Ich nehm mir Zeit

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Lohnarbeit hin, Familienarbeit her. Die Diskussion ist ebenso alt wie blöd. Ich kann zumindest von mit selber behaupten, dass ein Kinderlächeln schön, eigene Kohle auf dem Konto aber auch nicht schlecht ist. Und dass Frauen das Exklusivrecht aufs Kinderkriegen haben, sollte nicht zwangsläufig zur Folge haben, dass sie auch exklusiv die Waschmaschine anwerfen. Ist aber leider Tatbestand bei vielen Familien: wer die Brutpflege übernimmt, darf sich auch um den Haushalt kümmern. Wegen eh da: Du bist ja eh da, sprich: zu Hause.

Dem folgt dann fix die Wertung der geleisteten Arbeit: „ich verdiene unser Geld, also ist meine Zeit, meine Arbeit mehr wert.“ Mein Exmann hat mir mal vorgerechnet, dass er gerade eine Stunde lang den Schnee in der Auffahrt frei geräumt hat. „Weißt Du was uns das gekostet hat?“. Ja, dann ist’s wohl besser wenn ich es mache, ich bin ja nicht so teuer.

Ich habe 45 Minuten lang unser Baby gestillt, weißt Du was uns das gekostet hat? So eine Rechnung habe ich nie aufgemacht. Das Schicksal bringt es mit sich, dass wir auch noch klassische Geld-Verteilung hatten: er mit einem geradezu fantastischen Gehalt, ich mit einem vergleichsweise bescheidenen. Und obendrein arbeitslos in der Babyzeit, da war ja klar wer die Waschmaschine anwirft.

Es ist darin gegipfelt, dass er in’s Hotel gezogen ist, wenn die Kinder krank waren, denn seine wertvolle Arbeitskraft durfte nicht qua Ansteckung gefährdet werden.

Es ist über die Maßen verletzend, die eigene Wertigkeit in Euro berechnet zu bekommen. Wenn dann obendrein eine faktische finanzielle Abhängigkeit vorliegt, kommt es einer Ohnmacht gleich.

„Schatz, wir müssen reden“ – „Warte, ich hab hier gerade wichtige Gespräche im Chat“. Schon gut, ich bin ja nur Deine Frau, ich bin ja kein wichtiges Gespräch. „Wenn ich hier nicht antworte, geht uns die Kohle flöten“. Er hat geantwortet, da ging ihm die Frau flöten.

Irgendwann hat’s gereicht und ich habe mir ausgerechnet, dass ich es mit einem vollen Job schaffe, das Leben für mich und die Kinder zu finanzieren.

Und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht in diese Falle tappe: meine Zeit ist wichtig, denn sie ist knapp, aber sie ist nicht mehr wert als die Zeit anderer Menschen. Nicht wichtiger als die Zeit meiner kinderlosen Kollegen, der Kita-Erzieher, der Lehrer, der Busfahrerin, nicht mal des Telekom-Technikers und schon gar nicht wichtiger als die meiner Kinder. Diese Arroganz, die mich in meiner Ehe fertig gemacht hat, darf ich mir nun nicht selber zu eigen machen: seht her, ich bin alleinerziehend, habe zwei Kinder und eine volle Stelle, ich bin Geschäftsführerin, weicht zur Seite, nehmt Rücksicht, kommt mir entgegen, schenkt mir Zeit!

Nein, die Kita versemmelt die Abholzeiten, die Kollegen wollen NOCH eine Besprechung, die Lehrerin redet seeehr lang beim Elternabend, der Bus steht im Stau, die Telekom läßt mich warten und die Kinder? Die trödeln was das Zeug hält, stehen nicht auf, gehn nicht ins Bett, ziehen sich nicht an, nicht aus, vergessen zu essen und die Katze zu füttern, wollen nix als toben, schmusen, spielen. Die haben ewig Zeit.

Meine Zeit ist so kostbar, dass ich beschlossen habe, sie mir nicht mehr zu versauen mit Chaos und Hektik. Also stehe ich (noch) früher auf, dafür haben wir ein entspanntes Frühstück. Ich schwänze Elternabende bevor ich mich drüber ärgere, ich gehe zu jedem Termin 10 Minuten zu früh, ich lasse die Kollegen weiter arbeiten um mit meinen Kindern einen Kuchen zu backen.

Ich nehme mir einfach Zeit, nicht weil ich mir ausrechne, wie hoch mein Stundenlohn ist und was ich hier gerade an der Bushaltestelle, in der Teamsitzung oder beim Kuchenbacken verschwende, sondern weil ich meine kostbare Zeit nicht mit einem Scheiss-Karma verbringen will.

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Ich nehm mir Zeit

5 Gedanken zu “Ich nehm mir Zeit

  1. Ein wundervolles Statement zu Wertigkeit von Arbeit und Zeit!
    Du spielst gerade sehr schön darauf an, dass man nicht einfach die Zeit der anderen gegen seine eigene rechnen darf – und umgekehrt darf man auch nicht zulassen, dass das andere mit einem selbst tun.

    LG Jessi

    Gefällt 1 Person

  2. DaddyD schreibt:

    Hi, finde deinen Blog echt toll. Einerseits, weil du vieles ansprichst, was mich als Vater und besonders als Ehemann zum Nachdenken über mein eigenes Verhalten, meine Rolle in der Familie und meine Gedanken rund ums Vatersein anregt, andererseits, weil du eine sehr schöne Schreibart an den Tag legst.

    Einen treuen Leser mehr hast du jetzt…

    Beste Grüße
    DaddyD

    Gefällt 1 Person

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