„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“

Vor vier Wochen dachte ich, die montäglichen Anpassungsstörungen wären anstrengend, aber dann kam dieser Montag.

7.12 Uhr: Obwohl ich ausschlafen könnte, werde ich von einer SMS der Telekom wach. Fuck, vergessen den Ton vom Handy abzustellen!

8 Uhr: Der Exmann bringt das Wochenend-Gepäck der Kinder (die Kinder hat er vorher auf die Schulen verteilt) und eröffnet unser 14tägiges Date zum Kinder-Informationsaustausch mit „Der Fußball von K2 müsste mal aufgepumpt werden: „Mach doch“ entgegne ich. Schließlich war der Fußball samt Sohn 3 Tage in seiner Obhut. Wir trinken Kaffee, reden über die Kinder und dann eröffnet er mir, dass seine Freundin schwanger ist. Mir schießen blitzschnell 2 Gedanken durch den Kopf: wie wirkt sich das auf den Kindes-Unterhalt aus und wann macht er dann dieses Jahr noch Urlaub mit den Kindern? Normalerweise fährt er im August 2 Wochen mit den Kindern weg, weil ich in der Zeit ein Festival habe, nun kommt aber das Baby Mitte August. Dann denke ich an meine, unsere Kinder, und ob die nun bei ihm 2. Priorität sind? Er verneint dies nach Kräften, das wolle er auf keinen Fall. Als letztes denke ich an ihn (komisch!) und freue mich ehrlich für ihn und seine Freundin. Aber die Nachricht macht mir Sorgen, weil ich mich frage, wie das für meine Kinder wird und ob dies die mühsam erlangte seelische Stabilität wieder ins Wanken bringt?

9:30 Uhr: Eine liebe Freundin leiht mir ein motorisiertes Lastenrad, damit ich in den nächsten Wochen meine Tochter transportieren kann. K1 hat sich den Fuß gebrochen und wir haben kein Auto, aber das Rad ist toll, nur ein bisschen übungsbedürftig. Ich mache ein paar Probefahrten und gurke mit dem Teil zur Arbeit.

10:45 Uhr: Ich bin auf der Arbeit und stelle fest, dass ich genau 20 Minuten Zeit habe. Ich erledige im Sturzflug die wichtigsten Dinge und fahre mit dem Bus hoch zur Schule. Mit dem Lastenrad traue ich mich heute noch nicht die Serpentinen hoch, geschweige denn mit 50 Kilo Kind wieder runter.

11.40 Uhr: Ich erwarte die Tochter mit einem Car2Go an der Schule und wir fahren zum Orthopäden, weil der Gips kaputt ist.

13.30 Uhr: Wir verlassen den Orthopäden mit einem Moonwalker statt Gips. Das Kind jubelt, denn der Walker ist leichter, stabiler und sie ist viel mobiler mit dem Teil. Von der Orthopädin kam noch die Anweisung, dass wir zwecks Blutbild und Thrombose-Prophylaxe diese Woche zum Kinderarzt und nächste Woche zu ihr zur Kontrolle müssen. Au ja, noch mehr Termine! Der Sohn hat bereits nächste Woche Uirgendwas und ich einen Zahnarzt-Termin, weil mir ein halber Zahn abgebrochen ist. Ob ich je wieder arbeiten gehe? Eigentlich leite ich ja ein Kulturzentrum….

14:30 Uhr: Nach einem kleinen Mittagessen bin ich mit dem fußkranken Kind auf der Arbeit. Sie macht Hausaufgaben, ich arbeite. Nach 15 Minuten ist sie fertig und will nach Hause. Na toll, ich hatte gerade erst angefangen. Ich beschließe, es für heute mit der Arbeit aufzugeben, ich war ja am Sonntag schon 6 Stunden da und werde später noch home office machen. Ich packe die Tochter in das Lastenrad und wir gurken den Berg hoch. Schon cool, aber es ist saukalt! Wir genießen den Fahrtwind und die volle Aufmerksamkeit sämtlicher Verkehrsteilnehmer, bis mein Handy bimmelt. Wenn ich drangehe, muss ich den Gaszug loslassen, das wage ich nicht, also weiter bis zum Hort, um K2 abzuholen und das Gepäck, das der Ex heute morgen vergessen und inzwischen im Hort deponiert hat.

16 Uhr: Wir kommen am Hort an und K2 eröffnet uns, dass er noch mit ein paar Jungs samt Fahrrädern zum Bolzplatz will. Sein Rad steht zu Hause. Na gut, Tochter wieder ins Lastenrad, Sohn rennt jubelnd auf dem Bürgersteig mit. Ich friere und strampel wie blöd. Zu Hause schleppe ich K1′ Schultasche und das Gepäck die 20 Stufen zum Haus hoch und kram das Fahrrad raus. Es ist platt, ich fluche und suche die Luftpumpe. Es geht nicht. Der Sohn steht mit Tränen in den Augen vor mir, ich habe keine Ahnung, warum diese Mountainbike-Räder so beknacke Reifen haben und sich partout nicht aufpumpen lassen? Ich mache 20 Minuten an dem Fahrrad rum und gebe auf, sage K2, er solle mit dem Kickboard fahren, die Räder sind halt noch nicht frühlingsfit. Er mault, sieht aber ein daß es nicht geht und zischt ab. Während ich das Lastenrad verstaue und ankette und dabei weiter friere, ruft die Tochter nach mir, warum ich so lange brauche? Keine Ahnung, weil ich halt zu doof zum Aufpumpen bin und gerne friere, möchte ich zurückrufen, mach ich aber natürlich nicht.

17 Uhr: K1 sitzt auf dem Sofa und hört Harry Potter, ich würde mich gerne dazu kuscheln, gehe aber los zum Einkaufen, wie immer zu Fuß. Als ich rausgehe stelle ich fest, dass es Schneeregen hagelt und frage mich, wie lang K2 es wohl auf dem Bolzplatz aushält. Ich kaufe das Nötigste, schleppe alles durch das Sauwetter nach Hause und schon auf dem Rückweg bimmelt mein Handy: „Mama kannst Du mich abholen? Ich hab Bauchweh, ich bin hingefallen, mein Knie tut weh, es hagelt!“. Der arme Kerl! Ich flitze nach Hause, stelle die Einkäufe ab, erwische ein Car2go und erlöse den Sohn. Der ist auf dem Spielplatz und hat sich im Rutschenhäuschen untergestellt. „Das ist richtig gemütlich, das wär auch was für Obdachlose“. Mein empathisches Kind!

18 Uhr: Die Kinder trinken heißen Tee, hören (immer noch) Harry Potter und ich verbinde dem Sohn das Knie. Es ist blau und rot und er kann kaum laufen. Für’s Klo leiht die Schwester im ihre Krücken, wie nett! Ich überlege, ob ich wohl morgen mit dem nächsten Kind zum Orthopäden muss?

19 Uhr: Ich würde mich gerne zu den Kindern kuscheln, aber gehe nochmal raus zu den Nachbarn und hole den Autoschlüssel ab, denn morgen früh werden wir wegen des Wetters nicht mit dem Lastenrad fahren können (der ganze Aufriss umsonst…), und Car2go’s gibts um die Uhrzeit nicht. Also krieg ich deren Auto, denn so früh wie meine Kinder Schule haben, ist deren Kleinkind noch nicht mal wach. Wie gut dass ich so nette Nachbarn habe! Wieder zu Hause will ich verdammt nochmal endlich mit den Kindern kuscheln, aber ich führe ich noch ein paar Telefonate, um diverse Fahrdienste für meine Tochter zu organisieren. Netterweise haben sich viele Eltern angeboten, das fußkranke Kind von der Schule abzuholen, so dass ich vielleicht auch mal länger als bis 14 Uhr arbeiten kann.

20 Uhr: Nach dem Abendessen wollen die Kinder weiter Harry Potter hören. Die Tochter kann mit dem Walker deutlich besser laufen, der Sohn inzwischen gar nicht mehr. Alle getröstet, alle im Bett. Ich decke den Frühstückstisch und setze mich an den PC.

21 Uhr: K2 kann nicht schlafen, das Knie tut weh, der Hals tut weh, die Nase läuft. Alles wird verarztet und getröstet. Ich setze mich wieder an den PC.

21:30 Uhr: K1 kann nicht schlafen, der Fuß ist in dem Walker eingeschlafen. Wir überprüfen alle Verschlüsse, die Tochter fragt mich, warum ich genervt bin. Alles verarztet, alles getröstet, zurück ins Bett.

22 Uhr: Ich stelle diesen Text hier fertig und frage mich ernsthaft, ob meine Kopfhaut nur so juckt oder ob ich Läuse habe.

Gute Nacht.

„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“ (Kid Kopphausen)

gift-1196292_1920

Nachtrag:

Ich war am nächsten Tag mit dem Sohn beim Orthopäden. Kniegelenk gequetscht, Schleimbeutel geschwollen. Er kriegt Bandagen, 2 Wochen Krücken und Sportverbot. Innerhalb einer Woche müsste es besser werden, aber aktuell kann er genauso wenig auftreten wie seine Schwester mit dem gebrochenen Fuß. Wenigstens sind sie jetzt zu zweit zu Hause.

 

Advertisements
„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“

5 Gedanken zu “„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt“

  1. teppchen schreibt:

    Oh man, ich musste echt lachen bei deinem Bericht. Allerdings aus lauter Mitfühlen und Galgenhumor. Wer kennt solche Tage nicht? Frei nach dem Motto: „Schlimmer geht immer!“ Ich hoffe, es geht deinen Kindern bald wieder besser!!!

    Gefällt mir

  2. Oh Mensch, das ist einer dieser Tage, die man am besten schnell vergessen möchte. Du hast ihn trotzdem für die Nachwelt festgehalten und uns daran teilhaben lassen. Danke! Und alles Gute für die Kranken! (Läuse, ja, wenn nichts mehr geht, kommen auch noch Läuse!)

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s