„Ich hatte auch so einen Schlimmen“

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Kinder sind toll, nicht wahr? Wenn Kinder sich bewegen, ist es schon nicht mehr ganz so toll, wenn sie laut sind beim Bewegen, gar schnell, wagemutig und rasant – da hört es auf.

Das fing schon an, als sie noch Babys waren.

„Die ist ja lieb“ entzückten sich Fremdlinge über mein Baby. Nein, die schläft. Und was ist bitte „lieb“ bei einem 10 Tage alten Kind? Ist lieb nicht eine eher soziale Fähigkeit oder Handlung, zu der ein Baby noch gar nicht in der Lage ist? „Lieb“ ist: geht mir nicht auf die Nerven? Babys die laut sind, sind böse, ist das der Umkehrschluss? Nee, Babys schreien wegen Hunger Windel müde kalt einsam krank allesblöd, aber nicht weil sie böse sind, sondern weil sie ein Bedürfnis haben, das gestillt werden muss.

Wenn aus Babys Kinder werden, geht es gerade so weiter. Da sind liebe Kinder die, die hübsch still in der Ecke sitzen, lesen und lächelnd fragen, ob sie im Haushalt helfen dürfen. Aus nicht geklärten Gründen ist meine Tochter so ein Kind. Übermäßige Bewegung war noch nie ihr Ding, sie war schon als Baby extrem gechillt, wie der Hipster-Vater stolz feststellte, was sich im Alter von 3 Monaten mit 12stündigem Nachtschlaf und 2stündigen Mittagsschlaf ausdrückte. Oder wie die Oma sagt: so ein liebes Kind!

Das liebe Kind hat einen Bruder bekommen, der ihm zwar im Schlafpensum (gottlob) in nichts nachsteht, aber in seinen Wachphasen dem Universum seine ungebremste Dynamik in die Fresse schleudert. Er war von Anfang an Mr. 180%, hat immer die Ärmel hochgekrempelt, immer Schrammen, Narben, löchrige Klamotten, rote Wangen, leuchtende Augen und einen umwerfenden Charme. Das Kind ist eine Wucht!

Der kriegt allerdings nicht so charmante Rückmeldungen von seiner Umwelt wie die Schwester, der kriegt permanent vermittelt, dass er ein Störfaktor ist. Wenn wir an einer Bushaltestelle stehen, dann macht die Tochter: nix, steht halt da. Der Sohn brettert mit seinem Roller noch schnell 8x um den Blumenladen, weil da am Ende eine coole Schwelle ist, die man schanzen kann.

„Ich hatte auch so einen Schlimmen“, sagt die Frau vom Blumenladen.

„Schlimmen was?“

„Na so’n Kerl“

„Der ist nicht schlimm, der ist toll!“ (blöde Kuh!)

Mein Sohn ist mit 2,5 Jahren barfuß auf dem Bobbycar einen schönen steilen kurvigen Gartenweg auf Waschbetonplatten runtergepest. Der Vermieter hat fast einen Herzinfarkt bekommen und mich beschuldigt, das wäre viel zu gefährlich. Sohn hatte vom Bremsen keine Zehnägel mehr, die waren sauber abgeschliffen und einer Hornhaut gewichen. Er ist quitschend vor Vergnügen den ganzen Sommer da runtergesaust. Warum hätte ich das verbieten sollen? Wenn er umgekippt wäre, wäre er im Gras gelandet. Oder halt auf den Platten mit blutigen Knien. Egal, denn: ist er nicht, kein einziges Mal. Was dem Vermieter Angst gemacht hat, waren das Tempo, das laut juchzende Kind und der Geruch des Unkontrollierbaren.

„Passen Sie auf, dass der sich nicht weh tut“, rufen mir fremde Menschen zu, wenn mein Sohn klettert, skatet, fährt, rollt, wasweissich. Inzwischen ruft er selber zurück „Ich weiß dass Fallen weh tut!“

Was mich so ärgert, wundert, stört: er wird immer reglementiert, eingegrenzt, als Störung definiert. Was ist denn das für ein Mist, mit so einem Feedback aufzuwachsen? Kaum jemand sagt spontan „Hammer, was Du da machst, Respekt!“. Der nächste Schritt wäre, dem Jungen beizubringen, wie er seine Dynamik richtig lenkt, richtig einsetzt, damit er sie optimal nutzen kann, ohne sich und anderen weh zu tun. Da sind die Halbwüchsigen auf der Halfpipe auf jeden Fall eine bessere Adresse als die vonderLeyen-lookalike-Grundschullehrerin mit der Perlenkette.

Kinder sind dann angenehm, wenn sie sich möglichst erwachsen, oder besser: sediert verhalten. Da bin ich ja schon aus Trotz manchmal so dermaßen laut und albern, dass ich meinen Kindern peinlich bin. Denn ich finde es erstrebenswert, Fantasie zu besitzen, mutig zu sein, Neues auszuprobieren, um die Wette zu rennen, neugierig in Hinterhöfe zu gucken und auf der Strasse lauthals „ich war noch niemals in New York“ zu singen. Kinder brauchen Vorbilder.

„Boah Mama!“ heißt es dann.

„Geschafft!“, denke ich dann.

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„Ich hatte auch so einen Schlimmen“

11 Gedanken zu “„Ich hatte auch so einen Schlimmen“

  1. Ka schreibt:

    Ich habe Zwillingsjungs, laut und lustig. Krawallig. Nicht zu übersehen und zu überhören 🙂
    Ältere Leute der Genereratio Meiner Eltern 60plus lieben meine Kinder, sie sind so, wie 68er sich Kinder vorstellen: frei und lebendig. Heutige Eltern mögen uns oft nicht und gehen auf Abstand. Schade!
    Die Jungs sind übrigens schon in der Schule, das ist trotz aller Lebrndigkeit kein Problem. Denn auch die Schule hat sich gewandelt: Gruppenarbeit, Projekte, Selbstständigkeit sind gefragt. Die Kinder müssen heute nicht mehr stillsitzen und zuhören. Also: keine Sorge!

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  2. Barbamolle schreibt:

    Ich habe gerade Tränen in den Augen, weil ich mich so freue, diese Zeilen zu lesen. Meine drei gleichaltrigen Jungs sind wahrlich keine Kinder von Traurigkeit und wir ecken täglich irgendwo an. Jedes Mal bevor ich mit ihnen hinaus in die Welt gehe, atme ich einmal tief durch, denn ich weiß, es wird wieder böse Blicke, Kopfschütteln und Kommentare geben. Aber ich bin stolz darauf, dass ich sie trotzdem machen lasse und sie soweit von dieser abwertenden Außenmeinung abschirme, wie es mir möglich ist. Und so lachen, toben, klettern, springen, singen und rennen sie fröhlich durchs Leben. Gefühlt immer ein bisschen lauter und wilder als andere.

    Ich hadere manchmal damit, wo ich die Grenzen setze, da ich jede Grenze mit Bedacht ziehen will und die konventionellen Grenzen für mich selten ein Maßstab sind. Das bedeutet Verantwortung übernehmen und auch für meine Fehleinschätzungen gerade stehen müssen.

    Dankbar bin ich für Freunde und Bekannte, die mich in meinem Tun bestätigen, denn immer nur gegen den Strom geht auch nicht. Ich freue mich über Sätze wie: „Du machst das super.“ oder „Ich finde es klasse, wie Du die Kinder machen lässt.“ Das gibt mir Kraft fürs nächste Anecken.

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  3. Ja, da hast Du wohl recht. Ich habe auch oft das Gefühl, dass Leute Mädchen wohlwollender betrachten, es sogar für erstrebenswerter halten, ein Mädchen zu bekommen statt eines Jungen. Meine Nachbarin meinte während meiner 3. SS „Wisst Ihr, was es wird? Vielleicht noch ein Mädchen, hm?“ Mit einem Augenzwinkern. Hat mich etwas verwirrt… und sauer gemacht, denn mein Junge ist auch ganz toll und ich bin sehr stolz auf ihn!

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    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Ja, und das ist ja schon wieder eine neue Diskussion: bei Mädchen ist es erstrebenswert, „typisch Junge“ zu sein: wild und mutig, selbstbewusst und beinahe draufgängerisch. Wenn Jungs „typisch Junge“ sind, sind sie „schlimm“. Verkehrte Welt.
      Aber wir sind auf alle unsere Kinder stolz, nicht wahr?!

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  4. Manu schreibt:

    Sehr schön geschrieben
    Es spricht mir aus dem Herzen!!!

    Ich mache mir nur schon Sorgen, wenn es um das Thema Schule geht. Der ganze Kram mit still sein, still sitzen, ausmalen, schreiben, auch sinnlose Dinge lernen, …

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    1. mutterseele.sonnenschein schreibt:

      Danke!
      Zur Schule: ich habe meinen Sohn so spät wie möglich eingeschult, er wurde 6 Wochen nach der Einschulung 7 Jahre alt. Und es hat ihm gut getan: er ist neugierig, wissbegierig und lernt gerne, er kann die „stille“ Zeit in der Schule gut aushalten, weil er ausreichend Ausgleich hat (Freizeit, Freunde, Sport, Musik)

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  5. Wow, dem ist absolut NICHTS hinzuzufügen! Genau richtig so. Kinder sind nun einmal Kinder, das war schon mal jeder von uns und jeder, der auch nur eine einzige glückliche Erinnerung an seine Kindheit hat wird wohl bestätigen können dass es nicht die war, als es sich mal ruhig verhalten musste. Und mit Herumzualbern ist überhaupt großartig – weiter so!

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Daniela

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      1. Eva schreibt:

        Du sprichst mir total aus der Seele.
        Hab 3 Kinder und die durften sich auch immer erproben, laut sein, streiten wie die Kesselflicker!
        Damit sie nicht später mit 47 sagen müssen : Ich musste endlich ausbrechen aus meinem Leben, ich habe mich immer gedeckelt. ..und das fing schon in der Kindheit an.
        Oder so.
        Deswegen : Kinder haben eine natürliche Bremse, wenn man sie dazu ermutigt, auf sich und die Botschaften ihres Körpers zu hören.
        Natürlich darf man auch seine eigene Grenze ziehen.
        Aber körperlich….sie sollen es selbst erfahren, ansonsten entsteht kein gutes Körpergefühl.
        LG Eva

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  6. Richtig! Kinder, die man hört, die lebendig sind und auch mal Lärm beim Spielen machen sind nicht schlimm – sie sind Kinder!! Ich habe auch gern ruhig gespielt und gelesen – war beim „draußen spielen“ aber immer vorn mit dabei 🙂 Mein nächstjüngerer Bruder ( ich habe drei) war auch so ein Wilder – ein Charmbolzen und der ganze Stolz meiner Mutter – – und der MEINE und er ist es noch heute, da er ein toller Typ ist! 🙂

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