wenn die Lehrerin ihm das signalisiert. Im Zweifel, mach ihm klar, dass die Lehrerin eine blöde, verlogene Kuh ist und dein Kind ihr nicht glauben darf.

    Zweitens, spätestens, wenn es noch schlimmer wird, lass dein Kind mit einem guten Jugendpsychologen darüber sprechen. Nicht, weil es krank ist – vermittle ihm, dass das kein Arzt ist, sondern jemand, der ihm glaubt und für andere die Wahrheit aufschreibt. Es wird deinem Kind akut helfen, vor allem aber hast du dann etwas in der Hand, das du einer weiterführenden Schule vorlegen kannst, falls dein Kind dort wegen der Schulformempfehlung abgelehnt wird (Spoiler: Natürlich wird die Lehrerin das Lernverhalten deines Kindes als unterdurchschnittlich beurteilen, wenn dein Kind nicht mit ihr klar kommt – gib einen Dreck darauf, du kennst dein Kind besser, und es selbst kennt sich am besten).

    LG und viel Erfolg,
    Nik (@Natureshadow)

    Gefällt 3 Personen

  10. Lehrer_innen müssen keinerlei pädagogische fähigkeiten mitbringen und keine fortbildungen in diesem bereich machen, ihre aussagen werden nicht angezweifelt und sie sind in der prägungs- und richtungsweisenden lebensphase von menschen richter_innen, die urteile fällen, die das ganze leben beeinflussen. Wenn Du Dich machtlos fühlst und keine lust oder fähigkeit zur selbstreflexion hast, kannst Du immernoch lehrer_in werden, kleine kinder anschreien und so mächtig sein, dass sie kilometerweit entfehrnt noch bauchschmerzen bekommen, wenn sie bloß an Dich denken. Schön zu wissen, dass diese unpädagogen immernoch in schulen richten.
    In der walldorfschule, in der der bruder einer freundin war, wurde sein lehrer entlassen, weil er ihn dumm genannt hat, schau Dir mal alternativschulen an…in berlin habe ich eine große auswahl, natürlich weiß ich nicht, wies bei Euch ausschaut…

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