Liebe Katrin Altpeter,

Sie haben den ersten Armutsbericht in Baden-Württemberg vorgelegt und fordern unter anderem eine bessere Unterstützung für Alleinerziehende. (Hier kann man das nachlesen)

Das finde ich uneingeschränkt großartig! Allein schon, dass an die Situation der Alleinerziehenden gedacht wird, das auf das Armutsriskio von Alleinerziehenden und ihren Kindern aufmerksam gemacht wird, dass Alleinerziehende Anerkennung erfahren: all das begrüße ich außerordentlich und ich bin Ihnen dafür sehr dankbar!

Ich möchte Ihnen aber sagen, dass ich als Alleinerziehende keine „Geschenke“ brauche, so hilfreich 100€ fürs erste und 20 € fürs zweite Kind wären. Ich möchte einfach nur Gerechtigkeit. Steuergerechtigkeit.

Vielleicht darf ich Ihnen meine Situation als Beispiel schildern? Ich arbeite Vollzeit und erziehe meine beiden Kinder seit 5 Jahren allein. Als Alleinerziehende habe ich Steuerklasse 2, das bringt mir einen Vorteil von ca. 40 € zu Steuerklasse 1. Wäre ich verheiratet, hätte ich Steuerklasse 3 und ca. 230 € mehr im Monat. Egal ob ich Kinder habe oder nicht.

Es wird also der Beziehungsstatus subventioniert, nicht die Tatsache, daß ich Kinder aufziehe. Jetzt frage ich Sie mal ganz naiv: was bringt unserer Gesellschaft mehr: dass Menschen so glücklich miteinander sind, dass sie sich versprechen, bis ans Ende ihres Leben zusammen zu bleiben? Oder dass ich zwei Kinder aufziehe, die in 15 Jahren unser Zukunft gestalten und in die Rentenkassen einzahlen?

Ich werde höher besteuert, als das doppelverdienende verheiratete kinderlose Paar, das nach Feierabend seinen Gin Tonic auf der Terrasse trinkt. Auf der Terrasse der Wohnung, die ich nicht bekommen habe, weil der Makler sagte „Alleinerziehend? Das mag der Vermieter nicht, da kommt ja die Miete nicht“. Wenn ich mir die Wohnung überhaupt leisten kann.

Dafür, dass mir von meinem Brutto weniger übrig bleibt, zahle ich auf Kinderwagen, Windeln, Schulranzen und Kinderklamotten 19% Mehrwertsteuer, während das kinderlose Paar für 7% MwSt. in’s Kino und auf Konzerte geht. Klar gehe ich auch für 7% auf Konzerte, aber wie realistisch ist das denn? Mir bleibt nach Babysitter und Steuerbelastung ja nicht mal mehr das Geld für die Eintrittskarte. Und ganz wichtig: aufs Konzert KANN ich gehen, aber Klamotten, Schulranzen etc. MUSS ich kaufen.

Deshalb, liebe Frau Altpeter: setzen Sie sich bitte weiter für Alleinerziehende ein, denn es ist bitter nötig! Sorgen Sie bitte für Gerechtigkeit in der Besteuerung. Steuerklasse 3 für alle Menschen, die Kinder erziehen. Und MwSt.-Satz 7 für alle Produkte, die man braucht, um Kinder vernünftig groß zu ziehen. Also nicht Softpornos, Rennpferde und Blumen, sondern Winterschuhe, Windeln und Schulranzen.

Vielen Dank für Ihr Engagement!

CUkCcGXWsAA4RhS

Nachtrag nach den vielen detaillierten Rückmeldungen:

Von konkreten Zahlen und Steuerklassen mal abstrahiert:

1. verheiratete Menschen kommen steuerlich deutlich besser weg als unverheiratete Menschen, egal ob sie Kinder haben oder nicht.

2. Menschen mit Kindern haben deutlich höhere Ausgaben (an denen sie nicht vorbeikommen!) als Menschen ohne Kinder. Auf diese Ausgaben gibt es zum überwiegenden Teil keinen ermäßigten Mehrwertsteuersatz, wohl aber auf Ausgaben, die mit Kindererziehung rein gar nichts zu tun haben.

Alleinerziehende sind in der Regel nicht verheiratet und sie haben Kinder, sie kommen also in den doppelten Genuss der steuerlichen Benachteiligung, siehe Punkt 1 und 2.

Advertisements
Liebe Katrin Altpeter,

10 Gedanken zu “Liebe Katrin Altpeter,

  1. Debunk schreibt:

    Genau, das Ehegattensplitting fördert Partnerschaften mit einem möglichst großen Lohngefälle, und das besonders, wenn einer der Partner sehr gut verdient.
    Wenn also Alleinerziehende Forderungen aufstellen, wäre es gut, die Themen Lohnsteuerklasse und Ehegattensplitting außen vor zu lassen, und sich auf die Hauptforderung, nämlich Förderung der Familien, zu konzentrieren.

    Gefällt mir

    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Gut, konzentrieren wir uns auf die Hauptforderung: Familien zu fördern. Man könnte z.B. das System der Steuerklassen komplett neu denken und eine Einteilung danach machen, ob und wie viele Kinder erzogen werden. Egal ob Verheiratet oder Nicht, Allein oder zu Zweit, Hetero oder Homo. Und dann wird auch gleich die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes komplett neu gemacht: Windeln, Kinderwägen und Klamotten, statt Softpornos, Katzenfutter und Rennpferde.
      Wann geht’s los?

      Gefällt mir

  2. Verheiratete kommen steuerlich übrigens nur dann besser weg, wenn sie das klassische Rollenmodell leben und einer wesentlich weniger verdient. Verdienen beide ungefähr gleich viel, ist der Steuervorteil gegenüber Nichtverheirateten gleich null.

    Ehegattensplittiing einfach mal ganz abschaffen und ein Familiensplitting einführen. Für Menschen, die Kinder haben. Unabhängig vom Familienstand und Geschlecht.

    Gefällt mir

  3. Debunk schreibt:

    Ein fachlicher Hinweis: die Steuerklasse bestimmt nur die Vorauszahlung zur Einkommenssteuer, nicht die endgültige Steuerlast. Bei der 3/ 5 Klassen-Kombi ist es absurderweise so, dass der Partner, der schlechter verdient, idR Frauen, aus familiären Liquiditätsgründen mit der 5 belegt werden, und somit überproportional zur familiären Steuerschuld beitragen. Die Abgabe einer Steuererklärung zur Festsetzung der tatsächlichen Steuerschuld ist zwingend bei 3-5.
    Sie wollen ja eine Minderung der Steuerlast für Alleinerziehende und vielleicht auch für Familien, da geht es also um die Steuerlast an sich, und nicht um den Vorauszahlungsmodus Lohnsteuer mit Steuerklasse. MfG

    Gefällt mir

  4. Andrea Schulzki schreibt:

    Hallo… Ich bin etwas erstaunt über Ihre Aussage, „wäre ich verheiratet, wäre ich in Steuerklasse 3 und hätte 230€ mehr“.
    In vielen Fällen verdient der Ehemann mehr als die Ehefrau und wird dadurch in Steuerklasse 3 gesehen und die Ehefrau in 5. man sollte bei diesen Beispielen vielleicht den Ehemann als Partner und Familienmitglied mit einbeziehen und nicht nur im angeblich finanziellen Aspekt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und natürlich auch einen ausgeglichenen Finanzhaushalt für die Zukunft. Nur darf man Familien mit Kindern nicht bei diesen Thesen vergessen, denn diese haben auch ihre Engpässe.😊🎄einen schönen 1. Advent🎄

    Gefällt mir

    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Danke für Ihre Anmerkung. Wenn Sie den Artikel ganz zu Ende lesen, geht es mir sehr um Familien, es geht mir um alle Menschen die Kinder erziehen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s