Freundinnen müsste man sein

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„Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum“. Das Lied hat der begnadete Funny van Dannen geschrieben und gesungen, manche kennen auch die kongeniale Coverversion von Queen Bee. Wir haben es im Auto gesungen, meine Freundin und ich, auf dem Weg nach Zülpich.

Zülpich ist ein ganz besonderer Ort. Ein Kaff in der Eifel, auch das „Tor zur Eifel“ genannt. Meine Mutter ist dort geboren und aufgewachsen, bis sie in die große Stadt (Köln) zog. Später habe ich meine Kindheits-Sommer ich dort verbracht, zusammen mit vielen Cousinen und Cousins und meiner Schwester, hoch oben auf Opas Kirschbaum. Noch etwas später haben ein paar mutige und kreative Frauen das Frauenbildungshaus Zülpich dort gegründet, und so finden seit inzwischen 37 Jahren dort Seminare und Weiterbildungen von Frauen für Frauen statt. Den Feministinnen der frühen Stunde war es ein Anliegen, einen Ort ohne Männer zu schaffen, und auch wenn ich das für mich persönlich nicht unbedingt notwendig finde: das Haus strahlt eine Geborgenheit, Kreativität und Inspiration aus, wie ich sie nirgendwo anders je gefunden habe.

Weil ich diese liebevoll renovierten Hof mit seinem verwunschenen Garten, gemütlichen Räumen und der fantastischen Küche so schätze, war ich in den letzten 20 Jahren immer mal wieder dort, zu beruflichen oder persönlichen Seminaren und Fortbildungen. Vor einem halben Jahr habe ich meine beste Freundin überredet, mit mir und unseren insgesamt drei Töchtern zusammen dort einen 3tägigen WenDo-Selbstbehauptungskurs machen. Es brauchte nicht viel Überredung, eher ein kleines Wunder, denn wir leben 50 km und ein ganzes Universum voneinander getrennt. Wir beide haben so wenig Zeit für soviel Leben, dass wir uns nur 2-3mal im Jahr sehen. Unsere Mädchen kennen sich seit der Geburt, und die Freundschaft zwischen uns Frauen und zwischen unseren Töchtern ist von einer tiefen Vertrautheit geprägt, die auch ohne regelmäßigen Kontakt auskommt. Schon als 3Jährige sind unsere Mädels Hand-in-Hand miteinander eingeschlafen, „wir sind Freundins!“ haben sie selig gesagt. Diese drei Tage haben wir uns freigeschaufelt: sie hatte keine Kinder zu entbinden, ich keine Konzerte zu organisieren. Ihr Mann hat Urlaub für die beiden kleineren der vier Töchter genommen, mein Exmann hat sich zu einem Kurzurlaub mit dem Sohn hinreißen lassen. Dann ab die Fahrt, auf nach Zülpich!

Die Mädchen haben zusammen ein Zimmer belegt und es fielen Wörter wie „yeah!“ und „abfeiern“, wir Frauen haben ein Zimmer zusammen belegt und es fielen Begriffe wie „ausschlafen“ und „himmlische Ruhe“. Zusammen mit sieben weiteren Frauen und neun Mädchen haben wir von Carola Heinrich und Marija Milana, zwei wunderbaren, warmherzigen, erfahrenen und humorvollen Frauen viel über Selbstbewusstsein, sicheres Auftreten, Befreiungstechniken, klare Entscheidungen, Körperhaltung und den Einsatz unserer Stimme gelernt. Wir sind durch einen stockdunklen Wald gelaufen und haben Bretter mit der bloßen Hand zerschlagen (ja, auch die Mädchen!), wir haben zusammen Monsterfange, magische Burg und Hase, Stall & Chaos gespielt, wir haben getanzt und tolle Frauen kennen gelernt, sehr viel geredet, auch über geheime Träume, gelacht, geschlafen und verdammt gut und viel gegessen! Auf der Rückfahrt sind die Mädchen nach rechts, links und vornüber schlafend zusammen gebrochen, ein göttlicher Anblick!  Drei Nächte Abfeiern fordern ihren Tribut, und angesichts dieser kindlichen Erschöpfung macht sich tiefe mütterliche Genugtuung in uns ausgeschlafenen, entspannten und glücklichen Frauen breit: wir haben sie gerockt, nicht umgekehrt, wie so oft.

Ich bin in einem Zustand absoluter Erschöpfung zu dem Seminar gefahren, und es war für mich wie eine Mini-Mutter-Kind-Kur, sozusagen die letzte Rettung. Einen Tag länger zu Hause unter den üblichen Gegebenheiten, und ich wäre wahrscheinlich final zusammen geklappt. Jetzt, nach dem Seminar, bleiben mir noch zwei Tage zu Hause, alleine mit meiner Tochter, weil der Kurzurlaub meines Sohnes zeitlich versetzt stattfindet, und ich genieße die Entspannung mit nur einem Kind. Ja, es wäre etwas ganz anderes, wenn ich nur ein Kind hätte, ich wäre nicht ansatzweise so erschöpft, meine Nerven und meine Seele kämen nicht regelmäßig an die Grenze des Aushaltbaren. Aber keine einzige Sekunde in meinem Leben würde ich eins meiner Kinder bereuen, ganz im Gegenteil: jeden Tag vermisse ich meinen temperamentvollen, lachenden, vor Humor und Lebensfreude sprühenden Sohn, der seinen Tee über den Abendbrottisch verschüttet, sich leidenschaftlich mit seiner Schwester zankt, der für mich auf der Gitarre ein Lied erfindet und der so verschmust ist, wie es nur ein verwegener 9jähriger Abenteurer sein kann.

Zülpich und meine Freundin, Ihr habt mich gerettet, und deshalb summe ich den ganzen Abend „Freundinnen müsste man sein…“

Danke!

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Freundinnen müsste man sein

3 Gedanken zu “Freundinnen müsste man sein

  1. Mamamotzt schreibt:

    Danke für das schöne Beispiel, wie man Kraft-Anker „im Alltag“ finden kann! Schön, dass es dir so gut getan hat, ich verfolge „das Elend“ ja. 😉

    Ich glaube, dass jeder so einen Punkt hat, den er sich krampfhaft anders wünscht, damit xyz besser wäre, und der sich partout nicht ändern lässt.
    Für meinen Teil bin ich froh, dass es drei Kinder sind und vier wären vielleicht noch besser, die entertainen sich doch gegenseitig ganz gut, meistens. 😉 Mein Leben wäre aber zB. viiiiel einfacher und unanstrengender, wenn der Ex nicht so unzuverlässig wäre.
    Ein Fakt, von dem ich zwar träume, aber der total unrealistisch ist und der nie eintreten wird. Doch durch das Hochhalten seiner Doofheit habe ich wenigstens einen Punkt, auf den ich alles Übel des Familienlebens konzentrieren kann. Dort ist es gut abgeladen und stört wenigstens sonst nicht.

    Genieß die letzten Mädelstage!
    Und so eine supertolle Freundin mit passenden Töchtern habe ich auch, 750km weg allerdings. Das Geschenk der Welt an mich, so sehe ich das.

    Gefällt 1 Person

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