Wie wir zu den Waldorfs kamen

Es war monatelang das Thema Nummer eins auf Elternabenden & Kindergeburtstagen: der Wechsel in die weiterführende Schule. Die Diskussion beginnt ungefähr 6 Monate, bevor das Kind die Grundschulempfehlung bekommt: Gymnasium oder Realschule oder Gemeinschaftsschule?
Die Tochter und ich gucken uns zusammen ein paar Gymnasien an, und ich bin erschüttert: hässlich, eng, Beton. Kein Luft, keine Bäume, verratzt und verrotzt. Krasser Gegensatz dazu die Homepages: entweder bilingual oder Spitzensport oder Musikgymnasium oder MINT-Schule oder internationales Abitur oder alles. Dafür leider keinen Pausenhof, den brauchen die Lehrer zum Parken im engen Stadtteil. Eine Schule schießt den Vogel ab: es werden auf der Homepage 15 Kriterien genannt, die der Schule wichtig sind. Der unterste und letzte: individuelle Förderung.
Aha. Entgegen allen pädagogischen Firlefanzes, allem „lasst die Kinder Kinder sein“-blabla müssen wir in der 4. Klasse entscheiden, in WELCHER Richtung das Kind hochbegabt ist. Ob es überhaupt begabt ist, steht völlig außer Frage. Genau das Richtige für meine 10jährige: die macht alles gern, wenn sie den Lehrer mag, sonst eher nicht. Aber am wichtigsten sind ihr ihre Freundinnen, ihre Katze und ihr Kaninchen. Wenn sie Sport blau machen kann ist ihr das auch recht, und wenn sie um Mathe drumrum kommt umso mehr. Wenn sie aber einen Vortrag in der Schule halten soll, ob der Bär Winterruhe oder Winterschlaf hält, ist sie mit Begeisterung dabei, außerdem kann sie stundenlang über Kohlekraftwerke und Energiesparkonzepte referieren und einen wunderschönen Clown aus Linol schnitzen und drucken.

Also fahren wir zur Waldorfschule und bummeln über den grünen Hügel am Waldrand. Schulgarten mit Kaninchen, freundliche lächelnde Menschen, Kreativität strömt aus allen Poren. Ihr geht das Herz auf, die Sache ist entschieden, hier will sie bleiben.
Also auf ins Bewerbungsverfahren: einen Aufsatz über das Kind schreiben, am Infotag teilnehmen, zum Aufnahmegespräch gehen. Den Ex zu allem einladen, der nicht mal auf die Mails antwortet. Alles alleine machen, wie immer. Dafür halt auch alleine entscheiden.
Die Tochter darf dem Lehrer im Aufnahmegespräch ihre Hefte zeigen und erklären, was sie alles kann. Er hat ihr im Gegenzug den Klassenraum gezeigt und erklärt, was sie gerade lernen. Sie fand den Lehrer toll und er hat sie eingeladen, eine ganze Woche lang zu Besuch in die Klasse zu kommen. Jeden Tag kam sie strahlend nach Hause, hat neue Freundinnen gefunden und verkündet: „ich brauch ein Smartphone, eine Mailadresse und eine Visitenkarte“. Scheint, als ob sie im sozialen Netz angekommen wäre.

Sie hat sich für die Waldorfschule entschieden und sie hat den Platz bekommen. Sie wäre gerne mit ihren Freundinnen aufs Gymnasium gegangen, nun geht sie als Einzige aus der Clique auf diese Schule. Aber die Mädels wohnen alle im Viertel, sie laufen sich permanent über den Weg und sie sind eh alle auf verschiedene Schulen gegangen. Ich weiß nicht, ob sie zusammen mit den anderen auf dem Gymnasium glücklich geworden wäre, ich weiß nicht, ob das Kind nicht lernen muss, sich dem Druck zu beugen. Aber mir ist wohler, wenn sie bei den Waldorfs ist, die nicht nur nach Leistung, Intelligenz und kognitiven Fähigkeiten gucken. Sie soll auch singen, tanzen, Freude haben, Sagen und Märchen lernen, schneidern und Gold schmieden, Ziegen füttern und Honig ernten, Theater spielen, sich wohl fühlen.
Abgesehen davon kann sie dort vom Hauptschulabschluss bis zum Abi alle Abschlüsse machen, ohne sich jetzt schon festlegen zu müssen. Und es ist sogar die allernächste Schule für uns, ganze 5 Minuten mit dem Bus, sie ist von dort genauso schnell zu Hause wie bei mir auf der Arbeit. Also gewonnen auf der ganzen Linie.

Inzwischen geht sie seit 2 Monaten zur Waldorfschule und ich stelle fest: sie hat erstaunlich viel Stoff, sie lernt viel und übt ständig, es gibt keine Noten, aber wöchentliche Test. Sie liebt ihre Schule, sie ist total stolz auf die Andersartigkeit ihrer Schule, SIE MACHT GERNE UND FREIWLLIG MATHE (wie machen die das?) und sie blüht förmlich auf. Als ich neulich bei der Monatsfeier war und erlebt habe, wie das Schulorchester gespielt hat, war ich völlig platt: die Kinder & Jugendlichen haben derart professionell musiziert und gesungen, dass ich dachte die hätten eine CD eingelegt. Und sie standen alle mit einem wahnsinnig natürlichen Selbstverständnis auf der Bühne, welches sich so mancher Erwachsene nur wünschen kann. Irgendwas rühren die in den Kindern an, das ihre ganzen Fähigkeiten zum Leuchten bringt, irre. Genau das wollte ich immer für mein Kind!

Der Sohn möchte übrigens in 2 Jahren aufs französische Gymnasium, weil sein Kumpel da auch hingeht. Nun, der ist ja auch Franzose. Ich bin gespannt.

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2 Gedanken zu “Wie wir zu den Waldorfs kamen

  1. Das macht Mut, (für uns) lieber längere Wege in Kauf zu nehmen als die nächst beste Schule zu nehmen.
    Vermutlich ist Schule nicht gleich Schule, auch bei Waldorfs nicht. Aber es ist eh die Frage, mit welchen Persönlichkeiten das Kind jeweils am besten klar kommt.

    Danke!

    Gefällt 2 Personen

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