Anpassungsstörungen

Alle 2 Wochen haben wir Anpassungsstörungen, die Kinder und ich.

Sie waren am Wochenende beim Papa, ich war am Wochenende allein. Die Kinder haben dabei den eindeutig schwereren „Job“ als ich: Sie verlassen ihren Alltag und ihr Zuhause, sie haben mit Menschen zu tun, die sie nur alle 2 Wochen sehen, mit denen sie nun von Freitag Abend bis Montag früh zusammen sind. Aber es ist natürlich der eigene  Vater, der sie liebt und der eng mit ihnen verbunden ist, da ist viel Vertrautheit und Gewohnheit mit im Spiel. Trotzdem ist alles ganz anders als zu Hause. Und da ist seine Freundin, nicht ganz so vertraut, aber sie ist auch schon seit Jahren da. Es ist dieselbe Stadt und die Kinder können ihre Termine wahrnehmen: Geburtstage, Sport, Schulfeiern, etc. Vater und Kinder haben drei Nächte, nicht nur Samstag / Sonntag, was toll ist für alle Beteiligten: so kommt ein bisschen mehr Alltag auf als mit nur einer Nacht und zwei halben Tagen. Trotzdem ist es anstrengend, gerade für die Kinder. Auch ich als Erwachsene fände es mühsam, alle 2 Wochen meine Tasche packen zu müssen.

Ich habe es da einfacher, ich bleibe ja zu Hause. Mit der Wohnung und dem Haushalt und den Katzen, Kaninchen, meinem Job und mir. Dass Alleinerziehende sich am kinderfreien Wochenende nicht ausschließlich die Nägel machen, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, und so gibt es immer ausreichend zu tun. Zudem lege ich möglichst viele Termine in dieses Wochenende, um mir und den Kindern den vermehrten Einsatz von Babysittern zu ersparen.

Wenn die Kinder am Freitag nachmittag weg sind und ich zu Hause (und nicht auf der Arbeit) bin, macht es in meiner Seele PLÖPP. Ein Vakuum entsteht. Ich könnte heulen. Ich vermisse sie sofort. Ich bin erleichtert. Ich freue mich auf meine Ruhe. Ich will sofort schlafen. Freude, Trauer, Sehnsucht, Erleichterung, schlechtes Gewissen: alles da, innerhalb von 1 Sekunde. Schwer auszuhalten. Sehr schwer. Manchmal gehe ich dann einfach heiß duschen. Oder ich miste den Kaninchenstall aus. Übersprungshandlung.

Das Wochenende vergeht, ich tue Dinge, ich ruhe aus, ich arbeite, ich lasse Dinge.

Montag nachmittag sind sie wieder da. Wir sind alle glücklich, uns zu sehen, erzählen uns unser Wochenende. Es kracht. Die Geschwister streiten wie die Kesselflicker. Sind dünnhäutig. Müde. Sie weinen, schlagen Türen, schreien sich und mich an. Beruhigen sich, sind albern. Total albern. Fast schon hysterisch albern. Hören gar nicht mehr auf. Kichern, Lachen, Blödeln, schießen sich mit ihrem Kinderhumor in ein anderes Universum. Eins, wo ich nicht mitkomme. Sie schließen mich aus, retten sich in ihre eigene Welt. Übersprungshandlung. Ich kann sie verstehen: sie sind glücklich, wieder zu Hause zu sein, und sie vermissen ihren Vater. Können wahrscheinlich dieses Gefühle kaum aushalten: Freude über die Mama, Sehnsucht nach dem Papa. Sie haben noch nie gesagt: ich will zum Papa. Aus Rücksicht auf mich? Weil sie wissen dass es nicht geht? Erlauben sie sich dieses Gefühl? Ich hoffe, dass sie wissen, dass der Raum für diese Gefühle da ist.

Die albernen, hysterischen, chaotischen Kinder sind schwer auszuhalten. Gerade an diesem Montag: ich hatte mich gerade an die Ruhe, ans Alleinsein und tatsächlich auch an ein bisschen Ordnung gewöhnt, da ist es auch schon wieder vorbei. Ich freue mich tierisch auf sie, und sie benehmen sich wie die letzen Menschen. Das ist so seit 5 Jahren, ich kann mich trotzdem nicht daran gewöhnen. Diese Gefühlsachterbahn, alle 2 Wochen. Die der Kinder. Meine. Unsere zusammen. Wir brauchen den kompletten Montag, um uns wieder aneinander anzupassen. Erst beim Vorlesen Abends sind wir alle wieder die, die wir sind. Kuscheln, Lesen, Schmusen, ich hab Dich lieb gute Nacht.

Ab Dienstag ist dann alles wieder ok, unser Alltag, unser Leben, wir. Ich wünschte, wir könnten diesen Montag überspringen. So wie man Schuhe erst anziehen möchte, wenn man sie schon eingelaufen hat.

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Nachtrag:

Natürlich weiß ich, dass das „Jammern auf hohem Niveau“ ist: ja, ich kann froh sein, dass sie überhaupt zu ihrem Vater gehen können. Dass er in derselben Stadt lebt, die Kinder ihre Freunde und Termine behalten. Und dass sie nicht eine, sondern drei Nächte dort sind. Dass sie gerne hingehen, und ich mich blind auf ihn verlassen kann, weil es ihnen dort gut geht. Dass ich drei freie Nächte und zwei freie Tage habe, alle zwei Wochen. Dass die Kinder mit Quatsch und Albernheit reagieren, ist wahrscheinlich auch deutlich besser, als wenn sie Depressionen, Wut und Trauer entwickeln würden. Das ich mir das alles vor der Trennung hätte überlegen können, braucht mir auch niemand zu erzählen.

Es ist trotzdem anstrengend. Es ist emotional saumäßig anstrengend. Für mich und die Kinder, und wahrscheinlich auch für den Vater. Ich will nichts und niemanden mit diesem Text bereuen, anprangern, beschuldigen, anklagen oder Forderungen aufstellen. Ich will es einfach nur mal sagen. Und morgen ist ja auch schon wieder Dienstag.

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Anpassungsstörungen

20 Gedanken zu “Anpassungsstörungen

  1. Total andere Baustelle und doch: Mein „Haushaltsdurchmarsch“ heute lässt sich unter anderem damit erklären, dass dieses ganze Gefühlskarusell des Loslassenmüssens auch bei mir angetriggert wurde. Deswegen geht mir dein Artikel auch grad fürchterlich unter die Haut.
    Und dabei isses bei mir „nur“ die Eingewöhnung in die KiTa.

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  2. Diese „widersprüchlichen“ Gefühle, wenn die Kinder nicht da sind, kenne ich gut. Zwar nicht in diesem Zeitrahmen und der Regelmäßigkeit, aber auch im Kleinen ist das schon so. Kann ich also gut nachvollziehen.
    Und auch wenn ich nicht alleinerziehend bin, dürfte es den Nachtrag nicht geben „müssen“; eine Art Rechtfertigung, die keine Mutter nötig haben sollte. Und das meine ich ganz positiv!

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    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Vielen Dank und nein: ich werde mich nicht mehr prophylaktisch rechtfertigen. Aber es ist tatsächlich so, dass ich im „echten Leben“ hauptsächlich abwiegelnde Reaktionen bekomme (aber Du hast doch…, Dir geht’s doch gut, sei doch froh) und im Netz eher Zustimmung und Empathie. Womit ich nie gerechnet hätte und was ganz grossartig ist!

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  3. Vater schreibt:

    Gut geschrieben und interessant zu lesen. Und wichtig. Mütter und Väter die nicht mehr zusammen wohnen nehmen viel zu selten die Perspektive des anderen ein. Ich versuche das. Aber es ist eben auch ein wenig einseitig. Als Vater vermisse ich meine drei Kinder in den zehn Tagen vor ihrem „Besuch“ und in den zehn Tagen danach (manchmal kommen sie unvollständig oder auch gar nicht vorbei). Die beschriebene Anpassungsstörung löst sich an einem Umgangswochenende nicht auf. So ist es immer eine Ausnahmesituation für die Kinder und den besuchten Elternteil. Es gibt kaum Normalität, kaum Ruhe. Es bleibt eben doch ein Besuch. Wie bei Oma und Opa. Nur aufgeladener. Die zehn Tage dazwischen muss Papa versuchen, seinen Job zu behalten, die gemeinsamen Schulden abzuzahlen und den saftigen Unterhalt zu erwirtschaften. Es ist ein tristes Leben. Aber Männer haben ja keine Gefühle 😉

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  4. Sehr schöner Text. Nur die Entschuldigung, der Nachtrag am Ende, hinterlässt so ein defensives Gefühl…. hmm…. natürlich darfst du von dir schreiben, ohne dich dafür zu entschuldigen, dass es anderen schlechter geht auf der Welt. Aufmunternde Grüße!

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    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Vielen Dank! Ich habe lange überlegt, ob ich den Nachsatz schreibe, aber ich konnte es schon ahnen, dieses „sei doch froh dass…“. Aber vielleicht lasse ich es einfach nächstes Mal drauf ankommen, danke für die Anregung!

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  5. Danke. Toller Text. Und macht mich nachdenklich. Wir leben als Eltern zwar zusammen, aufgrund unserer Jobs mit wechselnden Arbeitszeiten sind die Kinder mal mit dem einen oder dem anderen mehr zusammen. Es gibt für sie selten einen wirklich geregelten Ablauf einer Woche. Also, es gibt den Kindergarten, das Mittagessen dort und Frühstück und Abendessen gemeinsam mit mindestens einem Elternteil. Aber manchmal auch mit den Großeltern. Vielleicht ist das mit ein Grund, wieso es auch bei meinen Kindern zu gefühlsmäßigen bzw. „verhaltensauffälligen“ Ausbrüchen kommt, die mir manchmal schwer zu erklären sind. Unser Alltagsstress ist auch ein Stück weit ihrer. Dein Text, auch wenn er ein anderes Thema anvisiert, hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht eine weitere Erklärung für unsere Situation. Also, nochmals Danke!

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  6. Luise Fichtner schreibt:

    Liebe Mutterseele.Sonnenschein 🙂 Mein neuer Partner hat mir den Link zu deinem Beitrag geschickt und ich danke ihm und vor allem Dir dafür 🙂 Ich bin im Augenblick unglaublich erleichtert. Mit jeder Zeile, die Du geschrieben hast, konnte ich mich in Dich und die Situation und auch in die der Kinder hineinfühlen. Ich habe einen fast vierjährigen Sohn und bei uns ist es einmal übernachten unter der Woche und dann jedes zweite Wochenende. Mittlerweile klappt es gut und der Vater und ich verstehen uns. Ich weiß unser Kind bei ihm auch gut aufgehoben, falle jedoch auch immer erstmal in ein Loch, wenn er unseren Sohn abholt. Oskar fühlt sich bei beiden wohl aber ich merke trotzdem, dass er sich immer wieder anpassen muss. Meist läuft das auch nicht ohne Rumblödelei, Grenzen austesten oder auch mal einem Wutanfall und Tränen ab. Dennoch denke ich auch, dass wir es unter Betrachtung der Gesamtsituation einer Trennung gut gelöst haben. Ich gehe ehrlich mit allen Gefühlen um. Ob mit meinen oder Oskars. Hinzu kommt der neue Partner. Wir sind jetzt ein eingespieltes Team und nutzen die freien Tage für unsere Beziehung (manchmal habe ich da trotzdem auch ein schlechtes Gewissen), da wir und ich dann wieder Kraft tanken für die Zeit mit Oskar und die Anpassung (auch Mo 🙂 daran.

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  7. Ich wünschte, meine Pflegeeltern hätten meine Zerrissenheit mit so viel Wertschätzung gesehen wie du es bei deinen Kindern tust. Wenn ich alle zwei oder vier Wochen ein Wochenende mit meiner Mutter verbringen durfte und dann wieder „heim“ kam, war ich ein wahres Gefühlspotpourri. Nur mit dem Unterschied, dass ich mich dann nicht so lassen konnte, es war lästig und wurde sanktioniert. Es war eine andere Situation bei mir, dennoch, was ich damit sagen will: es ist mit Sicherheit großartig, dass du deinen Kindern die Freiheit bieten kannst, sich wieder akklimatisieren zu können. Es mag anstrengend sein, aber es ist wichtig. Und es ist ebenso beeindruckend und gesund, dass Sie sich so ausdrücken können. Langfristig wird sich das auszahlen.

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  8. Puh, ich kann mich richtig reinfühlen obwohl ich die Situation nicht selbst kenne. Aber vermutlich wird es besser werden, wenn sie größer sind. Und alle 2 Wochen Gefühlschaos ist besser als jede Woche 🙂

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  9. Ich versteh deine Stimmungslage. Wenn mein Sohn, so selten es ist, mal zu seinem Papa fährt und ich ihn auf halber Zugstrecke an den Vater überreicht habe, macht es auch in mit Plöpp und ich verkriech mich in meinen Zug nach Hause und sitz da im Zug und heule. Ich brauch immer eine ganze Weile um mich zu aklimatisieren. Kommt er zurück sind auch hier erst mal Stimmungsschwankungen Programm.

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