Ich bin dann mal weg

Das Verchecken und Organisieren ist es nicht, darin bin ich gut. Telefonieren, Recherchieren, Mailen, Pläne machen. Natürlich klappt nicht alles, immer mal wieder Pläne umschmeißen, nochmal anrufen, nochmal nachgucken, nochmal whatsappen, nochmal smsen, nochmal telefonieren.

Das anstrengende ist das dazwischen. Das Trösten, Kümmern, Festhalten. Das Diskutieren, Dagegenhalten, Argumentieren, Aushalten. Geduld haben, da sein. Ich bin die Konstante, die Leitwölfin (danke Herr Juul), die die immer da ist, in guten und in schlechten Zeiten.

Ich bin die, die nicht gehen kann. Die die mit dem Rücken an der Wand steht, die keine Wahl hat. Die die dafür sorgt, dass es heute, morgen, übermorgen funktioniert, dass wir eine Zukunft haben, dass die Kinder eine Basis haben, einen Hafen, einen Anker, der ihnen die Sicherheit gibt sämtliche Weltmeere zu bereisen.

Ich bin auch die einzige, die hier die Wäsche macht, die dreimal am Tag für ein leckeres Essen sorgt, die einkauft, Altpapier raus bringt, die Küche aufräumt, Bonbonpapier aus den Sofaritzen pult, Teetassen einsammelt, das Klo putzt, für Osterstimmung sorgt, den ganzen Scheiß wieder abhängt und fürs nächste Jahr verstaut, die die Kaninchen winterfest versorgt, den Katzen und Kindern die Zecken raus zieht, die sich und den Kindern Läuseshampoo auf den Kopf kippt, die den Stromanbieter wechselt um 6€/Monat zu sparen, Kindern die Nägel schneidet, die das Neurodemitis-Kind eincremt, dem Bauchweh-Kind Tee kocht und die abends schon mal den Frühstückstisch deckt, um bis 6.20 Uhr statt bis 6.15 Uhr zu schlafen.

Das ist seit 5,5 Jahren so, und ich bin am Ende, ich kann nicht mehr, ich bin komplett erschöpft, meine Energie ist tief im Dispo. Was ist passiert?

Meine Tochter hat sich den Fuß gebrochen. Keine OP, ambulant versorgt und gegipst, Glück gehabt. Und dann: ein gesundes aber immobiles Kind, das den Schulweg (Bus) nicht mehr alleine bewältigen kann. Krankenkasse und Schulamt sind für den Schulweg nicht zuständig, ich hab kein Auto. Also das komplette Netzwerk angezapft. Autos und Lastenräder geliehen, viele Telefonate für Mitfahrgelegenheiten geführt. Noch mehr Telefonate geführt, um spontan alles wieder rückgängig zu machen, weil das Kind zwei Wochen lang vor Schmerzen nicht zur Schule ging. Oder nur mal einen Tag. Oder so.

Das Kind mit den Schmerzen war wochenlang zu Hause, nachts in meinem Bett. Trösten, halten, wiegen, schlafen. Tagsüber mit der Tochter zu Hause, sie am Rande der Langeweile, ich am Rande der Konzentration mit meinem home office.

Dann hat sich 5 Tage später der Sohn die Kreuzbänder gezerrt samt Einblutungen im Knie. Siehe oben: ein gesundes Kind, das den Schulweg (Laufen) nicht mehr alleine bewältigen kann. Da Kind 1 schon zu Hause war, ist Kind 2 auch gleich da geblieben. Ich dachte noch naiv: jetzt sind sie wenigstens zu zweit. Sie waren jedoch beide komplett genervt: immobil, Schmerzen Langeweile, Zanken. Dazwischen ich mit meinem home office.

Aus logistischen (Hochbett) und emotionalen (Schmerzen) Gründen wollten beide Kinder bei mir schlafen. Ich habe kein eigenes Zimmer, mein Bett steht  im Wohnzimmer. Und da liegen jetzt auch zwei Matratzen auf dem Boden, wir haben ein schönes kuscheliges Schlaflager. Mit dem Nebeneffekt, dass ich abends nicht mehr ins Wohnzimmer kann. Also hocke ich mit dem Laptop im Esszimmer. Die einzigen Filme, die ich in den letzten Wochen gesehen habe, sind Shaun das Schaf, Gregs Tagesbuch und die Vorstadtkrokodile, Nachrichten nur auf kika. Mein Erwachsenen-Leben findet nicht mehr statt.

Der Kindsvater hat die Kinder in diesen fußkranken Wochen genau 1x zum Mittagessen abgeholt, 90 Minuten lang. Selbst zum Geburtstag der Tochter hat er sich nicht blicken lassen, erst zur Kinderparty am Wochenende ist er gekommen, um sich an den gedeckten Kaffeetisch zu setzen. Apropos Kindsvater: der wird nochmal Vater, mitten im August. Deshalb kann er mit den Kindern auch keinen Sommerurlaub machen. Als ich nach den Pfingstferien frage, winkt er ab: da hat er mit der Freundin schon Mallorca gebucht, der letzte kinderfreie Urlaub für die nächsten 15 Jahre, dafür muss ich doch Verständnis haben? Habe ich nicht und bestehe auf eine von zwei Wochen Pfingstferien, die er mit den Kindern verbringt. Ein paar zähe und zänkische emails später willigt er ein. Ebenso geht es mit den Sommerferien: ich bestehe darauf, dass er die Kinder wenigstens eine von sechs Ferienwochen zu sich nimmt. Er willigt ein unter der Bedingung, dass die Kinder zu mir zurück kommen bei Kindsgeburt. Ich lehne ab, 7 Tage á 24 Std. Bereitschaft kann und will ich nicht leisten, zumal ich in dieser Woche mindestens drei Konzerte veranstalten werde, wo ich jeweils von 16-2 Uhr arbeite. Er wirft mir vor, meine Arbeit sei mir wohl wichtiger als die Geburt seines Babys. Wer hat den denn zu heiß gebadet? Jedenfalls siehe oben: einige zänkische und zähe emails später willigt er ein, die Kinder zu nehmen und auftretende Logistik-Probleme selber zu lösen. Dies werden die einzigen beiden Wochen dieses Jahr sein, die er an Urlaub mit den Kindern verbringt, und zwar nur, weil ich vehement darauf bestanden habe.

Es geht, aber es geht nur mit maximalem Energieaufwand von mir. Ablehnen, konsequent bleiben, einfordern, diskutieren. Das ist so wahnsinnig kräfteraubend, und ich kriege schlechte Laune davon, die am Ende, wenn ich nicht verdammt gut aufpasse, die Kinder zu spüren bekommen.

Ich habe also zwei Wochen lang zwei kranke Kinder zu Hause gehabt. Damit verbunden alles was dazu gehört: Arzttermine, Physiotherapie, MRT, Sanitätshaus und Sorgen, Kümmern, Trösten, Pflegen. Ich habe die ganze Zeit weiter gearbeitet, mal von zu Hause, mal mit 1-2 Kindern auf der Arbeit. Gelobt sei mein Job, der mir das ermöglicht, jede andere wäre entweder rausgeflogen oder hätte unbezahlten Urlaub nehmen müssen. Der steht mir zu, als Alleinerziehende mit zwei Kindern sogar 40 Tage im Jahr, aber ich kann mir das nicht leisten. Bezahlten Urlaub auch nicht, denn der geht für die Schulferien drauf. Eine Haushaltshilfe gewährt die Krankenkasse nur, wenn ICH krank werde. Wenn beide Kinder krank sind und versorgt werden müssen, während ich arbeite, gibt’s keine Unterstützung. Klingt komisch, ist aber so, würde die Sendung mit der Maus sagen. Nächstes Mal such ich mir einen korrupten Hausarzt und lass mich einfach krank schreiben, bis die Kinder wieder gesund sind. Scheiss-System, Du willst es ja nicht anders! Die Steigerung von Allein ist übrigens Alleinerziehend, wie Christine Finke sehr genau in ihrem Buch beschrieben hat und wie ich hier persönlich ganz gut veranschauliche.

Nach den zwei kranken Wochen kam eine Teilzeit-kranke Woche, denn die Tochter ging zwar wieder zur Schule, hatte aber keine Nachmittags-Termine qua Gipsfuß, also Kind zu Hause. Ich ab spätestens 14 Uhr auch zu Hause, denn ich musste sie mit dem Bus von der Schule abholen: mit Krücken kann man die schwere Schultasche nicht tragen, und ich habe nicht für jeden Tag eine Mitfahrgelegenheit gefunden. Das lief so einigermaßen, dann ging auf einmal der inzwischen Knie-gesundete Sohn nicht mehr in die Schule: Kopfweh, Bauchweh. Zu Deutsch: Schulstress. Stress mit der Lehrerin, Stress mit dem Druck, Stress mit den Hausaufgaben. Also Kind wieder zu Hause, Elterngespräch mit der Lehrerin vereinbart: gleich nach den Osterferien.

Kaum können alle wieder laufen (mit und ohne Krücken): Osterferien, wieder die Tochter zu Hause! Der Sohn hat wenigstens noch seinen Hort mit Ferienprogramm, die Tochter ist da rausgewachsen und hängt wieder zu Hause oder mit mir im Büro rum. „Mama mir ist langweilig wann gehen wir nach Hause was gibts zu essen darf ich ans smartphone…?“ Und dann: Ostern! Vier Feiertage lang die Kinder zu Hause, yeah! Meine Mutter hat abgesagt, ihr gehts nicht gut (mir auch nicht, who cares?), und ich bin dann doch ein bisschen froh, denn inzwischen können wir keinen Besuch mehr in die Wohnung lassen: durch das Schlaflager aus Matratzen, Kuscheltieren und Büchern mitten im Wohnzimmer gibt es dort keinen begehbaren Fußboden mehr, in den Kinderzimmern fliegen Klamotten und Spielzeug wüst herum, im Esszimmer streiten sich Laptop und Monopoly um den freien Platz am Tisch und in die Küche geht man besser nur noch mit Schuhen.

Eine dreckunempfindliche Freundin kam zum Osterfrühstück und hat uns ins barocke Schloss zur Kinderführung begleitet (sie ist so tapfer!), und ich konnte sehen, wie glücklich die Kinder sich auf eine zusätzliche Bezugsperson gestürzt haben. Nicht nur mir fällt hier die Decke auf den Kopf!

Meine Seele ist müde vom Kümmern, Sorgen, Trösten, Pflegen. Vom Streiten, Moderieren, Diskutieren, Schlichten. Vom Organisieren, Verchecken, Arbeiten. Von fordernden (weil kranken) Kindern und keine Sekunde für mich. Vom Unverständnis und von der Arroganz meines Exmannes. Von der Verantwortung. Vom Haushalt sowieso. Ich bin erschöpft davon, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, keine Wahl zu haben, immer weiter machen zu müssen und das alles alleine aushalten zu müssen.

Aber morgen kommt mein Lichtblick: Morgen fahre ich mit meiner Tochter für vier Tage in die Eifel zu einem Selbstverteidigungskurs für Mütter und Töchter. Meine beste Freundin und ihre beiden Töchter kommen mit, und auf diese kurze Woche (samt Vollpension!) freue ich mich seit acht Monaten. So lange haben wir das geplant, und so lange wusste der Ex, dass er vier Tage lang mit dem Sohn was ähnlich Aufregendes machen kann. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat, aber der Kleine freut sich irre auf die Zeit mit dem Papa, und das ist das einzige was zählt.

Und dass ich vier Tage lang aus dem Dreckstall hier rauskomme, vier Tage lang meine Freundin sehe und vier Tage lang das Essen vor die Nase gestellt bekomme. Hoffentlich muss ich mich in den Kurs nicht so viel bewegen!

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Ich bin dann mal weg

16 Gedanken zu “Ich bin dann mal weg

  1. rona schreibt:

    Ich möchte Dich einfach mal in den Arm nehmen und ich werde so wütend, wenn ich das vom Vater lese, was ich selbst so gut kenne. Hoffentlich hast Du viel Spaß im Seminar und kannst den Alltag ein wenig vergessen. Herzlichst!

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  2. teppchen schreibt:

    Dasselbe in Grün…Ich hasse Osterferien und die Feiertage mittlerweile.Kommentar meiner Schulleitung (bin Lehrerin, habe zwar kein Betreuungsproblem, aber das macht es nicht besser) im letzten Jahr am ersten Schultag nach den Ferien: „Du siehst aber fertig aus!“. Wird dieses Jahr nicht anders sein…Halte durch, du bist nicht alleine!!!

    Gefällt 1 Person

  3. Frauke schreibt:

    Das kommt mir alles bekannt vor, habe hier dasselbe in grün und das MIT Mann… Respekt, vor Dir und Deinem Pensum und einen fetten Mittelfinger für unser abgefucktes System…

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